Die Großstadt als Subjekt in Ridley Scotts Blade Runner


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
23 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Film Blade Runner

3. Die Entstehung der Zukunftsvision

4. Die Darstellung der Stadt in Blade Runner
4.1. Architektur
4.2. Personen
4.3. Soundtrack
4.4. Themen
4.4.1. Kriminalität
4.4.2. Einsamkeit
4.4.3. Fremdheit
4.5. Komplexität

5. Die Stadt als Subjekt in Blade Runner
5.1. Definition Subjekt
5.2. Die Darstellung der Stadt als Subjekt

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Entwicklung der Großstadt ist ein Thema, dass die Menschen seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert viel beschäftigt. Sie hat das Stadtbild und damit die Wahrnehmung des städtischen Raumes maßgeblich verändert. Die gewaltigen Dimensionen, die Wolkenkratzer und Menschenmassen sowie die Überpräsenz von Werbung und anderen Medien hat eine Art Schock ausgelöst. Die Großstadt wurde in vielen Texten als ein Ort der Verdichtung beschrieben, an dem der Mensch Krisenerfahrungen in Bezug auf seine Wahrnehmung macht, weil er all die Reize, die pausenlos auf ihn einwirken, nicht mehr ordnen oder verarbeiten kann und die Stadt so nicht mehr lesbar für ihn ist.[1] Dies resultierte in einer subjektiv wahrgenommenen Entmachtung des Menschen.

Der Schock hat dazu geführt, dass die Großstadt auch als utopischer beziehungsweise dystopischer Raum bis in die heutige Zeit in der Gesellschaft und somit auch in Literatur und Film viel reflektiert und diskutiert wurde. Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist der Film Blade Runner, in dem ein düsteres Szenario des zukünftigen Los Angeles heraufbeschworen wird. Es gibt zwar viele Science-Fiction-Filme, die in imaginären Städten der Zukunft spielen, aber das fiktive Los Angeles im Jahr 2019 ist mehr als eine Filmkulisse und verdient deshalb eine genaue Betrachtung. Es wird von Anfang an deutlich, dass die Großstadt in dem Film eine wichtige Rolle spielt: Mit ihrer starken Präsenz zieht sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich und sorgt dafür, dass die Hauptdarsteller und die Handlung für einige Momente in den Hintergrund rücken. Daraus lässt sich die These ableiten, dass die Großstadt selbst ein eigenständiges Subjekt ist. Diese Annahme wird im Folgenden genauer erläutert. Dabei soll es zunächst um die Darstellung der Stadt gehen – um die Architektur, das Klima, die Menschen, die dort leben, die Themen, mit denen sie sich beschäftigen und den Soundtrack. Danach folgt ein kurzer Überblick über die Entwicklung des Begriffs Subjekt in der Geschichte. Diese Definition bildet die Grundlage zur Untermauerung der These, dass die Stadt in Blade Runner nicht nur wie eine Hintergrund-Kulisse, sondern wie ein eigenständiges Subjekt wirkt.

2. Der Film Blade Runner

Der Science-Fiction-Film Blade Runner von Ridley Scott spielt im November des Jahres 2019 in Los Angeles. Die Stadt ist verschmutzt, runtergekommen und überbevölkert. Dauerregen und Smog wirken permanent auf die dort lebenden Menschen ein. Die Natur ist nahezu ausgestorben, sodass Reproduktionen von Tieren zum Beispiel wie Luxusgüter gehandelt werden. Die überdimensionale Leuchtreklame auf Videoleinwänden verspricht ununterbrochen ein besseres Leben auf fernen Planeten.

Diese fernen Planeten wurden von Replikanten, künstlichen Androiden, die vom Menschen kaum zu unterscheiden sind, erschlossen. Ihnen ist es unter Androhung der Todesstrafe verboten, auf der Erde zu erscheinen. Für die Vollstreckung dieser Strafe werden Spezialeinheiten, sogenannte Blade Runner, eingesetzt. Eines Tages flüchtet eine Gruppe von Replikanten der neuesten Generation nach Los Angeles, um von ihrem Schöpfer Dr. Eldon Tyrell eine Verlängerung ihrer vorgesehenen Lebenszeit von vier Jahren einzufordern. Daraufhin erhält der Blade Runner Rick Deckard den Auftrag sie alle aus dem Verkehr zu ziehen. Auf der Jagd nach den künstlichen Androiden verschwimmt die Grenze zwischen Mensch und Replikant: Erst verliebt sich Deckard in eine Replikantin namens Rachael, die lange Zeit nichts von ihrer artifiziellen Identität wusste, und später gibt es eindeutige Hinweise darauf, dass Deckard selbst ein Replikant ist.

Der Film kam erstmals 1982 in die Kinos, stieß aber bei Kritikern und Publikum nur auf wenig Resonanz. Allerdings bildete sich schnell eine Art Fangemeinde, die sich nach der Veröffentlichung der zweiten Version, des Director’s Cut, im Jahr 1992 schlagartig vergrößerte. Seitdem hat der Film einen gewissen Kultstatus erreicht und gilt als einer der einflussreichsten Science-Fiction-Filme der achtziger Jahre.[2] Literarische Vorlage ist der Roman „Do Androids dream of electric sheep?“ von Philip K. Dick.

3. Die Entstehung der Zukunftsvision

„Die Großstadt als utopischer bzw. dystopischer Raum ist ein Kind der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts“[3], so schreibt es Johannes S. Sievert in einem Kapitel über die Großstadt als Synonym der Utopie oder Dystopie. Zwar gab es schon früher Ideen von imaginären Städten, wie Platons Republik oder den Turmbau von Babel, doch nach Angaben von Sievert konnten erst die Industrialisierung und der mächtig werdende Fortschrittsgedanke die urbane Utopie an die Stelle der agrarischen rücken.[4] Über diese urbanen Utopien wurde in den vergangenen Jahrhunderten viel reflektiert, was sich in Romanen, Kurzgeschichten, Gedichten oder Filmen zeigt. Themen wie die Reizüberflutung, der Massenmensch, der öffentliche Raum als Kontrollraum, die Werbeflut, die uniformierten Wohnblocks und Wolkenkratzer oder die Veränderung der Wahrnehmung durch die Großstadt haben die Menschen immer wieder beschäftigt. Dass Ridley Scott die Großstadt thematisiert hat, ist also nichts Außergewöhnliches. Dennoch hat er seiner Vision von der Stadt L.A. eine bemerkenswert große Aufmerksamkeit zukommen lassen. Er hat sie bis ins Detail durchkonstruiert mit eigenen Ideen, der Hilfe seiner Kollegen und zahlreicher Inspirationsquellen.

Dazu zählen zum Beispiel William Hogarths Stiche von Straßenszenen in London und Photos von Jacob Riis, die die belebten Märkte der New Yorker Lower East Side zeigen.[5] Auch verschiedene Comics wie die amerikanische Version des französischen Comic-Magazins „Métal Hurlant“ mit den Illustrationen des Zeichners Jean ‚Moebius’ Giraud hatten einen maßgeblichen Einfluss.[6] „The aesthetic of Blade Runner derives heavily from a number of these creators: Moebius’s compacted urbanism, Philippe Druillet’s saturated darkness and Angus McKie’s scalar exaggerations come easily to mind.”[7] Zudem nennt der Regisseur laut Michael Webb „den in Neonlicht getauchten Schmutz des Times Square und den Dschungel von Tokio und Hongkong“[8]. Als weitere Quellen dienten nach Angaben von Johannes F. Sievert die filmischen Vorläufer, darunter insbesondere „Metropolis“ von Fritz Lang[9], und das Genre ‚film noir’, das die Welt nach Ansicht von Georg Seeßlen als ein „Gewirr von Erfahrungen und Eindrücken“[10] beschreibt.

Doch, wie schon erwähnt, schuf Ridley Scott die Zukunftsvision nicht allein. Er engagierte ein ganzes Team aus Zeichnern, Designern und Illustratoren, die zusammen spekulierten, wie eine Megastadt mit 90 Millionen Einwohnern in nicht allzu entfernter Zukunft aussehen könnte. Darunter waren zum Beispiel der Designer für die Industrie und Filmbranche Syd Mead oder der Illustrator Mentor Huebner.[11] Die Skizzen beider Künstler weisen eine ungeheure Dichte von gigantischen Gebäuden, Architekturstilen, Spinnern, Reklameschildern, verschiedenen Kulturen etc. auf. Deshalb wird im Folgenden genauer auf die Darstellung des fiktiven zukünftigen Los Angeles anhand von differenzierten Unterpunkten eingegangen.

4. Die Darstellung der Stadt in Blade Runner

Ridley Scott beschwört mit der Darstellung seiner Zukunftsvision von Los Angeles ein apokalyptisches Szenario herauf. Die Stadt im Jahr 2019 ist düster, verseucht und dreckig. Es herrscht eine bedrückende Atmosphäre, zu der vor allem der scheinbar nicht enden wollende Regen, die überfüllten urbanen Straßen sowie die heruntergekommenen Clubs und Absteigen beitragen.[12] Das viele künstliche Licht, insbesondere von der dominanten Neonreklame, bringt keine Helligkeit, sondern setzt nur einzelne bunte Punkte in die allumfassende Dunkelheit. Tiere und Pflanzen sind fast ausgestorben und auch für die Menschen gleicht das Leben in der Megastadt mit giftigem Smog und saurem Dauerregen einem Abstieg in die Hölle. Deswegen sind die Reichen längst zu den ‚Off-World-Colonies’ geflohen. In den Gassen zwischen den gigantischen Wolkenkratzern tummeln sich nur noch Kranke, Kriminelle und Randgruppen, ständig überwacht von Straßenpatrouillen und Polizeihubschraubern. Über all dem versprechen Werbe-Zeppeline mit Farbdisplays und lauten Slogans eine bessere Welt auf fernen Planeten. „One futuristic notion I am absolutely sure of is that, in 2019, everywhere you look you’ll be assaulted by media“[13], so Scott. Insgesamt beschreibt der Regisseur die von ihm erschaffene Stadt als „überladen, bunt, laut, schmutzig, reich an Brüchen und pulsierend […]“[14]. Der Entwurf der Stadt erinnert sehr an eine Dystopie, wie sie im 20. Jahrhundert häufig von verschiedensten Künstlern oder Schriftstellern wie Aldous Huxley, George Orwell oder Ray Bradbury erschaffen wurde.[15] Wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff ‚unzureichender, schlechter Ort’ oder ‚Miß-Ort’.[16] Er ist grundsätzlich das Gegenbild zur Utopie, einem nicht-existenten Ort, der einer Wunschvorstellung entspricht.[17] Doch so düster, höllengleich und abschreckend die Vision der zukünftigen Großstadt erscheinen mag – sie birgt auch eine Art romantische Faszination für das Leben in einer Millionenstadt, denn ästhetisch gesehen ist das zukünftige Los Angeles mit seinen gigantischen Strukturen, seiner ungeheuren Dichte und seiner bunten Neonreklame ein Meisterwerk.

4.1. Architektur

Ridley Scott vermischt in seinem Film Blade Runner Architekturstile aus verschiedenen Epochen und von ganz unterschiedlichen Orten auf der Welt. Das Los Angeles im Jahr 2019 erinnert gleichzeitig an New York, London und Mailand. Zudem ist es übersät von bunter Leuchtreklame mit Drachen und asiatischen Frauen, die man zum Beispiel aus Tokio oder Hongkong kennt. Dennoch lassen sich einige Gebäude erkennen, die tatsächlich in Los Angeles stehen, wie das Yukon Hotel, das Frank Lloyd Wrights Ennis Brown House, die Union Station und das Bradbury Building.[18] Letzteres ist ein bekanntes Firmen- und Bürogebäude in Los Angeles, das im Jahre 1893 errichtet wurde. Es wurde von Georg Wyman entworfen und gilt mit seinen offenen Fahrstühlen, verzierten Geländern und Marmortreppen „als Inbegriff der modernen Architektur des 19. Jahrhunderts“[19]. In Blade Runner ist es dagegen eines der am meisten heruntergekommenen Häuser. Davor sammeln sich Berge von Müll, im Flur steht das Wasser, es bilden sich Pfützen und der Innenhof, der einst so konzipiert wurde, dass das Sonnenlicht ihn durchfluten kann, gibt nur noch einen Ausblick auf die Werbeluftschiffe in der Dunkelheit.[20] Es wirkt wie ein altes Puppen- oder Spielzeugmuseum, da der Bewohner J. F. Sebastian zahlreiche Roboter erfunden hat, die sich in dem viktorianischen Bau bewegen.

[...]


[1] Siehe zum Beispiel: Heine, Heinrich: London in Heines Werke in fünf Bänden. Band 3, S. 83ff; Brüggemann, Heinz: „Aber schickt keinen Poeten nach London!“, S. 11ff; Poe, Edgar Allen: Der Massenmensch in Schumann, Kuno; Schmidt, Arno (Hrsg.) Das gesammelte Werk in 10 Bänden. Band 4, S.706ff.

[2] Vgl. Sammon, Paul M.: The Making Of Blade Runner, S. 321ff.

[3] Sievert, Johannes F.: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner, S. 28.

[4] Vgl. Sievert, Johannes F.: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner, S. 28.

[5] Vgl. Webb, Michael: „So wie heute, nur übersteigert“: Die glaubhafte Anti-Utopie von Blade Runner, in Dietrich Neumann: Filmarchitektur, S. 45.

[6] Vgl. Sievert, Johannes F.: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner, S. 30.

[7] Bukatman, Scott: Blade Runner, S. 17.

[8] Webb, Michael: „So wie heute, nur übersteigert“, S. 45.

[9] Vgl. Sievert, Johannes F.: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner, S. 31.

[10] Seeßlen, Georg: Der Asphalt-Dschungel. Geschichte und Mythologie des Gangster-Films, S. 152 zitiert nach Sievert, Johannes F.: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner, S. 32.

[11] Vgl. Webb, Michael: „So wie heute, nur übersteigert“, S. 45.

[12] Vgl. Sievert, Johannes F.: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner, S. 32.

[13] Scott, Ridley zitiert in Sammon, Paul M.: The Making Of Blade Runner, S. 241.

[14] Scott, Ridley zitiert in Washington Post, 27. Juli 1981, zitiert nach Webb, Michael: „So wie heute, nur übersteigert“, S. 45.

[15] Vgl. Sievert, Johannes F.: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner, S. 16.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd., S. 16f.

[18] Vgl. Dietrich Neumann: Filmarchitektur von Metropolis bis Blade Runner, S. 152.

[19] Sievert, Johannes F.: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner, S. 35.

[20] Vgl. Sievert, Johannes F.: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner, S. 34f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Großstadt als Subjekt in Ridley Scotts Blade Runner
Hochschule
Universität Paderborn  (Department Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Stadträume – Wahrnehmungsräume
Note
1,3
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V148184
ISBN (eBook)
9783640588152
ISBN (Buch)
9783640588053
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Blade Runner, Ridley Scott, Großstadt, Subjekt
Arbeit zitieren
Anonym, 2009, Die Großstadt als Subjekt in Ridley Scotts Blade Runner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148184

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