Mensch muss kein Arzt sein, um zu helfen

Ergotherapeutische Praxisbeispiele in verschiedenen Arbeitsbereichen


Sammelband, 2010
78 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Kapitel: Herr Gr – ein Suchmittelkonsument

2. Kapitel: Jaques, ein Junge mit KISS und ADHS

3. Kapitel: Ronny in der Arbeitstherapie

4. Kapitel: MoFu Therapie bei Rotatorenmanschettenläsion

5. Kapitel: Schulfördernde Therapie bei einem Jugendlichen

Vorwort

Liebe Leser,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

dies ist eine Sammlung von fünf ausführlich beschriebenen Praxisfällen aus verschiedenen Arbeitsfeldern der Ergotherapie. Zu diesen gehört natürlich ebenfalls jeweils eine methodisch begründete Therapieeinheit. Ich sage bewusst „eine“ und nicht „die“ Therapieeinheit. Erstens sind die Einsatzmöglichkeiten ergotherapeutischen Handelns sehr vielfältig. Zweitens kamen mir diese Fälle und deren Behandlung vor meinem Examen im Jahr 2006 unter.

Vieles würde ich heute anders machen, aber insgesamt zeigt diese Zusammenstellung nicht nur die Schwächen eines Neulings, sondern viel mehr auch die Stärken einer unbedarften, nicht routinierten Herangehensweise auf. Gerade für Praktikanten und Auszubildende wird eine fundierte Anleitung über den Aufbau derartiger Berichte vorgegeben.

Weshalb also dieser etwas provokative Titel?

Es ist schade, dass Ergotherapie so stark an ärztliche Weisung gebunden sind. Einerseits wird Therapeuten die Handlungsinitiative eingeschränkt und Verantwortung aus der Hand genommen. Andererseits stellt unser Berufszweig, mit seiner doch umfassend eigenständigen und fortschreibenden Forschung, sein Licht unter den Scheffel. Natürlich ist es sinnvoll, wenn nicht wild darauf los therapiert wird, aber man könnte kompetent ausgebildeten Ergotherapeuten durchaus mehr Eigenverantwortung zumuten.

Die zugrundeliegenden Originalaufzeichnungen aus Berichten und Sichtstunden wurden für diese Fallsammlung gekürzt und Namen, sowie Orte codiert. Die Durchschnittsnote aus allen fünf Berichten beläuft sich auf 1,4.

1. Kapitel: Herr Gr – ein Suchmittelkonsument

Ich lerne den Patienten während meiner Tätigkeit in einer Suchtfachklinik kennen. Hier werden Entzug, Entwöhnungstherapie, Adaption und ambulante Reha zur Behandlung von Alkohol- Medikamenten- und Drogenabhängigen durchgeführt. Ein Teil der Patienten besucht die Einrichtung aufgrund einer ausstehenden Haftstrafe gemäß §§ 35, 36 BtmG.

Klienten auf Langzeittherapie halten sich im Regelfall 16 Wochen (Alkohol, Medikamente) bzw. 30 Wochen (Drogenabusus jeglicher Art) in der Klinik auf. Im Gegensatz zu anderen Suchtkliniken kommen Patienten nicht auf Einweisung eines Arztes in die Einrichtung, sondern haben sich um einen Therapieplatz zu bewerben.

1. Beschreibung des Patienten

1.1. Allgemeine Daten

Herr Gr ist 52 Jahre alt und führt eine Langzeitentwöhnung von Alkohol und Opiaten durch. Er kam auf eigenen Wunsch direkt aus der JVA in die Klinik zur Durchführung der stationären Therapie. Aufgrund von Unfallfolgen kann der Patient nur beschränkt in der Arbeitstherapie eingesetzt werden und wird auf Beschluss des Teams hauptsächlich in der Beschäftigungstherapie tätig sein.

1.2. Aufnahmediagnose

Herr Gr wurde auf Polytoxikomanie nach ICD 10, F 19.21 und Fraktur des Cranius und des Gesichtsschädelknochens nach ICD 10, S 02.9 diagnostiziert.

1.3 Anamnese

1.3.1. Sozialanamnese

Herr Gr wurde von seinem Vater aufs heftigste geschlagen und oft stundenlang in einer dunklen Kammer eingesperrt. Zur Mutter bestand ein inniger, ihn verwöhnender Kontakt. Die zwei Jahre jüngere Schwester wurde vom Vater nie geschlagen. Dies prägte ihn sehr. Die Eltern ließen sich scheiden als Herr Gr 14 Jahre alt war. Der Vater verstarb kurz danach. Die jüngste Schwester (aus der Beziehung danach, 15 Jahre jünger) lebt inzwischen in den USA. Zu den Schwestern und der Mutter besteht heute noch enger Kontakt. Bundeswehr oder Zivildienst leistete er nicht ab. Er ist seit 20 Jahren geschieden, hat keine Kinder und derzeit keine Lebenspartnerin. In seiner Familie kam an Suchterkrankten nur der Vater vor, der Alkoholiker war. Die Mutter und die 2 Jahre jüngere Schwester kümmern sich intensiv um ihn. Ansonsten hat er wenig Kontakt zu anderen. Er gibt an, dass er am liebsten alleine ist und Angst vor Ausnutzung hat. Seit seinem Unfall gilt er als 70 % Schwerbehindert und bezieht EU-Rente.

1.4.2. Berufs- und Arbeitsanamnese

Herr Gr besuchte den Kindergarten, anschließend die Volks- und Hauptschule mit Abschluss. Danach lernte er den Installateurberuf des Gas-Wasser-Flaschners mit erfolgreicher Gesellenprüfung und blieb nur kurzzeitig darin tätig. Nach einem schweren Motorradunfall vor 21 Jahren ging er keiner beruflichen Tätigkeit mehr nach und gilt seit 3 Jahren als Rentner.

1.4.3. Suchtanamnese

Herr Gr hatte mehrere Verurteilungen wegen Verstoß gegen des BTMG, insgesamt 5 Jahre Haft und derzeit eine Reststrafe von 12 Monate wegen unerlaubtem Handeltreiben mit BtM in nicht geringen Mengen. Alkohol konsumierte er erstmals mit 14 Jahren danach eher selten (hauptsächlich Bier), zur Zeit aber dennoch in höheren, wenn auch unklaren Mengen (er neigt zu Schnaps). Nikotinkonsum seit dem 12. Lebensjahr, z.Zt. 15- 20 Zigaretten täglich. Haschisch und Marihuana nahm er seit dem 16. Lebensjahr und seitdem als Hauptdroge. Seit dem Alter von 19 konsumierte er regelmäßig Opium und Morphium, danach bis zum 37. Lebensjahr Heroin. Danach gab es bei ihm keinen Opiatkonsum mehr. Anderweitiger Drogenkonsum kam bei ihm selten bis gar nicht vor. Der Erstkontakt mit Drogen, der zur späteren Abhängigkeit führte, geschah aus Neugierde und Spaß. Den Konsum finanzierte Gr durch sein gesamtes Einkommen und durch das dealen mit Drogen. Das letzte mal, dass er Drogen konsumiert hat, war nach eigenen Angaben im Februar 2003 (Marihuana). Herr Gr hatte bereits 1995 eine erfolgreich abgeschlossene Therapie im BKH Hochstadt durchgeführt und danach bis 2000 abstinent gelebt.

1.4.4. Medizinische Anamnese

Gr hat keine Suizidversuche unternommen. Hepatitis C und HIV negativ (aktueller Stand). Länger zurückliegende Operationen: Schädel-Hirn Trauma nach Motorradunfall mit 9 Tagen Koma und mehreren Operationen als Folge. Op wegen Schultergelenksprengung rechts und in jüngerer Vergangenheit wegen Achillessehenruptur links.

Patient Gr leidet häufig an Schwindelgefühlen, Kopfschmerzen (akut) und Schlafstörungen. Durst und Appetit sind normal.

1.5. Aufnahmebefund

1.5.1. Psychologischer Befund

Bei der Aufnahme war der Patient wach, bewusstseinsklar, örtlich/ zeitlich/ situativ/ zur Person voll orientiert. Im Kontakt freundlich, offen und zugewandt. Äußerlich gepflegter Patient. Stimmung leicht euphorisch, gute affektive Schwingungsfähigkeit, etwas verminderter Antrieb, psychomotrisch unauffällig. Formaler Gedankengang geordnet, keine inhaltliche Denkstörungen, keine Wahrnehmungsstörungen, keine ICH-Störungen. Die mnestisch-kognitiven Funktionen wie Aufmerksamkeit, Auffassungsvermögen, Konzentration, sowie Merkfähigkeit wirkten nicht gestört. KZG und LZG nicht beeinträchtigt. Intellektuelle Fähigkeiten im Normbereich. Kein Anhalt für akute Suizidität oder Fremdgefährdung.

Sucht: Abhängigkeit von Cannabinoide, Opiaten mit Unfähigkeit zur Abstinenz, Toleranzentwicklung, Kontrollverlust und Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Betäubungsmittelkonsums.

1.5.2. Neurologischer Befund

Nervenaustrittspunkte frei. Pupillen mittelweit, rund, isikor mit etwas verlangsamter Reaktion auf Licht und Konvergenz. Kein Nystagmus, kein Meningismus. Übrige Hirnnervenbefunde unauffällig. Muskeleigenreflexe seitengleich, gut auslösbar. Keine pathologischen Reflexe. Muskeltonus unauffällig. Grobe Kraft seitengleich ausgeprägt. Keine Paresen. Koordination: Romberg, Finger-Nase-Versuch, Finger-Finger-Versuch, Zielblindgang und Seiltänzergang unsicher, sonst o.B.. Keine Sensibilitätsstörungen.

1.5.3. Internistischer Befund

Der Patient ist in gutem Allgemein- und Ernährungszustand. Größe 184 cm, 80 kg Gewicht, Puls 83/min., Blutdruck 130/90 mm Hg.

Kopf- und Halsbereich: Schädelkunststoffplastik links (ca. 10 auf 10 cm), taub auf dem rechten Ohr. Unbehinderte Nasenatmung. Schilddrüse nicht vergrössert. Lunge: Perkutorisach sonorer Klopfschall, auskultatorisch vestikuläres Atemgeräusch. Herzaktion rhythmisch, Herztöne rein. Abdomen: Bauchdecken weich, keine Abwehrspannung, kein Druckschmerz, keine Resistenzen. Leber nicht vergrößert. Nierenlager bds. Frei. Milz nicht palpabel. Wirbelsäule: kein Klopf-, Druck oder Stauchungsschmerz, Beweglichkeit nicht eingeschränkt. Extremitäten: Gelenke frei beweglich, Fusspulse bds. Palpabel. Keine Funktionsstörungen. Keine tastbaren Lymphkonten.

1.5. Medikation

Der Patient erhält Ibuprofen 600mg und andere Kopfschmerztabletten (Aspirin), sowie Magnesiumtabletten täglich und auf Bedarf.

2. Eigener Befund

2.1. Erscheinungsbild und Ausdrucksverhalten

Herr Gr ist sauber und gepflegt und wirkt vom Verhalten eher jung. Er trägt jeweils einen Ring in jedem Ohr ansonsten aber keinen Schmuck. Seine grauen Haare sind lang und im Nacken zusammengebunden. Er trägt einen Bart um die Mundpartie, ist ansonsten jedoch sauber rasiert. Sein Bekleidungsstil ist leger, geprägt von Merkmalen der alternativen Szene in der er sich bewegt und den amerikanischen Ureinwohnern. Am rechten Unterarm hat er eine Tätowierung in Form einer Pistole, deren Lauf auf die Vene in der Achselbeuge deutet (ein Punkt für Heroininjektion, im Szenenjargon auch „Schuss“ genannt).

Im Gespräch bedient er sich ausschließlich der Umgangssprache und verständlichen Dialekts. In der Wortwahl neigt er eher zu einfachen Formulierungen. Förmlichkeiten sind ihm fremd und deren Anwendung und Einhaltung fällt ihm schwer. Gr spricht meist schnell und fahrig und je nach Nervosität auch in abgehackten, kurzen Sätzen.

Seine Mimik ist ausgeprägt und er nimmt Blickkontakt auf. Seine Körperhaltung ist sehr offen und zugewandt und er wirkt überaus freundlich. Herr Gr hat ein hohes Mitteilungsbedürfnis und lenkt das Gespräch gerne auf pseudo philosophische Themen mit Bezug zu seiner Person. Auffällig sind bei ihm sich häufig wiederholende Floskeln mit hoher Ähnlichkeit.

2.2. Motorik, Arbeitsverhalten, kognitiver Bereich

Motorik

Im Bereich der Beschäftigungstherapie gab es bei Herrn Gr keine Auffälligkeiten in Kraftdosierung, Tonusverhältnissen, Grob- und Feinmotorik. Trotz seiner Schulter OP, rechts hat er keine Defizite in der Schulterbeweglichkeit, aber bei längerer Tätigkeit mit Kraftaufwand, z.B. Laubsägen, Haltetätigkeit, o.ä. tritt schnell ein Zustand der Überanstrengung ein. Bei Belastung des linken Beins beginnt Gr zu hinken und muss es aufgrund von starken Schmerzen entlasten. Dieser Zustand tritt bereits nach kurzen Gehstrecken und längerem Stehen ein.

Arbeitstempo, Genauigkeit, Ausdauer

Herr Gr arbeitet meist überaus gewissenhaft, mit geradezu akribischer Genauigkeit und Geduld. Er arbeitet durchschnittlich schnell und wird nervös wenn er keine Fortschritte sieht. Deshalb nutzt er die gesamte Therapiezeit, macht kaum Pausen und geht meist als letzter. Herr Gr arbeitet sowohl in der BT, als auch in seiner Freizeit an Scherenschnitten mit komplizierten Details und schneidet diese präzise aus. Nur beim Korbflechten machte er einige Fehler und beschloss diese nach mehrmaliger erfolgloser Korrektur zu belassen, war dabei jedoch sichtlich unzufrieden.

Selbständigkeit und Handlungsplanung

Herr Gr neigt dazu selbständig zu arbeiten. Er lässt sich Techniken zeigen und setzt diese dann auch in seiner Freizeit um. Dabei bevorzugt er strukturierte Techniken und lehnte freies arbeiten ab. Plattentechnik im Tonbereich, Scherenschnitt und Korbflechten sagen ihm sehr zu. Es gelang ihm mit wenig Anleitung einen großen Tontopf herzustellen. In der Handlungsplanung hat Herr Gr durchaus Defizite. Er denkt immer einige Schritte voraus und muss teilweise dazu angehalten werden, seinen Fokus auf den momentanen Arbeitsschritt zu lenken. Er zeichnet sich durch sehr stark haftendes Denken aus. Z.B. stellte er parallel die Böden für zwei geflochtene Stifthalter her. Die beiden Werkstücke sollten sich durch verschiedenfarbiges Flechtmaterial voneinander unterscheiden – vom fertigen Zustand hatte er ein klares Bild vor Augen. Obwohl er eigentlich wusste, dass er nur an einem Werkstück mit dem Flechten beginnen konnte, begann er anschließend eine geringe Menge verschiedenfarbiger Fäden für beide Werkstücke einzuweichen. Er reagierte überrascht und leicht beschämt, als ich ihn darauf hinwies. Von den angebotenen Techniken bereitet ihm Flechten überhaupt die meisten Schwierigkeiten und er musste anfangs bei der Arbeit mit drei Fäden häufig korrigiert und angeleitet werden.

Probleme in der Handlungsplanung zeigten sich manchmal auch bei der Werkzeug- und Materialwahl. Herr Gr setzte Werkzeug und Material z.T. inadäquat ein, da dieses gerade in seiner Blick- oder Reichweite war. Beispiel: Er nahm für den o.g. Tontopf anfangs einen extrem weichen Drehton, der dafür ungeeignet, aber in seiner Nähe war.

Ablenkbarkeit, Konzentration

Der Patient ließ sich selten ablenken und arbeitete konzentriert an seinen Werkstücken. Dies ist eindeutig eine Ressource, aber gleichzeitig kann sich Herr Gr nur sehr schwer auf Veränderungen einstellen. Sein Denken kreist immer wieder haftend um Thematiken, die für ihn von Belang sind. In der Orientierungsphase fragte Herr Gr z.B. immer wieder wann er in die Ergotherapie könnte und war nur sehr schwer davon abzubringen sich auf Anderweitiges zu konzentrieren. Er arbeitete am liebsten alleine im Raum.

Merkfähigkeit, Problemlösungsdenken, Lernfähigkeit

Herr Gr konnte sich einzelne Arbeitsabläufe gut merken und setzte dann das Gezeigte in seiner Arbeit um. Auch komplexe Schritte oder mehrere auf einmal konnte er nachvollziehen, brauchte jedoch länger um sich diese einzuprägen. Schritte, die er nicht mehr wusste, konnte er entweder nach kurzer Überlegung ausführen oder er holte sich Hilfe. Kleinere Probleme konnte er auch eigenständig bewältigen. Fehler im Flechtmuster fand er später eigenständig. Er gibt jedoch selbst an, dass er manchmal Denkschwierigkeiten und Gedächtnislücken hat.

2.3. Selbstbild, -wahrnehmung, Motivation und Antrieb

Die Therapie macht Herr Gr nach eigenen Aussagen nur für sich selbst. Er wirkt überaus motiviert, v.a. für die Beschäftigungstherapie. Der Patient ist entscheidungsfähig und weiß was er will. Trotzdem lässt er sich auch einen Entschluss oder eine Vorstellung ausreden. In diesem Fall reagiert er meist erst mit Unverständnis, zeigt jedoch nach reiflicher Überlegung Einsicht. Der eigene Leistungsanspruch ist bei Herrn Gr übermäßig hoch angesetzt und er überschätzt sich dabei manchmal. Er treibt sich ständig bis an die Grenze der Belastbarkeit an und nimmt wenig Rücksicht auf sich selbst. Er setzt sich selbst unter enormen Leistungsdruck. Seine Werkstücke fertigt er entweder in Massenproduktion oder er neigt zu überdimensionalen Projekten. Sein Freizeitverhalten weist Strukturen auf, die stark an sein Leben als Konsument erinnern, da er sich ständig mit Scherenschnitt oder Flechten beschäftigt und dabei zu vollständigem Rückzug von der Außenwelt neigt (dies kritisierten seine Mitpatienten). Ständig „versorgt“ er sich mit neuen Arbeitsmaterialien und wirkt nervös wenn er keine bekommt. Da Herr Gr hauptsächlich aus Langeweile konsumierte, habe ich den Eindruck, dass er unsere Angebote als eine Art „Substitutionsmittel“ nutz.

Beinahe alle Leistungen bringt er für andere (auch seine Produkte verschenkt er fast immer). Herr Gr sagt, dass er „anderen Menschen helfen will“ bzw. „Freude bereiten möchte“. Dies sei sein Daseinszweck, er selbst sei „nicht so wichtig“ oder sogar „wertlos“. Dieses Verhalten wirkt bei näherer Betrachtung jedoch maskenhaft und widersprüchlich. Denn z.T. zeigt er durchaus egoistische Züge (fühlt sich ausgenutzt, zieht Befriedigung aus Helfen) und er ist so stolz auf manche Werke, dass er die Leistungen anderer zu schmälern beginnt („Die Scherenschnitte sind nicht richtig gemacht“). Er identifiziert sich stark mit einer für seine Szene typische naturnahe und alternative Lebensphilosophie, zeigt jedoch auch hier Widersprüchlichkeiten. So wehrt er sich z.B. gegen ein „bewertendes Punktesystem“ in der Einrichtung, versucht aber gleichzeitig Zusatzpunkte in seiner Freizeit zu ergattern. Die Psychotherapie lehnt er ab, fühlt sich der Psychologin nach eigenen Angaben überlegen. Hinter Gr´s widersprüchlichem Selbstbild stehen meiner Meinung nach traumatische Konflikte aus der Kindheit. Über Themen mit persönlichem Inhalt und tiefgehende Probleme, wie dem Wunsch nach Anerkennung bei gleichzeitiger Abwertung seiner eigenen Person möchte er nicht direkt reden, ebenso wenig, wie er über seine länger zurückliegende Vergangenheit spricht.

2.4. Affektiver und emotionaler Bereich

Der Patient wirkt meist sehr euphorisch, was manchmal auch ein wenig aufgesetzt wirkt. Diese Stimmungslage behält er fast immer bei. Eigene Wünsche und Bedürfnisse äußert er eher zurückhaltend. Bei seinen Werkstücken äußerte er zu Anfang wenig Zufriedenheit („Sieht blöd aus, oder?“), die Befriedigung über das Produkt steigerte sich jedoch später (siehe Selbstbild). Neulich war Herr Gr wegen eines Werkstücks äußerst frustriert. Der überdimensionale Tontopf den er gefertigt hatte war zu groß um in den Brennofen zu passen. Die Enttäuschung war ihm anzusehen und Herr Gr wurde äußerst nervös. Er wechselte das Thema und traf verwirrende Aussagen mit aggressiven Inhalt, die jedoch nichts mit dem Topf zu tun hatten. Es schien, als ob er seine Aggression auf diese Weise von sich selbst distanzieren wollte. Als ich ihn fragte ob er frustriert sei, wurde er schnell wieder euphorisch und verdrängte das negative Gefühl, ließ es nicht mehr zu. Die Nervosität blieb. Nervosität, Sprunghaftigkeit und eine fahrige Art prägen die ersten Eindrücke von ihm.

Mit Kritik und Hänselei kann er umgehen und auch mit Rückschlägen. Frustration oder Kränkung zeigt er nicht vor anderen. Er hat ein hohes Bedürfnis nach Harmonie, Ruhe und Anerkennung. Er sagt selbst, dass einige der angebotenen Techniken in der Ergotherapie ihm diese vermitteln. Scherenschnitt oder Flechten empfindet er als „meditativ“. Als „Hippie“ (wie er sich selbst einmal bezeichnet hatte) versucht er Liebe, Freundlichkeit und Gleichberechtigung zu verbreiten. Andere Werte scheint er für sich selbst nicht akzeptieren zu können. Er wirkt oft sehr jungenhaft und unreif.

2.5. Sozialverhalten

Herr Gr ist sehr kontaktfreudig und hat auch ein erhöhtes Mitteilungsbedürfnis. Er kommt aufgrund seiner lockeren Art sehr schnell mit Mitpatienten und Therapeuten ins Gespräch und neigt dazu den Gesprächsfluss am laufen zu halten. Seine Art mit anderen umzugehen wirkt oft distanzlos, da er sich nicht auf das geforderte „Sie“ einstellen kann und sogar Fremde ohne spontan anspricht und in verwirrende Gespräche verwickelt. Seine eigenen Grenzen kann Herr Gr wenig akzeptieren und hat somit auch Probleme sich abzugrenzen. Dies macht ihn angreifbar, da seine Hilfsbereitschaft während der Therapie auch mehrfach ausgenutzt wurde (Geld leihen, etc.). Obwohl Herr Gr gerne ein Rebell wäre, wirkte er in der Therapie sehr angepasst. Regeln hält er zuverlässig und meist ohne diese zu hinterfragen ein. Von anderen lässt er sich leicht beeinflussen, kannte hierbei jedoch eine Grenze, sobald seine Therapie, der Umgang mit anderen oder er selbst in höherem Masse gefährdet gewesen wäre. Er passt sich der Art seines jeweiligen Gesprächspartners gerne an, weiß genau, wie er mit wem umgehen muss, um bei diesem gut anzukommen. Meist nahm er die Rolle eines Lebensphilosophen ein. Ihm gelang es, sich mit einigen starken Führungsnaturen unter den Patienten gut zu stellen und sich von anderen fernzuhalten. Die sich häufig wiederholenden Redewendungen und seine Eigenheiten machen ihn zu begehrten Zielen von Spott und Nachahmung, dieser war jedoch selten wirklich bösartig und Herr Gr ging souverän damit um, konnte einige Male sogar über sich selbst lachen. Insgesamt kommt Herr Gr bei seinen Mitpatienten und dem therapeutischen Team gut an. Er wirkt sehr jungenhaft und unreif auf andere. Ich habe das Gefühl, dass er Schwierigkeiten hat Sozialkontakte tiefer gehen zu lassen und diese über einen längeren Zeitraum zu pflegen, denn er hat keinen Freundeskreis in seiner Heimatstadt und ist „am liebsten alleine“. Trotz seiner Nähe zu Mutter und Schwester bewohnt er eine eigene Wohnung in der sein einziger Sozialkontakt eine ältere Frau ist, die über ihm wohnt und der er von Zeit zu Zeit bei den Einkäufen hilft.

2.6. Freizeit-, lebenspraktischer Bereich

Seine Freizeit teilte Herr Gr recht gut ein, isolierte sich dabei jedoch weitgehend von anderen Patienten. Er verbringt seine Nachmittage gerne mit Scherenschnitt oder Korbflechten und geht früh zu Bett. Seine freie Zeit versucht er fieberhaft mit diesen Tätigkeiten zu füllen und er reagierte vor den Osterfeiertagen beinahe panisch und deckte sich mit Flechtmaterial ein. Laut eigenen Angaben telefoniert er nahezu täglich mit seiner Mutter und bekam einmal einen Anruf von seiner Schwester. Er arbeitet auf einen Punktesatz von über 300 Punkten hin, damit er Wochenendausgang bekommt und somit seine Mutter besuchen kann. Ab diesem Punktesatz, darf er sich auch ein klinikeigenes Fahrrad ausleihen und in der Umgebung herumfahren. Dies war sein einziges Hobby vor der Therapie: Fahrradfahren im Wald und dabei die Natur genießen. Herr Gr hört auch ab und an Musik und bevorzugt hierbei Interpreten wie Jimmy Hendrix. Von Zeit zu Zeit spielt er Tischtennis mit ausgewählten Patienten, nutzt aber andere der wenigen Freizeitangebote kaum (Fernsehraum, Fitnessraum). Herr Gr hat beinahe nur zu Männern Kontakt und führt auch wenig Gespräche mit Frauen.

2.7. Persönliche Stellungnahme, Zukunftsperspektiven

Herr Gr hat ein soziales Umfeld (Mutter, Schwester), welches ihn immer wieder auffängt. Ressourcen dieser Art sind sehr wichtig und haben eine höchst stabilisierende und motivierende Wirkung auf ihn. Diese soziale Struktur ist jedoch ungewöhnlich und wirkt unreif. In seinem Alter erwartet man eher, dass er einen festen Freundeskreis und eine eigene Familie aufgebaut hat, weniger dass seine Mutter und Schwester sich um ihn kümmern. Aufgrund seines auffälligen und gesellschaftsfremden Verhaltens wird er jedoch nie ein normales Leben führen, was aufgrund seiner Unfallfolgen sowieso nur schwerlich möglich ist. Seine hirnorganischen Veränderungen aufgrund des Konsums, vor allem aber aufgrund des Schädel-Hirn-Traumas, sind schnell zu erkennen. Aus dieser sozialen Isolation und Einsamkeit entspringt auch seine beständige Langeweile, die ihn immer wieder zum Drogenkonsum verleitet. Für ihn wäre wichtig, ihm Alternativen zur Freizeitgestaltung aufzuzeigen und sein soziales Umfeld zu stärken. Bei einer Teamsitzung war tatsächlich im Gespräch ihn in eine Art Kommune zu integrieren. Dies würde sowohl seiner alternativen Lebensphilosophie entsprechen, als auch seine Abstinenz stabilisieren.

Zu dem Patienten hatte ich von Anfang an einen guten Zugang und ich habe durchaus das Gefühl, dass er unsere Gespräche schätzt und positive Erfahrungen und Aufschlüsse daraus mitnimmt. Leider konnte ich ihn bislang nicht dazu motivieren freie Gestaltungstechniken anzuwenden. Möglicherweise hat er Angst vor Emotionen, die in ihm aufbrechen könnten. Herr Gr überspielt viele Gefühle, distanziert sich von diesen oder lässt sie nicht zu. Deshalb lehnt er auch die Psychotherapie ab und er muss lernen sich zu öffnen, wenn er jemals bereit ist seine inneren Konflikte zu bewältigen.

3. Tabellarischer Defizit-Ressourcen Vergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4. Therapie

4.1. Reha-Ziel, Richtziel

- Besserung und Erhaltung der körperlichen, geistigen und seelischen Leistungsfähigkeit durch abstinentes Leben.
- Durch Maßnahmen auf psycho- und ergotherapeutischer Basis soll Herr Gr alternative Handlungs- und Verhaltensmuster aufgezeigt bekommen und in diesen während der Langzeitentwöhnung Kompetenzen erwerben um ein suchtfreies Leben führen zu können.

4.2. Grobziele und Feinziele

Erwerb neuer Kompetenzen

- Möglichkeiten alternativer Freizeitgestaltung kennen lernen (Basteln, Scherenschnitt, Flechten)
- Erlernen von Techniken und Umgang mit verschiedenen Materialien (Rohr, Ton, Papier)

Verbesserung des Selbstbilds

- Der Patient hat durch Anfertigung eines Werkstücks Erfolgserlebnisse
- Patient lernt Fehler in seinen Werkstücken zu akzeptieren
- Der Patient fertigt etwas persönliches für sich selbst an

Fördern von Konfliktbewältigungsstrategien

- Der Patient soll bei Problemen mit Werkstücken Hilfe erfragen
- Patient soll im Lauf der Therapieeinheit ruhiger und ausgeglichener sein

Verbesserung der Introspektionsfähigkeit

- Der Patient lernt seine Vorstellungen in einem Werkstück zu verwirklichen
- Der Patient lernt frei zu gestalten

Förderung der sozialen Integration

- Der Patient lernt über Bedürfnisse und Gefühle zu reden
- Der Patient lernt sich nicht von Mitpatienten zu Tätigkeiten überreden zu lassen

4.3. Therapiemethoden und Begründung

In der Beschäftigungstherapie (BT) wird meist kompetenzzentriert (d.h. „Der Weg ist das Ziel“, das Produkt steht nicht im Vordergrund) in offenen Werkgruppen gearbeitet. Patienten können Angebote auswählen und ein individuelles Werkstück beginnen. Der Therapeut leistet Hilfestellung beim Erwerb neuer Techniken. In individuelle Entscheidungsprozesse greift der Therapeut nur bei Fragen und Problemen in nicht beeinflussender Art und Weise ein. Er dient als präsenter Ansprechpartner in Fragen die Material, Technik und Möglichkeiten betreffen. Zudem kann er dem Klientel geeignete Angebote unterbreiten. Der Patient lernt eigene Entscheidungen zu treffen, sowie Handlungen bzw. Werkstücke selbständig zu planen und zu realisieren. Die Konfrontation mit diversen Techniken und Materialien in der Ergotherapie führt auf experimentelle Weise zu adäquaten Problemlösungsstrategien und Handlungskompetenz.

Für Herrn Gr bedeutet dies, dass er neue Kompetenzen aufbauen muss um ein suchtfreies Leben führen zu können. Solange er sich ständig unter Leistungsdruck setzt und eigene Bedürfnisse zurückhält wird er ständig mit Frustrationen konfrontiert werden. Da es jedoch in der Ergotherapie keinen Leistungsdruck gibt und keine Vorgaben an denen er sich messen muss, hat er Zeit und Muße seine Wünsche in Werkstücken zu verwirklichen. Seine Nervosität wird durch strukturierte Techniken mit geringen Anforderungen, sowie durch Erfolgserlebnisse gemildert. Herr Gr wird als Rentner nach der Therapie weiterhin viel Freizeit haben, die es zu füllen gilt. Da er wenig Sozialkontakte und Hobbys hat, ist sein größtes Problem die Langeweile und Einsamkeit, die ihn zum BTM-Konsum verleitet. Aufgabe der Ergotherapie ist hierbei die Fähigkeit soziale Kontakte aufrecht zu erhalten, zu trainieren (z.B. durch das Gruppensetting) und ihm alternative Formen der Freizeitgestaltung aufzuzeigen. Obwohl er es nicht zugibt, nagen die o.g. Faktoren an seinem Selbstwertgefühl. Dieses kann er in der Ergotherapie aufbauen. Der Erwerb neuer Fähigkeiten und Fertigkeiten, sowie die Freude über das Produkt führen zu einem positiveren Selbstbild und mehr Selbstvertrauen um ihn zu stabilisieren.

4.4. Therapieverlauf

Herr Gr hatte bislang keinen Rückfall und scheint in der vorgegebenen Struktur stabil zu sein.

Der Patient kam nach der Orientierungsphase halbtags in die Ergotherapie, die andere Tageshälfte brachte er mit dem Besuch seiner Psychotherapiegruppe zu. Dazwischen fanden auch Einzelgespräche mit seinem Psychotherapeuten und den Bezugspersonen anderer Berufsgruppen statt. Die Psychotherapie fiel ihm nicht leicht und er hatte Schwierigkeiten sich zu öffnen bzw. Gesagtes anzunehmen. Diese Problematik projizierte er auf die Psychotherapeutin. Einmal monatlich nahm er an Ernährungsberatung teil und jeden letzten Donnerstag im Monat an einem Wandertag. Zusätzlich besuchte Herr Gr Motivationsgruppen und Termine zur Rückfallprävention. Aufgrund seiner körperlichen Defizite wurde Gr hauptsächlich in der Ergotherapie eingesetzt, arbeitete jedoch auch auf eigenen Wunsch jeweils eine Woche in der Hausreinigung und in der Mensa. Ich habe Herrn Gr intensiv kennen gelernt und sehe erhebliche Fortschritte in Hinblick auf sein nervöses, sprunghaftes Verhalten. Er ließ sich von mir gerne zu verschiedenen Angeboten motivieren.

Zu Therapiebeginn zeigte er sich überaus nervös und fahrig. Er fragte ständig nach, wann er endlich in die Ergotherapie könnte. Er arbeitete in der BT gerne mit Ton und knüpfte dabei an Erfahrungen von seiner Therapie in Hochstadt vor 10 Jahren an. Schon damals gelang es ihm viele schöne Werke zu fertigen. Nachdem er den gigantischen Blumentopf aus Ton gefertigt hatte, beschäftigte er sich einige Zeit ausschließlich mit Scherenschnitten. Innerhalb weniger Wochen gelang es ihm sämtliche Scherenschnittvorlagen (ca. 20 verschiedene Motive) erfolgreich zu bearbeiten. In dieser Zeit beschäftigte er sich auch in seiner Freizeit damit und war stolz auf die entstandenen Schwielen an den Fingern. Danach interessierte er sich für Korbflechten und fertigte eine Obstschale und einen Papierkorb. Die Arbeit an zwei Stifthaltern führte er bislang nicht zu Ende. Nebenbei machte er noch eine Tonvase und zeigte sich frustriert, da die Therapeuten ihm das Risiko einer Verformung seines überdimensionalen Blumentopfs im Glasurbrand erklärten.

5. Therapieeinheit

5.1. Thema, Ziele

Thema: Der Patient arbeitet in Einzelarbeit in einer kompetenzzentrierten Arbeitsgruppe an einem indianischen Federtotem aus Naturmaterialien.

Projekt: Die beschriebene Einheit ist Teil eines kleinen Projekts, bestehend aus drei Teilen:

1. Stunde: Gemeinsames Ansehen eines Films des schottischen Künstlers A. Goldsworthy, der in und mit der Natur arbeitet. Anschließend gemeinsamer Ausflug in den Wald und sammeln von Naturmaterialien.
2. Stunde: Aufgabenstellung, Materialsichtung, Anfertigen von Perlen aus Ton
3. Stunde: Sichtstunde; Planung und zusammensetzen des Talisman

Ziele: - Der Patient fertigt etwas Persönliches an

- Der Patient erfährt positive Bewertung für seine Naturverbundenheit
- Der Patient lernt alternative Formen der Freizeitgestaltung kennen
- Der Patient macht keine Gedankensprünge

Anwesende:

- Herr Gr, Sichtstundenpatient
- Herr Q (Alkoholiker, Spiegeltrinker, ca. 50 Jahre. Hatte zu Therapiebeginn starke Entzugserscheinungen, stand kurz vor dem Delir. Aktuell mehrfach gebrochene Zehen an beiden Füssen).
- bis zu zwei Personen können zusätzlich in das Projekt einsteigen

5.2. Therapiemethoden und Begründung

Patient, Arbeitsgruppe und auch ich selbst arbeiten an einem indianischen Talisman. Diese Sozialform ist die Als Raum benutze ich den Kleingruppenraum im Keller, wegen der ruhigeren Arbeitsatmosphäre. Ich kann sowohl ihm, als auch den anderen Patienten Ratschläge geben, Techniken erklären oder gegebenenfalls zur Hand gehen. Für das Produkt gibt es keine festen Vorgaben. Der Klient Gr ist fasziniert von den amerikanischen Ureinwohnern und hat durch diese Thematik eine hohe Motivation. In der Regel neigt er zu gigantischen Projekten, deren Produkte er verschenkt. Durch den persönlichen Bezug kann er diesmal eine Bindung zum Endprodukt entwickeln und dieses behalten, auch wenn es nicht sonderlich schwierig zu fertigen und keine überdimensionalen Ausmaße hat. Die Arbeit mit Naturmaterialien und den vorher angefertigten kleinen Tonperlen verleiten weniger zu einer Ausuferung der Objektgröße. Auf diese Weise soll er an seinem negativen Selbstbild arbeiten. Möglicherweise kann er so ein neues Hobby entwickeln. Herr Gr ist für diese Einheit nicht in der Ergotherapie eingeteilt und besucht diese freiwillig. Somit wird der Freizeitcharakter zusätzlich verstärkt. Längerfristig gesehen wird Hr. Gr durch die Therapieeinheiten ruhiger. In einer Therapieeinheit kann man dies erkennen, wenn Herr Gr keine Gedankensprünge macht, seine verbalisierten Gedanken nicht ständig um das für ihn aktuell wichtige Thema kreisen und er keine Aggression aufbaut. Das Arbeiten mit Naturmaterialien wird seit jeher Suchtpräventiv eingesetzt (z.B. „Spielzeugfrei“ in Kindergärten) .

5.3. Material- und Werkzeugbedarf

Werkzeug: Seitenschneider, Ahle, Schere, Metermass, Papier, Stifte, Holzleim, Wasser, Eimer, Klingen, Stühle, Tische, Spitzer, Schleifpapier, Feinsäge

Material: Lederschnüre, Borke, Steine, Muscheln, verschiedene Federn, Holzstücke, Schnecken, Muscheln, verschiedene Peddigrohrsorten (hell/ dunkel, versch. Stärken), Nähgarn, Stopfgarn, Hanfschnur, Tonperlen/- anhänger, Anschauungsmaterialien

5.4. Geplanter Verlauf

Setting: Kleiner Gruppenraum, Morgens.

Um einen reibungslosen Therapieverlauf zu gewährleisten, bereite ich den Arbeitsplatz vor. Zusätzlich zu Material und Werkzeug wird Papier für die Planung bereitstehen. Im Hintergrund wird leise meditative Musik laufen.

Setting:

Die Therapieeinheit beginnt im Großgruppenraum mit der Montagmorgenbesprechung. Anschließend gemeinsamer Wechsel in den Keller mit den Projektteilnehmern. Herr Gr soll seinen Platz frei wählen, ich werde nach Möglichkeit über Eck bei ihm sitzen, wahlweise daneben. Anleiter und Lehrer sollten genügend Abstand einhalten und nicht neben dem Patienten sitzen. Somit hat Herr Gr genügend Bewegungsfreiraum und fühlt sich weniger beobachtet.

1. Begrüßung und Vorstellung in der gesamten Therapiegruppe. Wochenplanung (Werkstücke; Termine). Klärung der Situation. 5 min.
2. Aufgabenstellung erklären: 5 min.
3. Planung + Skizze: 15 min.
4. Netze flechten: Insg. 20 min. +
5. Zusammensetzen des Werkstücks
6. Reflexion

Die Therapieeinheit wird ca. 45 – 50 min. dauern. Da die Patienten in diesem Zeitrahmen sicherlich nicht fertig werden, erhalten sie die Gelegenheit im Anschluss eigenständig weiter zu arbeiten. Später wird gemeinsam aufgeräumt.

5.5. Therapeutenverhalten mit Begründung

Um ein optimales Verstehen und Arbeiten zu ermöglichen, werde ich Aufgabenstellung und Techniken langsam und deutlich erklären. Anschauungsmaterial und eine große Auswahl an Materialien stehen zur Verfügung um den Klienten Anreize zu verschaffen. Die Planung sollte ansonsten ohne Hilfestellung erfolgen, damit möglichst viel Eigeninitiative und Persönlichkeit in das Werkstück mit einfließt. Arbeitstechniken werde ich vormachen, bzw. auf das Anschauungsmaterial verweisen. Flechtmaterialien weiche ich vor der Std. ein um Zeit zu sparen.

5.6. Verlauf der Stunde

Ich hatte das Setting der Therapieeinheit bereits im Vorfeld geplant und vorbereitet. Im Kleingruppenraum hatte ich auf dem Arbeitstisch kleine Arbeitsmaterialien aufgebaut und Dekorationen hinzugefügt. An der Decke hing ein Traumfänger als Anschauungsmaterial. An einem Nebentisch lagen Werkzeuge, größere Materialen und eingeweichtes Flechtmaterial bereit. Darüber hing ein selbst gezeichnetes Plakat mit verschiedenen Beispielen indianischer Ketten, Traumfänger und Kombinationen aus beidem.

Herr Gr. war zu Therapiebeginn sehr gestresst, da er zuvor Mensadienst hatte. Er sagte, dass er schwitze. In der Morgenrunde sprach ich das Projekt kurz an und erklärte, dass bis zu zwei weitere Personen daran teilnehmen können. Nachdem sich keine weiteren Patienten für das Projekt interessierten, wechselte ich mit den Patienten Gr. und Q. in den Kellerraum. Leider funktionierte die musikalische Unermalung nicht, da der hauseigene CD-Player die von mir ausgewählte CD mit meditativer Trommel- und Flötenmusik nicht annahm und auch die Ersatz-CD, die ich mir ausgesucht hatte nicht akzeptierte, obwohl ich diese im Vorfeld getestet hatte. In Absprache mit den Patienten beschlossen wir gemeinsam keine Musik laufen zu lassen (z. B. Radio). Die Patienten hatten sich ähnlich platziert wie geplant (saßen sich an der langen Seite gegenüber) und ich konnte „über Eck“ neben Herrn Gr. auf der kurzen Seite sitzen. Ich begann mit einer kurzen Zusammenfassung des Projekts, führte zum Thema hin und erklärte die ausschließliche Verwendung von Naturmaterialien näher einzugehen. Die Planung verlief größtenteils gut. Beide Patienten fertigten eine Skizze an und legten sich anschließend einige Materialien zurecht. Herr Q. radierte seine Zeichnung einmal vollständig aus. Beide Patienten beschlossen Elemente eines Traumfängers (Ring und Netz) in ihr Werkstück einzubauen. Leider blendeten beide die Materialien und das Plakat am Nebentisch nahezu vollständig aus ihrer Wahrnehmung aus, obwohl ich sie mehrfach darauf hinwies, dass sie herumgehen könnten um sich alles anzusehen. Diesen Fehler hätte ich vorbeugen können, indem ich zu Beginn sämtliche Materialen und Werkzeuge gemeinsam mit den Patienten gesichtet hätte. Mein Sitzplatz erwies sich auch als nicht sonderlich günstig, da der Traumfänger optimalen Blick auf beide Klienten behinderte und ich den Platz wechseln musste, um auf jeden einzelnen einzugehen. Nach der Planungssequenz begannen wir gemeinsam das Traumfängerelement zu fertigen (Ring aus Flechtmaterial und Netz aus Hanfschnur). Da ich für das Werkstück keine Vorgaben machen wollte, wählte Herr Gr. dünne Weidenruten und einen kleinen Ringdurchmesser (ca. 7 cm). Herr Q. ließ sich zur Materialstärke beraten und wählte selbst einen adäquaten Durchmesser. Hier hätte ich Herrn Gr. mehr steuern müssen, da seine Arbeit sehr filigran wurde und das Material nicht stark genug war, wie sich anschließend zeigte. Die Klienten wählten sich Schnüre aus und ich erklärte ihnen die Flechttechnik. Die Patienten zeigten sich etwas überfordert. Besser wäre wahrscheinlich gewesen, mit ihnen noch einmal eine Skizze anzufertigen, mit einer Markierung für die Eckpunkte des Netzes und evtl. auch ein Verlauf der Flechttechnik. Während des Flechten des Netzes versuchte ich einzuführen, dass der Faden um ein Stück Peddigrohr gewickelt wird, damit dieses ähnlich wie eine Nadel durch das Geflecht geführt werden kann. Die Idee war eigentlich ganz gut, um feinmotorische Defizite auszugleichen, wurde jedoch nur teilweise angenommen. Vor allem Herr Q. konnte aber dennoch mit improvisierter Hilfestellung ein befriedigendes Ergebnis für sich erzielen. Die Therapieeinheit endete mit einer kurzen Reflexion über die Verwendung des Werkstücks. Herr Gr. überlegte, den Talisman entweder zu behalten oder zu verschenken. Er sprach selbst an, dass er vorhabe, die Technik anderen beizubringen. Die Ziele wurden alle ansatzweise erreicht, es hätten jedoch durch o. g. Verbesserungsvorschläge vollständigere Ergebnisse erzielt werden können.

[...]

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Mensch muss kein Arzt sein, um zu helfen
Untertitel
Ergotherapeutische Praxisbeispiele in verschiedenen Arbeitsbereichen
Veranstaltung
Physiotherapie, Ergotherapie
Autor
Jahr
2010
Seiten
78
Katalognummer
V148257
ISBN (eBook)
9783640599448
ISBN (Buch)
9783640600281
Dateigröße
768 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sammelband: gekürzte Praktikums- und Examenberichte aus den Jahren 2005/06 für die Berufsfachschule für Ergotherapie, Bayreuth. Gesamtdurchschnittsnote 1,4
Schlagworte
Ergotherapie, Pädiatrie, funktionell, Sucht, Psychiatrie, Reha, Perzeption, Tonus, Therapie, Motorik, Behinderung, Anamnese, Methode, Handwerk, Holz, Bewegung, Handtherapie, manuell, Förderung, Physiotherapie, Therapeut, MoFu, Medizin, Spiel, Praxis, Praktikum, Examen, Bericht, Dokumentation, Doku, schreiben, Droge, Hilfe, Ziel, Methodik
Arbeit zitieren
Nils Hüttinger (Autor), 2010, Mensch muss kein Arzt sein, um zu helfen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148257

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