Marcel Beyers Flughunde: Eine psychoanalytische Charakterstudie zu Karnau


Seminararbeit, 2010
20 Seiten, Note: 1,5
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Teil I: Anwendung der Psychoanalyse in der Literatur
3. Das dreiteilige Modell der Psyche nach Freud
3.1. Das Es
3.2. Das Über-Ich
3.3. Das Ich

4. Teil II: Psychoanalytische Textinterpretation
4.1. Kindheit: Ur-Trauma und Persönlichkeitsspaltung
4.2. Pubertät: Weitere Schwächung der instabilen Ich-Struktur
4.3. Erwachsenenzeit: Manifestation und Manie
4.4. Die Gegenwart: Der Vernichtungstraum

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hauptprotagonist und Akustiker Karnau wird von den Nationalsozialisten im Zuge der Arisierung der Stimme beauftragt, ein Tonareal jenseits aller kartographierten Gegenden des Menschen zu erstellen, um die Grundlagen einer radikalen Sprachbehandlung durch Übungen und medizinischen Eingriffen zu erkunden. Seine eigene Stimme kann Karnau nicht wahmehmen, obwohl er paradoxerweise mit einem genialen Hörsinn ausgestattet ist. So beginnt er bereits vor dem Auftrag der Nationalsozialisten, mit dem Sezieren von Tierschädeln und endet schließlich mit unvorstellbar grausamen, experimentalen Kehlkopfoperationen und Folterungen an Insassen von Konzentrationslagern und Hunden. Sein Ziel ist es, das ,imgreifbarä‘ Ineinander von Körper, Seele und Stimme zu bestimmen - dem Ursprung der Stimme, dem Urgeräusch, der reinen Individualität, unverwechselbar wie ein Fingerabdruck:

„Kein Wunder, das man jenes ungreifbare Etwas, das Seele genannt wird, in der menschlichen Stimme zu orten meint. Geformter Atem, Hauch: Das, was den Menschen ausmacht. So bilden die Narben auf den Stimmbändern ein Verzeichnis einschneidender Erlebnisse, akustischer Ausbrüche, aber auch des Schweigens. Wenn man sie nur mit dem Finger abtasten könnte, mit ihren Fährten, Haltepunkten und Verzweigungen. Dort, in der Dunkelheit des Kehlkopfes: Das ist deine eigene Geschichte, die du nicht entziffern kannst.“1

Irgendwo im Körper ist das Geheimnis eines unartikulierten Urlautes versteckt, die reine Individualität, überdeckt von Narben auf den Stimmbändern. Vor der ekelt sich Karnau: Diese Verzerrungen, die er in jedem Räuspern, Schreien, Krächzen anderer zu hören glaubt: das ist die„Hörfront2. Aber Karnau sucht nach der Seele. Er will das wegschälen, die Knötchen und Narben, das verfälschte Artikulierte. Die Nationalsozialisten sehen nun in einem Stimmprojekt die Möglichkeit, das Innerste zu manipulieren; die arische Frequenz einzustellen. So kommen sie allmählich zusammen, Karnau und die Nationalsozialisten. Und die Suche nach der„wahreit‘ Stimme wird stellvertretend zur scheiternden Suche nach sich selbst und mehr und mehr zum Selbstzweck. Je weiter Karnau das Stimmprojektes führt, desto mehr verfällt er langsam in eine Manie und steigert sich immer weiter in die Suche. Das Reale scheint ihm zu entgleiten. Die Suche Karnaus ist begleitet von einem Gefühl von Verlorenheit, das ins Heute weist; festgemacht am verstörenden Faktum der Reproduzierbarkeit des Körpers. Mit der Isolation der Stimme, immer wieder abspielbar, wird auf einmal das Eigene zum Anderen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den psychoanalytischen Zusammenhängen von Karnaus Selbstbild und dem wahnhaften Forschen nach dem Ursprung der Stimme in seinem Stimmprojekt. Die Hausarbeit teilt sich in zwei Teile auf: Der erste Teil befasst sich mit Freuds dreistufigem Modell der Psyche, deren Inhalte von Ich, Über-Ich und Es und deren Anwendbarkeit auf die Literaturanalyse. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Psychoanalyse von Schlüsselerlebnissen während Karnaus Kindheit, Jugend, Erwachsenenzeit und seinem gegenwärtigem Leben und zeichnet den Verlauf seiner Borderline-Persönlichkeit nach.

2. Anwendung der Psychoanalyse in der Literatur nach Freud

Zunächst ist also zu klären, ob die Psychoanalyse nach Freud überhaupt dazu geeignet ist, sie in Form der Textinterpretation einzusetzen. Eine Anwendung scheint aber schon deshalb geeignet, weil .jedes Kunstwerk Ergebnis einer psychischen Aktivität und damit Gegenstand psychologischer Forschung ist.3 Die Literatur gilt als eine besondere Ausprägung menschlichen Phantasierens, das auch in Traum, Tagtraum, Mythos und Neurose begegnet.4 Aber auch in die andere Richtung konnte die psychoanalytische Theorie erst durch den engen Bezug zur literarischen Welt entstehen.5 Ende des 19. Jahrhunderts erkennt Freud, dass im Traum Wünsche und Triebe des Träumers zum Ausdruck kommen können, welche ihm im Wachzustand nicht bewusst sind. Er] geht davon aus, dass diese unbewussten Seeleninhalte im Traum verhüllt dargestellt werden und entwickelt eine Analysemethode, die eine Rückübersetzung des vom Träumer erinnerten Trauminhaltes in das ihm zugrunde liegende unbewusste Traummaterial möglich machen soll.6 Die Bedeutung der Traumtheorie reicht allerdings über den Bereich der Traumforschung hinaus: Die von freud erkannten Traummechanismen prägen viele Bereiche unseres Alltagsverständnisses und beeinflussen bis heute maßgeblich das Denken und Forschen in den Kultur- und Geisteswissenschaften. Freud selbst erkennt, dass

„[...] die Psychoanalyse [mit der Traumdeutung] die Grenzen einer rein ärztlichen
Angelegenheit überschritten [...] hat“7

und schreibt ihr die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten im Bereich wie Literatur, Kunst oder Mythologie zu. Die Psychoanalyse scheint also dazu geeignet, um sie in der Textinterpretation zu verwenden.

3. Das dreiteilige Modell der Psyche

Die Grundlage für diese Textinterpretation ist das dreiteilige Modell der Psyche nach Freud. Nach ihm kann das Unbewusste in drei Richtungen wirken, mit der Einteilung in Es, Ich und Über-Ich.

3.1 Das Es

Das Es bezeichnet Freud als die älteste psychische Instanz, da es vor allem die von Geburt an existierenden egoistischen Triebe zum Inhalt hat. Neben diesen angeborenen Lusttrieben gehören auch alle mit ihnen in Zusammenhang stehenden und vom Bewusstsein verdrängten Wünsche, Affekte und Ereignisse dem Es an. Da sie unserem wachen Bewusstsein nicht zugänglich sind, bezeichnet Freud die Vorgänge als „unbewusst'. Das Es ist ganz dem Lustprinzip des Primärvorgangs unterworfen, es kennt keine Werte und Regeln, orientiert sich nicht an rationeller Logik und nimmt keine Rücksicht. Da sich ihr Ausleben meist nicht mit den gesellschaftlichen Normen vereinbaren lässt, lassen sich die Triebe des Es nur zu einem sehr kleinen Teil direkt befriedigen.8

3.2 Das Über-Ich

Das Über-Ich umfasst die Normen, Werte und Ideale, die durch die Erziehung und Bildung erworben wurden. Das Über-Ich hat seine Wurzeln in der elterlichen Erziehung bzw. in der Sozialisation in der Kindheit, wobei auch später im Laufe der individuellen Entwicklung immer wieder Vorbilder und Ideale der Gesellschaft vom Über-Ich als Handlungsmaximen aufgenommen werden. Im Gegensatz zum von Geburt an existierendem Es, ist das Über-Ich abhängig vom Zeitalter und den jeweils geltenden ethischen und gesellschaftlichen Normen und Werten.9

[...]


1 Beyer (1996), S. 21.

2 Beyer (1996), S. 23.

3 Schönau/Pfeiffer (2003), S. 75.

4 Pietzcker (1985), S. 57.

5 Vgl. Laplanche/Potalis (1973), S. 351 ft; Freud (1900), S. 267 ft.

6 Freud (1900), S. 270.

7 Freud (192S), S. 88.

8 Freud (1938), S. 67.

9 Freud (1938), S. 66.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Marcel Beyers Flughunde: Eine psychoanalytische Charakterstudie zu Karnau
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Literaturanalyse anhand Marcel Beyers Flughunde
Note
1,5
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V148393
ISBN (eBook)
9783640586202
ISBN (Buch)
9783640586318
Dateigröße
4785 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschäftigt sich mit den psychoanalytischen Zusammenhängen von Karnaus Selbstbild und seinem Stimmprojekt. Die Hausarbeit besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil befasst sich mit Freuds dreistufigem Modell der Psyche, deren Inhalte von Ich, Über-Ich und Es und deren Anwendbarkeit auf die Literaturanalyse. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Psychoanalyse von Schlüsselerlebnissen während Karnaus Kindheit, Jugend, Erwachsenenzeit und seinem gegenwärtigem Leben und zeichnet den Verlauf seiner Borderline-Persönlichkeit nach.
Schlagworte
Flughunde, Marcel Beyer, Psychoanalyse, Charakterstudie, Karnau, Das Parfüm, Spiegelstadium, projektive Identifikation, Borderline, Freud, Traumdeutung, psychoanalytische Literaturanalyse, Dreiteiliges Modell der Psyche, Persönlichkeitsspaltung, Ur-Trauma, Akustischer Spiegel, Stimme als Partialobjekt, Rilkes Urgeräusch, Vernichtungstraum
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Marcel Beyers Flughunde: Eine psychoanalytische Charakterstudie zu Karnau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148393

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