Entstalinisierung in Ungarn


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Entwicklung in Ungarn bis zum Aufstand von 1956
2.1 Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1953
2.2 Der „Neue Kurs“
2.3 Der Machtkampf zwischen Nagy und Rákosi
2.4 Der Oktober 1956 und die sowjetischen Interventionen

3 Die internationale Reaktion auf die Ereignisse in Ungarn
3.1 Das Verhalten des Westens
3.2 Die Rolle der UNO

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Um Imre Nagy, den neu gewählten Ministerpräsidenten, bildete sich eine rechtsorientierte revisionistische Gruppe innerhalb der Partei. Der internationale Imperialismus versuchte dies sofort auszunutzen, da Ungarn als das „schwache Glied in der Kette“ der sozialistischen Staaten galt. [...] Zu spät, nämlich erst im Sommer 1956 erkannte das Zentralkomitee die Notwendigkeit eines gleichzeitigen Kampfes gegen Sektierertum und Revisionismus, und zu spät wurde Rákosi von seinem Posten als Generalsekretär abgesetzt. Das Ansehen der Parteiführung hatte bis dahin bereits solchen Schaden genommen, [...] dass die dem Sozialismus treu ergebenen Kräfte den Gang der Ereignisse nicht mehr beeinflussen konnten: Im Oktober 1956 brach der konterrevolutionäre Aufstand aus.“[1]

Bei dieser Schilderung der Entwicklung in Ungarn von 1953 bis 1956 handelt es sich um einen Auszug aus der Darstellung „Kurze Geschichte Ungarns“ von Zoltán Halász aus dem Jahr 1974. Obwohl dieses Werk detaillierte Abhandlungen über die Geschichte Ungarns seit dem Mittelalter enthält, werden der so wichtigen Zeitspanne von 1953 bis 1956 nur wenige Seiten gewidmet. Zunächst einmal stößt man als Leser schnell auf Begriffe wie „Revisionismus“, „Sektierertum“ und „konterrevolutionärer Aufstand“. Weiterhin wird in diesem Abschnitt keinerlei Bezug der Ereignisse in Ungarn zur internationalen Politik hergestellt. Stattdessen klingt die Darstellung für den Leser auf den ersten Blick wie eine Entwicklung, auf die nur nationale Faktoren Einfluss hatten und die nicht im Zusammenhang mit internationalen Entwicklungen und Interessen steht.

Doch entspräche das wirklich den historischen Tatsachen? Schon an dieser Stelle ist eher zu vermuten, dass die internationale Politik einen entscheidenden Einfluss auf die zuletzt 1956 dramatischen Ereignisse in Ungarn hatte. Natürlich gibt es hier eine Vielzahl von Faktoren, die zu berücksichtigen lohnend wäre. Jedoch soll sich diese Hausarbeit auf mehrere zentrale Aspekte konzentrieren. So steht etwa die Frage der Wechselwirkung der Ereignisse in Ungarn und in Polen eher im Hintergrund. Stattdessen soll hier der Einfluss der Sowjetunion genauer untersucht werden. Und das unter Berücksichtigung der zeitlichen Phasen, also von der Konsolidierung der Macht der Kommunistischen Partei in Ungarn über den „Neuen Kurs“ von Imre Nagy bis zur gewaltsamen Niederschlagung des Aufstandes 1956. Welche Rolle hat die Sowjetunion tatsächlich für die Geschehnisse in Ungarn gespielt? Welche Folgen ergaben sich aus den verschiedenen Eingriffen in die ungarische Politik? Hat sich tatsächlich immer alles so entwickelt, wie man es in Moskau anstrebte, oder gab es mitunter eine Eigendynamik in Ungarn, die man so von sowjetischer Seite weder vorhergesehen hatte noch billigte? Wieso kam es letztendlich zum Aufstand von 1956 und der gewaltsamen Niederschlagung durch die Rote Armee?

Das Eingreifen der Sowjetunion an verschiedenen Punkten der Entwicklung spielt hier sicherlich eine Schlüsselrolle. Allerdings soll anschließend auch die Einstellung westlicher Staaten wie der USA, Großbritanniens und daneben auch Frankreichs zu den Ereignissen in Ungarn untersucht werden. Wie stand man bis Anfang der 50er Jahre zur Politik in Budapest? Welche Meinung hatte man zum „Neuen Kurs“ von Imre Nagy? Und wie verhielt sich der Westen schließlich, als es in Ungarn tatsächlich zum Aufstand kam? Bekannt ist, dass es keine nennenswerte oder sogar militärische Reaktion gab. Welche Optionen für ein Eingreifen hätten die Westmächte aber gehabt? Auch die Rolle der Vereinten Nationen soll in diesem Zusammenhang näher untersucht werden. Wie reagierte die UNO auf die verzweifelten, über Rundfunk gesendeten Hilferufe aus Budapest, als die Rote Armee mit der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstands begann? Nach einer Schilderung der eigentlichen Ereignisse in Ungarn mit der ständigen Fragestellung des sowjetischen Einflusses ist die Reaktion des Westens der zweite große Aspekt, der in dieser Hausarbeit einmal näher untersucht werden soll.

2 Die Entwicklung in Ungarn bis zum Aufstand von 1956

2.1 Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1953

Um die weiteren Ereignisse verstehen zu können, ist es zunächst einmal wichtig, die Entwicklung in den Nachkriegsjahren zu verdeutlichen. Hierbei kann an dieser Stelle sicher keine vollständige Darstellung erreicht werden. Mehrere zentrale Aspekt aus dieser Zeit sind allerdings wesentlich für das Verständnis der späteren Entwicklung. Dazu gehört zunächst die Ausgangsposition Ungarns direkt nach dem Zweiten Weltkrieg: Wie in vielen anderen Ländern gab es durch die Folgen des Krieges große Zerstörungen und eine vergleichsweise hohe Anzahl von Todesopfern zu beklagen. 1944 und 1945 gingen so etwa 40 Prozent des gesamten Nationalvermögens verloren.[2] Man stand also gerade in diesen ersten Jahren vor einem aufwendigen Wiederaufbau.

In den ersten Nachkriegsjahren gab es in Ungarn durchaus noch eine vielfältige Parteienlandschaft: So war nicht nur die Kommunistische Partei (MKP) vertreten, sondern etwa auch die Sozialdemokraten (SZDP) oder die „Partei der kleinen Landwirte, Landarbeiter und Bürger“ (FKGP). Auch bei den bereits im November 1945 abgehaltenen Wahlen wurde keineswegs die Kommunistische Partei die stärkste Kraft: Vielmehr konnte die FKGP die absolute Mehrheit erringen, die Kommunisten kamen dagegen nur auf rund 17 Prozent.[3] Von einer von Anfang an vom Volk legitimierten kommunistischen Herrschaft kann also keine Rede sein, wenn man diese Parlamentswahlen einmal als Ausgangspunkt nimmt. Eine für die Nachkriegszeit wichtige Institution verhinderte aber, dass sich die „Partei der kleinen Landwirte, Landarbeiter und Bürger“ als stärkste Kraft etablierte und allein die Regierung stellte: So gab es auch in Ungarn einen Alliierten Kontrollrat, der wichtige Entscheidungen beeinflussen konnte. Und dieser von der Sowjetunion beherrschte Kontrollrat akzeptierte in dieser Situation trotz der absoluten Mehrheit der FKGP nur eine Regierung unter Beteiligung aller Parteien. In dieser Hinsicht ist diese Institution in den ersten Nachkriegsjahren als ein wichtiges Instrument zu sehen, mit dem im Hinblick auf sowjetische Vorstellungen in Ungarn Einfluss genommen wurde. Doch neben den anderen Parteien gab es zu diesem Zeitpunkt noch starke demokratische Kräfte im Land, so dass von einer kommunistischen Alleinherrschaft noch keine Rede sein konnte.

Das änderte sich wenig später, als Rákosi, damals Generalsekretär der MKP, die ihm gegenüber oppositionellen Kräfte Schritt für Schritt entmachtete. „Salamitaktik“ ist der Begriff, den Rákosi später selbst für sein Vorgehen prägte[4]. Ob Polizei, Post, Gewerkschaften oder Rundfunk: Bald beherrschte die MKP alle wichtigen Schlüsselpositionen im Land, und dies nicht zuletzt mit sowjetischer Unterstützung. Auch zahllose Staatsangestellte konnten nach und nach durch Sympathisanten der MKP ersetzt werden, viele demokratische Politiker wurden eingeschüchtert oder verhaftet. Im August 1947 schätzte die MKP ihre Position schließlich so stark ein, dass sie die vermeintliche Zustimmung im Volk durch Neuwahlen bestätigen lassen wollte. Doch trotz offensichtlicher Wahlfälschungen konnte die Kommunistische Partei nur rund ein Fünftel aller Parlamentssitze auf sich vereinigen[5]. Nimmt man erneut die Daten dieser Wahl als Wertungsgrundlage, so war die Mehrheit der Bevölkerung damals noch immer gegen eine kommunistische Vorherrschaft eingestellt. In Moskau reagierte man natürlich einerseits mit Enttäuschung auf die Wahlergebnisse. Doch auf der anderen Seite nutzte die Sowjetunion das Ergebnis als Argument, um Vorwürfe einer Einmischung in innere Angelegenheiten Ungarns zu entkräften. So formulierte Molotow nach der Wahl: „Eigentlich hätte die UdSSR dort tun können, was sie wollte; aus den Wahlen ging jedoch nicht die kommunistische Partei siegreich hervor, sondern eine andere.“ [...] Das einzige, was ich erreichen möchte, ist, dass die Nachbarländer der Sowjetunion nicht ihre Feinde sind. [...] Von welchen Parteien diese Länder regiert werden, müssen die Völker selbst bestimmen“[6]. Jedoch konnte in der Realität kaum von einer „Selbstbestimmung“ die Rede sein. So war die ungarische Politik in allen wichtigen Fragen vom genannten Alliierten Kontrollrat abhängig, in dem die Sowjetunion eine eindeutige Vormachtstellung innehatte. Die westlichen Großmächte hatten in diesem Gremium dagegen kaum Einflussmöglichkeiten und auch keine direkte Verbindungsmöglichkeit zur ungarischen Regierung.[7] Ein Beispiel für die völlige Abhängigkeit der ungarischen Regierung von den Siegermächten und faktisch von der Sowjetunion ist wohl die Unterzeichnung des offiziellen Friedensvertrages am 15. September 1947. Als „ehemals feindlicher Staat“ kapitulierte Ungarn darin bedingungslos. Charakteristisch ist, dass die ungarischen Delegierten gar nicht erst nach ihrer Zustimmung gefragt wurden.[8] In dieser Situation der völligen Abhängigkeit wurde nun auch die Parteienlandschaft nach und nach immer kleiner: So kam es etwa im Juni 1948 zu einem Zusammenschluss der MKP mit den Sozialdemokraten.

Als eine einflussreiche oppositionelle Kraft gegen die kommunistische Vorherrschaft soll an dieser Stelle auf die katholische Kirche in Ungarn eingegangen werden, die 1949 zu den letzten verbliebenen Gegnern der MKP zählte. Das Vorgehen gegen die katholische Kirche erreichte durch den Schauprozess gegen den Kardinal Mindszenty einen Höhepunkt. Der Kardinal, beim Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt, kam später im Zuge der Ereignisse des Jahres 1956 aus dem Gefängnis frei. Doch wer war diese bekannte Figur der ungarischen katholischen Kirche und warum ging man so resolut gegen den Kardinal vor? Um diese Frage beantworten zu können, soll an dieser Stelle kurz die Vorgeschichte Mindszentys und des Widerstandes der katholischen Kirche beleuchtet werden.

Bereits seit 1945 war der Staat resolut gegen die Kirche vorgegangen: Damals musste ein Großteil der kirchlichen Ländereien abgetreten werden. Größere Widerstände dagegen zeigten sich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.[9] Doch blieb es nicht bei diesem Einschnitt: Durch ein Gesetz zur Aufhebung der unterschiedlichen Behandlung der verschiedenen anerkannten Religionsgemeinschaften wurde die Situation der großen Kirchen 1947 erheblich erschwert. Nun suchte der Staat den „Ausgleich“ mit den Kirchen. Dies beinhaltete allerdings keineswegs eine wirkliche Zusammenarbeit, sondern bedeutete vielmehr, dass die Kirche in einem Übereinkommen weitere große Einschnitte akzeptieren sollte. So war etwa die Verstaatlichung kirchlicher Schulen geplant. Von protestantischer Seite wurde dieser Versuch auch akzeptiert, von katholischer Seite kam dagegen entschiedener Widerspruch. So war es Kardinal Mindszenty, der eine Übereinkunft dieser Art mit dem Staat entschieden ablehnte und sogar die Öffentlichkeit gegen die Pläne zu mobilisieren versuchte. András spricht in seinem Aufsatz von einer „echte[n] Kraftprobe zwischen Regierung und Episkopat“[10]. Die Reaktion des Staates ließ daraufhin nicht lange auf sich warten: Im Dezember 1948 wurde der Kardinal verhaftet.

Die kommunistische Regierung suchte sich in der Folgezeit Teile der Kirche, die zu einer bedingungslosen Zusammenarbeit bereit waren, in Ungarn die sogenannte „Friedenspriesterbewegung“. Schließlich kam man mit eben diesem Teil der Kirche doch noch zu einer Übereinkunft, der „Zwei-Punkte-Vereinbarung“ vom August 1950. Darin musste die Kirche erhebliche Kompromisse eingehen und sich etwa verpflichten, in ihrer Organisation keinerlei staatsfeindliche Strömungen zuzulassen. Die katholische Kirche war nach der Verhaftung des Kardinals nun spätestens mit dieser Übereinkunft und einer nachfolgenden Welle von Prozessen gegen Priester erheblich geschwächt, so dass sie als einer der letzten Teile der Opposition gegen die kommunistischen Machtansprüche zunehmend ausfiel. Schon für das Jahr 1949 kann man wohl eindeutig davon sprechen, dass die ungarische KP, nachdem sie nach und nach gegen die verschiedenen Teile der Opposition vorgegangen war, die alleinige Macht im Staat innehatte. Ein prägnantes Beispiel für diese insbesondere auch stalinistische Ausrichtung des Staates ist die Verabschiedung eines neuen Grundgesetzes im August 1949, das stark an dem sowjetischen Vorbild orientiert war.

Betrachtet man nun diese Situation in Ungarn im Jahr 1949 vor dem Hintergrund der anfänglichen Fragestellung, so muss man für diesen Zeitabschnitt zu dem Schluss kommen, dass einwandfrei eine Einwirkung von außen auf die inneren Angelegenheiten Ungarns vorliegt: Beispielsweise zeigen die Ergebnisse der beschriebenen zwei Parlamentswahlen, dass eindeutig gegen den Willen der Bevölkerung ein System kommunistischer Alleinherrschaft aufgebaut wurde. Ein System, das in vielen Punkten dem stalinistischen in der Sowjetunion und in den kommunistischen Nachbarstaaten ähnelte: Einzelne Aspekte wie die große Macht des Staatssicherheitsdienstes oder die zahlreichen Verhaftungen und Prozesse auch gegen Funktionäre aus den eigenen Reihen (als einer der Höhepunkte sei hier der Prozess gegen László Rajk genannt) sind schnell offensichtlich. An die Spitze des Staates stellte sich Rákosi, zunächst als Generalsekretär der MKP und später auch als Ministerpräsident. Dass er sich im Rahmen des großen Personenkultes um ihn als „bester Schüler Stalins“ feiern ließ, verdeutlicht nochmals seine enge Bindung zur stalinistischen Sowjetunion.

Um die späteren Veränderungen im Rahmen des Reformkurses unter Nagy verstehen zu können, ist es auch notwendig, die wirtschaftliche Entwicklung Ungarns in der Nachkriegszeit genauer zu beleuchten. Wie schon zu Beginn erwähnt, stand die ungarische Wirtschaft aufgrund großer Zerstörungen durch den Krieg vor massiven Problemen. Um dem entgegenzuwirken und den Wiederaufbau voranzutreiben, wurde schon zu Zeiten des noch existierenden Mehrparteiensystems 1946 ein Drei-Jahres-Plan erstellt, der jedoch bald darauf nach kommunistischen Vorstellungen verändert wurde[11]. Charakteristisch für den Wiederaufbau war eine forcierte Industrialisierung, vor allem die Förderung der Schwerindustrie zu Lasten anderer Industriezweige und der Landwirtschaft. Nach Auslaufen des Drei-Jahres-Plans schloss sich ein ähnlicher Fünf-Jahres-Plan an, der von 1950 bis 1954 gelten sollte. Zielsetzung war hierbei unter anderem die Unabhängigkeit von westlichen Importen und der Aufbau einer eigenen Rüstungsproduktion, die auch einen solchen Aufbau der Schwerindustrie notwendig machte. Angestrebt wurde, mit der wirtschaftlichen Entwicklung im Westen Schritt zu halten, und das auch unter großen materiellen Opfern.[12] Über die Hälfte aller Investitionsgüter sollte in die Industrie fließen, ein großer Teil davon in die Schwerindustrie. Diese einseitige Konzentration barg allerdings folgenschwere Fehler in sich: So wurde zwar, besonders Ende der 40er Jahre, quantitativ viel produziert, aber weitgehend mit veralteten Techniken. Der Wiederaufbau war ohne größere technische Neuerungen erfolgt. Große Stückzahlen mit veralteter Technik zu produzieren, das funktionierte nur unter bestimmten Voraussetzungen: So hätte sich die Wirtschaft nicht ohne die Zusammenarbeit innerhalb des RGW so entwickeln können. Nur so konnten die nötige Energie und die Rohstoffe billig importiert, qualitativ minderwertige Produkte dagegen ohne große Probleme exportiert werden.[13]

Eine natürliche wirtschaftliche Entwicklung hätte sich dagegen eher an den im Land vorhandenen Rohstoffen orientiert. Diese enge Vernetzung mit den anderen kommunistischen Ländern auf wirtschaftlicher Ebene zeigt, dass es in Ungarn auch auf dieser Ebene keine eigenständige und natürliche wirtschaftliche Entwicklung mehr gab, sondern dass das Land immer stärker von der Sowjetunion und kommunistischen Nachbarländern abhängig wurde. Obwohl eine quantitative Steigerung der Produktion angestrebt wurde, kam es Anfang der 50er Jahre eher zu einer Stagnation, die immer größere Belastungen für die Bevölkerung mit sich brachte. Für die einzelnen Arbeiter war dies mit einer immer längeren Arbeitszeit, auf der anderen Seite aber auch mit stetig sinkenden Reallöhnen verbunden.[14] Und auch die Landwirtschaft wurde mit großen Problemen konfrontiert: Hauptsächlich wurden Massenprodukte wie Getreide und Fleisch produziert, und die auch nur in relativ geringer Qualität und in stetig sinkendem Umfang. So wurde 1952 nur noch ¾ der Vorkriegsproduktion in der Landwirtschaft erreicht. Die Folge war eine zunehmende Abhängigkeit von westlichen Lebensmittelimporten. Insgesamt hatte die Wirtschaftspolitik Rákosis also nur sehr geringe Erfolge zu verzeichnen. Stattdessen sank der Lebensstandard der Bevölkerung. Die Menschen wurden zunehmend unzufriedener. Sogar in der „Kurze[n] Geschichte Ungarns“ von Halász wird Rákosis Wirtschaftspolitik kritisiert: „Die Planforderungen waren von vornherein irreal. Mátyás Rákosi, der Generalsekretär der Partei der ungarischen Werktätigen, und die kleine Gruppe seiner engsten Mitarbeiter zogen, ausgehend von der These der zunehmenden Verschärfung des internationalen Klassenkampfes, falsche Schlussfolgerungen aus der verstärkten Tätigkeit imperialistischer Kreise im „Kalten Krieg“. Sie überschätzten die Kräfte des Imperialismus und erachteten daher einen Krieg für unvermeidlich. Aus diesem Grund erklärten sie das Wachstum und die Produktionssteigerung der Schwerindustrie zur vorrangigen Aufgabe, die nur unter größten Anstrengungen und schweren Opfern zu erreichen sei.“[15] Auch wenn hier lediglich Rákosi und „die kleine Gruppe seiner engsten Mitarbeiter“, nicht aber die gesamte Parteiführung, für die negative Entwicklung verantwortlich gemacht werden, ist doch die recht deutliche Kritik an der damaligen Wirtschaftspolitik bemerkenswert.

[...]


[1] Halász, S. 77f

[2] Losoncz, S. 187

[3] Litván: Die ungarische Revolution 1956, S. 22

[4] Ebd. S. 23

[5] Ebd. S. 24

[6] Fülöp, S. 137

[7] Ebd. S. 139

[8] Ebd. S. 136

[9] András, S. 64 ff

[10] Ebd. S. 66

[11] Wass von Czege, S. 202

[12] Ebd. S. 203

[13] Losoncz, S. 190

[14] Wass von Czege, S. 204

[15] Halasz, S. 274

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Entstalinisierung in Ungarn
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Institut für Geschichte und Kultur der Deutschen im östlichen Europa)
Veranstaltung
Stalinismus in Ostmittel- und Südosteuropa 1944-1953/56
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
31
Katalognummer
V148745
ISBN (eBook)
9783640592869
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kalter Krieg, Ungarn, Imre Nagy, Nagy, Neuer Kurs, 1956, Entstalinisierung, Tauwetter, Sowjetunion
Arbeit zitieren
M.A. Volker Mohn (Autor), 2002, Entstalinisierung in Ungarn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148745

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