Die Ideologie einer Subkultur am Beispiel der Schwarzen Szene

Der Anteil der Schwarzen Szene an der Identitätsbildung von Jugendlichen


Diplomarbeit, 2009
159 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit und verwendete Methoden
2 Begriffsbestimmung
2.1 Szene
2.2 Subkultur

3 Das Jugen dalter
3.1 Besonderheiten des Jugendalters
3.2 Fazit

4 I dentitat
4.1 Das Acht-Phasen-Modell nach Erik H. Erikson
4.2 Identity-Status-Modell nach James E.Marcia
4.3 Identitat in Jugendkulturen
4.4 Fazit

5 Hintergrundinformationen zur Schwarzen Szene
5.1 Entstehungsgeschichte
5.2 Der Weg in die Szene
5.3 Lebensgefuhl und Werteeinstellung
5.4 Die Bedeutung der Farbe Schwarz
5.5 Stile in der Szene am Beispiel der Kleidung
5.5.1 Wave Stil
5.5.2 80er Jahre Stil
5.5.3 Romantic Stil
5.5.4 Normal Stil
5.5.5 Gothic Punk Stil
5.5.6 Fe tischmode/ SM Stil
5.5.7. Emo-Stil.
5.5.8 Bedeutungen der Kleidungsarten
5.6 Symbolik
5.6.1 Buchstaben und Zahlen
5.6.2 Sternsymbole
5.6.3 Tiersymbole
5.6.4 Schadel und Knochen
5.6.5. Kreuzsymbole
5.6.6 Fazit
5.7 Musik und die unterschiedlichen Genres
5.7.1 Gothic Rock
5.7.2 Synthie Pop
5.7.3 Dark Wave
5.7.4 Electronic Body Music - EBM.
5.7.5 Elektronischer Industrial und Power Industrial
5.7.6 Neofolk
5.7.7 Mittelaltermusik
5.7.8 Andere Einflusse
5.7.9 Fazit
5.8 Szeneleben
5.8.1 Die Bedeutung der Kleingruppe
5.8.2 Das Wave Gotik Treffen
5.8.3 Fazit
5.9 Abschliefiende Betrachtung

6 Der Reiz der Schwarzen Szene und das verbindende Element
6.1 Die narrativen Interviews - Die Auswertung
6.2 Fazit

7 Abgrenzung zum Satanismus
7.1 Defmitionsversuch
7.2 Der Charakter des Satanismus
7.3 Fazit

8 Schlussbetrachtung

9 Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

„(..)Jugendlichen stellen sich unterschiedliche Fragen - auch wenn ihnen die richtigen Worte fehlen mogen: „ Wie konnen meine personlichen Ambitionen in der Gesellschaft zur Tragen kommen?“, „ Wie wird sich meine personliche Zukunft mit der Zukunft der Welt, in der ich lebe, verbinden?“, „Gibt es etwas aufierhalb oder jenseits meinespersonlichen Alltags, an das ich glauben kann?“, Sind diese Uberzeugungen von Wert?“, „Kann ich mich auf sie verlassen?“ Wenn wir zuhoren, vernehmen wir junge Menschen, die auf der Suche nach etwas Grofierem als der gewohnlichen, alltaglichen Existenz sind - nach Idealen oder Werten, die sie vertreten konnen.(...)“ (Kaplan, 1988, S. 394, zit. n. Fend 1991, S. 16) Diese Ideale und Werte zu finden, ist in der modemen Zeit oft mit Hektik und Reizuberflutung verbunden. Junge Menschen konnen heute in alle moglichen Richtungen tendieren und ihre eigene Entfaltung kreieren. Aber wohin gehen die Jugendlichen um ihre Bedurfnisse, ihr Sein zu entdecken? Und was zieht sie in die eine oder andere Richtung? Ich konnte in der bisherigen Arbeit mit Jugendlichen beobachten, dass viele von ihnen mit einer nicht neuen Subkultur, die der Schwarzen Szene, Gothic Szene oder Grufties, sympathisieren oder sich in ihr bewegen. Weshalb fuhlen sich junge Menschen zu dieser Szene hingezogen? Welchen Reiz macht diese Gemeinschaft der Schwarzen aus? Das sind nur einige Fragen die mich in dieser Arbeit beschaftigen werden. Mir selbst hat diese Szene, mit ihren vielen Namen und Facetten Halt geben konnen und sie hat mich sehr gepragt. Somit werden auch eigene Erfahrungen in diese Arbeit flieBen. Nicht selten wird die Szene mit Todessehnsucht, Okkultem und Satanismus verbunden. Das Unwissen und die schnelle Verbreitung von Halbwahrheiten mittels Massenmedien zeichnen oft ein fragwurdiges Bild uber diese Subkultur. Darum soll u.a. versucht werden, die Schwarze Szene vorurteils- und klischeefrei vorzustellen. Die vielen Artikel in Zeitungen wie bspw. „Spiegel“ und „FAZ“ und verschiedene Reportagen zeigen meist nur das, was der Konsument sehen oder lesen will.

Viel zu vorschnell werden, wie zum Beispiel beim Amoklaufe in Littleton, Zuschreibungen ubertragen. Es wird ein Bild gezeichnet, welches oft vermittelt das, sobald ein Amoklaufer Bands wie Rammstein oder Marilyn Manson hort und sich schwarz kleidet, er der Schwarzen Szene angehort. (...) „seit vor sechs Wochen, am Geburtstag von Adolf Hitler, in Littelton, Colorado, die beiden Schuler Eric Harris und Dylan Klebold, die so gern in schwarzen Staubmanteln zur Schule gingen und Fans der unter Grufties sehr beliebten deutschen Metal-Band Rammstein waren, in ihrer Schule Amok liefen und erst zwolf Mitschuler sowie einen Lehrer und schlieBlich sich selbst umbrachten, wird den ,Schwarzen' in den Medien fast alles zugetraut (...)“ (kulturSpiegel 1997 zit. n. Rutkowski 2004, S. 119).

Die Meinungen sind so festgefahren, dass es mir nahe liegt ein anderes Bild der Schwarzen Szene widerzuspiegeln, um ein besseres Verstandnis fur diesejungen Menschen zu erreichen. Wichtig ist es fur Sozialarbeiter und Eltern zu wissen, was Jugendliche bewegt, auf welcher Suche sie gerade sind um Vertrauen zu erlangen aber auch um mit ihnen arbeiten zu konnen.

1.1 Fragestellung und Zielsetzung

Um mich meinem Thema zu nahern, ob die Schwarze Szene einen Anteil an der Identitatsbildung von Jugendlichen hat, gilt es wiederum neue Fragen zu stellen und sie zu beantworten. Aus den oben genannten Grunden und Zeichnungen (siehe Einleitung, S. 1) ergeben sich fur mich die nun folgenden Fragen:

- Vor welche Problemen werden Jugendliche gestellt?
- Was ist unter Identitat zu verstehen?
- Konnen Subkulturen wie die Schwarze Szene einen Anteil haben an der Identitatsbildung von Jugendlichen?
- Wie gestaltet sich dieser Anteil?
- Welchen Nutzen bringt dieses Thema der sozialen Arbeit?

Ob alle Fragen in dieser Arbeit beantwortet werden konnen, ist noch offen. Haufig sucht man die Antworten und stoBt nur auf weitere interessante Fragen. Da diese Arbeit aber nur ein begrenztes Volumen, hat werde ich mich auf die speziell fur mich wichtigen Fragen beziehen, welche oben genannt wurden.

1.2 Aufbau der Arbeit und verwendete Methoden

Zu Beginn dieser Arbeit werden grundlegende Begriffe erklart. Dabei im speziellen die Bezeichnungen, die bei der Formulierung des Themas auftreten. Hierbei soll der Begriff Szene und Subkultur naher betrachtet werden. Dazu werden bekannte Autoren verwendet und deren Inhalte beschrieben und diskutiert.

Nachfolgend bezieht sich das Kapitel der Jugend auf den Begriff und den Lebensabschnitt. Welche Besonderheiten und Probleme treten uberwiegend in der Jugendphase auf und wie konnen diese bewaltigt werden? Diese Frage soll anhand von vier zentralen Entwicklungsaufgaben beantwortet werden. AnschlieBend widmet sich diese Arbeit dem groBeren Themenkomplex der Identitat Es sollen dabei anhand Erik H. Eriksons Phasenlehre Identitat aufgeschlusselt werden und anhand von James E. Marcias Theorie weiter vertieft werden. Sodann wird Jugendkultur und Identitat miteinander in Verbindung gebracht.

Der funfte Abschnitt beschreibt die Schwarze Szene in Deutschland. Hierbei wird die Entstehung der Szene geschichtlich erlautert. Auf die unterschiedlichen Wege in die Szene, das Werte- und Lebensgefuhl, die Musik- und Kleidungsstile, welche Bedeutung die Farbe Schwarz hat, Symbole und das Szeneleben wird partikular eingegangen.

Methodisch werden Kapitel eins bis funf durch eine Dokumentenanalyse behandelt. Im darauf folgenden Abschnit wird anhand von narrativen Interviews der Frage nachgegangen, welchen Reiz die Szene ausmacht und welches verbindende Element diese zu einem GroBen-Ganzen macht. Dabei werden systematisch die Datenquellen nach der qualitativen Inhaltsanalyse untersucht und ausgewertet.

Um eine bessere Verstandlichkeit zu erreichen, werden Aussagen aus den narrativen Interviews auch schon vorher im Kapitel funf Verwendung finden.

Im siebten Kapitel wird das Vorurteil betrachtet, welches Szenegangern haufig anheim gestellt wird. Namlich, dass diese mit der Satanistenszene gleichzusetzen ist. Dieser Stigmatisierung der Gesellschaft gegenuber den Szenegangern soll entgegengewirkt werden. Es werden die verschiedenen Abstufungen des Satanismus dargestellt, um im Fazit des Kapitels deutlich aufzeigen zu konnen, dass die Schwarze Szene und der Satanismus unterschiedliche Auffassungen vertreten.

Die Ergebnisse fuhren dann zu meiner Schlussbetrachtung, welche diese Arbeit zusammenfasst und verschiedene Uberlegungen in Verbindung mit sozialer Arbeit bringen wird, welche dann erlautert und diskutiert werden konnen.

2 Begriffsbestimmung

Dieses Kapitel soll die Begriffe Szene und Subkultur, welche sich im Thema wiederfinden, naher beschreiben. Hierbei wird der Begriff Szene umfangreicher behandelt, da er bei der Beschreibung der Schwarzen Szene wichtig erscheint. Die vielen wissenschaftlichen Beitrage und die unterschiedlichen Auffassungen konnen in dieser Arbeit nicht diskutiert werden. Vielmehr wird eine treffende Bestimmung der Begriffe fur die Kategorisierung der Schwarzen Szene angestrebt. Es soll untersucht werden, welche Bezeichnung fur die Schwarze Szene Berechtigung hat und welche Differenziertheit innerhalb der verschiedenen Begriffe beruhrt werden.

2.1 Szene

Die Autoren Hitzler/Bucher/Niederbacher stellen in ihrer Arbeit „Leben in Szenen“ fest, dass die herkommlichen Moglichkeiten der Sozialisation wie Familie, Schule oder auch kirchliche und politische Jugendverbande weniger genutzt und gesucht werden, um Werte, Weltanschauung und Identitatsentwicklung zu finden. Diese Selbstfindung geschieht bei Jugendlichen mehr und mehr in ihrer Freizeit und den dort angebotenen Raumen bzw. Lebenswelten. Bisher, so kritisieren Hitzler/Bucher/Niederbacher, wurde der Blick mehr auf die Peer-Groups gerichtet, weniger auf (vgl. Hitzler/Bucher/Niederbacher 2005, S. 19, Herv. d. C.R.). (...) ,,Die Strukturveranderungen dieses Erfahrungsraumes - insbesondere infolge der (damit einhergehenden) Loslosung von traditionalen und lebenslagenspezifischen Bindungen (...)“ (ebd. 2005, S. 19). Um diesen Mangel zu beheben, richten die Autoren ihre Blicke auf den Begriff der Szene (vgl. ebd. 2005, S. 19). Demnach sind Szenen (...) ,,Thematisch fokussierte kulturelle Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und/oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisierenundweiterentwickeln (...)“ (ebd. 2005, S. 19).

Gerade Jugendliche begeben sich heute auf die Suche nach Gleichgesinnten, die ihre Interessen, Neigungen und Leidenschaften teilen. Immer weniger finden junge Menschen die Gesinnungsfreunde in ihrer unmittelbaren Lebenswelt wie der Nachbarschaft, der Schule, den Kirchgemeinden, den Jugendverbanden oder den Sportvereinen. Bei ihren Eltern sind diese gleichen Interessen meist gar nicht zu finden, selbst wenn die Eltern jung geblieben sind. Vorzugsweise werden in Szenen solche Gleichgesinnte gefunden.

Jede Szene hat ihr zentrales Thema, welches die Szeneganger durch bspw. den Kleidungs- und/oder Musikstil nach auBen ausdrucken. Das Interesse an einem primaren Thema wird von den Szenegangern geteilt. Doch ist der Szenealltag nicht nur vom Szenethema bestimmt. (...) ,,Thematische Fokussierung meint vielmehr die Vorfindlichkeit eines mehr oder weniger prazise bestimmten thematischen Rahmens, auf den sich Gemeinsamkeiten von Einstellungen, Praferenzen und Handlungsweisen der Szenemitglieder beziehen (...)“ (ebd. 2005, S. 20f).

Der Ausdruck Szene bezeichnet in erster Linie die primare Relevanz von Interaktion und Kommunikation. Die Szene besteht nur, wenn ihre Mitglieder diese gestalten, ihr Thema widerspiegeln und es im Kollektiv nach auBen tragen. Dies geschieht mittels Symbolen, Zeichen und Ritualen. So lasst sich Szene als ein Netzwerk von Personen verstehen, die bestimmte emotionale und materielle Formen der gemeinsamen Selbstinszenierung teilen und diese Affinitat durch Kommunikation verdichten, transformieren oder modifizieren. Szenen als solche bestehen nur dadurch, weil sie eben nicht nur von Szenegangern, sondern auch von AuBenstehenden wahrgenommen werden. Szenen ermoglichen ebenfalls eine soziale Verortung durch typische Zeichen, Rituale, Symbole und Verhaltenweisen.

Das Leben in Szenen ist nicht nur bestimmt durch Treffen von Gleichgesinnten. Auch das Aneignen von neuem Wissen und neuen Fertigkeiten, das Erleben neuer Erfahrungen ist bei den Szenemitgliedern konstitutiv. Die Szene etabliert sich allerdings keineswegs in einem einzigartigen Erleben, vielmehr auf einer Kommunikations- und Interaktionsebene. Die Autoren unterstellen der Szene eine prinzipielle Unstabilitat. Zum einen durch den Teilzeitcharakter1 und zum anderen dadurch, dass die Gemeinschaft bzw. das Wir-Gefuhl lediglich durch eine Idee zusammengehalten wird. Daher gabe es kein starkes Fundament, wie z.B. einen gemeinsamen Ursprung. Diese These wird diffizil betrachtet, ist eine gemeinsame Idee, ein gemeinsam verfolgter Gedanke, doch ausreichend um als Kollektiv oder Szene bestehen zu konnen. Von wesentlicher Bedeutung sind dabei aber Interaktion und Kommunikation.

Zu einem Teil von Szenen werden Gruppierungen offensichtlich dadurch, dass sich die Gruppen auf der Grundlage gemeinsamer Interessen hin zu anderen Gruppierungen offnen und sich nicht nur als Gruppe wahrnehmen, sondern auch als Teil einer Szene. Jeder Szeneganger ist eingebunden in eine oder mehrere Gruppierungen, diese wiederum sind Teil der Szene. Oft erscheinen Szenen chaotisch und weniger strukturiert wie Institutionen oder Organisationen. Dessenungeachtet gibt es Abstufungen in vielschichtigen und miteinander verwobenen Gruppen und Gruppierungen (vgl. ebd. 2005, S. 21 ff).

Die folgende Abbildung wird das konkretisieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

AbbHdung I: Gruppen in Szenen2

Die Kommunikation ist zwischen den Gruppen minimal, wahrenddessen es innerhalb der Gruppe zu haufigerer Kommunikation kommt. Doch gerade die Verbindung zwischen den Gruppen macht die Szene zur Szene (vgl. ebd. 2005, S. 25).

Ein unverzichtbares und strukturelles Element im Szeneleben ist das Event. Hierbei handelt es sich um eine im Vorfeld organisierte Veranstaltung, die verschiedene Angebote bereit halt und typischerweise auf die Szeneganger abgestimmte Themen und Interessen widerspiegelt. Das Wir-Gefuhl soll dabei aktualisiert und intensiviert werden. Um diese Veranstaltungen zu realisieren, braucht es eine, wie Hitzler/Bucher/Niederbacher schreiben, Organisationselite. Bei dieser Elite handelt es sich um Szeneganger, die schon langjahrige Erfahrungen in der Szene gesammelt haben. Diese Szenemitglieder nutzen ihr umfangreiches Wissen um die Events nach asthetischen oder anderen Kriterien zu gestalten. Es ergeben sich durch die Organisationsarbeit landesweite Kontakte zu anderen Veranstaltern. So entsteht schrittweise ein von geographischen Merkmalen weithin abgelostes Elite-Netzwerk.

Die Beteiligten dieses Netzwerkes genieBen gegenuber gewohnlichen Szenegangern einige Vorrechte, z.B. Zugang zum Backstagebereich oder Freikarten fur Konzerte (vgl. Hitzler/Bucher/Niederbacher 2005, S. 27). (...) ,,Organisationseliten bilden eine Art 'Szenemotor', als die Rahmenbedingungen szenetypischer Erlebnisangebote in erster Linie dort produziert werden und auch Innovationen sehr oft ihren Ursprung dort haben (...)“ (ebd. 2005, S. 27). Um dies zu verdeutlichen, soll Abbildung zwei als visuelles Beispiel dienen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

AbbHdung II: Die Organisationelite3

Eine Szene ware demnach eine zentralistische Struktur. Mittig befindet sich die Organisationenselite bzw. deren Mitglieder. Diese wiederum stehen mit ihren Freunden bzw. Personen, die immer in der Szene omniprasent sind, in Verbindung. Um diese Gruppen ordnen sich die gewohnlichen Szeneganger. Damit unterstellen Hitzler/Bucher/Niederbacher, dass die Sicht auf die Szene (vgl. ebd. 2005, S. 29) (...) ,,auf das Kriterium der Szene-Involviertheit reduziert (...)“ (ebd. 2005, S. 29) wird. Des weiteren musste davon ausgegangen werden, dass es injeder Szene eine Elite gibt, welche sich um organisatorische Belange kummert (vgl. ebd. 2005, S. 29).

In ihrem Werk „Leben in Szenen“ gehen die Autoren sehr tief in die Materie und veranschaulichen anhand einiger Abbildungen wie das Leben in Szenen sich gestaltet. Dennoch soil zum Abschluss noch ein anderer Autor zu Wort kommen. Dabei handelt es sich um Gerhard Schulze, der Szenen so definiert: (...) ,,Eine Szene ist ein Netzwerk, dass aus drei Arten der Ahnlichkeit entsteht: partielle Identitat von Personen, von Orten und von Inhalten. Eine Szene hat ihr Stammpublikum, ihre festen Lokalitaten und ein typisches Erlebnisangebot (...)“ (Schulze 1997, S. 463 zit. n. Herrmann 2007, S. 29).

2.2 Su bkultur

Um den Begriff Subkultur zu beschreiben, wird das Modell von Rolf Schwendter herangezogen. Er schrieb 1970 das Standardwerk ,,Theorie der Subkultur“. Sein Modell stellt rationale Kategorisierungsvarianten bereit um, bspw. die Schwarze Szene einordnen zu konnen. Schwendter definiert Subkultur als (vgl. Schwendter 1978, S. 11 zit. n. Herrmann 2007, S. 17, Herv. d. C.R.) (...) ,,ein Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, Brauchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Praferenzen, Bedurfnissen usw. in einem wesentlichen AusmaB von herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtgesellschaft unterscheidet (...)“ (ebd. 1978, S. 11 zit. n. ebd. 2007, S. 17). Schwendter unterscheidet zwei unterschiedliche Arten der Subkultur. Dabei stellt er die 'Teilkulturen' den 'Gegenkulturen' gegenuber. Innerhalb einer bestimmenden Kultur wirken 'Teilkulturen', diese sind der Mittelschicht zuzuordnen. Dabei wurde der Umstand der sozialen Verortung beachtet. AuBerdem wird behauptet, dass die 'Teilkulturen' einen kommerziellen Charakter haben. Weiterhin gehen sie nicht aus der Jugend hervor, sondern nutzen diese als Konsumenten. Der Begriff 'Gegenkultur' beschreibt einen Typus, welcher gegen ein regierendes System gerichtet ist. Innerhalb der 'Gegenkultur' unterscheidet Schwendter zwischen 'regressiven' und 'progressive^. Regressiv meint eine Ruckbesinnung auf Normen und Werte, die in der Gesellschaft in Vergessenheit geraten sind. Progressive Gegenkulturen haben zum Ziel, den gegenwartigen Stand einer Gesellschaft zu transformieren bzw. ihn aufzuheben. Demnach weisen progressive Subkulturen einen anarchistischen Charakter auf (vgl. ebd 1978, S. 37f zit. n. ebd. 2007, S. 18, Herv. d. C.R.).

Die dargestellten Begrifflichkeiten lassen erkennen, dass die Schwarze Szene als eine regressive Subkultur zu verstehen ist, da ihre Haltung gegenuber der 'Normalgesellschaft' von einer Ruckwartsorientierung bestimmt ist. Dies wird im Kapitel funf, Hintergrundinformationen zur Schwarzen Szene, noch prazisiert. Seit Mitte der 1990er Jahre ist ein Fokuswechsel umfassend beendet (vgl. Schmidt/Neumann-Braun 2008, S. 64, Herv. D. C.R.). Das heiBt, (...) „die schwarze Szene wird in vollem Umfang als eine jugendkulturelle Gemeinschaftsform begriffen (...)“ (ebd. 2008, S. 64). Das Phanomen der Schwarzen Szene wird nun auch als ein charakteristischer, jugendkultureller Stil und einer darum gruppierenden, musikorientierten, jugendkulturellen Szene anerkannt (vgl. ebd. 2008, S. 64).

3 Das Jugendalter

Der Begriff Jugend wurde Ende des 19. Jahrhundert entdeckt, erdacht und gestaltet. Obwohl es auch in vormodernen Zeiten einen Jugendbegriff gab. Als biologisch und entwicklungspsychologisch begrundbare autonome Lebensphase setzte sich der Jugendbegriff durch. Das gegenwartige Definitionsmuster ist, laut Ferchhoff, nicht mehr gultig. Die Forschung definierte Jugend unter biologischen und anthropologischen Gesichtspunkten wie folgt: Jugend beginnt mit der Pubertat, welche heutzutage schon fruher beginnt und sie endet (vgl. Ferchhoff 2007, S. 86f), (...) ,,wenn man sich nicht nur juristische, nicht nur anthropologische und biologische und nicht nur psychologische, sondern auch soziologische MaBstabe anlegt, mit dem Eintritt in das Berufsleben und/oder mit der Heirat (...)“ (ebd. 2007, S. 87). Betrachtet man den Begriff altersgebunden, wird in der Regel gezeigt, dass die Lebensphase von 13 Jahren bis circa 27 Jahren, mitunter durch die Ausdehnung der Jugendphase bis 29 Jahre oder sogar bis 35 Jahre reicht (vgl. Ferchhoff 2007, S. 87). Das Jugendalter wird auch Adoleszenz genannt. Das Wort kommt vom lateinischen adolescene und bedeutet soviel wie 'aufwachsen' oder 'heranreifen' (vgl. Stadl 2009, Herv. d. C.R.).

Die Jugendphase hat sich immer mehr untergliedert in fruhe, mittlere und spate Jugendphase. Sie besitzt keinen einheitlichen Abschluss. Weiterhin ist dieser Lebensabschnitt bestimmt von verschiedenen Teilubergangen, wie rechtlichen, politischen oder kulturellen Verpflichtungen. Auch unterschiedliche Teilreifen werden in der Jugendphase erlebt, in sexueller, politischer und sozialer Richtung. Viele Jugendforscher vertreten die Vorstellung, dass sich die Jugendphase immer mehr ausdehnt. So haben sich nun zwischen der Kindheit und der Jugend die sogenannten Kids eingeschoben. Auch zwischen Jugend und Erwachsenenalter entwickelte sich eine neue Phase, die Postadoleszenz4 Wieso dehnt sich die Jugendphase immer mehr aus? Die Jugendlichen erleben, dass die Ubergange in eine Lehre oder einen Beruf aus arbeitsmarktpolitischen Grunden blockiert werden. Die diffizilen Ubergange in die Arbeitswelt oder in die Arbeitslosigkeit fuhren zu einer kunstlichen und nicht gewollten Verlangerung der Jugend (vgl. Ferchhoff 2007, S. 89).

Der Lebensabschnitt Jugend ist von einem mehr oder weniger (...) ,,relativ sicheren Ubergangs-, Existenz- und Familiengrundungsphase zu einem offenen diffusen Lebensbereich gewandelt (...)“ (Bohnisch/Muller 1989, S. 305 zit. n. Ferchhoff2007, S. 93).

3.1 Besonderheiten des Jugendalters

In der Adoleszenz mussen Jugendliche einige Probleme uberwinden. Wichtig ist es zu verstehen, welche Besonderheiten im Jugendalter auftreten. Aus den vielseitigen biologischen, sozialen und kognitiven Veranderungen der Jugendlichen ergeben sich die Besonderheiten. Da sich die Jugendphase, wie festgestellt wurde, ausdehnt, sind junge Menschen langere Zeit noch von ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen abhangig. Damit wird es schwer, den Kindheitsstatus aufzugeben. Die Rolle der Erwachsenen zu ubernehmen, eine eigene Autonomie zu entwickeln, ist eine Aufgabe in der Adoleszenz. Jugendliche denken ihre Welt pragmatisch und sehen sie eher Ich-bezogen. Ihre Erfahrungen und das daraus resultierende Wissen ist noch gering. Sie konnen die Alltagsprozesse der Erwachsenenwelt noch nicht nachvollziehen und fallen so bspw. auf die Werbung in den Medien herein, welche oft unrealistische Informationen vermitteln (vgl. Nicolay 2003).

Die Jugendlichen besitzen ein unbewusstes Misstrauen gegenuber alien Arten von Forderungen oder Verpflichtungen. Sie reagieren bisweilen, indem sie sich zuruckziehen und/ oder resignieren. Sie konnen aber auch mit offener oder versteckter Wut und Aggressivitat reagieren (vgl. Nicolay 2003).

Die einzelnen Aufgaben, welche Jugendliche bewaltigen mussen, um zu einer stabilen Personlichkeit heranzuwachsen, konnen in vier allgemeinen Teilen beschrieben werden:

Die erste Aufgabe liegt in der Entwicklung einer geistigen und sozialen Verantwortlichkeit. Der Jugendliche muss selbstandig nach der Schule eine Ausbildung finden. Das Ziel ist, eine Arbeit bzw. einen Beruf erlernt zu haben und auszuuben, welcher ernahrt und so die Existenz als Erwachsener sichert (vgl. Hurrelmann 1994, S. 27f, Herv. d. C.R).

Die zweite Entwicklungsaufgabe besteht in der Entstehung des inneren Bildes von der Zugehorigkeit des Geschlechts. Der Jugendliche muss seine korperliche Veranderung akzeptieren. Er soll soziale Kontakte bzw. Netzwerke aufbauen zu Gleichaltrigen des anderen und eigenen Geschlechts. AuBerdem sollte der Aufbau einer heterosexuellen (oder homosexuellen) Partnerschaft angestrebt werden, um so die Voraussetzung fur eine eigene Familiengrundung schaffen zu konnen.

Die dritte Aufgabe ist eine eigenverantwortliche Entwicklung der Fahigkeit, den Kosumwarenmarkt und die Medien zu nutzen. Der Umgang mit Geld muss gelernt werden mit dem Ziel, eine eigene Lebensweise zu erreichen. Auch Freizeitangebote kontrolliert und bedurfnisorientiert zu nutzen, muss gelernt werden.

Die vierte Entwicklungsaufgabe ist die Herausbildung eines Normen- und Wertesystems, sowie eines politischen und ethischen Bewusstseins. Dieses Bewusstsein muss mit dem eigenen Verhalten und den eigenen Handlungen ubereinstimmen. Damit wird die Teilhabe als Burger in der Gesellschaft moglich (vgl. Hurrelmann 1994, S. 27f, Herv. d. C.R.).

Die Bewaltigung dieser Entwicklungsaufgaben kann durch Risikofaktoren erschwert werden. Diese Faktoren sind:

(...),,

Biologisch

- Unterschiede im Tempo der Pubertatsentwicklung v Chronische korperliche Erkrankungen und Schadigungen

Familiar

- Schlechte Beziehungen der Eltern zu den Jugendlichen v Allein erziehender Elternteil

Soziookologisch

- Ablehnung durch Gleichaltrige
- Misserfolg in Schule und Beruf
- Armut

Personal

- Depressiv-suizidale Verhaltenstendenz
- Aggressiv-soziale Verhaltenstendenz
- Tendenz zum Alkohol- und Drogenmissbrauch (Nicolay 2003).

3.2 Fazit

In der Adoleszenz durchlaufen Jugendliche eine Zeit der Orientierung, Entdeckung, Vergemeinschaftung und Abgrenzung. Sie halten sich gern unter Gleichaltrigen und Gleichgesinnten auf. Diese konnen dabei helfen einen sozialen Status zu erlangen, die Personlichkeit zu bilden und eine eigene Identitat zu erreichen. Die Wertvorstellungen gehen in der Jugendphase meist nicht mit den Werten der Erwachsenenwelt konform. Dadurch grenzen sich Jugendliche gern von der alteren Generation ab (vgl. Behr 2005, S. 21).

Oftmals wird die Jugend insgesamt als ein Problem angesehen. Dies kann mit Bezug auf bestimmte Jugendliche und Szenen gerechtfertigt und notwendig sein. Jugendliche konnen aber auch als unabhangige Gestalter lebensweltlicher Bezuge und Ordnungen betrachtet werden. Sie verandern die kulturelle Landschaft und kreieren Neuschopfungen. Diese Neuschopfungen bestehen nicht nur in einer Verdeutlichung, sondern auch in neuen Arten der Ich Auslegung (vgl. Baacke 1999, S. 258).

Andererseits spricht die Literatur immer wieder davon, dass es die Jugend nicht gibt. (...) „Jugend ist nicht gleich Jugend. Und von daher sind alle ,,undifferenziert und verallgemeinernden“ Aussagen uber die Jugend „irrefuhrend“ (Herrmann 1987, S. 148 zit. n. Ferchhoff 2007, S. 94, Herv. i. Orig.). Schon von vornherein sind die Versuche, die Jugend auf einen Nenner zu bringen, zum scheitern verurteilt (vgl. Ferchhoff 2007, S. 94).

4 Identitat

In diesem Kapitel soll der Begriff Identitat naher betrachtet werden. Um die These zu beantworten, ob die Schwarze Szene einen Anteil an der Identitatsbildung von Jugendlichen hat, werden zwei sehr einflussreiche Entwicklungsforscher und Wissenschaftler ausfuhrlich dokumentiert. Zum einen wird Erik H. Eriksons Acht-Phasen-Modell beschrieben, welches aus der Wissenschaft nicht mehr weg zu denken ist und die soziologische Forschung auf dem Gebiet der Identitat sehr pragte. Des weiteren wird James E. Marcias Identity-Status-Modell betrachtet.

Dieser Jugendforscher und Psychoanalytiker differenzierte Eriksons Modell und entwickelte es weiter. Viele Wissenschaftler stutzen sich noch heute auf Marcias Ansatz und Methode. Als dritter Unterpunkt soll eine Verknupfung zwischen Identitat und Jugendkulturen hergestellt werden. Das Fazit wird diesen Abschnitt abschlieBen.

Von allen Seiten wird dem Individuum in der offenen Gesellschaft einer fortgeschrittenen Moderne suggeriert, dass es sich wichtig nehmen soll und darf. Doch die sozialen Beziehungen, in denen das Subjekt zu einer gesicherten Antwort auf die Frage wer es ist und wer es sein konnte kommen soll, sind nicht so. Dieser soziale Hintergrund lasst die Frage, wie sich das Subjekt sieht und wie es glaubt von anderen gesehen zu werden, neu erscheinen. Dies ist die Frage nach Identitat. An Andere stellen wir eine bestimmte Anforderung, damit wir in unserer Identitat geachtet werden. Dennoch konstruieren wir vor den Anderen und vor uns selbst ein pragnantes Bildnis von uns, in welches soziale Moglichkeiten wer wir sind und spezifische Betrachtungsweisen wer wir sein wollen, einflieBen. Wir merken aber, dass in der Korrelation zwischen uns und den anderen klare Orientierungen fehlen. Wir sollten uns in unserm Zuhause, unserer Lebenswelt sicher fuhlen. Doch diese Lebenswelt ist in eine Krise geraten. Es herrscht in einer ungewissen Gesellschaft Ratlosigkeit, die Identitat wird dabei erst einmal offen gelassen. Mitunter muss das Individuum nachprufen wieso er zu dem geworden ist, was es gegenwartig darstellt (vgl. Abels 2006, S. 19f).

(...) ,,Die Moderne bereitet uns Unbehagen, weil wir auf der einen Seite ermuntert werden, uns und unsere Individualitat zu betonen und auszuleben, auf der anderen Seite aber spuren, dass wir nur mithalten konnen, wenn wir uns permanent nach den MaBstaben richten, die die groBe Gesellschaft wie die kleinen, auch nicht mehr festen Gemeinschaften diktieren (...)“ (ebd. 2006, S. 20). Fur die Selbstbestimmung des Individuums ist der Rahmen eng geworden (vgl. ebd. 2006, S. 20).

4.1 Das A cht-Phasen-Modell Eriksons

Der danisch-amerikanische Psychoanalytiker Erik H. Erikson forschte jahrelang zu dem Thema Identitat. Er wurde nach seiner Ausbildung bei Anna Freud einer der bedeutendsten sozialwissenschaftlich ausgerichteten Psychoanalytiker. Die gesamte soziologische Debatte uber Identitat bezieht sich auf Erikson, der die offentliche Diskussion stark beeinflusste. Erikson verband die von Sigmund Freud entwickelte psychosexuelle Theorie mit der psychosozialen Entwicklungstheorie und offnete so einen Blick fur die Entwicklung von Identitat in Bezug auf die sozialen Bedingungen. AuBerdem baute er in seiner Entwicklungstheorie den Gedanken einer 'gesunden Personlichkeit' ein. Weiterhin glaubte Erikson, entgegen der klassischen Psychoanalytik, dass sich ein Jeder, bzw. die Personlichkeit ein Leben lang entwickelt und demnach Anderungen immer moglich sind. Er versteht die Identitat nicht als eine Art Endresultat. Dass heiBt, die Identitat ist nicht wie ein unverruckbarer Fels in der Brandung, sondern andert sich in den sozialen Verhaltnissen (vgl. ebd. 2006, S.271f).

Fur Erikson ist Identitat das bewusste Sein eines Individuums und einer Verantwortlichkeit fur die Bewaltigung des Lebens. Die Grundannahme Eriksons ist, dass Identitat nicht allein aus dem Subjekt heraus entsteht, vielmehr auch sozial und kulturell etabliert ist. Sodann verband Erikson die Entwicklungstheorie der Identitat mit einer Sozialisationstheorie.

Dabei behauptet er, dass die Entwicklung selbst ein Kreislauf von (vgl. ebd. 2006, S. 273) (...) ,,phasenspezifischen -risen oder „Kernkonflikten“ (ebd. 2006, S. 273, Herv. i. Orig.) ist, diese mussen gelost werden. Im Kindes- und Jugendalter kommt es zu einer Krise durch das korperliche, geistige und sexuelle Wachstum. Diese stimmen nicht mit den Opportunitaten und Voraussetzungen der sozialen Umwelt uberein. Da typische Herausforderungen der sozialen Umwelt eine Revision der bis zu diesem Zeitpunkt ubernommenen geistigen Orientierungen und Handlungskompetenzen verlangen, kommt es im Erwachsenalter zu einer Krise (vgl. ebd. 2006, S. 273).

In jeder Phase wird ein Hohepunkt erreicht und gelangt in die kritische Phase. Dabei kommt es zu einer bleibenden Losung (vgl. ebd. 2006, S. 274). (...) ,,Diese bleibende Losung besteht in einer bestimmten Grundhaltung des Menschen zu sich selbst und zu seiner Umwelt (...)“ (ebd. 2006, S. 274, Herv. i. Orig.). Es bildet sich in einer jeden Phase ein bestimmte Tugend heraus. Erikson versteht darunter eine Grundstarke, mit welcher das Subjekt sich selbst aber auch andere durch das Leben lenkt. Wenn die jeweilige Entwicklung eines Individuums mit den sozialen Herausforderungen des Lebens in Gleichklang kommt, Moglichkeiten genutzt und erkannt werden, integriert das Ich Tugenden und Starken, welche dann wiederum die Voraussetzungen schaffen, um Probleme der nachsten Phase zu meistern.

Die eigentliche Weichenstellung, so Erikson, geschieht in der Adoleszenz. Der Heranwachsende verlasst in diesem Stadium sukzessiv originare, gemeinschaftliche Verbindungen und entwirft andere zweckgerichtete, gesellschaftliche Bindungen. In dieser Phase wird sich das Subjekt im ,,Spiegel der Anderen“ schmerzhaft bewusst (vgl. ebd. 2006, S. 274, Herv. d. C.R.).

Erikson differenziert acht Lebensphasen welche nun folgend beschrieben werden sollen.

Die acht Phasen nach Erikson beginnen mit der ersten, oral-sensorischen Phase. Das Neugeborene ist von der Mutter vollig abhangig. Der Saugling erlebt hier, dass seine Bedurfnisse nicht immer gleich und nicht immer ausreichend befriedigt werden. Ob und wann die Befriedigung erfolgt, das Unwissen daruber, kann sich verstarken und zu einem Misstrauen- und Resigantionsempfinden fuhren. Das Erfahren von bestandiger und zartlicher Zuwendung weckt ein Gefuhl von fundamentalen Vertrauen. Diese Grundhaltung nennt Erikson Urvertrauen. Der zentrale Konflikt in dieser Phase ist der zwischen Misstrauen und Vertrauen. Die Tugend ist hier die Hoffnung (vgl. Abels 2006, S. 275, Herv. d. C.R.).

Die zweite Phase spricht vom Konflikt zwischen der Autonomie und der Scham/Zweifel. Hier wechselt die Grundform der Handlungsweisen zwischen Festhalten und Loslassen. Die Frage ist, ob sich das Kind anpasst oder ob es sich mit seinem autonomen Willen durchsetzt. Die Unterordung ist mit einem Gefuhl von Scham und Zweifel behaftet.

Wenn das Kind also zu einer selbstandigen Personlichkeit heranwachsen soil, muss in der ersten Phase Vertrauen entstanden sein. Bei Erikson gilt der Grundsatz dasjede Phase auf die vorhergehende aufbaut (vgl. Hauler 1995, S. 77, Herv. d. C.R.).

Die dritte Phase ist die zwischen Initiative und Schuldgefuhlen. Es spielen hier odipale Konflikte eine Rolle. Das Kind fuhlt sich durch die fortschreitende sensomotorische und kognitive Entfaltung machtig, um sich auszuprobieren, zu erkunden und alles mogliche zu unternehmen. In der Phantasie kommt es auch zu genitalen Vorstellungen und Spielen, dabei kann das Kind Schuldgefuhle entwickeln (vgl. ebd. 1995, S. 77, Herv. d. C.R.).

Die vierte Phase nennt Erikson das Schulalter. Um das sechste Lebensjahr tritt in der sexuellen Entwicklung eine Pause ein. Das Kind lernt Dinge, die fur das Leben notwendig und nutzbar sind. Es freut sich daruber, etwas zu konnen und sich mit anderen Kindern messen zu konnen. In dieser Phase besteht der Kernkonflikt darin, ob das Kind an Erfahrungen und Anforderungen, die es sich selbst stellt oder die von Bezugspersonen gestellt werden, scheitert oder ob es diesen gerecht wird. Schafft das Kind seine Aufgabe, so bewirkt der Erfolg, dass es SpaB entwickelt Pflichten zu erfullen. Versagt es allerdings, fuhlt sich das Kind mutlos und minderwertig. Somit bildet sich ein Empfinden zwischen Leistung/Werksinn und Minderwertigkeitsgefuhlen aus (vgl. Abels 2006, S. 277).

Die funfte Phase im Leben, die Adoleszenz, war fur Erikson sehr bedeutsam. Die Identitat entwickelt sich ein Leben lang, aber in dieser funften Phase werden die Weichen fur die weitere Entwicklung gestellt. Der Ubergang vom Kind zum Jugendlichen ist ein Zeitabschnitt haufig auftretender Zweifel, es wird experimentiert, neu entworfen und revidiert. Der Konflikt, der hier ausgetragen wird, ist der zwischen Identitat und Identitatsdiffusion. In diesen Entwicklungsjahren erfolgt die Entscheidung einer stabilen Identitat oder ob die Identitat kontur- und kraftlos bleibt. Was geschieht also in der Jugendphase? (vgl. ebd. 2006, S. 278f).

Das Bewusstsein vom eigenen Ich, gerat auf den Prufstand der Indentifizierung nach auBen. Vorstellbar ist dies als zweifacher Prozess. Einerseits untersucht der Jugendliche, ob seine unfertige Identifikation mit neuen Personen seines Umfeldes ubereinstimmen, andererseits setzt ihn die Gesellschaft gleich zu Jemandem, der Familie und Heim verlasst und sich seinen Weg in der Gesellschaft sucht. Die Anforderungen in der Zeit des Umbruchs beschreibt Erikson so (vgl. 2006, S. 280, Herv. d. C.R.): (...) „Junge Menschen mussen zu ganzen Menschen aus ihrem eigenen Wesen heraus werden, und das in einem Entwicklungsstadium, das sich durch eine Vielfalt von Veranderungen im korperlichen Wachstum, in der genitalen Reifung und in der gesellschaftlichen Bewusstwerdung auszeichnet (...)“ (Erikson 1959, S. 78 zit. n. Abels 2006, S. 280).

Die Jugend macht diesen Prozess oft mit groBen Gesten deutlich. Dies sollte nicht missverstanden werden, denn der Jugendliche empfindet die groBen Worte und Gesten selbst als Risiko. Das dargestellte Selbstbewusstsein soll Zweifel und Angste verbergen. Oft wissen die jungen Menschen nicht an wen sie sich mit ihren Problemen und Gefuhlen wenden konnen. Die Freunde werden dann sehr wichtig, doch da diese ja die gleiche Suche erfahren, kann sich der Zweifel noch verstarken. In dieser Lage, auf dem gemeinsamen Weg, auf der Suche nach der Identitat, legen sich Jugendliche anscheinend wie aus heiterem Himmel auf eine Denkweise, ein Ziel oder einen Kleidungsstil fest. Alles andere wird von ihnen vollstandig abgelehnt. Dieser Idealismus ist die Bemuhung, eine eben konzipierte Identitat zusammen zuhalten.

Die Freunde oder Gleichgesinnten bilden einen Chor, der diesen Entwurf der Identitat stutzt. Jugendliche besitzen in dieser Zeit sogenannte Probeidentitaten. Nur durch eine scharfe Abgrenzung, meist gegen die Erwachsenen, und die Abwehr alternativer Muster konnen sie zusammengehalten werden. Die Jugendlichen wollen sich vor einer bevorstehenden Vermischung der Identitat schutzen. Scheinbar entscheidet sich der Jugendliche fur die Ewigkeit wer er ist und wie er keinesfalls werden will. Diese Entscheidung erfolgt nach dem Grundsatz totaler Exklusion5 und absoluter Inklusion6 (vgl. Abels 2006, S. 281).

In einer Zeit der Auflosung fester Orientierungen und der Ungewissheit uber sich selbst ist eine totalitaritische Haltung ein Versuch, eine absolute Gestalt von sich und dem Lebenssinn zu vergegenwartigen. In diesem Zeitabschnitt ist die Treue die Tugend. Es besteht ein Bedurfnis bedingungsloser Treue und enger Gemeinsamkeit. Warum ist die Treue so wichtig? Sie beruht auf dem vollstandigen Glauben an etwas Ehrliches und Wahres. Dies konnen Werte, Ideologien, reale oder fingierte Personen sein. Die Identitat wird mit der Treue an etwas gebunden, welches selbst Teil der Identitat ist, da Treue eine auBergewohnliche Beziehungsform ist. Letztlich entsteht das Muster der Identitat aus dem oben genannten Grund das (vgl. 2006, S. 282) (...) ,,der Jugendliche primare, gemeinschaftliche Beziehungen verlasst und sich in gesellschaftlichen Beziehungen durch eigene Leistungen etablieren muss (...)“ (ebd. 2006, S. 282).

Die sechste Phase ist die zwischen Intimitat und Isolierung. Nur wer seine Identitat entwickelt hat, ist zur Intimitat und einer gefestigten Partnerbeziehung fahig. Das Gegenteil ist Ruckzug, Isolierung und sogar Zerstorung von Beziehungen. Die siebte Lebensphase besteht aus der schopferischen Tatigkeit und der Stagnation. Hier versteht Erikson, dass das Interesse an eigenen Kindern entsteht und es entwickelt sich eine Produktivitat in der Arbeit. In der letzten und achten Phase, Integritat und Verzweiflung, besteht die Krise darin mit dem eigenen Leben zufrieden zu sein. Es entsteht entweder eine harmonische Einheit, die integriert werden kann oder das Gefuhl von Verzweiflung und Abscheu (vgl. Hauler, S. 77, Herv. d. C.R.).

Erikson wollte mit seinem Phasenmodell vermitteln, dass die Identitat nicht feststeht sondern ein ganzes Leben lang wachst und sich entwickelt. Das Individuum muss die Fahigkeit besitzen, auch durch wechselnde Situationen, durch Kongruenz und Konstanz sein Ich aufrechtzuerhalten. Personale Identitat nennt dies Erikson. Ich-Identitat hingegen ist das Bewusstwerden und Empfinden, das andere Personen diese Kongruenz und Konstanz erkennen. Doch gibt es auch Kritik an seinem Modell. Eriksons „unpassende“ Annahme vorgebildeter und universeller Phasen der Entwicklung scheint problematisch (vgl. ebd. 2006, S. 285, Herv. d. C.R.).

Die Phasen bauen aufeinander auf und erleben ihren Hohepunkt, treten in die Krise und erfahren dann eine bestandige Losung. Demzufolge entsteht ein Widerspruch zwischen Eriksons Annahmen und gegenwartig abgesicherten empirischen Ergebnissen der Krisenbewaltigung. Eine weiteres Problem sieht Hauler in den ersten Phasen die Erikson beschreibt, er macht diese zu sehr an der Theorie der psychosexuellen Entwicklung nach Freud fest (vgl. Hauler 1995, S. 79).

4.2 Identity-Status-Modell nach James E.Marcia

James E. Marica, Professor an der Simon Fraser University in Burnaby, Canada, Entwicklungspsychologe und Jugendforscher, fuhlte sich Eriksons Ansatz verpflichtet, brach aber mit zwei doktrinaren Annahmen Eriksons. Das Modell der psychosozialen Entwicklung Marcias muss so weit konkretisiert und operationalisiert werden, dass es einer empirischen Untersuchung zuganglich wird. Damit ware ein primares Attribut fachwissenschaftlicher Theoriebildung erfullt. Marcia legt sich nicht auf altersgebundene Phasen oder unwiderrufliche Krisenlosung fest (vgl. Hauler 1995, S. 79). Viele Wissenschaftler deren Forschungsgebiet die Identitat ist, nutzen Marcias Methode und Ansatz noch heute. In vier Stadien unterteilt Marcia Identitat; diese bezeichnet er als Identitatsstatus, welche nicht uber faktische Inhalte bestimmt werden. Bei ihm bestimmen die Prozessvariablen 'Exploration von Alternativen' und 'Eingehen von Bindungen' den Identitatsstatus. Die sich daraus ergebenden Gruppen sind:

- Diffusions; die keine Bindungen eingegangen sind,
- Foreclosures; deren Subjekte schlieBen die eigene Entwicklung aus und halten sich an Kindheitsbindungen
- Moratoriums; deren Individuen sind in der Suchphase
- Achievers; diese sind bereits Bindungen eingegangen (vgl. Stadl 2009)

Diese Gruppen zu unterscheiden gelingt durch die ermittelten Werte der aktiven Identitatssuche und -findung. Marcia mochte die gegenwartigen Stadien der Identitat eines Subjektes mittels Fragen erfassen. Dabei sollen die AusmaBe an Verbindlichkeiten, Tiefpunkte und die Ausgrenzungen in differenzierten Lebensraumen erfasst werden. Die Messung des AusmaBes der Festlegung und Exploration erfolgt mit Hilfe des Identity-Status-Interview (ISI). Inhaltlich geht es um Beruf, Religion und Politik. Diese Bereiche erachtete schon Erikson als sehr wesentlich. Spater baute Marcia die Sexualitat noch mit ein. Er untersuchte damals fast ausschlieBlich Studenten, da sie leichter zu akquirieren waren und das notige Verstandnis besaBen. Marcia betrachtet Identitat unter drei Aspekten:

- strukturell; d.h. er beschreibt den Aufbau der Identitat nach Eriksons Phasenmodell
- phanomenologisch; wie ist das Subjekt zu seiner Identitat gekommen (Art und Weise)
- verhaltensbestimmt; pruft die beobachtbaren Elemente des Prozesses der Identitatsbildung und wie diese sich im Verhalten zeigt (vgl. Stadl 2009, Herv. d. C.R.)

Weiterhin gibt es drei wichtige Dimensionen des Status von Identitat:

(...)„

- Krise: AusmaB an Unsicherheit, Beunruhigung und Rebellion in einem Bereich
- Verpflichtung: Umfang von Engagement und Bindung von einem Bereich
- Exploration: AusmaB an Erkundigung eines Lebensbereiches mit dem Ziel einer besseren Orientierung und Entscheidungsfindung - entscheidende Strategie zur Bewaltigung von Identitatsproblemen (...)“ (Stadl 2009, Herv. i. Orig.).

Marcia teile die Identitatszustande wie folgt ein:

- diffuse Identitat, d.h. eine Festlegung auf Werte und Beruf erfolgt nicht
- ubernommene Identitat, d.h. die Eltern wahlen bzw. legen Werte und Beruf fest
- Moratorium, d.h. berufliche oder andere Wertfragen werden gegenwartig bedacht
- erarbeitete Identitat, d.h. Werte und Beruf bzw. die Festlegung darauf wurde selbst gewahlt (vgl. Stadl 2009)

In seinem Konzept sieht er keine Stufenfolge, d.h. eine Reihenfolge konstanter Verbesserung wie es Erikson herausarbeitete. Auch lehnt er ein am Alter gebundenes Modell der Identitatsentwicklung ab. Wenn Individuen selbstandig ihren Beruf gewahlt haben, die Ausbildung beendet und einen fur sie passenden Arbeitsplatz gefunden haben, heiBt das nicht, ein Leben lang in dieser erarbeiteten beruflichen Identitat festzustecken. Fur Marcia steht der Weg von einen Identitatszustand in einen anderen das ganze Leben lang prinzipiell offen (vgl. Hauler 1995, S. 82).

4.3 Identitat in Jugendkulturen

Jugendliche mussen sich mit Identitat und Identitatsverwirrung in der Phase der Adoleszenz auseinandersetzen. Verschiedene Rollen konfrontieren sie, wie z.B. die Rolle der Mutter oder des Angestellten. Die Gesellschaft erwartet, dass die jungen Menschen diese Rolle ausfullen, in sie hineinwachsen und sie leben. Doch einige Jugendliche konnen mit diesen Rollen noch nichts anfangen und geraten in eine Identitatsverwirrung. Der junge Mensch fuhlt sich uberfordert, da er dem Druck der Eltern oder der Gesellschaft nicht gewachsen ist. In dieser Lebenssituation schlieBen sich haufig Jugendliche einer Subkultur oder Szene an (vgl. Behr 2007, S. 94).

(...) „Die Attraktivitat der Su bkulturen ist das re b ellische Moment sowie der Hedonismus und die Alternatives die zu den Einschrankungen des Elternhauses, der Schule und der Arbeitssituation geboten werden - in einem Wort: Subkulturen machen Spa). Sie sind Orte, wo man sich gehen lassen undsich ausleben kann (...)“ (Brake 1981, S. 167 zit n. Behr 2007, S. 94, Herv. i. Orig.).

Im Jugendalter konnen verschiedene Rollen und Identitaten ausprobiert werden. In einer Szene identifiziert sich die/der Jugendliche nicht nur mit der Rolle der Tochter oder des Sohnes, sondern auch mit anderen Dingen, in der Schwarzen Szene bspw. mit Personlichkeiten vergangener Epochen. So werden andere Identitaten angenommen. Es besteht die Moglichkeit der Wahl des Ausprobierens und des wieder Ablegens. Wie im Kapitel drei der Erklarung von Marcias Identitatszustanden schon erwahnt, ist diese Phase der Identitatsfindung als Moratorium zu begreifen. Wahlt das Individuum selbst eine Subkultur, besteht dort eine gute Opportunitat andere Identitaten zu erproben. Die Szene stellt eine gemeinschaftliche Identitat bereit und ist Interaktionsgruppe, welche den Raum fur individuelle Identitatsentwicklung gibt. Es wird vermutet, dass diese individuelle Identitat frei ist von schulischen, arbeitsplatzbedingten und heimischen Rollenverteilungen. Vielmehr bietet die Subkultur einen Rahmen fur Handlungen, welche einen Werdegang alternativer Entwicklung ermoglicht. Hierdurch erfolgt die Abnabelung von den Eltern, denn die Jugendlichen wollen nach ihren eigenen Richtlinien und Normen leben.

Somit filtern sie ihre Wunsche und Bedurfnisse aus und erleben sie. Meist besitzt der von ihnen gewahlte Stil einen rebellischen Charakter. Eine eigene Identitat zu erlangen, sich auf die Suche zu begeben, setzt eine Abgrenzung voraus, um eigene Erfahrungen zu sammeln. Spater ist es haufig so, dass die Erlebnisse in den Subkulturen negiert werden. Die Heranwachsenden wollen mit ihrer subkulturellen Identitat nichts mehr zu tun haben. Die Zeit in der Szene wird als Entwicklungszeitraum von den jungen Menschen angesehen. So sind Jugendkulturen wichtig fur eine eigene Identitatssuche und -findung. Es kann ein Weg sein, sich selbst zu entdecken (vgl. Behr 2007, S. 94 f.).

Helmut Fend, der 1995 ,,Identitatsentwicklung in der Adoleszenz“ verfasste, stellte fest, dass Identitatsentwicklung heiBt herauszufinden, wie ein Individuum sich selbst gern prasentieren will und wie es sich in dem was es liebt und gern tut wiederfindet (vgl. Fend 1991, S. 25, Herv. d. C.R.). (...) ,,Ich bin was ich mag und wie ich mich in welcher Selbstdarstellung mag (...)“ (ebd. 1991, S. 25). Identifiziert man sich mit bestimmten Formen der Korpergestaltung, Freizeitgestaltung und Kleidung, ist ein Prozess der Identitatsentwicklung abgeschlossen (vgl. ebd. 1991, S. 25).

4.4 Fazit

Festzuhalten ist, dass die menschliche Identitat sich nach seiner Lage in der Zeit bestimmt. Sie ist veranderbar und niemals fur alle Zeiten festgelegt, also nicht irreversibel konkretisiert. Auf Probe gilt sie, und zwar solange, wie sie Akzeptanz findet. Sie kann, auch wenn dies ein schwerer und schmerzvoller Prozess ist, ausgetauscht werden. Menschliche Identitat, die eine Permanenz darstellen will, ist ohne Risiko und Verganglichkeit nicht vorzustellen. Dies muss bedacht werden, spricht man von Identitat und meint dabei, dass sich jemand als geworden und wieder erkennbar identifiziert. In der Interaktion mit anderen ist das Subjekt geworden und wieder erkennbar. Einerseits teilt das Individuum Interessen und Motive anderer, andererseits differenziert es sich von ihnen. Nur so kann eine Abgrenzung der Identitat gegenuber anderen erfolgen. Demzufolge kann Identitat als eine Beziehungsleistung begriffen werden, welche auf Identifikation, Imitation und Vergleich mit anderen beruht. In den Peer-Groups entwickeln sich autarke Beziehungsleistungen, welche an der Identitat des Jugendlichen bauen. Weiterhin ist Identitat eine Relativierungsleistung. Durch Beziehungen mit anderen wird erkannt, dass man nicht der Mittelpunkt von allem ist. Der Jugendliche entdeckt seine Starken, stellt aber fest, dass diese begrenzt sind und durch andere Kompetenzen erweitert werden mussen. Er erkennt die Endlichkeit, begreift das auch er einmal sterben wird (vgl. Baacke 1999, S. 254). (...) ,,Wenn ich mich anders, andere als anders sehe und mich selbst als den, der ich bin, erfahre, dann bin ich gezwungen, mich immer in Relation zu anderen zu sehen und mich dadurch auch selbst zu relativieren (...)“ (ebd. 1999, S. 254).

Dies geschieht in Peer-Groups und besonders in Jugendkulturen. Die Maxime des Begriffes Identitat ist, dass ein Individuum andere als anders erkennt und damit sich selbst als das, was es ist. Es ist also mit anderen vergleichbar und doch auch zu differenzieren (vgl. ebd. 1999, S. 254).

Das Bild von uns selbst, unsere Identitat, mussen wir selbst denken. Es sollte gelingen durch Mut, sich auch gegen Erwartungen anderer und unserer eigenen Denkweise zu behaupten. Die Vorstellung, wer wir sein konnten, wird oft vergessen und verdrangt (vgl. Abels 2006, S. 445). (...) ,,Wem es wirklich darauf ankommt, sich als Individuum im Spiel des eigenen Lebens zu halten, der muss auch den Mut haben, uber untergegangene Wunsche und Hoffnungen nachzudenken (...)“ (ebd. 2006, S. 445, Herv. i. Orig.). In allen Lebensabschnitten lohnt es sich an die erste Tugend in Eriksons Modell zu denken, das Vertrauen. Man kann es durchaus auch nachtraglich aufbauen, es bedeutet also nicht, man hat es oder man hat es nicht. Vergessen sollte man nicht, dass zwar Vertrauen durch die Verlasslichkeit eingegangener Bindungen zu anderen sich entwickelt, aber letztlich ist es das Vertrauen in sich selbst.

5 Hintergrundinformationen zur Schwarzen Szene

Schwarz gekleidete Figuren schweben fast uber die StraBen Leipzigs, blasse Gesichter, einige schlicht andere kunstvoll verziert. Fast konnte man meinen, in eine vollig andere Welt eingetaucht zu sein. Im Park sitzen meist in Gruppchen verteilt, junge Menschen in einfachen schwarzen Klamotten oder in asthetischen Gewandern. Ein nicht unerheblicher Hauch von Patchouli7 liegt in der Luft. Nur zu Pfingsten kann man diesen Duft in so hoher Konzentration wahrnehmen. Diese Eindrucke gewann ich, als ich im Jahr 2002 das erste Mal auf dem groBten Gothic Treffen weltweit, dem Wave Gotik Treffen, war. Jedes Jahr wiederholt sich dieses Schauspiel, was ca. 20.0008 Besucher aus allen Landern der Welt anlockt. Doch was ist das fur eine Jugendkultur?

Diese Szene ohne wirklichen Namen scheint ein Phanomen zu sein. Die Welt der Schwarzen (...) ,,lasst sich auffassen „als Welt des Ruckzugs bzw. der Verweigerung. Charakteristisch fur Grufties ist namlich, dass sie nicht wie andere Jugendkulturen (...) den Brennpunkt des modernen Lebens, die StraBe, als Aufenthaltsort und Buhne zur Selbstdarstellung bevorzugen, sondern als Orte der Stille, Einsamkeit und Besinnung, wo sie - ihren Ruckzugsintentionen entsprechend - ungestort und unter ihresgleichen sind. Es sind Raume, die eine Atmosphare von Tod, Trauer, Leid, Frieden und Verganglichkeit ausstrahlen (...)“ (Schmidt/Janalik 2000, S. 16; zit. n. Schmidt/Neumann-Braun 2008, S. 81; Herv. i. Orig.).

Meines Erachtens gibt es keine andere Subkultur, die so vielfaltig und facettenreich ihr Angebot widerspiegelt, sei es in der Musik, Kleidungsstil, Lebenseinstellung und Ideologie. Ihre Anhanger sind im Alter von 14 bis 40 Jahren, wobei der groBte Teil um die 16 bis 24 Jahre alt ist. Aber auch weit altere Szeneganger sind zu verzeichnen (vgl. Ministerium fur Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen, S. 60 zit. n. Rutkowski 2004, S. 42). Meine eigenen Beobachtungen, z. B. auf dem Mera Luna9, bestatigen diese Altersspanne. Der Szeneferne sieht diese Schwarzromantiker meist mit einem zweifelnden oder lachenden Auge. Die Vorurteile und Klischees (...) ,,verlassen selten die schmale Gasse zwischen Sargbett und Satanismus (...)“ (Matzke/Seeliger 2000, S. 7). Trotz vieler Versuche der Aufklarung, herrscht in der Offentlichkeit noch immer ein durch Dilettantismus gespeistes Unbehagen gegenuber der Schwarzen Szene (vgl. Matzke/Seeliger2000, S. 8).

In dieser Arbeit wird die Notation Schwarze Szene appliziert, da bei meinen Recherchen und Interviews diese Bezeichnung von den Szenegangern am haufigsten verwendet wurde. Des weiteren werden sinngemaB ahnliche Bezeichnungen fur ein und dasselbe verwendet um die Lesbarkeit zu gewahrleisten. Es werden diejungen Menschen, die sich in der Szene bewegen als Gothics, Szeneganger, Szenemitglieder, Schwarze oder einfach Jugendliche bezeichnet. Dieses Kapitel soll die Schwarze Szene in Deutschland detailliert beschreiben, um dem Leser einen Einblick in Struktur, Werte und Lebensgefuhl geben zu konnen. Dabei werde ich zu Beginn die Entstehung dieser Szene wiedergeben, anschlieBend sollen die unterschiedlichen und gemeinsamen Wege in die Szene beschrieben werden.

Ich werde auf die Bedeutung der Farbe Schwarz eingehen, die Kleidungsstile, Symbole, Musikstile und das Szeneleben werden danach dargestellt. AbschlieBend folgt ein kurzes Fazit, das dieses Kapitel zusammenfassen wird.

5.1 Entstehungsgeschichte

Bevor die Anfange der Schwarzen Szene geschildert werden, mochte ich zum besseren Verstandnis kurz den Begriff Gothic historisch beschreiben. Man muss schon weit zuruckblicken, um den Ausdruck Gothic zu abstrahieren. Von Skandinavien und Osteuropa herkommende Stamme besiegten 410 n. Chr. die romische Macht und plunderten Rom (vgl. Meisel 2005, S. 9, Herv. d. C.R.). (...) ,,Diese Stamme erhielten von griechischen und romischen Autoren die Bezeichnung „Goten“ und wurden Synonym fur eine kriegsahnliche Barbarei (...)“(ebd. 2005, S. 9, Herv. i. Orig.). Daher wird Gothic mit Dusterkeit, Macht, Finsternis und Grausamkeit assoziiert. Schaut man sich weiter in der Geschichte um, fallt der Blick irgendwann auf das Mittelalter Europas, speziell der Blick auf die Kunst oder die Stilstufe der Gotik. Die Italiener gaben diesem Stil im 15. Jahrhundert eine negative Konnotation. Ihrer Ansicht nach war die Antike ein goldenes Zeitalter und das nun folgende Mittelalter bzw. dessen Kunst empfanden die Italiener als unmenschlich. Fur diesen Zustand wurde die Ara der Goten verantwortlich gemacht.

Die in der Epoche der Gotik wirkenden Schriftsteller und Kunstler wie Ann Radcliffe, De Sade und E. A. Poe thematisierten den Verfall, den moralischen, korperlichen, emotionalen und sozio-politischen Zusammenbruch und waren fasziniert von architektonischen Ruinen (vgl. Meisel 2005, S. 11). Nicht mit Sicherheit kann man sagen woher der Name der Gothic- Subkultur stammt. Einige Autoren glauben im Musikgut und Kleidungsstil den dusteren, romantisch-melancholischen Stil des 18. Jahrhunderts wiederzuerkennen.

Damals kam eine neue Form des Romans auf den Markt, die sogenannten Gothic-Novells. Diese Schauerromane hatten ihren Ursprung im angelsachsischen Raum. Es gab auch fruher schon Melancholiker, die sich der dusteren Seite des Lebens verschrieben. Zu nennen sei hier bspw. Novalis mit „Hymne der Nacht“. Aber es bleibt dennoch offen, ob hier die Wurzel des Begriffs zu suchen bzw. zu finden ist (vgl. Rutkowski 2004, S. 54, Herv. i. Orig.).

In England des 20. Jahrhunderts, Ende der 70er Jahre entstand der Begriff Gothic fur die Beschreibung einer Musikstilrichtung. Verschiedene Musikmagazine, wie beispielsweise New Musical Express, umschreiben Bands wie Siouxie an The Bandshees, Joy Division oder Bauhaus mit dem Titel Gothic. Aus der langsam abebbenden Punk-Bewegung, in GroBbritannien kristallisierte sich nach und nach die Schwarze Szene heraus. Schon im Punk gab es unterschiedliche Elemente bzw. Untergruppierungen. So hatte der Depro Punk eine sehr negative Einstellung, dessen Themen Arbeitslosigkeit, Umweltkatastrophen und Untergang war. Die neue Stromung der Schwarzen versah diesen Habitus mit einer gewissen Romantik. Sehr wichtige Vorlaufer der Schwarzen Szene waren die New Wave und New Romatic Richtung. Durch diese Stile wurde die Schwarze Szene stark beeinflusst (vgl. Meisel 2005, S. 9). Der Sanger Robert Smith von der Band The Cure gestaltete mit seinem unverkennbaren AuBeren maBgeblich die entstehende Schwarze Szene. Sein androgynes Auftreten - schwarzer Kleidungsstil, weiBgeschminktes Gesicht, rote Lippen und hochtoupierte Haare - werden fur die Szene zum Vorbild ihres Stiles (vgl. Schmidt/Neumann-Braun 2008, S. 74).

Die endgultige Abspaltung der Schwarzen Szene vom Punk geschah Ende der 80er Jahre. Manche Punks konnten mit dem radikalen Denken, dem vermehrten Alkoholkonsum und dem herumlungern ihrer Kumpane nichts mehr anfangen. Auch in der Musik wurde dies sehr deutlich, welche mehr und mehr die Melancholie transportierte (vgl. Hitzler/Buchner/Niederbacher 2005, S. 71). Klaus Farin stellte fest (...) ,,Wieder andere, die schon fruher lieber stundenlang uber den Sinn des Lebens meditierten, statt dessen Sinnlosigkeit in Bier zu ertranken, die keinen SpaB an der Gewalt und wenig Interesse fur die Politik hatten, die ein edleres Outfit dem StraBen-Schmuddel- Look vorzogen, die insgesamt Introvertierteren aus der Punk-Szene, wurden Grufties (...)“ (Farin 2001, S. 8; zit. n. Behr 2007, S. 73).

In Deutschland liegt nunmehr der Schwerpunkt der Schwarzen Szene. Wie eingangs schon erwahnt, findet das groBte Gothic Treffen in Leipzig statt; viele Anhanger folgen dieser Bewegung deutschlandweit. Die wachsende Zahl der Fans in den Neunzigern des 20. Jahrhunderts war mit dem Auftreten eines neuen Musikstiles, dem EBM, verbunden. In den 90er Jahren entstanden neue musikalische Substile (...) ,,die sich durch die Verwendung klassischer, sakraler oder auch elektronischer Klange und Stilmittel von den bisherigen Stromungen unterschieden (...)“ (Hitzler/Buchner/Niederbacher 2005, S. 71). Die Musik die von den Szenegangern gehort wurde, klang ruhiger, tragender und melancholischer.

Selbst in der einstigen DDR gab es starke subkulturelle Stromungen. Dies wurdejedoch erst mit dem Fall der Mauer bekannt. Leider ist die Literaturlage hierzu sehr durftig. Die bestimmenden Gruppierungen waren Skinheads, Heavy Metal, Punks und eben Gothics. Baacke schreibt in seiner Arbeit ,,Jugend und Jugendkulturen“ von 1999 der Gruftie Szene in der DDR eine besondere Bedeutung zu. (...) ,,Die Gruftie Szene ist von ganz anderer Art, und wenn ich mich nicht tausche, hat sie besonders in der DDR ihre deutsche Blutezeit gehabt (...)“ (Baacke 1999, S. 86, Herv. d. C.R.). Durch zwei Bands, Depeche Mode und The Cure, entwickelte sich langsam auch in der DDR die Schwarze Szene. Aber auch die Mode erreichte die Menschen hinter der Mauer, Mitte der 80er Jahre.

Die Entwicklung in Ost und West war vergleichbar. Doch aufgrund der sozialistisch gepragten Staatsform lebte hier die Szene eingeengt und unterdruckt, sie galt als Tabu. Und wie viele ostdeutsche Subkulturen hatte auch die Gruftie-Szene Probleme mit der Staatsgewalt. Dieser gemeinsame Feind, die Regierung, liel aber die Szeneganger viel starker zusammen wachsen. Es entstand hier deutlicher das Gefuhl einer Familie, in der man sich verstand ohne viele Worte. In Potsdam fand 1988 ein erstes groBes Treffen statt. Damals war es ohne staatliche Genehmigung verboten, sich an offentlichen Platzen zu treffen, wenn es dabei mehr als drei Personen waren (vgl. Rutkowski 2004, S. 60).

[...]


1 Gemeint ist hier, dass verschiedene Deutungsmuster hinsichtlich unterschiedlicher Lebenssituationen nicht alle Lebensbereiche abdecken, sondern meist nur einen bestimmten Bereich (Herrmann 2007, S. 26).

2 Hitzler/Bucher/Niederbacher (2005): Leben in Szenen. S. 25

3 Hitzler/Bucher/Niederbacher (2005): Leben in Szenen. S. 29

4 Postadoleszenz = junges Erwachsenenalter

5 Exklusion = Ausschluss oder Ausgrenzung

6 Inklusion = Einschluss oder Einbeziehung

7 Ein Duft der in der Szene sehr haufig verwendet wird.

8 Rutkowski 2004, S. 61

9 Ein Festival in Hildesheim welches 2 Tage ca. 15.000 Besucher anzieht, hauptsachlich aus der Schwarzen Szene.

Ende der Leseprobe aus 159 Seiten

Details

Titel
Die Ideologie einer Subkultur am Beispiel der Schwarzen Szene
Untertitel
Der Anteil der Schwarzen Szene an der Identitätsbildung von Jugendlichen
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
159
Katalognummer
V149435
ISBN (eBook)
9783640607846
ISBN (Buch)
9783640607679
Dateigröße
1965 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schwarze Szene, Gothic, Identität, Jugend, Erikson, Marcia, narratives Interview, Satanismus, Geschichte, Werteeinstellung, Musik, Szene, Subkultur
Arbeit zitieren
Christiane Ranft (Autor), 2009, Die Ideologie einer Subkultur am Beispiel der Schwarzen Szene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149435

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