Kirche und kommunistisches Regime in der Volksrepublik Polen und nach dem Systemwechsel - gegenseitige Stützen ihrer totalitären Machtansprüche?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
33 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Pole = Katholik? – Die Kirche als Identitätsfaktor des polnischen Volkes

III. Die verschiedenen Phasen des kommunistischen Regimes und sein jeweiliges Verhältnis zur polnischen Kirche
1.Die kommunistische Machtübernahme
2. Polnischer Stalinismus – Ära Bierut
3. Gomulkas Nationalkommunismus Oktober 1956 bis Dezember 1970
4. Ära Gierek und Ende der Amtszeit Wyszynski Dezember 1970 bis September 1980
5. Die Zwischenzeit der „Solidarnosc“ vom August 1980 bis Dezember 1981
6. Die Militärdiktatur unter Jaruzelski

IV. Nach der Wende: Der Platz der Katholischen Kirche im „neuen“ Polen

V. Resümee: Polnische Kirche – Opposition oder Partner?

Literatur

I. Einleitung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, das Verhältnis der polnischen Kirche zum kommunistischen Regime nach dem Zweiten Weltkrieg zu untersuchen. Dazu ist es notwendig, zuerst das Verhältnis der polnischen Bevölkerung zur katholischen Kirche zu klären. Im Bewusstsein des Volkes bedeutet bis heute, ein „echter“ Pole zu sein, gleichzeitig auch: Katholik zu sein. Insofern war die Situation nach dem Krieg grotesk: Die Polen hatten mit Hilfe der einen Besatzungsmacht die andere vertrieben und die Russen den Anspruch auf einen polnischen Staat formell nicht in Frage gestellt. Allerdings baute die neue Volksrepublik Polen auf dem marxistischen Materialismus auf. Dem Marxismus, der sich selbst als die alleinige wissenschaftliche Wahrheit sah, stand der im polnischen Volk etablierte Wahrheitsanspruch des Christentums gegenüber. Mit aggressivster Militanz versuchte Stalin zur Sicherung seiner Kriegsbeute den Übergang vom konfessionellen Staat, der seine Existenz Versailles verdankte, zu einem von der Kirche getrennten Staat, dessen Macht zur Laizisierung der Gesellschaft eingesetzt werden konnte, zu erzwingen. Aber ironischerweise war der Einfluss der katholischen Kirche auf die polnische Bevölkerung entgegen ihres eigenen romantisierenden Geschichtsverständnisses nie so groß wie zur Zeit der kommunistischen Herrschaft. Schließlich trug ausgerechnet die Institution, die in den Augen ihrer Kritiker als intolerant, dogmatisch und undemokratisch galt, am Ende wesentlich zur Befreiung der Gesellschaft von der Bevormundung durch das kommunistische Regime bei. Diese Rolle als ernstzunehmender Konkurrent des Regimes entsprang nicht ihrer Tradition, sondern der Lage im Nachkriegspolen. Die bisherige Führungsschicht war durch die deutschen Nationalsozialisten ebenso wie durch die Sowjetrussen fast völlig liquidiert worden und der Kommunismus füllte ungewollt die Kirchen, da sie der einzige Konkurrent gegen den roten Terror war.

Zur Analyse des hier bereits angedeuteten paradoxen Verhältnisses von Staat und katholischer Kirche beschreitet die vorliegende Arbeit den Weg einer Gegenüberstellung der sich wandelnden Situationen des Staates auf der einen Seite und der Kirche auf der anderen. In der chronologischen Darstellung werden sich immer wieder ähnliche Problemkonstellationen aufweisen lassen. Zudem wird noch auf die Stellung der polnischen Kirche im neuen demokratischen System nach Zusammenbruch des Regimes eingegangen. Damit wird versucht, der Frage näherzukommen, inwiefern die Kirche von ihrer Rolle als Verfolgte des Staates einerseits und entscheidender Faktor für den Machterhalt der Kommunisten andererseits profitierte. Kann man soweit gehen zu behaupten, dass dem Episkopat seit Anfang der 1980èr Jahre sogar daran gelegen war, dem Regime die Macht in einem der Kirche genehmen Rahmen zu erhalten, weil seine eigene Macht und der Einfluss auf die Bevölkerung daran hing? Gab es gegenseitige Absprachen oder sogar Abhängigkeiten? Edith Heller behauptet in ihrem Aufsatz, dass die katholische Führungsspitze über die bevorstehende Ausrufung des Kriegsrechtes 1981 informiert gewesen sei. Sie stellt die These auf, dass Kirche und Staat in der Endphase des kommunistischen Systems ein weitaus besseres Verhältnis gehabt hätten als nach der Wende.[1]

Die Frage der gegenseitigen Abhängigkeiten von Kirche und Staat in Polen wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Einigkeit herrscht darüber, dass die Kirche zur Zeit des Stalinismus unter großen Repressalien zu leiden hatte und jeglicher Rechte beraubt wurde. Unbestritten ist auch, dass sich die Machtverhältnisse seit der Ära Gomulka immer mehr zugunsten der Kirche verschoben. Allerdings gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, ob das Verhalten der Kirche während der kommunistischen Herrschaft immer uneigennützig im Dienste des Wohles der Gemeinschaft geschah, oder ob auch ureigenste Machtinteressen im Spiel waren. So sind einige Autoren der Meinung, dass es dem Primas Wyszynski nicht ungelegen kam, dass sich die Reformbestrebungen des Zweiten Vatikanischen Konzils vom kommunistischen Getto leicht fernhalten ließen. Trotzdem steht für alle Forscher außer Frage, dass sie Verfolgten des Regimes unabhängig von ihrer Rechtgläubigkeit Schutz geboten hat. Das Ende des Ostblocks stellt für viele eine Zäsur dar, ab der das Verhalten der Kirche mit einem anderen Maß gemessen werden muss. Helmut Juros meint, dass sich die Kirche auf ihren Verdiensten aus Zeiten des Regimes ausruht. Er schreibt, 40 Jahre Kommunismus würden von manchen als eine Art Fegefeuer angesehen, die alle alten Defizite der Kirche ausgebrannt hätte. Er sieht weiter Analogien zwischen dem realen Sozialismus und der polnischen Kirche der Nachkriegszeit. So glichen ihre straffe Organisation, autoritäre Führungsschicht und paternalistische Versorgungspastoral manchmal stark dem vergangenen System. In der Vergangenheit musste sie ein Hort der Freiheit gegen die fremden politischen Machthaber und die Hüterin der nationalen Interessen sein. Nur deshalb wäre ihr Kritik erspart geblieben.[2] Insgesamt lässt sich erkennen, dass Forscher aus dem theologischen Umfeld wie Johannes Gönner, Zbigniew Waleszczuk, Jan Siedlarz und andere das Verhalten der Kirche eher positiv betrachten und deren Handeln vor und nach der Wende auch bei kritischer Betrachtung eher zustimmender beurteilen als Autoren ohne kirchlichen Hintergrund.

Einschränkend ist allerdings anzumerken, dass mangels einschlägiger Sprachkompetenz keine polnische Fachliteratur herangezogen werden konnte. Die zugrunde liegenden deutschsprachigen Arbeiten sind – mit Ausnahme der theologischen Dissertation von Waleszczuk aus dem Jahr 2004 – schon etwas älter. Es steht zu erwarten, dass sich die Forschungslage durch die intensive Debatte um die Kollaboration von kirchlichen Amtsträgern mit der polnischen Staatssicherheit, die Anfang 2007 im Gefolge des ‚Lustrationsgesetzes’ der Kaczyński - Regierung ausgelöst wurde, stark verändern wird.[3]

II. Pole = Katholik? – Die Kirche als Identitätsfaktor des polnischen Volkes

Im Einleitungskapitel zu seiner Dissertation beschreibt Zbigniew Waleszczuk, ein polnischer Kleriker, das historische Erbe, durch das die katholische Kirche zum Identitätsfaktor des polnischen Volkes geworden wäre. Im Folgenden sollen die wichtigsten Gedanken seiner Sicht auf die polnische Geschichte wiedergegeben werden.[4] Sie sind historisch gesehen oft anfechtbar und sollen deshalb im Anschluss mit der Sichtweise des französischen Historikers Georges Castellan konfrontiert werden.[5] Aber gerade diese von Legendenbildung getragene Darstellung eines polnischen Geistlichen lässt das Verhältnis der polnischen Nation, egal ob Bauer oder Vertreter der Intelligenz, zur „ihrer“ katholischen Kirche verstehen. Sie zeigt auch, warum es für einen Polen, unabhängig davon ob gläubig oder nicht, zum guten Ton gehört, katholisch zu sein:

Nach Zbigniew Waleszczuk übernimmt in Polen die Katholische Kirche die Rolle einer Mittlerin in der Gesellschaft. Die enge Bindung der Polen an die Katholische Kirche ist einmalig im christlich geprägten Raum. Die katholische Kirche ist so eng mit der polnischen Kultur und der polnischen Nation verbunden, dass es kaum vergleichbare Beispiele gibt. Die Formel „Pole = Katholik“ gilt seit der Taufe des Piastenfürsten Mieszko I. und ist ein Ausdruck der Selbstbehauptung und der polnischen Identität. Diese besondere Beziehung zwischen der katholischen Kirche und der polnischen Nation leitet sich aus der Geschichte her. Nicht erst seit den Teilungen von 1772, 1793 und 1795, nach denen der polnische Staat praktisch aufhörte zu existieren, fand die polnische Nation ihre Identität und Einheit im gemeinsamen katholischen Glauben. Vom Beginn der Christianisierung an wurde die nationale Existenz des Landes und die gesamte Kultur von der Präsenz der Kirche geprägt. Die „Polonia semper fidelis“, die polnische Nation, empfand sich als eine „Schutzmauer der Christenheit“ und der heute weit verbreitete Gedanke, dass Polen zum Osten gehöre, ruft bei den Polen selbst Empörung hervor. Sie fühlen sich ganz dem Westen zugehörig, sozusagen als Schutzmauer gegen die Völker aus dem Osten. Im 12. Jahrhundert, zur Zeit der Aufteilung Polens, wurde die Kirche zum wichtigsten Faktor der nationalen Einheit. Diese Zeit der „ersten Aufteilung“ dauerte von 1136 bis 1320 und endete mit der Krönung des Fürsten Wladyslaw Lokietek. Die zahlreichen Fürsten waren untereinander verstritten und schwächten damit das ganze Land. Um 1505 wurde die Monarchie zugunsten einer Adelsrepublik abgeschafft. Wenn zahlreiche polnische Autoren schreiben, dass der Machtzuwachs Russlands unter Katherina der Großen Polens Niedergang bewirkten, so muss immer auch berücksichtigt werden, dass die Uneinigkeit des polnischen Adels den Staat ebenfalls schwächte und die Übergriffe Russlands begünstigte. Während der Zeit der Religionskriege war ab 1648 Jan Kazimierz polnischer König und verteidigte Polen gegen die Schweden. Diese belagerten das Land 10 Jahre lang, bis das „Wunder am Hellen Berg von Tschenstochau“ ihren Rückzug einleitete. Hier ist der Ursprung des Modells der polnischen Volkskirche zu suchen. Vom belagerten Kloster auf dem Jasna Gora ausgehend wurde 1655 das ganze Land befreit. Dieses Symbol verstärkte die Verbundenheit der Polen mit dem Katholizismus noch mehr und Maria wurde 1656 als Königin von Polen ausgerufen.

Soweit die Sicht eines patriotischen Polen auf die Geschichte seines Landes. Viele der oben aufgeführten Fakten entsprechen durchaus den Tatsachen, bei anderen hat die Legendenbildung einige Dinge verzerrt und zeitlich ausgedehnt. Die tiefste Zäsur, die sich dem Historiker Polens genauso aufdrängt wie dem Historiker des polnischen Katholizismus, ist die von 1794. Hier nimmt der polnische Nationalheld Tadeusz Kosciuszko seinen Platz am Angelpunkt zweier großer Abschnitte in der Geschichte seines Volkes ein. Denn seine Niederlage in der Schlacht bei Maciejowice am 10. Oktober 1794 gegen den russischen General Suworow bedeutete das Ende des seit dem 10. Jahrhundert bestehenden Königreichs Polen. Unmittelbar nach dieser Niederlage kamen Russland, Preußen und Österreich in einem feierlichen Staatsakt überein, „Polen für immer von der Weltkarte zu streichen“.[6] Der Staat, der damals verschwand, war eine Adelsrepublik, an der nur Anteil hatte, wer einen Adelstitel trug. Diese Wenigen waren allmächtig gegenüber der riesigen Masse der hörigen Bauern. Zugleich war Polen ein zusammengestückelter Staat, hervorgegangen aus der alten Union von Krewo (1385) zwischen der damals schon seit langem bestehenden polnischen Krone und dem Großherzogtum Litauen. Dieses Gebilde setzte sich aus verschiedenen Völkerschaften zusammen: aus Polen, Deutschen, Juden, Ruthenen, Litauern, künftigen Weißrussen und Ukrainern. Die Grenzen dieses Staates waren beweglich. Vor allem aber bildete Polen im damaligen Europa ein einzigartiges Vorbild an religiöser Toleranz. Schon seit der Regierung Kasimirs des Großen (1333 – 1370) war die Bevölkerung zusammengesetzt aus Katholiken, Orthodoxen, Juden, Armeniern und Muslimen. Von einer Dominanz des Katholizismus kann in dieser Zeit keine Rede sein. In der darauffolgenden Zeit der Teilung bestimmten die beteiligten Mächte das religiöse Leben des jeweiligen Landesteils. Aber nach Ablauf eines Jahrhunderts galt überall im ehemaligen polnischen Staatsgebiet die Gleichung:. Katholizismus bedeutet „Polonismus“.[7] Nachdem die Polen keinen eigenen Staat mehr hatten, suchten sie nach einem gemeinsamen Identifikationspunkt, der sie über die neuen Landesgrenzen hinweg verband. Sie fanden ihn im Katholizismus.

Von einem polnischen Katholizismus lässt sich ohne Vorbehalt erst bei der Wiedergeburt des polnischen Nationalstaates von 1914 bis 1945 sprechen. Denn erst diese neue Republik räumte der katholischen Kirche unter allen Institutionen den Vorrang ein und akzeptierte somit die Formel „Pole = Katholik“. Aber der neue „Polonismus“ galt nicht uneingeschränkt, denn ein Drittel der Bevölkerung war davon entweder ausgeschlossen (Deutsche und Juden), oder war dagegen (Litauer, Weißrussen, Ukrainer).[8] Von den großen Nachbarn von außen bedroht und von innen in Frage gestellt, suchte dieser „Polonismus“ seine Selbstbestätigung in der Begeisterung für seine religiösen und historischen Ursprünge. Um sich zu festigen, stellte der neue Staat seine Macht in den Dienst dieser Selbstbestätigung. Die Folge waren Intoleranz, ja zuweilen auch Brutalität gegenüber völkischen Minderheiten. Alle diese nationalistischen Versuchungen waren so stark, dass sie sogar den universalistischen Konzeptionen des Heiligen Stuhls zuwiderliefen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden diese Verständigungsschwierigkeiten mit Rom als völlige Verlassenheit empfunden. Aber dennoch schöpften die Mehrheit der polnischen Widerstandskämpfer ihren Mut aus dem in ihren Augen unlösbar mit ihrem Patriotismus verbundenen Katholizismus. Der amtierende Primas Hlond war der Exilregierung über Rumänien ins Exil gefolgt. Der Wortführer des Episkopats gegenüber der Besatzungsmacht wurde der Erzbischof von Krakau, Sapieha, der damals schon 72 Jahre alt war. Die polnische Kirche lehnte jede Kollaboration ab und befand sich in den ersten Reihen des Widerstands. Das hatte tiefgreifende Konsequenzen für den Klerus und das religiöse Leben der Gläubigen. Die Nationalsozialisten schlossen die meisten katholischen Kirchen und die Pfarrer durften nur sonntags von 10 bis 11 Uhr Gottesdienste halten. Ein Großteil der Geistlichen wurde verhaftet und interniert. Zu Kriegsende war der Klerus sichtlich dezimiert. Die polnische Kirche hatte weit über 3000 Priester und Ordensleute verloren[9], aber ihr Ansehen bei der Bevölkerung hatte sich vervielfacht.

III. Die verschiedenen Phasen des kommunistischen Regimes und sein jeweiliges Verhältnis zur polnischen Kirche

1.Die kommunistische Machtübernahme

Nachdem sich die Befreiung von den Nationalsozialisten über fast ein Jahr hingezogen hatte, wurden die polnischen Gebiete direkt von den Sowjetrussen okkupiert. Bevor sich Stalin an den Aufbau seines neuen Marionettenstaats machen konnte, mussten erst fast alle polnischen Städte aus den Kriegstrümmern wiederaufgebaut, die Straßen wieder befahrbar, sodann das Transportwesen wiederbelebt, Kraftwerke wieder angeschlossen und nicht zuletzt die gesamte Industrie reorganisiert werden. Rund 5 Millionen Deutsche und eine geringere Zahl von Ukrainern wurden gemäß dem Potsdamer Abkommen erst in Lagern gesammelt und dann ausgewiesen. Gleichzeitig strömten aus den nunmehr zu Sowjetrussland gehörenden polnischen (und deutschen) Gebieten Millionen von Flüchtlingen und Umsiedlern Richtung Westen, die versorgt und untergebracht werden mussten. Eine Viertel Millionen polnischer Juden befand sich auf dem Weg nach Palästina. All diese Menschen bevölkerten die Straßen und Bahnhöfe. Außerdem musste der erbitterte Bürgerkrieg unterdrückt werden, den die polnische Untergrundbewegung jetzt gegen die neuen sowjetischen Okkupanten führte.

In die polnischen Kommunisten konnte Stalin zu diesem Zeitpunkt kein Vertrauen setzen. Denn erst 1938 hatte er die restlose Liquidierung der Kommunistischen Partei Polens (KPP) angeordnet und 5000 ihrer Aktivisten ermorden lassen. Die unter seinem Diktat 1942 neu gegründete polnische Arbeiterpartei (PPR) war zahlenmäßig viel zu gering, um eine Machtübernahme in Polen auch nur in Erwägung zu ziehen. Die erste Regierung Volkspolens bildete das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung (PKWN), das die Russen im Juli 1944 einfliegen ließen, damit es die von der Roten Armee befreiten Gebiete übernehmen konnte. Am 31.12.1944 änderte die PKWN ihren Namen in Provisorische Regierung der Polnischen Republik (RTRP), wurde allerdings nur von der UdSSR anerkannt. Die nächste sowjetische Schöpfung, die Provisorischen Regierung der Nationalen Einheit (TRJN), war ein Zusammenschluss eines von den Russen eingesetzten Gremiums mit einer Gruppe um den Führer der Bauernpartei Stanislaw Mikolajczyk. Dieser war der einzige Repräsentant der legalen polnischen Exilregierung in London, der zur Heimkehr bereit war. Die TRJN war vom 28.6.1945 bis zum Januar 1947 im Amt. Ihr folgte am 6. Februar 1947 die erste gewählte Regierung nach. Die Wahl hatte allerdings nicht den Forderungen des Potsdamer Abkommens nach freien und unbehinderten Wahlen entsprochen. An der Spitze stand der Sozialist Jozef Cyrankiewicz, ein Kandidat des von den Russen gesteuerten Demokratischen Blocks. Als treuer Lakai Moskaus machte er sich an die Umwandlung der pseudodemokratischen Regierung in den dogmatischen Einparteienstaat sowjetischen Stils. Im März 1948 erhielt Cyrankiewicz in Moskau von Stalin die Weisung zum Zusammenschluss von PPS und PPR. Ende des Jahres wurde dann die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei PZPR aus der Taufe gehoben. Der Vorsitzende der PPR, Gomulka, wollte sich nicht bedingungslos unterordnen und musste demzufolge verschwinden. Deshalb wurde er im September 1948 nach einer demütigenden öffentlichen Widerrufung seiner schändlichen Irrtümer ins Gefängnis gesteckt.[10]

Als die Sowjets Polen 1945 besetzten, hatten sie schon Erfahrung auf dem Gebiet der Bekämpfung des „religiösen Aberglaubens“ in Gestalt der Russisch – Orthodoxen Kirche. Doch mit der Katholischen Kirche Polens erwuchs den Kommunisten ein Gegner, dem sie bis zum Zusammenbruch des Ostblocks nicht beikommen konnten. Im Gegensatz zu ihren Schwesterkirchen in anderen Ostblockstaaten verband sie eine gewisse Kompromissbereitschaft den Kommunisten gegenüber mit einer beispiellosen Festigkeit, wenn es um ihre weltanschaulichen und ethischen Grundprinzipien ging. Der damalige Primas der Katholischen Kirche, Kardinal Hlond verhandelte schon im Juli 1945 nach seiner Rückkehr aus dem Exil mit der Partei, die für ihn noch 1936 die größte Gefahr für die katholische Ethik dargestellt hatte und die die Menschenwürde wie keine andere politische Gruppierung mit Füßen trat. Trotz allem war die polnische Kirche zu einem Kompromiss bereit, auch wenn damals noch niemand wusste, wie dieser aussehen sollte. Für die überwiegende Mehrheit der polnischen Bevölkerung stand außer Frage, dass der neu errichtete Staat auf christlichen Grundlagen basieren würde. Zum Prestige der Katholischen Kirche bei der polnischen Bevölkerung hatte nicht zuletzt ihr Verhalten während der deutschen Besatzung beigetragen.

[...]


[1] Heller, Edith: Die Beziehungen zwischen Staat und Kirche im heutigen Polen. In: Kobylinska, Ewa; Lawaty, Andreas (Hgg.): Religion und Kirche in der modernen Gesellschaft. Polnische und deutsche Erfahrungen. Wiesbaden 1994, S.287f..

[2] Juros, Helmut: Der Wandel der kirchlichen Aufgaben in Polen. In: Spieker, Manfred (Hg.): Vom Sozialismus zum demokratischen Rechtsstaat. Der Beitrag der katholischen Soziallehre zu den Transformationsprozessen in Polen und in der ehemaligen DDR. Paderborn 1992, S. 159.

[3] Vgl. aus der Fülle der Berichterstattung der deutschen Tagespresse z. B. Anna Reimann: Der Geheimdienst und die Bischöfe, in: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,491171,00.html, eingestellt am 28. 6. 2007; Ines Kappert: Vergangenheitsbewältigung in Osteuropa, in: http://www.eurotopics.net/de/magazin/gesellschaft-verteilerseite/stasi-2008-01/debatte-stasi-2008-01, eingestellt am 5. 2. 2008. Beide zuletzt besucht am 15. 3. 2009.

[4] Waleszczuk, Zbigniew: Zwischen Kommunismus und Demokratie. Das Verhältnis von Kirche und Staat in Polen. Bayreuth 2004, S. 20ff..

[5] Castellan, Georges: Gott schütze Polen! Geschichte des polnischen Katholizismus 1795 – 1982. Mit einer Einführung von Paul Wilhelm Wenger. Freiburg 1983.

[6] Castellan, Georges, S. 21

[7] Castellan, Georges, S. 26

[8] Ebd. S. 107f..

[9] Luks, Leonid: Katholizismus und politische Macht im kommunistischen Polen 1945 – 1989. Die Anatomie einer Befreiung. Köln 1993. S. 11.

[10] Davies, Norman: Im Herzen Europas. Geschichte Polens. München 2001. 2. Auflage. S.9ff.

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Details

Titel
Kirche und kommunistisches Regime in der Volksrepublik Polen und nach dem Systemwechsel - gegenseitige Stützen ihrer totalitären Machtansprüche?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,0
Jahr
2009
Seiten
33
Katalognummer
V149993
ISBN (eBook)
9783640610617
ISBN (Buch)
9783640610549
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirche, Regime, Volksrepublik, Polen, Systemwechsel, Stützen, Machtansprüche
Arbeit zitieren
Anonym, 2009, Kirche und kommunistisches Regime in der Volksrepublik Polen und nach dem Systemwechsel - gegenseitige Stützen ihrer totalitären Machtansprüche?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149993

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