Die Walhalla bei Regensburg

Der Beitrag der persönlichen Auswahlen zur Entstehung einer Nationalidentität


Seminararbeit, 2010

52 Seiten, Note: 18/20


Leseprobe

INHALTVERZEICHNIS

Einleitung

Erster Teil : Konzeption und Bau der Walhalla
I. Von einem „Pantheon der Deutschen“ zu einem „deutschen Parthenon“
A. Idee und Vorbereitung
B. Wettbewerb und Wahl des Architekten
II. Ergebnis
A. Standort und Landschaft
B. Kurze Geschichte des Baus
C. Beschreibung

Zweiter Teil: Die Walhalla als Frucht eines besonderen Zeitgeistes
I. Der Philhellenismus
A. Die Verwandtschaft der Völker
B. Die besondere Aufmerksamkeit auf Griechenland in der ersten Hälfte des 19. J ahrhunderts
C. Griechischer Stil als Vermittler humanistischer Werte
II. Der «romantische Nationalismus» und die Entstehung einer deutschen Nationalidentität
A. Grundbegriffe
B. Deutsches Bewusstsein im Zeitalter der Romantik
C. Die Sakralisierung der Geschichte durch das Denkmal: das Beispiel der Walhalla

Dritter Teil: Die Mehrdeutigkeit der Walhalla im Zeitalter der Restauration
I. Das Scheitern der Entstehung einer nationalen Tradition durch die Walhalla
A. Der Ausschluss des Volkes
B. Das persönliche Denkmal von Ludwig I. ?
II. Der Initiator der Walhalla: Ein Herrscher der Restauration
A. Die Folgen des Wiener Kongresses
B. Machtverhältnisse in Bayern zur Zeit Ludwigs 1

Schluss

Literaturhinweise

Abbildungen

Einleitung

„Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte.“ prophezeite der Dichter Schiller Anfang des 19. Jahrhunderts[1]. Das 19. Jahrhundert war ein wichtiger Wendepunkt der deutschen Geschichte, es war der Beginn der deutschen politischen Einheit, die im Jahr 1871 durch die Gründung des deutschen Reichs vollzogen wurde. Aber der Weg zur Einheit war ein langer Prozess, der sich zu Zeiten Schillers zu entwickeln begann. Laut den Schriften, die in dieser Zeit erschienen, existierte eine deutsche Nation, die ihre eigene Charakteristik hatte, die von anderen Nationen zu unterscheiden war, und die sich insbesondere von den französischen Besatzern abgrenzte. Das war der Anfang des modernen deutschen Nationalismus, eine Zeit, in der die Dichter und Denker ihre Kultur entdeckten und ergründeten, was die deutsche Identität ausmachte. Sie entdeckten die Einzigartigkeit ihrer Nation und das Bewusstsein, deutsch zu sein.

Was bedeutete es, deutsch zu sein? Wie kam es zu einer solchen deutschen Identität? Was machte aus ihnen Deutsche und nicht Franzosen? Wie konnte man dieses Bewusstsein verbreiten und zur Entstehung einer deutschen Identität beitragen? Die Veröffentlichungen, die Initiativen und die Aufrufe über dieses Thema mehrten sich, Projekte entstanden wie beispielsweise bei dem jungen bayerischen Kronprinzen Ludwig, der 1807 die Idee hatte, ein Denkmal zu Ehren verdienstvoller Deutscher bauen zu lassen. Dadurch wollte er bei der deutschen Bevölkerung den „deutschen Sinn“ stärken. Er nannte dieses Denkmal die „Walhalla“ und setzte sich Jahre lang dafür ein: Sie steht noch heute in Form eines dorischen Tempels auf dem Bräuberg am Donauufer. Das Projekt wurde erst 1814 nach der Befreiung Deutschlands von Napoleon als nationales Befreiungsdenkmal initiiert, und die Bauarbeiten begannen im Jahr 1830. Zwölf Jahre später wurde die „Walhalla“ endlich eröffnet.

Die Frage, die man sich stellen kann, ist folgende: Die Walhalla ist gleichzeitig ein Auftragswerk und Nationaldenkmal. Wie wichtig ist die persönliche Auswahl durch den Initiator im Projekt, und wie hat sie zur Entstehung einer deutschen nationalen Identität beigetragen?

Um darauf zu antworten, wird diese Arbeit in drei große Teile geteilt. Erstens wird die Konzeptions- und Baugeschichte der Walhalla erzählt, um einen Ausgangspunkt herzustellen und die Wahl des Architekten durch den Initiator zu zeigen. Im zweiten Teil werden der geistige Kontext der Walhalla-Konzeption und das Ziel dieses Denkmals entwickelt. Am Schluss werden die Feierlichkeiten und die Folgen der Eröffnung der Walhalla in ihrem politischen Kontext untersucht, um die Bedeutung dieses Denkmals zu verstehen. Diese Arbeit beruht auf kunstgeschichtliche Arbeiten über die Walhalla, und auf Untersuchungen über den deutschen Nationalismus und der Entstehung deutschen Gedankengutes im Lauf des 19. Jahrhunderts. Dies wird von Abbildungen ergänzt, was im Fall einer Arbeit über ein Denkmal notwendig ist, um die Ausführungen bildlich zu unterstreichen.

Erster Teil : Konzeption und Bau der Walhalla

I. Von einem „Pantheon der Deutschen“ zu einem „deutschen Parthenon“

A. Idee und Vorbereitung

Im Jahr 1807 nach der Niederlage Deutschlands gegen die Armee Napoleons beschloss der zwanzigjährige Kronprinz Ludwig von Bayern, „rühmlichst ausgezeichnete Teutsche“[2] zu ehren und ihnen zu gedenken. Während eines Besuchs in Berlin beauftragte er die Bildhauer Schadow und Pieck, Marmorbüsten von fünfzig verdienstvollen Deutschen anzufertigen. So hoffte er, damit später ein „Pantheon der Deutschen“ zu schaffen. Von Anfang an war also die Anfertigung dieser Bildnisse mit einer Bauplanung in größerem Umfang verbunden.

Woher war dem jungen Ludwig die Idee gekommen, großen Deutschen ein Denkmal zu widmen? Einige Jahre früher war er durch Europa - 1804 nach Italien, 1896 nach Frankreich - gereist wo ihn zwei Monumente besonders beeindruckt hatten: das Römische Pantheon und das Pariser Pantheon. Das erste war in der römischen Antike ein allen Gottheiten gewidmeter Tempel gewesen, der später in eine Kirche verwandelt wurde, und unter dessen hohen Tholos sich Künstlergrabstätten und -büsten befanden. Das Pariser Pantheon hingegen - bis zum Jahr 1791 die Sankt-Genevieve Kirche - war seit der Französischen Revolution Grabmal und Erinnerungsstätte für berühmte Philosophen, die das revolutionäre Ideal beeinflusst hatten. Die Fassade trug die Inschrift: „Aux grands hommes. La Nation reconnaissante.“ (Den großen Männern - das dankbare Vaterland), die die Ehrung mit dem Ideal des Vaterlands verknüpfte. Dieses Prinzip und das des römischen Pantheons, Personendarstellungen auszustellen, prägten das Projekt Ludwigs.

1807 lernte er den schweizerischen Historiker Johannes von Müller kennen, der ihm den endgültigen Namen des Entwurfs vorschlug[3] : Das „Pantheon der Deutschen“ wurde die „Walhalla“, was zu den germanischen Wurzeln der Deutschen besser passte. Dies bezieht sich auf den mythologischen Begriff der „Walhall“ oder „Walöl“, was in der nördlichen und germanischen Mythologie für das Paradies steht. Die Helden, die im Kampf gefallen sind, wurden von den jungfräulichen Botinnen des Gottes Odin zur Walhalla („Halle der Gefallenen“) geführt, und dort genossen sie ein Festmahl in Gesellschaft des Götterkönigs Odin, bevor sie an der Endschlacht teilnahmen.

Ludwig betraute den Architekt Carl von Fischer[4] mit der Realisierung der Bauplanung: Er hatte schon eine genaue Idee und bevorzugte klar einen antikischen griechischen Stil. Zwischen 1808 und 1809 legte ihm Fischer zwei Entwürfe vor. Der erste bestand in einer vom römischen Pantheon inspirierten kreuzförmigen Anlage mit einer zentralen Rotunde. Der zweite orientierte sich an einem dorischen Tempel wie dem griechischen Parthenon in Athen: Der Tempel ruhte auf einem dreistufigen Unterbau und der Innenraum war in drei miteinander verbundene Räume geteilt. Ludwig verwarf jedoch beide Entwürfe, der Architekt aber wurde einige Jahre später durch einen Wettbewerb ausgewählt.

B. Wettbewerb und Wahl des Architekten

Im Februar 1814 - zwischen dem Sieg über Napoleon in Leipzig und dem Wiener Kongress - begann der von der bayerischen Akademie für bildende Künste organisierte Wettbewerb, um den zukünftigen Architekten der Walhalla auszuwählen. Von den Teilnehmern wurde erwartet, dass sie drei Gebäude (eine Ruhmeshalle, ein Invalidenhaus und eine Anlage zur Ausstellung von Bildhauerwerken) im „rein antikischen Stil“[5] entwarfen.

Die Frage des Stils wurde unter den Künstlern heftig diskutiert. Der Bildhauer und Architekt Carl Friedrich Schinkel fand im Bau eines Tempels im griechischen Stil zur Ehre der größten Deutschen keinen Sinn, und war ein Befürworter der Gotik als deutschen Stil. So legte er einen Entwurf im gotischen Stil vor. Aber „Nicht Originalität - Schönheit ist der Hauptzweck“ war das Motto des Initiators Ludwig, deshalb wurde Schinkels gotischer Entwurf verworfen.

Unter mehreren Architekten fiel der Architekt und Archäologe Carl Haller von Hallerstein auf und wurde mit der Bauplanung der Walhalla beauftragt. Er hatte schon an einer Glyptothek gearbeitet, die er in seinem Walhalla-Entwurf integrierte. In der Gesamtform des Denkmals orientierte er sich am griechischen Vorbild: auf seiner Skizze (Abb.1) sieht man klar auf der Spitze eines Hügels einen Pantheon-ähnlichen Tempel, ruhend auf einem gewaltigen Sockelgeschoss. Da Haller von Hallerstein seine Zeichnungen direkt aus Athen schickte, „sollte man bedenken“, so L. Ettlinger, „daß er sie im Anblick der Akropolis angefertigt haben muß“[6]. Leider starb von Hallerstein bereits 1817 und konnte somit nicht mehr mit dem Bau der Walhalla beauftragt werden. Inzwischen hatte Ludwig Leo von Klenze kennengelernt, der eine Einladung zum Hofe Ludwigs erhalten hatte[7]. Der Kronprinz hatte sich für einige der früheren Entwürfe von Klenze, die ihn sehr berührt hatten, und auch für dessen außergewöhnliche Architekturausbildung[8] interessiert. Er ermunterte ihn dazu, an dem Wettbewerb teilzunehmen, was Leo von Klenze widerwillig tat. Obwohl seine Entwürfe bei der Jury keine Begeisterung auslösten, begann eine lange Periode der Zusammenarbeit mit Ludwig. Die beiden Männer hatten nämlich gemeinsame Interessen für griechische Baukunst und führten darüber nicht enden wollende Diskussionen, obwohl sie über die Frage des Gebrauchs von diesem Stil nicht immer einverstanden waren. Als Architekt schätzte Leo von Klenze sowohl die ästhetischen als auch die technischen Möglichkeiten, die der klassische griechische Stil erlaubte.

Nachdem er sich mit der Glyptothek beschäftigt hatte und sich letztlich durch intrigantes Verhalten als Hofbauintendant durchgesetzt hatte, wurde Klenze damit beauftragt, an den neuen Plänen der Walhalla zu arbeiten. 1819 stellte er dem Kronprinz einen neuen Entwurf vor: Nach Fischers Skizzen entwarf der Architekt einen Pantheon­ähnlichen Rundbau mit einem Tholos (Abb. 2), der seiner Meinung nach der Idee eines Zentrums für deutsche Verdienste am meisten entsprach[9]. Aber die Form der Bauten blieb noch bis zum Jahr 1821 unentschieden. So schlug Leo von Klenze zwei verschiedene Alternativen vor. Die erste bestand in einem dorischen Rundtempel, und die zweite in einem Longitudinalbau mit einem Peripteros, der nach Haller von Hallersteins Skizzen auf einem imposanten Unterbau ruhte. Der Prinz entschied sich für den zweiten Vorschlag[10].

Ab 1821 wird also die Gesamtform des Denkmals endlich vereinbart. Es handelte sich im Äußeren um einen strikt dorischen Tempel, dessen Frontgiebel von acht Säulen unterstützt war. Der eigentliche Tempel stand auf einem gewaltigen mehrstufigen Unterbau, dessen drei verschiedene Sockelzonen mit Treppen verbunden waren. Die besondere symmetrische Ordnung dieser Treppen hatte eine ästhetische Funktion und sollte eine große Rolle spielen (Abb. 3, 5), wenn bei Volksfesten Prozessionen um die Walhalla herum zum Eingang der Ruhmeshalle führen würde. Durch dieses Argument wurde Ludwig überzeugt[11]. Im Inneren der zweiten Sockelzone befand sich nach Klenzes Entwurf die „Halle der Erwartung“[12] : Dort sollten die Büsten noch lebender Deutschen aufbewahrt werden, bevor man sie bei einer Prozession zur Ruhmeshalle hinaufträgt. Dieser Raum und die pylonartige Tür, die von der Front des Sockels hineinführte, waren vom Stil der etruskischen Grabstätten inspiriert.

Der Innenraum des Tempels - die Ruhmeshalle - bestand in einer einzigen großen Halle, die von Mauergesprengen geteilt war, um zu vermeiden, dass die an der Mauer entlang ausgestellten Büsten monoton wirken. Als Decke diente ein Tonnengewölbe (Abb. 4), in dessen Kassetten die Namen der Geehrten, von denen in der Halle kein Bildnis stand, wie auf Gedenktafeln graviert werden sollten. Dieses Tonnengewölbe und die Halle der Erwartung stellten gleichzeitig einen Bruch mit dem dorischen Stil und die eigene Note von Klenze dar.

Nach der Wahl des geeigneten Standorts konnte mit dem Bau begonnen werden.

II. Ergebnis

A. Standort und Landschaft

Obwohl die Planung der Walhalla 1821 endgültig abgeschlossen wurde, blieb die Frage des Standortes offen. In seinem Testament von 1809 erwähnte Ludwig den Englischen Garten in München als Standort für seine Ruhmeshalle. Aber bereits bei der Ausschreibung des Wettbewerbs gab er zu verstehen, dass die Walhalla in einer „freien Gegend auf einer sanften Anhöhe mit Baumgruppen“[13] gebaut werden könnte.

Schon bei Haller von Hallerstein wurde die architektonische Struktur der Walhalla in Verbindung mit der Umgebung durchdacht. Auf seinen Entwurfsskizzen (Abb. 1) wirkt die Lage des Tempels besonders überzeugend. Parthenon-ähnlich war das Gebäude, Akropolis-ähnlich war die Beschaffenheit der Gegend, in der er dachte, dass sein Werk am besten zur Geltung kommen würde. Das gewaltige Sockelgeschoss, auf dem der Tempel ruhte, passte zu dieser „hügeligen Phantasielandschaft“[14].

Eine Gegend entsprach diesem Ideal: der Bräuberg im Donaustauf bei Regensburg. Dieser Ort war Ludwig seit 1810 bekannt, als er eine Einladung des Fürstenpaares Thurn und Taxis beantworte, aber erst 1812 konnte er die Gegend bei Regensburg besuchen. Der Bräuberg im Donaustauf am nördlichen Ufer der Donau bot zu Zeiten Ludwigs einen unverbauten Blick auf die Umgebung: das Donautal, die Weinberge, die Burgruinen, die Salvatorkirche, die Stadt und der Dom von Regensburg wirkten sehr ästhetisch.

Leo von Klenze, der sich die Walhalla auch in die Natur eingebettet vorstellte, schlug Ludwig einen Ort am Isarufer und auch die Theresienhöhe westlich von München vor[15], bevor er ihn 1819 bedrängte, einen anderen Standort zu finden. Er erzählte ihm von einem Donauberg, aber der Kronprinz zögerte noch, da der Bräuberg ein Grundstück der Thurn und Taxis war und er darüber nicht verfügen konnte, wie es ihm gefiel.

Nach Ludwigs Thronbesteigung[16] stellten die Thum und Taxis 1826 den Bräuberg zur Verfügung des neuen Königs von Bayern, und die Grundsteinlegung für die Walhalla fand vier Jahre später statt.

Auch die Landschaft um die Walhalla wurde künstlich verändert, um mit den reinen Formen des Tempels zu harmonisieren: die Salvatorkirche wurde verändert und der Fürst von Thurn und Taxis gestaltete 1842 sein Schloss in Donaustauf im klassischen Stil[17]. Auch die Natur wurde umgestaltet[18] : die nahen Weinberge wurden mit Fichten und Eichen bepflanzt, um den Eindruck einer wilden Gegend zu verstärken, während neue Wege in dieser künstlichen Natur gebaut wurden. Seitdem sind andere Bäume um die Walhalla gewachsen und ihr Grün kontrastiert stark mit der weißen Reinheit des Tempels, die noch heute aus einem Wald herauszuragen scheint (Abb. 7).

B. Kurze Geschichte des Baus

Der Bau der Walhalla begann im Jahr 1830 und ging 1842 zu Ende. Die Planung wurde im Lauf der Bauarbeiten mehrmals verändert, und mehrere berühmte Bildhauer nahmen an der Dekoration des Tempels teil.

1834 geschah die erste Änderung[19] : Als Klenze von einer diplomatischen Reise in Griechenland zurückkehrte, erfuhr er, dass seine Halle der Erwartung aus politischen Gründen aufgegeben wurde - auf diesen Punkt wird in dieser Arbeit später eingegangen werden. Der Raum wurde zwar beibehalten, aber nun befindet sich darin eine Innentreppe, die direkt zur Ruhmeshalle führt.

1836 bedeutete in der Umgestaltung der Ruhmeshalle eine wichtige Wende. Es stellte sich die Frage der De Decke: Der Platz auf den Kassetten des Gewölbes für die geplanten Gedenktafeln war zu knapp, und die Namen wären von unten zu schwer zu lesen gewesen[20]. Klenze kannte eine neue Technik aus England, die dieses Problem lösen konnte. Er hatte von König Ludwig erfahren, dass sein Freund, der Architekt Friedrich Schinkel, in Berlin die Idee geäußert habe, dass die Decke der Walhalla „in vier Gesprengen aus Holz, Eisern oder Erz“ gebaut werden könnte[21]. Klenze hatte schon daran gedacht, dass eine solche Konstruktion den Bau eines weiteren Stockwerks ermöglichte. Auf diesem Stockwerk plante er die Aufstellung einer Galerie, an deren Wänden die Gedenktafeln hängen würden. So könnte der Besucher die Namen der nicht dargestellten geehrten Persönlichkeiten direkt vor Augen haben. Dementsprechend wurde eine Flachdecke aus Erzplatten mit einer leichten Schräge gebaut (Abb.6).

1838 wurden die Giebelfiguren, mit denen der Bildhauer Schwanthaler beauftragt wurde, angebracht und die Wände mit polychromen Marmorn verkleidet. Ein Jahr später wurden die Friesen über die Urgeschichte vom Bildhauer Johann MartinWagner aufgestellt[22].

Nach den letzten Vorbereitungen - die Aufstellung der Büsten und ihre Anordnung in verschiedenen Gruppen und die Marmorverkleidung des Fußbodens - wurde 1842 die Walhalla endlich eröffnet.

C. Beschreibung

Die hier vorgestellte Beschreibung der Walhalla wird so präzise wie möglich sein, da die in diesem Abschnitt erwähnten Details in den folgen Teilen von Bedeutung sind.

Die Gesamtform ist seit 1821 nicht verändert geworden und hat ihre pyramidale Struktur, die an eine ägyptische Stufenpyramide erinnert, behalten: Der dorische Tempel ruht auf einem massiven dreistufigen Sockelgeschoss, dessen unterste Stufe zyklopenartig und polygonal gebaut wurde (Abb.3). Die pylonartige Tür der aufgegebenen Halle der Erwartung ist am Fuße der zweiten Stufe noch sichtbar. Der griechische Stil ist also im Unterbau nicht evident und diese Stilmischung wurde sehr oft kritisiert. Man hat sogar die Walhalla-Struktur mit einer mesopotamischen Zikkurat[23] verglichen. Dieser Unterbau umfasst zwei Drittel der ganzen Höhe, was sehr massiv und beeindruckend wirkt.

Der Tempel an sich folgt dem altgriechischen Kanon: Um eine harmonische Proportion zu behalten, stehen an den langen Seiten siebzehn, und an der Frontseite im Süden acht Säulen. Diese Säulen unterstützen einen Giebel. Die Frontgiebelgruppe (oder Germaniafries, Abb.8) stellt eine Frauenfigur dar, die Germania, die im Zentrum thront: sie ist von weiblichen und jungen männlichen Figuren umgeben, die allegorisch Bundesstaaten oder deutsche Flüsse verkörpern[24]. Im Norden wird im Giebel der historisch-mythische Sieg von Arminius - oder Hermann - gegen die Römer dargestellt (Hermannsfries, Abb.9): Hermann der Cherusker steht im Zentrum und trägt einen Flügelhelm, er hält ein Schwert in der rechten Hand und stellt seine Füße auf den zerbrochenen römischen Adler während die erschrockenen Römer die Flucht ergreifen[25]. Die beiden in den Giebeln dargestellten Ereignisse sind parallel zu stellen, was in den folgenden Teilen getan wird.

Beim Eintreten in die Ruhmeshalle wird der Besucher von den Farben der edlen Materialen, die den langen Saal schmücken, geblendet (Abb.10): Das Weiß und Purpurrot des Marmors und die Goldschichten der Decke schaffen eine erhabene Stimmung. Es gibt einen Raum, der an jeder Seite von drei Mauergesprengen geteilt ist: Zwischen diesen Gesprengen stehen die Büsten aus weißem Marmor auf hellen marmornen Postamenten oder Wandkonsolen, um eine sitzende Viktoria, ein weibliches geflügeltes Genie des Sieges[26], gruppiert (Abb.11). Viktoria wurde vom Bildhauer Christian Daniel Rauch angefertigt. Vor jeder Büstengruppe stehen marmorne Bänke für die Besucher. Am hinteren Ende des Raums thront vor den ionischen Säulen des Opisthodoms die Statue von Ludwig I., dem Initiator des Denkmals, in einer römischen Toga und mit einem Lorbeerkranze auf dem Kopf (Abb.13), der bei der Einweihung dieses Bildnisses im Jahr 1890 schon tot war[27].

Über den Gruppen und unterhalb der Galerie, wo die Gedenktafeln ausgestellt sind, umläuft ein von Wagner entworfener Fries den ganzen Raum, der die Urgeschichte der Germanen als eine Entwicklung vom Heidentum bis zur Verkündigung des Christentums darstellt. Die Mauergesprenge gliedern diesen Fries in acht Abschnitte: Auf drei von ihnen ist das frühe kulturelle Leben der Germanen bildlich und fassbar erzählt, auf vier weiteren die Kriege gegen die römische Macht, und auf dem letzten wird an der Stirnseite der Halle der Beginn des Christentums bei den Germanen gezeigt. Auf die Ideen, die durch diesen Fries vermittelt wurden, wird in den nächsten Teilen dieser Arbeit eingegangen.

Oben auf den Mauergesprengen, die den Hallenraum strukturieren, an der Höhe der Galerie stehen Karyatidenpaare, die Loggien über den Saal bilden (Abb.12). Hierbei handelt es sich um Walküren, die von Schwanthalers Schülern angefertigt wurden. Sie tragen Eichenkränze auf ihren blonden Zöpfen und sind in Bären- oder Wolfsfelle gekleidet. Sie stützen auf ihren Schultern und Köpfen die drei Senkgiebel des Dachstuhls. Diese Senkgiebel wurden mit Motiven dekoriert, die sich auf die Edda beziehen, und die die Geschichte der Welt von ihrer Schöpfung bis zu ihrem Untergang erzählt[28]. Im Dachstuhl zwischen den Senkgiebeln lassen drei breite Dachfenster das Tageslicht von oben strahlen.

Der Standort des Denkmals, das das Donautal überragt, die reinen Formen der griechischen Architektur, die pyramidale Struktur, die das irdische mit dem himmlischen verbindet, die besondere Harmonie der Farben, der Glanz der Materialen, die im Innerraum der Walhalla benutzt wurden, sowie das helle Licht, das von oben - direkt von Himmel - fällt, tragen zu einer besonders erhabenen Atmosphäre bei.

Obwohl diese besondere, von Griechenland inspirierte Architektur während der Epoche der Walhalla-Konzeption viel kritisiert wurde, entsprachen sie nicht nur dem Geschmack von Klenzes und seines Bauherrn Ludwig, sondern zeigen auch einen besonderen Zeitgeist.

Zweiter Teil: Die Walhalla als Frucht eines besonderen Zeitgeistes

I. Der Philhellenismus

A. Die Verwandtschaft der Völker

Wie schon im vorigen Teil erwähnt kam es durch den Bau eines deutschen Nationaldenkmals im griechischen Stil zu erheblichen Kritiken. Auch die Mischung mit Elementen anderer Kulturen - wie der etruskisch inspirierten Halle der Erwartung, die der Walhalla ihre besondere Note gab, überraschte oder erregte Ironie bei manchen Zeitgenossenen von Klenze und Ludwig.

[...]


[1] Zitiert in: Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. 1. Band. Von Feudalismus bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära. 1700-1815. München. C.H. Beck. 1987. S 517

[2] Poloczek, Anna: Die Walhalla. Entstehungs- und Baugeschichte, architektonische Gestaltung (Seminararbeit). Norderstedt. GRIN Verlag. 2005. S 3

[3] Poloczek, Anna. 2005. S 3

[4] Poloczek, Anna. 2005. S 6

[5] http://www.archico.de/Wissen/Walhalla.htm: Otto, Cornelia: Walhalla. Entstehungsgeschichte eines Bauwerks im Spannungsfeld zwischen Architekt und Bauherr. Technische Universität Dresden. Seminar Nationaldenkmäler im Rahmen der Übung zur Baugeschichte. 1999.

[6] Ettlinger, Leopold: „Denkmal und Romantik. Bemerkungen zu Leo von Klenzes Walhalla“ in Festschrift für Herbert von Einem zum 16. Februar 1965. Berlin. Gebr. Mann Verlag. 1965. S 60-61

[7] http://www.archico.de/Wissen/Walhalla.htm: Otto, Cornelia: Walhalla. Entstehungsgeschichte eines Bauwerks im Spannungsfeld zwischen Architekt und Bauherr. Technische Universität Dresden. Seminar Nationaldenkmäler im Rahmen der Übung zur Baugeschichte. 1999.

[8] Geboren im Jahr 1784 musste er als Sohn eines bürgerlichen Beamten Jura studieren, bevor er in Berlin berühmte Architekten kennenlernte. Danach reiste er nach Paris. 1808 wurde er Hofbauintendant am Hof von Jerome Bonaparte in Kassel. Siehe Buttlar, Adrian von: „Es gibt nur eine Baukunst?“ in Nerdinger, Winfried (Hrsg.): Romantik und Restauration. Architektur in Bayern zur Zeit Ludwigs I. 1825-1848. München. Münchner Stadtsmuseum. 1987. S 105-117.

[9] Buttlar, Adrian von: „Es gibt nur eine Baukunst?“ in Nerdinger, Winfried (Hrsg.) 1987. S 110

[10] Poloczek, Anna. 2005. S 9

[11] http://www.archico.de/Wissen/Walhalla.htm: Otto, Cornelia: Walhalla. Entstehungsgeschichte eines Bauwerks im Spannungsfeld zwischen Architekt und Bauherr. Technische Universität Dresden. Seminar Nationaldenkmäler im Rahmen der Übung zur Baugeschichte. 1999.

[12] Poloczek, Anna. 2005. S 10-11

[13]

http://www.archico.de/Wissen/Walhalla.htm: Otto, Cornelia: Walhalla. Entstehungsgeschichte eines Bauwerks im Spannungsfeld zwischen Architekt und Bauherr. Technische Universität Dresden. Seminar Nationaldenkmäler im Rahmen der Übung zur Baugeschichte. 1999.

[14] Poloczek, Anna. 2005. S 5

[15] Poloczek, Anna. 2005. S 5

[16] Ludwig I. bestieg den Thron von Bayern nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1825.

[17] Nerdinger, Winfried (Hrsg.): Romantik und Restauration. Architektur in Bayern zur Zeit Ludwigs I. 1825-1848. München. Münchner Stadtsmuseum. 1987. S 170

[18] Klaus, Anna-Lena: Inszenierte Nation Das Nationaldenkmal im 19. Jahrhundert. Die Walhalla und das Hermannsdenkmal. Marburg. Tectum Verlag. 2008. S 67-69

[19] http://www.archico.de/Wissen/Walhalla.htm: Otto, Cornelia: Walhalla. Entstehungsgeschichte eines Bauwerks im Spannungsfeld zwischen Architekt und Bauherr. Technische Universität Dresden. Seminar Nationaldenkmäler im Rahmen der Übung zur Baugeschichte. 1999.

[20] Poloczek, Anna. 2005. S 14

[21] Nerdinger, Winfried (Hrsg.). 1987. S 171

[22] Nerdinger, Winfried (Hrsg.). 1987. S 171

[23] Rank, Andre. 2006. S 37

[24] Poloczek, Anna. 2005. S 16-17

[25] Poloczek, Anna. 2005; Klaus, Anna-Lena. 2008

[26] In mehreren Büchern steht, dass sie auch als Walküren interpretiert sind.

[27] Ludwig I starb am 29. Februar 1868.

[28] Klaus, Anna-Lena. 2008. S 72-74

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Die Walhalla bei Regensburg
Untertitel
Der Beitrag der persönlichen Auswahlen zur Entstehung einer Nationalidentität
Hochschule
Université Sorbonne Nouvelle Paris III
Note
18/20
Autor
Jahr
2010
Seiten
52
Katalognummer
V150133
ISBN (eBook)
9783640617586
ISBN (Buch)
9783640617494
Dateigröße
2911 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationsbildung, Ludwig I von Bayern, Ruhmeshalle, Walhalla, Leo von Klenze, Architektur, Romantismus, Denkmalspolitik, Bayern, Auftragswerk
Arbeit zitieren
Eva Avrillon (Autor), 2010, Die Walhalla bei Regensburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150133

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Walhalla bei Regensburg



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden