Wirkungsabsicht Märchen - Vergleich von Kunstmärchen und Volksmärchen

Am Beispiel von Hans Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“


Facharbeit (Schule), 2010

17 Seiten, Note: 1,00

Rudolph Kästner (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Zum Begriff Märchen

3. Ursprung von Kunstmärchen

4. Charakteristika von Kunstmärchen

5. Unterschiede zu Volksmärchen

6. Analyse des Kunstmärchens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen im Blickwinkel der Darstellungsweise der Intention
6.1 Herleitung
6.2 Analyse

7. Schlussbetrachtung

8. Anhang

9. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einführung

In meiner Facharbeit geht es um den Vergleich von Kunstmärchen und Volksmärchen, insbesondere im Hinblick auf die Darstellungsweise der Wirkungsabsicht in Kunstmärchen. Dabei werde ich Bezug auf das Kunstmärchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen nehmen. Ich habe mich für dieses Märchen entschieden, da ich es schon aus Kindheitstagen kenne und durch die Analyse des Märchens mich mit der Intention näher beschäftigen möchte. Zudem ist es nicht nur ein „einfaches Märchen“, sondern enthält viele Botschaften und Anspielungen auf das gesellschaftliche und soziale Leben.

Während der Erarbeitungszeit trat die Problematik auf, dass man bei Andersen vorsichtig mit Epochenbezügen zur Romantik sein muss, da er kein deutscher Autor ist. Normalerweise zählen zu den typischen Vertretern von Kunstmärchen aus der Romantik Ludwig Tieck („Der blonde Eckbert“ 1797), Novalis (die Märchenerzählungen im Romanfragment Heinrich von Ofterdingen 1800), Friedrich de la Motte Fouqué („Undine“ 1811), E. T. A. Hoffmann („Der goldene Topf“ 1811 und 1814), Adelbert von Chamisso („Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ 1813) und der bekannte Romantiker Clemens Brentano („Gockel, Hinkel und Gackeleia“ 1838).1 Doch nach vertieften Recherchen der Biografie von Hans Christian Andersen fand ich heraus, dass man Andersen doch zu den deutschen Romantikern zählen kann. Dies ist auch ein weiterer Grund, dass ich Andersen mit seinem Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ verwende, da hier auch deutlich wird, dass nicht nur die Herkunft des Autors entscheidend ist, sondern auch die Einflüsse, die er während seines Lebens mitbekommen hat. Näheres findet man im Verlauf der Facharbeit.

Zunächst möchte ich, um dem Verständnis von Kunstmärchen näher zu kommen, Grundlagen zur Thematik Kunstmärchen und Volksmärchen schaffen, indem ich auf den Begriff Märchen allgemein eingehe, dann berichte ich vom Ursprung der Kunstmärchen und befasse mich anschließend mit den Charakteristika von Kunstmärchen. Dabei nehme ich Bezug zu den Volksmärchen. Im weiteren Verlauf werde ich anhand des Kunstmärchens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen zeigen, wie die Wirkungsabsicht von Kunstmärchen dargestellt wird.

2. Zum Begriff Märchen

Seinem Ursprung nach stammt die Bezeichnung „Märchen“ von dem Wort Mär (mhd. maere) ab, was so viel bedeutet wie „Kunde“ oder „Bericht“.2 Die Verkleinerungsform „merechyn“, erstmalig belegt um 1450, wurde auf erfundene Geschichten angewendet.3 Gero von Wilpert definiert Märchen als „kürzere, volksläufig-unterhaltende Prosaerzählung von phantastisch- wunderbaren Begebenheiten und Zuständen aus freier Erfindung ohne zeitlich-räumliche Festlegung“.4

3. Ursprung von Kunstmärchen

Die Kunstmärchen stammen aus der Epoche der Romantik. In der Literatur der Romantik versuchte man die Flucht aus der Wirklichkeit, um der damaligen bestehenden politischen und gesellschaftlichen Situation, die durch Industrialisierung, Verstädterung und Landflucht geprägt war, zu entfliehen.

Zu dieser Zeit waren Volksmärchen sehr populär. Als in der Romantik das Sammeln und Inventarisieren volkstümlichen Kulturguts wichtig wurde, versuchte man diese mündlichen Überlieferungen in schriftlicher Form festzuhalten.

Doch prägend in dieser Zeit kam das Bewusstsein unter den Schriftstellern auf, dass man diese Art der Erzählform, die man in Volksmärchen auffindet, auch dafür verwenden kann, ein Kunstmärchen zu schaffen.

Allerdings sollte diese neue Form, angelehnt an die Volksmärchen, künstlerische Qualität entwickeln und einem hohen literarischen Anspruch genügen.5 Diese literarische und geschichtliche Abwandlung von Volksmärchen wurde den Idealen der Literatur der Romantik gerecht. So definierte Fritz Martini (1955) Kunstmärchen als „eine geistesgeschichtliche Spätform, den Ausdruck einer Sehnsucht, einer seelischen Ruhelosigkeit, eines subjektiven Traumes, dessen Symbolsprache leicht nur Fiktiven entschwebt oder der Allegorie erstarrt.“6 Obwohl die äußere Wirklichkeit im Kunstmärchen scheinbar ausgeblendet wird, ermöglichte diese Form, in der damaligen Zeit, sozialkritische Inhalte zu transportieren und Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen darzustellen. Doch neben der Kritik auf das aktuelle poltische Geschehen und der Kritik an die gesellschaftlichen Zustände mit ihren Auswirkungen, war das Ziel „den inneren Seelenraum des Menschen zu bevölkern“.7 Während zuvor die Aufklärung mit vielen Dingen des Aberglaubens aufgeräumt hatte und Rationalität Einzug hielt, versuchte man durch die Kunstmärchen mitunter die Flucht aus der Wirklichkeit.

4. Charakteristika von Kunstmärchen

Kunstmärchen kann man als Weiterentwicklung von Volksmärchen definieren. Zunächst einmal kann man sagen, dass sie das Gegenteil vom sogenannten Volksmärchen sind. In der Zeit der Romantik war das Volksmärchen sehr populär. Die Absicht der Kunstmärchen war, es in dieser Weise Erzählungen und neue Inhalte an eine breite Masse richten zu können.

Doch das „Kunstmärchen gibt es nicht!“8. Es gibt verschiedene Formen des Kunstmärchens, die sich aber allesamt von den Volksmärchen unterscheiden.

Kunstmärchen stammen von einem bestimmten Autor, der auch literarische Strömungen und Wirkungsabsichten in seinem Text mit einfließen lässt. Dabei ist ihre Textgestalt eindeutig fixiert.

Es wird ganz bewusst die Sprache des einfachen Bürgertums verwendet und spricht nicht, wie damals üblich, in elegantem Französisch über hochkomplexe Probleme.9 Das Kunstmärchen „will gelesen und vorgelesen werden“10, daher verlangt es auch einen komplexen Erzählstil, der durch Gleichzeitigkeit der Handlungen, umfangreiche und komplizierte Probleme geprägt ist und durchläuft nicht wie im Volksmärchen durch die mündliche Überlieferung einen Wandel in Handlung und Struktur.

Das Diesseits und Jenseits werden miteinander verbunden und verschmelzen zur Eindimensionalität. Sprachliche Mittel wie Metaphern und Zahlensymbole nehmen einen hohen Stellenwert ein und prägen die Geschichte.

Geprägt werden Kunstmärchen auch durch Mystik und Magie. Folglich werden märchenhafte Motive verwendet, so können dann Tiere sprechen oder das Wunderbare wird selbstverständlich. Für magische Motive gepaart mit Mystik steht der Romantiker Brentano mit seiner „Loreley“, wo ein Felsen am Rhein zu einem mythischen Ort gemacht wird. Im Gegensatz zum Volksmärchen werden die Personen im Kunstmärchen weitaus komplexer dargestellt. Sie erhalten körperliche und seelische Tiefe und repräsentieren nicht einen typisierten Charakter.

Das Ziel des breiten Publikums, welches durch die Anlehnung an Volksmärchen resultierte, konnte in Kombination mit der einfachen Sprache des Bürgertums und den weiteren markanten Merkmalen verfolgt werden. Das Publikum waren in dem Fall nicht Kinder, sondern das Kunstmärchen richtete sich speziell an die Erwachsenen. So wird im märchenartigen Roman „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry im Vorwort hervorgehoben, dass sich das Buch sowohl an Kinder als auch an die Erwachsenenwelt richtet.11 Das Kunstmärchen richtet sich dabei an den Verstand und die Vernunft. Zu beachten ist auch, dass es nicht zwingend ein glückliches Ende geben muss und es oft an der Verwirklichung des Strebens nach Glück scheitert. Diese Grausamkeit am Ende des Kunstmärchens legt einen entscheidenden Grundstein für die Wirkungsabsicht des Märchens. Erst durch die Emotionalität und das Mitgefühl des Lesers wird der Blickwinkel des Lesers auf Missstände gerichtet.

5. Unterschiede zu Volksmärchen

Volksmärchen und Kunstmärchen lassen sich grob in ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer Zielgruppe, durch ihre literarische Form und nicht zuletzt durch ihren Sinn oder ihre Bedeutung unterscheiden.

Im Gegensatz zu Kunstmärchen handelt es sich bei Volksmärchen um mündliche Überlieferungen, die sich aufgrund der Zeit immer wieder wandelten. Daher sind verschiedene Varianten und Fassungen eines Märchens heutzutage vorhanden. Beispielsweise begannen die Brüder Grimm, die Märchen in schriftlicher Form festzuhalten und man kann Überschneidungen zu den Märchensammlungen von Pechstein finden. Die Sprache ist sehr einfach gehalten, damit die Zielgruppe, in dem Fall hier die Kinderwelt, diese leicht auffassen kann. Daher sind sie leicht verständlich, besitzen einfache und nicht komplexe Strukturen und verwenden einen sehr bildhaften und anschaulichen Stil.12 Wie auch bei Kunstmärchen ist hier die Eindimensionalität vorhanden und das Diesseits stellt sich nicht vor das Jenseits, sondern beide Ebenen werden miteinander verbunden. Den Personen fehlen körperliche und seelische Tiefe. Dabei ist auffällig, dass die Personen nur auf bestimmte Körper- und Charaktereigenschaften reduziert werden. Ein typisches und eines der bekanntesten Volksmärchen, wo dies deutlich wird, ist „Hänsel und Gretel“. Dort treten die böse Stiefmutter, die böse und zugleich alte Hexe und die armen Kinder auf. Die Handlung begründet sich meist aus einer Ausgangslage, die durch eine Notlage, eine Aufgabe oder ein Bedürfnis geprägt ist. Das Ende eines Volksmärchens ist immer abzusehen. Das Ziel des Strebens nach Glück, das Besiegen des Bösen wird Realität und am Ende wird „das Böse […] bestraft und das Gute belohnt“13.

Ein großer Unterschied zu Kunstmärchen findet sich darin wieder, dass das Volksmärchen nicht interpretiert bzw. übersetzt werden muss. Es handelt sich um eine eindeutige Handlung, die keiner Erklärung oder Moral bedarf. Sie werden unmittelbar verstanden und stellen nur das dar, was in der Handlung passiert. Vielmehr wird werkimmanent gearbeitet.

Daher benötigt der Leser bzw. vielmehr der Hörer, vergleichend zu Kunstmärchen, kein weiteres Wissen für das Verständnis im Hinblick auf die Absicht und muss die Handlung nicht auf andere Zusammenhänge übertragen.

Die Absicht des Märchens richtet sich eher an den Verstand und enthält zumeist einen erzieherischen Gedanken. Exemplarisch möchte ich hier das Volkmärchen „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ erwähnen. Im Verlauf der Handlung sind die Geißlein alleine zu Hause und werden von dem bösen Wolf überrascht. Dieser frisst letztendlich die Geißlein auf. Hier ist nun der konkrete Erziehungsgedanken der, dass man keinen fremden Menschen trauen soll und nicht die Türe öffnen sollte, wenn die Mutter nicht da ist. Natürlich richtet sich das didaktische Element in diesem Fall an die Kinderwelt.

[...]


1 vgl. WIKIPEDIA: Kunstmärchen. Online unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Kunstmärchen (abgerufen am 21.02.2010). [Internetquelle]

2 Der Brockhaus in 15 Bänden. Bd. 9. M-Nar, S.97. [Lexikon]

3 vgl. Poser, Therese. Das Volksmärchen, S.9. [Sekundärliteratur]

4 Wilpert, Gero. Zitiert nach: Poser, Therese. Das Volksmärchen, S.10. [Sekundärliteratur]

5 vgl. SCHMITZ, Alfried (12.06.2007): Sendung: Die Romantik - Epoche der Sehnsucht, 21.01.2008 (WDR Planet Wissen). [Interview]

6 WÜHRL, Paul-W. (2006): Das Kunstmärchen - was ist das? Online unter: http://www.kunstmaerchen.de/ (abgerufen am 01.02.2010). [Internetquelle]

7 vgl. SCHMITZ, Alfried (12.06.2007): Sendung: Die Romantik - Epoche der Sehnsucht, 21.01.2008 (WDR Planet Wissen). [Interview]

8 WÜHRL, Paul-W. (2006): Das Kunstmärchen - was ist das? Online unter: http://www.kunstmaerchen.de/ (abgerufen am 01.02.2010). [Internetquelle]

9 vgl. SCHMITZ, Alfried (12.06.2007): Sendung: Die Romantik - Epoche der Sehnsucht, 21.01.2008 (WDR Planet Wissen). [Interview]

10SCHMITZ, Alfried (12.06.2007): Sendung: Die Romantik - Epoche der Sehnsucht, 21.01.2008 (WDR Planet Wissen). [Interview]

11 vgl. WIKIPEDIA: Kunstmärchen. Online unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Kunstmärchen (abgerufen am 21.02.2010). [Internetquelle]

12 vgl. GRUNER, Debora: Märchenformen: Volksmärchen und Kunstmärchen. Online unter http://www.gymnasium- meschede.de/projekte/projekt12-04/maerchenformen.htm (abgerufen am 1.02.2010). [Internetquelle]

13 GRUNER, Debora: Märchenformen: Volksmärchen und Kunstmärchen. Online unter http://www.gymnasium- meschede.de/projekte/projekt12-04/maerchenformen.htm (abgerufen am 1.02.2010). [Internetquelle]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wirkungsabsicht Märchen - Vergleich von Kunstmärchen und Volksmärchen
Untertitel
Am Beispiel von Hans Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“
Note
1,00
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V151074
ISBN (eBook)
9783640628179
ISBN (Buch)
9783640856985
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstmärchen, Volksmärchen, Andersen, Hans Christian Andersen, Vergleich, Analyse, Interpretation, Facharbeit, Deutsch, Märchen, Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern
Arbeit zitieren
Rudolph Kästner (Autor), 2010, Wirkungsabsicht Märchen - Vergleich von Kunstmärchen und Volksmärchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151074

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