Glaube und Zweifel

Eine theologische und psychologische Analyse über Nutzen, Schaden und "Behandlung" von Glaubenszweifeln


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

16 Seiten, Note: 1,7

Marie Wolf (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen des Zweifels

3. Glaubenszweifel bei Schleiermacher
3.1 Der Glaubensbegriff
3.2 Anleitung gegen Glaubenszweifel
3.2.1 „Objektive“ Zweifel: „Gottheit Christi“ und „Eingebung der Schrift“
3.2.2 „Subjektive“ Zweifel: „Lehre von der Gnadenwahl“ und „Lehre von
den letzten Dingen“

4. Glaubenszweifel bei Tillich
4.1 Der Glaubensbegriff
4.2 Ontologische, geistige und sittliche Zweifel
4.3 Ein „Glauben ohne spezifischen Inhalt“

5. Glaubenszweifel und Psychoanalyse
5.1 Glauben und psychische Gesundheit
5.1.1 Psychische Konsequenzen von Irreligiösitat
5.1.2 Religiöse Zweifel und psychisches Wohlbefinden
5.1.3 Eine Langzeitstudie über Religion und Zweifel

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Mittelalter existiert in Europa ein sehr einheitliches Bild vom Glauben. Zwar gibt es verschiedene religiöse Orden innerhalb der katholischen Kirche, welche die Glaubensinhalte recht unterschiedlich interpretieren, doch der Glaube selbst wird kaum in Frage gestellt.[1] Zu Beginn der Neuzeit zeichnet sich ein neues Bild vom Glauben ab. Reformation und Aufklärung sind nur zwei von verschiedenen Ereignissen, die den Glauben der Menschen zutiefst verunsichert haben. Zweifler haben jetzt Hochkonjunktur. Zwar werden diese von der katholischen Kirche noch lange exkommuniziert, doch die Stimmen der Zweifelnden und der Kritiker sind unüberhörbar geworden und führen zu einer tieferen Verunsicherung der Glaubenden, denn die Kirche hat diesen Stimmen nichts entgegenzusetzen.[2]

Friedrich Schleiermacher ist ein evangelischer Theologe, der versucht etwas gegen diese Entwicklung zu tun. So verfasst er in seiner Schrift „Die praktische Theologie nach den Grundsätzen der ev. Kirche“[3] ein detalliertes Programm, wie im Sinne der Seelsorge mit Zweifelnden verfahren werden soll. Schleiermacher spricht damit 1850 ein Problem an, das sich bis zum heutigen Tag fortgesetzt hat. Daher beschäftigt sich Paul Tillich in „Der Mut zum Sein“[4] hundert Jahre später ebenfalls mit diesem Thema.

Wer heutzutage als Religionspädagoge oder Theologe tätig sein will, sollte sich daher mit dem Problem der Glaubenszweifel beschäftigen und verschiedene Wege der Handhabung dieser kennen. In Schleiermachers Argumentation beispielsweise wird ersichtlich, dass er Zweifel für ein unliebsames Mitbringsel des Glaubens hält und diese daher eher negative Auswirkungen bei einem religiösen Menschen haben. Für Tillich sind Zweifel hingegen - bei aller Gefahr - geradezu der Ursprung und Kerngehalt des Glaubens und daher tendenziell positiv zu bewerten. Aus diesen theologischen Annahmen resultieren verschiedene Ansichten über den Umgang mit Zweifelnden. Es ist interessant, die wiedersprüchlichen Gedanken von Schleiermacher und Tillich mit gegenwärtigen psychologischen Untersuchungen zum Thema in Zusammenhang zu stellen um zu ermitteln wie am sinnvollsten mit Glaubenszweifeln umgegangen werden kann.

2. Definitionen des Zweifels

Es gibt sehr verschiedene Herangehensweisen zur Definition von Zweifel. Für das Feld der Theologie lassen sich drei Ansätze voneinander unterscheiden. Der systematisch-theologische Ansatz, der religionsphilosophische Ansatz und der praktisch-theologische Ansatz. Auf letzteren wird hier im Weiteren Bezug genommen. Zweifel werden demnach als ein natürliches Pendant zum Wissen verstanden. Der Akt des Zweifelns wird klar abgegrenzt vom Agnostizismus und Skeptizismus. „Zweifel (ist ein) Akt der Freiheit, der die Unterscheidung zwischen kirchlich institutionalisierter Religion und der vielfältigen Deutungspraxis subjektiver Frömmigkeit hervorhebt.“[5] Ferner wird beim praktisch-theologischen Ansatz eine Unterscheidung zwischen „Zweifel am Glauben“ und „Zweifel an den Glaubensinhalten“ getroffen. „Dem Glaubenskampf wird (.) der Vorrang über die Glaubensinhalte eingeräumt, da in ihm das tiefgreifende Ringen um die Wahrheit zum Ausdruck gebracht wird.“[6]

Um den Begriff des Zweifelns verstehen und untersuchen zu können ist es ebenfalls notwendig nach einer Definition des Glaubens zu fragen. Da die Ansätze hier allerdings noch vielfältiger sind als beim Begriff des Zweifelns, erfolgt die begriffliche Einordnung des Glaubens in direktem Zusammenhang mit dem jeweiligen Theologen.

3. Glaubenszweifel bei Schleiermacher

3.1 Der Glaubensbegriff

Bevor von Glaubenszweifeln bei Schleiermacher die Rede sein kann, muss zuerst sein Verständnis vom Glauben festgehalten werden. Schleiermacher grenzt Religion von Begriffen wie „Wissen“ und „Tun“ ab, indem er sie als „unmittelbares Selbst-bewußtsein“ charakterisiert.[7] Dieses Selbstbewußtsein entstehe auf Grund der Dichotomie von erfahrener Freiheit und Abhängigkeit. Da der Mensch aber niemals völlig frei sein könne, spricht Schleiermacher insgesamt vom „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“. In dieser „schlechthinnigen Abhängigkeit“ sieht Schleiermacher interessanterweise auch den Ursprung allen Seins, so dass ein Leben ohne Religion gar nicht möglich sein könne. Er schreibt daher auch, dass „alle Gottlosigkeit des Selbstbewußtseins für Wahn und Schein erklärt (werden muss)“.[8]

Den Glauben definiert Schleiermacher als eine „Gewissheit“, die den „Zustand des höheren Selbstbewußtseins begleitet“.[9] Diese „Gewissheit“ ist dann gegeben, wenn religiöse Glaubensaussagen vom Glaubenden als wahr empfunden werden, weil die tatsächlich erlebten Glaubensvorstellungen sich mit ihrem „Gefühl“ von Religion decken. Dieses „Ideal“ sei aber in keiner Religion vollständig zu erreichen.

3.2 Anleitung gegen Glaubenszweifel

Schleiermacher formuliert aus seinem Religionsverständnis in der „Praktische Theologie“, was der Geistliche tun könne um ein beunruhigtes religiöses Gefühl zu beruhigen und schlägt eine folgende - fast therapeutische - Vorgehensweise vor.[10]

Zuerst solle der Geistliche „eine richtige Vorstellung über den Werth des bezweifelten Gegenstandes (.) feststellen“ und zwar ruhig und sachlich um zu prüfen, wie stark das Gemeindemitglied zweifelt. Wenn der Geistliche beispielsweise einem gebildeten Menschen Rede und Antwort stehen muss, dann „ist die Sache nicht so schwierig, denn sie haben doch immer einige geschichtliche Kenntniß, und man kann ihnen nachweisen, daß immer in diesen Punkten geschwankt worden sei (.), so daß die Entscheidung in der Sache nicht von so großem Gewicht ist.“[11] Bei zweifelnden „ungebildeten Gemeinegliedern“ habe der Geistliche hingegen „nachzuholen, was eigentlich die Katechese hätte leisten sollen.“

Schleiermacher unterscheidet ingesamt vier Bereiche des Glaubens, die besonders häufig angezweifelt werden. Das sind die „Gottheit Christi“, die „Eingebung der Schrift“, die „Lehre von der Gnadenwahl“ und die „Lehre von den letzten Dingen“. Bei der Frage nach der „Gottheit Christi“ und der „Eingebung der Schrift“ stehe dabei ein „objektives Interesse“ für die Kirche im Vordergrund, hinter den Zweifeln an der „Gnadenwahl“ und der „Lehre von den letzten Dingen“ verberge sich ein „subjektives Interesse über die geistige Persönlichkeit“.

Erklärtes Ziel bei der Gemeindearbeit und somit auch bei der Behandlung von Glaubenszweifeln soll dabei sein, die „Persönlichkeit des anderen (.) frei zu machen und zu steigern.“[12]

[...]


[1] Gössmann, E., Glaube. Mittelalter, TRE 13, S. 308-318.

[2] Slcenczka, R., Glaube. Reformation. Neuzeit, TRE 13, S. 318 – 335.

[3] Schleiermacher, Friedrich, Die praktische Theologie nach den Grundsätzen der ev. Kirche (1850), Berlin 1983, S. 428-466.

[4] Tillich, Paul, Der Mut zum Sein, in: Rathmann, August (Hg.), Schriften zur Zeit, Stuttgart^3 1958.

[5] Bieler, A., Zweifel. Praktisch Theologisch, TRE 36, S. 773.

[6] Ebd.

[7] Schleiermacher, Friedrich, Der christliche Glauben nach den Grundsätzen der ev. Kirche im Zusammenhange dargestellt, Bd. 1, Berlin 2003, §4.

[8] Fischer, H., Schleiermacher, in: TRE 30, S. 168.

[9] Ebd.

[10] Schleiermacher, Die praktische Theologie, Berlin 1983, S. 447ff.

[11] Ebd. S. 448.

[12] Schleiermacher, Die praktische Theologie, Berlin 1983, S. 453.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Glaube und Zweifel
Untertitel
Eine theologische und psychologische Analyse über Nutzen, Schaden und "Behandlung" von Glaubenszweifeln
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V151222
ISBN (eBook)
9783640628186
ISBN (Buch)
9783640777532
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Warum an Gott glauben, Paul Tillich, Schleiermacher, Glaubenszweifel, Zweifel an Gott, Gottesbeweis, Tillich, Religionsphilosophie, Religion und Psychologie
Arbeit zitieren
Marie Wolf (Autor), 2008, Glaube und Zweifel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151222

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