Kaibara Ekken (1630-1714): "Abhandlung zum Kämpferischen" (Bukun)

Ein Beitrag zum "gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel "


Forschungsarbeit, 2009
42 Seiten

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Vorwort

Der hier übersetzte Text, die „Abhandlung zum Kämpferischen“ (Bukun), ist der zweite Teil einer längeren Abhandlung von Kaibara Ekken; nämlich der „Abhandlung über das Zivilisatorische und das Kämpferische“ (Bunbukun). Jeder Übersetzer steht dabei immer wieder erneut vor dem Problem, einen (seiner Meinung nach) möglichst treffenden und dem Kontext angemessenen deutschen Terminus für das jeweilige japanische Schriftzeichen zu wählen bzw. wählen zu müssen – ganz abgesehen von dem grundsätzlichen Problem, dass es sich in den meisten Fällen sowieso nur schwer oder eindeutig sagen lässt, inwieweit man denn als Leser den Text überhaupt so verstanden hat, wie ihn der Autor verstanden haben wollte.

Davon unabhängig bietet auch der vorliegende Text zweifellos wieder interessante Einblicke in den großen Komplex des „gemeinsamen Wegs von Schwert und Pinsel“ (bunbu-ryôdô), welcher nach Meinung des Übersetzers ohne Übertreibung als „das Paradigma“ der Tokugawa-Zeit gelten kann. Dieses Paradigma ist sicherlich in sich nicht völlig wiederspruchsfrei; doch scheint das eigentliche Problem nach wie vor viel mehr darin zu liegen, es überhaupt als solches zu erkennen bzw. anzuerkennen, und nicht einzelne, teilweise konträre Positionen als völlig unverbundene, konkurrierende Weltsichten zu verstehen.

Insofern will auch diese Übersetzung in erster Linie wieder einen Beitrag dazu leisten, anhand der Quellen zu einem differenzierterem Bild des „philosophisch-ethischen Ideals“ der Samurai jener Epoche zu gelangen.

München, Oktober 2009

Kaibara Ekken: Abhandlung zum Kämpferischen – Erster Band

Das Kämpferische hat Wurzeln und Zweige/Früheres und Späteres (hon-matsu).1 Treue, Ehrfurcht, Rechtschaffenheit und Tapferkeit sind die Wurzeln der kriegerischen Mittel/der Lebensordnung des Kriegers (heihô). Sie bilden die kriegerische Tugendkraft (butoku). Angemessenheit und Pläne bestimmen die kriegerischen Mittel. „Angemessenheit“ (sessei) bedeutet die Aufteilung der Soldaten und den Weg, den Krieg zu führen; dies sind die sogenannten „militärischen Methoden“ (gunpô). Die Beherrschung von Pfeil und Bogen, Schwert und Lanze u.a. Waffenfertigkeiten sind die Zweige der kriegerischen Mittel. Sie sind die kriegerischen Techniken (bugei). Gut ist es, wenn Wurzeln und Zweige gleichermaßen ausgebildet sind. Die kriegerischen Techniken haben die kriegerischen Mittel zur Grundlage; die kriegerischen Mittel haben Güte/Mitgefühl (jin) und Rechtschaffenheit (gi) zur Grundlage. Wenn man diese drei kennt, dann unterscheidet man ihre Reihenfolge und versteht ihre Bedeutung. Wenn man diese drei zusammenbringt, dann wird die kriegerische Tugendkraft durch Treue und Rechtschaffenheit vorangetrieben. Auch Personen, die keine Kenntnis von den kriegerischen Techniken haben, können dennoch die Tapferkeit der Treue und Rechtschaffenheit besitzen; wenn es zum Kampf kommt gibt es viele, die sich so einen Namen als Kämpfer machen. Doch wenn man zwar die kriegerischen Techniken beherrscht, aber ohne Treue und ein Feigling ist, dann wird man sich im Kampf nur schwer einen Namen machen können. Das ist gemeint mit: „Der Edle sorgt sich um das Grundlegende. Wenn das Grundlegende errichtet ist, wird der WEG geboren.“2 Aber obwohl es die kriegerischen Techniken wirklich zu erlernen gilt anstatt sie beiseite zu lassen ist es sicherlich so, dass wenn man die kriegerische Tugendkraft zur Grundlage nimmt, man sich zweifellos auch um die kriegerischen Techniken bemüht. Man muss Wichtiges und weniger Wichtiges, Wurzeln und Zweige kennen. Ebenso haben Treue, Rechtschaffenheit und Tapferkeit ihre Wurzeln und Zweige. Bei den Brüdern Cheng heißt es: „Der Mensch soll unbedingt einen mitfühlenden und rechtschaffenen Herz-Geist haben. Danach kann er dann entsprechend wirken.“3 Der mitfühlende und rechtschaffenen Herz-Geist bildet die Wurzeln; das daraus resultierende mitfühlende, rechtschaffene und auch tapfere Wirken sind die Zweige. Wenn man einen mitfühlenden und rechtschaffenen Herz-Geist hat, wird das tapfere Handeln ganz von selbst kommen. Aber ohne Mitgefühl und Rechtschaffenheit die kämpferische Tapferkeit mögen führt große Männer zu Aufständen; geringe Personen macht es zu Dieben.

Wenn die Krieger nicht nach Treue, Ehrfurcht und Rechtschaffenheit streben, kämpferische Tüchtigkeit vernachlässigen und es an Treue und Moral mangeln lassen, dann wird der Weg des Vasallen nicht errichtet. Wenn sie zwar aus einer Kriegerfamilie stammen, aber die kriegerischen Methoden und Mittel nicht kennen, das Kriegsgerät nicht beherrschen und keine militärische Ausbildung haben, dann mögen sie wohl dennoch ein großes Herz haben; aber das Trachten nach kriegerischer Tüchtigkeit haben sie vernachlässigt. Darum hat der Weg des Kriegers im Inneren Treue, Ehrfurcht und Rechtschaffenheit zur Grundlage; d.i. die Kenntnis von der Lebensordnung der Krieger. Im Äußeren gilt es die kriegerischen Techniken zu erlernen und die Kampfbereitschaft nicht zu vernachlässigen. Wenn der Krieger nicht um Treue, Ehrfurcht und Rechtschaffenheit weiß, entfernt er sich von der Lebensordnung des Kriegers und den kriegerischen Techniken; und ohne Kampfbereitschaft kann er die Aufgaben eines Kriegers nicht erfüllen. Die kriegerischen Techniken sind der Mut des kleinen Mannes (hippu).4 Es gilt, sie dem eigenen Stande entsprechen zu erlernen. Der große Mann bemüht sich darum, in den kriegerischen Techniken ausschließlich seinen Herz-Geist zu gebrauchen. Bleibt man den Techniken verhaftet, kann der Weg nicht gegangen werden. Gleichzeitig muss die Kampfbereitschaft fest gegründet sein. In friedlichen und sichern Zeiten gebrauche man seinen Herz-Geist, um sich in ausgewogener Weise mit Menschen und Pferden, Kriegsgerät, Kriegsmitteln, Reitutensilien, Gold und Silber, Verpflegung und dergleichen zu beschäftigen. Man bereite sich vor, kenne die (Personen)Register und sei nirgends unaufmerksam. Wenn es dann zum Feldzug kommt bewahrt man Ruhe, folgt den Anordnungen und ist rundum bereit; so dass man jeden Augenblick zuschlagen kann. Das ist gemeint mit „alle Dinge im Voraus regeln“. Wenn man hingegen nicht gründlich vorbereitet ist, dann wird man früher oder später straucheln.

Es darf nicht sein, dass die Krieger die kriegerischen Techniken nicht beherrschen. Wenn Reiten und Bogenschießen, Schwert, Speer und Hellebarde, Feuerwaffen, waffenloser Kampf (kenpô) u.a. nicht erlernt werden, dann ist es schwer Erfolge zu erzielen, wenn es zum Kampf kommt.5 Am meisten müssen Reiten und Bogenschießen trainiert werden. Wenn diese beiden nicht ganz besonders intensiv erlernt werden, dann mag man zwar viel Kraft haben, doch kann man diese beiden Künste dennoch nicht ausüben. Wenn man die anderen kriegerischen Techniken lernt kann es sein dass, weil man in einer Zeit des Friedens geboren wurde und lebt, diese Fertigkeiten nicht ein einziges Mal zum Einsatz kommen. Reiten und Bogenschießen aber braucht man praktisch täglich [auf Reisen und zur Jagd]. Insbesondere Reiten ist eine tägliche Angelegenheit und sollte deshalb gründlich beherrscht werden.

Samurai, egal ob von hohem oder niederem Rang, müssen die Methoden von Bogenschießen, Reiten, Schwert und Speer studieren. Wenn sie die kriegerischen Techniken nicht beherrschen, dann können sie dem Feind schwerlich gegenübertreten, wenn es einmal zum Kampf kommt. Dennoch lernen die großen Feldherren zuerst die Lebensordnung des Kriegers, und erst danach beschäftigen sie sich mit den kriegerischen Techniken. Man darf sich nicht ausschließlich mit den kriegerischen Techniken beschäftigen. Die kriegerischen Techniken gilt es vor allem im großen und ganzen zu erlernen; sie sind die Zweige. Die Lebensordnung des Kriegers bildet die Wurzeln. Auch die Verwaltungsbeamten müssen die Lebensordnung des Kriegers erlernen. Wenn sich Feldherren nur mit den kriegerischen Techniken befassen, ohne die Lebensordnung des Kriegers zu kennen, dann bedeutet dies die Wurzeln/das Frühere zu verwerfen und die Zweige/das Spätere zu ergreifen. Der einfache Samurai sollte v.a. die kriegerischen Techniken weitläufig studieren. Er sollte Reiten und Bogenschießen, Schwert, Speer und Hellebarde, Schwertziehen, Schwertkampf, waffenlosen Kampf, Stock, Wasserübungen (suiren) etc. erlernen.6 Wenn er auch nur eine Sache davon nicht beherrscht, dann kann er sich den Veränderungen nicht anpassen. Und wenn sich ein einfacher Samurai nur auf eine Fertigkeit konzentriert und diese völlig durchdringen will, dann bedeutet das daran zu haften, und er wird mit den anderen Fertigkeiten nur schwer vertraut werden. Wenn sich nun Söhne eines Samurai nur durch eine einzige Fertigkeit eine Stellung verschaffen wollen, dann sollen sie sich tatsächlich ganz auf diese konzentrieren und sie gründlich durchdringen. Solche Personen werden dann zu Lehrern. Wenn sie aber viele Fertigkeiten studieren, dann dringen sie in eine einzelne Fertigkeit nicht tief ein; ohne gründliche Kenntnis einer einzelnen Fertigkeit jedoch ist es schwer, Lehrer zu werden.

„Es gibt 36 Kriegsmittel.7 Der Bogen hat einen Ehrenplatz. Es gibt 18 kriegerische Techniken. Das Schießen ist einfach.“ So steht es in den „Militärischen Aufzeichnungen“ (Binglu). Es handelt sich dabei um eine chinesische Schrift.8 Auch in Japan wird das (Bogen)Schießen hoch geschätzt; von den Kriegern wird es „Bogen-Nehmen“ genannt (yumitori). In China ebenso wie in Japan wird also das Reiten und Bogenschießen hoch geschätzt und zählt zu den kriegerischen Techniken. Was Langschwert und Speer betrifft, so gibt es viele, die nichts davon verstehen und eher planlos damit kämpfen. Aber wenn man Reiten und Bogenschießen nicht gelernt hat, dann kann man keine Pfeile abschießen und nicht auf ein Pferd steigen. Bei den vielen kriegerischen Techniken darf es keinesfalls angehen, dass man dieses beiden nicht beherrscht.

Im China der Tang-Zeit (morokoshi) gab es 18 kriegerische Verfahren.9 Auch in Japan gibt es eine Vielzahl kriegerischer Methoden. Reiten und Bogenschießen stehen dabei an erster Stelle und sollten von allen großen Feldherren beherrscht werden. Auch mit Schwertkampf und Speertechnik sollte man sich unbedingt auskennen. Davon abgesehen gibt es noch die Methoden des Schwertziehens, des nageutsu sowie der Hellebarde. Weiterhin gibt es den Einsatz von Sichel und Stock. Wenn man diese Methoden beherrscht, dann ist man einsatzbereit und kann den Gegner angreifen. Dann gibt es noch die Methoden des Fesselns (hobaku). Und es gibt den waffenlosen Kampf/Faustkampf. Der waffenlose Kampf wurde in der letzten Zeit durch den aus China stammenden Chen Bin beeinflusst, der hier bei uns gestorben ist. Obwohl ich selbst diese Methoden nicht gelernt habe, wird doch erzählt, dass sie aus China stammen. Manche die dies gehört haben meinen daher, dass diese Kunst dort ihren Anfang genommen hat.10

In den militärischen Aufzeichnungen heißt es bezüglich der Methoden zur Untersuchung von Kämpfern, dass es fünf Gruppen von Personen gibt welche man nicht einsetzen soll. Die ersten sind solche Stadtmenschen, welche nur dem Müßiggang frönen sowie verweichlicht und schlecht erzogen sind. Die zweiten sind Schönlinge, welche bei ihren Schwertern und Speeren bloß darauf achten dass sie gut aussehen, anstatt sich darauf zu konzentrieren, den Feind zu besiegen. Die dritte Gruppe sind Leute über Vierzig mit geringer Körperkraft. Die vierte Gruppe sind solche, die große Worte lieben und falsch daherreden; sie haben viele Feinde und arbeiten nicht wirklich. Die fünften sind die zwar Interessanten, aber mit wenig Mut; sie arbeiten kaum wirklich hart.

Was „Mut und Feigheit“ betrifft, so bedeutet Mut eine ausgebildete Wirkkraft; Feigheit meint Unzulänglichkeit. Feigheit ist eine Art Leiden oder Krankheit. Feigheit und Mut sind aber nicht nur angeboren, sondern auch durch Gewohnheit erworben. Auch wenn man von Natur aus feige oder mutig ist, kann sich dieses durch Gewohnheit noch ändern. Die Kinder von Kriegern studieren die kriegerischen Techniken und werden so zu tapferen Kämpfern. Sie hören Erzählungen und lesen die alten Kriegsgeschichten; dadurch wird ihre Tapferkeit gefördert und sie lieben das Kämpferische. Aber auch Kinder von Kriegern können zu Händlern werden; durch Gewöhnung entfernen sie sich so vom kämpferischen Weg und ihre Tatkraft ist schwach. Man sollte also Acht geben, an was man sich gewöhnt. Ein weiser Mann hat einmal gesagt, „Vollenden ist der Charakter des Himmels, Gewöhnung ist das Wirken der Natur“. Wenn man von klein auf eifrig lernt, dann wird man mit dem Charakter des Himmels ausgestattet. Gewöhnung entsteht hingegen, wenn man dauerhaft unaufmerksam ist. In China ebenso wie in Japan werden bei Kämpfen auch Bauern eingesetzt, nicht aber Händler.

Händler sind in ihrem Tun stets nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht und stehen daher den Kriegern fern. Die Bauern sind in ihrem Herz-Geist dagegen den Kriegern nahe.

Von Natur aus ist man (mehr oder weniger) tapfer und feige. Bei der Tapferkeit unterscheidet man die Tapferkeit des Blutes/Gemüts (kekki) und die Tapferkeit der Rechtschaffenheit. Die Tapferkeit des Blutes zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Starke zerstört und das Feste zerschlägt. Wenn aber nur die Wirkkraft stark ist, ohne dass Rechtschaffenheit vorhanden ist, dann wird das Wesentliche nicht bewahrt und man ist nicht zuverlässig. Die Tapferkeit der Rechtschaffenheit hingegen bewahrt das Rechte; auch in bedeutenden Angelegenheiten ändert sie sich nicht und man bleibt zuverlässig. Es ist wie mit Hunden; es gibt tapfere Hunde und rechtschaffene Hunde. Der tapfere Hund kommt an einen Ort und arbeitet viel. Wenn er aber auf ein zorniges Wildschwein trifft, dann duckt er sich und flüchtet. Der rechtschaffene Hund ist in der Regel von guter Natur, stiehlt nicht und fürchtet die Menschen. Er arbeitet nicht soviel wie der tapfere Hund; wenn er aber auf eine zornige Bestie trifft, dann flüchtet er nicht. Auf diese Weise sollte man sich im Dienst seines Herren um das Rechte bemühen.

Bei der Wahl eines Feldherren sollte man zuerst auf dessen Weisheit, und erst dann auf seine Tapferkeit achten. Ohne Weisheit mag er zwar trotzdem mutig sein, aber weil er keine Pläne schmiedet und nicht gründlich nachdenkt, ist er dem Weg des Kriegers abträglich. Viele haben eine übermäßige Vorliebe für Tapferkeit. Ein solcher Feldherr ist leicht zu besiegen; er ist kein gute Feldherr. Der gute Feldherr ist voller Weisheit und hat dennoch Mut. Er denkt über den Gegner sowie seine Freunde und Feinde nach; und wenn es ans Handeln geht ist er bedacht. Darum ist er schwer zu besiegen.

Bei den Alten heißt es, in früherer Zeit wäre das Kriegshandwerk bei den Bauern gelegen. Gab es Arbeit zu tun, dann stellte man das Kämpfen ein; gab es keine Arbeit zu tun, dann konnte man sich an das Kämpfen gewöhnen. Große Feldherren sollten dies unbedingt wissen. Es geht dabei darum, dass bei der früheren militärischen Ordnung die Feldherren und Edlen in der Regel mit der Verteidigung des Landes wenig zu tun hatten und sich viele nicht daran beteiligten. Wenn es viele unnötige Krieger gibt, dann hat das Land zwar klare Grenzen; aber weil Güter und Geld nicht ausreichen verarmt das Land, und die Menschen geraten in Bedrängnis. Darum werden von den unnötigen Kriegern in Friedenszeiten viele nicht (vom Staat) versorgt. Unter den Bauern wählt man diejenigen mit einer tapferen Haltung aus, gibt ihnen ein kleines Einkommen und überträgt ihnen die Sorge (für ihre Angehörigen). Wenn Bauern zu Händlern oder Handwerkern werden, dann ist dies keine niedere Gesinnung. Wenn man Fürsorge erhält und Wohltaten empfängt, dann wird, wenn es zum Kampf kommt, die Tapferkeit groß sein und nicht unzulänglich. In Friedenszeiten einen Sold zu zahlen damit das Dasein gesichert ist stellt keine Verschwendung dar und betrifft vielleicht ein Zehntel der Krieger. Die anderen können sich in ruhigen Zeiten durch Feldarbeit selbst ernähren. Auch ohne dass großer Sold gezahlt würde gibt es so weder Hunger noch muss jemand frieren. Bei freier Zeit geht man zudem auf die Jagd und schult sich so in militärischer Methodik. Wenn es dann zum Kampf kommt, gibt es militärische Ordnung und die Krieger sind stark.

Kinko meint Glocken und Trommeln. Wenn man ins Feld zieht, dann sind dies die Werkzeuge mit denen die Ohren der Soldaten zusammengeführt werden. Seiki meint Wimpel und Banner. Sie vereinen die Augen der Soldaten. Im Kampf gibt es Voranschreiten und Zurückgehen; doch müssen sie einheitlich erfolgen. Wenn die Tapferen nicht eigenständig voranschreiten und die Feigen nicht eigenständig Zurückgehen, dann sind die Kräfte der drei Abteilungen einheitlich. Auf diese Weise ist die Stärke (des Heeres) groß und der Feind wird leicht besiegt werden.

Die Krieger dürfen sich, wenn es zur Schlacht kommt, nicht darauf versteifen ihr Leben zu lassen. Tapferkeit des Bluts besitzen auch Diebe und Räuber. Es ist jedoch schwer, sein Leben in Übereinstimmung mit dem Rechtschaffenen aufzugeben. Darum heißt es, wenn man sein Leben gibt obwohl man es nicht geben müsste, dass man das Dasein gering schätzt. Den von den Eltern empfangenen Körper leichtfertig aufzugeben ist pietätslos. Wenn man aber sterben sollte und es nicht tut, dann bedeutet dies den Tod zu fürchten und das Leben anstelle des Fürsten hochzuschätzen; dies ist Treuelosigkeit. So hat es Li Tai-po ausgedrückt.11 In den jungen Jahren sind Blut und Vitalkraft voll und üppig; wenn solche Menschen die Tapferkeit lieben und den Weg von Treue und Anstand kennen, dann sind Leben und Tod in Einklang mit dem Rechtschaffenen. Wenn man aber studiert und den Weg von Treue und Anstand nicht kennt, dann wird man nicht bereit sein das Leben zu geben wenn man es geben sollte; so etwas ist erbärmlich. Aber zu sterben wenn man nicht sterben sollte ist beklagenswert. Obwohl es einmal Tapferkeit und das andere Mal Feigheit ist, sind beide Fälle doch gleich in ihrem Verstoß gegen das Prinzip der Rechtschaffenheit. Ein Krieger der studiert und das Prinzip der Rechtschaffenheit kennt, wird in Übereinstimmung mit dem Rechtschaffenen leben und sterben.

In den Kriegskünsten unterscheidet man Feldherren und Samurai, hohen und niedrigen Rang, kleine und große Angelegenheiten. Wer seinen Rang mag, sollte zuerst Studieren. Von Führern und Feldherren ganz zu schweigen, aber auch für hervorragende Krieger gilt, dass wenn sie in der Kriegskünsten nicht bewandert sind, sie den Anforderungen nur schwer genüge leisten können. Auch hohe Beamte (taifu) u.ä. sollten sich in den Kriegskünsten auskennen. Die Kriegskünste sind die Grundlage der kriegerischen Techniken. Wenn man sich in den Kriegskünsten nicht auskennt und nur darauf aus ist, die Techniken von Bogen und Pferd, Schwert und Hellebarde zu erlernen und seinen Herz-Geist lediglich auf die kämpferische Tugendkraft richtet, dann bedeutet dies das Frühere zu verwerfen um das Spätere zu ergreifen. Wenn Führer und Feldherren sich in den Kriegskünsten nicht auskennen und nur die kriegerischen Techniken studieren wollen, dann ist dies keine kämpferische Tugendkraft. Wenn man nur die kriegerischen Techniken mag, aber das Fundament nicht kennt, dann mag man wohl mit den Dingen spielen können, aber der eigentliche Wille geht einem verloren. Die kriegerischen Techniken beschäftigen sich mit einem einzigen Gegner. Die Kriegskünste beschäftigt sich mit zehntausend Gegnern.

Das Anlegen der Rüstung und ihre Verzierungen, Reiten und Schwertziehen, Umgang mit dem Speer, die Begegnung mit dem Feind u.dgl., weiterhin Dinge wie unerwartetes Angreifen, das Nichtunterliegen und das Siegen über den Feind – all dies sind Aspekte der gewöhnlichen Tapferkeit. Dazu kommt der Schwertkampf, Techniken des Schlagens vom Pferd aus und die Kunst, sich abseits des Kampfplatzes den Umständen anzupassen. All dies sollten die Krieger/Samurai lernen. Um diese Fertigkeiten zu erwerben gibt es Lehrer und Bücher.

Zhang Nan-xuan hat gesagt, „der Edle vermeidet keine Schwierigkeiten, ebenso wenig schafft er solche.“12 Damit ist gemeint: Ein unüberlegtes sich-Einlassen auf auswegslose Situationen, ebenso wie das Fliehen aus solchen Lagen bedeutet Feigheit und stimmt nicht mit dem Rechtschaffenen überein. Das bedeutet, Schwierigkeiten nicht zu fliehen. Wenn man sich in Schwierigkeiten befindet, dann darf man nicht (auf unredliche Weise) daraus zu entkommen versuchen. Umgekehrt ist es Dummheit, sich nicht selbst wertzuschätzen und sich absichtlich in Schwierigkeiten zu begeben. Diese beiden (Verhaltensweisen) sind nicht vernünftig und zeugen auch nicht von Tapferkeit. Denn es ist leicht, sein Leben hinzugeben; aber schwer, es für etwas wirklich sinnvolles zu tun. Wenn man gegen die Prinzipien des Wegs verstößt, stirbt wenn man noch nicht sterben sollte, und so sein Leben vorzeitig verliert, dann muss man dies Dummheit heißen. Wenn man aber sterben sollte und es nicht tut, dann ist dies Unredlichkeit. Darum bedeutet ein vorzeitiger Tod, sich selbst zu verlieren; und nicht zu sterben wenn man sterben sollte bedeutet, seine Rechtschaffenheit zu verlieren. Beides ist keine Tapferkeit, sondern ein Verstoß gegen die Prinzipien (ri).

Wer die japanischen Kriegskünste studiert, ohne sich dabei zugleich um die Bildung der Persönlichkeit (bungaku) zu bemühen, der steht dem WEG und seinen Prinzipien fern. Beim Erlernen der japanischen kämpferischen Wege gilt, ebenso wie bei den Konfuzianern, dass ohne Güte und Rechtschaffenheit, Treue und Aufrichtigkeit oder mittels Betrug und Täuschung kein Nutzen daraus gezogen werden kann. Weiterhin heißt es, „der Krieg besteht darin, Erfolg zu haben“.13 Leute wie Cao Cao von Wei in China oder Ashikaga Takauji in unserem Land haben gegen Güte und Rechtschaffenheit verstoßen und das Land angegriffen; dennoch verkörpern sie (aufgrund ihres Erfolges) die Grundidee des kriegerischen Feldherrn.14 Zhuge Liang aus China oder Kusunoki Masashige hingegen besaßen Treue und Rechtschaffenheit, hatten jedoch (letztlich) keinen Erfolg.15 Dies entspricht nicht der Grundidee eines kriegerischen Feldherren. „Der Krieg ist ein Weg der Täuschung.“16 Daraus folgt: In der Kriegskunst ist es kein Schaden, wenn man stark ist, sich dem Freund gegenüber anders zu zeigen, Verdienste anderer anzugreifen, Aufruhr zu stiften und gegen Regeln zu verstoßen. Derart ist der kämpferische Weg Japans. Japan ist ein kriegerisches Land; die Aufrichtigkeit und milden Sitten Chinas sind hier nicht angemessen und haben nur schwerlich Erfolg. „Abartigkeit und Verschlagenheit, andere in Verruf bringen oder für den eigenen Namen zu opfern und es dann als Tapferkeit auszugeben gehören zum kämpferischen Weg Japans und werden den Menschen als Geheimlehre beigebracht.“ Wenn Menschen ohne Bildung oder Einsicht so etwas hören, dann erkennen sie das Falsche daran nicht. Sie glauben dann, dass es tatsächlich so sei; und in der Kriegskunst gebrauchen sie nur noch Hinterlist und Täuschung. Sie trachten nur nach ihrem eigenen Vorteil. Solche Menschen gibt es viele. Von denen, welche die Kriegskunst studieren, verirren sich viele derart. Schamlosigkeiten werden nicht mehr ausreichend diskutiert. Doch auch wenn man sie besprechen möchte, mangelt es oft der Ernsthaftigkeit. Aber alle Menschen unter dem Himmel sind meine Brüder und Schwestern, und jede Verirrung oder üble Tat ist etwas höchst Bedauerliches. Zu schweigen anstatt zu sprechen, die Güte verlieren und ohne Mitleid zu sein ist nicht das worum es eigentlich geht. Auch wenn wir einfältig sind, lesen wir seit unserer Kindheit die Schriften der Weisen und nehmen uns ihren Weg als Vorbild; so versuchen wir, mit unseren bescheidenen Möglichkeiten zu dienen. Der Raum zwischen Himmel und Erde ist weit, aber der Weg ist doch nur ein einziger. Daher können der Weg Japans und der Weg Chinas auch nicht zwei (verschiedene) sein. Der Weg der Krieger (tsuwamono) und der Weg der Konfuzianer sind nicht zwei (verschiedene) Wege. Und wie könnten dann der kämpferische Weg Chinas und der kämpferische Weg Japans zwei (verschiedene Wege) sein? Ebenso ist der Weg damals kein anderer als der Weg heute. In den „Wandlungen“ heißt es: „Der Weg des Himmels wird errichtet und heißt Yin und Yang, der Weg der Menschen wird errichtet und heißt Güte und Rechtschaffenheit.“17 Ohne Yin und Yang kann der Weg des Himmels nicht gegangen werden; ohne Güte und Rechtschaffenheit kann der Weg des Menschen nicht errichtet

[...]


1 Das aus dem Kerntext des „Großen Lernen“ (Daigaku / Daxue) stammende Bild der „Wurzeln und Zweige“ bzw. des „Früheren und Späteren“ ist ein zentrales Motiv im philosophischen Diskurs der Tokugawa-Zeit.

2 Lun Yü; I.2

3 Ch´eng I (1033-1107) und Ch´eng Hao (1032-1085); zwei der „Fünf Großen“ neokonfuzianischen Denker der Sung-Zeit.

4 Menzius, I.B.3. (Übersetzung von Richard Wilhelm): Mong Dsi erwiderte: „Ich bitte Eure Hoheit, nicht kleinliche Tatkraft zu lieben. Ans Schwert zu schlagen und mit wilden Blicken zu sprechen: wie darf der Kerl es wagen, mir entgegenzutreten! Das ist die Tatkraft des kleinen Mannes, der sich mit jedem einzelnen herumschlägt. Ich bitte Eure Hoheit, die Sache größer zu fassen.“

5 Ekken wählt hier zur Bezeichnung des waffenlosen Kampfes den eher an China erinnernden Begriff „Faust- Methoden“ (Quanfa), als den zu seiner Zeit gängigen und stärker japanisch konnotierten Ausdruck jû-jutsu.

6 Die vielfältigen Aspekte der Wasserschulung, wie Schwimmen mit und ohne Rüstung etc. sind in Band 5 der Sammlung Nihon budô taikei geschildert.

7 Hiermit könnten die 36 Strategeme gemeint sein.

8 Es handelt sich um eine Schrift aus der Ming-Zeit, verfasst von He Ru-bin.

9 (1) Gong (Bogen), (2) nu (Steinschleuder/Armbrust), (3) qiang (Speer), (4) dao (Breitschwert), (5) jian (Schwert), (6) mao (Hellebarde), (7) dun / shun (Schild), (8) fu (Axt), (9) yue (Axt), (10) ji (Hellebarde), (11) bian (Peitsche), (12) jian (?), (13) chui (Kriegshammer?), (14) shu (Lanze), (15) cha (Fesseln?), (16) batou (?), (17) miansheng kuasuo (?), (18) baida (waffenloser Kampf). In Japan zählt man: (1) yumi (Bogen), (2) uba (Reiten),

(3) yari (Speer), (4) tsurugi (Schwert), (5) battô (Schwertziehen), (6) tantô (kurzes Schwert), (7) shuriken (Wurfklingen), (8) naginata (Hellebarde), (9) yawara (waffenloser Kampf), (10) torite (Fesseln), (11) (Stock), (12) jutte / jitte (eine Kurzwaffe), (13) (Kanonen/Feuerwaffen), (14) shûei (Schwimmen), (15) ganshin (versteckte Nadeln im Mund zum Ausschleudern?), (16) kusarigama (Sichel und Kette), (17) mojiri (eine Hellebarde?), (18) shinobi (Kundschafter/Assassinen)

10 Der Beitrag von Chen Yüan Bin (1587-1671) zur Entwicklung bzw. Ausformung bestimmter kämpferischer (v.a. waffenloser) Schulrichtungen in Japan ist umstritten und bislang noch nicht eingehender untersucht worden.

11 Auch Li Bai genannt (701-762); ein berühmter Dichter der Tang-Zeit.

12 Zhang Nan-xuan (1133-1180), Gelehrter und Freund von Zhu Xi.

13 Sunzi, II.14: „Der Krieg liebt den Sieg und nicht die Dauer.“

14 Cao Cao (Meng De, Wu Ti, 155-220) war ein bedeutender General und Staatsmann der späten Han-Zeit; er begründete eines der auf die Han-Dynastie folgenden „Drei Reiche“ (208-280) mit zahlreichen Reformen und politischen Neuerungen (siehe Gernet, Die chinesische Welt, S.152-53). Ashikaga Takauji (1305-1358) regierte als erster Ashikaga-Shogun von 1338-58; sein Leben war gekennzeichnet durch ständige Kämpfe mit wechselndem Erfolg in Verbindung mit der Zeit der „Zwei Dynastien).

15 Zhuge Liang (Kungming, 181-234) war ein Politiker und Stratege zur Zeit der „Drei Reiche“. Er stand im Dienste von Liu Bei, dem Begründer des Shu-Han-Reiches und war somit ein Gegenspieler von Cao Cao. Kusunoki Masashige (1294-1336) diente dem Kaiser Go-Daigo in seinem Kampf gegen die Hôjô (Genko- Rebellion); wegen seiner unorthodoxen und einfallsreichen Methoden der Kriegführung wird er manchmal als ein Vorläufer des Ninjutsu angesehen (siehe auch: Morris, Samurai oder von der Würde des Scheiterns).

16 Sunzi, I.7

17 Aus den „Zehn Flügeln“, nämlich dem Schuo Gua („Besprechung zum Zeichen“), §2.

38 von 42 Seiten

Details

Titel
Kaibara Ekken (1630-1714): "Abhandlung zum Kämpferischen" (Bukun)
Untertitel
Ein Beitrag zum "gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel "
Autor
Jahr
2009
Seiten
42
Katalognummer
V151388
ISBN (Buch)
9783640632558
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kaibara, Ekken, Abhandlung, Kämpferischen, Beitrag, Schwert, Pinsel
Arbeit zitieren
Dr. Julian Braun (Autor), 2009, Kaibara Ekken (1630-1714): "Abhandlung zum Kämpferischen" (Bukun), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151388

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