Epos oder Epo – Sportjournalismus und Doping

Was erwarten die Rezipienten vom Sportjournalismus?


Magisterarbeit, 2008
131 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Systemkontexte des Sportjournalismus und ihr Einfluss auf die journalistische Bearbeitung der Doping-Thematik
2.1 Die Ebene der Sportmediensysteme
2.1.1 Gesellschaftliche Bedeutung des Sports und rechtliche Grundlagen der Berichterstattung
2.1.2 Ethische Standards der Sportberichterstattung
2.2 Die Ebene der Sportmedieninstitutionen: Strukturkontext
2.2.1 Ökonomische Imperative der Sportberichterstattung
2.2.2 Organisatorische Imperative der Sportberichterstattung
2.2.3 Technologische Imperative der Sportberichterstattung
2.3 Die Ebene der Sportberichterstattung: Funktionskontext
2.3.1 Informationsquellen des Sportjournalismus
2.3.2 Die Sportberichterstattung zwischen Unterhaltungsorientierung, Information und Infotainment
2.3.2.1 Die Sportberichterstattung im Fernsehen als Infotainment.
2.3.2.2 Die Sportberichterstattung im Hörfunk als Infotainment
2.3.2.3 Die Sportberichterstattung im Internet als Infotainment
2.3.2.4 Die Sportberichterstattung in den Printmedien als Infotainment
2.3.3 Die Doping-Berichterstattung als Infotainment
2.4 Die Ebene der Sportjournalisten: Rollenkontext
2.4.1 Sportjournalistische Ausbildung
2.4.2 Selbstbild der Sportjournalisten
2.4.3 Rollenselbstverständnis zwischen Informator und Unterhalter
2.4.4 Das sportnetzwerk als Initiative zur Qualitätssicherung und - verbesserung

3. Der Doping-Diskurs in der Sportberichterstattung
3.1 Der Doping-Diskurs in den Qualitäts-Printmedien
3.2 Der Diskurs über die Rolle des Sportjournalismus in der Doping-Proble- matik

4. Die Rezeption von Sport in den Medien
4.1 Nutzungszahlen und Sportpublikum
4.2 Rezeptionsstudien zum Nutzen- und Belohnungsansatz
4.3 Rezeptionsstudien zum ‚selective exposure-Ansatz’

5. Erkundungsstudie zur Erwartung der Rezipienten an den sportjournalistischen Umgang mit der Doping-Problematik
5.1 Forschungsleitende Fragen und Annahmen
5.2 Die Gruppendiskussion als Instrument der Datenerhebung
5.2.1 Auswahl der Teilnehmer und Gruppenzusammensetzung
5.2.2 Diskussionsleitfaden, Diskussionsverlauf und Moderatorenrolle
5.2.3 Auswertung der Daten auf Basis der qualitativen Inhaltsanalyse

6. Ergebnisdarstellung
6.1 Annahmen zu Verbreitung und Ausmaß von Doping im Sport und (moralische) Bewertung der Doping-Manipulationen
6.2 Bewertung des Umgangs verschiedener Medienangebote mit Doping
6.3 Erwartungen an den Sportjournalismus
6.4 Auswirkung auf das Sportmedien-Nutzungsverhalten

7. Diskussion und Hypothesengenerierung

8. Epos oder Epo – Resümee und Ausblick

9. Literaturverzeichnis

Anhang I: Diskussionsleitfaden

Anhang II: Beispiel für Kategorienbildung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: ‚Zwiebel’-Modell von Siegfried Weischenberg

Abbildung 2: Mehr-Klassen-Gesellschaft im Sportjournalismus

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Einflussfaktoren auf die Aussagenproduktion zur Doping-Thematik

Tabelle 2: Dimensionen bzw. zentrale Subthemen der Diskussionsrunden

Tabelle 3: Hypothesen über die Wahrnehmung und Bewertung der Doping- Problematik durch den Rezipienten und die Auswirkungen der Problematik auf die Sportrezeption

1. Einleitung

Pünktlich zum Feierabend ist alles für ein packendes Finale angerichtet. Seit über sechs Stunden sitzen die Fahrer nun schon im Sattel, seit einer Stunde quälen sie sich den Schlussanstieg zur in 2000 Meter Höhe gelegenen französischen Ortschaft Tignes hinauf, dem Zielort der achten Etappe. Von Kilometer zu Kilometer ist die Spitzen- gruppe kleiner geworden: Ausscheidungsfahren nennen die Kommentatoren das. Nur noch eine Hand voll Spitzenfahrer kann das Tempo der Groupe Maillot Jaune mitge- hen. Der Zoom einer der unzähligen französischen Kameras ermöglicht das Lesen in den Gesichtern der Fahrer: Sie sind gezeichnet von den unmenschlichen Strapazen. Immer mehr Fans feuern die Fahrer frenetisch, fast schon ekstatisch an. Immer schma- ler wird die Schneise durch die vielfarbige, Fahnen schwenkende, brüllende Masse der Zuschauer. Die Spannung nähert sich dem Siedepunkt. Gebannt warten die Fernsehzu- schauer auf den Angriff einer der Favoriten, der die Etappe – ja vielleicht sogar die ganze Tour – entscheiden wird.

Die Fernsehbilder der 94. Tour de France , des drittgrößten Sportereignisses der Welt, boten dem Zuschauer die altbewährte Dramatik und Action: Spektakuläre Massen- sprints, kraftraubende Zeitfahren mit Sturzgefahr und Bergankünfte in schwindelerre- gender Höhe, die dem Beinamen ‚Tour der Leiden’ alle Ehre machen. Und doch ist – zumindest für die ARD -Zuschauer – dieses Jahr alles anders: Mit jeder Radumdrehung, die die Protagonisten dem Etappenziel näher bringt, hören die Zuschauer ähnliche Be- griffe des ‚Moderatoren-Neusprechs’: ‚Epo-Sünder’, ‚Blut-Doping’, ‚Neuanfang’,Kontrollsystem’, ‚positiv getestet’... Keine Huldigung einer außergewöhnlichen Leis- tung, eines ‚Bergsprints’ oder ‚furiosen Zeitfahrritts’ mehr ohne eine ernüchternde Einschätzung der Art: „Wir hoffen, dass er sauber ist. Sicher sein können wir nicht“. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Kurswechsel eingeschlagen, für den Südwestrundfunk -Sportchef Michael Antwerpes das Motto ausgibt: „Der Sport muss eine Zukunft haben. [...] Wenn wir den Dopingskandal nicht thematisieren, können wir es auch gleich sein lassen.“ (Dobbert 2007) Doch auf halbem Weg nach Paris fand die neue Art der öffentlich-rechlichen Radsport-Berichterstattung ein plötzliches Ende: Nach dem Bekanntwerden der positiven A-Probe des T-Mobile -Fahrers Patrik Sinke- witz gaben ARD und ZDF den koordinierten Ausstieg aus der Live-Berichterstattung der Tour de France bekannt. Bereits vor Tourstart hatten die ARD und ZDF Verantwortlichen erklärt, über einen Ausstieg aus der Tour de France zu beraten, wer- de ein neuer Dopingfall, insbesondere bei den deutschen Radställen T-Mobile oder Gerolsteiner , bekannt. Den Ausstieg nutzte ein bis dato nicht gerade für seine Sport- kompetenz bekannter Sender zum Einstieg: Die ProSiebenSat.1 Media AG erwarb die freigewordenen TV-Rechte. „Die Tour ist ein großer Wettbewerb. Ich mag nicht ein- sehen, warum ein TV-Sender da die Zensur einführt. Der Zuschauer soll entscheiden, ob er die Rennen verfolgen will oder nicht. Wir senden, solange die Organisatoren die Tour nicht abbrechen. Parallel thematisieren wir das Doping-Problem“, verkündete der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Guillaume de Posch. (FAZ.NET 2007) Dessen ungeachtet brachte diese Entscheidung Sat.1 viel Kritik ein. Der SPD-Politiker Peter Danckert, Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, nannte es „schäbig und indiskutabel“ die Übertragung der durch Doping belasteten Tour zu übernehmen. (Vgl. Ahrens 2007) Die WELT konstatierte bezüglich des Umgangs der beiden Sat.1 - Moderatoren Timon Saatmann und des ehemaligen Radprofis Mike Kluge mit der Do- ping-Problematik: „Das Duo verhalf dem unter Dopingverdacht stehenden Jan Ullrich […] zu einem medialen Comeback und mied ansonsten das böse D-Wort“ (Renne 2007). Auch der Zuschauer zeigte der Sat.1 -Berichterstattung die kalte Schulter: Gab der Sender kurz nach Einstieg in die Übertragungen noch als Ziel an „schnell zweistel- lige Quoten zu erreichen“ (FAZ.NET 2007), so ermittelte die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung bis zum Ende eine durchschnittliche Zuschauerzahl von 0,71 Mil- lionen, was einem Marktanteil von nur 5,7 Prozent entsprach (vgl. Walter 2007).

Die voreilige Schlussfolgerung, dass die Zuschauer die Sat.1-Berichterstattung auf- grund ihrer Ignoranz der Doping-Problematik abstraften, verbietet allerdings ein Ver- gleich zwischen den Quoten der öffentlich-rechtlichen Sender und des Privatsenders Eurosport , der die Rundfahrt ebenfalls von Beginn an übertrug. Bis zum Ausstieg von ARD und ZDF schalteten im Schnitt täglich 1,5 Millionen Sportfans ein (Marktanteil: 13,2 Prozent). In der ersten Tour-Woche erzielten ARD und ZDF sogar nur 8,9 Pro- zent. Zum Vergleich: Bei der aufgrund des Rauswurfs von Top-Favoriten wie Jan Ull- rich und Ivan Basso bereits durch Doping-Belastungen gebeutelten Tour- Übertragung 2006 wurden noch 13,7 Prozent, 2005 sogar noch der Traum-Marktanteil von 23,1 Prozent erreicht (vgl. Leyendecker 2007a). Als großer Profiteur erwies sich dagegen der Sportkanal Eurosport , der die Doping-Problematik weitgehend ignorierte, aber seine Quoten gegenüber dem Vorjahr fast verdreifachen konnte und über die 20 Etap- pen durchschnittlich einen Marktanteil von 4,9 Prozent erreichte (vgl. Walter 2007).

Die hier skizzierten Entwicklungen auf dem Markt der TV-Sportberichterstattung unterstreichen die Relevanz der Doping-Problematik für den Sportjournalismus, doch ergeben sich nicht allein für diesen Konsequenzen. Schlaglichtartig lassen sich anhand des Beispiels Tour de France die Auswirkungen der Doping-Problematik auf eine „Symbiose aus Wirtschaft, Sportsystem und Medien” aufzeigen, deren „empfindliches Gleichgewicht wohl auf dem Streben nach Gewinnmaximierung und positiver Wahr- nehmung basiert” (Schauerte/Schwier 2004a: 7). So gaben nach den Doping- Enthüllungen der Tour de France viele Sponsoren bekannt, über einen Rückzug aus dem Radsport nachzudenken, darunter Telekom und Adidas , die Sponsoren des T- Mobile -Teams, aber auch Skoda , Audi , Gerolsteiner oder Milram (vgl. Waldermann 2007). Ausschlaggebend für solche Überlegungen sind dabei nicht nur die durch den Einbruch der Einschaltquoten ausgelösten Reichweitenverluste, sondern auch eine mögliche Schädigung der Markenwerte: „Kommen Sportler oder Veranstaltungen auf- grund von Doping- und Bestechungsvorwürfen in Verruf, birgt dies auch die Gefahr eines negativen Imagetransfers auf den Sponsoren” (Bruhn 2004: 237). So kommen- tierte aktuell Hartmut Zastrow, Chef der Kölner Marktforschungsagentur Sport+Markt im SPIEGEL : „Das Thema Doping ist nicht mehr beherrschbar – für Sponsoren ist der Radsport erst mal tot.” (Gorris/Hacke 2007: 109) Inzwischen gaben unter anderen die Groß-Sponsoren Adidas , Telekom und Gerolsteiner ihren Rückzug bekannt. Dies hat auch Konsequenzen für den organisierten Spitzensport in Deutschland, der von Ein- nahmen aus den TV-Übertragungsrechten und Sponsoren abhängig ist. So wird sich etwa das Team Gerolsteiner aller Voraussicht nach Ende 2008 auflösen müssen, zu- dem hat ein Sterben von Radrennen eingesetzt: Rheinland-Pfalz-, Niedersachsen- oder Hessen-Rundfahrt sind nur die prominentesten Beispiele. (Vgl. Hungermann 2008) Längst hat sich der Spitzensport zu einem Milliarden-Markt entwickelt, von dem alle Parteien profitieren. In den vergangenen Jahren führten regelmäßig Sportsendungen die Ranglisten der meistgesehenen Angebote an – noch vor Unterhaltungssendungen, Nachrichten oder Spielfilmen (vgl. Zubayr/Gerhard 2004: 29). Nicht zuletzt aufgrund dieser beeindruckenden Reichweiten investierten die Unternehmen laut der Studie „Sponsor Visions“ 2007 in Deutschland 2,5 Milliarden Euro in das Sportsponsoring (vgl. Pilot Group 2008). Derlei Einnahmen kommen auch den sportlichen Protagonis- ten zugute, in den beliebtesten Sportarten werden nicht selten Jahresgehälter in Millio- nenhöhe gezahlt.

Wird von einigen Autoren dieses System des Mediensports als „Magisches Dreieck” (Wernecken 2000: 27; Blödorn 1988: 100) bezeichnet oder als „Dreiecksverhältnis zwischen Werbung, Medienveranstaltung und Sport” (Hoffman-Riem 1988: 15) be- schrieben, so ergänzt Hagenau dieses Modell um eine weitere Ebene: das Publikum. Wie schon implizit in Bezug auf die Verwerfungen auf dem TV-Markt thematisiert, hat dieses einen zentralen Einfluss auf die Gestaltung des Mediensports:

Einschaltquoten und Reichweitenmessungen werden quasi als Medienwährung von allen Beteiligten angesehen. Mit Hilfe des Tausender-Kontaktpreises werden die Kosten für Werbezeiten und -platz berechnet […]. Über diejenigen Medieninhalte, die von mög- lichst vielen Personen wahrgenommen werden, wird in der Regel auch zukünftig berich- tet. (Hagenau 2004a: 22)

Allen Maßnahmen von Sport, Medien und Wirtschaft ist damit ein Ziel gemein: der Rezipient, dessen Aufmerksamkeit die „Geschäftsgrundlage zwischen allen am Sport- Medien-Komplex beteiligten Parteien” (Schauerte/Schwier 2004a: 7) bildet. Wie nun der Rezipient auf die vermehrt auftretenden Doping-Manipulationen reagiert, stellt daher eine für die zukünftige Entwicklung des Mediensport-Komplexes zentrale Frage dar. In Anlehnung an den häufig genutzten emotionalen Treibstoff der Sportberichter- stattung, an die Beschreibung von Märchen und Tragödien des Sports und die „Rad- fahrerdroge“ Erythropoetin (kurz: Epo) wurde diese Fragestellung im Titel der vorlie- genden Arbeit zugespitzt.

Fokussierten die bisher erfolgten Beschreibungen meist die Berichterstattung im Fern- sehen, so ist zu betonen, dass der Sport auch in den Printmedien, im Hörfunk und im Internet zu einem wichtigen inhaltlichen Pfeiler geworden ist, wie im Rahmen dieser Untersuchung noch an späterer Stelle belegt wird. Für die Sportberichterstattung in allen Medien und potentiell auch von allen Sportarten – nicht nur vom Radsport – ist die Doping-Problematik von höchster Brisanz. Schließlich erfasste die Flut der in den letzten Jahren zustande gekommenen Dopingdemaskierungen eine ganze Reihe von Sportdisziplinen – wie die Sportsoziologen Bette und Schimank unterstreichen:

War die Kommunikation über Doping lange Zeit lediglich ein Umweltrauschen, das den Spitzensport als Hauptthema nur peripher berührte, hat sich diese Situation in den letz- ten Jahren nachhaltig geändert. Das Rauschen ist immer stärker geworden und überla- gert die Eigenfrequenz des sportlichen Konkurrenzhandelns so stark, daß sich interes- sierte Sportbeobachter mittlerweile fragen, ob es nicht schon den Status einer ultra- stabilen und systemimmanenten Größe erreicht habe, mit der trotz verstärkter Kontroll- und Eingrenzungsbemühungen fest zu rechnen sei. (Bette/Schimank 2006: 8)

Für das Sportjahr 2008 steht so mit den Olympischen Sommerspielen in Peking eine sportliche Großveranstaltung an, bei der Experten aufgrund der vielen Produktionsstät- ten für Dopingmittel in China, den Problemen internationaler Doping-Kontrolleure im Vorfeld und nicht zuletzt Chinas Ehrgeiz, im Medallienspiegel ganz oben zu stehen, massive Doping-Manipulationen, insbesondere chinesischer Sportler, befürchten. Auf Grundlage der bisherigen Beschreibungen lässt sich also festhalten, dass Doping- Manipulationen für die Sportberichterstattung und indirekt auch für die Entwicklung des gesamten skizzierten Mediensportsystems nicht nur ein relevantes, sondern auch äußerst aktuelles Problem darstellen. Dennoch existieren bis dato keinerlei Untersu- chungen darüber, was die Rezipienten eigentlich vom Sportjournalismus bezüglich der Thematik erwarten und wie sich diese Erwartungen auf die Sportmediennutzung aus- wirken könnten. Im Rahmen dieser Untersuchung soll mit Hilfe der folgenden For- schungsfragen ein erster Versuch unternommen werden, diese Forschungslücke zu schließen: 1. Wie schätzen die Rezipienten das Ausmaß und die Verbreitung von Do- ping-Manipulationen ein und wie bewerten sie diese (moralisch)? 2. Wie bewerten die Rezipienten den Umgang des Sportjournalismus mit der Doping-Problematik? 3. Wie stellen sich die Rezipienten einen adäquaten journalistischen Umgang mit der Doping- Problematik vor? 4. Welche Auswirkung auf ihr Sportmediennutzungsverhalten schreiben die Rezipienten der Doping-Problematik zu?

Da zu dieser Thematik bisher kaum empirische Ergebnisse vorliegen, kann es sich bei der vorliegenden Untersuchung nur um eine erste qualitative Erkundungsstudie han- deln. Deren Ziel ist es, erste Hypothesen darüber herauszuarbeiten, wie die Rezipien- ten die Doping-Manipulationen im Sport und den sportjournalistischen Umgang mit dieser Thematik wahrnehmen und bewerten, sowie erste Hinweise über die Auswir- kung der Doping-Problematik auf die Nutzung von Sport in den Medien zu ermitteln. Da sich die Vorgehensweise dieser Untersuchung wesentlich aus dem Forschungsstand zum Mediensport ergibt, soll dieser im Folgenden knapp umrissen werden. Nach Möl- ler und Strauß müssen vier Bereiche unterschieden werden, die die massenmediale Sportkommunikation tangieren: die Kommunikatoren, die Rezipienten, die vermittel- ten Aussagen und die vermittelnden Medien (vgl. Möller/Strauß 1993: 6). Die vorlie- gende Arbeit behandelt nach dieser Systematik das Forschungsfeld ‚Rezipienten’. Während allerdings für den Bereich des Mediensports auf der Angebotsseite eine gut ausgebaute Forschung besteht, lassen sich aus den vorliegenden rezipientenorientierten Studien „nur schwerlich differenzierte und empirisch fundierte Aussagen über die psy- chologischen Prozesse auf Seiten der Rezpienten von Mediensportangeboten ableiten, wie zum Beispiel erwartete oder erhaltene Gratifikationen, die Wahrnehmung sowie kognitive und emotionale Verarbeitung von Sportpräsentationen“ (Gleich 1998: 144).

Allerdings ist unstrittig, dass zwischen dem sportjournalistischen Angebot und der Nachfrage der Rezipienten eine enge Wechselbeziehung besteht. Die Frage, welche Sportberichterstattung die Rezipienten erwarten, ist daher nicht losgelöst von der vor- handenen Sportberichterstattung zu betrachten. Schmidt und Zurstiege stellen fest, dass Journalismus über das berichtet, wofür er öffentliches Interesse unterstellt, gleich- zeitig aber dieses öffentliche Interesse selbst in erster Linie durch das bedingt sei, wor- über der Journalismus eben berichtet (vgl. Schmidt/Zurstiege 2000: 180). Möller und Strauß folgen bei ihrer Beschreibung der Zusammenhänge im Forschungsfeld ‚Me- diensport’ diesem Standpunkt:

Der Komplex der Mediensportproduktion schafft die Information, die durch die Sport- journalisten in verschiedenen Medien als vermittelte Sportinhalte an die Rezipienten herangetragen werden, die auf dieser Grundlage ihre eigene Rezipientenrealität erzeu- gen. Diese dokumentiert sich in Rezipientenmerkmalen wie Kognitionen, Emotionen und Verhalten. Mediensportproduktion wird durch die Rezipientenmerkmale wie bei- spielsweise Konsumverhalten, bestimmte Einstellungen, Einschaltquoten wiederum beeinflußt. Der Rahmen wird durch die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen (Me- diengesetzgebung, Monopolstellungen, Moralvorstellungen usw.) gesetzt. (Möl- ler/Strauß 1993: 6)

Die geschilderten Zusammenhänge machen deutlich, dass auch Studien, die sich mit der Seite des sportjournalistischen Angebots wie etwa den inhaltlichen und formalen Merkmalen der Sportberichterstattung, Einstellungen der Sportjournalisten sowie der gesellschaftlichen Position des Berichterstattungsgegenstands Sport beschäftigen, An- haltspunkte hinsichtlich der Erwartungen und Wünsche des Publikums liefern können. Um einen Überblick über diese sportjournalistische Angebotsseite zu erhalten, bietet sich eine Übertragung des ‚Zwiebel’-Modells von Weischenberg auf den Sportjourna- lismus an, da sich unter Betrachtung von Normenkontext, Strukturkontext, Funktions- kontext und Rollenkontext, die die verschiedenen Dimensionen des Modells darstellen, nachvollziehen lässt, wie sportjournalistische Aussagen zur Doping-Problematik ent- stehen. Hierbei sollen (auch) konsequent die entsprechenden relevanten Publikumsbil- der und -vorstellungen herausgearbeitet werden, die erste Anhaltspunkte zur Anlage der Rezipientenstudie liefern sollen. Gleichzeitig kann dieses Anfangskapitel den Hin- tergrund bilden, vor dem die Ergebnisse der Rezipientenbefragung, also die Bewertun- gen und Einschätzungen zum Thema Doping und dem sportjournalistischen Umgang mit der Doping-Problematik, später eingeordnet werden können. Da der größte Teil der Rezipienten wohl keine persönliche Erfahrung mit dem hat, was unter sportjuristi- schen Bedingungen als ‚Doping’ bezeichnet wird und diese Thematik nur aus den Me- dien kennt, ist anzunehmen, dass die medial vermittelten Aspekte der Doping Problematik den öffentlichen Diskurs wesentlich prägen. Im nächsten Schritt muss daher unter 3.1 genauer auf die wenigen Forschungsergebnisse zu Umfang und Art der Doping-Thematik in der Sportberichterstattung eingegangen werden. Anschließend möchte ich in Kapitel 3.2 darstellen, wie die Rolle des Sportjournalismus in der Do- ping-Problematik innerhalb der Printmedien reflektiert wurde und auf welche der unter 2. skizzierten Kontextbedingungen die Beiträge sich beziehen. Mit Hilfe dieser Vorge- hensweise sollen die aus der Perspektive der Rezipienten zentralen relevanten Sach- verhalte der Doping-Problematik antizipiert werden, um sie zur Konzeption der Befra- gungen zu nutzen. Im anschließenden vierten Kapitel erfolgt dann der Wechsel auf die weniger gut erforschte Rezeptionsseite. Durch die Betrachtung des Umfangs und der Motive von Sportmediennutzung sowie des Rezeptionsverhaltens sollen wesentliche Anhaltspunkte hinsichtlich der Auswirkung der Doping-Problematik auf das Sportme- dien-Nutzungsverhalten ermittelt werden. Sowohl Kapitel drei als auch Kapitel vier ließen sich nach dem Weischenberg-Modell durchaus auch unter der Dimension Funktionskontext’ behandeln. Aufgrund der Wichtigkeit für die Konzeption der Re- zeptions-Erkundungsstudie und einer besseren Leserführung sind diese Aspekte des Funktionskontextes aber in eigene Gliederungspunkte ‚ausgegliedert’.

Im empirischen Teil der Arbeit werden zunächst unter Gliederungspunkt 5.1 die auf Basis der theoretischen Erörterungen identifizierten forschungsleitenden Annahmen zu den einzelnen Fragestellungen der Studie zusammengefasst und damit das spezifische Erkenntnisinteresse der Untersuchung expliziert. Hierauf folgt eine kurze Darstellung der Gruppendiskussion als angewandter Methode zur Datenerhebung sowie der quali- tativen Inhaltsanalyse, auf deren Basis die Auswertung der gewonnenen Daten erfolg- te. In Kapitel sechs werden die Ergebnisse der Studie zunächst ausführlich dargestellt, bevor sie im folgenden siebten Kapitel mit Bezug auf die forschungsleitenden Fragen und Annahmen kurz diskutiert werden. Die Evaluierung der Ergebnisse schließt mit der Generierung von zehn Hypothesen zum angenommen Ausmaß und der Verbrei- tung von Doping-Manipulationen im Sport, zur Bewertung des sportjournalistischen Umgangs mit der Doping-Thematik sowie zu den themenspezifischen Rezipienten- Erwartungen und den Auswirkungen auf das Sportmedien-Nutzungsverhalten ab. Im achten Kapitel werden die Ergebnisse der Studie in Bezug auf das grundlegende Er- kenntnisinteresse der Arbeit abschließend bewertet und zukünftige Forschungs- perspektiven identifiziert.

2. Die Systemkontexte des Sportjournalismus und ihr Einfluss auf die journalistische Bearbeitung der Doping-Thematik

Sportberichterstattung entsteht innerhalb des komplexen, spezialisierten sozialen Sys- tems des Sportjournalismus, das sich als Subsystem des Journalismus auffassen lässt. Auf die Aussagenproduktion dieses Systems Sportjournalismus nehmen dabei eine Vielzahl von Faktoren Einfluss. Zur systematischen Erfassung dieser Faktoren eignet sich in besonderer Weise das heuristische ‚Zwiebel’-Modell von Siegfried Weischen- berg, da es die Möglichkeit bietet, unterschiedlich theoretisch orientierte und metho- disch konzeptionierte Studien zu integrieren und so Einflüsse auf verschiedenen Ebenen sichtbar zu machen. Diese Ebenen bilden im Weischenberg-Modell die Mediensysteme, Medieninstitutionen, Medienaussagen und Medienakteure (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1 : ‚Zwiebel’-Modell von Siegfried Weischenberg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Weischenberg 1998: 71

Im Folgenden soll dieses für den Journalismus entwickelte Modell nun auf den ausdif- ferenzierten Bereich des Sportjournalismus übertragen werden, wobei die bereits vor- handenen Transfers, die Wiebke Loosen und Michael Schaffrath mit leicht differieren- den Ergebnissen geleistet haben, Orientierung bieten (vgl. Loosen 2001: 134ff.; Schaffrath 2006: 175f.). Auf Grundlage dieser Deklinationen lassen sich – nach Sich- tung der Forschungsliteratur – folgende Kontextfaktoren des Sportjournalismus als maßgeblich für die Aussagenproduktion zur Doping-Thematik verstehen (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Einflussfaktoren auf die Aussagenproduktion zur Doping-Thematik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Normenkontext umfasst die gesellschaftlichen Bedingungen, rechtlichen Grundla- gen sowie die professionellen und ethischen Standards für journalistische Berufstätig- keit, die den Sport zu einem besonderen Berichterstattungsgegenstand machen und sich so auch auf die Doping-Berichterstattung auswirken. Auf der Ebene der Sportme- dieninstitutionen lassen sich ökonomische, organisatorische und technologische Ein- flüsse beschreiben, die den strukturellen Kontext für sportjournalistisches Handeln bilden und bis zu einem bestimmten Grad determinieren, welche Wirklichkeitsentwür- fe der Sportjournalismus – auch zu einem komplexen Phänomen wie Doping – liefert. Der Funktionskontext umfasst die Leistungen und Wirkungen des Systems Sportjour- nalismus. Zentrale Frage ist hier, aus welchen Quellen Sportjournalisten Informationen beziehen und mit Hilfe welcher Berichterstattungsmuster und Darstellungsformen sie Doping-Manipulationen thematisieren. Die innere Schicht bildet schließlich der Rol- lenkontext. Eingeschlossen in Normen-, Struktur- und Funktionszusammenhänge sind die Sportjournalisten doch „letztlich autonom bei ihren Wirklichkeitskonstruktionen“ (Weischenberg 1998: 70). Hinsichtlich der Medienakteure sind die zu untersuchenden Themen die Qualität der sportjournalistischen Ausbildung, das Selbstbild der Sport- journalisten und ihr Rollenselbstverständnis zwischen Informator und Unterhalter. Diese skizzierten Faktoren, die auf das System Sportjournalismus wirken und die Aus- sagenentstehung zur Doping-Thematik prägen, sollen im Folgenden also näher be- schrieben werden.

2.1 Die Ebene der Sportmediensysteme

Den äußeren Kreis im ‚Zwiebel’-Modell bilden die Normen, welche im Mediensystem Gültigkeit besitzen. Im System Sportjournalismus sind hier insbesondere die gesell- schaftliche Bedeutung des Sports und die daraus resultierenden gesetzlichen Regelun- gen zur sogenannten ‚Schutzliste’ und zur ‚Kurzberichterstattung’ relevant sowie die weniger formalisierten professionellen und ethischen Standards für sportjournalistische Berufstätigkeit, etwa der Kodex des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS).

2.1.1 Gesellschaftliche Bedeutung des Sports und rechtliche Grundlagen der Berichterstattung

Sind Bezeichnungen wie „Sportgesellschaft“ (Hackforth 2001: 33) auch etwas hoch gegriffen, so ist die große gesellschaftliche Bedeutung des Sports doch unbestritten. Denn zunächst lässt sich festhalten, dass der Sport in seinen unterschiedlichen Er scheinungsformen eine wichtige Rolle für die Freizeitgestaltung spielt. Wernecken konstatiert aus verschiedenen Erhebungen, dass der Anteil der Sportaktiven von 1950 bis 1980 stetig zugenommen hat (vgl. Wernecken 2000: 18ff.). Für die 1990er Jahre zeigt sich dagegen ein anderes Bild. Während 1987 noch 45 Prozent der Bevölkerung zu den aktiven Sportlern gehörten, sind es im Jahr 2000 nur noch 34 Prozent. Der Frei- zeitforscher Opaschwowski sieht die Deutschen in der Zukunft sogar auf dem Weg zu einem „Volk von Sportmuffeln“ (Opaschwoski 2001: 82). Im Unterschied zur Zahl der Sportaktiven steigt die Zahl der Sportinteressierten dagegen seit den 1980er Jahren stetig an. So bezeichnen sich etwa nach einer Umfrage von 1998 87 Prozent der Be- völkerung als sportinteressiert, nur 13 Prozent als völlig desinteressiert (vgl. Wernecken 2000: 23). Es gilt hier also zu bedenken, dass „viele sportbegeisterte Fern- sehzuschauer sich selbst als Sportler verstehen, selbst wenn für manche sich diese Be- geisterung auf den Konsum medial aufbereiteter Angebote beschränkt“ (Rademacher 1998: 9). So gehört der passive Sportkonsum inzwischen für mehr Menschen zum fe- sten Freizeitrepertoire als das eigene Sporttreiben (vgl. Opaschowski 2001: 81ff.). Einen zunehmenden Einbruch erhebt nach Opaschowski insbesondere der organisierte Vereinssport. So ging zum Beispiel der Anteil an Sportvereinsmitgliedern zwischen 1990 und 2000 von 29 Prozent auf 21 Prozent zurück. Dies ist für die gesamtgesell- schaftliche Stellung des Sports von besonderer Relevanz, da insbesondere dem Brei- ten-Vereinssport eine in vielfacher Hinsicht „integrierende Funktion“, sogar eine „her ausragende soziale Bedeutung“ (Dörr 2000: 40) zugeschrieben wird, die auch den Grund für umfassende staatliche Förderungsleistungen darstellt1. Diese unterstützende Funktion für das gesellschaftliche Zusammenleben betont auch der 11. Sportbericht der Bundesregierung aus dem Dezember 2006:

Der gemeinsam betriebene Sport ist dabei zugleich ein geselliges verbindendes Erlebnis jenseits anonymer Wohnviertel oder kultureller, sozialer und sprachlicher Unterschiede. Wie kaum eine andere Freizeitbeschäftigung ist „Sport vor Ort“ in der Lage Menschen unterschiedlichster Herkunft, aber auch unterschiedlichen Alters zusammenzuführen. (Deutscher Bundestag 2006: 11)

Zudem wird der Sport als stabilisierende und Werte vermittelnde Institution für das Gemeinwesen verstanden:

Sport fördert nicht nur Gesundheit und Gemeinschaftssinn; fairer Wettkampf steht für Werte, die auch außerhalb des Sports wichtig sind, wie z.B. Leistungswillen, Ausdauer, Teamgeist, Fairness und regelgerechtes Verhalten. (Vgl. Deutscher Bundestag 2006: 11)

Bezog sich die oben erläuterte Integrationsfunktion hauptsächlich auf den Breitensport, so wird als gesellschaftliche Leistung des Spitzensports hauptsächlich die Verkörpe- rung dieser ‚sportlichen’ Werte gesehen. Denn erfolgreiche Spitzensportler fungieren als Vorbilder und transportieren sozial erwünschte Werte. Der Sport bietet so Identifi- kationsmöglichkeiten im lokalen und nationalen Rahmen und ermöglicht Anschluss- kommunikation in der Bevölkerung (Vgl. Dörr 2000: 47ff.). Nicht zuletzt wird die Anregungs- und Animationsfunktion von sportlichen Spitzenleistungen betont, die verstärktes Interesse an sportlicher Betätigung auslösen und damit dem Breitensport zugute kommen kann. (Vgl. Deutscher Bundestag 2006: 11)

Diese vielfältigen Funktionen für das Gemeinwesen bilden auch die Grundlage für die Gesetze zur sogenannten ‚Schutzliste’ und zur ‚Kurzberichterstattung’. Denn in diesen kommt zum Ausdruck, dass der Staat – vor dem Hintergrund des in Kapitel 2.2.1 noch näher geschilderten Anstiegs der Preise für bestimmte Übertragungsrechte – nicht ge- willt ist, die Berichterstattung über sportliche Großveranstaltungen vollständig dem freien Spiel der Marktkräfte auszusetzen. Folglich bildet der mit dem 4. Rundfunk- staatsvertrag vom 1.4. 2000 eingefügte § 5a RStV die gesetzliche Grundlage für eine sogenannte ‚Schutzliste’ an sportlichen Großereignissen. Er regelt, dass die bedeu- tendsten sportlichen Großereignisse im Free-TV frei, d. h. von mindestens zwei Drit teln aller Haushalte empfangbar bleiben müssen.2 (Vgl. Schauerte 2004a: 43) Darüber hinaus steht seit 1989 nach § 5 RStV (Fassung vom 1.4. 2000) jedem Fernsehveran- stalter das Recht auf eine Kurzberichterstattung über sportliche Großereignisse in be- wegten Bildern von bis zu 90 Sekunden unentgeltlich zu, unabhängig von verwer- tungsrechtlichen Verträgen des Sportveranstalters mit anderen Sendern (vgl. Kruse 2000: 14).

Es lässt sich also festhalten, dass der Sport seine gesellschaftliche Bedeutung zunächst durch seine wichtige Rolle bezüglich der Freizeitgestaltung – sei es als aktive Betäti- gung oder als passive Sportrezeption – gewinnt. Erfüllt der aktive Breitensport insbe- sondere vielfältige Integrationsfunktionen, trägt zu einer gesunden Lebensweise bei und vermittelt sozial erwünschte Werte, ermöglicht demgegenüber der Spitzensport Identifikationsprozesse, stellt Vorbilder und kann so wiederum positive Einflüsse für die Entwicklung und Verbreitung sportlicher Aktivitäten und Werte ausüben. Vor dem Hintergrund dieser Funktion sind die im Spitzensport vermehrt auftretenden Doping- Manipulationen von besonderer Relevanz, da sie zu einer Erosion der zu vermittelnden ‚sportlichen’ Werte führen können. So widerspricht Doping etwa der grundlegenden Idee einer Leistungsgerechtigkeit:

Durch Doping werden diese Grundwerte in Frage gestellt. Der faire Wettkampf, in dem die Besten gewinnen und die Verlierer die Leistungen der anderen Athletinnen und Ath- leten respektieren, ist durch Doping gefährdet. Im Falle von Doping gewinnen nicht mehr diejenigen mit der besten Leistung, sondern diejenigen, die bereit sind, die größe- ren gesundheitlichen Risiken auf sich zu nehmen. Doping stellt die dem fairen Wett- kampf zugrunde liegenden Werte „auf den Kopf“ – der Wert der sportlichen Leistung wird dem Ergebnis des erfolgreicheren Dopings untergeordnet. Doping widerspricht dem Geist des Fairplays, da es die Chancengleichheit aufhebt. (Nationale Anti Doping Agentur o. J.)

Darüber hinaus vertreten Spitzensportler die Bundesrepublik Deutschland bei in- ternationalen Sportgroßveranstaltungen. Ihr positives Auftreten und ihre Erfolge kön- nen sich auf den Ruf und das Ansehen Deutschlands in der Welt auswirken. In dem Maße wie Auftritte und Erfolge der einheimischen Sportler „zu einer wesentlichen Facette nationalen Ehrgeizes, nationalen Stolzes und nationaler Identität“ (Dörr 2000: 40f.) geworden sind, können bei internationalen Sportveranstaltungen des Dopings überführte deutsche Sportler auch zur ‚nationalen Schande’ werden.

2.1.2 Ethische Standards der Sportberichterstattung

Während die oben erläuterten Regelungen zur Berichterstattung über sportliche Groß- ereignisse in den Rundfunkstaatsverträgen grundsätzliche Rechtsnormen zum Schutz des mit hoher gesellschaftlicher Bedeutung versehenen Bereichs des Sports darstellen, existieren ergänzend auch berufsethische Ehrenkodizes in Form freiwilliger Selbstver- pflichtungen, die nur schwaches Sanktionspotenzial für Zuwiderhandeln beinhalten. Sie liefern keine absoluten Handlungsimperative, sondern bieten lediglich publizisti- sche Grundsätze als „Maßstäbe für das Nachdenken über journalistisches Handeln“ (Weischenberg 1998: 224) an. Für die Profession Journalismus ist als bedeutendster Kodex in Deutschland der Ehrenkodex des Deutschen Presserates zu nennen.

Für den Sport als Gegenstand der Berichterstattung entstand allerdings schon früh der Gedanke, dass seine Besonderheit auch ein besonderes Ethos erfordere (vgl. Meinberg 2004: 42). So kreierte der Internationale Sportpresseverband anlässlich seines 1. Kon- gresses in Paris 1924 eine erste Fassung ethischer Leitlinien für Sportjournalisten. Auf- fällig ist in dieser insbesondere das umfangreiche pädagogische Motiv:

Die Sportpresse will eine erzieherische Rolle spielen. Die Sportjournalisten betrachten die Pflege und Förderung aller der Verständigung und dem Frieden unter den Völkern dienenden fortschrittlichen und erzieherischen Bestrebungen als ihre Hauptaufgabe. Be- richterstattung und Kritik sollen immer vom Geiste größter Verantwortung und Wahr- heitsliebe getragen sein. Die Sportjournalisten sind insbesondere bestrebt, durch unvor- eingenommenes und unparteiliches Urteil der Jugend ein nachahmenswertes Beispiel zu geben. Indem sie die vielfach durch sportlichen Übereifer verursachte unsachliche oder unfaire Rivalität bekämpfen, wollen sie den Sport einem höheren Ziel näher bringen: Den Menschen besser zu machen und ein Gemeinschaftsgefühl zu wecken. (Zitiert nach Haffner 1990: 61)

So sieht etwa Meinberg in diesem Kodex auch die Manifestation eines ideologischen Sportverständnis, das „Sport als moralische Besserungsanstalt glorifiziert und starke Anklänge an Coubertins Olympische Idee verrät, die eine pädagogische war“ (Mein- berg 2004: 42). Court schreibt dem frühen im Kodex zum Ausdruck kommenden ideo- logischen Sportverständnis dabei eine weitreichende Wirkung zu. Er sieht in dieser Idealisierung des Sports als „Insel der Seligen“ (Haffner 1990: 58) den Ausgangspunkt einer „Vogel-Strauß-Politik“, die dann entstehe, wenn „eine an sich lautere Absicht dazu führt, politische, ökonomische oder andere Instrumentalisierungen zu übersehen“ (Court 2001: 272). Dabei schlägt er einen historischen Bogen bis zur heutigen – seiner Einschätzung nach von Unterhaltungs- und Inszenierungsszenarien dominierten – Sportberichterstattung:

Vor diesem Hintergrund werden die Gründe verständlich, weshalb die Sportberichter- stattung heute als „eine Art permanenter Unterhaltungsschau“ auftritt: Wenn sich die Kluft zwischen dem Sport als idealisiertes Gebilde und den ihn tragenden gesellschaftli- chen Erscheinungen auftut, dann ist der Sportjournalismus damit überfordert, ihn nach ethischen Kriterien zu präsentieren, die der Gesellschaft selbst nicht deutlich sind. (Court 2001: 272)

Analog zu den weitreichenden Auswirkungen hatte der 1924er-Kodex auch formal über einen langen Zeitraum Bestand. Erst 1994 verfasste der Club of Cologne in Zu- sammenarbeit mit dem Verband Deutscher Sportjournalisten und der Deutschen Sportjournalisten-Schule eine Neufassung sportjournalistischer Grundsätze. Dieser neue Ethikkodex hält zwar an zentralen Ideen der 1924er-Deklaration wie einem ‚hu- manen’ Sport, fairer Berichterstattung und der Abwehr von Diskriminierung fest, trägt aber der Entwicklung Rechnung, dass der Sportjournalist heute in seinem Handeln immer stärker von institutionellen und systembedingten Zwängen beeinflusst wird. So heißt es in Absatz zwei:

Im Umgang mit Beteiligten und Betroffenen sind die Würde des einzelnen, der Schutz seiner Persönlichkeits- und seiner Intimsphäre zu achten. In jedem Fall sind die Folgen der Berichterstattung mitzubedenken. Eine institutionalisierte Selbstkontrolle im Sport- journalismus ist deshalb anzustreben. (Zitiert nach: Schaffrath 2006: 137)

Court hebt insbesondere diese letztgenannte Forderung nach einem institutions- und folgenethischen Gewand hervor, die sich gegen die alte, rein individuumszentrierte Fassung wendet (vgl. Court 2001: 274). Auffällig ist außerdem, dass eine umfassende Berichterstattung, die „alle Facetten des modernen Sports vom internationalen Spitzen- sport bis zum individuell betriebenen Sport“ beschreibt, proklamiert wird. Anspruch ist zusätzlich, dass diese „negative Entwicklungen im Sport kritisch und kontrollierend kommentiert“. Auch zur erwünschten Art der Präsentation werden Aussagen getroffen, die sich gegen eine unterhaltende Darstellung wenden: „Nicht der (die) Sportjourna- list(in) ist die Botschaft, sondern allein das sportliche Ereignis und der sportliche Sachverhalt haben im Zentrum der Veröffentlichung zu stehen“ (Zitiert nach: Schaffrath 2006: 137).

Über die Wirksamkeit dieses Ethikkodexes können nur sehr beschränkt Aussagen ge- troffen werden. Studien zur Handlungsrelevanz sportjournalistischer Berufsethik, also zur Frage inwieweit Sportjournalisten den Kodex des deutschen Presserates und den sportjournalistischen Ethikkodex kennen, akzeptieren und auch noch einhalten, liegen bislang nicht vor. (Vgl. Schaffrath 2006: 138) Stellt Schaffrath jedoch fest, dass „un- bewusste oder auch gezielte Verstöße gegen derartige Selbstverpflichtungen […] im- mer wieder zu beobachten“ seien, wird auch von Berufsvertretern mitunter selbstkri- tisch bemerkt, dass der steigende Konkurrenzdruck ethische Richtlinien stark unter- gräbt. So konstatiert etwa der Redaktionsleiter Fußball beim Südwestrundfunk , Tho- mas Wehrle: „Die Fragen nach der Moral im Sport, der journalistischen Ethik und der Eigenverantwortung sind nicht unbedingt mehrheitsfähig. Weder beim Publikum noch bei den Programmverkäufern, noch unbedingt bei der Mehrheit der Kollegen” (Wehrle 2001: 209).

Sowohl Court als auch Meinberg verweisen hinsichtlich einer ethisch orientierten Be- richterstattung auf die besondere Relevanz des Themas Doping: Bei ihren Ausführun- gen bleibt aber offen, welche Konsequenzen und Problematiken die im Sportjournalis- ten-Kodex aufgeführten ethischen Ansprüche und beruflichen Zielsetzungen für die sportjournalistische Berichterstattung über Doping nach sich ziehen, weshalb ich mich im Folgenden kurz diesem Aspekt widmen möchte. Die Thematisierung von ethisch diskussionswürdigen Leistungsmanipulationen unterstreicht zunächst den im Kodex formulierten Anspruch auf eine Kritik- und Kontrollfunktion gegenüber den Entwick- lungen des Sports. Von großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang aber auch die in Abs. 2 formulierte Forderung, die Würde des Einzelnen zu achten, der Schutz der Persönlichkeits- und der Intimsphäre, sowie der Verweis, in jedem Fall die Folgen der journalistischen Berichterstattung mitzubedenken. Denn kaum eine Anschuldigung bringt wohl eine größere Gefahr für die Integrität, Intimsphäre und das Ansehen von Sportlern in der Öffentlichkeit mit sich als der Doping-Vorwurf. Der im Kodex formu- lierte Appell „ethisch vertretbare Richtlinien“ nicht Einschaltquoten und Auflagen zu opfern, ist dabei für die Berichterstattung über Manipulationen im Sport von höchster Relevanz. Denn die Implikationen und Folgen einer offensiven Thematisierung von Doping-Manipulationen stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander: Unter- streicht die offensive Berichterstattung zwar die Kritik- und Kontrollfunktion des Sportjournalismus, so birgt sie zugleich das Risiko, dass die Seriosität und das An- sehen von Sportlern oder ganzen Sportarten so stark geschädigt werden, dass das In- teresse an ihnen stark zurückgeht, also Einschaltquoten und Auflagen sinken. Umgekehrt verspricht allerdings gerade die (boulevardeske) Skandalisierung von ein- zelnen Doping-Fällen kurzfristig höchste Aufmerksamkeit und damit eine direkte Stei- gerung von Einschaltquoten oder Auflagen.

Wurde bisher festgehalten, wie sich der Normenkontext des Sportjournalismus auf die Aussagenproduktion zur Doping-Problematik auswirkt, soll im folgenden Kapitel nun skizziert werden, welche Zwänge der Medieninstitutionen hinsichtlich der Thematisie- rung von Doping relevant sind.

2.2 Die Ebene der Sportmedieninstitutionen: Strukturkontext

Auf der Ebene der Sportmedieninstitutionen lassen sich ökonomische, organisatorische und technologische Einflüsse beschreiben, die den strukturellen Kontext für sportjour- nalistisches Handeln bilden. In Folgendem soll dementsprechend herausgestellt wer- den, inwiefern die Produktions- und Distributionsmöglichkeiten der verschiedenen Medien, die Struktur- und Organisationsmuster in Medieninstitutionen und die mit dem Sportrechtehandel, Verwertungsketten und Refinanzierungsmaßnahmen verbun- denen ökonomischen Imperative determinieren, welche Wirklichkeitsentwürfe der Sportjournalismus zu dem komplexen Phänomen Doping liefert.

2.2.1 Ökonomische Imperative der Sportberichterstattung

Galt der Sport bei den Verantwortlichen des Fernsehens lange Zeit als kostengünstiger Programmpunkt, da er Visualisierung und Dramaturgie inhärent mit sich führte und deshalb keine allzu große Planung und Inszenierung verlangte (vgl. Rademacher 1998: 33), ist er mittlerweile zur teuersten Programmware geworden (vgl. Crott 2000: 61). Denn während die Medien für den Sport früher ein willkommenes Mittel zur Populari- sierung darstellten, wird die Berichterstattung im professionalisierten Sportmanage- ment inzwischen zunehmend als wirtschaftlicher Verwertungsprozess verstanden: „An der Verbreitungsleistung machen die Veranstalter eigentumsähnliche ‚Rechte’ geltend und bestreiten den Medien zunehmend das Recht, dem Publikum über die Sportwett- kämpfe zu berichten“ (Brinkmann 2001: 43). Daher ist für eine Aufnahme der Bericht- erstattung inzwischen in vielen Fällen notwendig, dass die Unternehmensführung eines Medienanbieters die jeweiligen Übertragungsrechte von einem bestimmten Verband bzw. Verein oder (häufiger) einer beauftragten Vermarktungsagentur erwirbt. Die zen- trale Frage, welche Sportredaktion was, wann und vor allem in welcher Form vom Spitzensport berichten darf, wird folglich immer häufiger außerhalb der Sportabteilung und damit auch nach nicht-journalistischen Kriterien entschieden. (Vgl. Schaffrath 2006: 76)

Den zentralen Wendepunkt in der Entwicklung des Sportrechtehandels stellte die Ein- führung des dualen Rundfunksystems 1984 dar. Bis dato existierte kein Markt für Sportrechte, da den Sportverbänden nur ARD und ZDF als Verhandlungspartner ge- genüber saßen, das öffentlich-rechtliche Fernsehen also eine Monopolstellung inne- hatte. So wurden die Preise für Sportrechte über lange Zeiträume und mit moderaten Steigerungsraten ausgehandelt. Mit dem Markteintritt der privaten Sender entstand nun eine Konkurrenz auf dem Beschaffungsmarkt, die sich nachhaltig auf die Preisent- wicklung der Sportrechte auswirkte (vgl. u.a. Schauerte 2002: 79ff.; Thies 1999: 167ff.; Brinkmann 2001: 44f.) Da eine schnelle Steigerung des Bekanntheitsgrades und der Einschaltquoten nötig war, um der werbetreibenden Wirtschaft ein geeignetes Umfeld anbieten zu können, stellten die Privatsender den Handlungsgrundsatz auf, sich fortan die Übertragungsrechte an publikumsattraktiven Sportereignissen zu si chern (vgl. Amsinck 1997: 63). Nun konkurrierte also eine ausdifferenzierte Medien- landschaft um ein begrenztes Angebot an Spitzensport-Ereignissen3, wodurch die Rechtekosten mitunter Steigerungsraten von mehreren tausend Prozent erlebten4. Auf Aufgrund dieser Preisexplosion wurde die Übertragung von vielen Spitzensport- Ereignissen für die Sender schnell zu einem Verlustgeschäft, da eine unmittelbare Re- finanzierung durch die Werbeeinnahmen aus den Übertragungszeiten unmöglich war (vgl. Schauerte 2004a: 42). Allerdings lagen und liegen die medienökonomischen Handlungsmotive zum Rechteerwerb allgemein auch im positiven Effekt auf das Sen- derimage (vgl. Schauerte 2004a: 42), der Profilierung in der Öffentlichkeit und gegenüber der werbetreibenden Wirtschaft, die mit dem prestigeträchtigen Rechte- erwerb einhergeht, sowie im Interesse der Lenkung von Publikumsaufmerksamkeit auf andere Programmbestandteile des betreffenden Senders, etwa durch Programmtrailer (vgl. Siegert/Lobigs 2004: 175f.). Dennoch stehen die Sender vor dem Hintergrund des kostenintensiven Rechteerwerbs unter dem Druck, diese Rechte nun auch möglichst intensiv zu verwerten, weshalb eine immer stärkere Ausdehnung der Sendezeit im Um- feld des eigentlichen Wettbewerbs zu beobachten ist. So bietet die Rahmenberichter- stattung, etwa in Form von Features, Gewinnspielen und Interviews die Möglichkeit, die Sportinteressierten möglichst lange vor und nach der eigentlichen Übertragung des Sportereignisses zu binden und mit verschiedenen Formen der Werbung Einnahmen zu erzielen. (Vgl. Stiehler/Marr 2001: 112; Schwier/Schauerte 2002: 33; Schierl 2004: 108).

Aufgrund des geschilderten ‚Handels’ mit der ‚Ware’ Sport ist eine Interessenskon- formität zwischen berichtenden Rechteinhabern und Sportveranstaltern entstanden. Der professionalisierte Spitzensport benötigt zur Finanzierung die Einnahmen aus dem Rechtehandel, das Fernsehen ist darauf angewiesen, mit den teuer erworbenen Rechten möglichst hohe Einschaltquoten zu erzielen. Sinkt das Publikumsinteresse an der me- dialen Aufbereitung einer Sportart – etwa aufgrund des Bekanntwerdens von Doping- Manipulationen – so versiegen zunächst die oben geschilderten Refinanzierungsquel- len der Rechteinhaber, im nächsten Schritt fällt aber auch der Marktwert der Rechte:

Um die Qualität der Ware Sport in der öffentlichen Meinung zu sichern, sind sowohl die Sportveranstalter und –verbände als auch die Sportberichterstattung im Fernsehen be- müht, das Thema Doping weiträumig zu umgehen bzw. nur bei aktuellen und unaus- weichlichen Anlässen aufzunehmen. (Schauerte/Schwier 2004b: 179)

Während die Sportberichterstattung des Fernsehens also wesentlich durch den ökono- mischen Imperativ zur Refinanzierung der Lizenzkosten wesentlich geprägt wird, war die Hörfunk-Berichterstattung lange Zeit von vertraglichen Reglementierungen unbe- lastet. Allerdings wird auch hier seit einigen Jahren – abhängig von der Popularität der jeweiligen Sportart – über Lizenzgebühren diskutiert. Die diesbezügliche rechtliche Grundlage ist allerdings umstritten5 (vgl. Brinkmann 2001: 47). Die zunehmende Ten- denz, Sportveranstaltungen wirtschaftlich zu verwerten, zeigt sich auch im Bereich der Online-Kommunikation: Durch die Zunahme der technischen Möglichkeiten des Inter- nets und seiner Verbreitung in der Bevölkerung wurden von den TV-Rechteinhabern und Sportveranstaltern schon bald Substitutionseffekte befürchtet, die die Exklusivität ihrer Produkte zerstören könnten. Deshalb wurde bei den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sidney allen Online-Journalisten die Akkreditierung verweigert. (Vgl. Frütel 2005: 139) Inzwischen werden die Internet-Rechte an massenattraktiven Sportereignis- sen auch separat vergeben und Online-Journalisten wieder zugelassen. (Vgl. Schauerte 2004b: 100) Ohnehin ist eine ähnliche Rechtsposition wie beim Fernsehen, die die Verwertung von Lizenzrechten erlaubt, nur im Fall einer „aktuellen Wiedergabe von Sportwettkämpfen in bewegten Bildern im Internet“ (Brinkmann 2001: 50) gegeben. Während die Bereitstellung von Tonmaterial aus dem Stadion in der Art eines Radio- kommentars wie oben geschildert rechtlich zur Zeit noch umstritten ist, bleibt die Be- reitstellung von Texten, Fotos und sonstiger bildlicher Darstellungen natürlich auch im Internet der freien Berichterstattung vorbehalten. Ebenso wie die Internet-Redakteure sind auch die Sportredakteure von Tageszeitungen und Sportzeitschriften in der Aus- wahl der Berichterstattungsgegenstände und der Art der Darstellung frei. Dass Sport- veranstalter zukünftig auch für die schriftliche Berichterstattung von Tageszeitungen, Sportzeitschriften und Internetseiten Honorare oder Lizenzgebühren verlangen könn- ten, bleibt also ein „verfassungswidriges Horrorszenario ohne Realitätsbezug“ (Schaffrath 2006: 78). Dennoch ist die schreibende Zunft, ob aus dem Bereich Print, Online oder Agentur, in ihren Berichterstattungsmöglichkeiten stark benachteiligt, denn sie wird buchstäblich auf die schlechteren Plätze verwiesen. Hinsichtlich der Be- richterstattungswünsche und Interviewanfragen räumen Vereine und Sportveranstalter zunächst den Lizenzinhabern vom Pay-TV den Vorrang ein. Dann sind die Erstverwer ter im freien Fernsehen und die zahlreichen Nachverwerter im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen an der Reihe. Erst wenn die Bedürfnisse der Fernsehjournalis- ten befriedigt sind, können Radiojournalisten, die Redakteure von Sportzeitschriften und Tageszeitungen, Agenturredakteure oder Online-Journalisten die nötigen Informa- tionen sammeln. (Vgl. Schaffrath 2002a: 15) So stehen etwa bei den meisten bedeu- tenden Sportveranstaltungen alle Sportjournalisten genau in dieser Rangfolge aufge- reiht in der Mixed Zone, woraus sich gravierende Nachteile für die am unteren Ende der Hierarchie einzustufenden Journalisten ergeben: Sie sind im Rennen um die aktu- ellsten Informationen nicht konkurrenzfähig, geraten aufgrund ihres Redaktionsschlus- ses unter enormen Zeitdruck und haben Schwierigkeiten, die schon befragten Sportler überhaupt noch zu Interviews zu motivieren. Dies alles führt wiederum dazu, dass die betroffenen Journalisten oft auf eine selbstständige Recherche verzichten und am Bild- schirm die Arbeit der Fernseh-Kollegen verfolgen, um Statements zu übernehmen. (Vgl. Wipper 2003: 152ff.) Aufgrund der geschilderten unterschiedlichen Verwer- tungsrechte und Verwertungsstufen spricht Schaffrath auch von einer „Mehr-Klassen- Gesellschaft des Sportjournalismus“ (Schaffrath 2002a: 15). Diese Hierarchie auf der Basis von Lizenzrechten ist im folgendem Schaubild zusammengefasst:

Abbildung 2 : Mehr-Klassen-Gesellschaft im Sportjournalismus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Abbildung nach Schaffrath 2006: 77

Abschließend betrachtet, lässt sich festhalten, dass bei den übertragenden Fernsehan- stalten aufgrund der enormen Rechtekosten für die beliebtesten Mediensportarten ein starker ökonomischer Imperativ besteht, negative Aspekte des Sports wie Doping- Manipulationen, die den ‚Wert’ der Berichterstattung potenziell gefährden könnten, auszublenden. Für die in der Hierarchie weiter unten angesiedelten Sportjournalisten besteht dieser Zusammenhang nicht. Da Sportveranstalter- und Verbände aber inzwi- schen die Berichterstattung als wirtschaftlichen Verwertungsvorgang verstehen und nicht mehr als Mittel der Popularisierung, sind sie auf ein Entgegenkommen dieser angewiesen. Berichten Sportjournalisten von Medien, die keine Rechte-Inhaber sind, kritisch über Sportveranstaltungen oder Protagonisten, zum Beispiel in Bezug auf Do- ping-Manipulationen, müssen sie befürchten durch Interviewboykotts, Stadionverbote oder ähnliche Maßnahmen stark benachteiligt zu werden.

2.2.2 Organisatorische Imperative der Sportberichterstattung

Die Struktur- und Organisationsmuster in Medieninstitutionen manifestieren sich in bestimmten Rollen. Als Rolle können „die mit der Position in einer Gruppe oder Insti- tution verbundenen Verhaltenserwartungen“ (Weischenberg 1998: 293) bezeichnet werden. Im Journalismus kam es im Zuge seines Größenwachstums zu einer „vertika- len Differenzierung” (Blöbaum 2000: 175) von Handlungsrollen im Sinne einer Hier- archie. Diese Hierarchie ist auch im Subsystem Sportjournalismus zu finden: Chef- redakteur (bei speziellen Sportspartensendern oder Sportzeitschriften), Sportchef (Lei- ter einer bestimmten Sportredaktion), Chef vom Dienst, Abteilungsleiter (zuständig für bestimmte Sportarten), Sportredakteur, Moderator, Sportkommentator, Fieldreporter (vgl. Schaffrath 2006: 140). An der Spitze der Redaktionsorganisation steht also der Chefredakteur. Er ist als Führungsfigur die Schaltstelle zwischen Redaktion und Unternehmensleitung (zum Beispiel bei der Presse der Verleger), er vertritt die Redak- tion gegenüber der Öffentlichkeit und übernimmt die Anleitung und Überwachung der redaktionellen Arbeitsabläufe. Im Sportjournalismus ist nach der repräsentativen Stu- die „Journalismus in Deutschland II“ der Einfluss des Chefredakteurs jedoch nur ge- ring: „Sport ist weniger Chefsache als Angelegenheit des Ressorts“ (Weischenberg/ Malik/Scholl 2006: 88). Dies lässt sich unter anderem an der redaktionellen Praxis des Gegenlesens, der beim Rundfunk die ‚Abnahme’ von Beiträgen entspricht, ablesen (vgl. Weischenberg 1998: 330). Im Sportressorts lassen 82 Prozent der Journalisten ihre Artikel oder Beiträge immer oder meistens gegenlesen oder abnehmen (vgl. Wei Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 274). Vom Chefredakteur kontrolliert wird dabei allerdings nur ein Viertel der Sportjournalisten, dagegen zum Vergleich im Politikres- sort 48 Prozent und im Wirtschaftsressort 56 Prozent (vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 88). Kontroll- und Koordinationsaufgaben für ein bestimmtes Ressort, das heißt einen nach spezifisch sachbezogenen Gesichtspunkten abgegrenzten Arbeitsbereich (zum Beispiel eben das Sportressort), übernimmt zudem der Ressortleiter (vgl. Wei- schenberg/Malik/Scholl 2006: 75f.). Doch auch vom Ressortleiter werden Artikel oder Beiträge deutlich weniger gegengelesen oder abgenommen als in anderen Ressorts, dafür aber deutlich häufiger von gleichrangigen Kollegen (vgl. Weischenberg/ Malik/Scholl 2006: 274). Dementsprechend schreiben die Sportjournalisten der mittle- ren redaktionellen Führungsebene im Unterschied zu anderen Ressorts auch einen grö- ßeren Einfluss als der oberen redaktionellen Führungsebene zu (vgl. Weischenberg/ Malik/Scholl 2006: 294).

So lässt sich also konstatieren, dass insgesamt offenbar gerade im Sportressort eher dezentral-kollegiale Kommunikationsmuster dominierend sind. Die auffallend geringe Einflussnahme des Chefredakteurs leistet dabei Interpretationen Vorschub, dass dem Sportjournalismus eine nachrangige Wichtigkeit für die Rezipienten zugeschrieben wird oder dieser zumindest als Sparte gesehen wird, dessen Ausrichtung für die publi- zistische Linie nicht ausschlaggebend ist:

Zwar ist Sport die wichtigste und am meisten beachtete Gesellschaftssparte, die Sport- journalisten aber bilden in ihren Verlagshäusern meist die Schlusslichter der internen Hierarchie. In den Tageskonferenzen trägt der Sport am Ende vor, wenn sich manche Kollegen schon auf den Rückweg in ihre Büros machen. (Kistner 2004: 13)

Werden etwa aufgedeckte Affären und Skandale in den Bereichen Politik und Wirt- schaft als Werbung für die publizistische Qualität eines Medienangebots betrachtet, werden Problemen des Sports wie der Doping-Problematik, die zweifelsohne ja auch – wenn nicht unter politischen, so zumindest unter sportpolitischen Gesichtspunkten – zu behandeln wäre, anscheinend nicht ausreichend Relevanz zugeschrieben, um investiga- tive Arbeit gebührend zu fördern.

Eine Ausnahme von den bereits geschilderten Organisations- und Kommunikations- mustern bilden allerdings die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. In diesen ü- bernimmt der Intendant die Leitung, das heißt er trifft Sachentscheidungen über die Gestaltung des Programms und den sonstigen gesamten Anstaltsbetrieb. Besondere Bedingungen schaffen aber die spezifischen Formen der Einflussnahme, die in den Gremien Verwaltungsrat und Rundfunkrat (beim ZDF der Fernsehrat) angelegt sind.

Während der Verwaltungsrat vor allem die wirtschaftliche Tätigkeit der Rundfunkan- stalt einschließlich der Geschäftsführung des Intendanten kontrolliert, überwacht der aus verschiedenen gesellschaftlich relevanten Gruppen wie zum Beispiel Gewerk- schaften und Kirchen, aber vor allem auch den Fraktionen des Bundestags zusammen- gesetzte Rundfunkrat die Ausgestaltung des Programms. Zusätzlich wählt er in der Regel die Mitglieder des Verwaltungsrats und auf dessen Vorschlag hin den Intendan- ten. (Vgl. Ricker 2002: 259) Als auffälliges Kennzeichen der Rundfunkorganisation hält Weischenberg dabei fest, dass „mit der Höhe einer Position in der Hierarchie die administrativ-organisatorischen Aufgaben in besonderem Maße zu- und die spezifisch journalistischen Funktionen abnehmen“, das heißt dass Aufstieg in der Anstaltshierar- chie also zu einer „journalistischen Deprofessionalisierung“ (Weischenberg 1998: 295) führt. Zugleich geht mit der Höhe der Position auch ein steigender Einfluss außerorga- nisatorischer Gruppen einher, das heißt dass sich im Falle des öffentlich-rechtlichen Rundfunk im besonderem Maße „leitende Redakteure an den politischen Gruppierun- gen orientieren, die über die Besetzung leitender Positionen entscheiden“ (Weischen- berg 1998: 295). Aus diesen Umständen resultiert die Möglichkeit einer besonderen Einflussnahme von Sportpolitikern und verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen auf den Umgang mit der Doping-Thematik. So stimmte etwa Anfang Juni mit 20 Mitglie- dern auch die knappe Mehrheit des für Grundsatzfragen zuständigen ZDF -Fernsehrats gegen die Übertragung der Tour de France 2007, 19 votierten für einen Forderungska- talog, der an die Veranstalter gerichtet wurde. Diese Einflussnahme war für die spätere Entscheidung zum Ausstieg aus der Live-Berichterstattung, auf die in Kapitel 3.2 noch näher eingegangen werden soll, nicht unerheblich. (Vgl. SPIEGELONLINE 2007a) Bevor sich im nächsten Kapitel näher mit den technologischen Gegebenheiten der verschiedenen Medien beschäftigt werden soll, bleibt folglich festzuhalten, dass die geschilderten Organisationszusammenhänge von Medieninstitutionen durchaus relevant für die Aussagenproduktion zur Doping-Thematik sind.

2.2.3 Technologische Imperative der Sportberichterstattung

Als weiterer Faktor wirken sich bereits die technologischen Bedingungen der Produk- tion auf die Thematisierungsmöglichkeiten der Medieninstitutionen aus. So beinhalten etwa die Produktions- und Distributionsmöglichkeiten der audiovisuellen Medien (Hörfunk, Fernsehen) und des Internets im Gegensatz zu den Printmedien zeitnahe oder sogar zeitgleiche Berichterstattung. Dies ist für den Sportjournalismus in beson derem Maße relevant, denn dessen Berichterstattungsgegenstand bietet in enger zeitli- cher Abfolge eine Vielzahl von Wettbewerben, weshalb „die ‚medienökonomische Halbwertzeit’ von Sportveranstaltungen [.] in der heutigen Zeit, je nach Anlass, nur wenige Tage oder gar Stunden [beträgt], da es Ereignisse von primärer Aktualität sind“ (Schauerte 2004a: 42f.). Der Faktor Aktualität als Zeitgröße ist dabei maximal, wenn sich die zeitliche Differenz zwischen zu berichtendem Ereignis und der tatsächlichen Berichterstattung Null nähert, wie es bei der Livereportage im Sport der Fall ist (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 184). Haben sowohl der Hörfunk als auch Onlinemedien die technologischen Möglichkeiten zur Live-Berichterstattung, vermittelt das Fernse- hen allerdings die größte Authentizität. Die „vermeintlichen Gütekriterien und Quali- tätsparameter medialer Sportpräsentation“ wie „brandaktuell“, „hautnah dabei“ und „am besten live“ (Schaffrath 2002b: 105) zu erfüllen, ermöglichen also exklusiv die technologischen Gegebenheiten des Fernsehens. So ist es auch einerseits möglich den Verlauf und die Dynamik möglichst genau abzubilden, gleichzeitig aber auch den Zu- schauer „sprichwörtlich näher heran an das aktuelle Sportgeschehen“ (Rademacher 1998: 40) zu bringen, etwa durch Nahaufnahmen und Zeitlupen. Das Sportfernsehen transportiert Informationen dementsprechend vornehmlich durch visuelle Abbildung. Dies ist in Bezug auf die journalistische Bearbeitung der Doping-Thematik von hoher Relevanz, da „sich Doping nicht unmittelbar bzw. ohne größeren Aufwand visualisie- ren lässt“ (Philipp 2002: 8). Allenfalls eine Bearbeitung der Doping-Thematik unter Ausrichtung auf Subjekte halten Bette und Schimank für möglich. Andernfalls pro- gnostizieren sie, dass das Publikum sich abwende:

Für das Fernsehen ist die Ausrichtung auf Personen bzw. die Personalisierung von Neu- igkeiten noch bedeutsamer als für die Printmedien. Dies lässt sich aus der Logik des Mediums selbst erklären. Das Fernsehen braucht interessante Bilder, um informativ zu sein. Neuigkeiten müssen auf dem Bildschirm vornehmlich visuell präsentiert werden können. Im Umkehrschluss erweckt das Fehlen von laufenden Bildern mit sich perma- nent verändernden Inhalten den Eindruck der Nichtauthentizität der Informationen und des Stagnierens. Ungeduld und Umschalten auf einen anderen Sender sind Reaktionen, mit denen Fernsehzuschauer auf das Fehlen informativer Bilder reagieren. (Bet- te/Schimank 2006: 27)

Anders stellt sich die Logik der Printmedien dar: Die Aktualität und die Exklusivität einer Sportnachricht ist meist bereits durch die Berichterstattung der elektronischen Medien erschöpft. Die Sportpresse muss daher in der Rolle als sportjournalistisches „Sekundärmedium“ (Wipper 2003: 134) eine ergänzende Funktion erfüllen, indem sie zusätzliche vertiefende oder hintergründige Informationen liefert (vgl. Loosen 1998: 14f.; Fischer 1993: 87; Wernecken 2000: 60). Diesbezüglich eignet sich die Doping Thematik in besonderem Maße, da sowohl Doping-Manipulationen als auch sportpoli- tische Entscheidungen zur Doping-Problematik auf der ‚Hinterbühne’ des Sports statt- finden, die von den aktualitätsorientierten Medien kaum betrachtet wird.

Die Hörfunkberichterstattung und die Online-Medien können im Gegensatz zu den Printmedien unter Aktualitätsprämissen mit dem Fernsehen mithalten. Die Redaktio- nen im Begleit- oder Hintergrundmedium Hörfunk sind folglich auch permanent be- müht, die radiospezifische Vorteile wie Flexibilität und Mobilität auszunutzen (vgl. Schaffrath 1997: 371). Kann der Hörfunk daher wohl etwas besser die Rolle des In- formanten übernehmen, so spielt er dennoch in der Sportberichterstattung gegenüber dem Fernsehen eine untergeordnete Rolle, da er die Ereignisse nur mit einer geringe- ren Plastizität übermitteln kann. (Vgl. Wipper 2003: 134f.) Festgehalten werden muss: Die beherrschende Aktualitätsorientierung der Radio-Sportberichterstattung lässt für Analysen und Hintergründiges kaum Raum und reduziert die Doping-Problematik so- mit auf ihren Neuigkeitsgehalt, das heißt sie behandelt sie nur in Form von aktuellen Meldungen und Nachrichten.

Andere Möglichkeiten zum Umgang mit der Thematik ergeben sich dagegen aus der Medienlogik des Internets. Die technologischen Gegebenheiten des digitalen Mediums Internets ermöglichen zwar durchaus eine zeitgleiche Sportberichterstattung in Bild und Ton; die sogenannte Streaming-Technik macht sich aufgrund ihrer hohen Leis- tungskapazitäten allerdings häufig durch Qualitätsverluste beim Zuschauer bemerkbar (vgl. Dimitriou 2006: 92). Zudem ist die audiovisuelle Übertragung von den attraktivs- ten Sportereignissen auch in Online-Medien inzwischen an den Besitz von Lizenzrech- ten gebunden (siehe Kapitel 2.2.1) und die Echtzeitformate der Online- Sportkommunikation wie der textbasierte Live-Ticker können mit den etablierten Live-Übertragungen in Hörfunk und Fernsehen in Bezug auf die Herstellung von Er- zählstrukturen kaum konkurrieren. Dennoch kommt der Berichterstattungsgegenstand Sport dem Medium Internet entgegen, da er sich „in eine ganze Reihe von Informationseinheiten gliedern [lässt], die sich für die Darstel- lung im WWW in besonderem Maße eignen: zum Beispiel Ereignistabellen, Mann- schaftsaufstellungen, alle Formen von Statistiken, die Archivierung von riesigen Daten- mengen, die im Sport anfallen“ (Loosen 2001: 139).

Bezüglich der dokumentarischen und archivarischen Qualitäten sind die Sportangebote im Internet den Offline-Medien also überlegen, da diese aufgrund ihrer eingeschränk- ten Distributionsmöglichkeiten nur einen Ausschnitt aus der Entwicklung eines Sport- ereignisses, eines Spieltages oder einer Saison berücksichtigen können. Die Distribu tionsmöglichkeiten des Internets ermöglichen potenziell eine vom Kostendruck etwas entlastete Doping-Berichterstattung, in der Zusammenhänge und Hintergründe aus- führlich erläutert werden können. Zudem bieten die für die Online-Sportberichter- stattung charakteristischen verschiedenen kommunikations- und interaktionsorientier- ten Angebotsbereiche wie Diskussionsforen, Umfragen oder Experten-Chats (vgl. Dimitriou 2006: 92) die Möglichkeit die Doping-Problematik mit den Mediensport- konsumenten und Experten, zum Beispiel aus dem medizinischen, rechtlichen, sozio- logischen oder auch kommunikationswissenschaftlichen Wissenschaftsbereich, direkt zu diskutieren und so gegebenenfalls Differenzen zwischen der journalistischen Be- arbeitung der Thematik und Rezipientenerwartungen zu ermitteln.

2.3 Die Ebene der Sportberichterstattung: Funktionskontext

Auf der Ebene der Sportberichterstattung soll untersucht werden, in welchem Leistungs- und Wirkungskontext die Medienaussagen zur Doping-Thematik stehen, die im System Sportjournalismus produziert werden. Zentrale Frage ist hier, nach wel- chen Regeln Sportjournalisten aus Ereignissen Nachrichten machen und welche Merkmale die von ihnen konstruierte Sportwirklichkeit hat. Relevant ist daher zu- nächst, aus welchen Quellen Sportjournalisten ihr Material beziehen und inwieweit Abhängigkeiten gegenüber diesen Informationsquellen bestehen. In einem weiteren Schritt müssen dann die Muster und Techniken der Präsentation von Inhalten unter- sucht werden, also welche Darstellungsformen wann und wie von Sportjournalisten verwendet werden. Die Frage nach den Wirkungen der Sportberichterstattung auf das Publikum bzw. insbesondere deren Rückwirkung auf die sportjournalistische Aussa- genentstehung wird – wie bereits im Einleitungskapitel erläutert – noch ausführlich in Kapitel vier behandelt.

2.3.1 Informationsquellen des Sportjournalismus

Erste Ansätze zur Beurteilung von Recherche und Quellenumgang der Sportjournalis- ten können die in der Studie „Journalismus in Deutschland II” erhobenen Daten zum zeitlichen Aufwand journalistischer Tätigkeiten liefern. Hierbei fällt auf, dass im Sportressort signifikant weniger Zeit zur eigenen Recherche und zum Verfassen und Redigieren eigener Texte aufgewandt wird als in den anderen Ressorts, dagegen aber überdurchschnittlich viel Zeit in die Auswahl von Texten investiert wird. (Vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 83) Diese ermittelten Daten legen den Schluss nahe, dass der Sportjournalismus wesentlich stärker von extern strukturiertem Informations- material abhängig ist als andere Ressorts. Diese externen Quellen stellen für den Sport- journalismus PR-Mitteilungen (zum Beispiel von Vereinen und Verbänden), in einge- schränktem Maße die Sportberichterstattung anderer Medien, sowie insbesondere die Texte der Kollegen von den Nachrichtenagenturen, bzw. Sportnachrichtenagenturen (zum Beispiel der Sportinformationsdienst) dar. Während für den Fernseh-, Hörfunk- und Onlinebereich diesbezügliche empirische Studien fehlen, haben Studien von Loo- sen und Schulz ermittelt, dass großen Teilen der Print-Sportberichterstattung Agentur- beiträge zugrunde liegen. So liegt nach einer Studie von Schulz der Anteil des Agenturmaterials bei 34,5 Prozent (vgl. Schulz 1995: 138ff.). Loosen betont, dass ins- besondere bei den Regionalzeitungen mehr als die Hälfte aller Artikel auf einen Agen- turbeitrag zurückgeht (vgl. Loosen 1998: 203).

Bezüglich der Doping-Thematik lässt sich in Zusammenhang mit den Informations- sammlungsroutinen festhalten: Doping-Manipulationen sind eine Form des abwei- chenden, unter Umständen sogar kriminellen Verhaltens von Sportlern, Betreuern und anderen im Sportsystem handelnden Akteuren. Sie finden folglich auf der sportlichen ‚Hinterbühne’ statt und ihre Thematisierung erfordert unter Umständen einen hohen Rechercheaufwand, den die große Mehrzahl der Sportjournalisten nicht zu investieren in der Lage ist. Die starke Abhängigkeit der Printmedien von Agenturtexten bedeutet für den sportjournalistischen Umgang mit der Doping-Thematik zudem, dass in beson- derem Maße nur Aspekte des Themas präsentiert werden, die die hohen, nach Sport- nachrichtenfaktoren6 konstruierten Selektionskriterien der Nachrichtenagenturen erfül- len konnten. Dies sollte etwa der Fall sein, wenn international bekannten Spitzenathle ten oder schon länger verdächtigten, aber bisher noch nicht entlarvten Sportlern Do- ping-Manipulationen nachgewiesen werden. Inwiefern aber strukturelle, hintergründi- ge Aspekte des Themas auf diesem Weg Eingang in die Sportberichterstattung finden können, bleibt fraglich.

Ähnliche inhaltsanalytische Untersuchungen, die prüfen, inwiefern PR-Angebote in die Berichterstattung aufgenommen werden oder andere Medien als Quelle zitiert wer- den, fehlen bisher leider in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Sport- journalismus. Wichtige Ansatzpunkte zur Beantwortung der Frage, welche Bedeutung Public Relations als Quelle des Sportjournalismus besitzt, kann aber hier wiederum die Studie „Journalismus in Deutschland II“ bieten. In dieser beurteilten Journalisten die Einflussmöglichkeiten dieser Quellen aus dem Blickwinkel ihrer redaktionellen Arbeit. Insbesondere gaben sie Auskunft, welchen Einfluss sie der Öffentlichkeitsarbeit im Allgemeinen zuschreiben und wie sie Pressemitteilungen bewerten. Hier fällt auf, dass die Sportjournalisten den Einfluss von PR – verglichen mit den Journalisten anderer Ressorts – als auffallend gering einschätzen. Überdurchschnittlich viele Sportjournalis- ten betonen dabei allerdings die Nützlichkeit, Qualität und Zuverlässigkeit von PR- Mitteilungen. Gleichzeitig sind sie auch am wenigsten der Meinung, dass Pressemittei- lungen zu unkritischer Berichterstattung verführen. (Vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 124ff.) Es lässt sich also festhalten: Sportjournalisten beurteilen PR- Mitteilungen weitgehend positiv, sehen den Sportjournalismus aber dessen ungeachtet als weitgehend frei von PR-Einflüssen. Weischenberg, Scholl und Malik betonen, dass diese Befunde im Widerspruch zu spektakulären in den Medien thematisierten Fällen von wirtschaftlichen Verstrickungen oder sogar Korruption stehen. Angenommen wird von den Autoren in diesem Zusammenhang daher, dass Sportjournalisten möglicher- weise weniger als die Kollegen in anderen Ressorts über ihren Umgang mit PR reflek- tieren und dessen Gefahren daher weniger häufig bemerken. Ihre intensive Nähe zu den Sportakteuren betrachteten sie möglicherweise nicht als Einflussnahme, obgleich diese ähnliche Konsequenzen habe:

Doch zu große persönliche oder wirtschaftliche Nähe von Journalisten zu ihrem Beob- achtungsobjekt kann am Ende dieselben Effekte haben wie erfolgreiche Öffentlichkeits- arbeit: Die Berichterstattung dient vor allem dem Image der Personen oder Ereignisse, über die berichtet wird. Was diesem Image nicht dienlich ist, wird lieber nicht oder nur am Rande thematisiert. Public Relations – als „Image-Beauftragte“ von Personen, Unternehmen oder Institutionen – haben dann auf einem ganz anderem Wege als über Pressemitteilungen durchaus deutlichen Einfluss auf den Journalismus. (Weischen- berg/Malik/Scholl 2006: 131f.)

Sportjournalisten nutzen neben PR- und Agenturtexten auch die Berichterstattung an- derer Medien, und zwar zum einen um sich über die Nachrichtenlage zu informieren und die Gefahr zu minimieren ein wichtiges Thema in der eigenen Berichterstattung nicht zu berücksichtigen, zum anderen aber auch als konkrete Informationsquelle. Die Medienberichterstattung hat als Informationsquelle insbesondere den Vorteil, dass sie in der Regel zuverlässig, besonders glaubwürdig, leicht verfügbar und zeitlich wie fi- nanziell wesentlich weniger aufwendig zu nutzen ist als zum Beispiel Archive, Exper- ten oder Fachliteratur.

[...]


1 Länder und Kommunen sind für die finanzielle Förderung des Breitensports zuständig. Der Bund tritt dagegen als Förderer des Spitzensports auf: In den Jahren 2002 bis 2005 stand hierfür ein Gesamtbetrag von rund 920 Millionen Euro bereit. (Vgl. Deutscher Bundestag 2006: 17)

2 Zu diesen sportlichen Großereignissen zählen: Olympische Sommer- und Winterspiele, bei Fußball- Europa- und -Weltmeisterschaften alle Spiele mit deutscher Beteiligung sowie, unabhängig von einer deutschen Beteiligung, das Eröffnungsspiel, die Halbfinalspiele und das Endspiel, die Halbfinalspiele und das Endspiel um den Vereinspokal des Deutschen Fußballbundes, Heim- und Auswärtsspiele der deutschen Fußballnationalmannschaft sowie Endspiele der europäischen Vereinsmannschaften im Fuß- ball (Champions League, Uefa-Cup) bei deutscher Beteiligung. (Vgl. Schauerte 2004a: 43)

3 Die Begrenztheit des Angebots resultiert daraus, dass nur eine Hand voll Sportarten für die breite Mas- se der Zuschauer attraktiv ist, bzw. die Kommunikatoren nur wenigen Sportarten diese Attraktivität zuschreiben (siehe hierzu auch Kapitel 2.3.2).

4 Während ARD und ZDF etwa für die Fußball-Bundesligasaison 1985/86 noch 12 Millionen DM über- wiesen, schloss die Deutsche Fußball Liga für die Spielzeiten von 2009 bis 2015 einen Kontrakt ab, der ihr Einnahmen von 500 Millionen Euro pro Spielzeit zusichert. (Vgl. Hülsen/Wulzinger 2007: 123) Eine ähnliche Entwicklung nahmen die Preise für die Sportrechte an internationalen Sportereignissen: Die Lizenzgebühren für die Fußball-WM stiegen von 13,3 Millionen DM im Jahre 1982 auf 915 Millionen DM im Jahre 2006, die Lizenzgebühren an den Olympischen Sommerspielen erhöhten sich von 9,1 Millionen im Jahr 1980 auf 702,3 Millionen im Jahr 2008. (Vgl. Schauerte 2002: 80)

5 Im Juni 2003 entschied das Oberlandesgericht Hamburg, dass künftig auch private Hörfunksender für die Berichterstattung von der Fußball-Bundesliga zahlen müssen. Der damalige Kläger Radio Hamburg hat eine Verfassungsbeschwerde gegen das BGH-Urteil eingereicht, eine Klärung durch das Bundesver- fassungsgericht steht noch aus. (Vgl. Schaffrath 2006: 78) Trotz der unklaren Rechtslage beauftragte allerdings etwa die Deutsche Fußball Liga (DFL) bereits den aktuellen Rechte-Zwischenhändler, den Medienunternehmer Leo Kirch, ab 2009 auch kostenpflichtige Hörfunk-Rechte an der Fußball- Bundesliga zu vergeben (vgl. Werben & Verkaufen 2007).

6 Zu den Sportnachrichtenfaktoren siehe auch Kapitel 2.3.2.4.

Ende der Leseprobe aus 131 Seiten

Details

Titel
Epos oder Epo – Sportjournalismus und Doping
Untertitel
Was erwarten die Rezipienten vom Sportjournalismus?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
131
Katalognummer
V151552
ISBN (eBook)
9783640636587
ISBN (Buch)
9783640636877
Dateigröße
1380 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist insbesondere für alle, die sich im engeren oder weiteren Sinne mit Sportjournalismus, Doping oder der Methode Inhaltsanalyse befassen, mit Sicherheit sehr lesenswert und ergiebig.
Schlagworte
Sportjournalismus, Doping, Doping-Berichterstattung, Inhaltsanalyse, Sportberichterstattung, Mediensport, Rezipienten, Epo, Radsport, Sportmedien
Arbeit zitieren
Tobias Köbberling (Autor), 2008, Epos oder Epo – Sportjournalismus und Doping, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151552

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