Zwischen Besatzung und Belagerung: Israelische Kontrollmechanismen im Gazastreifen


Seminararbeit, 2006
33 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Kampf um Palästina
2.1. Herrenloses Land? Der Gazastreifen zwischen 1948 und 1978
2.2. Gaza und der ägyptisch-israelische Friedensvertrag

3. Die Frühphase der israelischen Besatzung in Theorie und Praxis
3.1. Die Emergency Regulations
3.2. Alltag unter israelischer Militärverwaltung
3.3. Palästinensischer Widerstand im Gazastreifen

4. Die israelische Besatzung im Gazastreifen zwischen 1987 und 2008
4.1. Hamas und PLO zwischen Untergrund und Staatlichkeit
4.2. Das Ende der Osloer Verträge
4.3. Der Abkoppelungsplan Ariel Scharons

5. Die Hamas zwischen Wahlsieg und Bürgerkrieg
5.1. Die palästinensischen Parlamentswahlen 2006
5.2. Vom Bruderkrieg zur Alleinherrschaft der Hamas
5.3. Israelische Kontrollmechanismen nach 2005

6. Fazit

1. Einleitung

Zuverlässige Informationen über die Lage im Gazastreifen haben auch nach dem Ende der israelischen Operation „Gegossenes Blei“ am 18. Januar 2009 absoluten Seltenheitswert. Trotz der starken Präsenz des Themas in den Medien zeigte der jüngste Schlagabtausch zwischen den israelischen Streitkräften (IDF) und der Hamas' vor allem eins: Eine sachliche, auf Fakten beruhende Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt ist, selbst außerhalb der eigentlichen Konfliktregion, kaum möglich. Dabei haben die Anstrengungen sowohl der israelischen als auch der palästinensisch-arabischen Seite, die Wahrnehmung der Auseinandersetzung in der internationalen Berichterstattung über Bildinhalte zu dominieren, zu einer weiteren Verschärfung der Debatte geführt. So verglich der Menschenrechtsbeauftragte des Vatikans, Kardinal Renato Martino, den Gazastreifen mit einem „riesigen Konzentrationslager“ - eine Position, die traditionell eher in arabischen Medien sowie im links- und rechtsradikalen Spektrum verbreitet ist12. Der damit assoziierte Vorwurf eines Genozids an der palästinensischen Bevölkerung ist allein schon aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums im Gazastreifen nicht haltbar, welches nach aktuellen Schätzungen mit 3,35% den weltweit fünften Platz belegt3. Unbestreitbar hingegen ist eine dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen der rund 1,5 Millionen Einwohner seit dem Ende der 38-jährigen israelischen Besatzung im September 2005. Gemessen an einem täglichen Pro-Kopf-Einkommen von unter zwei USD, lebten bereits 2007 63,1% der Bevölkerung des Gazastreifens unterhalb der von der UN festgelegten Armutsgrenze4. Bis 2009 stieg dieser Wert auf bis zu 75%5. Trotz der katastrophalen humanitären Lage sah sich Israel gemäß Artikel 55 der Genfer Zivilkonvention nun weitestgehend von der völkerrechtlichen Verpflichtung des Okkupanten „die Versorgung der Bevölkerung mit Lebens- und Arzneimitteln im Rahmen aller ihr zur Verfügung stehenden Mittel sicherzustellen“ entbunden6. Dem gegenüber steht der von der palästinensischen Journalistin Leila al-Haddad formulierte Vorwurf, dass die israelische Besatzung des Gazastreifens nach wie vor andauert: „Gaza’s skies, borders, air, travel permit system and birth registration process all remained under israeli control [...]. Almost every aspect of [Gaza] was still controlled by an outside force that no longer assumed responsibility for the welfare of the people it still occupied“7. Die Anschuldigungen Haddads entsprechen einem weit verbreiteten Empfinden innerhalb der arabischen Welt und unterstreichen die Schwierigkeit, die von Israel bis heute ausgeübten Kontrollmechanismen klar von der Natur des Besatzungszustandes vor 2005 abzugrenzen. Die vorliegende Arbeit widmet sich, nach einem historischen Überblick über Entwicklung des Gazastreifens nach 1948, einem Vergleich der von der IDF ausgeübten Kontrollmechanismen vor und nach ihrem Rückzug von 2005. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob die die facto vollständige Räumung des Gazastreifens tatsächlich das Ende der Besatzung markiert, oder lediglich einer neueren, subtileren Form der Okkupation gewichen ist.

2. Der Kampf um Palästina

2.1. Herrenloses Land? Der Gazastreifen zwischen 1948 und 1978

Nach Artikel 42 der Hager Landkriegsordnung (HLKO) von 1907 gilt ein Gebiet als besetzt, wenn es sich tatsächlich in der Gewalt des feindlichen Heeres befindet. „Der Rechtsstatus beginnt mit der kriegerischen Besetzung [...] und endet mit der Beendigung des Kriegszustandes“8. Zudem erstreckt sich die Besatzung nur auf die Gebiete, „wo diese Gewalt hergestellt ist und ausgeübt werden kann“9. Ursprünglich ein Werk zur Reglementierung zwischenstaatlicher Gewalt, offenbart die HLKO ihre Schwächen hinsichtlich der Lage in den Palästinensergebieten besonders deutlich. Dies zeigt unter anderem die Frage nach der Gebietshoheit, die eine Besatzungsmacht „auf einem besetzten Gebiet lediglich vorläufig [...] ausübt. Die Staatsgewalt des Staates, dessen Gebiet besetzt ist, besteht jedoch weiter10“. Genau an dieser Stelle tritt das Kernproblem der „Staatenlosigkeit“ des Gazastreifens hervor. Weder unter der von 1516 bis 1917 währenden osmanischen Herrschaft, noch der darauf folgenden britischen Mandatszeit ab 1920 war die arabische Bevölkerungsmehrheit Palästinas wirklicher Souverän über die von ihr besiedelten Gebiete. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der britischen Verwaltung erfüllten sich die Hoffnungen der Palästinenser auf einen eigenen Staat nicht: Der von den Vereinten Nationen (VN) vorgelegte Teilungsplan des ehemaligen Mandatsgebietes in einen jüdischen und einen arabischen Staat war weder für die palästinensischen Araber, noch für die benachbarten Nationen diskussionswürdig. So erklärte der Generalsekretär der Arabischen Liga Abdul Rahman Hassan Azzam 1947 gegenüber einer zionistischen Delegation: „For us there is only one test, the test of strength. [...] I am not sure we will succeed, but we will try [...] it is too late for a peaceable solution“11. Der Angriff ägyptischer, syrischer, irakischer, jordanischer und libanesischer Streitkräfte unmittelbar nach der Proklamation des Staates Israel in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1948 war demnach keine Überraschung. Trotz numerischer und technischer Überlegenheit erlitten die arabischen Staaten jedoch eine vollständige militärische Niederlage. Nach der Unterzeichnung des letzten Waffenstillstandsabkommens am 20. Juli 1949 wurde die Teilung Palästinas zu einer dauerhaften Realität, wobei das von Israel kontrollierte Territorium die ihm im Teilungsplan der VN zugesprochenen Gebiete nun um ein vielfaches übertraf. Die Leidtragenden der fehlgeschlagenen Invasion waren vor allem rund 700 000 palästinensische Flüchtlinge, deren Chancen auf einen eigenen Staat angesichts der israelischen Gebietsgewinne, aber auch der Besetzung der Westbank durch Jordanien und des Gazastreifens durch Ägypten in weite Ferne rückten. Abgesehen von einer nach wenigen Monaten auf amerikanischen Druck hin aufgegebenen Besatzung des Gazastreifens durch die IDF zwischen 1956 und 1957, blieb das Territorium bis zum Sechstagekrieg 1967 unter der direkten militärischen Kontrolle der ägyptischen Armee. Nach der erneuten Niederlage der arabischen Staaten geriet auch dieses Gebiet, ebenso wie Ostjerusalem, die Golanhöhen und die Sinai­Halbinsel, unter die Kontrolle einer israelischen Militärverwaltung. In diesem Punkt handelte Israel zunächst völkerrechtskonform: Zur vorläufigen Verwaltung der besetzten Territorien war das Land nicht nur befugt, sondern verpflichtet12. Auch der Yom-Kippur Krieg von 1973 brachte, trotz ägyptisch-syrischer Anfangserfolge, keine Veränderung des Status quo: Die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen blieben in israelischer Hand. Erst die Unterzeichnung des israelisch-ägyptischen Friedensabkommens von Camp David am 17. September 1978 schuf die Grundlage für endgültige Räumung der Sinai-Halbinsel im Jahr 1982. Der Status des Gazastreifens spielte bei der diplomatischen Lösung des ägyptisch-israelischen Konfliktes lediglich eine untergeordnete Rolle.

2.2. Gaza und der ägyptisch-israelische Friedensvertrag

Schwerpunkt des Friedensvertrages zwischen Israel und Ägypten war, neben der Beendigung des Kriegszustandes, die Anerkennung Israels durch Ägypten und die Räumung der von der IDF besetzten Sinai-Halbinsel. Ein weiterer Rahmenvertrag umfasste Richtlinien zur Lösung der Palästinafrage. Obwohl das Abkommen von Camp David hinsichtlich der Beständigkeit des israelisch-ägyptischen Friedens ein voller Erfolg war, hatte es darüber hinaus kaum spürbare Auswirkungen auf die Westbank oder den Gazastreifen. Zwar unterzeichneten der israelische Ministerpräsident Menachem Begin und der ägyptische Staatspräsident Anwar as- Sadat eine Vereinbarung, die nach einer Übergangszeit von fünf Jahren volle Autonomie für die Bevölkerung in beiden Gebieten vorsah. Dieser sollten weitere Verhandlungen über den endgültigen Status der besetzten Gebiete folgen, wobei der Abzug der israelischen Militärverwaltung aus dem Gazastreifen bereits für den Beginn des Übergangzeitraumes vorgesehen war13. Letztlich scheiterte die Umsetzung der Vereinbarungen aber an verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten des Vertragstextes, die zu gegensätzlichen Interpretationen auf israelischer und ägyptischer Seite führten. So verstand Ägypten unter Autonomie ein vollständiges Selbstbestimmungsrecht der Bewohner des Gazastreifens, Israel strebte zwar die Wahl von Repräsentanten zur Erledigung der „alltäglichen Geschäfte“ an, ließ eine wirkliche Selbständigkeit aber nur in den Bereichen Landwirtschaft, Erziehung, Gesundheitswesen und bei lokalen Angelegenheiten zu. Außerdem behielt es sich die volle Souveränität über die besetzten Gebiete vor und zog seine Streitkräfte aus „Sicherheitsgründen“ nicht ab. Auch wurden mehrere zentrale Fragen, etwa zur israelischen Siedlungspolitik, oder dem zukünftigen Status Ostjerusalems überhaupt nicht behandelt. Schließlich stieß der Friedensentwurf auf die kategorische Ablehnung der übrigen arabischen Staaten, die auf der Übereinkunft der Gipfelkonferenz von Karthum von 1967 beharrten: Keine Anerkennung Israels, kein Frieden mit Israel, keine Verhandlungen mit Israel, solange kein Rückzug aus allen besetzten Gebieten erfolgt ist14. Auch die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) lehnte die zwischen Ägypten und Israel getroffenen Vereinbahrungen ab, wobei sie von der überwiegenden Mehrheit der Palästinenser unterstützt wurde15.

3. Die Frühphase der israelischen Besatzung in Theorie und Praxis 3.1. Die Emergency Regulations

Die unmittelbar nach der Eroberung der Westbank und des Gazastreifens eingesetzte israelische Militärverwaltung stützte sich bei ihrer Tätigkeit im Wesentlichen auf zwei unterschiedliche Rechtsquellen: Zum einen erließen die Militärgouverneure zu Beginn der Besetzung die so genannte Law and Administration Proclamation, in der unter anderem festgehalten wurde, dass die Gesetzgebung aus der Zeit vor dem Juni 1967 in Kraft belassen wird, so lange sie nicht den Verordnungen der Militärverwaltung entgegensteht16. Des Weiteren behielt sich die IDF das Recht vor, über so genannte Military Orders (M.O.) eigene Verordnungen in den Bereichen Verwaltung, Sicherheit und Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zu erlassen. Zwar behauptete Israel die vor 1967 gültige Zivil­und Strafrechtsordnung in den Palästinensergebieten kaum verändert zu haben. So seien im Zivilrecht lediglich Änderungen zum Wohle der Bevölkerung vorgenommen worden, etwa durch die Einführung einer Kranken- und Unfallversicherung für Arbeitnehmer oder die Abschaffung der nach jordanischem und ägyptischem Recht erlaubten Todesstrafe, die in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt wurde17. Andererseits verwendete die IDF bei der Strafgesetzgebung Bestimmungen, die ihren Ursprung in den so genannten Emergency Regulations des ehemaligen britischen Mandatsrechts hatten18. In den besetzten Gebieten traten diese bereits 1967 mit der M.O. No. 224 in Kraft: „Military Order No. 224 declares that the Emergency Regulations installed by the British Mandate Authorities [...] are in affect in the Westbank until specifically declared invalid by name”19. Eine gleich lautende Verordnung für den Gazastreifen folgte noch im selben Jahr. Die 1945 vom britischen Hochkommissar für Palästina erlassenen Notstandverordnungen sollten die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung in bürgerkriegsähnlichen Situationen garantieren und beinhalteten eine drastische Erweiterung der Kompetenzen der Militärverwaltung gegenüber Zivilpersonen. So konnten die eingeführten Militärgerichte bei illegalem Waffenbesitz die Todesstrafe vollstrecken lassen, Verdächtige auf unbestimmte Dauer in Untersuchungshaft nehmen, Zeitungen und Rundfunk zensieren sowie Ausgangssperren verhängen20. Diese Notstandsverordnungen hielten noch unter dem israelischen Übergangsstaatsrat, dem Vorläufer der Knesset, ihren Einzug ins israelische Rechtssystem21. Bereits am 19. Mai 1948 erließ dieser die so genannte Law and Adminstrative Ordinance, die unter Artikel 9 a) und b) festschrieb: „If the provisional council of the State deems it expedient to do so, it may declare that a state of emergency exists [...] An emergency regulation may alter any law, suspend its effect or modify it”22. Aufgrund der Integration in die formale Gesetzgebung blieben diese Maßnahmen jedoch nicht auf die Dauer eines ausgerufenen Notstandes beschränkt. Ein Beispiel hierfür ist das Prevention of Infiltration Law aus dem Jahr 1956. Obwohl offiziell kein Bestandteil der Notstandsgesetzgebung, erweitert das Gesetz lediglich die Anwendbarkeit der der Emergency Regulation No. 112 von 194523. Diese wiederum ermächtigte das Verteidigungsministerium zur Deportation von Menschen ohne Gerichtsverfahren oder formelle Anklagen.

3.2. Alltag unter israelischer Militärverwaltung

Um einen geregelten Ablauf des öffentlichen Lebens zu garantieren, begann die israelische Militärverwaltung rasch mit dem Aufbau entsprechender Verwaltungsstrukturen. Die höchste entscheidende Instanz war in diesem Fall das israelische Parlament, wobei die Richtlinien zur Besatzungspolitik in die Zuständigkeit des Ministerial Commitee for Security and Territories unter Führung des Premierministers fielen. Nach der Aufteilung der eroberten Territorien in vier Besatzungszonen (Westjordanland, Gaza-Nordsinai, Golanhöhen und Südsinai), unterlag jedes der Gebiete fortan der direkten Kontrolle eines IDF-Kommandeurs, dessen Befugnisse als Militärgouverneur sowohl militärische als auch zivile Angelegenheiten berührten24. Auf der Ebene der Stadt- und Kommunalverwaltungen, versuchte Israel hingegen auf den noch existierenden Verwaltungsstrukturen aufzubauen, um eine zeitnahe Wiederaufnahme der Tätigkeit der palästinensischen Selbstverwaltung, bei gleichzeitiger Schonung eigener Kapazitäten sicherzustellen. Anders als im Westjordanland, wo die einheimischen Beamten ihre Gehälter anfangs noch aus Jordanien erhielten und sich einer Kooperation mit Israel oft verweigerten, konnte im Gazastreifen nahezu der gesamte Regierungsapparat von der IDF zur Mitarbeit herangezogen werden. Schon 1975 arbeiteten wieder 16 000 lokale Beamte im Westjordanland und dem Gazastreifen, der Anteil der in der zivilen Verwaltung eingesetzten Israelis lag bei 50025. Zudem bot die Reaktivierung, etwa der Bürgermeistereien, den palästinensischen Einwohnern die Möglichkeit sich bei alltäglichen Angelegenheiten an ihnen bekannte Vertrauensleute wenden zu können. Diese waren ein entsprechend wichtiges Bindeglied zwischen Bevölkerung und Militärverwaltung. Mit der Aufrechterhaltung der bestehenden Verwaltung, aber auch des ägyptischen Schulsystems, verheilt sich Jerusalem weitgehend konventionskonform. Dennoch kritisierte die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) die Zensur von palästinensischen Schulbüchern und warf Israel „jüdische“ Beeinflussung im Erziehungs- und Kulturbereich vor26. Ein weiteres Problemfeld zu Beginn der Besatzung war der Gesundheitssektor, da ein Großteil der Ärzte und des Pflegepersonals während des Krieges geflohen war. Zunächst unternahm die Militärverwaltung verschiedene Versuche einheimische Ärzte zu repatriieren, setzte aber auch eigene Ärzte ein und führte Massenimpfungen durch. 1976 wurde das al-Shifa-Hospital und das al-Nasser Kinderkrankenhaus im Gazastreifen vollständig erneuert und ausgebaut. Die zwischen 1976 und 1978 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entsandten Untersuchungskomitees zur Feststellung der medizinischen Lage in den besetzten Gebieten kamen zu einem „allgemein zufriedenstellenden“ Ergebnis27. Auf dem Arbeitsmarkt zeigten sich die Folgen der Besatzung in einem deutlichen Anstieg der in Israel beschäftigten palästinensischen Arbeitskräfte. Während 1969 rund 12 000 Palästinenser in Israel arbeiteten, stieg deren Anzahl bis 1974 auf 78 00028. Zwar waren deren Verdienstmöglichkeiten in Israel deutlich höher als etwa im Gazastreifen, allerdings gerieten die meisten Pendler so in vollständige Abhängigkeit von Israel, welches die Grenzübergänge jederzeit schließen konnte. Auch innerhalb der besetzten Gebiete griff die Militärverwaltung massiv in zahlreiche Aspekte des gesellschaftlichen Lebens ein. Die IDF kontrollierte Devisengeschäfte (M. O. No. 26, Juni 1967) und Bankguthaben (M. O. No. 33, Juni 1967), noch im selben Jahr führte sie die von der UNESCO kritisierte Zensur sämtlicher Publikationen in den besetzten Gebieten durch einen bevollmächtigten des Militärs ein (M. O. No. 50, erweitert 1980). Auch behielt sich die IDF Akkreditierung von palästinensischen Studenten und Lehrern vor (M. O. No. 854, Juni 1980). Auf dem Agrarsektor machte sie den Transport landwirtschaftlicher Güter durch palästinensische Bauern von der Zustimmung der Militärverwaltung abhängig (M. O. No. 47, 1967), ebenso das Pflanzen von Fruchtbäumen (M. O. No.1015, Juni 1982). Besonders schwerwiegend war zudem die kompensationslose Beschlagnahmung palästinensischen Landes (M. O. No. 321,1969) sowie die Aneignung von Land durch die IDF per Deklaration als „staatliches Land“ (M. O. No. 364, Juni 1969)29. Zwar gestattete die HLKO die vorläufige Konfiszierung von Land zu militärischen Zwecken30. Wie fließend die Übergänge zwischen militärischer und ziviler Nutzung in vielen Fällen waren, zeigt jedoch die Gründung der Siedlungen Kefar Darom und Katif während der Siebziger Jahre in exemplarischer Weise. Ursprünglich Außenposten der Nahal31, bildeten diese die Grundlage für den Siedlungsblock Gush Katif, das sich zum größten zusammenhängenden israelischen Siedlungsgebiet des Gazastreifens entwickelte. Sowohl in der Theorie, als auch in der Praxis führten die von der IDF angewandten Emergency Regulations und Military Orders zu gravierenden Verstößen gegen die HLKO. Dabei hat Israel die Befugnisse einer Besatzungsmacht nicht nur überschritten, sondern mit der Deportation, der Aneignung von Privateigentum und der Anwendung von Kollektivstrafen elementare Verbotsnormen zum Schutz der Bevölkerung bereits in der Frühphase der Besatzung gebrochen32. Bei Beschwerden über die Entscheidungen der Militärgerichte konnten sich die Bewohner des Gazastreifens und der Westbank lange Zeit nur an die ebenfalls von der IDF gestellten Überprüfungskommissionen wenden. Erst in den Achtziger Jahren gelang es palästinensischen Klägern, umstrittene Entscheidungen in den Besatzungszonen dem israelischen Obersten Gericht vorzulegen33.

3.3. Palästinensischer Widerstand im Gazastreifen

Die allgegenwärtige Präsenz der IDF nach einer als demütigend empfundenen Niederlage und die auf den Emergency Regulations beruhende Tätigkeit der Militärverwaltung führten rasch zu wachsendem Unmut in der palästinensischen Bevölkerung. Als Hauptgegner der israelischen Besatzung im Westjordanland und im Gazastreifen erwies sich die PLO. Hinter der Organisation verbergen sich eine Vielzahl von Untergruppen und politischen Bewegungen, die im Schwerpunkt eine säkular-nationalistische Programmatik verfolgten. Dazu gehörten neben der von Yassir Arafat angeführten Fatah34 als einflussreichster Fraktion, die DFLP (Democratic Front for the Liberation of Palestine), die PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine), das PFLP-GK (PFLP-Generalkommando) sowie die von Syrien gesteuerte as-Saiqa35. Als Gründerin des modernen palästinensischen Nationalismus gelang es der PLO während der siebziger Jahre nahezu die gesamte palästinensische Bevölkerung für ihren Kampf gegen Israel zu mobilisieren36. Neben politischen und sozialen Projekten spielten Anschläge und Entführungen in Israel eine tragende Rolle, wobei die Aufnahme des bewaffneten Kampfes der Fatah für das Jahr 1965 als gesichert gilt. Internationale Bekanntheit erreichte dieser nach der Geiselnahme israelischer Sportler bei den Olympischen Spielen von München im Jahr 1972 durch die der Bewegung nahe stehende Terrorgruppe Schwarzer September. Bei ihrem Anspruch, die einzige legitime Vertreterin des palästinensischen Volkes zu sein, konnte sich die PLO ab 1974 auf ihre Anerkennung durch die auf die arabische Gipfelkonferenz von Rabat sowie durch die UN-Vollversammlung stützen3738. Dennoch folgten bei weitem nicht alle Teile der palästinensischen Gesellschaft dem von ihr vorgegebenen Weg. So hatten sich die Muslimbrüdei28 bereits nach der Gründung der Fatah ausdrücklich von der neuen Bewegung distanziert und verweigerten bis zur Gründung der Hamas die Teilnahme am bewaffneten Kampf39. Stattdessen beschränkte sich der Widerstand der Islamisten in den israelischen Besatzungszonen lange Zeit ausschließlich auf soziale Projekte. Die Organisation konzentrierte sich vor allem auf den Bau von Moscheen, deren Zahl sich im Gazastreifen zwischen 1967 und dem Ausbruch der ersten Intifada40 1987 von 200 auf 600 verdreifachte.

[...]


1Arabisch: „Eifer“. Acronym abgeleitet Ai^vi VjILJi a£ ja „Islamische Widerstandsbewegung“

2„Kardinal vergleicht Gaza-Streifen mit KZ“, Artikel auf www.sueddeutsche.de, 2009.

3The World Factbook, Country Comparison: Population Growth Rate, Artikel auf www.cia.gov, 2009

4Tani Goldstein, More than 60% of Gaza residents live below poverty line, Artikel auf www.ynetnews.com, 2007.

5Omar Karmi, Gaza stripped, Israeli blockade leaves Gaza vulnerable, in: Jane's Intelligence Review, Volume 21, No.1, Januar 2009, S.24.

6Edi Gnesa, Die von Israel besetzten Gebiete im Völkerrecht, Zürich, 1981, S.161.

7Leila al-Haddad, Highest security open-air prison on earth, Artikel auf www.ynetnews.com, 2009.

8Ignaz Seidel-Hohenveldern (Hrsg.), Völkerrecht, 3.Auflage, Neuwied, 2001, S.41.

9Edi Gnesa, Die von Israel besetzten Gebiete, S.9.

10Ignaz Seidel-Hohenveldern (Hrsg.), Völkerrecht, S.41.

11Efraim Karsh, The Arab-Israeli Conflict, The Palestine War 1948, Oxford, 2002, S.20.

12Edi Gnesa, Die von Israel besetzten Gebiete, S.132.

13Edi Gnesa, Die von Israel besetzten Gebiete, S.79.

14Ebd., S.22.

15Ebd., S.83.

16Edi Gnesa, Die von Israel besetzten Gebiete, S.133.

17Ebd., S.139.

18Ebd., S.134.

19David A. Kirshbaum, Military Oppression and Exploitation of Palestinian Society in Gaza and the Westbank: How it Works, Artikel auf www.geocities.com/savepalestinenow/, February 2007. S.1.

20Dov Shefi, The Protection of Human Rights in Areas Administered by Israel, United Nations

21Findings and Reality, in: Israel Yearbook on Human Rights 1, Tel Aviv, 1978, S.268.

22 1945, Artikel auf www.geocities.com/savepalestinenow/, Februar 2007, S.1.

23Ebd.

24Ebd.

25Edi Gnesa, Die von Israel besetzten Gebiete, S.156.

26Ebd., S.160.

27Ebd.

28Ebd.

29David A. Kirshbaum, Military Oppression, S.1.

30Edi Gnesa, Die von Israel besetzten Gebiete, S. 9.

31 Die in die IDF eingegliederten paramilitärischen Verbände verknüpften den Militärdienst mit der Arbeit in landwirtschaftlich autarken Siedlungen in oft abgeschiedenen Gebieten.

32Ignaz Seidel-Hohenveldern (Hrsg), Völkerrecht, S.43.

33David A. Kirshbaum, Military Oppression, S.1.

34Arabisch ^ „Eroberung“. Abgeleitet von ^j^ „Bewegung zur nationalen Befreiung

Palästinas".

35Arabisch 4ia^i „Der Sturm“

36Helga Baumgarten, Hamas, Der politische Islam in Palästina, München, 2006, S.39.

37Edi Gnesa, Die von Israel besetzten Gebiete, S.82.

38Arabisch: ji» .Die 1928 in Ägypten gegründete islamistische Organisation gehört zu den einflussreichsten Bewegungen des politischen Islam überhaupt und stellt die wichtigsten Oppositionsparteien in zahlreichen arabischen Staaten, so auch in Ägypten und Jordanien.

39Helga Baumgarten, Hamas, S.30.

40Arabisch: ^taüi “Erhebung, Aufstand”.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Zwischen Besatzung und Belagerung: Israelische Kontrollmechanismen im Gazastreifen
Hochschule
Universität Hamburg  (Department für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Fremde Truppen in fremdem Land - Militärische Besatzung im historischen Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
33
Katalognummer
V153205
ISBN (eBook)
9783640652600
ISBN (Buch)
9783640652914
Dateigröße
688 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Israel, Palästina, Gaza, Besatzung, Islamismus, Terrorismus
Arbeit zitieren
Daniel Matthias Timm (Autor), 2006, Zwischen Besatzung und Belagerung: Israelische Kontrollmechanismen im Gazastreifen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153205

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