Die ökonomischen Wirkungen des Kündigungsschutzes


Bachelorarbeit, 2009
38 Seiten, Note: 2,0
Christian Juric (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die liberale Sichtweise auf den Kündigungsschutz
2.1 Wirtschaftstheoretische Betrachtung
2.1.1 Spieltheoretische Modellierung
2.1.2 Weitere Argumente
2.1.2.1Asymmetrische Information
2.1.2.2 Marktmacht
2.1.2.3 Umgehungsgeschäfte
2.1.3 Zweifel am Sinn eines staatlichen Kündigungsschutzes
2.2 Querschnittsbetrachtung
2.2.1 Länder nach der Höhe des Kündigungsschutzes
2.2.2 Beschäftigungsdauer
2.2.3 Dauer der Arbeitslosigkeit
2.2.4 Beschäftigungsumfang
2.2.5 Sozioökonomische Folgen
2.2.5.1 Geschlechterspezifische Folgen
2.2.5.2 Jugendarbeitslosigkeit
2.2.6 Gerichtskosten
2.2.7 Umverteilungswirkungen

3 Relativierung der Erkenntnisse aus Gliederungspunkt 2
3.1 Gründe für den Kündigungsschutz in der Theorie
3.1.1 Versagen des Arbeitsmarktes
3.1.1.1 Die individuellen Folgen einer Kündigung
3.1.1.2 Internalisierungsmöglichkeiten
3.1.1.3 Adverse Selektion
3.1.2 Von der politischen Willensbildung zur Gesetzgebung
3.1.2.1 Die Bereitschaft zum Arbeitsplatzwechsel
3.1.2.2 Das Zustandekommen der Kündigungsschutzgesetzgebung
3.2 Längsschnittbetrachtung
3.2.1 Langfristige Entwicklung der Arbeitslosigkeit
3.2.2 Kündigungsschutz und Personalauswahl
3.2.3 Beschäftigungseffekte in Deutschland

4 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
4.1 Erkenntnisse aus den Kapiteln 2 und 3
4.2 Alternativen

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 1a: Spieltheoretisches Modell ohne Kündigungsschutz

Abb. 1b: Spieltheoretisches Modell mit Kündigungsschutz

Abb. 2: Kündigungsschutz mit Probezeit

Abb. 3: Beschäftigungsdauer in Abhängigkeit vom Kündigungsschutz

Abb. 4: Langzeitarbeitslosigkeit im Ländervergleich

Abb. 5: Beschäftigungsquoten im Vergleich

Abb. 6: EU-Arbeitslosenquoten

Abb. 7: Beschäftigungsquoten erwachsener Männer

Abb. 8: Jugendarbeitslosigkeit

Abb. 9: Wertefunktion nach Kahnemann und Tversky

Abb. 10: Paneldaten zur Arbeitslosigkeit

Abb. 11: Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten

Abb. 12: Einstellungsraten im Vergleich

Abb. 13: Abgangsraten im Vergleich

Tabelle 1: Länder nach der Höhe des Kündigungsschutzes

Tabelle 2: langfristige Entwicklung des Kündigungsschutzes

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Der gesetzliche Kündigungsschutz gehört, ähnlich wie etwa die Diskussion um den Mindestlohn, zu den wirtschaftswissenschaftlichen Themen, die eine starke Polarisierung der öffentlichen Meinung hervorrufen. Befürworter sind der Meinung, dass erschwerte Entlassungen der Bekämpfung wachsender Arbeits­losigkeit dienen, während Gegner der Ansicht sind, dass gerade die Erschwernis einer Entlassung Zurückhaltung bei der Einstellung verursacht und somit ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit provoziert.

Arbeitnehmervertretungen gehören typischerweise zu den deutlichsten Befürwortern eines strengen Kündigungsschutzes. Der DGB argumentiert in diesem Zusammenhang, dass der Kündigungsschutz vor willkürlichen Entlassungen schützt und Lockerungen keine zusätzlichen Arbeitsplätze schaffen würden; die Schaffung von Arbeitsplätzen sei stattdessen ausschließlich von der Auftragslage abhängig. Ferner sieht der DGB einen besonderen Nutzen einer geringen Entlassungswahrscheinlichkeit in der Befriedigung von Sicherheits­bedürfnissen, deren Abwesenheit Konsumzurückhaltung oder die Zurückstellung von Kinderwünschen verursacht.

Da der DGB einen so großen Nutzen im Kündigungsschutz sieht, fordert er eine Verschärfung: Kleinbetriebe sollen in Zukunft nicht mehr vom Kündigungsschutz ausgenommen werden, darüber hinaus sollen Abfindungen zusätzlich zum Recht auf Weiterbeschäftigung bei jeder Kündigung gesetzlich garantiert werden. Ebenfalls sollen Entlassungen unterbunden werden, wenn Unternehmen Gewinne erzielen und kein Zusammenhang zu einer schlechten Auftragslage erkennbar ist.1Die Argumentation und der Forderungskatalog der Arbeitgeberverbände, die typischerweise an einem minimalen Kündigungsschutz interessiert sind, gehen in eine genau gegenteilige Richtung. Eine Befragung von 859 Unternehmen durch das Institut der Deutschen Wirtschaft ergab, dass 57% schon einmal wegen des gesetzlichen Kündigungsschutzes auf eine Einstellung verzichtet haben und 70% zusätzliche Arbeitsplätze schaffen würden, wenn dieser Bereich reformiert würde. Kein anderer wirtschaftspolitischer Eingriff wurde bei dieser Befragung von Unternehmensseite als so beschäftigungsfeindlich eingestuft wie der Kündigungsschutz.2Die Arbeitgeber fordern zwar keine gänzliche Abkehr vom Kündigungsschutz, da sie einräumen, dass es einen Schutz vor willkürlichen Kündigungen geben muss. Sie fordern jedoch eine Ausweitung von Ausnahme­regelungen sowie die Möglichkeit, den Verzicht auf eine Kündigungsschutzklage seitens des Arbeitnehmers gegen Zahlung einer Abfindung durch den Arbeitgeber vertraglich festlegen zu können. Arbeitgeber beanstanden eine hohe Rechtsunsicherheit bei der gegenwärtigen Kündigungsschutzgesetzgebung und sind der Ansicht, dass die sog. Sozialauswahl3 mehr schadet als nützt.4

Die vorliegende Arbeit geht in den Kapiteln 2 und 3 theoretisch und empirisch der Frage nach, wie sich die Strenge des Kündigungsschutzes auf die Höhe der Arbeitslosigkeit und die Struktur der Beschäftigung auswirkt. Ferner wird der Kündigungsschutz auf seine Anreizwirkungen hin untersucht und es wird nach ökonomischen und politökonomischen Rechtfertigungen für den Kündigungsschutz an sich und für sein Zustandekommen gesucht. Nach einer Zusammenfassung der Erkenntnisse aus Kapitel 2 und 3 werden Schlussfolgerungen gezogen und Alternativen zur aktuellen Lage präsentiert.

2 Die liberale Sichtweise auf den Kündigungsschutz

2.1 Wirtschaftstheoretische Betrachtung

2.1.1 Spieltheoretische Modellierung

Zur Eröffnung des theoretischen Teils von Kapitel 2 soll ein einfaches spieltheoretisches Modell dienen, das für Aussagen über die Anreizwirkungen von gesetzlichem Kündigungsschutz herangezogen werden kann. Angenommen, ein Arbeitgeber (Prinzipal), der mit seinem Unternehmen einen Gewinn in Höhe von n erzielt, denkt darüber nach, einen zusätzlichen Arbeitnehmer (Agenten) für unbestimmte Zeit einzustellen. Er möchte dies nur tun, wenn die Produktivität bzw. das Engagement des Arbeitnehmers e die Lohnkosten w, die dieser verursacht, übersteigt. Das Unternehmen befindet sich auf dem Arbeitsmarkt in vollkommenem Wettbewerb und kann den Lohnsatz nicht beeinflussen. Die Nutzenfunktion des Arbeitgebers (uP) lautet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Arbeitnehmer selbst zieht bei seiner Arbeit Nutzen aus dem Lohn, den er erhält; sein Engagement bei der Arbeit mindert seinen Nutzen. Seine Nutzenfunktion (uA) lautet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu untersuchen ist nun, welche Auszahlungen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei Existenz und in Abwesenheit von Kündigungsschutz beim Abschluss eines Arbeitsvertrages erhalten. Es sei zum einen angenommen, dass der Arbeitgeber sich bei Existenz von Kündigungsschutz nur unter derart hohen Kosten wieder vom Arbeitnehmer trennen kann, dass er es vorziehen würde, auch einen relativ unproduktiven Arbeitnehmer weiterzubeschäftigen. Zum anderen sei angenommen, dass der Arbeitgeber den Arbeitnehmer in Abwesenheit von Kündigungsschutz entlässt, falls dieser zu wenig Engagement zeigt (e < w). Im Fall einer Entlassung erhält der Arbeitnehmer, z.B. wegen negativer Reputationswirkungen (schlechtes Arbeitszeugnis), keinen Lohn und somit einen Nutzen, der definiert sei als uA = 0. Zur Vereinfachung erfolgt die Darstellung verkürzt, auf die Nennung der Auszahlungen bei einer anderen Antwort des Arbeitgebers wird verzichtet:

Abb. 1a: Spieltheoretisches Modell ohne Kündigungsschutz; Quelle: Eigene Darstellung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1b: Spieltheoretisches Modell mit Kündigungsschutz; Quelle: Eigene Darstellung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Besteht kein Kündigungsschutz, verfolgen Prinzipal und Agent ein gemeinsames Ziel, namentlich e > w. In dieser Situation mehrt der Prinzipal durch die Einstellung des zusätzlichen Arbeitnehmers seinen Gewinn und der Arbeitnehmer behält seinen Arbeitsplatz, wodurch er seinen Lohn erhält, was ihm mehr Nutzen stiftet, sich weniger zu engagieren und entlassen zu werden.

Besteht Kündigungsschutz, hat der Arbeitnehmer nach Abschluss des Arbeitsvertrages einen Anreiz, sich weniger anzustrengen (er wählt e < w). Da der Arbeitgeber dies antizipiert und weiß, dass die Beschäftigung eines zusätzlichen Arbeitnehmers seinen Gewinn mindern würde (uP < n), verzichtet er auf die Einstellung.

2.1.2 Weitere Argumente

Das einfache Modell im Gliederungspunkt 2.1.1 hat einige wichtige theoretische Argumente gegen den Kündigungsschutz geliefert, die bei allen Überlegungen auch zu Gunsten des Kündigungsschutzes im weiteren Verlauf Gültigkeit behalten: Der Schutz vor einer Entlassung beinhaltet negative Anreizwirkungen für den Arbeitnehmer, die die Produktivität mindern. Der Faktor Arbeit wird relativ gesehen durch die Existenz von Kündigungsschutz verteuert und unproduktive Beschäftigungsverhältnisse werden unter Umständen aufrechterhalten, obwohl sie gekündigt werden sollten, weil sie entweder nicht gekündigt werden können oder die Kündigung zu hohe Kosten verursacht. Dies ist mit einer effizienten Allokation des Faktors Arbeit unvereinbar. Jahn (2004) liefert zahlreiche Argumente, warum gesetzlicher Kündigungsschutz ökonomisch und juristisch kaum zu rechtfertigen ist, diese gehen in die Gliederungspunkte 2.1.2.1 bis 2.1.2.3 ein.

2.1.2.1 Asymmetrische Information

Arbeitgeber sind unvollkommen über die Produktivität, die Fähigkeiten und Motivation eines potentiellen Arbeitnehmers informiert, während der Arbeitnehmer über diese Merkmale vollkommen informiert ist. Auch wenn er einem Arbeitgeber sein Potential durch Zeugnisse und eine Probezeit (Signaling) glaubhaft machen kann, kann er nur schwer glaubhaft machen, dass seine Produktivität nach Gewährung von Kündigungsschutz nicht durch geringeren Arbeitseinsatz reduziert wird. Die Vermutung liegt nahe, dass es in Abwesenheit von Informationsasymmetrien zu einem Gleichgewicht käme, in denen sich Arbeitsverträge mit unterschiedlichen Löhnen und unterschiedlichen Formen von Kündigungsschutz entwickeln.5 Hierzu wird eine kurze Modifizierung des Modells aus Gliederungspunkt 2.1.1 herangezogen, in das eine Probezeit eingebaut wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Kündigungsschutz mit Probezeit; Quelle: eigene Darstellung.

In dem einfachen Modell mit rational handelnden Akteuren und selbst bei einer Situation vollkommener Information sind Probezeit und Zeugnisse nicht viel mehr Wert als ein Signal, dass der Arbeitnehmer prinzipiell fähig wäre, den Anforderungen des Arbeitgebers zu entsprechen. So lange sich der Arbeitnehmer noch in der Probezeit befindet, wird er die gewünschte Leistung zeigen, da andernfalls uA = 0 droht (Entlassung). Das Versprechen, die Leistung über die Probezeit hinaus aufrechtzuerhalten, ist allerdings unglaubwürdig.

2.1.2.2 Marktmacht

Juristisch wird Kündigungsschutz als ein Mittel zur Beseitigung von Imparität bzw. des Kräfteungleichgewichtes zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber angesehen, was ökonomisch als ein Versagen des Arbeitsmarktes durch Marktmacht auf Arbeitgeberseite interpretiert werden kann. Eine Stärkung der Verhandlungsmacht des Arbeitnehmers durch Kündigungsschutzgesetzgebung könnte dieser Argumentation zur Folge zu einem Effizienzgewinn beitragen. Dieser Argumentation zu wider läuft zum einen die Tatsache, dass Kündigungsschutz nur für Arbeitnehmer mit längerer Betriebszugehörigkeit gilt und zum anderen „(...) gelten Abfindungszahlungen und prozedurale Vorschriften (...) primär für Arbeitnehmer in größeren Firmen (...). Diese Arbeitnehmer sind im Grunde nicht die Zielgruppe eines staatlich verordneten Kündigungsschutzes, da die in Tarifverträgen ausgehandelten Kündigungs­schutzkonditionen meist weit über die gesetzlich garantierten hinausgehen.“6

2.1.2.3 Umgehungsgeschäfte

Kündigungsschutzbestimmungen können nicht auf jede mögliche Form der Beschäftigung in einem Unternehmen angewendet werden; typischerweise sind in der Realität derartige Vorschriften nur für reguläre, sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse relevant. Unternehmer erhalten durch den Kündigungsschutz einen Anreiz, reguläre Dienstverträge aus Gründen der Kostenminimierung durch Beschäftigungsformen ohne Kündigungsschutz zu substituieren, die aus verschiedenen Gründen Nachteile gegenüber regulären Beschäftigungsverhältnissen bieten. Die Möglichkeiten der Umgehung reichen von der befristeten Beschäftigung über geringfügige Beschäftigung, Leiharbeit und die Beschäftigung freier Mitarbeiter bis hin zur Schwarzarbeit. Je nach Form weisen diese Beschäftigungsverhältnisse eine geringere Stabilität auf, verursachen teilweise steuerliche Ausfälle oder gehen mit Wohlfahrtsverlusten einher. Leiharbeit beispielsweise stellt Zwischenhandel dar und wirkt ökonomisch ganz ähnlich wie eine Steuer, da selbst in Abwesenheit von Steuern der Preis, den der Arbeitgeber zahlt, höher ist als der Preis, den der Arbeitnehmer für die Arbeit erhält.

2.1.3 Zweifel am Sinn eines staatlichen Kündigungsschutzes

Lindbeck und Snower (1988) legen mit ihrer einflussreichen Insider-Outsider- Theory eine Veröffentlichung vor, die den Sinn von staatlichem Kündigungsschutz in der Theorie gänzlich überflüssig erscheinen lässt, da in Arbeit befindliche Personen (Insider) selbst auf einem unregulierten Arbeitsmarkt mit perfekt flexiblen Löhnen aus ökonomischen Gründen Schutz vor einer Entlassung und andere Vorteile gegenüber Arbeitssuchenden (Outsidern) genießen.

Dies resultiert daraus, dass einem Unternehmen durch Personalfluktuation Kosten entstehen: Die Einstellung verursacht Such- und Auswahlkosten, zusätzlich müssen neu eingestellte Mitarbeiter eingearbeitet werden. Die Entlassung eines Mitarbeiters geht i.d.R. mit weiteren Kosten wie Abfindungszahlungen einher. Die Fluktuationskosten, die dem Arbeitgeber entstehen, stellen Vorteile für die Insider dar, insbesondere sind sie weitgehend vor Entlassungen und Ersatz durch Outsider geschützt und können zusätzlich Löhne durchsetzen, die oberhalb derer liegen, die die Outsider anbieten. Über den Kanal der steigenden Löhne steigt die Arbeitslosigkeit. Die Insider sind nur dann von Entlassungen bedroht, wenn im Fall eines Nachfragerückgangs (wirtschaftlicher Abschwung) Entlassungen unumgänglich werden. Staatlicher Kündigungsschutz führt dieser Theorie zur Folge durch eine weitere Verteuerung von Entlassungen zu noch größeren Vorteilen für die Insider, wodurch diese noch höhere Löhne durchsetzen können, und in der Konsequenz kommt es zu einer weiteren relativen Verteuerung des Faktors Arbeit.

Die Notwendigkeit eines staatlichen Kündigungsschutzes kann des Weiteren angegriffen werden, da er auch privatvertraglich vereinbart werden kann. Kündigungsschutzvereinbarungen erhalten häufig Einzug in Tarifverträge7und selbst in den USA, wo fast kein staatlicher Kündigungsschutz besteht, hat sich ein System von Abfindungszahlungen wie in Europa sowie gewerkschaftlich ausgehandelten Kündigungsschutzvereinbarungen entwickelt .

2.2 Querschnittbetrachtung

Um zu überprüfen, ob sich die theoretischen Erkenntnisse aus Gliederungspunkt 2.1 in der Realität bestätigen lassen, erweist sich eine Veröffentlichung von Heckman (2003) als sehr nützlich. Der Verfasser hat hier zahlreiche, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuelle empirische Vergleiche der OECD-Staaten zusammengetragen, von denen die wichtigsten im Folgenden wiedergegeben werden.

2.2.1 Länder nach der Höhe des Kündigungsschutzes

Vor Beginn der Betrachtungen erweist sich eine Eingruppierung der OECD- Staaten in Länder mit geringem, mittlerem und hohem Kündigungsschutz als sinnvoll:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Länder nach der Höhe des Kündigungsschutzes; Quelle: Heckman (2003), S. 377, eigene Darstellung.

Bei den folgenden Grafiken werden zur verbesserten Darstellung die Länder mit geringem Kündigungsschutz grün, die mit mittlerem Kündigungsschutz blau und die mit hohem Kündigungsschutz rot markiert. Der Kündigungsschutzindex auf den Abszissen reicht von null (kein Kündigungsschutz) bis vier (maximaler Kündigungsschutz).

2.2.2 Beschäftigungsdauer

Befürworter des Kündigungsschutzes argumentieren, dass eine Erschwernis von Entlassungen den Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindert. Eine nahe liegende Folge von erschwerten Entlassungen besteht in einem Anstieg der durchschnittlichen Beschäftigungsdauer, welche sich auch in der Realität finden lässt. Abbildung 3 zeigt die durchschnittliche Beschäftigungsdauer in Jahren in Abhängigkeit von der Strenge des Kündigungsschutzes. Clusterbildungen sind sehr deutlich zu erkennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Beschäftigungsdauer in Abhängigkeit vom Kündigungsschutz;

Quelle: Heckman (2003), S. 377

2.2.3 Dauer der Arbeitslosigkeit

Gegner des Kündigungsschutzes behaupten dagegen, dass strenger Kündigungsschutz Zurückhaltung bei der Einstellung verursacht. Dies dürfte in der Realität dazu führen, dass wenn jemand - aus welchen Gründen auch immer - entlassen wird, er erhöhte Schwierigkeiten dabei haben dürfte, eine neue Anstellung zu finden, was sich in einer Erhöhung der Dauer der Arbeitslosigkeit niederschlagen müsste. Abb. 4 zeigt den Anteil der Langzeitarbeitslosen (Dauer der Arbeitslosigkeit mindestens ein Jahr) an den Arbeitslosen. Ein Zusammenhang zwischen der Höhe des Kündigungsschutzes und dem Anteil der Langzeitarbeitslosen ist recht deutlich erkennbar.8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Langzeitarbeitslosigkeit im Ländervergleich; Quelle: Heckman (2003), S. 364

2.2.4 Beschäftigungsumfang

Die beiden vorangegangenen Gliederungspunkte haben gezeigt, dass durch strengen Kündigungsschutz sowohl die Dauer der Beschäftigung als auch die Dauer der Arbeitslosigkeit steigt. Um herauszufinden, welcher dieser Effekte überwiegt und sich somit positiv oder negativ auf den Umfang der Beschäftigung auswirkt, wird Abb. 5 herangezogen. Sie vermittelt einen negativen Zusammenhang zwischen der Höhe des Kündigungsschutzes und der Höhe der Beschäftigungsquote von Personen zwischen 15 und 64 Jahren im Länder­vergleich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Beschäftigungsquoten im Vergleich; Quelle: Heckman (2003), S. 376

[...]


1Quelle: Beschlüsse des 18. DGB Bundeskongresses 2006

2BDA (2005)

3Als Sozialauswahl werden die Bestimmungen des §1 Absatz 3 des Kündigungsschutzgesetzes bezeichnet, die bestimmte Personengruppen, beispielsweise Schwerbehinderte und ältere Arbeitnehmer, unter einen besonderen Kündigungsschutz stellen. Die Folgen der Sozialauswahl werden insbesondere unter Gliederungspunkt 2.2.5.I. behandelt.

4BDI (2008)

5vgl. Jahn (2004), S. 9

6Jahn (2004), S. 8

7Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut hat Anfang 2008 eine zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht veröffentlichte, repräsentative Studie unter 2000 Betrieben mit Betriebsräten zum Thema durchgeführt. In mehr als ein viertel der untersuchten Betriebe bestehen Beschäftigungsgarantien. Vgl. z.B. faz online vom 30.12.2008, „Beschäftigungsgarantien weit verbreitet“

8 Heckman (2003), S. 374

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Die ökonomischen Wirkungen des Kündigungsschutzes
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
38
Katalognummer
V153222
ISBN (eBook)
9783640655519
ISBN (Buch)
9783640656196
Dateigröße
5525 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Kündigungsschutz wird in erster Linie wirtschaftspolitisch betrachtet, die Arbeit hat aber auch Schnittstellen insbesondere mit den Gebieten Personalwirtschaft und Psychologie, teilweise auch mit juristischen Problemen.
Schlagworte
Kündigungsschutz, Spieltheorie, Arbeitsmarkt, Wirtschaftspolitik, Personalwirtschaft, Psychologie, Skill Biased Technical Change, Jugendarbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, Endowment Effect, Prospect Theory, Insider Outsider Theorie
Arbeit zitieren
Christian Juric (Autor), 2009, Die ökonomischen Wirkungen des Kündigungsschutzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153222

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