Die Robinsonaden im 18. und 19. Jahrhundert

Verbesserung der Welt durch den Einzelnen?


Seminararbeit, 2010
41 Seiten, Note: 14/20

Leseprobe

INHALTVERZEICHNIS

Einleitung

Erster Teil: Vorstellung des Korpus
I. Die ausgewählten Werke
A. Das Modell: Robinson Crusoe von Daniel Defoe
B. Die deutschen Robinsonaden im 18. Jahrhundert: Insel Felsenburg von J.G
Schnabel und Robinson der Jüngere von J.H. Campe
C. Die berühmtesten Robinsonaden im 19. Jahrhundert: das Werk Jules Vernes
in Frankreich
II. Hauptmotive der Robinsonade
A. Narrationsprozess der Robinsonade
B. Die Hauptthemen der Robinsonade

Zweiter Teil: Die Robinsonade als Anwendung für zeitgenössischen Gedanken
I. Die Robinsonaden als Erziehungstexte
A. Didaktik und Pädagogik der Robinsonade
B. Robinson als Lehrer und Lerner
C. Die moralische Besserung
II. Von der Verbesserung des einzelnen Menschen zur Verbesserung der Menschheit
A. Ein neues Gewicht des Individuums in der Gesellschaft?
B. Die Robinsonade als Darstellung der Menschheitsgeschichte
C. Die Insel als Anwendungsraum europäischer Technik

Dritter Teil: Paradoxe und Grenzen der Robinsonaden
I. Die Grenzen der Robinsonaden
A. Ein früh kritisiertes Wertsystem
B. Die inneren Widersprüche der Robinsonaden
II. Die Robinsonade als Utopie?
A. Kurze Geschichte und Merkmale der utopischen Gattung
B. Zwischen Utopie und Robinsonade: der besondere Fall der Insel Felsenburg
C. Die Grenzen der Utopie

Schlusswort

Literaturhinweise

Abbildungen

Literaturhinweise 36 Abbildungen

Einleitung

Noch heute gilt Robinson Crusoe als eine mythische Figur der Weltliteratur: seine Geschichte wurde seit fast drei Jahrhunderten immer wieder neugeschrieben, für die Bühne oder für das Kino bearbeitet, auch findet man noch heute den Namen Robinson in der Umgangssprache. Diese Figur von Robinson Crusoe wurde im 18. Jahrhundert erfunden, und mit der Erzählung ihrer Abenteuer entstand die Robinsonade als literarische Gattung.

Es ist kein Zufall, dass die Robinson-Figur kurz vor der Aufklärung entstand. Nach den Entdeckungen des 16. und 17. Jahrhunderts, wurde die Welt größer: ein neuer Kontinent wurde durch die Reisen des Christoph Kolumbus entdeckt, Kopernikus und später Galilei erkannten, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums war, dass sie und die anderen Planeten um die Sonne kreisten. Der Europäer wurde mit einer komplexeren Welt konfrontiert, deren Funktionieren manchmal seinem religiösen Glauben widersprach, er erfuhr von der Existenz anderer Völker, deren Wertsystem sich von dem seinen stark unterschied. So wurde das Individuum zum Zentrum der philosophischen und politischen Reflexionen der Moderne und ihres Erbes zur Zeit der Aufklärung: Individualismus entstand, das heißt, dass individuelles Glück eng mit dem allgemeinen Wohlfahrt verbunden wurde, und die Möglichkeit, als Individuum Erfüllung zu finden, sollte zu einer gesellschaftlichen Harmonie führen.

Schon im 17. Jahrhundert betrachtete Descartes den Menschen als ein Ganzes, als ein moralisches Wesen, vernunfts- und urteilsfähig. Zur Zeit der Aufklärung kristallisierte sich dieser Glaube der Philosophen an eine moralische Verbesserungsfähigkeit des Individuums, die einer Verbesserungsfähigkeit der ganzen Welt entsprach: das Handeln des autonomen Individuums wirkte direkt auf die Entwicklung seiner Umwelt. Es herrschte echter Optimismus, der noch im 19. Jahrhundert wirkte: durch den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt musste Wissenschaft der positivistischen Theorie zufolge zu einer kompletten Aufklärung der Menschheit beitragen. Die Anwendung der Technik in der Industrialisierung Europas ermöglichte die Entstehung einer liberalen Gesellschaft, in der die individuelle Initiative eine große Rolle spielte.

Diese das 18. und 19. Jahrhundert prägende Autonomie des Menschen, der an der Verbesserung seiner Lebensverhältnisse arbeitet, und dessen Handeln seine Umwelt verändert, findet man in der Robinsonade. Können also die Robinsonaden als Beweis der Verbesserung der Menschheit durch die des Individuums gelten? Kann man sie als Modell eines allgemeinen Verbesserungsprozesses betrachten?

Um diese Frage zu beantworten werde ich in einem ersten Teil den ausgewählten Korpus von Robinsonaden vorstellen: es handelt sich um europäische Texte des 18. und 19. Jahrhunderts aus England, dem deutschsprachigen Raum und Frankreich. Im folgenden Teil wird untersucht, wie die Überlegung an Individuum und Menschheit in der Robinsonade zum Ausdruck kommt. Schließlich werde ich die Paradoxe und Grenzen der Robinsonaden untersuchen.

Erster Teil: Vorstellung des Korpus

I. Die ausgewählten Werke

Hier werden die verschiedenen Werke des 18. und 19. Jahrhunderts in der Reihenfolge ihrer Erscheinung vorgestellt. Wie in der Einleitung schon erwähnt, handelt es sich um ein europäisches Phänomen, das eine dauerhafte Nachwirkung in der Literatur hatte.

A. Das Modell: Robinson Crusoe von Daniel Defoe

Mit dem Werk Defoes anzufangen, scheint für eine Untersuchung über die Robinsonaden notwendig. Einerseits wird der Autor als einer der Väter des englischen Romans betrachtet, andererseits ist Robinson Crusoe (The Life and strange surprising Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner) noch heute sein berühmtestes Werk. Um diesen Roman zu schreiben, ließ sich Defoe von den Berichten über den Matrosen Alexander Selkirk inspirieren, der nach einem Konflikt mit seinem Kapitän auf einer Insel vor der chilenischen Küste ausgesetzt wurde, und der dort vier Jahre und vier Monate (1704-1709) allein lebte[1].

Defoe stellte Robinson Crusoe vor, als ob es sich um die von Robinson selbst geschriebenen Erinnerungen handelte. Nachdem er als junger Menschen das Haus seiner Eltern ohne Erlaubnis verlassen hat, um durch die Welt zu reisen, erlebt Robinson mehrere Abenteuer in Afrika oder Portugal, und er lässt sich in Brasilien nieder. Dort ist er Besitzer einer Zuckerplantage, und sein Geschäft läuft ziemlich gut. Aber bei einer Geschäftsreise nach Afrika, erleidet Robinson Schiffbruch. Als einziger Überlebender findet er Asyl auf einer karibischen Insel, wo er achtundzwanzig Jahre verbringt. Durch die Benutzung der Dinge, die er von dem Wrack gerettet hat, durch seine eigenen Kräfte und seine Vernunft, macht er aus der Insel ein fruchtbares Land und lebt nach mehreren Jahren im Überfluss. Obwohl seine Bedürfnisse zufrieden gestellt sind, und obwohl er Gott ständig dafür dankt, fehlt ihm eine menschliche Gesellschaft. Diese Gesellschaft findet er nach sechsundzwanzig Jahren in der Person von Freitag, dem guten karibischen Wilden, den er seine Sprache und die christliche Religion lehrt. Schließlich kehren sie zur „Zivilisation“ zurück, nachdem sie einen spanischen Schiffbrüchigen und Freitags Vater von den Kannibalen gerettet und einem englischen Schiffskapitän, dem Opfer einer Meuterei, geholfen haben. Robinson reist mit Freitag nach Europa zurück, reicher und moralisch besser.

1719 erschienen, war das Buch ein so großer Erfolg, dass es schon in diesem ersten Erscheinungsjahr mehrere Ausgaben gab. So entstand die Robinsonade.

B. Die deutschen Robinsonaden im 18. Jahrhundert: Insel Felsenburg von J.G. Schnabel und Robinson der Jüngere von J.H. Campe

Robinson Crusoe war auch in Deutschland ein Erfolg: sehr früh schon übersetzt wurde die Geschichte Robinsons ab den 1720er Jahren mehrmals bearbeitet. Die zwei ausgewählten deutschen Texte sind Insel Felsenburg (Wunderliche Fata einiger SeeFahrer) von J.G. Schnabel (1692-wahrscheinlich zwischen 1751 und 1758 gestorben), dessen verschiedene Teile zwischen 1731 und 1743 erschienen, und Robinson der Jüngere von J.H. Campe (1746-1818), dessen zwei Teile 1779 und 1780 erschienen. Diese beiden Texte wurden aufgrund ihrer Popularität und auch ihrer inhaltlichen Unterschiede ausgewählt und untersucht.

Das Werk Schnabels ist merkwürdig, und wird im dritten Teil dieser Untersuchung gründlicher behandelt. Die Insel Felsenburg war ein sehr populärer Roman, wurde aber ab dem 19. Jahrhundert fast vergessen, bevor eine von Ludwig Tieck initiierte neue Ausgabe 1828 erschien. In seinem Werk bot Schnabel den Lesern eine originelle Bearbeitung der Robinsonade. Wie viele Romane dieser Epoche beginnt das Buch mit der Vorrede eines fiktiven Herausgebers, eines gewissen Gisanders, der eine bearbeitete und in Ordnung gebrachte Veröffentlichung der Notizen von Eberhardt Julius vorstellt[2]. Nachdem seine Familie ruiniert worden war, bekommt der Ich-Erzähler Eberhardt eine schriftliche Einladung von einem Urgroßonkel, Albertus Julius, den er nicht kennt, auf eine Insel, wo dieser lebt und herrscht. So verlässt der junge Eberhardt Europa und fährt nach der so genannten Insel Felsenburg. Er beschreibt eine idyllische und fromme Gesellschaft, die Albertus Julius nach einem Schiffbruch auf dieser Insel mit seiner Ehegattin Concordia und den neu Ankommenden gegründet hat. Durch die Erinnerungen verschiedener Einwohner der Insel erfährt der junge Eberhardt Julius von der Vorgeschichte eines neuen und geheimen Staats, der weit von der Korruption und Heuchelei der europäischen Gesellschaft entstanden ist.

Robinson der Jüngere von Campe ist hingegen ganz anders: schon in der Vorrede drückt der Autor seine Absicht klar aus, mit seinem von Rousseauismus und Aufklärungsgeist stark geprägten Buch ein nützliches Unterhaltungsbuch und angenehmes Erziehungsmittel für Kinder zu machen[3]. Der Leser kann nämlich feststellen, dass Geschichte und Handlung des Robinsons von Defoe fast exakt übernommen wird. Die Varianten, die hier von Campe eingeführt werden, sind sicherlich für Kinder und ihre Erziehung bestimmt: hier ist die Hauptfigur jünger, Robinson ist ein Hamburger und doch kein Engländer[4], nach dem Schiffbruch hat er aus dem Wrack nichts retten können, und er hat „ zur seiner Erhaltung nichts, als seinen Kopf und seine Hände”[5], er bleibt nur zwölf Jahre auf der Insel und ist noch jung, als er in Begleitung seines Freundes Freitag nach Europa zurückkehrt. Dieses von Campe selbst so genannte „Lesebuch für Kinder”[6] besteht nicht nur in einer Erzählung der Abenteuer Robinsons: Es stellt sich in der Form von einem Dialog zwischen einem

Familienvater, der die Geschichte erzählt, und den Kindern, die ihm zuhören, und deren Reaktionen und Fragen moralische oder praktische Diskussionen hervorrufen. Durch die Geschichte der moralischen Verbesserung Robinsons, der allein auf seiner Insel den Wert der Arbeit und der Vernunft und die Furcht vor Gott lernt, handelt es sich darum, vernunftfähige und fromme Kinder zu erziehen, die als Erwachsene dank ihrer Erziehung und ihrer Urteilsfähigkeit an der Verbesserung der Welt teilnehmen können. Aber auch nach der Aufklärung blieb die Robinsonade in der Literatur, und insbesondere in der Kinderliteratur bestehen.

C. Die berühmtesten Robinsonaden im 19. Jahrhundert: das Werk Jules Vernes in Frankreich

Im 19. Jahrhundert blieb die Robinsonade ein beliebtes Thema der Kinderliteratur. Nach der Robinsonade des Individuums entstand die Robinsonade der Gemeinschaft[7]: das heißt, dass nicht nur ein Individuum sich um sein Überleben kämpfend allein auf einer Insel befindet, sondern eine ganze Gruppe von Menschen. Der erste große Erfolg dieser Gattung wurde der 1812 veröffentlichte Schweizerische Robinson von J.D. Wyss (1743-1818), der in gleicher Weise wie Defoes Werk zum Modell wurde. Es handelt sich um eine schweizerische Familie, die bei der Fahrt nach Australien Schiffbruch erleidet[7], und die auf einer Insel überlebt.

Dieses Werk und das von Defoe waren die Kinderlektüren des berühmten französischen Autors Jules Verne (1828-1905), dessen Werk noch heute weltweit bekannt ist. Die

Robinsonade wurde eines seiner Lieblingsthemen, und er schrieb mehrere Robinsonaden in verschiedenen Stilen. Er gestand in seinen Erinnerungen, dass er sich trotz der philosophischen Wirkung von Robinson Crusoe viel mehr von den Abenteuern der schweizerischen Familie inspirieren ließ, weil die Anwesenheit mehrerer Figuren auf einem isolierten Land eine spannendere Handlung ermöglichte[8]. Die verschiedenen in dieser Arbeit untersuchten Werke Jules Vernes wurden aufgrund ihrer Popularität und ihrer Vielfältigkeit ausgewählt, und sie ermöglichen, die verschiedenen Behandlungsweisen der Robinsonade zu untersuchen. Sie sind Der Onkel Robinson (L’Oncle Robinson, 1861) Die geheimnisvolle Insel (L’Ile mystérieuse, 1874-1875), Die Schule der Robinsons (L’Ecole des Robinsons, 1882).

Das erste Werk, Der Onkel Robinson, ist unvollendet geblieben, weil es von Vernes Verleger Hetzel abgelehnt wurde, und es war vom Schweizerischen Robinson stark inspiriert. In diesem Buch werden die Frau und die vier Kinder des amerikanischen Ingenieurs Harry Clifton bei einer Schifffahrt nach Amerika nach einer Meuterei auf einer Pazifik-Insel ausgesetzt, wo der Matrose Flip ihnen folgt, um ihnen beim Überleben zu helfen. Sie haben nichts, keine Werkzeuge oder Essen, außer Flips Messer. Dank Flips gesundem Menschenverstand und der Ankunft auf der Insel von Harry Clifton, der den Meuterern auf dem Schiff entflohen ist, verbessert sich das Leben der kleinen Gemeinschaft. Die Kinder genießen diese Situation, die sie an die Abenteuer des Schweizerischen Robinsons erinnert, und zärtlich nennen sie Flip den „Onkel Robinson”: die Intertextualität dient hier dazu, die Schwierigkeiten der anwesenden Figuren zu unterstreichen, und den Leser an die Inspirationsquelle des Autors zu erinnern. Die Handlung bricht bei der Entdeckung einer Schrotkugel im Fleisch ab, was das Zeichen einer anderen menschlichen Präsenz ist.

Die geheimnisvolle Insel ist eines der berühmtesten Werke von Jules Verne: Es ist, wie der Autor selbst sagte, seine „Robinsonade der Wissenschaft”[9]. Fünf Männer - der Ingenieur Cyrus Smith, der Journalist Gedeon Spilett, der Matrose Pencroff, der ehemalige Sklave Nab und der fünfzehnjährige Harbert – entfliehen dem Sezessionskrieg in Amerika an Bord eines Ballons, der bei einem Sturm auf einer Insel zerschellt. Dort benutzen die fünf Gesellen ihre Kenntnisse, die Rohstoffe der Insel und ihre Vernunft, um zu überleben und später ihre Lebensverhältnisse - manchmal auf überraschende Weise - allmählich zu verbessern. Bald finden sie Lebensmittel oder Werkzeuge, und sie haben den Eindruck einer wohlwollenden Überwachung auf der Insel. Schließlich erfahren sie, dass diese Funde das Werk des Kapitäns Nemo sind, der sein U-Boot, die Nautilus, dort in einer Untergrundhöhle abgestellt hat. Am Ende des Romans wird die Insel durch die Eruption eines Vulkans zerstört, und die Schiffbrüchigen werden von der Mannschaft des Schiffes Duncan gerettet.

Das letzte Buch Vernes, das untersucht wird, ist Die Schule der Robinsons, die das Thema in Parodieform behandelt. Der junge müßige Godfrey Morgan, Neffe des Milliardärs von San Francisco William Kolderup, langweilt sich. Er beschließt, vor seiner Ehe mit Kolderups Patentochter Phina durch die Welt zu reisen. Sein Onkel autorisiert ihm, das zu tun, aber der junge Mann, der mit seinem Tanzlehrer T. Artelett San Francisco verlässt, erleidet im Pazifik Schiffbruch. Er findet mit Artelett Asyl auf einer Insel, wo sie einige Monate wie Robinsons leben. In der Tat erweist sich Godfrey Morgan als der aktivere Schiffbrüchige, und sein ängstlicher Lehrer denkt nur daran, Geige zu spielen, und fürchtet alle Gefahren der „Robinsons Inseln”, was zur Komik der Geschichte beiträgt. Sie retten auch einen Wilden, einen gewissen Carèfinotu, von anderen Wilden, die ihn essen wollen. Schließlich erfährt Godfrey, dass diese Robinsonade nur eine Inszenierung seines Onkels Kolderup ist, um ihm seine unnütze Lust am Reisen zu nehmen.

Nach der Vorstellung dieser Werke ist es notwendig, die Hauptmerkmale der Robinsonaden zu untersuchen.

II. Hauptmotive der Robinsonade

Die Hauptmotive der Robinsonade können auf zwei Ebenen analysiert werden: Auf der konkreten Ebene der Handlung und auf der der Themen, die die Anpassung der Überlebenden ihrer neuen Umwelt.[10]

A. Narrationsprozess der Robinsonade

Im Fall der untersuchten Robinsonaden ist frappierend, dass es trotz einiger Varianten ein fixiertes Handlungsschema gibt: Der gewollte oder unerwünschte Bruch mit der Gesellschaft oder Familie, der Schiffbruch, die Entdeckung der Insel und die Organisation des Raums zu dem Zweck, zu überleben, und schließlich eine Rückkehr zur Gesellschaft.

Zuerst findet der Bruch mit der Gesellschaft statt. Im Fall der Figuren von Defoe und von Campe bricht die Hauptfigur freiwillig mit ihrer Familie und ihrem Milieu, um eine Reisedurst zu befriedigen, ohne auf die Warnungen seiner Verwandten achtzugeben. Auch bei den Figuren Schnabels ist der Bruch gewollt: Albertus Julius hilft seinem Freund van Leuven und dessen Ehefrau Concordia bei ihrer Flucht aus England, weil sie ganz heimlich einander geheiratet haben[11]. Dieses Thema des Bruchs hat in Vernes Werk einige Varianten. In der Schule der Robinsons verlässt Godfrey seine Familie mit der Erlaubnis seines Onkels, um in der Welt herumzureisen. Im Gegensatz dazu werden die Cliftons im Onkel Robinson ausgesetzt, während der Familienvater von den Meuterern gefangen gehalten wird: Hier ist die Trennung ein echtes Leiden für die Mutter und die Kinder, sie war nicht erwünscht. Die fünf Hauptfiguren der Geheimnisvollen Insel entgingen der Belagerung von Richmond, wo sie während des Sezessionskriegs von den Konföderierten gefangen gehalten wurden: sie nutzen einen Sturm aus, um einen Ballon zu stehlen, und dadurch hoffen sie, die Truppen der Union zu treffen. Der Sturm, der die Entflohenen von ihrem Ziel abführt, führt zur Trennung von der Gesellschaft. Die Trennung ist der erste Schritt zu einer totalen Einsamkeit oder Isolation.

Der zweite Schritt zu dieser Isolation ist der Schiffbruch, der die Figuren - Individuum oder Gruppe - fast hilflos auf der Insel wirft. Durch den Schiffbruch wird die Trennung endgültig, weil die Überlebenden keine Möglichkeit mehr haben, ein bevölkertes Land zu erreichen. Das Schiff bei Defoe und Campe oder der Ballon in der Geheimnisvollen Insel von Verne wird total zerstört, und es bleibt im Werk Campes und in Vernes Schule der Robinsons kein Wrack zurück, aus dem man nützliche Lebensmittel oder Werkzeuge retten könnte. Die Familie Clifton im Onkel Robinson verfügt nur über einen Kahn, mit dem es unmöglich ist, auf dem Ozean zu fahren.

Nach dem Schiffbruch finden die Schiffbrüchigen auf der Insel Zuflucht. Da es ihnen unmöglich ist, dem Ort zu entfliehen, sind sie gezwungen, auf der Insel zu bleiben, und in der Natur verfügbare Hilfsmittel zu benutzen, um zu überleben und ihr Lebensstandard auf der Insel zu verbessern. Das ist ein allmählicher und langfristiger Prozess, der die geistigen und physischen Kräfte der Überlebenden mobilisiert. In der ersten Zeit ist der Robinson oder die Gruppe mit der Befriedigung der dringenden Bedürfnisse - Essen und Wohnung - beschäftigt. In ersten Tagen suchen die Figuren Lebensmittel im Wrack (Defoes Robinson Crusoe, Albertus Julius, van Leuven, Lemelie und Concordia in der Insel Felsenburg von Schnabel) oder Nahrungsmittel auf der Insel - Muschel am Strand, Früchte im Wald (Robinson der Jüngere von Campe, die Kinder und Flip im Onkel Robinson, die fünf Männer der Geheimnisvollen Insel).

Solange die Robinsons nicht über Feuer verfügen, ist Jagen oder Viehzucht nutzlos. Die Insel selbst wird hingegen erforscht: bei Schnabel will Albertus Julius sehen, was sich hinter den Felsen befindet, und in den anderen untersuchten Robinsonaden suchen die Einwohner der Insel einen Gipfel - Vulkan oder Berg, von dem aus sie eine Sicht auf die ganze Insel haben. Das ist eine notwendige Basis für die Organisation und Nutzung des Landes: Ein gutes Beispiel dafür ist die Kartographie der von Entflohenen so genannten Insel Lincoln in der Geheimnisvollen Insel (Abb. 3), und manchmal werden Boden für Landwirtschaft bestimmt. Die allmählich entdeckten natürlichen Hilfsmittel dienen vorerst als Nahrungsmittel, und als Material für die Anfertigung verschiedener Werkzeuge, Hausgeräte (Körbe, Töpfer, Möbel...) oder manchmal dienen natürliche Kräfte (Wasser) als Transportmittel, und die Lebensbedingungen verbessern sich bis zu einem relativen Wohlstand.

Auch die Rückkehr zur Gesellschaft ist allmählich: es beginnt mit den Spüren einer menschlichen Präsenz. Bei Defoe und Campe, entdeckt Robinson einen menschlichen Fußspur im Sand, in der Schule der Robinsons sieht Godfrey die Rauchsäule eines Feuers, in der Geheimnisvollen Insel und im Onkel Robinson finden die Überlebenden beim Abendessen eine Schrotkugel im gebratenen Fleisch. Der Fall der Insel Felsenburg ist verschieden, weil die Schiffbrüchigen über einen klaren Beweis dafür verfügen, dass die Insel vor ihrer Ankunft bevölkert war, und der erste Kontakt mit der Zivilisation besteht in einem Schiff, das Albertus in der Ferne sieht, aber das nicht landet. So entsteht bei den Hauptfiguren eine Erwartung und bei dem Leser eine Spannung. Danach rettet Robinson Freitag daraus, von den Kannibalen gegessen zu werden, bevor er noch zwei Gefangene von den Kannibalen befreit, und bevor er mit gelandeten englischen Offizieren Meuterer besiegt. In der Schule der Robinsons retten Godfrey und T. Artelett den guten Wilden Carèfinotu. In der Geheimnisvollen Insel ist dieser allmählicher Prozess noch frappierender: Zuerst begegnen die Schiffbrüchigen bei der Erforschung einer Nachbarinsel dem dort verlassenen ehemaligen Banditen Ayrton, den sie auf der Insel Lincoln aufnehmen, und im letzten Teil des Romans lernen sie endlich den Kapitän Nemo kennen, der aus seiner Nautilus für sie sorgte.

Scließlich kehren die Hauptfiguren in „Zivilisation“ zurück. Bei Defoe und Campe, und auch in den Werken Vernes[12] werden die Robinsons von der Mannschaft eines Schiffes gerettet. Die Hauptfiguren von Defoe und Campe, und der junge Godfrey finden endlich ihren Platz in der Gesellschaft, die sie freiwillig verlassen haben. Die Überlebenden der Insel Lincoln bauen auf amerikanischem Boden eine Kolonie auf, um das auf ihrer Insel erlebte Glück wieder lebendig zu machen. Die Wiederintegration in die Gesellschaft geschieht in Schnabels Werk auf eine originelle Weise: Eine neue Gesellschaft von ankommenden Schiffbrüchigen wird unter der Leitung der Familie von Albertus Julius und Concordia gegründet.

Diese besondere Art der Erzählung der Robinsonade ruft Fragen hervor, die das Überleben des Individuums auf dem isolierten Land betreffen.

B. Die Hauptthemen der Robinsonade

In dieser Art Überlebensgeschichte werden besondere Themen behandelt, die das Individuum, seine Anpassung und seinen Zusammenhang mit seiner neuen Umwelt betrifft.

Wie kann der einsame Schiffbrüchige die Einsamkeit, und die Gruppe die Isolation auf der Insel ertragen und bekämpfen? Der Einsame wie bei Defoe oder Campe mag einen gewissen Wohlstand erreichen, er mag Tiere zähmen und sie lieb gewinnen[14], ihm fehlt die Möglichkeit, eine menschliche Stimme zu hören und sich mit einem Mitmenschen zu unterhalten. Bevor Robinson Freitag vor den Kannibalen rettet und er aus ihm einen treuen Gesellen macht, findet er einen Ersatz: Den Papagei, den er Poll nennt. Er lehrt ihn einige Sätze, um eine „menschliche” Stimme zu hören, und um seine Sprache zu

[...]


[1] Naugrette, Jean-Pierre, im Vorwort von Daniel Defoe, Robinson Crusoe, Paris, Le Livre de poche, 2003, S 9-10.

[2] Johann Gottfried Schnabel, Insel Felsenburg, Stuttgart, Reclam, 1998. S 5-13

[3] Dieser Punkt wird im zweiten Teil dieser Arbeit gründlicher untersucht, als die Frage der Erziehung in den Robinsonaden behandelt wird.

[4] Bei Defoe ist die Familie Crusoe deutscher Herkunft.

[5] Johachim Heinrich Campe, Robinson der Jüngere, Stuttgart, Reclam, 2000, S 9. Hier widerspricht er der Behauptung Rousseaus, dass die von Defoe erfundene Figur nur seine Vernunft gebraucht: In der Tat hat Robinson Crusoe viele Lebensmittel und Werkzeuge, die er aus dem Wrack gerettet hat. Durch den jüngeren Robinson zeigt der Autor alle Möglichkeiten der menschlichen Vernunft.

[6] Das Buch erschien nämlich 1779 unter dem Titel: Robinson der Jüngere. Lesebuch für Kinder. 7 Yveline Beaup, Robinsonnades de Defoe à Tournier, Paris, GF Flammarion, 2001, S 9.

[7] Die Handlung des Schweizerischen Robinsons wird hier stark vereinfacht. Sie wird als Modell für die folgenden Werke erwähnt, aber wird nicht gründlich untersucht.

[8] Von Christian Robin zitiert im Nachwort von: Jules Verne, L’Oncle Robinson, Paris, Le Livre de poche, 2005, S

[9] Yveline Beaup, 2001, S 13.

[10] Dieser Teil der Arbeit beruht hauptsächlich auf der Arbeit von Yveline Beaup und auf einer aufmerksamen Beobachtung der Handlung in den ausgewählten Werken.

[11] Der Fall von Albertus Julius in Insel Felsenburg bleibt trotzdem komplex. Bevor er van Leuven kennenlernt, trennt sich der junge Albertus von seiner Adoptionsfamilie, nachdem er ein außereheliches Abenteuer seiner Stiefmutter entdeckt hat, weil sie sich an ihm dafür rächen will. Der Bruch könnte hier als gezwungen interpretiert werden, weil der Held sein Leben retten will.

[12] Wie schon erwähnt ist der Onkel Robinson unvollendet geblieben, und die Rettung der Familie findet nie statt. 14 Ein schlagendes Beispiel dafür könnte die Verzweiflung des jungen Robinson in Campes Werk sein, als er nach dem Erdbeben glaubt, dass seine gezähmten Lamas gestorben sind. In: Johachim Heinrich Campe, 2000, S 129-130.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Die Robinsonaden im 18. und 19. Jahrhundert
Untertitel
Verbesserung der Welt durch den Einzelnen?
Hochschule
Université Sorbonne Nouvelle Paris III
Note
14/20
Autor
Jahr
2010
Seiten
41
Katalognummer
V153657
ISBN (eBook)
9783640657858
ISBN (Buch)
9783640658565
Dateigröße
2200 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Robinsonaden, Literatur des 18. Jahrhunderts, Literatur des 19. Jahrhunderts, Literarische Figur, Robinson Crusoe, Robinson der Jüngere, Insel Felsenburg, Jules Verne, Geheimnisvolle Insel, Die Schule der Robinsons, Onkel Robinson
Arbeit zitieren
Eva Avrillon (Autor), 2010, Die Robinsonaden im 18. und 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153657

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