Tiere in der höfischen Epik - Tiere in den Träumen Kriemhilds und ihre Funktionen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

26 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Träume in der Epik des Mittelalters
2.1. Traumklassifikation und Auslegung
2.2. Funktionen von Träumen
2.3. Einordnung der Träume in die Traumkategorien
2.4. Vorausdeutungen und Strukturmerkmale

3. Das Falkenmotiv
3.1. Die ornithologische Gattung des Falken
3.2. Der Falke als Jagdtier
3.3. Der Falke als Symbolträger

4. Das Ebermotiv
4.1. Gattung des Ebers
4.2. Der Eber als Symbolträger

5. Die drei Träume Kriemhilds
5.1. Falkentraum
5.2. Ebertraum
5.3. Bergtraum

6. Parallelen in den drei Träumen

7. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Massgebend für meine Untersuchung des Nibelungenlieds ist der Gedanke, dass das Auftreten eines Tieres in der Dichtung nicht um seiner selbst willen, sondern als unlösbarer Bestandteil des dichterischen Gesamtwerks behandelt werden muss. Der Stellenwert innerhalb des Textzusammenhangs und seine dichterische Funktion spielen also die zentrale Rolle. Insbesondere, weil die auffälligsten Textstellen mit Bezug zu Tieren oftmals die Schlüsselstellen eines literarischen Werkes, so auch im des Nibelungenlieds bilden. Um die Funktion, sowie die Art und Weise der dichterischen Nutzung des Tieres voll erfassen zukönnen, ist es unerlässlich einen Einblick in das mittelalterliche Verständnis un der Bedeutung des betreffenden Tieres zu gewinnen.[1]

Dazu werden die allegorisch-moralischen Ausdeutungen der Spezies Adler, Falke und Eber herangezogen und mit dem Nibelungenlied in Beziehung gesetzt. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf den Falken- und Ebermotiven. Zu den entsprechenden Textstellen kommt noch der dramturgische Höhepunkt des ersten Teils hinzu: Die Jagdzene und der damit verbunden Tods Siegfrieds, in der die wesentliche Elemente der Träume erneut aufgegiffen werden. Die Interpretation beabsichtigt durch die gründliche Analyse der Bedeutung der Tiere und ihre Funktion im Werk, zu einem bessern Verständis des Gesamtwerks beizutragen, indem Vorausdeutungen, indirekte Charakterisierungen sichtbar und vor dem Hintergrund der Tiermetapher aufgezeigt werden. Als Funktion dieser in Träume eingebetteten Metaphern kann man ihre gute Erklärungskraft für die Charaktermerkmalen der Einzelfiguren im Nibelungenlied, sowie sich verschiebende Figurenkonstellationen der sehen.

Nachdem sich die Arbeit zunächst allgemein mit Träumen im Mittelalter befasst und die Träume des Nibelungenlieds in die Theorie einordnet, wird auf die Funktion der drei Träume Kriemhilds eingegangen. Die Entschlüsselung der Traumsymbole soll es ermöglichen, die Hauptprotagonisten und den Handlungsablauf des Werkes zu charakterisieren und zu deuten.

2. Träume in der Epik des Mittelalters

2.1. Traumklassifikation und Auslegung

Literarische Träume unterscheiden sich grundlegend von realen Träumen in einem Punkt: Obwohl beide Traumarten Auslöser für eine bestimmt Handlung sein können, weisen literarische Träume immer einen narrativen Grund auf und sind somit auch immer bedeutungsvoll.[2] In dieser Arbeite werden nur die literarischen Träume, das heißt rein fiktive Träume Untersuchungsgegenstand sein.

Die allgemeinen Vorbemerkungen zur Traumtheorie und den Funktionen von Traumdarstellungen in den Werken des Mittelalters werden später herangezogen werden, um Kriemhilds Träume zu kategorisieren.

Von dem spätantiken Schriftsteller Ambrosius Theodosius Marcrobius ist eine fünfteilige Traumklassifikation überliefert. Er unterscheidet in somnium, visio, oraculum, insomnium und visum.[3] Die beiden letzten, insomnium als durch Ängste und Wünsche ausgelöster Traum und visum als Albtraum haben keine wahrsagerischen Kräfte. Die ersten drei hingegen schon: Visio als Traumbild, somnium als rätselhafter verschlüsselter Traum und oraculum als bewusst gesuchter Tempelschlaf.

Die Träume müssen nach Marcrobius vom Träumer selber durch seine Erfahrungen entschlüsselt werden, ist dieser dazu nicht in der Lage, so kann das eine ihm nahestehende Person übernehmen.[4] Während Kriemhild den Falkentraum noch durch ihre Mutter Ute ausgelegt bekommt, deutet sie den Ebertraum und den Bergtraum selber und erkennt die ihn ihnen enthaltene Warnung.

2.2. Funktionen von Träumen

Welche Funktionen übernehmen Träume in den Werken des Mittelalters?

Zunächst haben die Traumepisoden, nach Speckenbach[5], die Aufgabe die Handlungs des Werks weiter voran zu treiben. Im Fall des Nibelungenlieds setzt die Handlung mit dem Falkentraum ein und führt über das Gespräch zwischen Kriemhild und ihrer Mutter, die den Traum auslegt, zur Thematik der Brautwerbung. In dessen direkten Folge Siegfried, zunächst nur über seine Beschreibung, in die Handlung eingeführt wird. Ihre späteren Träume veranlassen Kriemhild, ihren Ehemann Siegfried vor dem ihm drohenden Unheil zu warnen. Da dieser aber alle Warnungen ignoriert, muss es folgerichtig seiner Ermordung kommen. Diese wiederrum setzt das gesamte Rachegeschehen im zweiten Teil des Nibelungenlieds unweigerlich in Gang.[6]

Die zweite Funktion nach Guntram Haag[7] ist es Stimmungen, durch die Bildsprache in den Träumen, für das gesamte Werk zu erzeugen. Für das Nibelungenlied kann man festhalten, dass dies in allen drei Träumen eindrucksvoll gelingt. Alle drei Träume verweisen auf ein in der Zukunft befindliches Drama und zeichnen mit ihrer düstern Bildsprache deutlich den grausamen Verlauf der Handlung des Nibelungenlieds vor. Im ersten Traum ist vor allem Kriemhilds persönliches Leid präsent. In den beiden folgenden Träumen verstärkt sich dies zu einer allgemeinen Ohnmächtigkeit gegenüber dem Geschehen. Düstere Stimmungen zeichnen die Übermacht der Berge und die sich rotverfärbenden Blumen, sowie die häufig propädeutischen Kommentierung des Geschehens durch den Erzähler.

Ebenso wie die Vorwegnahmen des Erzählers deuten die Träume unzweifelhaft die Handlung voraus. Alle drei Träume verweisen auf den Mord an Siegfried und in letzter Konsequenz auch auf den Untergang der Burgunden.[8]

Weiterhin können die Träume verschiedene Teile der Handlung verbinden. So stellt der Falkentraum eine Verbindung zwischen der mínne Thematik, zwischen Kriemhild und Siegfried, dem Mord an Siegfried, dem vorhergehenden Streit der beiden Königinnen und als letztes auch zum Untergang der Burgunden her.

Letzte Funktion der Träume ist es, dass durch die allegorische Darstellungweise eine gewisse Transparenz entsteht. Die in den Träumen verwendeten Symbole beleuchten die einzelen Protagonisten des Liedes näher. Da die jeweiligen Merkmale der verwendeten Tiere auf die jeweiligen Personen übertragen werden können.[9]

2.3. Einordnung der Träume in die Traumkategorien

Träume spielen im Nibelungenlied eine große Rolle, in ihnen hat der Dichter das dramatische Ende mehrmals angedeutet. Sie dienen dazu die Atmosphäre des Werkes bereits im Vorhinein zu verdüstern und immer zu vergegenwärtigen, dass Leid, Not und Untergang der Nibelungen am Ende stehen werden. Die Träume „beinhalten das absolute Wissen um Dinge, die sich noch nicht erreignet haben“[10] ; sie beziehen „sich durchgehend auf Katastrophen“[11]

Kriemhilds Träume sind jedoch mehr als einfach Vorausdeutungen. Sie haben darüberhinaus den Charakter einer das Werk unterbrechenden Zwischenhandlungen. Zusammen mit der Funktion, das Unrecht der Burgunden vorauszudeuten erhalten sie so sehr deutlich Merkmale einer Warnung. „Von den insgesamt fünf Träumen des Nibelungenlieds sind vier Warnträume im mittalterlichem Verständnis.“[12] schreibt Hermann Reichert.

Während wir heute davon ausgehen, dass Träume aus dem Unterbewusstsein des Träumers gespeist werden, ging man im Mittelalter von der Annahme aus, dass Träume von einer außer- und übermenschlichen Macht hervorgerufen werden. Theologisch korrekt ist als die Annahme einer Warnung vor eine Gefahr die nur dann abgewendet werden kann, wenn Gott den Bedrohten beschützt.[13]

So führt auch Jerold Frakes aus: „Kriemhild´s dream function most obviously in the medieval convention of the dream as prediction auf future events“[14] Nach Ambrosius Theodosius Marcrobius Ordnung würden Kiemhilds Träume in die Kathegorie somnium fallen, da sie sowohl prophetisch als auch durch Tiersymbole, bzw. Berge verschlüsselt träumt.

[...]


[1] Vgl.: Lewis, Gertrud Jaron: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan. (1974) Herbert Lang, Bern und Frankfurt, S.9f.

[2] Vgl.: Katen, Alfred ten: Träume Kriemhilds. Analyse und Vergleich. Zitiert nach: http://www.nibelungenlied-gesellschaft.de/03_beitrag/katen/ten-katen.html. Stand 13.03.2010.

[3] Vgl.: Speckenbach, Klaus: Von den troimen. Über den Traum in Theorie und Dichtung. In: „Sagen mit sinne“. Festschrift für Marie-Luise Dittrich zum 65. Geburtstag. Hg. Von Helmut Rücker und Kurt Otto Seidel. (1976), GAG 180, Verlag Alfred Kümmerle, Göppingen., S. 171f.

[4] Vgl.: Speckenbach, Klaus: Von den troimen. Über den Traum in Theorie und Dichtung. In: „Sagen mit sinne“. Festschrift für Marie-Luise Dittrich zum 65. Geburtstag. Hg. Von Helmut Rücker und Kurt Otto Seidel. (1976), GAG 180, Verlag Alfred Kümmerle, Göppingen., S. 180.

[5] Vgl.: Ebd., S. 176.

[6] Vgl.: Katen, Alfred ten: Träume Kriemhilds. Analyse und Vergleich. Zitiert nach: http://www.nibelungenlied-gesellschaft.de/03_beitrag/katen/ten-katen.html. Stand 13.03.2010.

[7] Haag, Guntram: Traum und Traumdeutung in mitelhochdeutscher Literatur. Theoretische Grundlagen und Fallstudien. (2003) Hirzel Verlag, Stuttgart. S. 30ff.

[8] Vgl.: Frakes, Jerold C.: Kriemhild´s Three Dreams. A Structural Interpretation. In: ZfdA 115 (1984), S. 175.

[9] Haag, Guntram: Traum und Traumdeutung in mitelhochdeutscher Literatur. Theoretische Grundlagen und Fallstudien. (2003) Hirzel Verlag, Stuttgart. S. 31f.

[10] Müller, Jan-Dirk: Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenlieds. (1998) Max Niemeyer Verlag, Tübingen, S. 108.

[11] Ebd. S. 111.

[12] Das Nibelungenlied. Text und Einführung. Hrsg. von Hermann Reichert (2005), Walter de Gryter, Berlin, S. 528.

[13] Vgl.: Ebd., S. 528 f.

[14] Frakes, Jerold C.: Kriemhild´s Three Dreams. A Structural Interpretation. In: ZfdA 115 (1984), S. 174f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Tiere in der höfischen Epik - Tiere in den Träumen Kriemhilds und ihre Funktionen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar: Tiere in der höfischen Epik
Note
3,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V153957
ISBN (eBook)
9783640662128
ISBN (Buch)
9783640662098
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adler, Eber, Falke, Siegfried, Träume, Nibelungenlied, Tiere
Arbeit zitieren
Florian Reuther (Autor), 2010, Tiere in der höfischen Epik - Tiere in den Träumen Kriemhilds und ihre Funktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153957

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Tiere in der höfischen Epik - Tiere in den Träumen Kriemhilds  und ihre Funktionen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden