Der Heilige Krieg gegen die zivile Gesellschaft

Akteure und Vorgehensweisen des religiösen Fundamentalismus


Hausarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die vielen Gesichter des religiösen Fundamentalismus
2.1. Definition und Abgrenzung vom Konservatismus
2.2. Die Renaissance des „Neo-Absolutismus“
2.3. Akteure und Erscheinungsbilder

3. Die globale Dimension
3.1. Wie religiöser Fanatismus den „Kampf der Kulturen“ befeuert
3.2. Liberaler Verfassungsstaat kontra Theokratie

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

„Sei geheilt im Namen Jesu!“ Das sind die Worte eines Predigers, der für die evangelikale Pfingstbewegung agiert. Wer sich zu Gott bekenne, erhalte die Möglichkeit, allein durch Gebete wieder gesund zu werden, ruft er vor begeisterten Gläubigen aus. Auf den ersten Blick eint solche Kleriker nichts mit den Drahtziehern und Selbstmordattentätern vom 11. September 2001 in New York, „Heilige Krieger“ im Namen Allahs. Dabei stehen sie sich in Sachen Fundamentalismus in nichts nach – nur ihre Mittel mögen andere sein. Schließlich kann religiöser Fundamentalismus mit nackter Gewalt verknüpft sein aber auch ganz subtil aber mit hohem psychischen Druck und der Kraft der Verführung operieren.

Es muss also nicht immer Blut fließen, und trotzdem steht heute der Kampf gegen die immer variantenreicheren Spielarten des Fundamentalismus auf der Sicherheitsagenda westlicher Staaten ganz vorn. Da ist zum Beispiel der Fall, mit dem sich unlängst das Bundesverfassungsgericht beschäftigen musste. Es erklärte ein Bußgeld gegen Eltern für rechtmäßig, nachdem sie ihre Kinder wiederholt nicht zur Schule geschickt hatten. Sie hatten sie weder dem „als katholisch-enthemmt gebrandmarkten Schulkarneval aussetzen wollen noch einer Sexualkundeeinheit unter dem Titel ,Mein Körper gehört mir'“ (Dernbach,2009). Die Baptisten sahen ihre religiösen und ihre Erziehungsrechte verletzt. Zumindest vor dem Bundesverfassungsgericht sind meistens Christen mit ähnlichen Forderungen erschienen und nicht umsonst bisher in ihre Schranken gewiesen worden. Denn hier steht nichts weniger als die Staatsräson auf dem Spiel, erkennen doch Fundamentalisten in der Regel keine Regeln an – zumindest keine irdischen, sondern nur angeblich göttliche.

Lange Zeit war der Fundamentalismus verborgen. Während des Ost-West-Konflikts hatte der „gottlose Kommunismus“ als dominierende Ideologie in Osteuropa und weiten Teilen Asiens religiöse Umtriebe verboten und mit großer Härte verfolgt. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs beobachtete die Politikwissenschaft ein Anschwellen fundamentalistischer Aktivitäten, vor allem in islamischen Ländern, den USA und Israel. Längst ist der Fundamentalismus aber zu einem globalen Phänomen geworden. Es geht ihm weit mehr als nur um Glaubensfragen. Es geht um Macht und politische Einflussnahme. In der vorliegenden Arbeit sollen Fragen diskutiert werden, wie sich Fundamentalismus aktuell zeigt, wer seine Akteure sind und inwieweit religiöser Fundamentalismus eine politische Gefahr ist.

2. Die vielen Gesichter des religiösen Fundamentalismus

2.1. Definition und Abgrenzung vom Konservatismus

Begriffe wie „Religionskonflikte“ und „Fundamentalismus“ werden heute aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen inflationär häufig gebraucht. Gibt man „fundamentalism“ bei Google ein, werden nicht weniger als 7.170.000 Einträge ausgegeben. Viele dieser Einträge finden Einzug in den Alltag und liefern meist ein verzerrtes Abbild des Fundamentalismus. Dort ist hauptsächlich von „Engstirnigkeit, Frömmelei und Sektierertum“ (Barr,1981:26) die Rede oder Fundamentalismus wird gleich mit „finsterem Mittelalter“ (Ross,2001) assoziiert.

Die Politikwissenschaft ist auf klarere Definitionen angewiesen. Zunächst lässt sich der Terminus Religion erklären mit einem „System von Glaubensaussagen und -praktiken, wobei der Sinn stiftende Grund in der jeweiligen Religion entweder überweltlich (Gott, Götter, Geister) oder innerweltlich (Natur, Universum) verstanden wird und dementsprechend jeweils unterschiedliche praktische Konsequenzen in Ethik, Kultus und Mythos nach sich zieht“ (Woyke,2007:3)

Diese Definition klingt zunächst bestenfalls neutral. Ist Fundamentalismus dann etwa eine entartete Form der Religion? Oder: Ab wann wird ein religiöser Mensch zum Fundamentalisten? Der Begriff lässt sich von einer unter dem Titel „The Fundamentals“ (=Grundlagen) erschienenen Buchreihe in den USA zwischen 1910 und 1915 ableiten. Darin enthalten sind Elemente der traditionellen Lehre (Verbindlichkeit der Schrift, die Jungfrauengeburt etc.) (vgl. Barr,1981:26). Damals wie heute sagen christliche Fundamentalisten etwa, dass die Welt in sechs Tagen erschaffen worden sei und dass eine Sintflut den Globus bedeckte und dass Mose alle Bücher Mose geschrieben habe. Somit kann man den Fundamentalismus als das Wörtlichnehmen einer heiligen Schrift bzw. als „Bezeichnung für das Beharren auf festen politischen und vor allem religiösen Grundsätzen, i.d.R. auf der Basis einer buchstäblichen Interpretation göttlicher Überlieferungen (z.B. Bibel, Koran)“ (Schubert/Klein,2006) ansehen.

Auch im Islam gibt es viele Beispiele dafür, wie radikal Interpretationen des Korans ausfallen können: Fundamentalistische Strömungen etwa berufen sich auf den „dschihâd“ – ursprünglich allumfassende friedliche „Bemühung um den Weg Gottes“. Der wird von islamistischen Hardlinern aber zum Heiligen Krieg gegen alles Unislamische verdreht (vgl. Bednarz,2005:115). Dies unterscheidet gleichzeitig den religiösen Konservativismus vom Fundamentalismus: Letzterer negiert jede weitere historisch-theologische Ausdeutung. Ein frommer Mensch kann fundamentale, existentielle Glaubenseinstellungen haben, muss aber deswegen nicht gleich fundamentalistisch sein. Religionsforscher James Barr schreibt, dass es weniger entscheidend sei, ob sich ein Fundamentalist fundamentalistisch oder konservativ nennt, sondern vielmehr wie seine religiöse Praxis aussieht.

Somit könnte ein konservativer „Biblizist“ meinen, dass alle Probleme des Glaubens, des Lebens und der Theologie im Grunde nur durch Benutzung der Bibel zu lösen seien. Der Fundamentalist hingegen würde dies natürlich auch tun, dabei aber die Bibel als völlig fehlerfrei ansehen – was ja allein deswegen schon nicht stimmt, weil es dort historische Ungenauigkeiten gibt. Zugleich lehnt er die Jahrhunderte der Anpassung der Religion ab (vgl. Barr,1981:32 ; Barth,2002:163).

Der Fundamentalismus weist sehr ähnliche Merkmale in allen Religionen auf. Zum einen sind das Apokalyptik, Messianismus und Milleniarismus. Hier geht es um die Vorstellung einer endzeitlichen „Zuspitzung“ der Geschichte zu so symbolischen Daten wie etwa dem Jahrtausendwechsel. Die Vorstellung des „Endkampfes“ ist bei Fundamentalisten-Gruppen gang und gäbe, ebenso wie die Erwartung sowohl eines „Endgerichts“ beim nahen Weltuntergang als auch einer messianischen Rettergestalt (vgl. Grünschloß,1999).

Die simplen Freund-Feind-Schemata der Fundamentalisten sind das Ergebnis einer Komplexitätsreduktion. Charakteristisch ist daher die „Ent-Differenzierung“ beim Fundamentalismus: Es geht darum, die Religion aus ihrer Randstellung in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu rücken und wieder „kollektive Verbindlichkeiten“ zu schaffen. Dies lässt sich dadurch bewerkstelligen, dass nur bestimmte Traditionselemente selektiv zitiert und plakativ in den Vordergrund gestellt werden. (vgl. Grünschloß,1999).

Gleichzeitig haben Fundamentalisten durch ihre starre Haltung viele Vorurteile. Vorurteile unterscheiden sich von anderen Einstellungen nicht durch spezifische innere Qualitäten, sondern durch ihre soziale Unerwünschtheit (à gegen Normen der Rationalität, Gleichbehandlung und Mitmenschlichkeit). Man könnte auch sagen, Fundamentalisten praktizieren absichtlich wider jede Vernunft „falsches Denken“ bzw. bedienen sich „interessenbestimmter Lügen“ (beide: Bergmann,2005). Darüber hinaus ist Anti-Modernismus beim Fundamentalismus unverkennbar. Er hat seinen Ursprung in „einer Angstreaktion gegen die moderne säkulare Welt“ (Herzinger,2004) und richtet sich logischerweise gegen alles Nicht-Traditionelle. Paradoxerweise bedienen sich Fundamentalisten oft und gern moderner Errungenschaften. Nur deren intellektuelle Grundlagen machen sie sich nicht zu Eigen. Islamforscher Bassam Tibi nennt das den fundamentalistischen „Traum von der halben Moderne“ (Tibi,1995:31). Somit ist die Moderne aufgeteilt in ein abzulehnendes kulturelles Objekt und in zu übernehmende Instrumente der Wissenschaft und Technik.

Grünschloß spricht in dem Zusammenhang von typischer Reaktivität, indem fundamentalistische Bewegungen auf den Prozess der Säkularisierung reagieren, sich ihm also entgegenstellen und ihn zugleich für eigene Zwecke missbrauchen. Das heißt, dass ein Fundamentalist, der etwa über das eigentlich der verhassten Informations- und Meinungsfreiheit dienende Internet seine Hetz-Botschaften an Tausende interessierte Empfänger sendet, weitaus gewiefter ist, als einer, der nur eine Handvoll Hass-Pamphlete an seinem Wohnort verteilt.

Es gibt außerdem bestimmte Phasen, die der Fundamentalismus durchläuft. Die enormen Kräfte der Moderne, zu Beginn oft zerstörerisch, rufen in der Denkweise der Vormoderne verbliebenen Gesellschaften oft akute Vernichtungsängste hervor. Fundamentalismus ist somit der Versuch, die bedrohte Existenzform zu retten, indem die vermeintlich unverfälschte religiöse Überlieferung rekonstruiert und konserviert wird (vgl. Herzinger,2004).

Fundamentalisten ziehen sich zuerst aus der „bösen Welt“ der Moderne in die militante Isolation einer „reine, friedlichen Neben-Welt der Erwählten“ (Grünschloß,1999) zurück. Später gehen sie in die politische Offensive. Mit zusehends radikaleren Thesen und moderneren Methoden versuchen sie schließlich, mehr Macht zu erheischen und die Säkularisierung umzukehren. Am Ende wandeln sie ihre Auslöschungsängste in aktive Vernichtungsfantasien und -aktionen um (vgl. Herzinger,2004).

Damit einher geht Kommunikationsabbruch. Dialog auf gleicher Augenhöhe ist unerwünscht, weil ein Fundamentalist über bestimmte „Wahrheiten“ mit sich niemals diskutieren lässt. Der Gegner ist damit immer der Andersgläubige, der gegen die eigene „wahre“ Lehre (Dogma) ist (vgl. Ross,2001 ; von Prittwitz,2002:35). Auf politischer Ebene heißt das: Fundamentalismus ist eine Ideologie, „die eigene religiöse oder weltanschauliche Orientierung mit absolutem Wahrheits- und Überlegenheitsanspruch präsentiert“ (Nohlen/Schultze,2004:257). Bei Hasspredigern wird das mehr als deutlich.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Heilige Krieg gegen die zivile Gesellschaft
Untertitel
Akteure und Vorgehensweisen des religiösen Fundamentalismus
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Politikwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V153972
ISBN (eBook)
9783640662142
ISBN (Buch)
9783640662067
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fundamentalismus, Religion, Konflikt, Islamismus, Evangelikale, Terrorismus, Heiliger Krieg
Arbeit zitieren
Christian Minaty (Autor), 2009, Der Heilige Krieg gegen die zivile Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153972

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