Der erste Jünger Jesu

Exegetische Betrachtungen zur Petrusüberlieferung und die Analyse der historisch archäologischen Zeugnisse für Petri Martyrium in Rom


Seminararbeit, 2007

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Aufgabe, Quellen und Methode der folgenden Darstellung

2. Die Petrusdarstellung im Neutestamentlichen Kanon
2.1. Die Petrusbilder der Evangelisten (einschließlich Apostelgeschichte)
2.1.1. Das markinische Petrusbild
2.1.2. Das matthäische Petrusbild
2.1.3. Das lukanische Petrusbild
2.1.4. Das johanneische Petrusbild
2.2. Die Petrusdarstellung im Corpus Paulinum
2.2.1. Einführung
2.2.2. Petrus/Kephas im 1Kor
2.2.3. Petrus/ Kephas im Galaterbrief
2.3. Die Petrus- Briefe
2.3.1. Der erste Petrus- Brief
2.3.2. Der zweite Petrus- Brief

3. Martyrium und Petrusgrab
3.1. Das Problem
3.2. Schriftliche Quellen
3.2.1. Das Neue Testament zum Tod des ersten Apostels
3.2.2. Das Lebensende Petri in der außerkanonischen altkirchlichen Überlieferung
3.3. Das Petrusgrab und der archäologische Befund der Ausgrabungen unter St. Peter in Rom

4. Literatur und Quellen

1. Aufgabe, Quellen und Methode der folgenden Darstellung

Wie sieht die Bibel den ersten Jünger Jesu? Dieser Frage werde ich in einer exegetisch- theologischen Gegenüberstellung der neutestamentlichen Schriften nachgehen. Für die letzte Periode seines Lebens möchte ich anhand archäologischer und außerkanonischer Zeugnisse auch auf den historischen Petrus Bezug nehmen. Eine biographische Darstellung kann und soll in diesem Rahmen jedoch nicht geleistet werden. Vielmehr werde ich versuchen, schlaglichtartig die einzelnen Petrusbilder, die uns die genannten Quellen liefern, aus ihrer jeweiligen Perspektive zu betrachten und zu analysieren.

2. Die Petrusdarstellung im Neutestamentlichen Kanon

2.1. Die Petrusbilder der Evangelisten (einschließlich Apostelgeschichte)

2.1.1. Das markinische Petrusbild

Das Markusevangelium gilt in der Forschung weithin als die früheste Schrift (um 70 n. Chr. entstanden) des neutestamentlichen Kanons und bildet somit den Grundstock für die Ausbildung der Petrustradition. Im Kreise der Jünger vertritt Simon/ Petrus im Mk die konkurrenzlos bedeutenste Stellung. Jesus zeichnet ihn neben den Zebedaidenbrüdern Jakobus und Johannes durch einen Beinamen aus (Mk 3,16). Der Name Petrus[1], zu übersetzen mit Stein/ Fels, kann als mögliche Anspielung auf seine Position innerhalb des Zwölferkreises, dem er von da an angehört und als Sprecher vertritt, verstanden werden. Markus nennt ihn außerdem an der Spitze der Zwölferliste (3,13- 19) und führt ihn als Erstberufenen ein, der „Menschenfischer werden soll“ (1, 16- 18). Zusammen mit Johannes, Jakobus und seinem Bruder Andreas wird er als Vertrauter Jesu vorgestellt. Die Zugehörigkeit zu dieser kleinen Gruppe, die Jesus vom Beginn seines Wirkens an begleiten, überträgt ihm eine besondere Verantwortung, die Bewahrung christologisch und apokalyptischen Wissens im besonderen bei Jesu Rede über die Endzeit (13,1- 37).

Höhe- und Wendepunkt des Markusevangeliums ist das Messiasbekenntnis (8,27- 30), bei dem Petrus als Sprecher der Jünger auftritt und in Abgrenzung zu den vorausgegangenen Volksmeinungen eine Erkenntnis über die Identität Jesu formuliert. Das anschließende Aufbegehren gegenüber der Leidensankündigung des Menschensohns (8, 32 f.) zeigt, dass Petrus noch nicht bereit ist zu verstehen und den göttlich vorbestimmten Weg vollständig zu akzeptieren. Für die markinische Christologie spielt Petrus hier eine Schlüsselfigur, da er im Angesicht des Kreuzes strauchelt und Jesus ihn als Satan (= Widersacher) abweist. Exemplarisch wird hier menschliches Verhalten dem Wort Jesu und dem Geist Gottes gegenübergestellt. Gleichzeitig steht die Szene repräsentativ für das allgemeine Unverständnis der Urgemeinde unter Petri Leitung angesichts des Leidenmüssens des Messias. Diese Ambivalenz zwischen Glaube und Versagen, die für das markinische Petrusbild so typisch ist, zeigt sich auch im späteren Verlauf des Evangeliums. Petrus verspricht seinem Meister Treue bis in den Tod, wobei er versucht sich aus dem Jüngerkreis hervorzuheben, doch noch in derselben Nacht verleugnet er Jesu dreimal, genau wie dieser es ihm prophezeite, und weint schließlich als ihm sein Verhalten bewusst wird (14,26- 31.54.66- 72).

Diese unbekümmerte Darstellung der negativen Züge Petri im Mk ließe darauf schließen, dass seine Autorität herabgemindert werden soll oder die Entlarvung all seiner vermeintlichen Schwächen als Beweis seines mangelnden Glaubens dient. Tatsächlich trägt es jedoch dazu bei ein ganz und gar unstilisiertes, stattdessen lebendiges und glaubhaftes Petrusbild zu konstruieren. Auf die dramatische Abfolge von Versprechen, Verleugnen und Reue folgt die Wiederberufung in den Dienst (14,28; 16,7) und der nachösterliche Missionsauftrag (16,15), der jedoch erst im sekundären Markusschluss zu finden ist. Die herausragende Stellung Petri, als Erstberufener, Sprecher des Jüngerkreises, Vertrauter Jesu und schließlich Verantwortlicher für die Verkündigung der christlichen Botschaft wird im Mk trotz seines Versagens überzeugend vergegenwärtigt.

2.1.2. Das matthäische Petrusbild

In groben Zügen übernimmt Matthäus das markinische Petrusbild, setzt jedoch durch Auslassungen und Aufnahmen bestimmter redaktioneller Traditionen neue Akzente. Auffällig ist, dass der Beiname Petrus von Anfang an Vorrang gegenüber der Simonbezeichnung erfährt. Trotz des insgesamt größeren Umfangs des Mt gegenüber dem Mk tritt Simon/ Petrus hier in geringfügig weniger Szenen auf, nämlich in 15, statt 16. Diese Streichung resultiert jedoch nicht aus einer intendierten Minderung der Bedeutung Petri. Im folgenden möchte ich an 16,16- 19 zeigen, dass wir im Mt im Gegenteil sogar von einer Sondertradition sprechen können, die in der Diskussion um die theologische Begründung des Primats und somit um die Vorstellung der Kirchengründung eine wichtige Rolle spielt. Das Bekenntnis Petri und die Verheißung Jesu ist wieder in Zusammenhang mit den vorangegangenen Volksmeinungen über den Menschensohn (16, 13- 20) zu lesen, woraufhin Petrus das zentrale Bekenntnis formuliert: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (V.16). Obwohl bereits in der zweiten Seeszene des Mt alle Jünger Jesus als Sohn Gottes gepriesen haben (14, 33), tritt Petrus hier abermals als Sprecher aus ihrer Mitte auf. Die Antwort Jesu (16, 17- 19) macht Petrus zum Bürgen für die christologische Botschaft. Ausgehend von einem Wortspiel, das aus „petros“ (Stein, Edelstein) „petra“ (Fels) werden lässt, ernennt Jesus ihn zum Felsfundament, auf dem er die Kirche des Gottesvolkes, errichten wird. Erstaunlich ist, dass Jesus hier nicht selbst als Fels bzw. Fundament sondern als Baumeister auftritt. Die Verwendung der Felsmetaphorik kann jedoch auch als Rückgriff auf die alttestamentarische Erzvätervorstellung als „Säulen“, Abraham als Fels, verstanden werden. Im zweiten Teil der Verheißung werden Petrus die Schlüssel zum Himmelsreich und damit die Vollmacht des Hausverwalters übertragen. Verantwortung für die Erschließung des Himmelsreiches für alle die, welche sich auf die Botschaft Jesu hin in der Ecclesia sammeln, bedeutet auch die Auslegung und Überlieferung der Worte Jesu. Hier kann tatsächlich von einem Petrusamt gesprochen werden, in dem Matthäus mehrere Funktionen vereint: Offenbarungsträger, Garant für die Jesusbotschaft und Bevollmächtigter über die Binde- und Lösegewalt, d.h. die Vollmacht zu lehren und anzuweisen. Es zeichnet ihn zum Primat aus, der zwar in den Kreis der Elf eingebunden ist, doch handeln sie niemals ohne ihn.

Matthäus stellt damit eine typologische Petrusgestalt vor. Weniger die Person und die menschliche Existenz stehen im Vordergrund, sondern viel mehr eine apostolische Autorität, die ohne alle Beschönigung zur zentralen Figur der Jesusüberlieferung wird.

2.1.3. Das lukanische Petrusbild

Das lukanische Doppelwerk verstärkt das Bild vom Primat Petrus aus dem Mt. Seine Darstellung vom erstberufenen Apostel orientiert sich ebenfalls stark am Mk und erweist sich somit auch in diesem Punkt als Synoptiker. In der Berufungsszene (Lk 5,7. 10) erscheint Simon Petrus, ab Vers 8 automatisch mit dem Beinamen genannt, als Hauptfigur, die Söhne des Zebedäus Jakobus und Johannes werden eher beiläufig vorgestellt. Andreas tritt überhaupt nicht in Erscheinung. Die gesamte Szene zielt auf Petrus ab, auch er allein wird zum Menschenfischer berufen (5,10), seine Gefährten bleiben Randfiguren. Nach dem Rangstreit der Apostel beim Abendmahl tritt Petrus als einziger der Zwölf hervor (22,24- 33), um das Wort an Jesus zu richten und in der Ostererzählung macht Lukas ihn zum ersten Zeugen (24, 12. 34). Als Ergänzung zum matthäischen Verheißungswort finden wir nun im Lukasevangelium das „Primatswort“ (22, 31f.). Jesus hat für Petrus gebetet, dass sein Glaube nicht aufhöre und er in Vertretung seines Meisters die übrigen elf zu stärken in der Lage ist. Hier zeichnet sich bereits das Petrusamt ab, dass ihn folglich in die Verantwortung für die Apostel und darüber hinaus für die gesamte ecclesische Gemeinde rufen wird.

Die Apostelgeschichte zeigt Petrus dann als Initiator und leitende Gestalt bei der Mission. Bis zum Apostelkonvent (Apg 15) leistet er entscheidendes als Gemeindeleiter um die entstehende Kirche auf den richtigen Weg zu bringen. Danach bricht seine Geschichte abrupt ab und Paulus wird ins Zentrum gerückt, um weiterzuführen, was unter der Führung Petri begonnen wurde. In seinen Reden, die er nun in aller Öffentlichkeit, zumeist vor jüdischem Publikum predigt, klingt immer wieder der universale Gedanke der Einigung aller Völker der Erde an. „Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen in der Ferne, so viele der Herr, unser Gott, herbeirufen wird“ (Pfingstrede Apg 2,39); „...alle Völker der Erde sollen gesegnet werden (Apg 3,25, Rede in der Halle Salomos[2]). Offensichtlich ist auch die programmatische Stärke die von seinen Reden ausgeht, denn viele, die seine Worte annahmen, ließen sich taufen (Apg 2,41).

Mit Rückblick auf das Evangelium möchte ich vereinfachend festhalten, dass Petrus im lukanischen Doppelwerk die führende Apostelgestalt ist. Vom Sprecher des Zwölferkreises beim Messiasbekenntnis wird er zum Verkünder des Messias in Jerusalem, Samarien und Cäsarea. Lukas stellt ihn als „Augenzeuge und Diener des Wortes“ (Lk 1,2) vor.

2.1.4. Das johanneische Petrusbild

Das vierte Evangelium steht ganz im Spannungsfeld zwischen Petrus und dem „Lieblingsjünger“. Dieser scheint in größerer Nähe zu Jesus zu stehen. Beispielhaft sind dabei die Szene unter dem Kreuz, als er und nicht Petrus als einziger Apostel bei Jesus bleibt (19, 25- 27), oder die Auffindung des leeren Grabes, wobei er vorauseilt, Petrus aber den Vortritt in die Grabkammer lässt ( 20,3- 10). Das Johannesevangelium gewährt dem Lieblingsjünger deutlichen Vorrang in Glaube und Erkenntnis vor Petrus. Dennoch sind sie aufeinander angewiesen, denn Petrus funktioniert hier in seinem „Amt“ als Hirte der Schafe Jesu (vgl. 21,15- 17), gleichsam einer Symbolfigur für die kirchliche Führung, und wird auch allgemein in dieser Position akzeptiert. Im Gegensatz zu den Synoptikern werden hier jedoch die Grenzen dieses Amtes aufgezeigt, eine Rolle die dem Lieblingsjünger zufällt.

[...]


[1] lat. Entsprechung zum griech. „petros“, was wiederum auf der aramäischen Ursprungsform „kefa/kepha“ gründet

[2] Hier wird Gn 22, 18; 26,4 zitiert

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der erste Jünger Jesu
Untertitel
Exegetische Betrachtungen zur Petrusüberlieferung und die Analyse der historisch archäologischen Zeugnisse für Petri Martyrium in Rom
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Katholische Theologie)
Veranstaltung
Proseminar: Bibelkunde Neues Testament
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V154510
ISBN (eBook)
9783640673896
ISBN (Buch)
9783640674251
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jünger, Exegetische, Betrachtungen, Petrusüberlieferung, Martyrium, Petrus, Rom, Exegese, Neues, Testament, Jesus, Archäologisch, Grab
Arbeit zitieren
Marlen Bonke (Autor), 2007, Der erste Jünger Jesu , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154510

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