Aggression in der Schule - Ursachen, Bedingungen und Perspektiven


Examensarbeit, 2008
70 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen und Begriffsbestimmungen

3. Theorien zur Erklarung aggressiven Verhaltens
3.1 Triebtheorien der Psychoanalyse
3.1.1 Der Todestrieb bei Freud
3.1.2 Vergleichende Verhaltensforschung
3.2 Frustrations-Aggressions-Theorie
3.3 Lerntheorien
3.3.1 Klassische Konditionierung
3.3.2 Imitationslernen - Lernen am Modell
3.3.3 Operante Konditionierung
3.3.4 Soziales Lernen
3.4 Zwischenfazit

4. Motivation fur Aggressionen
4.1 Arger-Aggression
4.2 Instrumentelle Aggression
4.3 Angstmotivierte Aggression
4.4 Ausdrucksformen der Aggression
4.5 Zwischenfazit

5. Ursachen und Bedingungen von Aggressionen
5.1 Familie
5.2 Peer-Groups
5.3 Medien
5.4 Zwischenfazit

6. Aggressionen im Schulkontext
6.1 Die Lehrerrolle im Aggressionszusammenhang
6.2 Aggressionsubertragung
6.3 Permissivitat
6.4 Zwischenfazit

7. Perspektiven einer aggressionsmindernden Padagogik
7.1 Lehrer- Schuler Beziehung: Wertschatzung, Kommunikation
7.2 Klassenklima
7.3 Das Konstanzer Trainingsmodell
7.4 Handlungskompetenzen fur den Umgang mit Aggressionen
7.5 Was kann ein Lehrer in einer akuten Gewaltsituationen tun?
7.6 Praventionsprogramme

8. Fazit
8.1 Ausblick

Abbildungsverzeichnis

Internetquellen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir mussen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit gepragt ist von Aggressivitat, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenuber. [...] Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wachst: Turen werden eingetreten, Papierkorbe als FuBballe missbraucht, Knallkorper gezundet und Bilderrahmen von den Flurwanden gerissen. [...] Wir sind ratlos. "[1]

Es war ein verzweifelter Hilferuf, den das Lehrerkollegium der Rutli-Schule im Februar 2006 an den Berliner Senat richtete. In einem offenen Brief schilderten sie die Zustande, die an der Hauptschule im Bezirk Neukolln herrschten. Die Schuler[2] seien desinteressiert und gewaltbereit, gerade auch gegenuber den Lehrkraften. Die Angst einzelner Kollegen gegen Ubergriffe ginge gar soweit, dass sie sich nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen trauten, um im Ernstfall Hilfe rufen zu konnen.

Die zugespitzte Situation der Rutli-Schule und die Hilflosigkeit der Padagogen schlugen bundesweit hohe Wellen. Wochenlang war das Thema „Gewalt in der Schule" in aller Munde. Politiker diskutierten uber mogliche Reformen des Schulsystems, viele Medien stellten die Schule in Neukolln als Paradebeispiel fur das Scheitern der Hauptschule dar. Der Name „Rutli" stand dabei als Symbol fur den Worst Case, fur die Eskalation von angestauten Aggressionen und Gewalt.

In den Medien hat das Thema Schulgewalt auch zwei Jahre nach Rutli nach wie vor einen hohen Stellenwert. Die hohe mediale Prasenz lasst manchmal den Eindruck entstehen, dass die Gewaltbereitschaft deutlich hoher ist, als es fruher der Fall war. Ob die Aggression an Schulen aber tatsachlich zugenommen hat, ist schwer zu beurteilen, da die Zahl zuverlassiger statistischer Erhebungen gering ist.

Eine dieser Untersuchungen stammt vom Bundesverband der Unfallkassen. Der Verband untersucht jeden Unfall an Schulen, der Folge aggressiven Verhaltens zwischen Schulern war und bei denen ein Arzt aufgesucht werden musste. Die Ergebnisse zeigen, dass die physische Aggression an Schulen in den letzten zehn Jahren abgenommen hat. Zudem konnte keine Zunahme der Brutalitat wahrend den Auseinandersetzungen festgestellt werden.[3] Nach Einschatzung der Autoren gibt es fur die gegenwartige Dramatisierung keine Basis.

Diese Untersuchung widerspricht also den gangigen Medienberichten. Das Problem des aggressiven Verhaltens in Schulen scheint nicht so weit verbreitet und dramatisch zu sein, wie die Fulle der Presseberichte es erscheinen lasst. Entsprechend der Agenda-Setting Theorie[4] nimmt das Thema aber durch die hohe Medienzuwendung einen erheblichen Stellenwert in der Aufmerksamkeit der Offentlichkeit ein.

Ohne Zweifel ist die Aggressionsproblematik eine wichtige Angelegenheit im Alltag vieler Lehrer. Die Schule ist ein Ort, an dem aggressive Verhaltensweisen nicht ausbleiben. Hier trifft eine Vielzahl unterschiedlicher Schuler aufeinander, hier werden Meinungsverschiedenheiten ausgetragen, die manchmal in korperlichen Auseinandersetzungen munden. Vielen Padagogen bereitet es Sorgen, dass verbale Attacken, wie gegenseitige Beschimpfungen, Beleidigungen und Herabsetzungen unter Schulern den alltaglichen Kommunikationsstil in den Schulen pragen.

Auch ich personlich habe bei meiner Arbeit an einer Kieler Realschule Erfahrungen mit den Auswirkungen von Aggressionen in der Schule gemacht. Seit November letzten Jahres unterrichte ich zweimal in der Woche Schuler einer funften Klasse, die einen Migrationshintergrund haben. In dieser Klasse fiel besonders ein Schuler durch sein aggressives Verhalten gegenuber Mitschulern auf. Sein Verhalten sorgte oft fur eine suboptimale Lernumgebung. Einige Mitschuler lieGen sich mitreiGen, waren abgelenkt und nicht auf das Wesentliche konzentriert. Ich als Lehrkraft habe festgestellt, dass sich meine Aufmerksamkeit auf den storenden Schuler richtete und ich ihn oft in den Mittelpunkt gestellt habe.

Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie sehr einzelne Schuler das schulische Geschehen mit ihrem aggressiven Verhalten beeinflussen konnen. Der Unterricht verlor dabei an Qualitat und die anderen Schuler waren die Leidtragenden. Aufgrund dieser Eindrucke begann ich nach Wegen zur Aggressionsverminderung zu suchen. Um das Verhalten des Schulers besser nachvollziehen zu konnen und um meinen angestrebten Beruf als Lehrerin besser ausuben zu konnen, habe ich mich fur das Thema „Aggression in der Schule" als Gegenstand dieser Examensarbeit entschieden.

Diese Arbeit beschaftigt sich mit der folgenden Leitfrage: Inwiefern konnen Lehrer padagogisch darauf einwirken, Aggression bei Schulern zu vermindern?

Um diese Frage beantworten zu konnen, wird zunachst in Kapitel 2 auf die Problematik des Aggressionsbegriffes eingegangen und eine Definition als Grundlage dieser Arbeit vorgestellt. AnschlieGend sollen in Kapitel 3 die Theorien zur Erklarung aggressiven Verhaltens betrachtet werden, um die Moglichkeiten der Aggressionsentstehung aufzuzeichnen. In Kapitel 4 werden Motivationen fur Aggressionen genannt. Dieser wichtige Aspekt kann in Hinblick auf die Aggressionsverminderung von grower Bedeutung sein, da hier die Ansatzpunkte liegen, die Ausloser zu vermindern. Die Ursachen und Bedingungen von Aggression werden in Kapitel 5 aufgezeigt. Dieses Kapitel soll einen kurzen Einblick in die Bedeutung der auGerschulischen Faktoren liefern, da diese Aggressionen mit bedingen konnen. Kapitel 6 setzt sich mit Aggressionen im Schulkontext auseinander. Hier wird die Lehrkraft in den Mittelpunkt gestellt und Aspekte gezeigt, die Aggressionen, auch aufgrund des Fehlverhaltens der Lehrkraft, ermoglichen. Im folgenden Kapitel 7 werden Perspektiven zur Aggressionsverminderung genannt. Handlungskompetenzen fur den Umgang mit Aggressionen sowie Einflussmoglichkeiten zur Aggressionsverminderung in Form einiger ausgewahlter Praventionsprogramme bilden somit das Abschlusskapitel, dem dann Fazit und Ausblick folgen.

In dieser Arbeit werden Aggressionen betrachtet, die wahrend der Schulzeit zwischen Schulern oder zwischen Schulern und einem Lehrer auftreten, da hier der Einflussbereich des Lehrers am groGten ist. Zeiten auGerhalb, etwa der Schulweg, sollen ausgespart werden. Des Weiteren findet Aggression, die zwischen anderen am Schulgeschehen beteiligten Personen auftritt - beispielsweise zwischen Eltern und Lehrern oder zwischen Lehrern und Lehrern - keine Beachtung, da sich die Ausfuhrung zur Aggressionsverminderung groGtenteils an den Lehrer richtet. Zwischen den einzelnen Schulformen soll nicht differenziert werden. Zwar ist die Haufigkeit von Aggressionen an Hauptschulen groGer als an einem Gymnasium (vgl. Tillmann 1997, S. 16), die Handlungsstrategien, die ein Lehrer zur Verminderung von Aggressionen einsetzen sollte, gelten aber fur jede Schulart gleichermaGen.

Die Literaturlage zum Thema ist insgesamt als sehr gut zu bezeichnen. Es gibt viele bekannte Theorien zur Aggressionsforschung, die im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden. Die erziehungswissenschaftliche Forschung diskutierte bereits in den 70er Jahren ausfuhrlich uber die Aggressionsproblematik an Schulen und in den 90er Jahren gewann das Thema „Aggression / Gewalt an Schulen" erneut an Aufmerksamkeit, diesmal bedingt durch eine Fulle von Zeitungsartikeln sowie Radio- und Fernsehberichten. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch auf wenige Forschungsbefunde zuruck gegriffen werden, was sich seit Mitte der 90er Jahre relativierte. Gegenwartig gibt es viele verschiedene empirische Untersuchungen, so dass sich ein interdisziplinares Forschungsfeld etabliert hat. In diesen Studien werden oft Schulerbefragungen durchgefuhrt. Die Ergebnisse dieser Befragungen konnen aufgrund von jugendtypischer Unter- oder Ubertreibung Verzerrungen aufweisen. Ebenso verhalt es sich mit der Lehrer- oder Schulleiterbefragung. Ihnen kann eventuell eine bessere Beurteilungsfahigkeit unterstellt werden, aber auch diese Resultate folgen der subjektiven Wahrnehmung und Interpretationen der Befragten.

In der Literatur sind eine Vielzahl verschiedener Programme zur Pravention und Intervention im Kindes- und Jugendalter entwickelt worden, die sich direkt auf den Schulalltag beziehen.

2. Definitionen und Begriffsbestimmungen

Zu Beginn dieser Arbeit ist es wichtig, die beiden Begriffe Gewalt und Aggression voneinander abzugrenzen und somit eine einheitliche Verstandigungsbasis zu schaffen. Das ist besonders deswegen notwendig, weil beide Begriffe sowohl im alltaglichen Sprachgebrauch als auch in der Fachliteratur haufig zur Beschreibung ahnlicher Phanomene verwendet werden und deshalb oft als austauschbare Begriffe verstanden werden.

Brundel und Hurrelmann gehen soweit, dass sie die Unterschiede zwischen beiden Begriffen aufheben:

„Aggression und Gewalt sind wissenschaftliche und umgangssprachliche Begriffe fur dieselben Vorgange, wobei der Begriff Gewalt den der Aggression wegen seiner groGeren Anschaulichkeit mehr und mehr verdrangt." (Brundel/Hurrelmann 1994, S. 13).

Wegen der begrifflichen Unscharfe werden oftmals auch aggressives und gewalttatiges Verhalten nicht mehr unterschieden, Ungenauigkeiten und Missverstandnisse entstehen.

Neubauer stellt dar, dass das Verhaltnis beider Begriffe historisch betrachtet eigentlich ein hierarchisches ist: „Von der wissenschaftlichen Tradition her ist der Aggressionsbegriff dem Gewaltbegriff ubergeordnet" (Neubauer 1999, S. 120). Dieses hierarchische Verhaltnis soll auch im weiteren Verlauf dieser Arbeit angenommen werden. Betrachtet man verschiedene Definitionen der Begriffe, wird noch deutlicher, dass Gewalt eine mogliche Ausdrucksform von Aggressionen ist.

Der Begriff Aggression leitet sich vom lateinischen Wort „adgredi" ab, was so viel wie „herangehen" oder „zuwenden" bedeutet (Krall 2004, S. 10). In der psychologischen Forschung wird der Aggressionsbegriff unterschiedlich weit gefasst. Der weite Begriff schlieGt jede gerichtete, offensichtliche Aktivitat ein, beispielsweise auch positive Aktivitaten wie Selbstbehauptung und tatkraftiges Handeln. Im engeren Sinn ist Aggression negativ besetzt und beschrankt sich auf zielgerichtetes Schadigen, etwa das Bedrohen oder Verletzten anderer Menschen. Dabei ist die Absicht ein entscheidender Punkt. Aggression wird definiert als „Nicht versehentliches bzw. absichtsvolles Verhalten mit dem Ziel, eine andere Person, sich selbst oder einen Gegenstand zu schadigen" (Werth/Mayer 2008, S. 440). Der enge Aggressionsbegriff umfasst verschiedene Verhaltensweisen, die wiederum unterteilt werden konnen in korperliche Aggression (korperliche Attacken, Verletzungen, Beschadigungen), in verbale Aggression (Vorwurfe, Diffamierungen, Beleidigungen) sowie in psychische Aggression (Geringschatzung, Ignorant und Ausgrenzung) (Lin 2004, S. 408).

Nach Lin hat Aggression zwei verschiedene Ausdrucksformen, aggressives Verhalten und aggressive Gefuhle. Beide mussen nicht zwangsweise miteinander einhergehen. So kann eine Person durchaus aggressive Gefuhle hegen, ohne dass sie diese in aggressivem Verhalten auslebt (vgl. Lin 2004, S. 408). Aggression muss also nicht zwangsweise auch wirklich zu aggressivem Verhalten fuhren. Aggressives Verhalten ist nur eine Moglichkeit zum Abbau von Aggressionen. Alternativ kann es beispielsweise auch zu Ersatzhandlungen oder Resignation kommen.

Abbildung 1: Mogliche Folgen von Aggression

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anders herum muss nicht unbedingt Aggression der Ausloser fur das aggressive Verhalten sein, das eine Person zeigt. Auch andere Emotionen und Motivationen konnen fur aggressives Verhalten verantwortlich sein. Mitgefuhl kann beispielsweise dazu fuhren, dass man aggressives Verhalten einsetzt, um jemanden zu verteidigen.

Abbildung 2: Mogliche Ausloser aggressiven Verhaltens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Wort Gewalt hat indogermanische und althochdeutsche Wurzeln, die die Bedeutung „stark sein, beherrschen, Macht ausuben" umschreiben (Krall 2004, S. 10). Der Begriff Gewalt wird in dieser Arbeit der Definition nach Hurrelmann folgend als korperliche Aggression verstanden, „bei der ein Mensch einem anderen Menschen Schaden mittels physischer Starke zufugt" (Palentien/Hurrelmann/Oerter 1997, S. 7). Inhaltlich bezieht sich die Gewalt auf „alle unmittelbar auf die andere Person gerichteten Einwirkungen, die von Schubsen uber leichte Schlage bis zu schweren Verletzungen reichen" (Neubauer 1999, S. 120ff.).

Der Gewaltbegriff kann allerdings noch weiter differenziert werden. Einige Autoren orientieren sich an der Unterscheidung des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung, der zwischen personaler und struktureller Gewalt unterscheidet. Die personale Gewalt entspricht der korperlichen Gewalt, die direkt an einer Person erfolgt. Strukturelle Gewalt erleiden Individuen durch die situativ ungleiche Machtverteilung in einer Gesellschaft. Strukturelle Gewalt ist die Gewalt, die keinen eigentlichen Akteur hat und in den strukturellen Bedingungen des Gesellschaftssystems oder des Systems Schule liegt (vgl. Hinsch et al. 1998a, S. 13). Galtung meint damit die stille Unterdruckung von Menschen durch ein System sozialer Ungerechtigkeit (vgl. Neubauer 1999, S. 121). Strukturelle Gewalt wird als Benachteiligung eines Individuums betrachtet, die durch ungleiche Lebenschancen oder durch gesellschaftlich- institutionell festgelegte Bedingungen entsteht, ohne dass ein personaler Akteur in Erscheinung treten muss.

Folgende Arbeitsdefinitionen sollen fur diese Arbeit gelten: Aggression ist die zielgerichtete, absichtliche Schadigung einer Person mit korperlichen, verbalen oder psychischen Mitteln. Gewalt ist die physische Schadigung einer anderen Person, sie ist ein Unterbegriff der Aggression.

3. Theorien zur Erklarung aggressiven Verhaltens

Die interdisziplinare Aggressionsforschung liefert vielfaltige theoretische Erklarungsansatze zu Phanomenen der Aggression. Aggression kann durch artspezifische, angeborene, genetische Erbfaktoren ausgelost werden, genauso wie durch kulturelle Einwirkungen und gesellschaftliche Strukturen. Auch psychologische Faktoren, Strukturen des Zentralnervensystems und Hormone konnen Aggressionen auslosen. Die Ursachen und Wirkungen von Aggressionen sind derart vielfaltig, das sich die unterschiedlichsten Fachgebiete mit der Erforschung von Aggression beschaftigen: Biologie und Medizin ebenso wie Psychologie, Soziologie oder Padagogik, um nur einige zu nennen (vgl. Hacker 1973, S. 97).

Vielfaltig sind auch die Erklarungsansatze zur Entstehung von Aggressionen. Nachdem im letzten Kapitel der Aggressionsbegriff geklart wurde, soll dieses Kapitel nun verschiedene dieser Ansatze darstellen. Dabei beziehen sich die Theorien in unterschiedlicher Weise auf personenbezogene Merkmale (erlerntes Verhalten, eigene Gewalterfahrung), auf sozial-situative Komponenten (Frustration, Bedrohung, Stress) und auf angeborene Eigenschaften.

In der Psychologie stehen sich zwei Theoriegruppen gegenuber. Die eine umfasst die Instinkt- und Triebtheorie und wird in Abschnitt 3.1 naher vorgestellt. Die andere Gruppe beinhaltet verschiedene, sich erganzende lerntheoretische Ansatze, die in Abschnitt 3.2 naher erlautert werden. Die dritte Sichtweise, die Frustrations-Aggressions-Theorie, ist zwischen diesen beiden Theoriegruppen anzusiedeln.[5] Die Frustrations-Aggressions-Theorie wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit die haufigste Verwendung finden und in Abschnitt 3.3 dargestellt.

3.1 Triebtheorien der Psychoanalyse

3.1.1 Der Todestrieb bei Freud

In dem Aufsatz „Das Unbehagen in der Kultur" beschreibt Sigmund Freud die „angeborene Neigung des Menschen zum Bosen, zur Aggression, Destruktion und damit zur Grausamkeit". Freud stellte in seinen Publikationen mehrere Triebtheorien auf. 1905 sowie 1915 schrieb er vom Dualismus der Libido (Sexualtrieb) und den Ichtrieben (Selbsterhaltungstriebe). 1920 ordnete Freud die Selbsterhaltungstriebe der Libido zu und sprach nun von einem Lebenstrieb (Eros) und dem Todestrieb (Destrudo) (vgl. Freud 1930, S. 479).

Laut Freuds Triebtheorie verhilft der Erostrieb dem Menschen, „die lebende Substanz zu erhalten und zu immer groGeren Einheiten zusammenzufassen" (Freud 1930, S. 477), wobei der Todestrieb, „diese Einheit aufzulosen und in den uranfanglichen anorganischen Zustand zuruckzufuhren strebe" (Freud 1930, S. 477). Das eigentliche Ziel des Todestriebes ist die Selbstvernichtung. Damit der Mensch mit diesem Trieb leben kann, gibt es, laut Freud, den Aggressions- oder Destruktionstrieb, der eine abgelenkte Form des Todestriebes ist. Nachdem der Todestrieb sich zunachst nach innen wendet und Selbstdestruktion anstrebt, wird er dann sekundar nach auGen gerichtet und als Form des Aggressions- und Destruktionstriebes ausgelebt (vgl. Nolting 1994, S. 45).

3.1.2 Vergleichende Verhaltensforschung

Die Ethologie, also die vergleichende Verhaltensforschung, befasst sich in erster Linie mit tierischem Verhalten. Allerdings sehen viele ihrer Vertreter darin einen Zugang zum Verstandnis des Menschen. Konrad Lorenz veroffentlichte 1963 ein Buch uber Aggression „Das sogenannte Bose", das in der folgenden Erorterung im Vordergrund steht.

Konrad Lorenz und dessen Schuler Irenaus Eibl-Eibelsfeldt fuhren Aggression auf einen biologischen Trieb zuruck. Im Organismus gabe es eine angeborene Quelle, die spontan und fortwahrend aggressive Impulse produziert. Diese Impulse mussten ausgelebt werden, da sie andernfalls zur seelischen Zerstorung des Organismus fuhren (Nolting 1994, S. 41). Lorenz formuliert die Bedeutung der Lehre des Aggressionstriebes folgendermaGen:

„Gerade die Einsicht, daG der Aggressionstrieb ein echter, primarer arterhaltender Instinkt ist, lasst uns seine volle Gefahrlichkeit erkennen: Die Spontaneitat des Instinktes ist es, die ihn so gefahrlich macht. Ware er nur eine Reaktion auf bestimmte AuGenbedingungen, was viele Soziologen und Psychologen annahmen, dann ware die Lage der Menschheit nicht ganz so gefahrlich, wie sie tatsachlich ist" (Lorenz 1963, S. 70).

Lorenz geht in Anlehnung an Sigmund Freud davon aus, dass der menschliche Organismus fortwahrend aggressive Impulse erzeugt. Diese stauen sich solange auf, bis eine bestimmte Schwelle uberschritten wird und in aggressiven Handlungen zur Entladung kommt. Nach dieser Abreaktion herrscht solange Ruhe, bis wieder ein gewisser Druck nach dem „Dampfkesselprinzip" erreicht ist. Meistens fuhrt ein auGerer Anlass zur aggressiven Abreaktion. Im Extremfall kann es nach Lorenz auch ohne auGere Ausloser zur aggressiven Handlung kommen. Diese wird dann als Leerlaufreaktion bezeichnet (vgl. Heinemann 1996, S. 15). Im Unterschied zu Freuds selbstvernichtendem Todestrieb hat der Trieb bei Tieren laut Lorenz einen arterhaltenden Sinn. Hierin unterscheiden sich Freuds Theorie und Konrad Lorenz Gedanken.

3.2 Frustrations- Aggressions- Theorie

Die Frustrations-Aggressions-Theorie gehort zu den Emotionstheorien. Dollard et al. veroffentlichten 1939 ein Buch, das die popularste Vorstellung der Aggressionsentstehung lieferte und den eigentlichen Beginn der empirisch- experimentellen Aggressionsforschung markierte. Die funf beteiligten Wissenschaftler der Yale-Universitat behaupteten, dass eine strenge Kopplung zwischen Frustration und Aggression besteht. Sie stellten die beiden folgenden Thesen auf:

1. Aggression ist immer eine Folge von Frustration.
2. Frustration fuhrt immer zu einer Form von Aggression (Dollard et al. 1994, S. 9).

Aggression wird dabei durch aggressive Impulse verursacht, die nicht spontan, sondern als Reaktion auf storende, unangenehme Ereignisse, als sogenannte Frustrationen entstehen. Sind sie einmal aufgetaucht, mussen sie sich in irgendeiner Form von Aggression auGern (vgl. Dollard et al. 1994, S. 10ff.).

In empirischen Untersuchungen konnte die Theorie von Dollard allerdings nicht verifiziert werden. Es zeigte sich, das der Aggression nicht zwangsweise eine Frustration vorausgehen muss, die absolute Einschrankung „immer" stellte sich als unzutreffend heraus. Entscheidend ist vielmehr, wie das Individuum die Situation subjektiv empfindet. Aus diesem Grund wurde die ursprungliche Frustrations-Aggressions-Theorie modifiziert und neu formuliert: „Frustrationen rufen die Tendenz zu einer Reihe verschiedener Reaktionen hervor. Eine davon ist die Tendenz zu irgendeiner Form aggressiven Verhaltens" (vgl. Hinsch et al. 1998a, S. 24).

Fur das Verstandnis der Theorie ist es notwendig zu verstehen, was genau Frustrationen sind. Frustration liegt dann vor, wenn ein zielgerichtetes Verhalten gestort wird. Entscheidend ist dabei, dass bereits eine Bewegung in Richtung des Ziels begonnen wurde. Diese Bewegung muss keine korperliche, also sichtbare sein. Befasst sich eine Person gedanklich mit dem Ziel und richtet sie ihre Aufmerksamkeit in diese Richtung, liegt bereits eine innerlich vollzogene Handlungsorientierung vor (vgl. Nolting 1994, S. 60ff.). Je groGer die subjektive Motivation ist, das Ziel zu erreichen, desto groGer ist demnach die Frustration, wenn durch irgendeine Form der Blockade das Ziel nicht erricht werden kann (vgl. Hurrelmann/Brundel 2007, S. 37).

Hans-Peter Nolting (vgl. Nolting 1994, S. 62ff.) geht noch einen Schritt weiter und untergliedert die Moglichkeiten, durch die Frustrationen entstehen, in drei Klassen. Frustrationen entstehen demnach

1. durch Hinderungen, welche die Erreichung einer zielgerichteten Aktivitat storen,
2. durch Entbehrungen oder Mangelzustande, wie beispielsweise Nahrungsentzug oder emotionale Vernachlassigung,
3. durch Provokationen, etwa Ereignisse wie Angriffe oder Belastigungen.

Der ursprungliche biologische Sinn von Frustrationen ist die Aktivierung des Organismus. Durch diese Alarmreaktion wird das Individuum auf die Bewaltigung von Hindernissen und Gefahren vorbereitet. Dem Organismus werden also fur den Fall einer notwendigen Flucht oder eines Kampfes notwendige Energien zugefuhrt (Nolting 1994, S. 74ff.). Die durch Frustration ausgeloste Aktivierung kann sich nur in solchen Verhaltensweisen auGern, die die Person in ihrem „Verhaltensrepertoire" gespeichert hat. Sollten sich diese aggressiven Verhaltensweisen in zwischenmenschlichen Konflikten als nutzlich erweisen, etwa das Schreien in einem Streit, wird die Person es haufiger einsetzen (vgl. Nolting 1994, S. 74f.). Das aggressive Verhalten kann so zu einer Gewohnheit werden (wie im Kapitel 3.2 noch zu zeigen ist).

Trotz des breiten Erklarungsansatzes, den die Frustrationstheorie bietet, muss klar gestellt werden, dass nicht jede Form der Aggression auf Frustration zuruckgefuhrt werden kann. Frustrationen geben zwar Anreize und erhohen die Wahrscheinlichkeit von Aggression, fuhren aber nicht zwangslaufig auch zu aggressiven Handlungen. Genau so gut kann eine frustrierte Person mit Ruckzug oder Vermeidungsverhalten reagieren, ebenso wie mit konstruktiven Bewaltigungsversuchen, die als Folge einer Frustration auftreten konnen (vgl. Abbildung 3, S. 15).

Die folgende Tabelle soll abschlieGend einen vereinfachten Uberblick der Frustrations-Aggressions-Theorie geben und zeigen, dass Frustration nicht zwangslaufig Aggression zur Folge hat.

Abbildung 3: Frustrations-Aggressions-Theorie im Uberblick

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Erstellung in Anlehnung an Gratzer 1993,S.13.

3.3 Lerntheorien

Lern- und Lehrprozesse sind bei der Entwicklung einer Person samt ihrer sozialen, psychischen und geistigen Fahigkeiten und Verhaltensweisen unerlasslich. Die empirische Lernforschung mit ihren Hauptvertretern Pawlow, Skinner und Bandura ist sich grundsatzlich einig, dass Lernprozesse auch bei der Auslosung aggressiver Handlungen eine bedeutende Rolle spielen (vgl. Martin/Martin 2003, S. 56).

Neben der Frustrations-Aggressions-Theorie kann aggressives Verhalten also auch mit den Lerntheorien erklart werden. Aggression kann demnach als angeeignete und fest verankerte Reaktion auf erregende Ereignisse verstanden werden. Das aggressive Verhalten entsteht nicht durch eine Frustration sondern wird, wie anderes Verhalten auch, durch Lerngesetze bestimmt (vgl. Nolting 1994, S. 42). Die drei klassischen Lerntheorien sollen im Folgenden vorgestellt und dahingehend betrachtet werden, inwiefern sie als Erklarung fur aggressives Verhalten gelten:

a) Klassische Konditionierung nach Pawlow, auch als Signallernen bekannt, wird in Abschnitt 3.3.1 vorgestellt,
b) Abschnitt 3.3.2 widmet sich dem Imitationslernen nach Bandura, auch „Lernen am Modell" genannt,
c) Operante Konditionierung nach Skinner, auch als „Lernen am Erfolg und Misserfolg" oder Verstarkungslernen bekannt, soll in Abschnitt 3.3.3 dargestellt werden.

Zudem wird in Abschnitt 3.2.4 das Soziale Lernen und sein Einfluss auf die Entstehung von Aggressionen vorgestellt. Das Soziale Lernen zahlt zwar nicht zu den klassischen Lerntheorien, sondern es stellt vielmehr eine Sonderform des Lernens am Modell dar. Da das Soziale Lernen aber in der Schule haufig praktiziert wird, soll es an dieser Stelle mit einbezogen werden.

3.3.1 Klassische Konditionierung

Iwan Petrowitsch Pawlows beruhmte Forschungsarbeit uber Klassische Konditionierung ist „durch den Speichelfluss beim Hund durch die Ubertragung der Reizqualitat des Futters auf einen Glockenton" (Martin/Martin 2003, S. 56), den so genannten Pawlowschen Hund beruhmt geworden. Bei der klassischen Konditionierung erlernt ein Individuum auf einen bestimmten Schlusselreiz hin, eine feste Reaktion zu zeigen. Das Zeigen einer Handlung wird so an einen Stimulus gekoppelt. In Pawlows Fall erlernte der Hund, dass beim Ertonen der Glocke (Schlusselreiz) Futter ausgegeben wurde und reagierte daher mit erhohtem Speichelfluss (Handlung). Auch die Sprache kann als solcher Stimulus dienen, wie sowjetische Wissenschaftler ausgehend von Pawlow feststellten. So wurde erkant, dass verbale Signale auch benutzt werden konnen, um emotionale Reflexe wie Aggression hervorzurufen. Anwendung findet dies etwa beim Militar, um bei den Soldaten Aggression hervorzurufen und einzuuben (vgl. Martin/Martin 2003, S. 57).

In der Aggressionsforschung wird die Klassische Konditionierung als Erklarung fur einige Arger/Wut-Reaktionen herangezogen. So kann erlernt werden, dass bei einem bestimmten verbalen Stimulus Aggressionen entstehen. In einer Schulklasse ware folgendes Beispiel denkbar: Wurde ein Schuler in der Vergangenheit haufig von einer Person geargert, kann dessen Anblick oder das Aufrufen seines Namens aggressive Gefuhle gegen diese Person auslosen.

[...]


[1] http://www.ruetli-oberschule.de/downloads/iie3.1schulsituation.doc (Zugriff am 07.08.08)

[2] In der Arbeit wird sprachlich nicht zwischen Schulerinnen und Schulern bzw. zwischen Lehrerinnen und Lehrern unterschieden, sondern die vereinfachende mannliche Sprachform verwand.

[3] http://www.ism-mainz.de/Evaluation-Schulmediation/_pdf/Abschlussbericht_Web.pdf (Zugriff am 16.07.08)

[4] Die Agenda- Setting Theorie bezieht sich auf die Thematisierungsfunktion der Medien. Offentliche Meinungen werden durch die Schwerpunktsetzung bestimmter Themen in den Massenmedien beeinflusst (Neubauer et al. 1999, S. 120).

[5] Zugunsten der drei wichtigsten Hauptgruppen wird auf die Darstellung kleiner psychologischer Zusatztheorien verzichtet.

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Aggression in der Schule - Ursachen, Bedingungen und Perspektiven
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
70
Katalognummer
V155747
ISBN (eBook)
9783640687206
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Schule ist ein Ort, an dem aggressive Verhaltensweisen nicht ausbleiben. Hier trifft eine Vielzahl unterschiedlicher Schüler aufeinander, hier werden Meinungsverschiedenheiten ausgetragen, die manchmal in körperlichen Auseinandersetzungen münden. Vielen Pädagogen bereitet es Sorgen, dass verbale Attacken, wie gegenseitige Beschimpfungen, Beleidigungen und Herabsetzungen unter Schülern den alltäglichen Kommunikationsstil in den Schulen prägen. Aufgrund dieser Eindrücke begann ich nach Wegen zur Aggressionsverminderung zu suchen.
Schlagworte
Aggression, Schule, Ursachen, Bedingungen, Perspektiven
Arbeit zitieren
Kathrin Münster (Autor), 2008, Aggression in der Schule - Ursachen, Bedingungen und Perspektiven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155747

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