Satire darf alles - Aber kann sie es auch?

Über die Wirkmächtigkeit von Satire


Diplomarbeit, 2010
72 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung
2.1. Ausgangslage
2.2. Was ist Satire?

3. Die publizistische Satire in Deutschland
3.1. Simplicissimus
3.2. Pardon
3.3. Titanic
3.4. Deutung

4. Der Umgang mit Satire -Analogien
4.1. Kirche und Konsequenzen
4.2. Vom Strafrecht zum Zivilrecht
4.3. Staat vs. Satiriker
4.4. Deutung

5. Moderne Turbosatire - Die neue Form
5.1. Der Bestechungsskandal
5.2. Die Partei

6. Abschlie ßende Würdigung

7. Anhang
7.1. Quellenverzeichnis
7.2. Interviews

1. Vorwort

Die Satire als journalistische und künstlerische Darstellungsform hat eine lange Tradition in der europäischen Kulturgeschichte. Zur Zuspitzung genutzt, zur Meinungsmache missbraucht - immer aber polarisierend und zur Diskussion anregend, spielte diese Form seit jeher eine Rolle im gesellschaftlichen Diskurs vieler Generationen. Ob diese Aussage auch im Jahre 2010 noch von aktueller Bedeutung ist, damit beschäftigt sich der Autor in der vorliegenden Arbeit.

2. Einleitung

"Satire hat mit Aufklärung zu tun, Satire dient der Aufklärung, denn sie will ja durch Spott, Ironie oder Übertreibung bestimmte Personen, Anschauungen, Ereignisse oder Zustände kritisieren oder verächtlich machen. Satire folgt den gleichen Prinzipien der Aufklärung, denn sie will - und sie soll - unterhalten und nützlich sein. Satire enthält also eine zumeist ernste Botschaft, aber die bittere Medizin wird süß verpackt: Satire ist der Humor, bei dem man trotzdem lacht." (Klaus Hübner, Lichtenberg-Gesellschaft)

Dieses Zitat des Geschäftsführers der Lichtenberg-Gesellschaft macht klar, worum es der und in der Satire geht: Satire ist keine Witzform, derer sich die gängigen Comedyformate dieser Tage bedienen. Nein, Satire will mehr sein als ein belustigendes Handwerk. Sie will gesellschaftliche Missstände aufdecken, persönliche und fachliche Schwächen bei Entscheidungsträgern deutlich machen und - ganz allgemein formuliert - Zustände kritisieren. "Unterhalten und nützlich sein" eben. Kurt Tucholsky, lange Jahre Autor der ersten deutschen Satirezeitschrift SIMPLICISSIMUS, sagte so in seinem bekanntesten Zitat zum Thema Satire „Satire darf alles“.1

2.1. Ausgangslage

Mit dem Einsetzen des Comedybooms in Deutschland - der Publizist Klaus Cäsar Zehrer datiert diesen auf Anfang der 1990er Jahre - hat eine starke Verschiebung des öffentlichen Interesses weg von der hintersinnigen Form der Satire hin zur sog. „reinen Komik“ stattgefunden.2

Martin Sonneborn, langjähriger Chef-Redakteur der Zeitschrift "TITANIC" und eines der Gesichter der jüngeren deutschen Satire- Geschichte, konstatierte in seiner Magisterarbeit zum Thema "Das Satiremagazin TITANIC" 1994, dass Satire zu jener Zeit wirkungslos gewesen sei beziehungsweise ihre Breitenwirkung verloren habe. Dies versuchte Sonneborn einerseits anhand von Auflagenzahlen nachzuweisen, andererseits aber auch durch fehlende Reaktionen auf die Versuche der Satiriker jener Tage, Reibung zu erzeugen und damit - folgt man dem Zitat von Klaus Hübner - Relevanz herzustellen.3

Glaubt man Sonneborn und anderen,4, so hat die Satire ihren Einfluss zu Gunsten der reinen Komik verloren.

Am Anfang dieser Arbeit stehen daher zwei Fragen:

a) Ist Satire tatsächlich in der Lage gewesen, Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen?
b) Wie lässt sich "Einfluss" nachweisen?

Die erste Frage hat ein nicht namentlich genannter Autor der Satirezeitschrift PARDON 1966 beantwortet:

„Das Blatt war nicht nur lustig, sondern auch linksintellektuell und zersetzend (...). Der Bazillus „Aufklärung“ ist, nach jahrhundertelangem Daseinskampf, widerstandsfähig geworden. (...) In der jungen Generation des Deutschland nach dem Krieg hat Bewusstseinsbildung eine große Chance. Denn unter diesem Rubrum möchte die Redaktion ihre „Zersetzungsarbeit“ verstanden wissen: die scharfe politische Polemik wie die Verunsicherung von Halbbildung, den Spott über patriarchalische Mythen wie das provokante Lob dummer Institutionen. (...) Noch immer will der Satiriker, wie es so schön heißt, anprangern. Aber jetzt muß er konkret werden. (...) Wehtun (...) muß es, damit sich etwas ändert. Realsatire à la PARDON hat Wirkung, hat verändert: bisweilen sogar im Parlament.“5,6

Die zweite Frage ist methodischer Natur und bedarf daher einer schnellen Klärung noch bevor es "in medias res" geht. "Einfluss" von Kunst und anderen Geisteswerken auf gesellschaftliche Denkprozesse oder gar parlamentarische Entscheidungen lässt sich naturgemäß nur sehr schwer konkret und quantitativ nachweisen.

Wohl aber ist es möglich, Beobachtungen in richtige Relationen zu einander zu setzen. Als Beispiel dient hier die Auflagenentwicklung der Zeitschrift PARDON in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Gesellschaft und Publikation standen zu dieser Zeit mutmaßlich in einem Wechselverhältnis zu einander.

Wie angedeutet, kann es bei dieser Arbeit also nicht um reines Quellenstudium und -auswerten gehen, sondern auch darum, eigene Beobachtungen, Interpretationen und Gedanken mit einfließen zu lassen. Es gilt, sich mit der Geschichte der Satire, ihren herausragenden Persönlichkeiten und den maßgeblichen Publikationen vertraut zu machen und diese jeweils in Relation zum beschworenen Zeitgeist zu setzen.

Diese Arbeit beschäftigt sich im Kern mit der Entwicklung der Satire in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und wie sie Wirkung entfalten konnte bzw. kann. Um dies heraus arbeiten zu können und das Empörungspotenzial, das man gesellschaftlich durch satirische Publikationen und/oder Aktionen aktivieren kann, zu erkennen, muss man verstehen, wie Satire funktioniert. Daher ist es unabdingbar, die heutigen Verhältnisse in Relation zu historischen Situationen und Entwicklungen zu setzen. Folglich wird sich das zweite Kapitel - nachdem im ersten eine Begriffsklärung vorgenommen wurde - mit einem Abriss der jüngeren Satiregeschichte beschäftigen, um damit in den Hauptteil der Arbeit einzusteigen.

Es sei noch ein weiterer einführender, wenn auch nach diesen ersten Seiten eventuell obsolet gewordener Hinweis erlaubt: Diese Arbeit beschäftigt sich mit politischer Satire, nicht mit sog. Nonsenssatire. Der spätere TITANIC-Autor und Publizist Klaus Cesar Zehrer dazu: „Nonsenssatire investiert wenig Ehrgeiz darauf, Andersdenkende zum Gesinnungswandel anzustiften, sie richtet sich vornehmlich an Geistesverwandte“7. Hier muss sich aktiver Widerspruch regen, denn dies würde bedeuten, dass der politischen Satire (oder Aufklärungssatire) im Gegensatz dazu überwiegend missionarischer Aufklärungscharakter zugeschrieben werden müsste. Dies ist - das sei schon hier konstatiert - schlechterdings unhaltbar und würde der Kunstform einen zu großen Ballast aufladen. Und darum soll es in dieser Arbeit auch nicht gehen. Satire wurde schon immer von denen verstanden und konsumiert, die sich mit den inhaltlichen Tendenzen bzw. der Stoßrichtung der Aktionen/Publikationen schon vorher einverstanden erklärt hatten. Nein, die Aufklärungssatire und die Protagonisten messen ihren Einfluss nicht an den Reaktionen ihrer Anhänger sondern an denen der durch Schriften und Taten adressierten Gegner.

2.2. Was ist Satire?

Nachdem nun sowohl im Titel der Arbeit als auch im Vorwort der Begriff "Satire" prominent und inflationär eingeführt wurde, geht es in diesem ersten Kapitel darum, sich dem Begriff zu nähern und eine tragfähige, gemeinsame Arbeitsdefinition zu finden, was auf den folgenden Seiten gemeint ist, wenn es um "Satire" geht. Zunächst ist zu konstatieren, dass für "Satire" keine oder bestenfalls inadäquate Synonyme existieren. Das Wort wird also bis zum Ende dieser Arbeit strapaziert werden müssen. Ebenso sei darauf hingewiesen, dass der Autor sich zwar im Kern mit publizistischer Satire beschäftigen wird, aber durchaus immer wieder auf das politische Kabarett als satirische oder satirisch gemeinte Darstellungsform, dessen Inhalte und Protagonisten verwiesen wird. Die Begriffe „Satire“ und „Kabarett“ werden daher an gebotener Stelle synonym verwendet. Die Erlaubnis dazu ist aus dem Beitrag Erich Kästners in PARDON vom 01.09.1962 abzuleiten:

„Deshalb kam ich um ein paar Zentimeter vom Thema ab, spielte auf die Verwandtschaft von satirischer Zeitschrift und literarischem Kabarett an und skizzierte, so knapp wie lichtvoll, die Geschichte des und der deutschen Kabaretts seit 1945. Mindestens ein Dutzend solcher Kabaretts habe mit guten, ja vortrefflichen Programmen die Aufgaben der nicht-vorhandenen satirischen Zeitschriften in Stellvertretung erfüllt, und ein solches Umsatteln sei ja in der Literatur und Kunst nicht ungewöhnlich, sondern durchaus legitim.“8

Die Literatur bietet in der Frage nach einer tragfähigen, griffigen Definition nur unzureichend Hilfestellung, denn eine einfache, verbindliche Definition gibt es nicht. So konstatiert Brummack:

„Der Begriff Satire ist von irritierender Vieldeutigkeit. Er bezeichnet eine historische Gattung, aber auch ein Ethos, einen Ton, eine Absicht, sowie die in vielerlei Hinsicht höchst verschiedenen Werke, die davon geprägt sind. Mehr noch als andere Gattungsbegriffe ist er im Laufe seiner Geschichte so komplex geworden, daß er sich nicht mehr definieren läßt - es sei denn normativ oder nichtssagend allgemein.“9

Behrmann fasst in seiner Arbeit "Politische Satire im deutschen und französischen Rundfunk" verschiedene definitorische Ansätze zusammen und erarbeitet daraus folgende Arbeitsgrundlage:

„Satire umfasst die drei Komponenten Angriff, Indirektheit und Normrückbindung.

1) Satire ist Angriff, weil die gesellschaftliche Wirklichkeit aggressiv kritisiert wird; häufig ist sie die „Negation des Negativen". Satire versucht, Problematisches, Widersprüchliches und Mangelhaftes zu entlarven.
2) Satire ist indirekt, weil die Kritik ästhetisch vermittelt wird und mit den Mitteln der Verformung (als Oberbegriff für Übertreibung und Verfremdung) und mit Komik arbeitet. Brummack spricht von "verzerrender Indirektheit“.
3) Satire hat eine Normrückbindung, weil sie sich - explizit oder implizit - immer auf ein vorhandenes oder utopisches Ideal bezieht und existierende - oder drohende - Zustände oder Exzesse anprangert. Häufig ist der satirische Angriff (verdeckt) moralistisch. Ziel ist, den Rezipienten zu kritischer Reflexion und induktiver Erkenntnis zu bringen. Satire ist darüber hinaus ein provokativer Appell mit dem Ziel der Veränderung, Verbesserung oder Abschaffung.“10

Was hier abstrakt und sperrig klingt, hat der Schriftsteller Kurt Tucholsky in seinen Aufsätzen zur Satire greifbarer und kürzer formuliert. In „Politische Satire“11 sagt er:

„Der echte Satiriker, dieser Mann, der keinen Spaß versteht, fühlt sich am wohlsten, wenn ihm ein Zensor nahm, zu sagen, was er leidet. Dann sagt er’s doch, und wie er es, ohne es zu sagen - das macht schon einen Hauptteil des Vergnügens aus, der von ihm ausstrahlt.[...] Das war eine schöne Zeit, als der einzige ,SIMPLICISSIMUS´- der alter Prägung - frech war, wie die Leute damals sagten. Die satirische Opposition lag im Hinterhalt, schoß ein Pfeilchen oder wohl auch einmal ein gutes Pfuder Feldsteine aus dem Katapult ab, und wenn sich der Krämer in der Lederhose und der Ritter im starren Visier umsahen, weil sie einen wegbekommen hatten, gluckerte unterirdisches Gelächter durch den Busch: aber keiner war zu sehen.“

Aus diesen beiden Ansätzen und dem bereits im Vorwort präsentierten Gedanken, wonach es politischer Satire darum geht, Empörungspotenziale bei den Adressaten ihrer Gedanken zu aktivieren, leitet der Autor folgendes definitorisches „Superstrat“ als Arbeitsdefinition ab:

„Satire greift vermeintliche gesellschaftliche und/oder politische Missstände oder persönliche Fehlleistungen von Personen des öffentlichen Interesses auf und verarbeitet diese auf - mal mehr, mal weniger - subtile Art, um sie durch Überzeichnung zu verdeutlichen.“

Der Faktor, in wie weit durch solcherlei Arbeiten auch Personen außerhalb des jeweiligen angestammten Rezipientenkreises erreicht werden können, ist ein nicht unbedeutender, für die Qualität der Erzeugnisse jedoch zunächst nicht von Belang. Dennoch ist es natürlich eine der, wenn nicht die zentrale Frage, mit denen sich diese Arbeit beschäftigt, was aus Satire ein machtvolles Instrument im Meinungsbildungsprozess machen kann.

3. Die publizistische Satire in Deutschland

Der Beobachtungszeitraum, der für diese Arbeit von Interesse ist, beginnt 1896. Denn die Geschichte der Wirkmacht von Satire ist

- gerade im Deutschland des 20. Jahrhunderts - auch eine Geschichte der Publikationen und Institutionen, in denen sie stattfindet. Es ist nicht statthaft, die Entwicklung eines Genres darauf zu reduzieren, wie sich die auflagenstärksten Blätter schlagen. Im Deutschland des 20. Jahrhunderts ist allerdings eine Kontinuität in der publizistischen Satireproduktion zu konstatieren, die es erlaubt, zumindest exemplarisch Trends und Entwicklungen zu beschreiben, die es ermöglichen, Thesen zu formulieren oder sie zu verifizieren. Es sei dennoch darauf hingewiesen, dass Satire auch in anderen Umfeldern immer und zu jeder Zeit stattfand. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Beobachtungen, wie Satire in den unterschiedlichen politischen Systemen und Umgebungen funktionierte, die im Deutschen Reich bzw. Deutschland des 20. Jahrhunderts vorherrschten.

3.1. SIMPLICISSIMUS

Kaiserkritisch - demokratiefreundlich - gleichgeschaltet: Der SIMPLICISSIMUS im Wandel der Systeme

Dass Satire genuin oppositionelle Positionen aufgreift, will bereits Tucholsky erkannt und erklärt haben, als er vom Satiriker das Bild des aus dem Hinterhalt Pflastersteine auf die Herrschenden Schleudernden zeichnete. Davon, wie das Opfer mit dem Beschuss umgeht, ist die politische Satire nicht unwesentlich abhängig. Denn politische Satire braucht Reibung, um zu funktionieren, ist aber - in ihrer Erscheinungsform als publizierte Meinungsäußerung - manifest und damit qua Gesetz (und/oder geltender Rechtssprechung) angreifbar. Die Geschichte der satirischen Publikationen muss also auch nach den politischen Systemen des Deutschland im 20. und 21. Jahrhunderts ausgerichtet werden und dem jeweils herrschenden politischen Klima.

Am 4. April 1896 erschien die erste Ausgabe des bereits von Kurt Tucholsky im vorangegangenen Kapitel angesprochenen SIMPLICISSIMUS, ursprünglich gegründet als Kunst- und Literaturblatt, wurde die Zeitschrift schnell zu einem Sammelbecken kreativer Größen des Kaiserreichs, die im SIMPLICISSIMUS kritische Beiträge zum Zeitgeschehen veröffentlichen. Frank Wedekind, Hermann Hesse, Erich Kästner, Thomas und Heinrich Mann waren Autoren, Olaf Gulbransson und der später noch thematisierte George Grosz die möglicherweise prominentesten Zeichner des Blattes. Die Redaktion arbeitet sich in der wilhelminischen Zeit am Wilhelminismus, an Fragen der Religion, Politik, des Beamtenstaates, Militär oder der bürgerlichen Moral ab und „schafft“ es, in Österreich-Ungarn verboten zu werden. Frank Wedekind und der Autor und Gründer Thomas Theodor Heine wurden wegen Majestätsbeleidigung angeklagt und Heine saß infolgedessen sechs Monate in Haft, mehrere Ausgaben des Blattes wurden konfisziert und der Herausgeber Albert Langen lebte fünf Jahre im Exil in der Schweiz, um einer Verhaftung zu entgehen. Doch die juristischen Auseinandersetzungen mit den Verspotteten und damit einhergehende Zensur-Prozesse wurden schnell als publikumswirksame und auflagensteigernde Werbung von Herausgeber und Redaktion erkannt und dementsprechend inszeniert. Damit hat man gewissermaßen die Tradition des kalkulierten Tabubruchs und die Instrumentalisierung des darauf folgenden Furors begründet, die hundert Jahre später von anderen Redaktionen variiert und als neue Spielart der Satire eingeführt wird. Ein Bruch nicht nur in der Geschichte des Landes sondern auch in der des SIMPLICISSIMUS stellte der Erste Weltkrieg dar. Das Blatt ließ sich von der Kriegseuphorie anstecken und gab den kritischen Ton gegenüber Kaiser und Staat auf, um fortan nur noch die Kriegsgegner als Gegenstand der publizistischen Attacken zu adressieren. Eine ideologische Volte, die die linksintellektuelle Welt dem SIMPLICISSIMUS naturgemäß übel nimmt. Und auch nach dem Ende des Krieges hält sich die kritische Haltung gegenüber den Alliierten im Heft und auch der liberalere Geist, der durch die Jahre der Weimarer Republik weht, erschwert es der Redaktion, Angriffsflächen zu finden, an denen sie sich abarbeiten kann. Eine Renaissance erlebte das Heft denn auch in den ausgehenden 1920er-Jahren und mit Beginn des Aufstiegs der National- sozialisten. Unter der Chefredaktion des Radikaldemokraten Franz Schoenberner nahm der „Simpl“ die nun wieder radikaler gewordenen politischen Extrempositionen ins Visier und erreichte damit wieder für einige Ausgaben Vorkriegsniveau. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Druck auf Blatt und Redaktion jedoch immer größer. Die Redaktionsräume wurden im Januar 1933 verwüstet, später im Jahr wurde die Redaktion „gleichgeschaltet“ mit der Konsequenz, dass man sich fortan kritischer Stimmen gegenüber der Regierung zu enthalten habe. Gründer Heine musste emigrieren, andere Köpfe der Redaktion arrangierten oder solidarisierten sich mit den Nationalsozialisten12.

An der Geschichte des SIMPLICISIMUS lässt sich denn auch beispielhaft zeigen, dass Satire nur gedeihen kann, wo der Staat sich angreifbar zeigt, dem Satiriker zwar hart, aber nicht völlig restriktiv gegenüber steht. Der Münchner Historiker Sebastian Dörfler beschreibt in seinem Aufsatz „Kabarett während des Nationalsozialismus“13 den Umgang der NS-Administration mit kritischem Kabarett:

„Da die Pointen heute noch einigermaßen durchschaubar sind, erschien dieser Sketch zur Zeit seiner Vorführung vermutlich als so offene politische Satire, dass Fincks14 Gegner, Goebbels und dessen Mitarbeiter nun den Moment gekommen sahen, Finck mundtot zu machen. Finck war schon seit längerem genau überwacht worden und wurde von Goebbels Spitzeln als „Kultur-Bolschewist“ (bezeichnet), der [...] versucht, die Ideen des Nationalsozialismus in den Schmutz zu ziehen“. Neben Finck wurden im Mai 1935 auch die Mitglieder des Tingel-Tangel-Theaters [...] verhaftet. Die inhaftierten Kabarettisten kamen nach kurzer KZ-Haft wieder frei und somit im Vergleich zu ihren jüdischen Kollegen glimpflich davon. Jedoch wurde dieser Schlag gegen die unangepasste Kabarettszene zum Anlass für die Literatur, dieses Jahr als Schlusspunkt des politischen Kabaretts Deutschlands zu sehen. [...]dies (war) keineswegs das Ende politischer Anspielungen auf der Kabarettbühne, aber systematische Zeitkritik[...] war nun nicht mehr möglich.“15

Der SIMPLICISSIMUS war zu dieser Zeit bereits seit zwei Jahren gleichgeschaltet und enthielt sich wie beschrieben schon lange kritischer Stimmen gegenüber dem Regime. Verglichen dazu waren die Zustände während des Kaiserreichs mit seinen harten politischen Fronten bei gleichzeitiger restriktiver aber dennoch rechtsstaatlicher rechtlicher Rahmenbedingungen für den Satiriker eine fruchtbare Arbeitsumgebung. Dass es politische Fronten braucht, um politisch relevant zu sein als Satiriker oder Satirepublikation, lässt sich anhand des (schnell gescheiterten) Versuchs einer „Simpl“-Neugründung im Jahre 1954 nachweisen. Hans Joachim Schoeps, Professor für Religions- und Geistesgeschichte in Erlangen, kommentiert in den folgenden Zeilen die Chancen eines satirischen Werkes in einer frontenlosen Gesellschaft:

„Das Zeitalter der nivellierten Mittelstandsgesellschaft ist wie dem Humor überhaupt auch dem politischen Witz ungünstig, denn dieser lebt ja davon, daß er angreifen kann. Wenn aber die bestehende Ordnung keine Härten und keinen Unterdrückungswillen besitzt, dann ist nicht Humor, sondern eher Mitleid angesichts so vieler Hilflosigkeit und Erbärmlichkeit angezeigt.

[...]


1 Im Original heißt es „Was darf Satire? Alles!“ (aus „Was darf Satire?“, erstmals erschienen in: Berliner Tageblatt vom 27. Januar 1919)

2 vgl. Zehrer, Klaus Cäsar: Dialektik der Satire, Dissertation, Bremen 2002, S. 3.

3 Franz Kotteder schrieb am 9.12.1995 in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Die Lust am Schwachsinn. Je blöder, desto besser: Warum die Deutschen den Nonsens so lieben“: „Kein Zweifel, die Deutschen drängt es hin zum Schwachsinn. Woher kommt es wohl, daß die halbe Nation ganz gierig darauf ist, sich mit Stumpfsinn zuschwallen zu lassen?“

4 Die Diskussion, ob Satire als - Kotteder folgend - wertvolle Form der Komik mit dem „Stumpfsinn“ der Comedy überhaupt konkurriert, soll in dieser Arbeit ausdrücklich nicht geführt werden.

5 Hervorhebungen wie im Original

6 Bärmeier, Erich; Nikel, Hans A.: Teuflische Jahre. Das Beste aus pardon. Frankfurt, 1966., S. 5f.

7 Zehrer, Klaus Cäsar: Dialektik der Satire. Bremen, 2001. S. 251f.

8 Zit. nach Bärmeier, Erich; Nikel, Hans A. (Hrsg.): Teuflische Jahre. Das Beste aus pardon. Frankfurt, 1966. S. 7f.

9 Zit. nach Behrmann, Sven: Politische Satire im deutschen und französischen Rundfunk, Würzburg, 2002, S. 9

10 Behrmann, Sven: Politische Satire im deutschen und französischen Rundfunk, Würzburg, 2002, S. 10.

11 erstmalig erschienen in „Die Weltbühne“, 09.10.1919.

12 Der emigrierte SIMPLICISSIMUS-Autor Klaus Mann kommentiert diesen Umstand so: „Von allen im Dritten Reich gedruckten Widrigkeiten ist mir die ‚satirische‘ Wochenschrift ‚SIMPLICISSIMUS‘ der widrigsten eine. (...) da finden sich noch immer die alten Namen - die Karl Arnold, Olaf Gulbransson, Eduard Thöny, Erich Schilling, Wilhelm Schulz, sie sind alle noch da. Nur Th. Th. Heine fehlt, (...) von Prag und Brünn aus muss er sich gramvoll und beschämt mit ansehen, welche degoutante Gesinnungslumpereien seine früheren Freunde und Kollegen sich leisten.“

13 ersch. in Glodek, Tobias; Haberecht, Christian; v. Ungern-Sternberg, Christoph (Hrsg.): Politisches Kabarett und Satire. Berlin, 2007

14 Werner Finck war während des Dritten Reichs ein bedeutender regimekritischer Kabarettist, der aufgrund seines Stils mit Anspielungen und Doppeldeutigkeiten vergleichsweise lange wirken konnte.

15 Dörfler, Sebastian: Kabarett während des Nationalsozialismus. In: Glodek, Tobias; Haberecht, Christian; v. Ungern-Sternberg, Christoph (Hrsg.): Politisches Kabarett und Satire. Berlin, 2007, S. 35.

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Satire darf alles - Aber kann sie es auch?
Untertitel
Über die Wirkmächtigkeit von Satire
Hochschule
Hochschule Darmstadt  (Fachbereich Media)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
72
Katalognummer
V157162
ISBN (eBook)
9783640946433
ISBN (Buch)
9783640946297
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schmitt ;, wirkmacht ;, geschichte, sonneborn, satire, titanic, eulenspiegel, konkret, diplom, journalismus
Arbeit zitieren
Till Erdenberger (Autor), 2010, Satire darf alles - Aber kann sie es auch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157162

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