Vergleich der Unterweltfahrt in Vergils Aeneis und dem Eneasroman Heinrichs von Veldeke


Hausarbeit, 2010
44 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Hauptteil

1. Christliche und Vorchristliche Hollen-, Jenseits- und Unterweltvorstellungen
1.1. Jenseits und Unterwelt im Alten Testament - [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (der Sche'ol)
1.1.1. Gericht, Tod und Auferweckung
1.1.2. Unterwelt und Totenreich
1.2. Jenseits und Holle im Neuen Testament
1.2.1. Holle in den Schriften des Neuen Testamentes
1.2.2. 'Descensus Christi'
1.2.3. Die Sibyllen in der christlichen Apokalyptik
1.3. Jenseits und Unterwelt bei Vergil - [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und Orcus
1.3.1. Geographische Lage und Eingang
1.3.2. Fahrmann, Gericht und Metempsychose
1.4. Jenseits und Holle im Mittelalter
1.4.1. Vertrostung und Rache
1.4.2. Ruckgriff auf fruhchristliche Schriften
1.4.3. Holle als katechetisches Werkzeug
1.5. Unterwelt- und Hollenfahrten in religios-mythischer Literatur

2. Der Stoff der Unterweltfahrt in Aeneis und Eneasroman
2.1. Der Stoff derUnterweltfahrt
2.1.1. Aeneas/Eneas und Sibylle/Sibille
2.1.2. Die Unterweltfahrt
2.2. Topographie der Unterwelt
2.3. Personal derUnterwelt
2.4. Prinzip der Metempsychose
2.5. Einordnung in den Gesamtkontext des Stoffes

3. Rezeption der Unterweltfahrt im Eneasroman
3.1. Sibylle und die Vorbereitungen zur Unterweltfahrt
3.1.1. Eneas' Angst vor der Fahrt
3.1.2. Herkunft der Sibylle/Sibille - Cumae oder Iconium?
3.1.3. Sibille selbst
3.1.4. Ausrustung zur Hollenfahrt
3.1.4.1. Der Mistelzweig - das ris
3.1.4.2. Krautund Salbe
3.1.4.3. Eneas' Schwert
3.2.In Unterwelt/Holle und Elysium/Himmel
3.2.1. Monster am Eingang der Hohle zur Unterwelt und Charon
3.2.2. Unterweltflusse und -gotter
3.2.3. Dido und ihr Selbstmord
3.2.4. Hofisierung der Holle
3.2.5. Die Prophezeiung des Anchises und die Seelenwanderung
3.2.6. Der Anachronismus des vorchristlichen Himmels

C. Schluss

D. Anmerkung zu fremdsprachigen Textstellen

E. Bibliographie
1. Primarliteratur
2. Sekundarliteratur
3. Bilder

F. Anhang

A. Einleitung

Unterweltfahrten beschaftigten Christen schon seit Beginn der Urkirche: Der 'descensus ad inferos' - die Hollenfahrt Christi, im Verlauf derer er nach seinem Tode am Kreuze diejenigen Menschen aus der (judischen) Unterwelt ([Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] = Sche'ol) mit in den Himmel nahm, die vor der Frlosung durch seinen Tod nicht die Moglichkeit einer Sundenverge- bung hatten - faszinierte die Christen bereits sehr bald. Das Evangelium Nicodemi bein- haltet eine solche Unterweltfahrt. Fs stammt zwar erst aus dem 4./5. Jahrhundert[1], ist also nicht authentisch fur die eigentlich Zeit der vier Fvangelien, trotzdem zeigt es doch sehr deutlich, welch grofies soteriologische und eschatologische Interesse die fruhen Christen an diesem Stoffhatten.

Aber nicht nur in spatantiker Zeit galt dieses Thema als aktuell. Auch Heinrich von Vel­deke nutzte den Stoff der Unterweltfahrt, dieses Mal jedoch aus heidnischer Quelle - Vergils Aeneis. Doch wie kommt ein christlicher Autor dazu, ein derart wichtiges - zu- mindest in damaliger Zeit - Thema aus einer heidnischen Vorlage dazu zu gebrauchen? Warum stort es ihn scheinbar (!) nicht, dass griechisch-romische Gotter und heidnische Motive nun in einem christlichen Werk auftauchen? Im Folgenden sollen nun zuerst verschiedene Unterwelt- und Hollendarstellungen vom Alten Testament, auf dem die christliche Vorstellung gedanklich aufbaut, uber die Antike und das Neue Testament bis zu mittelalterlichen Vorstellungen aufgezeigt und verglichen und anschliefiend auf den Inhalt des Aeneis-Stoffes eingegangen werden. An dritter Stelle steht ein konkreter Text- vergleich zwischen der Unterweltfahrt in Vergils Aeneis und Veldekes Eneasroman. Im Verlaufe dieses Vergleiches sollen oben genannte Fragen betrachtet und eine Losung fur ebenjenes Problem der Rezeption heidnischer Stoffe gefunden werden.

B. Hauptteil

1. Christliche und Vorchristliche Hollen-, Jenseits- und Unterweltvorstellungen

Obwohl Veledeks Eneasroman aus dem 12. Jahrhundert n. Chr. stammt, greift er doch immer wieder auf altere und aktuelle Hollen- und Jenseitsvorstellungen zuruck. Um auf- zuzeigen, aus welchen christlichen und vorchristlichen Traditionen Veldeke schopft und schopfen kann, sollen einige hier exemplarisch aufgezeigt werden, wobei naturlich stets daran zu erinnern sei, dass nicht auf alle Vorstellungen zur Genuge eingegangen werden kann und auch nur die wichtigsten vorgestellt werden konnen. Trotzdem erschliefit sich dadurch der Zusammenhang, in den auch Veldekes Eneide gestellt werden muss, da christliche Tradition nie neu erfunden, aber wohl weiterentwickelt wird.[2]

1.1. Jenseits und Unterwelt im Alten Testament - (der Sche'oll

Eine Betrachtung der Jenseitsvorstellungen des Alten oder Ersten Testamentes ist des- halb unerlasslich, da das Neue oder Zweite Testament ohne die gedanklichen Grundla- genjenes Ersten Testamentes nicht zu denken ware. Beide bilden in ihrem religionsge- schichtlichen Kontext „eine unlosbare Einheit“[3].[4]

Wahrend spater sehr stark die mittelalterlichen Vorstellungen die Holle als Ort der Stra­fe und Qualen darstellen, kennen die fruhen Schriften des Alten Testamentes und damit auch die fruhe Tradition der Juden einen ,,Strafort im Jenseits“[5] nicht. Erst im 3. Jahr­hundert v. Chr. kommt eine derartige Vorstellung in Ansatzen auf.[6] War der Scheol ( blNW) bei den halbnomadischen Hebraern noch eine ,,Holle fur alle“[7] gewesen, so wandelt sich diese Vorstellung mit zunehmendem Kontakt zu fremden Vol- kern und Kulturen: Das Land Kanaan, das Gebiet der spateren Konigreiche Israel und

Juda blieb stets ein 'Durchzugsland' in der sudlichen Levante. Handel, aber auch Krieg und Vernichtung drohtenjederzeit durch die Agypter im Sudwesten, die Assyrer, spater die Babylonier, Perser und Griechen im Nordosten und Osten. Obwohl sich dasjudische Volk lange Zeit gegen fremde Symbolysteme und Jenseitsvorstellungen wehren konnte, gelang es ihm schliefilich nicht - auch in die judische Tradition flossen verschiedene Vorstellungen anderer altorientalischer Volker ein.[8]

Eine ganz konkrete Jenseitsvorstellung - auch mit mystischen Elementen - kommt in spaterer Zeit in den apokalyptischen und deuterokanonischen Spatschriften (z.B. Buch Daniel - zumindest Teile davon) auf.[9]

1.1.1. Gericht, Tod und Auferweckung

Eines der zentralen Motive des judischen Glaubens ist die Verheifiung. Gott verheifit dem Gottesvolk der Juden in seinem Bund mit Abraham Heil, das gelobte Land und eine grofie Schar an Nachkommen. Dieser Bund wird im Buch Deuteronomium litera- risch festgehalten (fiktive Abschiedsrede des Moses, wahrend der er sein Volk auf die Treue zu Gott hinweist). Sollte das Volk den Bund brechen, drohten ihm ,,Unheil und Gericht“[10]. Gerade die ,,Gerichtsdrohungen der Prophetenu[11] verdeutlichen das kommen- de Urteil Gottes nochmals. Diese implizieren stets eine ,,eindringliche Mahnung zur Umkehr“[12], durch die man dem Zorn Gottes auch entgehen kann. Gott zurnt seinem Volk allerdings nicht allein zu dem Zwecke, es fur seine Fehler zu bestrafen, sondern es wieder auf den richtigen Weg des Bundes mit Gott zu fuhren. Retrospektive wird der Untergang des Nord- und Sudreiches durch Assyrer und Babylonier als Strafe Gottes fur falsches Kult-, Sozial- und Bundnisverhalten interpretiert. Erst, als man sich im 'Baby- lonischen Exil' wieder Jahwe zuwendet und letztendlich den Schritt zum Monotheismus geht, erlost Gott sein Volk aus der Gefangenschaft durch die Perser (Konig Kyros). Do- minierend hierbei ist wieder das biblische Motiv des gottlichen Erbarmens, das spater fur das Neue Testament in der Person Jesu radikalisiert wird. Jede prophetische Ge- richtsrede muss „moralisch-padagogisch“[13], zur Umkehr aufrufend gesehen werden.[14] Auch Tod und Sterben stehen in diesem 'Tun-Ergehen-Zusammenhang', d.h. in dem Denken, dass jedem Menschen das vergolten wird, was er in Relation zur Treue zu Gott auch verdient hat. Dabei besteht in fast allen altorientalischen Vorstellung ein Konsens daruber, ,,was im Tod mit dem einzelnen Menschen geschahe“[15]. Besonders gegenuber anderen Volkern ist im biblischen Denken jedoch, dass Jahwe totale Macht uber das Reich des Todes besitzt: „Totenreich [Scheol] und Unterwelt [Abaddon] liegen offen vor dem Herrn, wie viel mehr die Herzen der Menschen.“[16] Daraus ergibt sich schliefi- lich auch ,,die Hoffnung fur das Menschenschicksal uber den Tod hinaus“[17]. Errettung aus dem Tode dachte man sich aber zuerst nur fur einzelne, besonders fromme Men­schen (z.B. Henoch und Elija), die ,,in die Lichtherrlichkeit Jahwes“[18] entruckt (!) wer- den.

1.1.2. Unterwelt und Totenreich

In den Psalmen wird zum ersten Male eine Bestrafung von 'Sundern' erwahnt: „Im nachsten Geschlecht soll sein Name erloschen [...] dass [der Herr] sein Gedachtnis von der Erde vertilge.“[19] Eine solche Unterwelt, in die die Toten nach ihrem Tode gelangen, wurde in altorientalischer Zeit oft „ortlich-geographisch“[20] gedacht. Daraus folgt auch unmittelbar, dass man durch eine psidpaoig (descensus bzw. Hinabsteigen) dorthin ge­langen kann. Die Gottesferne der Toten kommt dadurch zum Ausdruck, dass diese Gott nicht mehr loben. Injenem Totenreich konnen die Gestorbenen also ein ,,schattenhaftes Fortleben“[21] fuhren.[22] Die immanente Bedrohung in diesem Totenreich wird oft ,,mit ei- nem lauernden Lowen [...] Wurm und Feuer“[23] verglichen.

1.2. Jenseits und Holle im Neuen Testament

1.2.1. Holle in den Schriften des Neuen Testamentes

Obwohl das Neue Testament zeitlich nach Vergils Aeneis entstanden ist, soll es doch hier vor diesem erortert werden, weil ein unmittelbarer Anschluss an das Alte Testament auf Grund seiner ideologischen und religionsgeschichtlichen Nahe sinnvoll ist. Jede christliche Unterwelt- und Jenseitsvorstellung baut stets auf alttestamentlichem und ju- dischem Gedankengut auf.

Die 'Holle' - wie die Unterwelt als negatives Aquivalent zum Himmel in christlichem Denken genannt wird - taucht in den Schriften des Neuen Testamentes auBerst selten auf, wird also kaum erwahnt. Ursprunglich hatte die Hollenvorstellung lediglich unter- geordnete Bedeutung. Paulus spricht nur einmal ,,von unterirdischer Welt“[24], was dort aber vielmehr die Funktion hat, Gottes Ehre zu vergroBern, als die Unterwelt als solche darzustellen.[25]

Die zeitlich spater entstandenen drei synoptischen Evangelien Markus, Matthaus und Lukas sind sich uber die Holle absolut einig. Wahrend Markus die Holle nur einmal er­wahnt, taucht sie bei Lukas und Matthaus haufiger auf. Dort ist stets die Rede von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten][26], was einen real existenten Ort meint: AuBerhalb Jerusalems gab es ein Tal - das „Gi-Hinnom oder Tal der Seufzer [bzw. ,,des Stohnens“[27] ]“[28] - in dem stets Opfer fur alte kanaanaische Gotter brannten und wo zu alttestamentlicher Zeit auch Men- schenopfer fur diese Gotter stattfanden. Demnach bot dieser Ort eine ideale Vorlage fur eine judisch-christliche Hollenvorstellung als einem Ort, an dem alles Gott zu wider lief, somit vollstandig gottlos war. Unklar bleibtjedoch, ob dieser Begriff auch auf eine fruhchristliche Hollenvorstellung ubertragen werden kann.[29]

„Das Gleichnis vom reichen Prasser und dem armen Lazarus“[30] (Lk 16,19-31) spricht trotzdem von einem Ort der Qualen fur den Reichen, der egoistisch mit seinem Geld umgeht und einem Armen nichts zu essen gibt - also ein Sunder. Als der Reiche schlieB- lich in die Unterwelt kommt, der Arme aber in 'Abrahams Schofi' (Metapher fur den spateren christlichen Himmel), spricht er mit Abraham, der ebenfalls schon gestorben ist und sich somit im Scheol befindet:[31]

,,Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kuhlen, denn ich leide grofie Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafur getrostet, du aber musst leiden. Aufierdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unuberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch funf Bruder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sol- len sie horen. Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht horen, werden sie sich auch nicht uberzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.“[32]

Hier ist also von einem Gesprach in der Unterwelt in die Rede, in dem ein ,,didaktischer Dialog mit einem Toten [gefuhrt wird], der die Lebenden dazu anhalten soll, ihr Verhal- ten zu verbessern“[33]. Dieses Motiv findet sich schon in der agyptischen Mythologie, sie tritt ebenfalls wieder in Vergils Aeneis und damit auch in Veldekes Eneasroman auf. In Lk 13,23f. fordert Jesus ausdrucklich dazu auf, sich anzustrengen, damit man eben nicht in dieses Totenreich - also die Holle - komme, sondern in 'Abrahams Schofi' und damit in den 'Himmel'. Diese Holle wird oft durch ,,Heulen und Zahneknirschen“[34] charakteri- siert - also ein Ort der Klage.[35]

Eines der Vorbilder fur die eigentlich Vorstellung einer ewigen Strafe fur die Sunder und damit verbundene Ausschmuckung dieser Strafen bildet die Offenbarung des Johannes. Sie ist - in Tradition z.B. des Buches Daniel aus dem Alten Testament - zu den apoka- lyptischen Schriften zu zahlen. Hier finden sich unzahlige Metaphern fur die Qualen, die diejenigen zu erleiden haben, die dort bleiben mussen:

,,Der muss den Wein des Zornes Gottes trinken, der unverdunnt im Becher seines Zorns gemischt ist. Und er wird mit Feuer und Schwefel gequalt vor den Augen der heiligen Engel und des Lammes. Der Rauch von ihrer Peinigung steigt auf in alle Ewigkeit und alle, die das Tier und sein Standbild anbeten und die seinen Namen als Kennzeichen annehmen, werden bei Tag und Nacht keine Ruhe haben. “[36]

Das 'Bose' wird hier durch Feuer und Schwefel dargestellt. Dieses Schicksal der 'Ver- dammten', die fremden Gottern gedient haben, unterscheidet sie also eindeutig von dem der 'Erwahlten'.[37]

Im Evangelium nach Johannes beinhaltet ,,keinerlei Drohungen mit dem Wort 'Holle' [sowie keine] dortige schmerzhafte Bestrafung“[38]. Trotzdem kundigt er ein kommendes Gericht uber gute und schlechte Menschen an, in dem alle Menschen, ,,die das Gute ge- tan haben, [...] zum Leben auferstehen [werden], die das Bose getan haben, zum Ge­richt[39] Diesen zuletzt genannten Menschen stehe dennoch ,,ein schlimmes Geschick“[40] bevor. Obwohl die Hollendarstellung nicht zentral ist, kann sie doch ,,als Element von Gleichnissen [verstanden werden], die zur Bekehrung auffordern sollen“[41], verstanden werden.[42]

1.2.2. 'Descensus Christi'

An vielen Stellen in den neutestamentlichen Schriften ist die Rede von einer 'Hollen- fahrt Christi' - der 'Descensus Christi ad inferos', wobei die 'inferi' im eigentlichen Wortsinn nicht die Verdammten in der Holle, sondern einfach die 'Bewohner' unterhalb der irdischen Welt sind; man konnte also auch der 'Unterwelt' sagen. Im Romerbrief wird von[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten][43] gesprochen - dem Grundlosen, einer Statte der Toten. Hier wird also bewusst - wohl auch zum besseren Verstandnis durch die Leser, die viele antike Vorstellungen ebenfalls kannten - ein durchaus mythologischer Begriff aufgegriffen.

Die Paulusbriefe entstanden in einer Zeit, die zeitlich sehr nahe an der klassischen Zeit der Romer lag. Sehr anschaulich wird diese 'Hollenfahrt' im Petrusbrief dargestellt:

,,Denn auch Christus ist der Sunden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Ge- rechte, fur die Ungerechten, um euch zu Gott hinzufuhren; dem Fleisch nach wurde er getotet, dem Geist nach lebendig gemacht. So ist er auch zu den Geistern gegan- gen, die im Gefangnis waren, und hat ihnen gepredigt. Diese waren einst ungehor- sam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, wahrend die Arche gebaut wur- de;“[44]

Versteht man derartige Stellen wortlich - was durchaus auch getan wurde - versteht man die Holle als sich in Innern der Erde (!) befindend. Sie erscheint dann als Gefang­nis, aus dem auszubrechen nur sehr schwer moglich ist.[45]

Beim 'descensus Christi' zerstort er der Auferstandene die[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten][46] (= Tore/Pfor- ten des Hades (!) bzw. des Tod bzw. der Unterwelt (christlich: Holle), die den Zugang zu diesem 'unterirdischen Ort' bilden. Eine vollstandige Hollenfahrt wird im (apokryphen) Evangelium Nicodemi (s.o.) beschrieben, welches allerdings aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammt. Dieses gleiche Motive der Hollen- bzw. Unterweltfahrt begegnet schon in Vergils Aeneis und schliefilich auch Veldekes Eneasroman wieder, woran die Relevanz bzw. die Bedeutung der biblischen und apokryphen Textstellen und Vorstellungen noch- mals sichtbar wird.

1.2.3. Die Sibyllen in der christlichen Apokalyptik

Die sog. 'Sibyllistik' bildet eine ,,Sonderform der [fruhchristlichen] Apokalyptik“[47]. Um ihre religiosen Gedanken und Ideen besser verbreiten zu konnen, griffen ,,hellenistisch gebildeten Juden in der Diaspora [...] auf die griechische Sibyllenliteratur zuruck“[48]. Mit Drohungen von Gericht und Jenseits wollten sie den Polytheismus (wieder) zuruckdran- gen. Unter 'Sibyllen' wurden dabei Frauen verstanden, die ,,meist unangenehme Zu- kunftsbotschaften“[49] prophezeiten. Darauf ist die Entstehung eines judischen Sibyllen- buches zuruckzufuhren, welches auch Christen kannten, rezipierten und damit ihre eige- nen Sibyllenschriften verfassten. Vergehen, die schon im Neuen Testament angemahnt wurden, werden in dieser Textgattung mit konkreten Hollenstrafen versehen. Gerade Schriftsteller aus Alexandrien greifen bei der Verfassung derartiger Texte zunehmend ,,auf das Vokabular der griechischen Mythologie zuruck“[50], z.B. 'Tartarus' statt 'Holle' und 'Elysium' statt 'Himmel'. Biblische Drohungen werden durch konkrete Straf- und Qualansagen ausgeschmuckt und verdeutlicht.[51]

1.3. Jenseits und Unterwelt bei Vergil - 'Abpc und Orcus

Georges Minois bezeichnet Vergils Aeneis als den ,,erste[n] grofie[n] 'Reisefuhrer' der Unterwelt“[52], also als detaillierte Darstellung der geographisch-topographischen Be- schaffenheit des romischen Orcus - in der Tradition auch des griechischen 'ASpc. Wahrend Platon als “Grander der philosophischen Holle”[53] gilt, wird Vergil durch seine Aeneis und darin enthaltenen Unterweltdarstellung zum “Begrunder der volkstumlichen Hollenvorstellung”[54].[55]

Die Bezeichnungen ASpc und 'Orcus' meinen in diesem antiken mythologischen Kon- text nichts weiter als 'Totenreich' bzw. 'Unterwelt'.

1.3.1. Geographische Lage und Eingang

Da die romische Unterwelt als ganz konkret geographischer Ort angesehen wird, besitzt sie auch einen irdischen Zugang: der Acheron-Sumpf bei Cannae in der Campagne (heutiger Lago Fusaro), der in der Aeneis auch einen der funf Flusse der Unterwelt bil- det. Dieser Ort schien fur die Vorstellung von einer Unterwelt pradestiniert zu sein, da in der Landschaft in Suditalien und Sizilien „Vulkane, Sumpfe und ungastliche Land- schaften“[56] (z.B. der Vulkan Atna auf Sizilien[57] ) vorkommen. Um in diese Unterwelt zu gelangen, muss Aeneas in der Aeneis jedoch bestimmte Riten vollziehen. Der Eingang ist ubelriechend mit ,,ubelkeiterregende[n] Dampfe[n]“[58] und von schwarzem Wasser umgeben, was geographisch an den Sumpf des Acheron erinnert. Schon zu Beginn wer- den Eindringlinge von bosartigen Kreaturen angegriffen.[59]

1.3.2. Fahrmann, Gerichtund Metempsvchose

Um als Toter direkt in die romische Unterwelt zu gelangen, muss jeder dem Charon - dem Fahrmann - die Uberfahrt uber den Acheron bezahlen, was nur denen moglich ist, die angemessen bestattet worden sind. Wer nicht beerdigt wurde, muss hundert Jahre auf seine Uberfahrt warten. Das Begrabnis der Toten nimmt demnach eine sehr zentrale Stellung ein und stellt fur jeden Lebenden eine Art patriotischer Pflicht dar. Hier wird eine erste Unterscheidung und Einteilung der Toten vorgenommen. Schliefilich richten Rhadamantes und Minos uber die Seelen und teilen sie bestimmten Kategorien zu, die ihr weiteres Verbleiben in der Unterwelt bestimmen. Grundsatzlich gibt es nur zwei grundlegende Moglichkeiten des Verbleibens in der Unterwelt: Diejenigen, die ins Ely­sium zugelassen werden, und jene, denen der Zugang dorthin verwehrt bleibt. Letztere kommen in den Tartarus, der ,,die eigentliche Holle in einer kolossalen Festung aus Ei- sen [bildet], dreifach umwallt und vom Feuerstrom Pyriphlegeton umschlossen“[60], ist.[61] Wenn die Verdammten im Tartarus gelautert sind (vergleichbar mit dem christlichen Purgatorium), konnen auch sie ins Elysium einziehen. Nachem sie sich dort 1000 Jahre aufgehalten und ,,Vergessen aus dem Fluss Lethe getrunken haben“[62], beginnt der Kreis- lauf dieser Metempsychose (= Seelenwanderung) von Neuem und sie werden ,,in einem anderen Korper wiedergeboren“[63], also „reinkarniert“[64]. Im Gegensatz zur spateren Vor- stellung im Christentum kennen die Romer (sowie die Griechen) eine lediglich zeitlich begrenzte Unterwelt. Die mittelalterlich-christliche Sichtweise wird spater von einer ewig dauernden Hollenqual - einer ,,absoluten Qual“[65] - sprechen[66] [67]

1.4. Jenseits und Holle im Mittelalter

Vorab muss gesagt werden, dass es nicht DIE Jenseits- und Hollenvorstellung im Mittel­alter gibt. Verschiedene Stromungen zu unterschiedlichen Zeiten beeinflussten das Ver- standnis und die Bildlichkeit von Holle - auch die des Eneasromanes Veldekes. Minois unterscheidet im Hochmittelalter die Holle der volkslaufigen Uberlieferung, die Hollen- lehre der Kirchenvater, Holle in den Visionen der Monche und die Holle der Theolo- gen.[68] In der folgenden Zusammenfassung der Hollendarstellung des Hochmittelalters zur Zeit der Abfassung des Eneasromanes (Mitte des 12. Jahrhundertes) wird v.a. auf die Hollenvorstellung der volkslaufigen Uberlieferung eingegangen, da diese allgemein verbreitet war und sicherlich auch den Horizont der Zielgruppe des Eneasromanes be- stimmte - diese waren nunmal keine Theologen.[69] 1.4.1. Vertrostung und Rache

Viele einfache Menschen im Mittelalter (z.B. Bauern) fuhrten kein sehr leichtes Leben. Die offizielle Kirche verlangte ihnen viele Opfer ab (z.B. den Zehnten als Vorform der Kirchensteuer, Fastengebote u.v.m.), obwohl es ihr selbst und den meisten Adeligen sehr gut ging. Spatestens seit dem 10. Jahrhundert - einer Zeit, in dem auch die 'Legende der Papstin Johanna' entstand - war bekannt, dass es die Kirche - dabei v.a. Rom - oft

[...]


[1] vgl. Fromm: Unterwelt des Eneas, 72

[2] vgl. Fromm: Unterwelt des Eneas, 72-89

[3] Vorgrimler: Geschichte der Holle, 56

[4] vgl. ebenda

[5] Minois: Holle, 47

[6] vgl. ebenda

[7] Minois: DieHolle,15

[8] vgl. Minois: Die Holle, 73

[9] vgl. Minois: Holle, 47

[10] Vorgrimler: GeschichtederHolle, 56

[11] ebenda

[12] ebenda

[13] Vorgrimler: GeschichtederHolle, 57

[14] vgl. Vorgrimler: Geschichte derHolle, 56f.

[15] Vorgrimler: GeschichtederHolle, 57

[16] Spr 15,11 EU

[17] Vorgrimler: GeschichtederHolle, 58

[18] ebenda

[19] Ps 109,13.15 EU

[20] Vorgrimler: Geschichte der Holle, 59

[21] Vorgrimler: GeschichtederHolle, 61

[22] vgl. Vorgrimler: Geschichte derHolle, 59-62

[23] Vorgrimler: GeschichtederHolle, 63f.

[24] Minois: Holle, 55

[25] vgl. ebenda

[26] Mk 9,47 Novum Testamentum Graece

[27] Minois: Holle, 56

[28] Minois: DieHolle, 92

[29] vgl. Minois: Die Holle, 92 und vgl. Minois: Holle, 56

[30] Minois: DieHolle, 93

[31] vgl. ebenda

[32] Lk 16,24-31 EU

[33] Minois: DieHolle, 93

[34] Minois: DieHolle, 93

[35] vgl. Minois: Holle 56f.

[36] Offb 14,10f. EU

[37] vgl. Minois: Holle 57

[38] Vorgrimler: GeschichtederHolle, 22

[39] Joh 5,29 EU

[40] Vorgrimler: Geschichte der Holle, 22

[41] Minois: DieHolle, 95

[42] vgl. Vorgrimler: Geschichte der Holle, 22

[43] Rom 10,6f. Novum Testamentum Graece

[44] 1 Petr 3,18-20 EU

[45] vgl. Vorgrimler: Geschichte der Holle, 29f.

[46] Mt 16,18 Novum Testamentum Graece

[47] Vorgrimler: Geschichte der Holle, 82

[48] Vorgrimler: Geschichte der Holle, 82

[49] ebenda

[50] ebenda

[51] vgl. Vorgrimler: GeschichtederHolle, 82-84

[52] Minois: Holle, 42

[53] Minois: DieHolle, 68

[54] Minois: DieHolle, 68

[55] vgl. Minois: Holle, 42

[56] Minois: DieHolle, 68

[57] siehe Bild 1 in Kapitel F. Anhang

[58] Minois: Holle, 43

[59] vgl. Minois: DieHolle, 68f.

[60] Minos: Holle, 44

[61] vgl. Minos: Holle, 43f.

[62] Minos: Die Holle, 72

[63] ebenda

[64] Minos: Holle, 45

[65] Minos: Die Holle, 72

[66] vgl. ebenda

[67] Fur eine detailliertere Darstellung des Inhaltes, der Topographie, des Personales und des Prinzipes der Seelenwanderung (Metempsychose) mit Textbelegen siehe Kapitel 2.

[68] siehe Minois: Holle, 59-78 (undMinois: DieHolle, 197-250)

[69] vgl. Stebbins: Rezeption derBildlichkeit, 49

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Vergleich der Unterweltfahrt in Vergils Aeneis und dem Eneasroman Heinrichs von Veldeke
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar: Heinrich von Veldeke - Eneasroman
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
44
Katalognummer
V157242
ISBN (eBook)
9783640696567
ISBN (Buch)
9783640696734
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eneasroman, Veldeke, Unterwelt, Aeneis, Vergil
Arbeit zitieren
Alexander Schmitt (Autor), 2010, Vergleich der Unterweltfahrt in Vergils Aeneis und dem Eneasroman Heinrichs von Veldeke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157242

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Vergleich der Unterweltfahrt in Vergils Aeneis und dem Eneasroman Heinrichs von Veldeke


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden