Genuss mit Zukunft. Orientierungspunkte für eine zukunftsfähige Ernährung


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2010
11 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Der Hintergrund: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung

Eine Herausforderung für den Unterricht

Orientierungen für Bildungsprozesse

Ein Rahmen für die Entwicklung von Unterrichtsvorhaben zum Thema Ernährung

Ziele zukunftsfähiger Ernährung

Ein Modell zur Konzeption von Unterrichtsvorhaben

Literatur und Internetquellen

Der Hintergrund: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung

Die Vermittlung von zukunftsweisenden Qualifikationen für ein verantwortungsvolles und mitgestaltendes Leben in der komplexen Welt gehört spätestens seit dem Erscheinen der Agenda 21[1] im Jahr 1992 zum Bildungsangebot in den Schulen. „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ist der Schlüsselbegriff, der sich aus den in diesem Dokument verabschiedeten Anforderungen ergibt. Die traditionellen Bereiche der Umwelt- und Entwicklungsbildung werden miteinander verknüpft, so dass gleichermaßen globale Umweltgesichtspunkte, ökonomische, soziale und kulturelle Aspekte in tragfähiger Weise einbezogen werden.

Zukunftsfragen finden nicht als neues Unterrichtsfach, sondern als durchgängige Aufgabe Berücksichtigung in der Schule. Fächerverbindender Unterricht, entdeckendes und handelndes Lernen in und außerhalb der Schule, das Einbeziehen vielfältiger Kooperationspartnerschaften oder das Aufdecken von Beziehungen vor Ort und globalen Geschehnissen sind dabei wesentliche Elemente. Die nachhaltige oder auch zukunftsfähige Entwicklung formuliert aber nicht nur Ansprüche an das traditionelle Bildungssystem, sondern stellt eine Verpflichtung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft und Kultur dar. Zukunftsfähige Entwicklung bedeutet u. a. die Suche nach Wegen, Chancen und Möglichkeiten eines Lebensstils, der auf Dauerhaftigkeit, d. h. auf die Sicherung der Lebensgrundlagen der gegenwärtig lebenden Menschen und zukünftiger Generationen ausgerichtet ist. Konflikte und Auseinandersetzungen zwischen kurzfristigen (individuellen) Interessen und langfristigen Entwicklungsperspektiven, zwischen regionalen Entscheidungen und globalen Erforderlichkeiten sind angelegt. Zentrum des Handelns und Agierens ist die Region / das Umfeld, das zum einen das Erleben bestimmt und zum anderen Ansatzpunkte der kleinschrittigen Beeinflussung und Veränderung bietet. Eine wesentliche Aufgabe einer Bildung für nachhaltige Entwicklung besteht darin, für diese Möglichkeiten, Chancen und Notwendigkeiten einer zukunftsfähigen Entwicklung in alltäglichen Bereichen zu sensibilisieren und bestehende Interessenkonflikte konstruktiv zu gestalten. Die Entwicklung dieser Gestaltungskompetenz steht im Fokus der didaktischen Bemühungen.

„Gestaltungskompetenz“ – eine generelle Zielsetzung der Bildung für zukunftsfähige Entwicklung

„Mit Gestaltungskompetenz wird das nach vorne weisende Vermögen bezeichnet, die Zukunft von Sozietäten, in denen man lebt, in aktiver Teilhabe im Sinne nachhaltiger Entwicklung zu modifizieren und modellieren zu können. Der Terminus „Gestaltungskompetenz“ versteht sich nicht von selbst. Wir möchten ihn hier dezidiert im Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung einführen, um zu signalisieren, dass es sich bei der nachhaltigen Entwicklung um ein Modernisierungskonzept handelt, um ein Konzept also, das auf Veränderungen abstellt, ohne dass dies immer nur eine Reaktion auf vorher schon erzeugte Problemlagen wäre. Nachhaltige Entwicklung bedeutet nicht Stabilisieren oder Zurückschrauben des Status quo, sondern signalisiert einen komplexen, gesellschaftlichen Gestaltungsauftrag, in dem sich globale und lokale Dimensionen der Zukunftsgestaltung verbinden. Dabei werden den Bürgern erhebliche Fähigkeiten (z.B. vorausschauendes Planen, eigenständige Informationsaneignung und -bewertung sowie neue Anforderungen in Bezug auf Kommunikation und Kooperation) bei der Beteiligung an Verständigungs- und Entscheidungsprozessen abverlangt. Die Gesamtheit dieser Fähigkeiten lässt sich mit dem Begriff Gestaltungskompetenz zusammenfassen. Für die Schule bedeutet das hohe Anforderungen, die sich in besonderem Maße im methodischen Bereich stellen.“

Quelle: BLK: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, Orientierungsrahmen, 1998, S. 28 ff.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit der Zielsetzung Gestaltungskompetenz rücken eine offene Zukunft mit variablen Möglichkeiten und die aktive Mitgestaltung in den Mittelpunkt der Bildungsprozesse. Dazu gehört auch auf die Fähigkeit, die zukünftigen Lebenssituationen in Kooperation mit anderen modellieren zu können und sich dabei von ethisch-moralischen Wertvorstellungen leiten zu lassen.

Eine Herausforderung für den Unterricht

Zukunftsfähige Entwicklung und darauf bezogene Bildungsprozesse haben vor allem dort Chancen auf Verbreitung, wo sie Institutionen und Personen nicht vor neue zusätzliche Aufgaben stellen. So ist ein Anschluss an bestehende Unterrichtsthemen ist z. B. über die Einbeziehung erweiterter Perspektiven oder auch über eine veränderte Richtung der Behandlung möglich; Problemstellungen müssen eventuell verschoben werden. Die Dynamik von Wissenschaft, Wirtschaft, Technik, Kultur und Gesellschaft erfordert ohnehin eine permanente Weiterentwicklung von Bildungszielen, -inhalten und –prozessen. Dies trifft insbesondere auf einen Unterricht zu, der die Ansprüche aufnimmt, die Bildung für nachhaltige Entwicklung stellt. Im gewohnten, vielleicht bisher bewährten Organisationsrahmen dürfte kaum eine reale Chance bestehen, die geforderten Intentionen durchzusetzen. Unterricht, der auf die Entwicklung von Gestaltungskompetenz ausgerichtet ist, muss sich mit Lebensbereichen und -situationen auseinandersetzen, die eine aktive Mitgestaltung erlauben und fordern. Diese Voraussetzung ist bei der Frage nach unserer Ernährung gegeben wie bei kaum einem anderen Themenbereich. Zu berücksichtigen ist, dass im Ernährungsbereich neben den drei Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung (soziale, ökonomische und ökologische Aspekte) auch gesundheitliche Aspekte einbezogen werden müssen, denn eine Ernährungsweise kann nur dann zukunftsfähig sein, wenn sie den Menschen einen hohen Grad an Gesundheit und Lebensqualität ermöglicht.

Es wird deutlich, dass es nicht primär um die unmittelbare Vermittlung eines veränderten Verhaltens, der Erfüllung vorgegebener gesellschaftlicher Normen oder um moralische Appelle geht. Gestaltungskompetenz beschreibt stattdessen als Zielsetzung die Fähigkeiten zur eigenständigen Urteilsbildung verbunden mit der Eignung, in Kooperation mit anderen im Kontext zukunftsfähiger Entwicklung innovativ handeln zu können, verbal wie instrumental.

Die globale Krise ist weder allein auf der politischen noch auf der technischen Ebene lösbar, sondern wesentliche Schritte können nur dann vollzogen werden, wenn sich auch das Alltagshandeln der Menschen ändert. Die Konsum-, Lebens- und Ernährungsweisen der westlichen Industrieländer können nicht als Entwicklungsleitbild für die weniger entwickelten Länder dienen. Es gilt, die Lebenspraxen und Ernährungsstile von Menschen mit dem Ziel der Zukunftsfähigkeit in Übereinstimmung zu bringen.

Orientierungen für Bildungsprozesse

Bildung für nachhaltige Entwicklung steht für einen Lernprozess, der unser Fühlen, Denken, Handeln und unsere Entscheidungs- und Beurteilungsfähigkeit vor dem Hintergrund der globalen Verflechtungen in den Mittelpunkt stellt. Es gilt, die wechselseitigen Zusammenhänge unseres Ernährungsverhaltens mit globalen Prozessen in das Bewusstsein zu rücken und letztlich in vielen individuellen Bereichen die Akzeptanz von Handlungsalternativen zu fördern. Dabei ist -ausgehend von Wahrnehmungen und Handlungen im eigenen Erfahrungsraum- schrittweise die Perspektive zu erweitern. Bis hin zu einer Weltsicht, die durch die Reflexion der zugrunde liegenden Wertvorstellungen und Leitbilder gekennzeichnet ist. Ebenso ist bei diesem Schwerpunkt ein Blick nach innen erforderlich: Unsere Ernährungsentscheidungen sind hinsichtlich ihrer gesundheitsbezogenen Wirkungen zu reflektieren.

Für die Gestaltung zukunftsorientierter Lehr- und Lernprozesse gelten die folgenden Prinzipien:

- Das Denken in Zusammenhängen und die Bearbeitung schülernaher Ernährungsfragen.

In altersangemessener Form sollte versucht werden, komplexe alltägliche Ernährungsfragen unterrichtlich zu bearbeiten. Erforderlich ist eine integrative Vorgehensweise, die die verschiedenen interdisziplinären (umwelt-, entwicklungs- und gesundheitsbezogenen) Zusammenhänge in ihrer Vielschichtigkeit und Vernetztheit erfasst und zu bearbeiten sucht. Zahlreiche unserer lokalen Handlungen rund um die Ernährung sind mit globalen, aber auch mit gesundheitsbezogenen Prozessen vernetzt. Der Umgang mit nicht vorhersehbaren Wirkungen, Wahrscheinlichkeiten und Risiken sollte thematisiert und geübt werden, wobei ebenso die Frage nach langfristigen Auswirkungen gestellt werden muss (Zukunftsperspektive).

- Die Entwicklung von Kompetenzen zur Verständigung und die Reflexion zugrunde liegender Werte.

Interkulturelle und zwischenmenschliche Verständigung auf der Basis ethischer Wertvorstellungen ist ein wesentlicher Kernpunkt der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Fähigkeit zur Verständigung, insbesondere bei Interessengegensätzen und Entscheidungskonflikten, ist wesentlich abhängig von der Sprachkompetenz, dem Vorhandensein und der Beherrschung einer entsprechenden medialen Ausstattung, aber auch von der jeweils kulturabhängigen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Persönliche Motive, Interessen, Verhaltensmuster sowie Entscheidungen und Verständigungsbemühungen müssen im Rahmen des Unterrichts in einem dauerhaften Prozess vor dem Hintergrund der nachhaltigen Entwicklung in Frage gestellt werden. So kann ein konstruktiver und konsensfähiger Umgang mit gegensätzlichen Interessen und Zielen, Konflikten und Missverständnissen möglich werden.

- Der Aufbau von Kooperationen.

Die Herausforderungen einer zukunftsfähigen Entwicklung sind ohne die Zusammenführung der Kompetenzen und Erfahrungen möglichst vieler Menschen nicht zu lösen. Im Unterricht sollte die Bereitschaft zu lokalen und globalen Partnerschaften und interdisziplinärem Zusammenarbeiten wecken und den Aufbau solcher Kooperationsbeziehungen fördern.

- Gestaltung von Möglichkeiten und Situationen für praktische Handlungen und Partizipation.

Unsere alltäglichen Handlungs- und Entscheidungsbereiche mit Bezug zur Ernährung stellen den Ausgangspunkt für die Themenbearbeitung dar. Hier können Handlungsalternativen entwickelt und hinsichtlich ihrer Akzeptanz und Tragfähigkeit erprobt und in einem weiteren Schritt an andere (innerhalb oder auch außerhalb der Schule) vermittelt werden. Durch Partizipation soll die Bereitschaft und Fähigkeit gefördert werden, sich an der Gestaltung der individuellen Lebenswelt aktiv zu beteiligen, sich kompetent und verantwortlich auseinanderzusetzen, sich einzumischen und Möglichkeiten der Mitbestimmung wahrzunehmen.

- Entwicklung von Eigeninitiative und –verantwortung.

Bildung für nachhaltige Entwicklung beschreibt einen (lebenslangen) Lernprozess, der sich in allen Lebensphasen und in allen Alltags-, Arbeits- und Freizeitbezügen immer wieder neu stellen wird. Schulische Bildung kann sich vor diesem Hintergrund nicht auf die Vermittlung feststehender Kenntnisse und Methoden beschränken, sondern im Mittelpunkt muss die Initiierung und Förderung eines ergebnisoffenen, selbstorganisierten Lernprozesses stehen. Im Rahmen vereinbarter Ziele und Aufgaben planen die Schüler und Schülerinnen ihre Arbeiten selbst. Sie nutzen Hilfsquellen (vor allem auch außerhalb der Schule), ordnen ihre Ergebnisse kritisch ein, präsentieren sie und treten auch als Multiplikatoren auf. Irrtümer, Fehler und Schwächen sind in diesem Kontext anders zu gewichten: Sie sind eher ein Anreiz, auf anderen Wegen weiterzulernen. Der Prozess der Themenbearbeitung steht gegenüber dem Ergebnis im Vordergrund.

[...]


[1] Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro - Agenda 21, Bonn 1992

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Genuss mit Zukunft. Orientierungspunkte für eine zukunftsfähige Ernährung
Hochschule
Universität Bremen
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V157534
ISBN (eBook)
9783640735747
ISBN (Buch)
9783668137776
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bildung für nachhaltige Entwicklung, Ernährung, Zukunftsfähigkeit
Arbeit zitieren
Ute Fehnker (Autor), 2010, Genuss mit Zukunft. Orientierungspunkte für eine zukunftsfähige Ernährung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157534

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