Altenpflege - Beruf oder Berufung? Ein Ausbildungszweig stellt sich vor


Projektarbeit, 2003
40 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Aktualitat des Themas

2 Altenpflege - Empirische Untersuchungen
2.1 Beruf oder Berufung?
2.2 Ein Beruf furs Leben?

3 Altenpflegeausbildung - Ein Beruf stellt sich vor
3.1 Bundeseinheitliche Altenpflegeausbildung
3.2 Die neuen Ausbildungsbestimmungen
3.2.1 Zugangsvoraussetzungen
3.2.2 Ausbildungsstruktur
3.2.3 Ausbildungsziele
3.3 Vertragliche Regelungen
3.4 Finanzierung der Ausbildung
3.5 Perspektiven nach der Ausbildung

4 Erkenntnisse und Ausblick
4.1 Veranderungsprozesse in der Altenhilfe
4.2 Die Zukunft der Pflegeausbildung

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

„Altenpflege - Das Richtige fur mich Voll das Leben Das macht Sinn Meine Perspektive“

Bayerisches Staatsministerium fur Arbeit und Sozialordnung

Altenpflege verbindet menschliche Beziehungsarbeit mit pflegerischem Handeln. Sie erfordert eine solide fachliche Ausbildung, soziale Kompetenz, ein hohes MaB an Ver- antwortungsbewusstsein, Einfuhlungsvermogen, Sensibilitat und gute Beobachtungs- gabe sowie Interesse an medizinischen Zusammenhangen. Viele dieser Aufgaben werden, ebenso wie organisatorische Pflichten und Verwaltungsaufgaben eigenver- antwortlich erledigt und bieten viel Raum fur Kreativitat. Altenpflege ist ein Beruf, mit hohen Herausforderungen, ein Beruf der Sinn macht und Zukunftssicherheit bietet. So zumindest wirbt das Bayerische Staatsministerium fur Arbeit und Sozialordnung fur den Beruf der Altenpflege.[1]

Die ab 1. August 2003 neu geregelte und erstmalig bundeseinheitliche Altenpflegeaus- bildung war Grund, dass sich der Autor mit dem Thema der Altenpflegeausbildung, ihrer Entwicklung, den Veranderungen und der Zukunft der Altenpflege beschaftigt hat. Die Erkenntnisse flieBen in praktische Ausbildungsinhalte und -konzepte der Caritas- Einrichtung[2] ein und sollen Impuls sein fur eine zukunftssichernde Altenpflegeausbil- dung.

Die nachfolgende Ausarbeitung beschaftigt sich mit dem Berufsbild der Altenpflege, ihren Perspektiven und belichtet ihre Schattenseiten. Unter dem Motto „love it, leave it oder change it“, geht der Autor auf empirische Untersuchungen ein, um zu filtern, wel- chen Herausforderungen die Altenpflege unterliegt und was getan werden muss, um den Berufsnachwuchs in der Altenpflege zu sichern - dies gerade vor dem Hintergrund, dass ein Viertel der Ausbildungsabsolventen[3] ihren Beruf im ersten Beschaftigungsjahr verlassen.

1 Aktualitat des Themas

Das Deutsche Institut fur angewandte Pflegeforschung (dip) e.V. hat die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung zur Lage und Situation des Pflegepersonalwesens vor- gestellt. Die Studie „Pflege-Thermometer 2002“[4] kommt zu dem Schluss, dass die Per- sonalsituation im bundesdeutschen Pflegewesen als angespannt bezeichnet werden muss. Das dip schatzt, dass mehr als 40.000 Stellen schon heute in Krankenhausern, Altenheimen und ambulanten Pflegediensten nicht besetzt werden konnen. Schat- zungsweise 30.000 hiervon entfallen auf die stationare Altenhilfe und das ambulante Pflegewesen. Dem gegenuber sind auf dem Arbeitsmarkt derzeit nur verhaltnismaBig geringfugige Kapazitaten von arbeitssuchenden Angehorigen der Pflegeberufe auszu- machen. Ferner zeichnet sich ab, dass in den kommenden funf Jahren von einer weite- ren Verschlechterung der Situation auszugehen ist. Die derzeitigen Probleme werden vorrangig als personelle Engpasse, steigende Arbeitsbelastungen und abnehmende Eignung von Bewerbern beschrieben. Prof. Weidner[5], Direktor des dip und Projektlei- ter, kommentierte die Ergebnisse folgendermaBen: „Im Sprachgebrauch der Tempera- turmessung mussen wir bezuglich dieser Befragung der Pflegepersonalsituation in Deutschland Fieber mit steigender Tendenz bescheinigen. Bei Nichtbehandlung droht Schuttelfrost und letztlich der Pflegekollaps!“

Auch der vierte Bericht[6] zur Lage der alteren Generation spricht von einem eklatanten Personalmangel in der Altenpflege. Statt die gewunschte Anhebung der Fachkraftquote zu realisieren, konnten Heimleitungen frei gewordene Stellen oft nicht wieder besetzen. Hier macht sich ein negativer Effekt erkennbar. Stationare Einrichtungen stehen unter dem doppelten Zwang, einerseits wirtschaftlich zu arbeiten und andererseits hohe Qualitat in der Versorgung zu erbringen. Auf der Seite der professionell Pflegenden resultiert dies in hoher Arbeitsbelastung und hohem wahrgenommenen Zeitdruck. Neue Konzepte, Wohnstrukturen, Personalstrukturen und Bildungsstrukturen sind ge- fragt.

Ebenso beschaftigt sich das Jahrbuch 2003 des Deutschen Caritasverbandes[7] mit dem Thema der sozialen Dienstleistung und des sich daraus ergebenden personalintensi- ven Mitteleinsatzes. Die Zahl junger Menschen, die in den nachsten Jahren dem Ar­beitsmarkt zur Verfugung stehen werden, wird aufgrund der geburtenschwachen Jahr- gange kleiner. Gleichzeitig halt die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern im sozia­len Bereich und gerade in der ambulanten und stationaren Altenpflege an.

2 Altenpflege - Empirische Untersuchungen

2.1 Beruf oder Berufung?

Ist Altenpflege nun wirklich „voll das Leben“? 1st es der Wunschberuf vieler oder doch mehr nur die Absicherung fur die berufliche Zukunft? Mit diesen Fragestellungen hat sich die Paul Lempp-Stiftung[8] beschaftigt und fur eine empirische Untersuchung[9] uber die Attraktivitat der Altenpflege das Institut fur Demoskopie Allensbach beauftragt.

Die Ergebnisse der Studie[10] zeigen auf, dass der Anteil der mannlichen Altenpflege- schuler lediglich bei 21 Prozent liegt und, ebenso wie in der Praxis zu verzeichnen, der GroBteil der in der Altenpflege beschaftigten Mitarbeiter weiblich sind. „Es ist ein Beruf, den ich als sinnvoll empfinde“ - 83 Prozent antworten dies, wenn sie nach den Grun- den ihrer Berufswahl gefragt werden. Hier liegt ein Kernpunkt fur die Attraktivitat der Altenpflege. Sie bietet die Moglichkeit, etwas Sinnvolles fur andere Menschen zu tun, eine Arbeit, die wirklich benotigt wird, an einem ganz bestimmten Ort und zu einer ganz bestimmten Zeit, und die nicht auf Maschinen ubertragen werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Noelle-Neumann, E., u.a., a.a.O., S. 24.

Auf die meisten Menschen wirkt die Altenpflege nicht gerade anziehend. In der Offent- lichkeit gilt sie als eine schwere Tatigkeit, die zudem noch unterbezahlt ist. Bei einer Reprasentativumfrage unter der deutschen Bevolkerung erklarten 69 Prozent der Be- fragten, dass die Pfleger uberfordert sind und Altenpflege ein sehr schwerer Beruf sei.

Bei der Befragung der Altenpflegeschuler berichteten 57 Prozent, ihnen sei von dem Beruf abgeraten worden; lediglich 16 Prozent erinnerten sich an Empfehlungen fur den Beruf. Als Mahner und Bedenkentrager betatigten sich dabei nicht allein die engeren Verwandten; auch Freunde und entfernte Bekannte meinen, vor dem Berufsrisiko Al­tenpflege warnen zu mussen. „Und wer hat Ihnen von dem Beruf abgeraten?“ Nicht selten horten die Interviewer auf diese Frage die Antwort: „Alle.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Noelle-Neumann, E., u.a., a.a.O., S. 41.

Dennoch entscheiden sich jedes Jahr aufs neue zahlreiche weibliche und einige mann- liche Personen fur den sinnstiftenden Beruf der Altenpflege und der Hilfe von alten und meist multimorbid erkrankten Mitmenschen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Noelle-Neumann, E., u.a., a.a.O., S. 23.

Jeder dritte Altenpflegeschuler hatte eigentlich lieber einen anderen Beruf ergriffen.[11] Fur zwei Drittel der zukunftigen Altenpfleger stand die Entscheidung fur die Altenpflege eindeutig an oberster Stelle.

2.2 Ein Beruf furs Leben?

Die Altenpflege hat sich zu einem immer bedeutenderen Arbeitsfeld im Bereich der Pflege entwickelt. Ein hoher gesellschaftlicher Bedarf an Betreuung, Beratung und Forderung besteht, wahrend zugleich der Mangel an qualifiziertem Personal in Er- scheinung tritt. Altenpfleger bleiben, so scheint es, nicht sehr lange in ihrem Beruf. Nach kurzer Verweildauer kehrt ein grower Teil von ihnen dem Beruf den Rucken. In einer Langsschnittuntersuchung haben Becker[12] und Meifort die berufliche Entwicklung von knapp 4.000 Altenpflegeschulern in mehr als 300 Altenpflegeschulen uber funf Jahre hinweg untersucht.

Den Ergebnissen[13] zufolge sind nach funf Jahren Berufstatigkeit in der Altenpflege nur noch 20 % der Altenpfleger in diesem Beruf tatig. Stellt man diese Zahl in den Ver- gleich mit kaufmannischen Berufen, in denen ebenso vorwiegend Frauen beschaftigt sind, fallt auf, dass hier nach funfjahriger Beschaftigung noch rund 70 % im erlernten Beruf tatig sind. Die Berufsverweildauer von Krankenpflegekraften ist im Gegensatzzur Verweildauer von Altenpflegemitarbeitern doppelt so hoch.[14] Die Untersuchung zeigt auch, dass die Unzufriedenheit mit dem Beruf nach einem Jahr Berufstatigkeit beson- ders stark ausgepragt ist und dann mit zunehmenden Berufsjahren abnimmt. Nur 49 % der Befragten gaben nach dem ersten Berufsjahr an, den Beruf noch einmal erlernen zu wollen.

Die starke Berufsabwanderungstendenz in der Altenpflege wird als die Folge eines reformbedurftigen Zusammenspiels von beruflicher Qualifikation, Arbeitsbedingungen und beruflichen Entwicklungsmoglichkeiten angesehen. Altenpfleger werden inhaltlich und methodisch nicht ausreichend auf ihren Beruf vorbereitet, und so konnen sie der besonderen physischen und psychischen Belastung, dem Umgang mit Krankheit, Be- hinderung und sozialer Isolation der zu Pflegenden, mit Sterben und Tod nicht stand- halten. Als weitere Grunde fur das Ausscheiden aus dem Beruf werden schlechte Ar­beitsbedingungen, korperliche Anstrengung, fehlende Anerkennung des Berufs, Per- sonalausstattung und Personalqualifikation genannt.[15] Die Frage, ob und wie lange man diese Belastungen aushalten kann, hat jede vierte Altenpflegekraft nach dem ers- ten Berufsjahr mit dem Ausstieg aus dem Beruf beantwortet.[16]

3 Altenpflegeausbildung - Ein Beruf stellt sich vor

3.1 Bundeseinheitliche Altenpflegeausbildung

Eine weitere Hurde fur junge Menschen, den Beruf des Altenpflegers zu ergreifen, lag an der bisher unterschiedlichen Pflegeausbildung in den 16 Bundeslandern.[17] Ein Ar- beitsplatzwechsel zwischen verschiedenen Bundeslandern wurde damit erschwert - ein Unding in einem europaischen Wirtschaftsraum, der hohe Flexibilitat verlangt. Insbe- sondere waren Ausbildungsdauer, Zulassungsvoraussetzungen, das Schulsystem, die Ausbildungsstruktur und die Ausbildungsinhalte jeweils unterschiedlich geregelt. Somit wurde die Anerkennung der Ausbildung und der erworbenen Qualifikationen zu einem regionalen Glucksspiel. Viele Jahre hat sich die Bundesregierung fur eine bundesein­heitliche Altenpflege, wie es in den Krankenpflegeberufen bereits seit 1957 der Fall ist, eingesetzt. Im November 2001 hat die Bundesregierung das erste bundeseinheitliche Altenpflegegesetz verabschiedet. Der Freistaat Bayern war mit der Vereinheitlichung nicht einverstanden und klagte vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gegen das geplante Gesetz. Doch die Klage wurde am 24. Oktober 2002 abgewiesen.[18] Das Bundesaltenpflegegesetz tritt damit zum 1. August 2003 in Kraft. Struktur und Inhalte der Ausbildung, die staatliche Prufung und das Verfahren zur Anerkennung von Aus- bildungsabschlussen, die in anderen EU-Staaten erworben worden sind, sind jetzt bundeseinheitlich geregelt. Der Autor ist der Auffassung, dass mit der Einfuhrung die- ser neuen Ausbildungsordnung neue QualitatsmaBstabe gesetzt werden und eine gro- Bere gesellschaftliche Anerkennung des Altenpflegeberufes erreicht werden kann, was letztendlich auch den Berufsnachwuchs sichert und die Berufsfluktuation verringern wird. Die Berufsbezeichnung „Altenpfleger“ bzw. „Altenpflegerin“ ist kunftig geschutzt und soll ebenso zur Aufwertung des Berufsbildes beitragen.

3.2 Die neuen Ausbildungsbestimmungen

3.2.1 Zugangsvoraussetzungen

Wer den Beruf des Altenpflegers erlernen mochte, muss folgende Voraussetzungen erfullen:

- gesundheitliche Eignung und
- Realschulabschluss bzw. einen gleichartig anerkannten Bildungsabschluss oder
- Hauptschulabschluss und eine Ausbildung als Altenpflegehelfer oder Krankenpfle- gehelfer oder eine sonstige abgeschlossene mindestens zwei Jahre dauernde Ausbildung.

Die Aufnahme der Ausbildung ist nicht an ein Mindestalter gebunden.

3.2.2 Ausbildungsstruktur

Die Ausbildung dauert grundsatzlich drei Jahre (in Teilzeitform bis zu funf Jahre). Lie- gen bestimmte Vorkenntnisse vor, kann die Ausbildungsdauer verkurzt werden.

Es gibt eine schulische und eine praktische Ausbildung.[19] Beide Bereiche werden auf- einander abgestimmt. Von den insgesamt 4.600 Stunden in den drei (bzw. funf) Jahren entfallen auf die praktische Ausbildung 2.500 Stunden, auf den Unterricht 2.100 Stun­den. Die Gesamtverantwortung tragt die Altenpflegeschule. Die praktische Ausbildung findet in einer stationaren Pflegeeinrichtung und einem ambulanten Pflegedienst statt; zusammen sind hier mindestens 2.500 Stunden zu leisten. Eine erganzende Ausbil­dung in der offenen Altenhilfe oder in psychiatrischen, geriatrischen Abteilungen ist moglich.

3.2.3 Ausbildungsziele

Ziel der Ausbildung ist die Fahigkeit zur selbststandigen, eigenverantwortlichen und ganzheitlichen Pflege einschlieBlich der Beratung, Begleitung und Betreuung alter Menschen. Die Ausbildungsinhalte fur den Unterricht ergeben sich aus der Stundenta- fel der Ausbildungs- und Prufungsverordnung. Sie werden nicht mehr uber Facher de- finiert, sondern uber Lernfelder. Dazu gehoren zum Beispiel:[20]

- Pflege alter Menschen planen, durchfuhren, dokumentieren und evaluieren.
- Alte Menschen personen- und situationsbezogen pflegen.
- Bei der medizinischen Diagnostik und Therapie mitwirken.
- Alte Menschen bei der Tagesgestaltung unterstutzen.
- Hilfe zur Erhaltung und Aktivierung der eigenstandigen Lebensfuhrung einschlieB­lich der Forderung sozialer Kontakte leisten.
- Berufliches Selbstverstandnis entwickeln.

In der praktischen Ausbildung werden die Auszubildenden stufenweise an die eigen- verantwortliche Ubernahme der pflegerischen Aufgaben herangefuhrt.

3.3 Vertragliche Regelungen

Die neue Altenpflegeausbildung verlangt eine Reihe von Vertragswerken, die zwischen den einzelnen beteiligten Parteien abzuschlieBen sind. Insgesamt sind vier Vertrage aufzusetzen. Der Trager der praktischen Ausbildung (hier die Caritas-Einrichtung) schlieBt mit der Altenpflegeschule seiner Wahl einen Kooperationsvertrag fur die ge- meinsame Ausbildung ab. Ferner regelt ein Ausbildungsvertrag die Zusammenarbeit zwischen dem Auszubildenden und der Caritas-Einrichtung. Die Altenpflegeschule, als Gesamtverantwortliche fur die Ausbildung, muss dem Vertrag zustimmen. Der Schuler wiederum unterzeichnet einen Schulvertrag mit der Altenpflegeschule, in dem das Schulverhaltnis geregelt wird. Als viertes Vertragsverhaltnis wird noch ein Kooperati- onsvertrag benotigt, der die Zusammenarbeit zwischen dem praktischen Trager der Ausbildung und der weiteren Ausbildungsstatte, wie z.B. einem ambulanten Pflege- dienst, regelt.

3.4 Finanzierung der Ausbildung

Die Finanzierung der Ausbildung ist nicht bundeseinheitlich geregelt, sondern obliegt den einzelnen Landesregierungen. Da die Caritas-Einrichtung unter die Rahmenbedin- gungen der bayerischen Landesregierung fallt, werden im Nachfolgenden die fur die­ses Bundesland geltenden Finanzierungsregelungen dargelegt; wobei die der anderen Bundeslander ahnlich gelagert sind. Der Aufbau der Finanzierung ist zweigeteilt zu sehen. Die erste Saule der Finanzierung beschaftigt sich mit der Forderung der Alten- pflegeschule, die zum GroBteil durch kommunale Zuschusse und Landeszuschusse gedeckt ist. Die zweite Finanzierungssaule bezieht sich auf die Trager der praktischen Ausbildung, hier die Caritas-Einrichtung, die an den Auszubildenden eine monatliche Ausbildungsvergutung zu zahlen haben. Die ermittelten jahrlichen Arbeitgeberperso- nalkosten je Ausbildungsplanstelle belaufen sich auf durchschnittlich 14.000,-- Euro.[21] Die Vergutung fur den Auszubildenden betragt abhangig vom Ausbildungsjahr zwi­schen ca. 700,-- Euro und 850,-- Euro.

Fur die Refinanzierung der Ausbildungsvergutung sind zwei Modelle angedacht gewe- sen. Das erste, welches sich nicht durchsetzen konnte, sollte als ein umlageorientiertes Verfahren eingefuhrt werden. Hier wurde jede Altenpflegeeinrichtung eine bestimmte Kostenumlage zu tragen haben, unabhangig ob eine Ausbildung in der Einrichtung stattfindet oder nicht. Diese Umlage wird dann auf die Hauser verteilt, die Schuler aus- bilden. Dieses Finanzierungsmodell hat keine Mehrheit in der Landesregierung gefun- den und so wurde bisher fur den stationaren Bereich eine pflegesatzfinanzierte Ausbil- dung verabschiedet. Bei diesem Ansatz wird die Ausbildungsvergutung in den Pflege- satz einkalkuliert:

- im Rahmen des bestehenden Stellenschlussels mit einem Ansatz von 0,33 Plan- stellen je Auszubildenden, oder
- durch Erhohung des Tagespflegesatzes und dadurch eine verringerte Anrechnung mit 0,17 Planstellen auf den vorhandenen Stellenschlussel.

Der uberwiegende Teil der angeschlossenen Caritas-Einrichtungen[22] haben sich fur die Erhohung des Tagespflegesatzes entschieden, um den bereits sehr ausgeschopften Stellenplan durch den Ansatz der Ausbildungsstellen nicht weiter zu strapazieren. Durch die Erhohung des Tagessatzes ist eine zusatzliche Anrechnung auf den Stellen­schlussel moglich und somit zusatzliche Personaleinsatzstunden realisierbar.

3.5 Perspektiven nach der Ausbildung

Die Vielfalt der Tatigkeiten eroffnet Altenpflegern nicht nur einen abwechslungsreichen beruflichen Alltag, sondern auch attraktive Entwicklungsmoglichkeiten. Vielfaltige Fort- und Weiterbildungsmoglichkeiten werden geboten und zeigen interessante berufliche Perspektiven auf:

- Wohnbereichsleitung in einer stationaren Altenpflegeeinrichtung
- Pflegedienstleitung in einer stationaren Altenpflegeeinrichtung
- Gerontopsychiatrische Fachkraft
- Leitung einer Altenpflegeschule
- Leitung eines ambulanten Pflegedienstes

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung werden Altenpfleger mehr denn je gebraucht. Nicht nur ein sicherer Job wird in der Altenpflege bereitgestellt, sondern auch ein sicheres und solides Einkommen. Die Anfangsgehalter nach der Ausbildung liegen mit Zuschlagen derzeit etwa zwischen 1.700 und 2.000 Euro (brutto).

4 Erkenntnisse und Ausblick

4.1 Veranderungsprozesse in der Altenhilfe

„Die Zukunft beginnt heute Leben heiBt denken und handeln, denken und handeln aber heiBt verandern“[23]

James Allen

Das Altenpflegegesetz hat zum Ziel, den Beruf des Altenpflegers attraktiver zu gestal- ten, ihn aufzuwerten und dadurch mehr junge Menschen dazu zu bewegen, gerade diesen Beruf zu ergreifen; so soll dem bestehenden und weiter erwarteten Fachkrafte- mangel entgegengewirkt werden. Die bundeseinheitliche Regelung soll die Mobilitat der Altenpfleger im Bundesgebiet und europaweit verbessern und einen flexiblen Ein- satz von Fachkraften dort zulassen, wo sie, wie etwa in Ballungsraumen, dringend be- notigt werden. Um den Verbleib im Beruf zu ermoglichen und die Fluktuation des Fachpersonals zu mindern, mussen auch Verbesserungen im Berufsalltag hinzukom- men sowie Perspektiven fur den Aufstieg im Beruf angeboten werden.

Die Bemuhungen um maximale Pflegequalitat und MaBnahmen zur Qualitatssicherung stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit einer Professionalisierung in der Alten- pflege. Eine hohere Pflegequalitat baut auf mehr Fachkompetenz, einer qualifizierteren Ausbildung und eigenverantwortlichem Handeln. Die wachsende Bedeutung der Alten- pflege und deren Stellenwert geht einher mit dem Wandel des Berufsbildes, der Mo- dernisierung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Akademisierung des Pflegeberufes durch Pflegestudiengange und Pflegeforschung. Das Altenpflegegesetz wird zwar den Mangel an qualifiziertem Personal allein nicht beheben konnen; es ist aber ein zentraler Baustein in einem Bundel von MaBnahmen zur Verbesserung der Personalgewinnung und Personalentwicklung von Pflegefachkraften. Es geht darum, Veranderungen einzuleiten hin zu einer Ausbildung, die die personliche Entwicklung der Lernenden fordert und sich den kunftigen Aufgaben der Pflegenden starker zuwen- det.

Weil wir nicht wissen konnen, welchen Kundenservice der pflegebedurftige Mensch in kunftigen Jahren abruft, und weil wir nicht wissen konnen, wie diese Anforderungen erfullt werden konnen, sollte die Ausbildung der jungen Pflegedienstgeneration, so die Auffassung des Autors, unter der Pramisse gestellt werden, dass konservative Leitwer- te wichtig, die Bewaltigung der Unwagbarkeit kunftiger Anforderungen indes entschei- dend sind, wenn es darum geht, Professionalitat und Menschenwurde unter dem Dach der Altenhilfe zu verbinden.

Der Altenpfleger ist also ein Mensch, der Dienst leistet, dient, ohne sich aufzugeben, der Professionalitat nicht im Gegensatz zu Menschlichkeit sieht, der geistig behande genug ist, sich immer neuen, durchaus fachfremden Anforderungen zu stellen. Den Auszubildenden auf diesem Weg zu begleiten, ihn anzuleiten und fur ihn da zu sein, muss unsere Aufgabe sein.[24]

Mit dem Abschluss der Ausbildung ist diese Aufgabe der Betreuung nicht beendet. Vielmehr ist es der Beginn, den Mitarbeiter in der Altenhilfeeinrichtung zu „lernenden Menschen in lernenden Organisationen“ zu entwickeln, um den heutigen und kunftigen Anforderungen gerecht werden zu konnen. Die Mitarbeiter sind das wichtigstes Gut eines Unternehmens und bedurfen einer sorgfaltigen Betreuung und Sorge, denn nur dann fuhlen sie sich toleriert, akzeptiert und angenommen und konnen ihr Leistungsop- timum einbringen.

4.2 Die Zukunft der Pflegeausbildung

„Die Gesellschaft altert Ein Berufsbild fur die zweite Lebenshalfte entsteht“[25]

Die eigenstandige Grundausbildung zum Altenpfleger ist im EU-Vergleich eine deut­sche Besonderheit. In zwolf von 15 Landern der EU (Ausnahmen sind Deutschland, Osterreich und Luxemburg) gibt es sie nicht. Die Pflegekrafte werden stattdessen ge- neralistisch ausgebildet; die Altenpflege, Gerontologie und Geriatrie sind dort ebenso wie die Intensivpflege Spezialisierungsgebiete.[26] Becker[27] sieht die Zukunft in einer Zusammenlegung der Pflegeberufe in Grundberufen mit gemeinsamer Grundbildung und darauf aufbauenden Fachbildungen. Dies auch unter der Tatsache, dass aufgrund der demografischen Entwicklung Krankenpfleger in Zukunft weiter verstarkt alte Men­schen zu pflegen haben. Durch die Einfuhrung der DRG's in den Krankenhausern werden in Zukunft die alten Menschen fruhzeitig zur Nachsorge in stationare Altenpfle- geeinrichtungen verlegt.

Die Ende 2000 von der Robert-Bosch-Stiftung durchgefuhrte Studie uber das Thema „Pflege neu denken - Zur Zukunft der Pflegeausbildung“[28], bei der namhafte Experten aus Wissenschaft und Praxis teilnahmen, wird derzeit in einigen Punkten kontrovers diskutiert. Von den Berufsverbanden breit getragen werden die nachstehenden Forde- rungen:

- Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflegeausbildung sollten zu einer generalisti- schen Pflegeausbildung zusammengefasst werden und einen Ausbildungsab- schluss mit Schwerpunktsetzung ermoglichen.
- zwei- und vierjahrige Ausbildungsgange zu schaffen, die sich im Zugangs-, Anfor- derungs- und Kompetenzprofil unterscheiden.
- Spezialisierungen erfolgen entweder in Masterstudiengangen oder Weiterbildun- gen.
- vier Qualifikationsstufen einzurichten, denen patienten- und klienten- sowie organi­sations- und gesellschaftsbezogene Aufgaben zuzuordnen sind.

Eine zusammengefasste Skizierung der von diesem Expertenrat[29] entwickelten zukunftigen Pflegeausbildung ist dem Anhang beigefugt, in der sehr gut strukturiert und ganz konkret die Vision der Pflegeausbildung dargestellt wird.[30]

Die Bundesregierung hat die Entwicklung hin zu einer gemeinsamen Ausbildung von Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege erkannt und im neuen Altenpfle- gegesetz fur die einzelnen Bundeslander die Moglichkeit der Erprobung von integrier- ten Ausbildungsmodellen vorgesehen.[31]

Der Blick zu den ubrigen EU-Landern lasst erkennen, dass Deutschland am Beginn des langst falligen Veranderungsprozesses der Pflegeausbildung steht. Das neue Al- tenpflegegesetz und die Akademisierung der Pflege sind wichtige Schritte in Richtung Professionalisierung der Pflegeausbildung.

[...]


[1] Die Kampagne „Altenpflege in Bayern“ ist eine Initiative von zahlreichen Verbanden und Institutionen unter Federfuhrung des Bayerischen Staatministeriums fur Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frau­en. Auch andere Landesregierungen fuhren ahnlich gelagerte Projekte durch. Siehe hierzu unter anderem www.berufe-mit-sinn.de.

[2] Die Caritas-Einrichtung zahlt zu einem Verbund von Caritas-Einrichtungen in Unterfranken, die sich mit der Altenpflege beschaftigen. In ihren Hausern leben rund 1.200 Bewohner und arbeiten mehr als 700 Mitarbeiter.

[3] Im Folgenden werden Personen in der mannlichen Sprachform angesprochen, es sind aber jeweils so- wohl mannliche als auch weibliche Personen gemeint.

[4] Weidner, F., u.a., Pflege-Thermometer 2002, Koln, 2002, S. 5 ff. Insgesamt hat das dip 1028 Pflege- dienstleitungen und Geschaftsfuhrungen von Krankenhausern, Altenheimen und ambulanten Pflegediens­ten in ganz Deutschland befragt.

[5] Weidner, F., u.a., a.a.O., S. 5.

[6] Bundesministerium fur Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Vierter Bericht zur Lage der alteren Ge­neration, Berlin, 2002, S. 262 ff.

[7] Batkiewicz, R., u.a., Zukunft und Identitat der Caritas im Markt, in: Deutscher Caritasverband (Hrsg.), Caritas 2003 - Jahrbuch des Deutschen Caritasverbandes, Freiburg, 2002, S. 50.

[8] Noelle-Neumann, E., u.a., Altenpflege - Beruf oder Berufung? Bericht uber eine representative Befra- gung von Altenpflegeschulern zur Attraktivitat des Pflegeberufs, durchgefuhrt vom Institut fur Demosko­pie Allensbach, Paul Lempp Stiftung, Stuttgart, 2000.

[9] Hierfur wurden 180 Schuler an 32 Berufsfachschulen in Baden-Wurttemberg befragt.

[10] Noelle-Neumann, E., u.a., a.a.O., S. 14 ff.

[11] Als mogliche Ursache ware hierfur sicherlich auch die Tatsache anzusetzen, dass auf das Jahr 1992 bezogen rund 50 % der Altenpflegeschuler vom Arbeitsamt als Umschuler gefordert wurden. Becker, W., u.a. (Hrsg.), Altenpflege - eine Arbeit wie jede andere? Ein Beruf furs Leben?, Bielefeld, 1997, S. 81.

[12] Becker, W., u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 1 ff.

[13] Becker, W., u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 266 ff.

[14] Bundesverfassungsgericht, Leitsatze zum Urteil des Zweiten Senats vom 24. Oktober 2002, 2 BvF 1/01, Online in Internet, URL: http://www.bverfg.de/entscheidungen/frames/fs20021024_2bvf000101 [23.05.03], S. 10.

[15] Becker, W., u.a., (Hrsg.), a.a.O., S. 230 ff., S. 273 ff.

[16] Becker, W., u.a., (Hrsg.), a.a.O., S. 304.

[17] Becker, W., u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 73 ff.

[18] Bundesverfassungsgericht, a.a.O., S. 1 ff.

[19] Siehe Anhang A.01: Grundzuge der Ausbildung in der Altenpflege.

[20] Kuratorium Deutsche Altershilfe, Bundeseinheitliche Altenpflegeausbildung, Koln, 2002, S. 5 ff.

[21] Siehe Anhang A.02: Ausbildungsvergutung - Arbeitgeberpersonalkosten.

[22] Auskunft des Caritas-Referates „Pflegesatzberechnung“ fur Unterfranken. Empfehlung des Landescari- tasverbandes Bayern.

[23] James, Allen, zitiert in: Robert-Bosch-Stiftung, Pflege neu denken, Stuttgart, 2001, S. 9.

[24] Siehe Anhang A.04: Ruckblick - Ausblick - Aufbruch.

[25] Noelle-Neumann, E., u.a., a.a.O., S. 6.

[26] Bundesverfassungsgericht, a.a.O., S. 13.

[27] Becker, W., u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 56.

[28] Robert-Bosch-Stiftung, a.a.O., S. 4.

[29] Im Jahr 1992 veroffentlichte die Robert-Bosch-Stiftung die Denkschrift „Pflege braucht Eliten“. Sie half sehr stark dabei, eine Akademisierung des Berufsfeldes Pflege in Deutschland anzustoBen. Sicherlich werden sich viele Forderungen dieser Kommission in den nachsten Jahren realisiert in unserem Ausbil- dungssystem wiederfinden.

[30] Siehe Anhang A.03: Rahmenbedingungen und Prinzipien der zukunftigen Pflegeausbildung.

[31] Private Universitat Witten, Weiterentwicklung der Ausbildung in den Pflegeberufen, Witten, 2001. In dieser Studie wird eine Ubersicht uber die Pflegeausbildungen in den anderen europaischen Landern gegeben. Die Studie spricht im Ergebnis von einer integrierten als auch einer generalistischen Ausbil­dung. Modellprojekte einer Gesamtausbildung (gleiche Grundausbildung) sollen daraufhin in Deutsch­land gestartet werden.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Altenpflege - Beruf oder Berufung? Ein Ausbildungszweig stellt sich vor
Hochschule
Steinbeis-Hochschule Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
40
Katalognummer
V15838
ISBN (eBook)
9783638208482
ISBN (Buch)
9783638886284
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Transferarbeit. Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand. Zuzüglich 19 Folien im PDF-Format.
Schlagworte
Altenpflege, Beruf, Berufung, Ausbildungszweig
Arbeit zitieren
MBA Marco Bambach (Autor), 2003, Altenpflege - Beruf oder Berufung? Ein Ausbildungszweig stellt sich vor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15838

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