Fußball als Religionsersatz

Ein Vergleich mit den elementaren Formen des religiösen Lebens nach Émile Durkheim


Seminararbeit, 2010
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Émile Durkheims Definition der einfachen Religion und ihre Grundzüge

3. Der Vergleich zwischen Durkheims Erkenntnissen und dem Fußball

4. Parallelen zum Christentum

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In jedem Dorf steht mindestens eine Kirche. In der Regel findet sich nicht weit weg da- von immer ein Fußballplatz. Beide Einrichtungen zählen zu den wichtigsten Bestandtei- len des sozialen Miteinander im westlichen Kulturkreis. Doch während die Kirche zu- nehmend an Zustimmung und praktizierenden Anhängern verliert, erfreut sich Fußball sowohl aus Sicht aktiver Spieler, als auch sogenannter Fans wachsender Beliebtheit. Hatte vor gut zwanzig Jahren noch jeder Ortsteil einer deutschen Stadt seine eigene Kir- chengemeinde, löst man diese schrittweise auf.1 Im Gegensatz dazu ist in Zukunft wahr- scheinlich jeder Ortsteil durch einen Verein in einer Liga des Deutschen Fußball-Bun- des vertreten, dem mit über 6,7 Mio. Mitgliedern größten Sportverband weltweit.2

Interessant ist daher nicht nur der wachsende Einfluss des Fußballs aus ökonomischer Sicht (die Fußballweltmeisterschaft ist das zweitgrößte Medienereignis der Welt),3 son- dern auch sein Einfluss auf das soziale Leben und die Entwicklung einer Gesellschaft. So wird Fußball auch für die Soziologie immer interessanter. Insbesondere in Hinblick auf die These, dass die Fußballfankultur eine moderne Alternative für Religion darstellt. Ob Fußball als ein solches Phänomen überhaupt eine Wirkung auf die Gesellschaft hat und die notwendigen Eigenschaften dafür besitzt, soll in der vorliegenden Seminararbeit anhand der Erkenntnisse von Émile Durkheim aus seinem Werk „Die elementaren For- men des religiösen Lebens“ aufgezeigt werden. Das Ziel ist, Fußball aus funktionalisti- scher Betrachtung heraus mit den Kernelementen der Religion zu vergleichen und offen zu legen, ob dieser Sport gesellschaftlichen Zusammenhalt und Identität auf die Weise fördert oder ähnliche Werte vermittelt und Bedürfnisse befriedigt, wie Religion.

Nur so lässt sich die gewichtige Rolle von Fußball in der Geschichte verschiedener Ge- sellschaften besser erklären, wie etwa seine Rolle bei der Bildung einer nationalen Iden- tität im gänzlich aus Migranten entstandenen Argentinien.4 Die Entstehung sog. neureli- giöser Bewegungen, wie der Iglesia Maradoniana zu Ehren des argentinischen Fußball- spielers Diego Maradona, sind da nur ein zusätzliches Argument für die Erforschung dieses Feldes.5 Zusätzlich ist der Forschungsstand in diesem Bereich noch nicht weit fortgeschritten. Zwar können exemplarisch Werke, wie „Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs“ von Gabriele Klein und Michael Meuser (Hrsg.) genannt wer- den, doch bewegt sich die meiste Literatur außerhalb der Soziologie oder im populär- wissenschaftlichen Bereich. Dabei ist dieses Thema vor allem in Zeiten, in denen Me- dienereignisse in Form der Fußballweltmeisterschaft den Alltag deutlich beeinflussen, von besonderer Wichtigkeit.6

Émile Durkheims soziologische Forschungsergebnisse über das Wesen der Religion können daher als Grundlage der Untersuchung des Wesens des Fußballs angewandt wer- den. Im Laufe der Seminararbeit sollen in Kapitel 2 die Grundzüge des von Durkheim erarbeiteten Werkes skizziert werden, die eine laut ihm „primitive Religion“7 darstellen. Die Erkenntnisse über die Religion als „gesellschaftliches Phänomen“8 sollen anschlie- ßend in Kapitel 3 mit dem Fußball verglichen werden. Darauf folgend werden in Kapitel 4 die Ergebnisse durch zusätzliche Parallelen und Erkenntnisse über Fußball vervollständigt. Mit Kapitel 5 soll eine Schlussbetrachtung die Seminararbeit abschließen. Bei dem zur Auswertung herangezogenen Material handelt es sich größtenteils um deutschsprachige Sekundärliteratur und Quellen, wie Zeitschriftenartikel, Meldungen und Statistiken aus der deutschen und internationalen Fußballfanszene.

2. Émile Durkheims Definition der einfachen Religion und ihre Grundzüge

Émile Durkheims 1919 veröffentlichtes Werk „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ stellt des Autors dritte umfangreiche soziologische Arbeit dar. Bis heute zählt es trotz der Kritik daran, der sich der überzeugte Laizist bereits zu Lebzeiten ausgesetzt sah,9 zur wichtigsten religionssoziologischen Literatur. Das Objekt der Untersuchung ist die Religion selbst und ihre, wie im Titel beschrieben, elementaren Formen sowie dar- über hinaus ihre Funktionen, Kategorien und Grundbegriffe.10 Wichtig ist in diesem Zu- sammenhang für Durkheim eine allgemeine Definition der Religion.11 Durkheims Aus- arbeitungen zur Religion als etwas Übernatürliches, seine Ausklammerung der Magie, dank der er die Kirche als Bestandteil der Religion legitimiert,12 oder seine Unterteilung religiöser Phänomene in Kategorien,13 sollen an dieser Stelle nur knapp erwähnt bleiben. Entscheidend sind Durkheims schlussendliche Erkenntnisse. Seine Definition der Reli- gion beschreibt diese als „solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige Überzeugungen und Praktiken bezieht, die in einer und derselben mora- lischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören.“14

Dank dieser Definition beginnt Durkheim im weiteren Verlauf „die Untersuchung der elementaren Religion“.15 Die zu seiner Zeit bekannten Elementarreligionen werden von Durkheim als illusionistisch degradiert.16 Für Durkheim als wissenschaftlich geltende Form der Religion ist hingegen der Totemismus, den er im Weiteren knapp auf Ursprün- ge, Entwicklung und Vorkommnisse untersucht. Innerhalb dieser Ausarbeitungen legt sich Durkheim letztendlich auf die australische Form des Totemismus fest, den er im Laufe seines Werkes als Beispiel für eine prototypische Religion heranzieht.17

Die elementaren Bestandteile des Totemismus sind das namensgebende Totem und die ihm zugehörige Clanstruktur. Der Clan stellt im Totemismus laut Durkheim eine Gruppe dar, die ein „Kollektivleben“18 führt und nicht etwa durch Blutsverwandtschaft entsteht, sondern durch ihr gemeinsames Totem, also ihren Namen, entsprechende Pflichten oder im Prinzip ein Bekenntnis zu einem gemeinsamen Wert.19 Jeder dieser im Totemismus auftauchenden Clans hat ein eigenes Totem.20 Dieses Totem ist ein Symbol. In den häu- figsten Fällen einer Tier- oder Pflanzenart, selten Orten, entsprechend. Diese ist dabei nicht nur förmlich das Totem, sie wird auch als Symbol im eigentlichen Sinn abgebildet und als solches von den Clans eingesetzt. Allen gemein ist ihre Bedeutung für die My- thologie des Clans.21 Parallelen zieht Durkheim dabei mit der Heraldik. Wie ein Wappen erfüllt es im Clan gewisse Aufgaben. Somit ist es vor allem ein Kennzeichen des Clans, dank dem der Totemismus die Verkörperung der Gesellschaft ermöglicht, eine laut Durkheim wichtige Funktion der Religion.22 Seinen religiösen Charakter erhält das To- tem zusätzlich dadurch, dass die dabei verwendeten Tiere, Pflanzen oder Gegenstände vor allem auch Teil von Zeremonien sind und in anderer Form wiederkehren um bei je- weiligen rituellen Aufgaben eingesetzt zu werden.23 Durkheim behandelt passend dazu anschließend die Frage nach den Glaubensvorstellungen. Durch ihre verschiedenen For- men und noch verschiedeneren Wirkungen nimmt der Glaube allerdings in den Ausar- beitungen Durkheims eine geringe Rolle ein. Er ist vor allem Bestandteil von Ritualen. Ein Element, welches eine rein psychologische Wirkung auf die Clanmitglieder hat.24 Das Heilige und Übernatürliche liegt für Durkheim kaum „in den inneren Eigenschaften einer Sache selbst“.25 Es ist laut ihm nachträglich hinzu gekommen, aufgesetzt und kei- ner empirischen Natur.26 Daneben stellt für Durkheim der Ritus eine der elementaren Formen der Religion dar. Ausführlich behandelt er die rituellen Praktiken und unterteilt diese in negative und positive Riten. Dabei geht es Durkheim nicht um ihre Vielfalt, sondern um ihre allgemeine Bedeutung und Wirkung.

[...]


1 Vgl. Bücker, Vera: Niedergang der Volkskirchen. Was kommt danach?, Münster 2005, S. 12-48

2 Vgl. DFB-Mitgliederstatistik, Berlin 22. März 2010, in: http://dfb.de/index.php?id=11015 (21.07.10)

3 Vgl. Stahl, Christian: Erfolg in der massenmedialen Sportpräsentation, Wiesbaden 2006, S. 9 ff.

4 Vgl. Alabarces, Pablo: Für Messi sterben? Der Fußball und die Erfindung der argentinischen Nation, Berlin 2010

5 Vgl. Schümer, Dirk: Gott ist rund. Die Kultur des Fußballs, Berlin 1998, S. 237 ff.

6 Vgl. Schmucker, Hans: Über zehn Millionen sahen WM-Spiel Uruguay-Frankreich, Baden-Baden 12. Juni 2010, in: http://media-control.de/ueber-zehn-millionen-sahen-wm-spiel-uruguay-frankreich.html (23.07.10)

7 Durkheim, Émile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/Main 2007, S. 15

8 Heimbach-Steins, Marianne (Hrsg.): Religion als gesellschaftliches Phänomen, Münster 2002

9 Vgl. Kruse, Volker: Geschichte der Soziologie, Konstanz 2008, S. 77

10 Vgl. Durkheim, Émile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/Main 2007, S. 13 ff.

11 Vgl. ebd., S. 13 ff.

12 Vgl. ebd., S. 69 ff.

13 Ebd., S. 61

14 Ebd., S. 76

15 Ebd., S. 77

16 Vgl. ebd., S. 79-94

17 Vgl. ebd., S. 133 ff.

18 Durkheim, Émile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/Main 2007, S. 152

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. ebd., S. 153

21 Vgl. ebd., S. 156

22 Vgl. ebd., S. 169

23 Vgl. ebd., S. 177 f.

24 Vgl. ebd., S. 321 ff.

25 Ebd., S. 339

26 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Fußball als Religionsersatz
Untertitel
Ein Vergleich mit den elementaren Formen des religiösen Lebens nach Émile Durkheim
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Denktraditionen der Soziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V158450
ISBN (eBook)
9783640715862
ISBN (Buch)
9783640715817
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Religion, Fußball, Sport, Durkheim, Gesellschaft, Politik, Totemismus, Kult, Fankultur, Ultras, Vereinskultur, Szene, Clan, Bundesliga, Football, Soccer, Männer, Geschlecht, Verhalten, DFB, Kicker, Stadion, Mannschaftssport, Glauben, Rolle, Wandel, Kirche, Club, Verein
Arbeit zitieren
Christoph Kotowski (Autor), 2010, Fußball als Religionsersatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158450

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