Fiktion und Realität in Max Frischs "Montauk"


Seminararbeit, 1999

24 Seiten, Note: 1

Iwona Eberle (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die kritische Selbstuntersuchung
II.A. Die Selbstlokalisation
II.A.1. Die Schuldthematik
II.A.2. Aufrichtigkeit
II.B. Postulat der Fiktionslosigkeit

III. Konstruktion von Identität und Vergangenheit
III.A. Fiktionssignale und literarische Tradition
III.B. Das erzählte Selbst
III.B.1. Die Konstruktion von Erfahrung
III.B.2. Schreiben als Scheitern

IV. Erzählen und Vergangenheit
IV.A. Die dynamische Wahrheit
IV.B. Strategien
IV.C. Erzähltechnik
IV.C.1. Die Rahmenerzählung
IV.C.2. Die Montage
IV.C.3. Perspektiven des Erzählens

V. Zusammenfassung

VI. Bibliographie
VI.A. Primärliteratur
VI.B. Sekundärliteratur

I. Einleitung

Mit Montauk hinterläßt Max Frisch eine Erzählung, die zugleich eine Autobiographie ist. Der Erzähler beschreibt ein Wochenende, das ein Mann namens Max im Mai 1974 in Montauk, der nördlichen Spitze von Long Island verbringt. Der Text ist das Protokoll einer kurzen Liebesgeschichte, in das sich Gedanken zu vergangenen Erlebnissen des Erzählers einschieben.

Das Erscheinen von Montauk im September 1975 löste einen heftigen Disput aus. Es ging in ihm um die Frage, ob es sich bei Montauk wirklich um eine Erzählung handle, oder ob es nicht doch vielmehr eine Autobiographie sei, und ob der Text hauptsächlich als fiktional oder als nicht-fiktional gelten könne.1

In der vorliegenden Seminararbeit soll untersucht werden, wie sich „Fiktion“ und „Realität“ in Max Frischs Montauk zueinander verhalten. Ein Hauptaugenmerk wird dabei auf den Prozeß der Erinnerung gerichtet sein, der einerseits die Form einer kritischen Selbstuntersuchung, andererseits die Form eines kreativen Schaffensvorgangs annimmt. Ein weiterer Fokus liegt auf der narrativen Konstruktion von Identität und der persönlichen Vergangenheit des Erzählers. Im anschließenden Teil wird die Beziehung von Erzählen und Vergangenheit in Montauk untersucht.

„Realität“ soll als Geschehen, das ein Subjekt für sich als wahr erkennt, definiert werden. Damit wird allerdings impliziert, daß auch „Fiktion“ als „real“ erlebt werden kann, besonders wenn sich „Fiktion“ nicht auf literarisches Schaffen bezieht, sondern auf die Konstruktion von Erfahrung.

Wenn das Subjekt sich zum Gegenstand seiner Wahrnehmung macht, dann wird dieses sehr spezielle Objekt der Wahrnehmung als „Selbst“ bezeichnet (vgl. Kraus 1996: 122). Ein Individuum kann verschiedene Rollen spielen, aber es hat nur ein Selbst (vgl. Kraus 1996: 124). Identität umfaßt ein kohärentes Selbstkonzept, eine Investition in sinnstiftende Ziele und Normen und subjektiv bedeutsame Versuche der Aktualisierung von Vorstellungen über ein ideales Selbst im Sinne einer inneren Verpflichtung (vgl. Kraus 1996: 124).

II. Die kritische Selbstuntersuchung

II.A. Die Selbstlokalisation

Die Wildnis am Anfang des Buches und das Schild, das „OVERLOOK“ (6: 621)2 verspricht, sind emblematisch für die Struktur wie den Inhalt von Montauk. Der Erzähler Max strebt einen Rück- und Überblick auf sein bisheriges ereignisreiches Leben an. Der Weg zum Aussichtspunkt verläuft jedoch nicht geradlinig, und der Erzähler stellt fest:

Eigentlich gibt es viele Pfade oder was wie ein Pfad aussieht; deswegen ist sie stehengeblieben: Wohin jetzt? Die Landkarte, die er gestern gekauft hat, liegt im Wagen; sie würde in diesem Gelände auch nicht viel helfen. (6: 622)

Montauk ist nicht nur die Suche nach dem Punkt, von dem das bisherige Leben überblickt werden kann, sondern auch die Suche nach dem entsprechenden Weg dorthin. Der Autor versucht in Montauk, adäquate stilistische Mittel für die Selbstdarstellung zu finden.

Es ist für den beschriebenen Schriftsteller wichtig, den Aussichtspunkt zu finden, um einen wirklichen Überblick zu erhalten. Eigentlich hat er bereits ein Vorwissen über seine Lage: „Er weiß, wo sie sich befinden: MONTAUK“ (6: 622). Eine entsprechende Stelle über seine Position im Leben heißt: „Am Mittwoch werde ich 63…“ (6: 710). Der Erzähler will jedoch nicht nur wissen, sondern erfahren, wo er sich befindet.

Wenn man das Symbol des Aussichtspunktes auf das Werk Montauk als autobiographisches Projekt bezieht, kann man schließen, daß es dem Erzähler nicht möglich ist, eine Gesamtsicht auf die Figur Max und dessen Leben zu erreichen:3 „OVERLOOK; das Schild hat versprochen, was es hier nicht gibt“ (6: 650). Jedenfalls ist der Überblick nicht dort zu finden, wo der Erzähler ihn erwartet hat.

Mit Montauk wird der Versuch der Selbstlokalisation dennoch gewagt. Eine Geschichte, und sei es das eigenen Leben, wird erst dann zu einer erkennbaren Wirklichkeit, wenn man von ihr Abstand nimmt. Um diesen das Selbst erzeugenden Abstand zu erhalten, braucht man das in zwei Instanzen sich auffächernde Andere - den Zuhörer und die Erzählung, die eine Transformation darstellt. In Montauk besteht der Zuhörer sowohl aus dem Erzähler selbst, der sich eine Geschichte erzählt, dem Autor, der vielerorts mit dem Erzähler gleichzusetzen ist, und aus dem Leser, an den sich Montauk implizit richtet.

II.A.1. Die Schuldthematik

Der Erzählung Montauk ist ein Motto von Montaigne vorangestellt, das programmatischen Charakter hat. Durch wiederholte Erinnerung im Text der Erzählung impliziert es Selbstinterpretation Max Frischs im Lichte der Tradition moralistischer Selbstdarstellung:

MEINE FEHLER WIRD MAN HIER FINDEN (6: 679) DIES IST EIN AUFRICHTIGES BUCH, LESER (6: 747)

Das Montaigne-Motto evoziert Selbstbeobachtung und Selbstanalyse angesichts der Erfahrung von Alter und Bedrängnis, Melancholie und Selbstbezichtigung. Mit Hilfe des Mottos werden dem Leser die Gründe für die Bilanz des Autors näher erklärt. Die literarische Struktur von Montauk ahmt die Manier Montaignes in seinem Essay nach (ibid.): Tagebuchartige Aufzeichnungen, Erinnerungen, Episoden, Detailbeobachtungen, die in generalisierende Reflexionen übergehen, sind locker zusammengefügt. Auf Abstraktion wird größtenteils verzichtet.

Die Bilanz des Erzählers4 beim kritischen Erinnern seines Lebens fällt schlecht aus: Er findet ein Individuum, das ständig die gleichen Fehler begeht, Schuld auf sich lädt, Mühe im Umgang mit dem anderen Geschlecht bekundet und sich in mehrfacher Hinsicht als Versager erfährt. Frisch schien das Schreiben von Montauk als eine Art „Therapie“ betrachtet zu haben, die den Versuch, das eigene Leben anzunehmen, begleitet (vgl. Frisch zitiert in White 1995: 375). Wie White (1995: 380) feststellt, hat der Erzähler beziehungsweise Max Frisch ein

„Märchenvertrauen“ in ein gutes Ende seiner Geschichte. Der Stachel seiner Probleme mit der persönlichen Identität, Eifersucht, der Vergänglichkeit, Bildnissen und dem Tod scheint am

Schluß gezogen (vgl. ibid.). Ramer (1993: 284) interpretiert Frischs kritische Selbst- untersuchung vor allem als erlösende Beichte: „Dadurch, daß Frisch sich diese grauen Momente wieder ins Gedächtnis ruft, kann er sich davon befreien wie beim Akt der Buße.“ Frisch bemerkte in einem Gespräch:

Ich dachte, das sei das letzte Buch. Ich wollte alles noch einmal überschauen. Ich fühlte mich dabei sehr lebendig. Ich habe kürzlich in einem Interview erklärt, daß ich Montauk im Sommer 1974 in einer Gemütsverfassung der Versöhnlichkeit und Angstfreiheit geschrieben habe. Es gelang mir, sechzig Jahre meines Lebens zu akzeptieren, einschließlich der Fehler: ohne mich oder die anderen zu richten, und ohne klein beizugeben. Es war eine Zeit ohne Angst. Die Angst ist später wiedergekommen. (zitiert in Ramer 1993: 290)

II.A.2. Aufrichtigkeit

Die Unverblümtheit beim kritischen Untersuchen seiner eigenen Vergangenheit hat Max Frisch von vielen Seiten Tadel eingetragen. So empfindet Bänziger (1978: 278), „… daß die Erzählung auf weite Strecken peinlich wirkt.“ Dem Vorwurf der Indiskretion kann mit dem Argument begegnet werden, daß der Erzähler weder Rache üben noch andere bloßstellen will. Die Offenheit bezieht sich vor allem auf Max selbst.

Mit Montauk will Frisch nach eigener Aussage zeigen, „was ich erlebe, aber nicht nur ich, was Neunzig von etwa Hundert erleben, aber dem Nachbarn oder sich selbst verhehlen“ (zitiert in White 1995: 388). Was er schreibt, sind seiner Ansicht nach durchaus allgemeine Erfahrungen, die aber nicht auszudrücken gewagt werden. Andere Kritiker fragen jedoch:

„Oder sollten wir statt von einer Beichte von Verschämtheit gegenüber sich selbst sprechen?“ (z. B. Bänziger 1978: 276), denn Zitate und Eigenzitate gelten ihnen als „verschämte Verkleidungsversuche“. Aufrichtigkeit ist ein zentrales Thema von Montauk, das sich auf verschiedenen Ebenen anders ausnimmt.

II.B. Postulat der Fiktionslosigkeit

Fiktionslosigkeit ist das erklärte Ziel des Textes Montauk:

AMAGANNSET; heißt also der kleine Ort, wo er gestern beschlossen hat, dieses Wochenende zu erzählen: autobiographisch, ja, autobiographisch. Ohne Personnagen zu erfinden, die exemplarischer sind als seine Wirklichkeit; ohne auszuweichen in Erfindungen.

(6: 719)

Fiktionslosigkeit wird vom Erzähler positiv bewertet: „Wahrheit“ und Authentizität werden implizit der Fiktion als „Lüge“ oder Unwahrheit gegenübergestellt.5

Andererseits signalisiert der Erzähler in Montauk immer wieder, daß er in das bewußte Fingieren verfällt: „ICH PROBIERE GESCHICHTEN AN WIE KLEIDER“ (6: 720). Knapp

(1978: 288) stellt fest:

Nicht nur ein differenziertes und fragmentarisches Gefüge aus Vergangenheit und Gegenwart wird sichtbar, wenn man der Struktur des Textes folgt. Auch das vielleicht noch komplexe Spannungsverhältnis von Fiktion und „Aufrichtigkeit“, das sich bei genauerer Betrachtung als kein Gegensatzpaar erweist, sondern als Pole einer sich ergänzenden Realität.

Wie sich zeigen wird, eignen sich die Kategorien „Fiktion“ und „Nicht-Fiktion“ beziehungsweise „Realität“ nicht besonders gut für die Beschreibung der autobiographischen Erzählung Montauk; das Moment der Autobiographie löst die Grenzen dieser Kategorien auf. Die polaren Konzepte „Fiktion“ und „Realität“ werden mit Vorteil als Annäherungen an eine unaussprechbare Wirklichkeit betrachtet. Es ergeben sich jedoch Einsichten, wenn man untersucht, wie Max Frisch in seiner Erzählung „Fiktion“ und „Realität“ und ihre Beziehung zueinander gestaltet.

III. Konstruktion von Identität und V ergangenheit

III.A. Fiktionssignale und literarische Tradition

Der Prozeß der Erinnerung, der in Montauk künstlerisch dokumentiert wird, ist nicht nur analytisch, sondern auch konstruktiv. Man kann Ramer (1993: 260) nur teilweise zustimmen, wenn er feststellt: „Keine erfundenen Namen, Berufe, Konstellationen und Schauplätze mehr - Max Frisch serviert dem Leser diesmal Fakten.“ Der Autor macht wiederholt deutlich, daß Montauk als Kunstgebilde zu verstehen und nach ästhetischen Gesetzen zu beurteilen ist (vgl. Pforte 1987: 356).

[...]


1 Vgl. auch Pforte (1987: 349): „Zu fragen ist, ob der Autor… sich selbst erzählt unter Verzicht auf Erfindungen und die dem Leser Fiktionalität versprechende Form der Erzählung bloß benutzt, um das biographische Material ästhetisch aufzubereiten, oder ob der Autor zwar autobiographische Elemente in einen fiktionalen Text einbringt, aber über sie verfügt, sie gleichsam in seinem fiktionalen Text zitiert.“

2 Wenn kein Autor genannt wird, beziehen sich die Seitenangaben auf Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge, hg. von Hans Mayer (siehe Bibliographie).

3 Wir können allerdings Ramer (1993: 289) nicht zustimmen, wenn er das genannte Zitat folgendermaßen interpretiert: „Frisch gibt offen zu, daß er das Motto, nämlich ehrlich zu sein, nicht eingehalten hat.“ Für einen Überblick ist Ehrlichkeit nicht unbedingt vonnöten, so daß „OVERLOOK“ sich nicht notwendigerweise auf das Postulat von Ehrlichkeit bezieht. An dieser Stelle sei auf die Ambiguität des Wortes overlook hingewiesen. Es kann nebst einem Überblicken im Sinne einer Gesamtschau auch ein unbeabsichtigtes Überblicken beziehungsweise vernachlässigen bedeuten. In diesem Sinne ist die Aussage der Interpretation Ramers entgegengesetzt: Es werden keine Fehler und Schwächen übersehen, der Erzähler wird mit sich und Max schonungslos verfahren.

4 Einige Kritiker setzen den Erzähler von Montauk durchwegs mit dem faktischen Autor Max Frisch gleich (vgl.

z. B. Stauffacher 1976: 57). Wir werden versuchen, den faktischen Autor, dem impliziten Autor, den Ich- Erzähler und die Er-Figur nicht als identisch zu betrachten. Allerdings gestaltet sich dies zugegebenermaßen oft schwierig, da der implizite Autor alles daran setzt, die Grenzen zwischen diesen Entitäten zu verwischen.

5 „Wahrheit“ auf der Textebene möchten wir an dieser Stelle als Übereinstimmung mit empirischen Ereignissen und Situationen wie auch als Übereinstimmung mit dem individuellen subjektiven psychischen Erleben definieren.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Fiktion und Realität in Max Frischs "Montauk"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar "Max Frisch: Dramen und Romane"
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
24
Katalognummer
V158759
ISBN (eBook)
9783640712465
ISBN (Buch)
9783640713295
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Montauk, Max Frisch, Biografie, Autobiografie, erzähltes Selbst, Montage, Konstruktion, Erfahrung, Selbstuntersuchung, Lynn, Vergangenheit, dynamische Wahrheit, Fiktionslosigkeit, Erzählstrategie, Biographie, Autobiographie, Perspektivenwechsel
Arbeit zitieren
Iwona Eberle (Autor), 1999, Fiktion und Realität in Max Frischs "Montauk", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158759

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