Wie werden Berufsschullehrer durch theoretische Aus- und Weiterbildung aber auch Berufsalltag für den Umgang mit sozial benachteiligten Schülern qualifiziert?


Forschungsarbeit, 2009
42 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Definitionen/ Begriffsbestimmungen
2.1 Sozial benachteiligte junge Menschen
2.2 Benachteiligtenforschung und Benachteiligtenförderung
2.3 Qualitätsentwicklung und Bildungsstandards

3. Wo befinden wir uns heute? Der aktuelle Stand der Benachteiligtenforschung
3.1 Benachteiligtenförderung als gesellschaftliche Daueraufgabe
3.2 Aktuelle Maßnahmen und Lösungsansätze in der Benachteiligtenförderung

4. Theoretische Aus- und Weiterbildung und Berufsalltag von Berufsschullehrern im Umgang mit sozial benachteiligten Schülern: Drei Beispiele
4.1 Erfragte Themenbereiche im Interview bezüglich der Qualifizierung der Berufsschullehrer
4.1.1 Biographie
4.1.2 Wahrnehmung und Einsch ä tzung der eigenen Kompetenzen
4.1.3 Teilnahme an Weiterbildungsma ß nahmen
4.2 Theoretische Aus- und Weiterbildung und Berufsalltag der drei Berufsschul- lehrer im Vergleich

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang
I. Interviewte Person 6 (IP 6)
II. Interviewte Person 13 (IP 13)
III. Interviewte Person 15 (IP 15)

1. Einleitung

„Zu den Errungenschaften moderner Gesellschaften zählt das Postulat ,Bildung für alle‘. Die Zuweisung von sozialen Positionen wird entscheidend über Bildungsab- schlüsse und Qualifikationen mitbestimmt und legitimiert.“ (MOLZBERGER/ DEHNBOSTEL 2009, S. 8). Im Glauben an dieses Postulat nimmt man zuerst einmal an, dass es jedem möglich sei, nach Talent, Begabung, Intelligenz und Leistung die notwendigen Bildungsabschlüsse, Qualifikationen und Kompetenzen erwerben zu können, um sich so individuelle berufliche Gestaltungsspielräume zu eröffnen (vgl. MOLZBERGER/ DEHNBOSTEL 2009, S. 7). Die Bildungsforschung lehrt hinge- gen, dass zudem soziale Faktoren eine wesentliche Einschränkung dieses Anspruches darstellen.

In unseren westeuropäischen Gesellschaften spielen besonders diejenigen formalen Bildungsabschlüsse eine entscheidende Rolle, die in der Jugend und frühen Adoleszenz erworben werden. Da diese nur sehr schwer und mühsam nachgeholt werden können, stellt es sich als sehr unvorteilhaft heraus, wenn ungünstige soziale Faktoren Schulprobleme und Startschwierigkeiten beim Berufseintritt hervorrufen. Aufgrund der aktuellen Diskussion, dass Europa bis zum Jahr 2010 zum weltweit wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum werden soll und Deutschland seinen wesent- lichen Beitrag dazu leisten muss, erscheint die Lösung des Problems der hohen Ju- gendarbeitslosigkeit und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Desintegration noch dringender (vgl. MOLZBERGER/ DEHNBOSTEL et. al. 2007, S. 5). Die deut- sche UNESCO-Kommission hat in ihrem größten Programm im Bildungsbereich „Bildung für alle“ (Education for all) sogar als erstes ihrer bis zum 2015 zu errei- chenden Ziele definiert, dass die frühkindliche Bildung ausgebaut und verbessert werden soll, insbesondere für benachteiligte Kinder (vgl. DEUTSCHE UNESCO- KOMISSION 2008, S. 3).

Da sozial benachteiligte Jugendliche besonders von Arbeitslosigkeit betroffen sind, entstehen zurzeit Konzepte, die eine Verbesserung derer beruflichen Ausbil- dung herbeiführen sollen (vgl. MOLZBERGER/ DEHNBOSTEL 2009, S. 8). Diese werden in Zukunft wahrscheinlich zunächst an den Rahmenbedingungen ansetzen, so dass ein explizites Anforderungsprofil zum Beispiel an einen Berufsschullehrer, der sozial benachteiligten Jugendlichen unterrichtet, noch auf sich warten lässt. Zwar sind ministerielle Verwaltungen kontinuierlich bestrebt, einen Berufsschullehrer zu- gleich als Fachmann und Pädagogen auszubilden, doch degeneriert sich diese Chiffre oftmals zur technokratisch verkürzten Stoffvermittler-Kollage (vgl. LIPSMEIER 2003, S. 143). Aus diesem Grunde zielt dieses Forschungsprojekt darauf ab, exem- plarisch die derzeitige Qualifikation von drei Berufsschullehrern bezüglich ihrer bis- herigen Aus- und Weiterbildung für den Umgang mit sozial Benachteiligten Jugend- lichen zu skizzieren. Geleitet von der These, dass die momentane Aus- und Weiter- bildung der Berufsschullehrer im Hinblick auf deren Umgang mit sozial benachtei- ligten Jugendlichen nicht Hand in Hand geht mit den dazu notwendigen Anforderun- gen im tatsächlichen Berufsalltag, wird dabei besonders auf die Unterscheidung zwi- schen dem Erwerb dieser Qualifikationen durch theoretische Aus- und Weiterbildung und dem Erwerb durch informelles Lernen im Berufsalltag eingegangen.

Um unter anderem den Einstieg ins Thema zu erleichtern, werden im folgen- den Kapitel zunächst sowohl die Gruppe der sozial benachteiligten jungen Menschen als auch die Benachteiligtenforschung und -förderung definiert. Auch die Qualitäts- entwicklung und Bildungsstandards, die unter anderem zurzeit als Steuerungspunkte zur Veränderung und Anpassung an die eben beschriebene Problemlage zur Diskus- sion stehen, werden in diesem Kapitel ihre Erwähnung finden. Um dieses For- schungsprojekt in den aktuellen Stand der Benachteiligtenforschung eingliedern zu können, wird anschließend die Benachteiligtenförderung als gesellschaftliche Dauer- aufgabe mit ihren aktuellen Maßnahmen und Lösungsansätzen beschrieben. Im Rahmen einer qualitativen Forschungsmethode werden Interviews mit drei verschie- denen Berufsschullehrern an diesen theoretischen Hintergrund nahtlos anknüpfen. In diesem Kapitel werden sowohl die erfragten Bereiche Biographie, Wahrnehmung und Einschätzung der eigenen Kompetenzen, als auch die Teilnahme an Weiterbil- dungsmaßnahmen angeführt, um schließlich die theoretische Aus- und Weiterbildung dieser Berufsschullehrer in Relation zu deren tatsächlichen Berufsalltag zu stellen. Abschließend wird das Fazit sowohl den theoretischen Hintergrund und die Erkennt- nisse aus den Interviews kurz zusammenfassen, als auch unsere persönliche Ein- schätzung der Problemstellung und der Ergebnisse darlegen und mögliche weiterfüh- rende Forschungsansätze aufzeigen.

2. Definitionen/ Begriffsbestimmungen

Im Folgenden werden einige zentrale Begriffe definiert, die zum Verständnis des Inhalts dieses Forschungsprojekt notwendig sind und zugleich den Zugang zur The- matik simplifizieren. Dabei wird es aufgrund des Umfangs dieser Seminararbeit nicht möglich sein, alle Begriffe erschöpfend zu behandeln, da zum Beispiel verschiedene Definitionen für „sozial benachteiligte junge Menschen“ existieren. Folglich werden alle folgenden Begriffsbestimmungen auf das für diesen Themenbereich Notwendige beschränkt erfolgen.

2.1 Sozial benachteiligte junge Menschen

Weder in der Europäischen Union, noch in Deutschland existieren einheitliche Be- griffsbestimmungen des Terminus „sozial Benachteiligte“. Man kann jedoch feststel- len, dass international eher eine von außerhalb auf das Individuum einwirkende Va- riable als soziale Benachteiligung aufgefasst wird (z.B. England: „Youth at Risk“/ „Socially Excluded“; Frankreich: „Le jeune en difficulte“), wohingegen in der Bun- desrepublik Deutschland in der Regel eine individuelle Beeinträchtigung damit in Zusammenhang gebracht wird (vgl. ECKERT/ FÄHNDRICH 2001, S. 54). Der Be- nachteiligtenbegriff an sich wurde in der berufspädagogischen Diskussion erstmals mit der Einrichtung des Benachteiligtenprogramms eingeführt (vgl. BOJANOWSKI/ ECKARDT/ RATSCHINSKI 2004). Um die Übersichtlichkeit im „Dschungel“ un- zähliger Begriffsbestimmungen nicht zu gefährden und um eine für diese Seminarar- beit praktikable Definition zu erhalten, wird sich im Folgenden auf zwei aktuelle Quellen bezogen.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) liefert eine sehr präzise Defini- tion des vorerst sehr allgemein gefassten Benachteiligtenbegriffes. Dieser schließt neben individueller Beeinträchtigung auch die soziale Benachteiligung mit ein. Man spricht von sozial Benachteiligten, wenn diese Menschen einer gewissen Gruppe angehören, die ihre Lebenschancen einschränkt. Mit dieser sozialen Benachteiligung entstehen sogar Rechtsansprüche, die sowohl durch das dritte als auch durch das ach- te Sozialgesetzbuch (SGB) geregelt sind. Ein Merkmal sozialer Benachteiligung ist laut BIBB, wenn die altersmäßige gesellschaftliche Integration nicht wenigstens durchschnittlich gelungen ist. Dies tritt vermehrt auf, wenn Haupt- und Sonderschü- ler keinen Schulabschluss haben, Maßnahmen der Arbeitsverwaltung oder schulische und berufliche Bildungsgänge abgebrochen wurden, bei jungen Menschen mit ge- sundheitlichen oder sozialen Defiziten, sowie bei Aussiedlern mit Sprachproblemen. Ebenfalls kann dies der Fall sein bei durch gesetzliche Rahmenbedingungen benach- teiligten Mädchen und jungen Frauen (ONLINE-DATENBANK DES BIBB 2009).

Eine sehr weitgehende und für die Praxis der Berufsbildung in der Bundesre- publik Deutschland durchaus handhabbare Definition gibt der §211 SGB III. Unter den Begriff der „sozial benachteiligten Auszubildenden“ gehören nach psychologi- schem Gutachten festgestellte Verhaltensgestörte, Legastheniker, ehemals drogenab- hängige, strafentlassene Jugendliche oder Strafgefangene sowie jugendliche Spätaus- siedler mit Sprachschwierigkeiten und ausländische Jugendliche, die aufgrund von Sprachdefiziten oder nach bestehender sozialer Eingewöhnungsschwierigkeit in ei- nem fremden soziokulturellen Umfeld der besonderen Unterstützung bedürfen.

2.2 Benachteiligtenforschung und Benachteiligtenförderung

Benachteiligtenförderung als der eigentliche Bereich der Benachteiligtenforschung versteht sich als Sammelbegriff, der schulische und außerschulische berufsbezogene Fördermaßnahmen diverser Träger, Akteure und Institutionen umgreift. Die For- schung zielt darauf ab, die soziale Problemlage der im vorherigen Abschnitt definier- ten heterogenen Zielgruppe zu verbessern. Innerhalb des pädagogischen Diskurses lassen sich mindestens vier Zuständigkeitsbereiche ausmachen, die mit unterschied- lichsten Methoden Benachteiligtenforschung betreiben. Dazu gehören die Sozialpäd- agogik, Sonderpädagogik, Berufspädagogik und die Schulpädagogik. Aber auch über die erziehungswissenschaftlichen Teildisziplinen hinaus beschäftigen sich z.B. die Armutsforschung in den Sozialwissenschaften, die Jugendsoziologie, die Arbeits- und Industriesoziologie oder auch die Entwicklungspsychologie mit diesem The- menbereich (vgl. BOJANOWSKI/ ECKARDT/ RATSCHINSKI 2004). Eine Ergän- zung zu dieser sehr allgemein gefassten Definition liefert das Kapitel 3, welches an- hand des aktuellen Forschungsstandes und gegenwärtiger Maßnahmen und Lösungs- ansätzen den Themenbereich greifbarer erscheinen lässt.

2.3 Qualitätsentwicklung und Bildungsstandards

Der Grund für die Erwähnung der zwei Begriffe in der Überschrift ist, dass sie der- zeit als wesentliche Steuerungs- und Gestaltungselemente zur Verbesserung der hier thematisierten Problemlage dienen sollen (vgl. MOLZBERGER/ DEHNBOSTEL 2009, S. 9). Da sie eng miteinander verflochten sind, werden sie im Folgenden nicht voneinander getrennt, sondern als Gesamtkonstrukt definiert. Zwar wird in diesem Zusammenhang auch immer von Akkreditierung gesprochen, jedoch wird dieses Themenfeld aufgrund der Komplexität und vor allem bedingt durch dessen Umfang nicht Teil dieser Seminararbeit sein. Der folgende Inhalt, der zum allgemeinen Ver- ständnis dieser Steuerungs- und Gestaltungselemente notwendig ist, wird so jedoch nicht kupiert.

Hervorgerufen durch das nur mittelmäßige Abschneiden Deutschlands in der PISA-Studie, haben Bildungsstandards in der beruflichen und allgemeinen Bildung zum Ziel, verantwortlich an der gesellschaftlichen Entwicklung teilzuhaben, während sie Bildung als Persönlichkeitsentwicklung begreifen. Sie wollen die Steuerung der auch internationalen Vergleichbarkeit, Überprüfbarkeit und der Bewertung von Kompetenzen bezwecken. Gleichzeitig dienen sie als Evaluation und Qualitätsent- wicklung im Bildungssystem. Als wesentliches Charakteristikum verstehen sich die Bildungsstandards als Instrumente, welche in erster Linie Output- und wirkungsge- steuert vorgehen. Sie wirken größtenteils nicht mehr Input-gesteuert, indem sie z.B. auf die Vorgabe von Curriculae verzichten. Die Qualitätsentwicklung in diesem Zu- sammenhang besteht darin, dass sich das zu bewertende Ergebnis erst in der Interak- tion zwischen Lehrenden und Lernenden herstellt. So sollen im Wechselspiel zwi- schen Bildungsstandards und Qualitätsentwicklung wichtige Anstöße und konzeptio- nelle Hinweise entstehen (vgl. MOLZBERGER/ DEHNBOSTEL 2009, S. 9f.).

Dieser Punkt stellt sich übrigens als sehr interessant und wichtig für dieses Forschungsprojekt heraus, da auch hier die Qualifizierung der Berufsschullehrer im Umgang mit sozial Benachteiligten evaluiert werden könnte und auch sollte. Darauf wird in Kapitel 4 übrigens noch näher eingegangen werden.

3. Wo befinden wir uns heute? Der aktuelle Stand der Benachteiligtenforschung

Es folgt nun die Schilderung des aktuellen Standes der Benachteiligtenforschung. Aufbauend auf und ergänzend zu den Erläuterungen der Problematik der Jugendar- beitslosigkeit in Deutschland aus der Einleitung, soll nun noch detaillierter begründet werden, warum die Benachteiligtenförderung in Deutschland als gesellschaftliche Daueraufgabe zu begreifen ist. Daran anknüpfend werden aktuelle Maßnahmen und Lösungsansätze in der Benachteiligtenförderung in einem knappen Überblick vorge- stellt.

3.1 Benachteiligtenförderung als gesellschaftliche Daueraufgabe

Ungefähr seit Mitte der 1970er Jahre kann man davon sprechen, dass in Deutschland eine aktive Benachteiligtenförderung betrieben wird. Denn beginnend in dieser Zeit konnte man feststellen, dass junge Menschen vermehrt nicht mehr dazu in der Lage waren und auch sind, grundlegende und notwendige Lebensaufgaben zu bewältigen. Hierbei ist speziell die Tatsache gemeint, dass es dieser stetig größer werdenden Gruppe immer seltener gelingt, sowohl die Schule und/ oder Ausbildung abzuschlie- ßen, als auch im Anschluss daran erwerbstätig zu werden. Besonders die Berufslo- sigkeit ist ein Hauptattribut der Arbeitslosigkeit und somit auch der Benachteiligung. Im Jahre 2005 beispielsweise betrug die Arbeitslosenquote derjenigen ohne Berufs- abschluss 26 Prozent, wohingegen Hochschulabsolventen und Absolventen aus dem dualen System ein wesentlich niedrigeres Arbeitslosigkeitsrisiko mit sich brachten (vgl. MOLZBERGER/ DEHNBOSTEL 2009, S. 12).

Als Folge dessen ist hier in erster Linie die damit einhergehende gesellschaft- liche Desintegration zu nennen. Denn die Jugendarbeitslosigkeit führt zu enormen ökonomischen sowie sozialen Problemen. Da Arbeit und Beruf einen wesentlichen Beitrag zur Selbstfindung eines Individuums und zur Entfaltung dessen Persönlich- keit darstellen, steht es außer Frage, dass damit auch die Teilnahme am gesellschaft- lichen Leben stark gestört wird (vgl. MOLZBERGER/ DEHNBOSTEL 2009, S. 12). Die ökonomischen Probleme liegen auch auf der Hand. Auf Seite des Staates entste- hen enorme Kosten in Form von Sozialabgaben sowie in Form von Fördergeldern, die für Jugendarbeitslose aufgewendet werden müssen, um sie durch anderweitige Maßnahmen zu qualifizieren.

Betrachtet man die sich zunehmend öffnende Schere zwischen Nachfrage und Ausbildungsplatzangebot, die sich seit Jahren in der immer größer werdenden Aus- bildungsangst der benachteiligten jungen Menschen niederschlägt, so erkennt man schnell, dass Benachteiligtenförderung nicht bloß ein temporäres Problem ist (vgl. MOLZBERGER/ DEHNBOSTEL et. al. 2007, S. 8). Denn Benachteiligtenförderung war, ist und wird somit besonders in Zukunft eine dringliche Aufgabe darstellen, um vor allem international weiter wettbewerbsfähig zu bleiben. Man erinnere sich daran, dass Europa bis zum Jahr 2010 zum weltweit wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum werden soll und Deutschland seinen wesentlichen Beitrag dazu leisten muss. Die Integration junger Menschen in anerkannte Ausbildungsverhältnisse und die Hinfüh- rung zum Erwerb der Berufsfähigkeit durch qualifiziertes Bildungspersonal, das auch in der Lage ist, auf die Bedürfnisse sozial benachteiligter Schüler einzugehen, sollten als Daueraufgabe gesehen werden, um diese Situation nachhaltig zu verbessern.

3.2 Aktuelle Maßnahmen und Lösungsansätze in der Benachteiligtenförderung

Es wird davon ausgegangen, dass „bildungspolitische Entscheidungen meist auf praktischen Erfahrungen, subjektiven politischen Erfordernissen und isolierten Er- kenntnissen“ (BOJANOWSKI/ ECKARDT/ RATSCHINSKI 2004) beruhen. Allge- mein ist auffällig, dass in der Benachteiligtenforschung viel zu wenig wissenschaft- lich gesichertes Wissen vorliegt. Auf drei wichtige Institute in der Benachteiligten- forschung soll kurz eingegangen werden, um einen Überblick in diesem Forschungs- bereich zu schaffen und deren aktuelle Maßnahmen und eventuelle Lösungsansätze aufzuführen.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) führt nun seit über 30 Jahren mit dem Ergebnis einer Fülle konzeptioneller Ansätze Modellversuche in der Be- nachteiligtenforschung durch. Leider lässt sich kein wissenschaftlicher „roter Faden“ in deren Veröffentlichung einiger Schriftenreihen erkennen. Jedoch werden auf der Internetdatenbank „Good Practice Center“ (GPC) konstruktive Ideen in Form von Praxisbeispielen vorgestellt. Einschlägige Forschungsergebnisse erhält man dort je- doch nicht. (vgl. BOJANOWSKI/ ECKARDT/ RATSCHINSKI 2004)

Das deutsche Jugendinstitut (DJI) kann mithilfe eigener Studien argumentie- ren, die sich schwerpunktmäßig im Rahmen der Jugendsozialarbeit mit den Über- gängen sozial benachteiligter Jugendlicher in die Arbeit befassen. Hier konnte be- sonders empirisch dargelegt werden, dass das Übergangssystem von der Sekundar- stufe I in die Berufsbildung und schließlich in den Arbeitsmarkt besonders für sozial Benachteiligte enorme Hindernisse beinhaltet (vgl. BOJANOWSKI/ ECKARDT/ RATSCHINSKI 2004). Vielleicht wurde auch aufgrund dieser Erkenntnis das Be- rufsbildungsgesetz (BBiG) im Jahre 2005 novelliert, indem es die Möglichkeiten in den Berufsfachschulen verbesserte, eine vollständige Berufsausbildung zu absolvie- ren (vgl. MOLZBERGER/ DEHNBOSTEL et. al. 2007, S. 9).

Weiterhin zu nennen ist das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsfor- schung (IAB), das aufgrund seiner ausschließlich quantitativen Forschungsmethode nur einen Blick auf die jeweiligen Zahlen benachteiligter Jugendlicher liefern kann. So leistet dieses Institut zwar keinen Beitrag zu aktuellen Maßnahmen oder Lösungs- ansätzen, wirkt jedoch alarmierend und verdient deswegen an dieser Stelle seine Er- wähnung.

Geforscht wird zudem auch an sozial-, sonder- und berufspädagogischen In- stituten diverser Fachhochschulen und Universitäten. Auch privatwirtschaftlich agie- ren Institute wie die BBJ Consult, das Heidelberger Institut Beruf und Arbeit (HIBA) wie auch das Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik (IN- BAS) in diesem Themenfeld. Als besondere Leistung dieser Institute ist herauszu- stellen, dass sie mehrfach Erfahrungen aus Modellprojekten veröffentlicht haben. Sie unterstützen die Wissenschaft also hauptsächlich mit forschungsunterstützender Er- fahrungssicherung.

Die Forschungsmethoden dieser und auch anderer Institute erstrecken sich somit von empirisch orientierten Forschungen über Modellversuche, Modellprojekte und Einzelvorhaben bis hin zu Forschungsdesideraten und teilweiser Perspektiven- entwicklung. Es mangelt in diesem disparaten Forschungsfeld an Struktur und ein- heitlichen Konzepten. Um die Situation sozial Benachteiligter jedoch langfristig zu verbessern, bedarf es vielmehr neuer Systematisierungen und einheitlicher For- schungsprogramme, die Verlässlichkeit, Langfristigkeit, Transparenz, Stabilität und Systematik mit sich bringen (vgl. BOJANOWSKI/ ECKARDT/ RATSCHINSKI 2004). Ein Beispiel dazu wurde schon in Kapitel 2.2 angeführt, indem auf den von den Autoren Molzberger und Dehnbostel erbrachten Vorschlag eingegangen wurde, Qualitätsentwicklung und Bildungsstands als Steuerungs- und Gestaltungselemente der Benachteiligtenförderung zu benutzen.

Soeben wurde gezeigt, wie rar gesät nicht nur wissenschaftlich fundiertes Wissen in diesem Forschungsfeld, sondern auch vielmehr greifbare und realitätsnahe Lösungsansätze sind. Zwar kann Letzteres am Ende dieses Forschungsprojekts si- cherlich auch nicht erreicht werden, jedoch versteht sich dieses Forschungsprojekt so, dass es mithilfe einer qualitativen Forschungsmethode einen wenn auch noch so geringen wissenschaftlichen Beitrag zur Benachteiligtenforschung liefert.

4. Theoretische Aus- und Weiterbildung und Berufsalltag von Berufs- schullehrern im Umgang mit sozial benachteiligten Schülern: Drei Beispiele

Es wird nun dargestellt werden, mit welchen Problemen sich heutige Berufsschulleh- rer in der alltäglichen Praxis konfrontiert sehen. Ihre Auswahl erfolgte dabei nicht rein willkürlich, sondern ist das Ergebnis der Auswahl aus 30 Transskripten. Unter Berücksichtigung der bereits im Titel formulierten Thematik und dem eindeutigen Schwerpunkt, den Berufsschullehrern, kristallisierten sich drei relevante Transskripte heraus. Ihre Standpunkte und Aussagen werden im Folgenden unter den Gesichts- punkten „Biographie“, „Wahrnehmung und Einschätzung der eigenen Kompetenzen“ sowie „Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen“ zusammengefasst. Die Kategorie „Biographie“ umfasst dabei ebenfalls die Schwerpunkte der Fortbildungen sowie die Fortbildungsdauer. Die Testpersonen wurden hierbei mit den Kennungen IP 6, IP 13 und IP 15 anonymisiert. Diese Anonymisierungen werden im Folgenden nicht verän- dert, da dieses für die Schilderungen keinerlei Relevanz besitzt. An geeigneter Stelle wird dabei in Tabellenform gearbeitet, um eine wertfreie Vergleichbarkeit zu ge- währleisten. Ebenfalls ist es wichtig zu wissen, dass nur die Auskünfte der Testper- sonen aufgeführt, und durch keine zusätzlichen Kommentare und Anmerkungen er- gänzt werden. Dies ist bedeutsam, um die getroffenen Aussagen nicht aus dem Zu- sammenhang zu reißen. In einem letzten Schritt wird es schließlich darum gehen, einen Gesamtzusammenhang zwischen theoretischen Grundlagen und Praxis herzu- stellen.

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Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Wie werden Berufsschullehrer durch theoretische Aus- und Weiterbildung aber auch Berufsalltag für den Umgang mit sozial benachteiligten Schülern qualifiziert?
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Berufs- und Arbeitspädagogik)
Veranstaltung
Gestaltung, Evaluation, Forschung und Innovation beruflicher Bildungsprozesse
Note
1,3
Autoren
Jahr
2009
Seiten
42
Katalognummer
V159000
ISBN (eBook)
9783640749669
ISBN (Buch)
9783640749768
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berufsschullehrer, Lehrer, BBS, Qualifikationen, Sozial Benachteiligte, Benachteiligtenforschung, Bildung, Schule
Arbeit zitieren
Stefan Schalowski (Autor)Tobias Münzel (Autor), 2009, Wie werden Berufsschullehrer durch theoretische Aus- und Weiterbildung aber auch Berufsalltag für den Umgang mit sozial benachteiligten Schülern qualifiziert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159000

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