Ist unsere Gesellschaft gesund?

Die Stellung von behinderten Menschen in Deutschland


Seminararbeit, 2008

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Vorwort

1. Historischer Überblick zur Politik für Menschen mit Behinderung in der BRD und gesetzliche Grundlagen

2.. Begriffe
2.1. ,Behinderung’
2.2. ,Gesundheit’
2.3. ,Krankheit’
2.4. Rehabilitation
2.5. Stigma
2.6. Pränatale Diagnostik (Vorgeburtliche Diagnostik)

3.. Benachteiligung und Ausgrenzung von behinderten Menschen
3.1. ,Vor dem Gesetz sind alle gleich’
3.2. Gesellschaftliche Gedankenkonstrukte zu behinderten Menschen
3.3. Medizinische Betrachtungsweisen
3.4. Benachteiligung in Schule und Erwerb

4... Warum braucht die Gesellschaft Menschen mit Behinderungen?
4.1. Vorbeuge von Ausgrenzung und Benachteiligung

5.. Schlussbetrachtung

6.. Literaturverzeichnis

0. Vorwort

„Behinderung darf nicht verdrängt werden. Die besonderen Belastungen, denen Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen ausgesetzt sind, müssen von den Menschen in Sachsen, von uns allen mitgetragen werden. Jeder von uns kann mithelfen, dass unser Umgang Behinderten gegenüber offener, partnerschaftlicher und selbstverständlicher wird.“ (Zitat von Dr. Hans Geisler, ehemaliger Sächsischer Staatsminister für Soziales, Gesundheit und Familie aus dem 2. Bericht zur Lage der Menschen mit Behinderung)

Als ich vor etwa dreizehn Jahren nach Striesen gezogen bin, existierte zur damaligen Zeit in den zwei Erdgeschossetagen meines neuen Heimes eine Behinderteneinrichtung für größtenteils geistig behinderte Menschen. Damals fand ich die Art des Verhaltens der behinderten Menschen irgendwie merkwürdig, da sie eben ganz ,anders’ waren als ich es mir wirklich vorzustellen vermochte. Sie bewegten sich anders, sprachen anders und hatten einen eigenen fremdartigen Geruch, so dass ich mich hin und wieder über diese Menschen lustig gemacht habe. Jedoch lernte ich mit der Zeit diese Menschen zu grüßen und auch sie als einen Bestandteil meines eigenen Lebens zu akzeptieren und anzuerkennen. Später dann, nach der Schule, haben einige Freunde und Bekannte freiwillig in Behinderteneinrichtungen als Zivildienstleistende oder als FSJler gearbeitet, wodurch ich erneut häufig - zumeist in Form von Gesprächen - in Berührung mit dem Thema Behinderung gekommen bin. Diese Einflüsse waren ausschlaggebend für meine Themenwahl dieser Seminararbeit. Mich interessierte die Stellung des behinderten Menschen in unserer Gesellschaft (der BRD), speziell die individuellen Meinungen der ,Normalbürger’ über ihre behinderten Mitmenschen. Allerdings ermöglicht mir die limitierte Seitenanzahl dieser Arbeit nur einen begrenzten Überblick über dieses sehr vielfältige Thema der Situation von oben genannter Betroffener, in Bezug auf eine gesunde Gesellschaft.

Nach einem kurzen Abriss über die rechtliche Lage von Menschen mit Behinderung in der BRD, werde ich einige Begriffe zum Thema klären und mich anschließend mit deren Position auseinandersetzen.

1. Historischer Überblick zur Politik für Menschen mit Behinderung in der BRD und gesetzliche Grundlagen

In der Politik für Menschen mit Behinderung hat in den letzten zehn Jahren ein Paradigmenwechsel stattgefunden. In der größten Reform seit den 1970er-Jahren, welche damals die Erarbeitung des Sozialgesetzbuches beinhaltete, die schrittweise die Reichsversicherungsordnung (RVO) abzulösen begonnen hatte, haben die Bundesregierung und der Gesetzgeber 1998 die rechtliche Grundlage für ein Leben in möglichst freier Selbstbestimmung für behinderte Menschen geschaffen. Damit wurde in Deutschland der Grundstein für eine Verbesserung der Situation behinderter Menschen, vor allem im Hinblick der Gleichstellung behinderter Frauen unter Berücksichtigung ihrer Lebens- und Erwerbssituationen, gelegt, womit die BRD eine Vorreiterrolle in der Politik für behinderte Menschen im europäischen sowie im internationalen Raum übernommen hat. Ziel der Reform ist und war die vollständige Teilhabe der Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben. Die Erreichung dieses Ziels setzt die Unterstützung der behinderten Menschen hinsichtlich der Schaffung eines für sie selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Lebens voraus, welches die Beseitigung von Hindernissen ihrer Teilhabechancen impliziert. Eine weitere Erhöhung der Teilhabechancen für Menschen mit Behinderung stellt die Agenda 2010 dar, welche die Möglichkeit der Verwirklichung eigener Lebensentwürfe und damit eine aktive Beteiligung am öffentlichen Leben sowie Bildung und Ausbildung gewährleistet. Das Ziel einer partnerschaftlichen Politik mit behinderten Menschen versucht das Neunte Gesetzbuch (SGB IX) mittels einer garantierten Chancengleichheit, der sozialen Integration sowie der Eröffnung beruflicher Perspektiven für behinderte Menschen zu erreichen. Von daher wurden von Anbeginn an Verbände, Organisationen und Selbsthilfegruppen behinderter Menschen in das Verfahren der Gesetzgebung integriert. Verankert wurde dies von der Bundesregierung und dem Gesetzgeber im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) sowie im SGB IX, welche die Beteiligung von behinderten Menschen und ihren Verbänden durch Mitwirkungs-, Anhörungs- und Beteiligungsrechten vorsehen. Das SGB IX legt somit einen Grundstein für ein Rehabilitations- und Teilhaberecht für Menschen mit Behinderung. Es beinhaltet eine „Einführung von gemeinsamen Servicestellen aller Rehabilitationsträger, kurze Bearbeitungsfristen, die Vermeidung von Mehrfachbegutachtungen, neue und klare Zuständigkeitsregelungen, [den] Auftrag an die Rehabilitationsträger zur Verabschiedung von gemeinsamen Empfehlungen und die Einführung eines Persönlichen Budgets“ (Bericht der Bundesregierung S. 2), womit die behinderten Menschen möglichst schnell und individuell ihre Leistungen erhalten sollen. Eine zielgerichtete Zusammenarbeit verschiedener Rehabilitationsträger führte zu einem unkomplizierteren Zugang der Betroffenen zu den Leistungen des SGB IX (vgl. ebd. S. 2).

1994 wurde das Grundgesetz in Artikel 3 Absatz 3 um den Satz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ ergänzt. Daraufhin wurden am 20. Oktober 1998 folgende weitere vier behindertenpolitische Schwerpunkte verfasst. „Dem Benachteiligungsverbot des Grundgesetzes soll Geltung verschafft werden, [d]as Recht der Rehabilitation soll in einem SGB IX zusammengefasst und weiterentwickelt werden, [d]ie Eingliederung Behinderter in das Arbeitsleben soll verbessert und weiterentwickelt werden [und] [schließlich soll geprüft werden, wie die Deutsche Gebärdensprache anerkannt und gleichbehandelt werden kann“ (ebd. S. 16).

Am 19. Mai 2000 beschloss der Bundestag einstimmig, dass die Integration von Menschen mit Behinderungen eine politische und gesellschaftliche Aufgabe ist, welche speziell die Integration in Familie, Beruf und das tägliche Leben beinhaltet. Folgende Gesetze dienen der Umsetzung dieses Beschlusses: Das Gesetz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter mit Wirkung ab Oktober 2000, das SGB IX mit Wirkung ab Juli 2001, das BGG mit Wirkung ab Mai 2002, das Gesetz über eine bedarfsorientierte Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung (GSiG) mit Wirkung vom Januar 2003, das Gesetz zur Förderung der Ausbildung und Beschäftigung schwer behinderter Menschen mit Wirkung ab Mai 2004 sowie die Einführung des trägerübergreifenden Persönlichen Budgets mit dem Gesetz zur Einordnung des Sozialhilferechts in das Sozialgesetzbuch zum Juli 2004 (vgl. ebd. S. 16).

2. Begriffe 2.1. ,Behinderung’

„Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“ (Bericht derBundesregierung. S. 16).

Der Begriff ,Behinderung’ kennt keine allgemeingültige Definition. Dennoch gibt es zahlreiche Katalogisierungen und Diagnosen von strukturellen Defekten, sowie funktionalen Defiziten, welche eine Behinderung sehr präzise beschreiben. Unglücklicherweise erfasst eine Behinderung im medizinischen Sinne selten das Menschsein und verkennt somit vorhandene oder nur wenig beeinträchtigte Fähigkeiten. (vgl. Krebs S. 48). Annähernde Differenzierungen menschlicher Behinderungen können mittels verschiedener Ebenen realisiert werden. Erstens kann eine Schädigung als krankhaftes Ereignis aufgrund eines organismischen Widerfahrnisses gesehen werden, sprich akut, zum Beispiel durch einen Unfall, oder aber dauerhaft aufgrund chronischer Krankheiten. Schädigung kann auch mit dem Begriff Beeinträchtigung gleichgesetzt werden. Dieser verdeutlichtjedoch explizit, dass für gewisse Ausübungen im täglichen Leben relevante Funktionen eingeschränkt sind, d.h. ein Mensch hat z.B. eine Rot­Grün-Sehschwäche oder als Beispiel aus dem akustischen Bereich: er nimmt hohe Frequenzen weniger bis gar nicht wahr (vgl. Lohmann S. 16 und Krebs S. 49). Daraus lässt sich ableiten, dass Behinderung immer ein Resultat von Schädigung ist und damit eine Folge von pathologischen Ereignissen (z.B. Krankheit oder Unfall). Weiterhin kann festgestellt werden, dass Behinderungen immer mit sozialen Folgen korrelieren, welche unter dem Begriff Benachteiligung’ gefasst werden. Behinderung’ und Benachteiligung’ sind zwei sich wechselseitig beeinflussende Faktoren im gesellschaftlichen Leben, wobei maßgeblich die gesellschaftliche Einstellung zu behinderten Menschen Einfluss auf die Benachteiligung ausübt (vgl. Krebs S. 49). Hauptsächlich ist eine durch Behinderung eintretende Benachteiligung, durch Isolation und Deprivation (diese bezeichnet einen Zuwendungsmangel, welcher gewisse Entwicklungsstörungen zur Folge haben kann) charakterisiert (vgl. Herbst S. 20). Auf die Benachteiligung behinderter Menschen werde ich später aber noch genauer eingehen.

Behinderungen sind im Allgemeinen gradueller und differenzieller Natur, „es gibt schwere und leichte Formen sowie körperliche und geistige (für einige auch seelische) Arten“ (Lohmann S. 17). In dieser Arbeit werde ich jedoch abstrahierend von ,Behinderung’ sprechen und nur selten zwischen körperlicher und mentaler Behinderung unterscheiden.

Weit verbreitet ist auch die Sichtweise, dass Behinderung nicht als Krankheit, sondern als eine menschliche Seinsweise interpretiert werden kann (vgl. Krebs S. 48). Das Entstehen von Behinderungen basiert auf dem Bestehen gesellschaftlicher Vorstellungen dessen was Behinderung sei. „Behinderte Menschen haben so zu sein, wie sie sich die nichtbehinderte Umwelt vorstellt“ (Radtke S. 23), woraufhin sich ableiten lässt, dass Behinderung gesellschaftsabhängig ist, da es bedeutsam scheint, wie die Umwelt die Schädigung normativ bewertet und auf diese wiederum einwirkt. Die Zitate: „,Behinderung’ besteht immer zugleich auch aus bestimmten historisch geprägten Rollenerwartungen bzw. Rollenverweigerungen“ (Seysen S. 96) oder auch „Behinderung wird als eine relative Größe verstanden, in Beziehung zu umgebenden Normen der Qualifikation, Gesundheit und Kommunikationsfähigkeit“ (Herbst S. 20) geben Einblicke in eben genannte Vorstellung. Behinderung ist somit naturhaft­biologisch bedingt, sowie ein Produkt der Sozialisation, der gesellschaftlichen Umstände und deren Evolution (vgl. Herbst S. 20).

2.2. ,Gesundheit’

Eine klare Definition des Begriffs ,Gesundheit’ existiert nicht, weil es zu viele Aspekte und Konzepte gibt, welche in diesen Themenkomplex hineingehören. Typische Vorstellungen von Gesundheit befassen sich hauptsächlich mit körperlicher (somatischer) Intaktheit, Fitness, Schönheit, sowie gesellschaftlich erfolgreicher Leistungsfähigkeit und Leidvermeidung. Dieses idealtypische Bild zielt auf das Wohlbefinden eines Menschen ab, ist jedoch einerseits mittels medizintechnischer Apparaturen konkret nicht feststellbar, soll andererseits aber einen Maßstab für die Menschen bilden. „Erfassbar sind lediglich statistisch als normal oder pathologisch’ definierte Parameter, die günstigstenfalls die Aussage erlauben: kein krankhafter Befund“ (Krebs S. 46f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ist unsere Gesellschaft gesund?
Untertitel
Die Stellung von behinderten Menschen in Deutschland
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V159190
ISBN (eBook)
9783640719075
ISBN (Buch)
9783640719518
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesellschaft, Stellung, Menschen, Deutschland
Arbeit zitieren
Jeremias Nitsche (Autor), 2008, Ist unsere Gesellschaft gesund?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159190

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