Der Wandel der gesellschaftlichen Wissenskultur am Beispiel von Wikipedia


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.2. ForschungsstandundRelevanz

2. Das Internet als Leitmedium
2.1. Zum Begriff "Leitmedium"

3. Wikipedia als sozialer Raum
3.1. DasProjekt
3.2. DieOrganisationsstruktur
3.3. Aushandlungsprozesse und Konflikte

4.. Wandel der Wissenskultur durch Wikipedia
4.1. Beispiel: Textwissen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

I.Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich den Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Wissenskultur und dem Leitmedium Internet verdeutlichen. Dieser Zusammenhang insbesondere an dem sich verändertem Textwissen aufgezeigt werden, welches sich vor allem in dem Wiki-Format, im speziellen Wikipedia, äußert. Zunächst werde ich eine kurze Übersicht über den Forschungsstand und die Relevanz des Themas geben. Im ersten Schritt werde ich auf das theoretische Konzept des "Leitmediums" eingehen. Hierbei greife ich auf einen medienkulturwissenschaftlichen Erklärungsansatz zurück, der im Kontext der Debatte über die sogenannte "Wissensgesellschaft" zu verstehen ist Nachdem ich im ersten Abschnitt der Arbeit die Begrifflichkeiten behandelt habe, werde ich im zweiten Abschnitt meiner Arbeit die Online Enzyklopädie Wikipedia behandeln. Um die Mechanismen und Strukturen der Wikipedia zu verstehen, wird eine kleine Analyse der Organisationsstruktur des Wikis am Anfang stehen. Hier wird deutlich werden, dass Wikipedia ein sozialmediales Gebilde ist, in dem es um Aushandlungsprozesse von Wissen geht. Zuletzt werde ich aufzeigen, dass Wikipedia den Wandel der gesellschaftlichen Wissenskultur fördert und somit das Internet als Leitmedium gelten kann. Dieser Wandel lässt am sich besonders deutlich am Textwissen nachvollziehen.

1.2. Forschungsstand und Relevanz

Um das Phänomen Wikipedia hat sich in den letzten Jahren ein eigener Forschungsbereich entwickelt. Die sogenannte Wikipedistik befasst sich mit den unterschiedlichsten Aspekten der Online-Enzyklopädie. Häufig ist es die Publizistik und die Kommunikationswissenschaft, die sich mit der Wikipedia als Kommunikationsplattform befassen. Aber auch die Informatik, die Psychologie und die Soziologie befassen sich mit diesem Thema. Diplom- und Magisterarbeitstitel aus den verschiedensten Forschungsdisziplinen zeigen das vielseitige Interesse der Wissenschaft an der Wikipedia.1 Auch werden vermehrt Lehrveranstaltungen und Forschungsseminare an Hochschulen zum Themenkomplex Wikipedia gehalten. Ein besonderes Augenmerk der Forscher liegt auf dem Qualitätsaspekt der Wikipedia-Artikel. Oftmals wird Wikipedia in diesen Studien mit klassischen Enzyklopädien wie dem Brockhaus verglichen, oftmals mit dem Ergebnis, dass Wikipedia qualitativ ebenbürtig ist.2 Die kulturwissenschaftlich ausgerichteten Fächer sind noch nicht sehr stark vertreten. Wie so oft muss die Europäische Ethnologie auf Literatur aus anderen verwandten Disziplinen zurückgreifen, um dann die spezifischen kulturwissenschaftlichen Erkenntnisse eines Themas herauszuarbeiten. Auch bei diesem Thema wurde hauptsächlich "nicht­kulturwissenschaftliche" Literatur verwendet. Dieser Umstand legt den Mangel an kulturwissenschaftlicher Forschung im Bereich Online­Netzwerken (social networks) offen. Gerade im Kontext der Wissenspopularisierung und der Wissenskultur einer Gesellschaft ist dieses Thema relevant und geradezu geschaffen für unsere Disziplin. Einige wenige themenrelevante Abschlussarbeiten von Studenten der Europäischen Ethnologie/Volkskunde und vergleichbarer Disziplinen weisen jedoch auf ein zunehmendes Interesse junger Forscher auf3. Einer der führenden Forscher auf diesem Gebiert dürfte Christian Pentzold sein, der bereits zahlreiche Veröffentlichungen zu diesem Thema vorgelegt hat. Auf eine der neuesten Veröffentlichungen "Wikipedia - Diskussionsraum und Informationsspeicher im neuen Netz" sei sei hier insbesondere hingewiesen.

Um die Relevanz des Themenkomplexes zu verdeutlichen, reichen wenige rein quantitative Aspekte. In diesen Tagen, Ende Dezember 2009, erreichte die deutsche Wikipedia Version einen weiteren "Meilenstein"4 in ihrer Geschichte. Am 27.12.2009 wurde der millionste Artikel in der deutschen Version veröffentlicht. Im Vergleich dazu hat die Brockhaus Enzyklopädie lediglich 300.000 Stichwörter. Ganze 94% der 14-19jährigen und 65% aller Deutschen mit Internetzugang, besuchen gelegentlich bzw. zumindest selten Wikipedia. Das geht aus der aktuellen ARD/ZDF Online Studie 2009 hervor, die jährlich durchgeführt wird. Damit ist Wikipedia eines der meistbesuchten Internetportale überhaupt. Webblogs oder virtuelle Spielwelten sind überraschend weit abgeschlagen.

Die Relevanz des Forschungsfelds Wikipedia erklärt sich durch diese Zahlen fast von selbst: Wikipedia ist mittlerweile ein Teil der Alltagskultur im Internet geworden. Und da die Grenzen zwischen der "realen" und der "virtuellen" Welt immer weiter verschwimmen5, lohnt es sich für die Europäische Ethnologie/Volkskunde auf diesem Gebiet zu forschen. Was hat dieses "massenmediale Phänomen"6 für kulturelle Folgen? Wie verändert es gewohnte Arbeitsstrukturen, bisherige Denkmuster oder das Aushandeln von Bedeutungen? Wenn man Wikipedia als sozialmediales Gebilde versteht, in dem es auch immer um Aushandlungsprozesse geht, sind die Kulturwissenschaften im Prinzip prädestiniert für dieses Feld.

2. Das Internet als Leitmedium

In diesem Abschnitt beziehe ich mich in erster Linie auf den Beitrag von Daniela Pscheida, die den Begriff Leitmedium in dem Aufsatz "Das Internet als Leitmedium der Wissensgesellschaft und dessen Auswirkungen auf die gesellschaftliche Wissenskultur" ausführlich diskutiert hat. Darin geht sie auf den Unterschied zwischen einem

Medium und einem "Leitmedium" ein, und kommt zu dem Schluss, dass das Internet letzteres sei. Für den Zweck meiner Arbeit möchte ich den Gedankengang Pscheidas noch einmal zusammenfassend nachvollziehen. Auf den Aspekt der Wissensgesellschaft werde ich in Anbetracht des Umfangs dieser Arbeit nicht eingehen. Es sei nur darauf hingewiesen, dass zahlreiche Konzepte unter den unterschiedlichsten Schlagwörtern zum Wandel der Wissenskultur der Gesellschaft existieren.7

2.1. Zum Begriff "Leitmedium"

Zunächst ist festzustellen, dass in der wissenschaftlichen Debatte kein Konsens über eine Definition des Begriffs "Leitmedium" herrscht. Pscheida stützt sich deshalb auf den Begriff "Medium", dessen Definition tragfähig zu sein scheint, und weitestgehend anerkannt ist. Die Begriffsbestimmung lehnt sich an die Vertreter der sogenannten "Kanadischen Schule" an und lautet:

"Medien sind Mittel bzw. Technologien zur Präsentation, Speicherung und Weitergabe kultureller Wissensbestände, mit deren Hilfe die Mitglieder einer Gesellschaft miteinander sowie mit ihrer jeweiligen Vor- bzw. Nachwelt in Kontakt treten und sich auf diese Weise ihrer selbst vergewissern."8

Auf Grundlage dieser Definition kann man nun eine zentrale These formulieren, auf die die weiteren Ausführungen dieser Arbeit basieren: Medien beeinflussen auf unterschiedlichste Art und Weise die Wissenskultur einer Gesellschaft.

Pscheida nähert sich dem Begriff "Leitmedium" weiter, in dem sie etymologisch die Herkunft des Vorsatzes "Leit" untersucht. Es wird

[...]


1 Eine Auflistung von Veröffentlichungen und Lehrveranstaltungen zum Thema Wikipedia findet sich auf http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedistik (29.12.2009)

2 Eine Übersicht über bisherige Forschungen bietet Hammwöhner, Rainer (2007): Qualitätsaspekte der Wikipedia, in: Stegbauer, Christian / Schmidt, Jan / Schönberger, Klaus (Hrsg.): Wikis: Diskurse, Theorien und Anwendungen. Sonderausgabe von kommunikation@gesellschaft, Jg. 8. Online-Publikation: http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B3_2007_Hammwoehner.pdf (29.12.2009)

3 Zum Beispiel Möllenkamp, Andreas: "Wer schreibt Wikipedia? Die Online-Enzyklopädie in der Vorstellungs- und Lebenswelt ihrer aktivsten Autoren". Die Magisterarbeit wurde 2007 am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig vorgelegt.

4 Die sogenannten Meilensteine (milestones), also eine bestimmte Anzahl von veröffentlichten Artikeln oder registrierten Benutzern, werden unter den Nutzern der Wikipedia besonders gefeiert.

5 Schetsche, Michael/Lehmann, Kai/Krug, Thomas: Die Google Gesellschaft. Zehn Prinzipien der neuen Wissensordnung, in: Lehmann, Kai/ Schetsche, Michael (Hrsg.): Die Google Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens. Bielefeld 2005, S.21.

6 Pscheida, Daniela: Zum Wandel der Wissenskultur im digitalen Zeitalter. Warum die Wikipedia keine Online-Enzyklopädie ist. Vortrag im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft "Was wissen Medien?" 2. -4. Oktober2008, Institutfür Medienwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum. Online abrufbar unter: http://www.gfmedienwissenschaft.de/gfm/webcontent/files/2008- abstracts/Pscheida_Wikipedia_GfM2008.pdf (27.12.2009)

7 Ein übersichtliche Einführung bietet Stehr, Nico: Moderne Wissensgesellschaften, in "Aus Politik und Zeitgeschichte" Nr. 36/2001. Bonn 2001. Steht formuliert in seinem Aufsatz folgende Definition des Begriffs "Wissengesellschaft": "Wenn Wissen in steigedem Maße nicht nur als konstitutives Merkmal für die moderne Ökonomie und deren Produktionsprozesse und -beziehungen, sondern insgesant zum Organisationsprinzip und zur Problemquelle der modernen Gesellschaft wird, ist es angebracht, diese Lebensorm als Wissengesellschaft zu bezeichnen."

8 Pscheida, Daniela: Das Internet als Leitmedium des Wissensgesellschaft und dessen Auswirkungen auf die gesellschaftlicheWissenskultur, in: Müller, Daniel/Ligensa, Annemone/Gendolla, Peter (Hrsg.): Leitmedien. Konzepte-Relevanz-Geschichte. Bielefeld 2009, S.248.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Wandel der gesellschaftlichen Wissenskultur am Beispiel von Wikipedia
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Popularisierung – Vermittlung und Transfer von Wissen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V159245
ISBN (eBook)
9783640720194
ISBN (Buch)
9783640720583
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenskultur, Wikipedia, Wissensgesellschaft, Textwissen, Leitmedium
Arbeit zitieren
Christian Bruneß (Autor), 2010, Der Wandel der gesellschaftlichen Wissenskultur am Beispiel von Wikipedia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159245

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