Die Debatte über Gewalt im studentischen Protest an der Wende der 1960er / 1970er Jahre

Wie wurde die Gewalt durch den Einfluss der Medien konzeptualisiert?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vorgeschichte

3. Der Studentenprotest

4. Der Zeitraum der 60er und 70er Jahre

5. Bewertung der Mittel

6. Wahrnehmung der Gewalt
6.1. Einfluss der Massenmedien
6.2. Wahrnehmung durch „Die Welt“ und den Springer Verlag
6.3. Attentate
6.4. Die Wahrnehmung innerhalb der Studentenbewegung
6.5. Die aktuelle Forschung

7. Nachfolger der Studentenproteste

8. Fazit

1. Einleitung

Im Rahmen des Hauptseminars „Sozialer Protest im 20. Jahrhundert“ wurde der Aspekt thematisiert, inwieweit die Medien die öffentliche Wahrnehmung und mögliche Reaktionen beeinflussen können. Dabei wird im Umfeld eines von der Studentenbewegung ausgehenden kollektiven öffentlichen Protestes auch im Laufe der Zeit ein klares Feindbild neben der zum Teil diffusen Zielvorstellungen etabliert und hinsichtlich der Mittel­Zweck-Relation im Bezug auf die Gewalt debattiert.

Die Ausarbeitung zu dem Thema „die Debatte über Gewalt im studentischen Protest an der Wende der 1960er/1970er Jahre“ ist in dem Themenfeld „der studentische Protest 1967 bis 1969 und sein Umfeld“ eingegliedert und behandelt hier insbesondere die Fragestellung, inwieweit der Einsatz der Gewalt durch den Einfluss der Medien konzeptualisiert wurde. Wichtige Grundlagenliteratur bieten Langguth und Fels, welche auf die Vielseitigkeit der Gewaltdebatte um und innerhalb der Studentenbewegung eingehen und sie insbesondere im Kontext der Mediennutzung spezifizieren.

Die dabei resultierende Form der Mischkonflikte wird auf Grund der Themeneingrenzung zumeist nur auf die Gewaltfrage zugespitzt behandelt. Die Ausarbeitung versucht eingangs die Entstehung des sozialen Konfliktes auf Basis der anfänglichen Studentenbewegung zu skizzieren und den zunehmenden kollektiven Wandel in der Öffentlichkeit zu einer gemischten Bewegung zu thematisieren. Die ansteigende Radikalisierung wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln argumentativ ausgearbeitet und schließt mit einem Ausblick auf die folgenden Ereignisse der Studentenproteste.

2. Die Vorgeschichte

Gerhard Fels verbindet mit den Studentenprotesten der 60er und 70er in Westdeutschland und der Wende bezüglich der DDR eine Entwicklung, welche zuvor nicht erwartet worden war[1]. Hierbei wird insbesondere auf den ereignishaften Charakter der Bewegung verwiesen, welche zunächst räumlich innerhalb der Hochschulen initiiert worden war und sich dann öffentlich verselbstständigte, um letztlich in einer zunehmenden Radikalisierung und ihrer Auflösung zu münden. Der Studentenprotest assoziiert in seinem begrifflichen Aufbau neben dem Protest, welcher sich in unterschiedlichen Formen materialisierte und im Rahmen dieser Ausarbeitung schwerpunktmäßig auf den Faktor der Gewalt reduziert betrachtet wird, ebenso den Begriff Student, welches zugleich die anfänglichen Akteure, die Trägerschaft und damit auch den Aktionsraum der Hochschulen beschreibt. Nachdem sich diese Proteste vom Campusgelände in die Städte verlagerten, „sind die meisten Bundesbürger verschreckt hinter die Gardinen ihrer Fenster zurückgetreten und haben die Aufrührer [...] als undankbare Kinder des Wirtschaftswunders geschmäht, dessen Früchte sie doch genossen“[2]. Dies beschreibt eine Unverständnis gegenüber den Akteuren der Demonstrationen, da ihr Aktionsrepertoire von der Öffentlichkeit nicht unbedingt als notwendig für ihre Ziele angesehen wurden. Durch die Rezeption innerhalb der Medien wurden die Aktionen unterschiedlich je nach sozialer und politischer Ausrichtung aufgearbeitet, wodurch sich unter der Bevölkerung verschiedene Meinungsbilder ausprägten.

Die sich hierbei entwickelnden Sympathien gegenüber den Protestierern und die ebenfalls etablierte Gegenposition werden insbesondere in der Medienreflektion veranschaulicht und sind Gegenstand eines weiteren Kapitels. Die Trägerschaft der Sympathisanten lichtete sich jedoch während der zunehmenden Radikalisierung der Protestaktionen, welche schließlich im Terrorismus ihren Höhepunkt fand.

3. Der Studentenprotest

Innerhalb des Zeitraumes von 1967 bis 1986 hatte der Sozialistische Deutsche Studentenbund das Führungszentrum über die Proteste inne, wobei sich nach und nach eine steigende Radikalisierung herauskristallisierte, so dass der ,,SDS damals jeden positiven Bezug zur parlamentarischen Demokratie (verlor) und [...] sich immer mehr zu einem

Kampfverband (entwickelte), der ein fragwürdiges Verhältnis zur Gewalt“ einnahm[3]. Die Verschiebung von friedlichem Protest zu radikalen Aktionen wird in den folgenden Abschnitten detaillierter behandelt und lässt mehrere Ursachen vermuteten. Zum einen ergibt sich eine Radikalisierung durch eine anwachsende Gruppe von Akteuren, welche durch heterogene Trägergruppen untereinander nur lose gebunden sind. Ferner die Rezeption innerhalb der Medienformate, sowie eine Abwägung der Mittel-Zweck­Relation um ein zuvor festgelegtes Ziel zu erreichen, wenn das vorherige Aktionspotential nicht ausreicht hatte.

Gerhard Fels führt in einem Definitionsversuch der 68er die Problematik auf, dass die Vielschichtigkeit der Bewegungen und Proteste kein ideologisch geschlossenes Konzept hätten, ferner die „Hauptsyndrome des hier zu charakterisierenden Syndroms [...] Antifaschismus, eine grundsätzliche antiautoritäre Einstellung und Antikapitalismus“ seien, welche wiederrum „nur bei einer dünnen Schicht von studentischen Führungskadem“ voll ausgeprägt waren[4]. In diesem Kontext greift er auch „die alte Streitfrage (auf), ob die 68er Revolte ein Feldzug im Kalten Krieg, ein Generationskonflikt oder eine Kulturrevolution gewesen sei“, wobei diese Aspekte zwar insgesamt alle zutreffend waren und die Akteure unterschiedlich gewichtet eingeordnet worden waren[5]. Dies verdeutlicht, dass zwar eine gemeinsame Basis in Form einer Protestaktion vorlag, die hintergründigen Motivationen der Akteure jedoch teilweise unterschiedlich waren, so dass Debatten innerhalb der Bewegung, wie zum Beispiel um die Mittel zur Erreichung eines Zieles, erheblich voneinander abwichen.

Die Studentenproteste richteten sich neben der Kritik am Hochschulsystem gegen die Notstandsgesetzgebung der Großen Koalition, dem Vietnam Krieg, gegen den Schah-Besuch und den Einfluss der Massenmedien, insbesondere gegen den Springer Verlag. Nachdem der Bundestag am 30. Mai 1968 mit einer großen Mehrheit die Notstandsgesetzte verabschiedet hatte, welche Einschränkungen der demokratischen Grundrechte ermöglichten, konnten die Studentenproteste unter anderem bei den Journalisten, welche ihre Pressefreiheit gefährdet sahen, Sympathisanten erlangen. Insbesondere die beiden erstgenannten anfänglichen Zielsetzungen fanden noch durch ihren Inhalt eine breite Akzeptanz innerhalb der Öffentlichkeit. Dies steigerte sich bei der Schah-Demonstration und den Gewalttaten gegen die Protestierenden sowie insbesondere bei den beiden später zu behandelnden Attentaten, wobei die Mobilisierung hier eher auf Basis der unnötigen Härte der Gewalt entstand und sich bei der zunehmenden Gegengewalt auf Seiten der Protestierenden eben gegen diese selbst wendete.[6]

4. Der Zeitraum der 60er und 70er Jahre

Während nach Fels die Studentenproteste in der DDR als kleinbürgerlich- revolutionistisch wahrgenommen worden waren, versuchten sich die westlichen Studenten ihren Kampf von der äußeren Wahrnehmung eines weiteren Generationskonflikts zu distanzieren. Für einen Generationskonflikt spricht jedoch die nur wenige Jahre andauernde Mobilisierung hinsichtlich der öffentlichen Proteste. Wichtige Initiatoren für die aufflammenden Massenaktionen waren weniger die zugrundeliegenden Ideen und Theorien, als vielmehr auch die radikalen Ereignisse, wie zum Beispiel durch den Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 02. Juni 1967 und des anschließenden Freispruches für den Schützen, wodurch sich immer stärker radikalisierende Gegenmaßnahmen anschlossen. Die Möglichkeit einer eskalierenden Gewalt wird in den folgenden Kapiteln charakterisiert und detaillierter behandelt.

Die Verbindung von einem Generationskonflikt und einer politischen Zielsetzung zeigt sich insbesondere im vergleichenden Rahmen der 60er und 70er Jahre, da sich die Studentenbewegung im Ursprung relativ nah an einem Generationskonflikt beschreiben lässt und sich bei der zunehmenden öffentlichen Präsentation und wachsender Anzahl der Akteure eine Vielzahl anderer Beweggründe anschlossen, wodurch keine klare Trennung mehr möglich war.

Der Begriff Studentenbewegung kann nach Langguth eigentlich nur auf einen circa zwölfmonatigen Zeitabschnitt innerhalb der Jahre 1967 und 1986 gesehen werden, in denen sich „für kurze Zeit verschiedene linke politische Strömungen (dogmatischer Marxismus, undogmatische Linke etc.) zusammengeführt (haben), die sich später wieder trennten“[7].

Trotz verschiedener Kennzeichen einer Jugendbewegung, wie der Diskurs zwischen Studenten „gegen das Elternhaus gerade wegen der Verflechtungen in der NS-Zeit[...] (oder) politischen Auseinandersetzungen mit den Vätern“ und Identität stiftender Symbole, wie zum Beispiel die Kleidung, können die Proteste der 86er nicht allein als Bestandteil eines Generationenkonfliktes gesehen werden [8]. Vielmehr umfassen die 68 er einen „Zusammenprall zweier zeitlich parallel laufender Tendenzen“, einer linksozialistischen politischen Bewegung sowie eine „Tendenz eines spezifisch jugendkulturell geprägten Aufbegehrens“ wodurch eine breite Massenwirkung erzielt wurde [9].

5. Bewertung der Mittel

Die zuvor angesprochene Mittel-Zweck-Relation bezeichnet die Auswahl spezifischer Mittel, ausgeführt in verschiedenen Aktionsformen, um eine festgelegte Zielsetzung zu erreichen. Auffällig ist in dem Kontext der Studentenbewegung, dass eine steigende Radikalität unter anderem dadurch ausgelöst wird, dass durch die zuvor gewählten Mittel das Ziel langfristig nicht erreicht werden konnte oder die Medien nur spektakuläre Auftritte gesucht hatten. In den folgenden Kapiteln wird die Zuwendung zur Gewalt aus unterschiedlichen Perspektiven und Beweggründen detaillierter behandelt.

6. Wahrnehmung der Gewalt

Hertel führt die Wahrnehmung der unerwarteten Gewalt „von militanten Demonstrationen und Kaufhausbrandstiftungen des Jahre 1968 bis zu Gewaltexzessen linksterroristischer Gruppierungen in den 70er und 80er Jahren“ auf die Auffassung zurück, dass „politische Gewalt [...] durch permanente Wohlstandssteigerung und sozialintegrative Strategien gegenüber Randgruppen“ eigentlich ausgeschlossen werden würden[10]. Das lässt sich ebenfalls auf das zuvor erwähnte Erstaunen der Bürger über die Studentenproteste beziehen, da augenscheinlich kein zu Grunde liegender notwendiger Initiator für diese Aktionen verfügbar schien.

Die zunächst friedlichen Protestaktionen der Studentenrevolte in Form von sogenannten Teach-Ins, Sit-Ins oder Go-Ins, zielten auf eine Konfrontation gegenüber der Staatsgewalt ab, vermittelten aber auf dem Gelände der Hochschulen ein „Gefühl gleichgerichteter Gemeinsamkeit, eine Art Erlebnisgesellschaft“[11]. Hier wurden die Mittel noch relativ friedlich ausgewählt und daher nur eine leichte Provokation der Staatsgewalt erzielt, da sich die Hauptausrichtung dieser Aktionsformen eher auf den Hochschulbetrieb auslegte. Verstärkte öffentliche Debatten folgten zunächst erst nach großen öffentlichen Aktionen und Sachbeschädigungen, durch welche die Ordnungskräfte in Form der Polizei mit einbezogen wurden.

Nach Andreas Musolff sind durch die Proteste der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition in den 60er Jahren öffentliche Debatten über die innere Sicherheit geführt worden[12]. So formulierte die Bild-Zeitung nach dem Anschlag auf Rudi Dutschke und den damit verbundenen Osterdemonstrationen von 1986 die Aussage, dass die Radikalität der Straßenschlachten so stark angewachsen sei, „wie sie in Berlin seit Kriegsende nicht mehr erlebt“ worden war[13].

[...]


[1] Fels, Gerhard: Der Aufruhr der 68er. Zu den geistigen Grundlagen der Studentenbewegung und der RAF, Bonn 1998, S. 9, (im Folgenden zitiert als: Fels, Aufruhr der 86er).

[2] Fels, Aufruhr der 86er, S. 10.

[3] Langguth, Gerd: Mythos '68. Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke - Ursachen und Folgen der Studentenbewegung, München 2001, S. 11 (im Folgenden zitiert als: Langguth, Gewaltphilo sophie).

[4] Fels, Aufruhr der 86er, S. 13.

[5] Fels, Aufruhr der 86er, S. 13.

[6] Erster Absatz nach: Fels, Aufruhr der 86er,S. 13-16.

[7] Langguth, Gewaltphilosophie, S. 33.

[8] Langguth, Gewaltphilosophie, S. 98-99.

[9] Langguth, Gewaltphilosophie, S. 100.

[10] Hertel, Gerhard: Das Problem der Gewalt, in: Dienstjubiläum einer Revolte 1986 und 25 Jahre, hrsg. v. Franz Schneider, München 1993, S. 161 (im Folgenden zitiert als: Hertel, Problem der Gewalt).

[11] Langguth, Gewaltphilosophie, S. 27.

[12] Vgl. Musolff, Andreas: Terrorismus im öffentlichen Diskurs der BRD. Seine Deutung als Kriegsgeschehen und die Folgen, in: Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren, hrsg. v. K. Weinhauer u. a., Frankfurt/Main 2006, S. 305 (im Folgenden zitiert als: Musolff, Terrorismus).

[13] Musolff, Terrorismus, S. 305.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Debatte über Gewalt im studentischen Protest an der Wende der 1960er / 1970er Jahre
Untertitel
Wie wurde die Gewalt durch den Einfluss der Medien konzeptualisiert?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Soziale Bewegungen)
Veranstaltung
Sozialer Protest im 20. Jahrhundert
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V159481
ISBN (eBook)
9783640726486
ISBN (Buch)
9783640726615
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Studentenprotest, RAF, studentischer Protest, 1960er, 1960, 1968, 1970er, 1970, 60er, 70er, Debatte über Gewalt, Einfluss der Medien, Berichterstattung, Medien, Gewalt und Medien, Wahnehumg von Gewalt, Massenmedien, Springer Verlag, die Welt, Attentat, Rudi Dutschke, Radikalisierung, Sozialistischer Deutsche Studentenbund, SDS, DDR, Generationskonflikt, Hochschulsystem, Notstandsgesetze, Protest, Kritik, Protestform, Staatsgewalt, Polizei, Berlin
Arbeit zitieren
Damian Tylla (Autor), 2010, Die Debatte über Gewalt im studentischen Protest an der Wende der 1960er / 1970er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159481

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