"Das ganze Volk ist ein einziger Wille, ein einziges Herz" – Der „Geist von 1914“ im internationalen Vergleich


Masterarbeit, 2010
127 Seiten, Note: sehr gut (1,0)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der „Geist von 1914“
1.1. Kriegserwartung, Kulturpessimismus, Sozialdarwinismus und Bellizismus – Der ideologische Unterbau des „Geistes von 1914“
1.2. Der „Geist von 1914“ – Eine Absage an die Ideen von

2. Nationale Integration und Abwehr des äußeren Feindes – Unspezifische Merkmale des „Geistes von 1914
2.1. Innere Einheit
2.2. Die moralische Sinnstiftung des Krieges
2.2.1. Die moralische Sinnstiftung des Krieges durch die Kirchen
2.2.2. Die (Be-)Deutungen des Krieges in Politik, Literatur und Gesellschaft
2.3. Feindbilder
2.4. Die fragile Ereignisabhängigkeit der Kriegsbegeisterung
2.5. Die Ideologie des „Defensivkrieges“
2.6. Spionage- und Sabotagehysterie
2.7. Chauvinismus und aggressiver Nationalismus
2.8. Menschenmassen auf den Straßen

3. Nationalspezifische Phänomene der Mobilisierungseuphorie 55
3.1. Das „Augustwunder“ der inneren Einheit im Deutschen Kaiserreich
3.2. Zwischen Kriegsprotest und Kriegsenthusiasmus – Der Kriegsausbruch und die Entwicklung des voluntary enlistment movement in Großbritannien
3.3. Zwischen Neutralität, Loyalität und Propaganda – Die Vereinigten Staaten und der „ Great War

4. Zwischen Kriegsbegeisterung, Kriegsfurcht und Kriegsfreiwilligkeit – Klassenspezifische Merkmale des „Geistes von 1914“
4.1. Der „Geist von 1914“ – Ein klassenspezifisches Massenphänomen?
4.2. Die Überdehnung des Patriotismus-Begriffs – Die Ursachenkomplexität der Kriegsfreiwilligkeit
4.2.1. Patriotismus und Loyalität
4.2.2. Abenteuerlust
4.2.3. Ehr- und Pflichtbewusstsein
4.2.4. Gruppenzwang
4.2.5. Wirtschaftliche Motive
4.2.6. irreale Kriegsvorstellungen

Schlussbetrachtung: Der „Geist von 1914“ im internationalen Vergleich

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

„Das ganze Volk ist ein einziger Wille, ein einziges Herz“,[1] mit diesen Worten beschrieb der deutsche Schriftsteller Ludwig Ganghofer die ersten Kriegswochen im August 1914 in Deutschland, die aus seiner Sicht mit einem in dieser Form noch nicht dagewesenen nationalen Gemeinschafts- und Einheitserlebnis einher gegangen waren,[2] dessen deutlichster Ausdruck eine allumfassende Kriegsbegeisterung und Opferbereitschaft in der deutschen Bevölkerung gewesen sei. Eine Sichtweise, die von vielen deutschen Intellektuellen, Schriftstellern, Publizisten und Politikern auf Grund ihrer subjektiven Erfahrungen geteilt wurde.[3] Sie nannten dieses Phänomen „Augusterlebnis“ und führten es darauf zurück, dass das Denken und Handeln der Menschen von einem „neuen Geist“ bestimmt werde, dem „Geist von 1914“.

Die überschwänglichen Reaktionen der deutschen Eliten auf den Kriegsbeginn sowie das von ihnen artikulierte Narrativ vom „Geist von 1914“ haben die kollektive Wahrnehmung des Kriegsausbruchs im Sommer 1914 lange „entscheidend mitgeprägt.“[4] Denn jene pathetischen Äußerungen der Intellektuellen und das Narrativ vom „Geist von 1914“ sind im Nachhinein von vielen Historikern auf die Gesamtbevölkerung übertragen worden, ohne freilich ihre Repräsentativität hinreichend kritisch zu hinterfragen:[5]

„Im August 1914 ergriff eine gewaltige Woge der Kriegsbegeisterung die Deutschen. [...] Die Nation war jetzt der oberste aller Werte. Die nationale Zusammengehörigkeit im Moment von Bedrohung und Krise war ein Urerlebnis. [...] Kaum jemand konnte sich dieser Stimmung, diesem »Erlebnis« des August 1914 entziehen, nicht die einfachen Leute, Bauern oder Arbeiter, und erst recht nicht die Bürger [...].“[6]

Auf diese Weise etablierte sich die „These vom engen Zusammenhang zwischen Nationalismus und Massenmobilisierung für den Krieg“ als Grundmuster aller Weltkriegsdeutungen, wonach „ein blinder, übersteigerter, fanatischer Nationalismus [..] die Bereitschaft zum Krieg erweckt und dazu geführt [habe], dass im August 1914 in allen am Krieg beteiligten europäischen Ländern die Kriegserklärungen wie ein Fest gefeiert und als Erfüllung einer langgehegten Hoffnung erlebt worden sind“:[7]

„Die Kriegsbegeisterung war kein typisch deutsches Phänomen. In Österreich und Frankreich

– und in etwas geringerem Maße in England – geschah ungefähr dasselbe.“[8]

In der Tat dokumentieren viele Quellen die hektische Festlichkeit, die allgemeine Aufbruchstimmung und die Erwartungsfreude namentlich der deutschen Bevölkerung bei Kriegsbeginn; viele Bilder zeugen von Mobilmachungen unter Blumen und jubelnden Menschenmassen auf den Straßen und Plätzen. Menschenmassen, die den Krieg begrüßen oder aber die feierlichen Aufmärsche der Soldaten in ihren festlichen Uniformen vom Straßenrand aus mit lautstarkem „Hurra“ begleiten, während auf den Balkons die Damen in ihren bunten Sommerkleidern verweilen: „Volksfeststimmung und fröhliches Vivat.“[9] Beispielhaft ist auch das bekannte und in den meisten deutschen Schulbüchern abgedruckte Bild jenes Eisenbahnwaggons mit jubelnden Soldaten,[10] die es scheinbar gar nicht abwarten können, endlich in den Krieg für das Vaterland zu ziehen. In einen Krieg, den man spätestens bis zum Weihnachtsfest 1914 gewonnen zu haben glaubte.

Dieses unter dem Schlagwort „Geist von von 1914“ in der kollektiven Wahrnehmung fest verankerte Bild der vermeintlich allumfassenden Masseneuphorie vom Juli und insbesondere vom August 1914 hat lange Zeit die zurückhaltenden, kritischen Stimmen ignoriert, die im Sommer 1914 abseits des Trubels auf den Straßen und Plätzen zur Vernunft mahnten. Dabei gab es viele Menschen, bei denen die Kriegserklärungen nicht Begeisterung, sondern Furcht und Schrecken auslösten:

„Ein fürchterliches Weh erfüllt mich. Der Krieg lastet wie ein Zentnergewicht auf mir. Als ob alle Lebenswerte erstickt wären. Wenn ich morgens erwache, erlebe ich täglich die gleiche Erscheinung: Einen Augenblick lang das Gefühl von Behaglichkeit. [...] dann tritt der Gedanke an den Krieg in das Bewusstsein, und wie mit einem Ruck fällt das Behaglichkeitsgefühl von mir. Der psychische Druck beginnt. [...] der Gedanke an den Krieg [...] erdrückt mich. [...] So muss einem Verbrecher zumute sein nach der Verurteilung. Er denkt an eine Außenwelt voll Glanz und Glück, von der er ausgeschlossen ist. Auch ich komme mir so vor wie hinter ehernen Mauern, die mich von der Vergangenheit trennen.“[11]

Erst seit den 1990er Jahren unterliegt das mentalitätsgeschichtliche Phänomen des „Geistes von 1914“ in der historiographischen Forschung einer Neubewertung und Neubetrachtung: Gerade auf Deutschland bezogen ist die „über Jahrzehnte weit verbreitete Vorstellung, dass die deutsche Bevölkerung geschlossen, vaterländische Lieder singend und patriotische Parolen rufend in den Ersten Weltkrieg gezogen sei“, deutlich relativiert worden.[12]

Warum aber hat die Geschichtswissenschaft so lange an dem Bild der kollektiven Kriegseuphorie bei Kriegsausbruch festgehalten? Es genügt sicherlich nicht, das bis heute sowohl in der populären Literatur als auch in der Geschichtswissenschaft vorherrschende Bild vom nationalen „Augusterlebnis“ lediglich auf eine „in hohem Maße quellenunkritische Auseinandersetzung“ mit den Ereignissen des Sommers 1914 zurückzuführen, wenngleich es bezeichnend ist, „dass das schon sprichwörtliche Bild jenes Eisenbahnwaggons mit den jubelnden Soldaten [...] in den deutschen Schul-Geschichtsbüchern und in vielen historischen Darstellungen noch immer mit der gleichen Intensität auftaucht, wie in den Bildblättern im August 1914.“[13] Zweifelsohne haben auch semantische Verschiebungen oder nachträgliche Mythologisierungsprozesse, insbesondere während der Weimarer Republik und vor allem im Nationalsozialismus,[14] das Bild des „Augusterlebnisses“ weitaus stärker beeinflusst, als dies auf den ersten Blick ersichtlich ist.[15] Daneben ist in der Sekundärliteratur das „Augusterlebnis“ allzu häufig nur mit den pathetischen Texten und den eindrucksvollen Bildern und Zeichnungen der großen Tageszeitungen von jubelnden Menschenmengen und siegesgewiss aufmarschierenden Soldaten illustriert und belegt worden, ohne jedoch die „fehlende Objektivität der wilhelminischen Presse“ hinreichend zu kennzeichnen.[16] Einseitig muss es in diesem Zusammenhang auch erscheinen, dass sich jene „Beschreibungen und Abbildungen der Kriegsbegeisterung im August 1914 [...] fast ausschließlich [auf] die großen Zentren Wien, Hamburg, München und vor allem Berlin“ fokussiert haben.[17] Diesen Trend haben vor allem die in den letzten Jahren verstärkt durchgeführten regionalgeschichtlichen Untersuchungen, die sich mit den Reaktionen der Menschen in kleineren Städten und Ortschaften beschäftigt haben, aufgebrochen und gelangten ihrerseits unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass das lange verbreitete Bild von der alle Gesellschaftsschichten umfassenden Kriegsbegeisterung im Kaiserreich als überholt eingestuft werden müsse und dringend einer Revision bedürfe.[18] Vor dem Hintergrund dieser neuen Erkenntnisse wird „die Charakterisierung des Kriegsbeginns als kollektiver nationaler Rausch [gegenwärtig] nur noch in abgeschwächter Form vertreten. Unbestritten ist jedoch, dass es in Deutschland vor und nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine Kriegsbegeisterung gab.“[19] In diesem Zusammenhang erscheint neben der Frage, warum der Krieg in bestimmten Teilen der deutschen Bevölkerung auf so große Zustimmung stieß bzw. welche Wünsche, Sehnsüchte und Ressentiments dem so oft zitierten „Augusterlebnis“ zu Grunde lagen, vor allem eine nationalübergreifende vergleichende Analyse des Kriegsausbruchs interessant, die sich mit der Stimmung und dem Verhalten unterschiedlicher Nationalbevölkerungen zu Beginn des Ersten Weltkrieges beschäftigt. Denn bislang fehlt es an international vergleichenden Studien zu diesem Thema.[20] Es soll daher das Ziel der vorliegenden Arbeit sein, die Reaktionen verschiedener Nationalbevölkerungen auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges aufzuzeigen und miteinander zu vergleichen. Dabei beschränkt sich die Untersuchung auf das Deutsche Kaiserreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika. Im Vordergrund steht die Frage nach der Existenz bzw. der Verbreitung eines „internationalen Geistes von 1914“ sowohl in geographischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Dies impliziert zugleich die Frage sowohl nach unspezifischen als auch nach nationalspezifischen Merkmalen und Ausprägungen des „Geistes von 1914“. Darüber hinaus soll aber auch nach vergleichbaren sowie abweichenden, d.h. nationalspezifischen ideologischen, kulturell-nationalen und mentalitätsgeschichtlichen Vorbedingungen jener Massenhysterie des Sommers 1914 bzw. des Frühjahrs 1917 gesucht werden.

Die Aufnahme der Vereinigten Staaten in die vorliegende Arbeit bedarf zweifelsohne einer besonderen Legitimation: Neben dem persönlichen Interesse des Verfassers waren es vor allem die zeitliche Brechung sowie die bis dato recht überschaubare Behandlung dieses Themas in der deutschsprachigen Forschungsliteratur, die eine intensivere Beschäftigung mit den Reaktionen der amerikanischen Bevölkerung auf den Kriegseintritt der USA im April 1917 besonders lohnenswert und reizvoll erscheinen ließen.[21] In diesem Zusammenhang erscheint vor allem die Frage besonders interessant, ob es in den Vereinigten Staaten bei Bekanntgabe der amerikanischen Kriegsintervention zu ähnlichen Szenen wie in Europa gekommen ist. Dagegen spricht zunächst Vieles: Allein die Tatsache, dass die zähen Mensch- und Materialschlachten in den Schützengräben Europas zum Zeitpunkt des amerikanischen Kriegseintritts bereits furchtbare Zerstörungen und beispiellose Opferzahlen gefordert hatten, lässt vermuten, dass es in der amerikanischen Bevölkerung kaum zu feierlichen Militärparaden oder zu patriotischer Kriegsbegeisterung gekommen ist.

Insgesamt stellt die enorme Komplexität und Vielfalt des aktuell verfügbaren Forschungs- und Quellenmaterials zum Ersten Weltkrieg eine genaue Rekonstruktion und Darstellung sowohl der allgemeinen Stimmung bzw. der öffentlichen Meinung zum Krieg als auch der mentalitätsgeschichtlichen Entwicklung innerhalb der einzelnen Nationen vor einige Schwierigkeiten und fordert notwendigerweise quantitative Konzessionen, nicht zuletzt bei der Auswahl der Quellen. Hierbei wurde vom Verfasser auf eine möglichst große Ausgewogenheit der insgesamt recht unterschiedlichen und oftmals auch entgegengesetzten zeitgenössischen Darstellungen und Beobachtungen geachtet, um eine einseitige Präsentation jenes de facto hoch disparaten Massenphänomens des Sommers 1914 von Vornherein zu verhindern. Aus diesem Grund wurde auch die Quellenbasis dieser Untersuchung recht vielfältig gewählt: So sollen nicht nur Egodokumente wie Briefe, Memoiren, (Kriegs-)Tagebücher und Autobiographien Eingang in die vorliegende Arbeit finden, sondern auch zeitgenössische Schriften, Reden und Zeitungsartikel. Gerade die Vewendung von Zeitungen als Quellenmaterial führt jedoch zu gewissen Schwierigkeiten. So bleibt es zumeist ungeklärt, „ob und wie einzelne Zeitungsartikel rezipiert wurden, d.h. wie die Wechselwirkungen zwischen Zeitungen und ihren Lesern tatsächlich aussah.“[22] Auch in wie weit ein Artikel von einem Käufer überhaupt gelesen oder reflektiert wurde, ist ebenfalls nicht nachweisbar. So bedeutet es nicht automatisch, dass ein Leser alle Artikel einer gekauften Zeitung tatsächlich auch gelesen hat. „Selbst wenn dies der Fall sein sollte, so folgt daraus nicht zwangsläufig, dass der Leser auch mit der Meinung des Autors übereinstimmen muss. Eine Gleichsetzung der in verschiedenen Zeitungen vertretenen Meinungen – der »veröffentlichten Meinung« – mit der »öffentlichen Meinung« ist somit nicht möglich.“[23] Die Erweiterung der Quellenbasis um die o.g. Egodokumente, sollte jedoch ein differenziertes Meinungsbild gewährleisten und die ausschließliche Wiedergabe einer im Zweifelsfall einseitigen Sichtweise einiger Zeitungsredakteure unterbinden. Freilich erfordert aber auch gerade die Verwendung von subjektiv stark gefärbtem Quellenmaterial eine kritische Distanz des Betrachters. Aber selbst unter diesen Gesichtspunkten wird die nachfolgende Abhandlung nur eine Annäherung an jene realen Vorgänge des Kriegsausbruchs bleiben, die im Sommer 1914 das Denken und Handeln der Menschen in allen Nationen entscheidend geprägt haben.

1. Der „Geist von 1914“ – Die „Ideen von 1914“

Vor allem in Deutschland, aber auch in Großbritannien, galt den meisten Gelehrten und Publizisten der August 1914 als Geburtsstunde eines „neuen Geistes.“ Sie bezeichneten ihn als „Geist von 1914.“[24] Erstmals findet sich diese Formulierung in den Berichten konservativer Zeitungen über die kriegsbegeisterten Menschenmassen in den großen deutschen Städten vom 15. Juli 1914.[25] Zu dieser Zeit bedeutete dieser Ausdruck nichts anderes als die Behauptung, man lebe in einer historischen Zeit und erlebe „Welttheater“ bzw. „Weltgeschichte“.[26] Im weiteren Verlauf der Massenmobilisierung und der ersten Kriegswochen wandelte sich jedoch vor allem in Deutschland das Schlagwort vom „Geist von 1914“ zu einem populären Symbol nationaler Identität, zu einer allseits verständlichen „retrospektive[n] Beschreibung einer bestimmten, gemeinschaftsorientierten emotionalen Grundhaltung“[27], durch die das gesamte Volk seit Kriegsbeginn verbunden sei. Der „Geist von 1914“ wurde auf diese Weise ein Synonym für das einzigartige und gerade in Deutschland bis dato nahezu unbekannte Gefühl einer inneren Einheit. Der Begriff implizierte die vermeintliche Verwirklichung der mitunter schon nicht mehr für möglich gehaltenen Volksgemeinschaft und war damit zugleich eine an die gesamte Nation gerichtete Erklärung, warum und wofür man eigentlich in den Krieg zog. Auf diese Weise erhielten die Deutschen aber nicht nur ein gemeinsames Ziel, sondern nachträglich auch eine kollektive Identität, die bis dahin nur in Umrissen existiert hatte.[28] Da die angestrebte oder, je nach Standpunkt des Betrachters, auch bereits verwirklichte „Volksgemeinschaft“ darüber hinaus gesellschaftlich und politisch grundsätzlich deutungsoffen war, konnte sie nicht nur „national“ oder „sozialistisch“, sondern auch konservativ oder „völkisch“ interpretiert werden, was sowohl Konservative und Liberale als auch Sozialdemokraten, „Kathedersozialisten“ oder konservative Antikapitalisten gleichermaßen zur Identifikation einlud.[29] Am Ende stand der nahezu „von allen Seiten geteilte nationale Mythos“[30] vom „Geist von 1914“:

„Wenn wir diesen Krieg in einem Erinnerungsfeste feiern werden, so wird es das Fest der Mobilmachung sein. Das Fest des 2. August! Das Fest des inneren Sieges – Da ist unser neuer Geist geboren: der Geist der stärksten Zusammenfassung aller wirtschaftlichen und aller staatlichen Kräfte zu einem neuen Ganzen, in dem alle mit gleichem Anteil leben. Der neue deutsche Staat! Die Ideen von 1914!“[31]

Wie für den deutschen Nationalökonom Johann Plenge stand für viele Zeitgenossen der „Geist von 1914“ stellvertretend für einen vermeintlich fundamentalen Wandel der deutschen Gesellschaft. Zwar registrieren und beschreiben auch in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten viele Zeitgenossen eine ähnliche Veränderung in ihrer Bevölkerung, aber lediglich in Deutschland tritt neben die Feststellung, dass sich ein „neuer Geist“ in der Gesellschaft etabliert hätte, auch die Schlussfolgerung, dass dieser neue „Geist“ die Grundlage neuer Ideen, der „Ideen von 1914“ sei. Es ist daher notwendig, zwischen den Begriffen „Geist von 1914“ und „Ideen von 1914“ zu differenzieren und sie nicht synonym zu verwenden: Während der „Geist von 1914“ als die retrospektive Beschreibung der „kognitiv-emotionalen Reaktion auf die existenzielle Bedrohung im August 1914“ verstanden werden kann, „die sich in der kollektiven Mobilisierung ausdrückte“, symbolisieren die „Ideen von 1914“ die „zukunftsgerichtete Umsetzung des Geistes in ein politisches Reformprogramm, das es [auf der Basis des „Geistes von 1914“] erst noch zu entwerfen galt.“[32] In den ersten Wochen nach Kriegsausbruch gelang dies jedoch, wie Max Weber festgestellt hat, noch nicht einmal den Vertretern des deutschen Bildungsbürgertums, dem Hauptproduzenten der „Ideen“ von 1914:[33]

„Geistreiche Personen haben sich zusammengetan und die „Ideen von 1914“ erfunden, aber niemand weiß, welches der Inhalt dieser „Ideen“ war. Großartiger waren sie, großartiger als jene von 1870, die nur wie ein Rausch waren gegen die majestätische Erhebung des deutschen Volkes zum jetzigen Kampf um seine ganze Existenz.“[34]

Und so bleiben die „Ideen von 1914“, also die inhaltliche Fortführung des „Geistes von 1914“, in den ersten Wochen des Krieges zunächst schemenhaft und lassen sich auf Ideen wie Kameradschaft, Opferbereitwilligkeit, Tapferkeit und Hingabe reduzieren.[35] Erst im Verlauf des Krieges sollten sie von zahlreichen Professoren, Journalisten und Literaten inhaltlich näher bestimmt und in eine regelrechte Ideologie umgeschmiedet werden. Diese war nicht nur gekennzeichnet von „nationalistischer Überhebung, die die eigene Nation und ihre geistigen und politischen Traditionen gegenüber jener anderer rivalisierender Nationen völlig kritiklos in den Himmel hob, sondern zugleich von der Bereitschaft, die eigenen Ideale anderen Völkern mit den Mitteln der Gewalt aufzuzwingen.“[36] Diese „Ideen“ sollen im Rahmen der vorliegenden Arbeit nun jedoch nicht weiter verfolgt werden, denn auf Grund jener zeitlichen Verzögerung, mit der sie artikuliert wurden und in das Bewusstsein der Menschen drangen, besitzen sie letztlich für das Verhalten der Menschen und die Ausprägung jenes „Geistes von 1914“ während und kurz nach dem Kriegsausbruch nur eine marginale Bedeutung. Andere Faktoren wirkten hier, wie nachfolgend gezeigt werden soll, weitaus stärker.

1.1. Kriegserwartung, Kulturpessimismus, Sozialdarwinismus und Bellizismus – Der ideologische Unterbau des „Geistes von 1914“

Es wäre zu kurz gegriffen, die Reaktion und das sich anschließende Verhalten der Menschen auf die Mobilmachungs- bzw. Kriegseintrittserklärung ihrer jeweiligen Regierung als isoliertes Phänomen losgelöst von seiner ideologie- und mentalitätsgeschichtlichen Kontextualisierung zu betrachten. Denn sowohl in der praktischen Verhaltensweise der einzelnen Nationalbevölkerungen als auch in ihrer theoretischen Ausformung, die als „Geist von 1914“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist, „kulminiert nur eine Entwicklung, deren Wurzeln bis in das [..] 19. Jahrhundert zurückreichen.“[37]

So erscheint es maßgeblich, dass in nahezu allen kriegsbeteiligten Nationalstaaten spätestens seit den 1890er Jahren das internationale System zunehmend als „Ort einer allgemeinen Konkurrenzsituation zwischen [den] Nationen wahrgenommen“ wird[38] und die Zukunft, ja sogar die „Überlebensfähigkeit“ des Nationalstaates immer mehr von dessen Kriegsfähigkeit abhängig erscheint.[39] Die vielfach unternommene Charakterisierung des zukünftigen Krieges als reinen „Existenz- und Daseinskampf“ zwischen den Rassen und Völkern, der einen Kompromiss zwischen den Kriegsakteuren a priori ausschließt,[40] sowie die geradezu explosionsartige Ausbreitung von Konzepten wie dem „struggle of life“ und dem „survival of the fittest“ sind die charakteristischen Auswüchse einer vor allem im Mitte-Rechts-Spektrum weit verbreiteten sozialdarwinistischen Weltanschauung, die „mentalitätsgeschichtlich [zum] bedeutsamste[n] Phänomen jener Epoche [zählt].“[41] „Weltmacht oder Niedergang“, so lautet denn auch der Titel des entsprechenden Kapitels von Friedrich v. Bernhardis „Deutschland und der nächste Krieg“, einem „bestseller“ jener Zeit.“[42] Die Furcht, im Falle einer militärischen Niederlage im „struggle of life“, jenem quasi-biologischen Naturereignis, hinter dem die persönliche und politische Verantwortung schwindet, nahezu naturnotwendig untergehen zu müssen,[43] bestimmten vor Kriegsbeginn insbesondere im deutschen Kaiserreich und in Großbritannien[44] zunehmend Denken und politisches Handeln der nationalen Eliten.[45]

Vor allem in Großbritannien trat die Frage der Verteidigungsfähigkeit des eigenen Landes und „die Notwendigkeit, auf die demonstrative Kriegsfähigkeit der kontinentaleuropäischen Nationalstaaten eine überzeugende Antwort zu finden, immer mehr in den Fokus öffentlicher Debatten.“[46] Denn angesichts der auf dem europäischen Festland schnell voranschreitenden umfassenden Militarisierung der einzelnen Gesellschaften musste „die traditionelle Abneigung [eines Großteils der britischen Bevölkerung] gegen die allgemeine Wehrpflicht“ und die vielfach wahrzunehmende Distanz insbesondere der englischen Industriearbeiter zum Militär, aber auch der aus britischer Sicht äußerst verlustreiche Burenkrieg vor allem in rechtskonservativen Kreisen zunehmende Besorgnis hervorrufen.[47] Es wurden Debatten über die physische Degeneration der Bevölkerung geführt und die Notwendigkeit einer allgemeinen Wehrpflicht erörtert. Darüber hinaus musste sich Großbritannien in zunehmendem Maße der wachsenden Herausforderung des kolonialen und wirtschaftlichen Wettkampfes mit dem wachsenden Deutschen Kaiserreich stellen. Angst und die Erwartung eines Krieges zwischen Großbritannien und Deutschland bestimmten daher schon bald das öffentliche Bewusstsein in der Edward-Ära.[48] Vor allem „Invasionspaniken, die sich fast ausnahmslos auf Deutschland bezogen,“ waren bereits lange vor 1914 in der britischen Öffentlichkeit weit verbreitet.[49] So gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine regelrechte „Invasionsliteratur“ in England. Sie heizte nicht nur die Überlegungen der militärischen Strategen an, wie man das Land am besten verteidigen könne, sondern sie erinnerte vor allem die lesende britische Öffentlichkeit daran, dass die deutsch-britische Konfrontation in einem „Great War“ enden würde. Erskine Childers’ „Riddle of the Sands“, Spencer Wilkinsons „Britain at Bay“, „The Invasion of 1910“ von William Le Queux, von der Daily Mail als Fortsetzungsroman veröffentlicht, Hector Hugh Munros Roman „When William Came“ aus dem Jahre 1914 oder aber das erfolgreiche Theaterstück „An Englishman’s Home“ von Guy du Maurier sagten nicht nur „haarsträubende deutsche Pläne für die [antizipierte] Invasion Großbritanniens vorher“,[50] sondern sie führten der britischen Öffentlichkeit auch immer wieder vor Augen, dass ein Kampf mit Deutschland das Leben und den Wohlstand der gesamten britischen Bevölkerung bedrohen würde.[51] Folgerichtig sah sich die überkommene britische Militärverfassung, die vor allem auf die Flotte und damit auf das Selbstverständnis als maritime Weltmacht setzte, zunehmend der Kritik ausgesetzt, die freilich primär durch die Sorge um die Überlebensfähigkeit der eigenen Nation gespeist wurde:[52]

„If England cannot command voluntary soldiers enough to defend her homes or to maintain her empire, the sooner we give up the role of a powerful nation the better. A nation that cannot find voluntary soldiers of her own stock, deserves to be conquered by any other that can.“[53]

Die Sorge vor allem des politisch rechten Lagers über die „unsuitability“ der städtischen working class für den Krieg,[54] die durch die Tatsache, dass sich in Großbritannien keine allgemeine Wehrpflicht durchsetzen ließ, noch erhöht wurde, führte schließlich zu einer verstärkten öffentlichen Unterstützung, insbesondere die Jugend psychologisch auf einen Krieg vorzubereiten und in ihren Reihen durch Aktivitäten von Jugendverbänden wie den „Boy Scouts“, der „Boy’s Brigade“ oder der „Lads’ Drill Association“ ein „climate of militarism“ zu erzeugen.[55] Denn die Freizeitgestaltung dieser Jugendorganisationen, denen bis zum Jahr 1914 etwa 41 Prozent (sic!) aller männlichen Jugendlichen in Großbritannien angehörten,[56] war darauf ausgelegt die physische Fitness der Jungen zu stärken, einen Gemeinschaftsgeist zu fördern und ihre Mitglieder auf diese Weise auf den Wehrdienst oder aber einen zukünftigen Krieg vorzubereiten.[57] Baden Powell, der Gründer der „Boy Scouts“ vertrat beispielsweise die Auffassung, „that every boy ought to learn how to shoot and obey orders, else he is no more good when war breaks out that an old woman.“[58] In Deutschland, wo ebenfalls Jugendgruppen mit einer paramilitärischen Ausrichtung starken Zulauf verzeichnen konnten, wurde den Eltern, die ihre Jungen etwa zum sog. „Jungdeutschlandbund“ schickten, sogar explizit erklärt, dass ihr Nachwuchs dort dafür ausgebildet werde, um Deutschland im Kriegsfalle verteidigen zu können.[59] Bedeutsamer und folgenschwerer erwies sich für die deutsche Jugend am Vorabend des Ersten Weltkrieges jedoch die ihr in der Schule vermittelte Obrigkeitsfixierung sowie ihre Erziehung hin zu Gehorsam und Gefolgschaft.[60]

Während man also in Großbritannien die Verteidigungsfähigkeit des eigenen Landes sicherzustellen suchte, war man in Deutschland der Auffassung, dass der „harte Geschäftsegoismus“[61] der Briten zu einem Versuch führen müsse, Deutschland auszuschalten. „Das schien einer Generation evident zu sein, der sozialdarwinistische Ideen und Auffassungen selbstverständlich geworden waren.“[62] Dementsprechend appellierten auch in Deutschland „immer größere Teile der militärischen und politischen Elite nach 1900 an den großen Krieg der Zukunft“[63] und erhoben gleichsam ihre Stimmen, mit denen sie eine weitere militärische Aufrüstung forderten, um im Falle eines britischen Angriffs vorbereitet zu sein, war man doch der Überzeugung, einer Auseinandersetzung entgegen zu gehen, „die weder vermieden noch hinausgeschoben werden konnte.“[64] Der imperiale Wettlauf zwischen den europäischen Großmächten, vorrangig aber der koloniale Wettstreit mit Großbritannien wirkten dabei in Deutschland wie ein Katalysator bei der Ausbildung und Verfestigung eines bellizistischen Nationalismus und die Ausprägung antibritischer Feindbilder.[65] Hinzu kam die weit verbreitete Furcht, dass „eine britische Flotte [eines Tages] plötzlich vor Wilhelmshaven oder Kiel erscheinen und ohne Warnung die [...] Schiffe der kaiserlichen Marine angreifen“ und damit die Weltstellung und die Ansprüche des deutschen Reiches auf Weltgeltung mit einem Schlage für immer auslöschen könnte.[66] Diese Furcht wurde durch jenes Ereignis in Kopenhagen im Jahre 1807 gespeist, als sich die Engländer ohne Vorwarnung Teilen der dänischen Flotte bemächtigt und Kopenhagen beschossen hatten. Als durch die englisch-russische Verständigung desselben Jahres in den Augen vieler deutscher Zeitgenossen die „Einkreisung Deutschlands“ vollendet schien, verdrängte schließlich „die sehr viel allgemeinere Furcht vor einer Überwältigung von allen Seiten [..] die spezifische Furcht vor einem plötzlichen britischen Angriff.“[67] Die Furcht vor der „russischen Dampfwalze“, d.h. die verbreitete Überzeugung, dass die ökonomischen und militärischen Ressourcen des russischen Riesenreiches früher oder später zu einem „Überrollen“ Deutschlands führen würden,[68] fügte sich nun ebenfalls nahezu mühelos in das sozialdarwinistisch aufgeladene Weltbild vieler Deutscher ein. De facto schien vielen Zeitgenossen mit „der Verdichtung außenpolitischer Krisen seit 1900 und dem europäischen Rüstungswettlauf [..] ein europäischer Krieg [spätestens] seit 1910 [...] nur mehr eine Frage der Zeit zu sein.“[69]

Die Wahrnehmung des Aufstiegs Deutschlands im atlantischen und Japans im pazifischen Raum förderten schließlich auch in den Vereinigten Staaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die imperiale Gewaltbereitschaft und „eine tendenzielle Annäherung an vitalistische und sozialdarwinistische Nationskonzeptionen“, wenngleich jedoch nicht in einem vergleichbaren Ausmaß wie in Europa.[70] Letztlich ist jedoch die Feststellung relevant, dass es am Vorabend des Ersten Weltkrieges sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien und Amerika zu einer „Zuspitzung kriegerischer Nationsvorstellungen im Zeichen des Sozialdarwinismus [...] mit seiner Prämisse vom naturnotwendigen Kampf der Völker, Rassen und Nationen um das Überleben und der Vorstellung von der [natürlichen] Selektion der Stärkeren“ kommt und diese Vorstellungen zunehmend Einzug in das öffentliche Bewusstsein finden:[71]

„Zugespitzt formuliert glichen sich in den Kriegsdiskursen vor 1914 [in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Amerika] viele Selbstdeutungsmuster einander an.“ Nämlich die ausgeprägte Erwartung eines zukünftigen Krieges, eines Existenzkampfes, in dem es um die Zukunft und das Fortbestehen der eigenen Nation ging.[72]

An die Stelle der oftmals traditionell verankerten und häufig auf den nationalen Erfahrungsraum beschränkten konfessionellen und ideologischen Feindbilder trat zunehmend die Wahrnehmung einer Konkurrenz zwischen den Industriegesellschaften und die Frage nach der inneren und äußeren Leistungs- und Überlebensfähigkeit der Nationalstaaten, die sich in den Augen vieler Zeitgenossen, vor allem aber gemäß der global verfügbaren Deutungsmuster, die Sozialdarwinismus, aber auch Eugenik und Evolutionsbiologie mit wissenschaftlichem Anspruch bereitstellten, in deren Kriegsfähigkeit erwies.[73] Einzig in den USA provozierte diese Sichtweise grundsätzlichen Widerspruch:[74] So wurde nicht nur in zahlreichen Publikationen vor den Gefahren einer Militarisierung der amerikanischen Gesellschaft und des Erziehungswesens gewarnt, sondern viele Autoren distanzierten sich auch von einem militärischen Ausgriff der Vereinigten Staaten über den eigenen Kontinent hinaus, den sie als Verrat an den amerikanischen Prinzipien der Gründerväter von 1776 brandmarkten.[75] Wenngleich in den Vereinigten Staaten die Idee eines zukünftigen Krieges, zumal jenseits des eigenen Kontinents, bei vielen Amerikanern auf Ablehnung stieß, so war die Erinnerung an vorangegangene Kriege bei den meisten Amerikanern dennoch positiv besetzt. Denn in einer Nation, die laut Theodore Roosevelt ihre „sinnstiftenden Traditionen [...] nicht durch materielle Erfolge[.], sondern durch große Kämpfe und [durch] charismatische Führer der Nation im Krieg“ erworben habe,[76] hielt sich in vielen Kreisen das „Bild des Krieges als geschichtsbildende und kulturfördernde Kraft.“[77]

In ähnlicher Weise trat auch im Deutschen Kaiserreich nach der Beendigung des deutsch-französischen Krieges, mit der zunächst auch „die Phase verdichteter Kriegserfahrungen auf dem europäischen Kontinent“ zu Ende ging, eine ausgeprägt positiv besetzte bellizistische Erinnerungskultur an die Stelle des realen Kriegserlebnisses:[78] Im Rahmen groß angelegter Prozessionen wurde nicht nur schwerpunktmäßig an die militärischen Erfolge von 1864, 1866 und 1870/71 erinnert, sondern durch das Betreiben von Veteranenorganisationen, die im Jahre 1914 über 2,83 Millionen Mitglieder verfügten, wurde auch in pathetischer Weise der toten Soldaten jener Kriege und deren „Heldentaten“ gedacht:

„They kept alive the virtutes of crown and nation originally inculcated by military service itself. [...] Those too young to have served in 1870 heard the stories of the heroes of Sedan. They saw the medals on their chests and paid homage at the memorials of their fallen comrades.“[79]

Diese Erinnerungskultur übte eine besondere Anziehungskraft gerade auch auf die Jugendlichen des Deutschen Kaiserreiches aus. Außerdem entfachte sie in ihnen das Bedürfnis, sich ebenfalls auf dem Schlachtfeld zu beweisen und sich ihren Vätern als ebenbürtig zu erweisen.[80]

In Großbritannien führten die Kriegswahrnehmungen und die Rezeption des Burenkriegs zwar dazu, dass die militärische Erinnerungskultur hier weniger positiv besetzt war – hatten doch der Krieg und die militärische Schwäche für die Nation Enttäuschung und Erniedrigung bedeutet; letztlich aber bewirkte dieses „Schockerlebnis“ eine „demonstrative Identifizierung großer Teile der britischen Bevölkerung mit dem britischen Tommy, der als freiwilliger Soldat für die Nation [gekämpft hatte].“[81] An die Stelle der rückwärtsgewandten Kriegsinterpretation rückte hier die von Gelehrten und Publizisten, wie dem Dichter Rupert Brooke, unternommene zukunftsgerichtete Kriegsdeutung in den Vordergrund, die einen neuen Krieg als eine Möglichkeit interpretierte, persönliche Erfüllung zu erreichen: In ihren Augen würde der Krieg der Zukunft die Frustrationen und die Zerstreuung des Alltags beseitigen und stattdessen Seele und Geist erhöhen.[82] In Deutschland freilich wog die positive Ausdeutung eines zukünftigen Krieges nicht nur auf Grund der wesentlich ausgeprägteren militaristischen Werteorientierung, sondern vor allem wegen der positiv besetzten Erinnerung an die militärischen Erfolge der Vergangenheit noch viel stärker als in Großbritannien.

Vor allem aber bewirkten gerade in Europa die Vielzahl politischer Krisen, die Fülle monographischer Kriegsdeutungen und Kriegsszenarien und die Routine, mit der ein großer Teil der Presse die Möglichkeit eines Krieges behandelte, dass viele Menschen jene sozialdarwinistische Kriegsdeutung annahmen und sich an die Nähe eines potentiellen Krieges gewöhnten, so dass der „Zukunftskrieg“ zu einem vertrauten Gedanken wurde.[83] In der Presse kam dies u.a. durch eine auf den Krieg bezogene Gewittermetaphorik zum Ausdruck; so schrieb etwa das Hamburger „ Echo “ Anfang Juni 1914:

„die Möglichkeit eines europäischen Krieges hängt wie eine düstere Wolke am politischen Himmel [...], die nicht mehr schwinden will.“[84]

Ähnlich lesen sich in diesem Zusammenhang auch die Oldenburger „Nachrichten für Stadt und Land“. So lautet es hier beispielsweise Ende Juli 1914:

„Schwere Gewitterwolken standen über unseren Häuptern.“[85]

Vor allem aber unterlag der potentielle Krieg hier auch deswegen einer zunehmenden Wertschätzung, da Vielen die Friedenszeit immer mehr als eine Zeit der Dekadenz, der „Konkurrenz“, des „Klassenkampfes“ und des allgemeinen Niedergangs erschien.[86] Diese am Vorabend des Ersten Weltkrieges insbesondere im deutschen Kaiserreich weit verbreitete kulturpessimistische Stimmungslage resultierte maßgeblich aus den gewaltigen gesellschaftlichen und geistigen Veränderungen, die vornehmlich durch die rapide voranschreitende Industrialisierung des Deutschen Reiches nach 1871 sowie durch den Aufstieg des Reiches zu Weltmacht ausgelöst wurden.[87] So fühlten sich viele Zeitgenossen „durch den schnellen Wandel der Lebensformen und durch Verschiebungen der moralischen Wertmaßstäbe [...] zunehmend verunsichert.“[88] Vor allem die mit der Hochphase der Industrialisierung einhergehende Kommerzialisierung sowie die „völlige Atomisierung des Lebens in unzählige, nicht mehr zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfügbare Einzelteile“[89] wurde von vielen Menschen sehr negativ wahrgenommen.[90]

Viele Menschen waren mit diesem sich in kurzer Zeit vollziehenden Wandel der Lebensbedingungen überfordert. Es wuchs vielerorts die „Sehnsucht nach einheitlicher Lebensführung, nach überschaubaren gesellschaftlichen Verhältnissen und nach klar hierarchisch-autoritär geordneten Beziehungen zwischen den Menschen.“[91] Gleichzeitig stieg die „Angst vor fremdem Ideengut [...] und der Vermassung“, d.h. vor der Bevölkerungszunahme und der Entstehung großer Städte.[92] Vor allem die Intellektuellen, insbesondere die Künstler und Schriftsteller des Reiches, begannen die neuesten Entwicklungen ihrer eigenen Gegenwart als allgemeinen Verfallsprozess zu kritisieren und im Gegensatz dazu die Werte und Ideale der Vergangenheit zu glorifizieren:

„Indem die historische Entwicklung von dem fixierten Ideal [der Klassik] wegführte, entstand [...] der Mythos von der Negativität der Moderne. Die Zukunft wurde zum Abstieg, weil sie nicht mehr die Vergangenheit sein konnte.“[93]

So wurde die Gegenwart als eine narzisstische Ära des Materialismus, der Entwurzelung und des „schrankenlosen Individualismus“[94] gebranntmarkt, als eine Zeit, von der Thomas Mann schreibt, in der „buchstäblich niemand mehr aus noch ein wusste“[95], und in der neben allgemeiner Dekadenz, Sittenlosigkeit und Vergnügungssucht nur die „Profitmoral“ und der englische „Krämermaterialismus“[96] herrsche.[97] Nicht selten wurden für all die abgelehnten Erscheinungen der Gegenwart auch „ausländische und nicht zum eigentlichen „deutschen Wesen“ passende Einflüsse“ geltend gemacht.[98] Alsbald wurde die vermeintlich dekadente Gesellschaft, die einer Erneuerung bedürfe, das zentrale und „immer wiederkehrende Thema der wilhelminischen Kulturkritik.“[99] In diesem Zusammenhang verdient die zu großer Berühmtheit gelangte Schrift „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler, dem wohl berühmtesten zeitgenössischen Kulturkritiker und Geschichtsphilosophen, besondere Hervorhebung.[100]

Auch in Großbritannien waren die Topoi der zunehmenden Gemeinschaftsauflösung, der gesellschaftlichen Dekadenz und des Werteverfalls Bestandteile einer insbesondere von den Intellektuellen lange vor 1914 geäußerten Kulturkritik, die schließlich durch den Krieg sogar noch radikalisiert werden sollte.[101] In den Augen jener Kritiker habe die lange Zeit des Friedens in Großbritannien dazu geführt, dass die upper class der Dekadenz verfallen sei und ihren Pflichten nicht mehr nachkomme, während die lower class nur noch damit beschäftigt sei, sich Sinnesgenüssen und Frivolitäten hinzugeben.[102] Wie in Deutschland auch, sahen hier viele Intellektuelle, Publizisten und Kulturkritiker in einem künftigen Krieg die Möglichkeit für ein „ renewal “, d.h. die Umkehr zu den alten Werten, die überall vergessen oder abgelegt worden seien.[103] Lediglich in den Vereinigten Staaten, dem melting pot und Land des Fortschrittsoptimismus, hat es diesen ausgeprägten Kulturpessimismus nicht gegeben.

Insgesamt förderten antizipierte Kriegsszenarien, positive Kriegsdeutungen, Überlegenheitsdenken, Kulturpessimismus, bellizistische Traditionen und Werteorientierung, sowie sozialdarwinistische Deutungsmuster die Bereitschaft, zumindest jedoch die Akzeptanz und die psychologische Gewöhnung eines Großteils der europäischen Nationalbevölkerungen an militärische Auseinandersetzungen im Vorfeld des Ersten Weltkrieges. Sie sind die ideologischen Vorbedingungen für ein, wie noch zu zeigen sein wird, hochgradig disparates Massenphänomen, das in der historiographischen Forschung generalisierend mit „Geist von 1914“ umschrieben wird.

1.2. Der „Geist von 1914“ – Eine Absage an die Ideen von 1789

Wenngleich die Wahrnehmung, dass das Denken und Handeln der Menschen im Rahmen des Krieges durch einen „neuen Geist“ bestimmt werde, kein spezifisch deutsches Phänomen darstellt – die Durchsicht zeitgenössischer Publikationen und Egodokumente sowie die Ergebnisse historiographischer Forschung belegen, dass es zumindest auch in Großbritannien zu nahezu identischen Einschätzungen kam[104] –, so hebt sich jedoch die vor allem von Publizisten, Literaten und Intellektuellen unternommene inhaltliche Ausformung jenes Begriffs in Deutschland von denen anderer Nationen signifikant ab. Denn allein hier wurde die nähere Bestimmung des sog. „Geistes von 1914“ zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit den Werten der westlichen Gesellschaften, in denen man die Ursache für den allgemeinen Kulturverfall erblickte und als deren Ursprung man die Französische Revolution von 1789 ausmachte.[105] Folgerichtig identifizierten viele Gelehrte und Publizisten die Vorkriegszeit, in der schrankenloser Individualismus, zersetzende Dekadenz, Materialismus und intellektuelle Lehre das Leben der Menschen bestimmt hätten, als das Ergebnis der „Ideen von 1789“,[106] denen sie die „Ideen von 1914“ gegenüber stellten.[107] Diese hätten ihren stärksten Ausdruck im „Geist von 1914“ gefunden, in jenem „neue[n] Geist“, den die Mobilmachung „geboren“ habe und der als „Geist der stärksten Zusammenfassung aller wirtschaftlichen und aller staatlichen Kräfte in einem neuen Ganzen“[108] und in Abgrenzung zur Französischen Revolution als „Deutsche Revolution von 1914“ gefeiert wurde.[109] Man war der Ansicht, dass der in ihr sichtbar gewordene „Geist von 1914“ der Vorläufer einer neuen Gesellschaftsordnung wäre, welche bestimmt sei, die westliche und durch die „Ideen von 1789“ geprägte individualistische Kultur abzulösen:[110] Aus deutscher Sicht gehörte nämlich nicht ihr, sondern der halbautoritären Staatsform des Kaiserreiches, die durch ein Gleichgewicht von Ordnung und Freiheit geprägt sei und die den Systemen der westlichen Demokratien keineswegs nachstehe, die Zukunft.[111] Diese Einschätzung führte nicht nur dazu, dass der Krieg vielerorts als ein Wettstreit der Systeme bzw. als ein „Kampf der Kulturen“ aufgefasst wurde – Werner Sombart brachte diesen Konflikt auf die populäre Formel „Krämergeist versus Heldengesinnung“[112] –, sondern sie bewirkte auch, dass man den Krieg als Möglichkeit „eine[r] Art von Sendung des deutschen Volkes [begriff], die nicht zuletzt auch eine religiöse Qualität besaß.“[113] So galt der Krieg nun Vielen als „Kreuzzug“, den es siegreich zu beenden galt, „uns und der Welt zum Heile.“[114] Im Dunstkreis der nationalistischen Begeisterungswelle bei Kriegsausbruch glaubte man, dass nun, ähnlich wie 150 Jahre zuvor mit der Französischen Revolution, eine neue Epoche der Geschichte beginnen werde, „jedoch eine Epoche, die in ihrem geistigen Gehalt und ihrer politischen Kultur das genaue Gegenteil darstellte“:[115]

Die Konstruktion der „Deutschen Revolution von 1914“ durch die deutschen Gelehrten war „die Gemeinschaftsvision in Anlehnung an Hegelsches Staatsdenken, Lutherischen Protestantismus und rechtssozialistischen Etatismus“ und wurde „als genuin deutsches Gegenmodell zur westlichen Individualgesellschaft [...] konstruiert.“[116]

Viele deutsche Gelehrte waren davon überzeugt, dass sowohl die gegenwärtige kulturelle und politische Misere der europäischen Nationen als auch die gesellschaftlichen Verhältnisse der Vorkriegszeit durch die nun losbrechende „deutsche Revolution von 1914“ und den mit ihr einhergehenden mentalen Umbruch, der zu einer „neue[n] Form unseres wirtschaftlichen-politischen Lebens“ führen werde, überwunden werden könnten.[117] Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, den ideologischen Gegensatz zwischen dem „deutschen Geist von 1914“ und dem „Geist des Westens“ darauf zu reduzieren, dass die Deutschen für einen autoritären Obrigkeitsstaat und die demokratischen Staaten wie Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika für Freiheit und Demokratie kämpften, denn „im Zentrum dieses ideologischen Gegensatzes stehen gerade konkurrierende Ideen menschlicher Freiheit.“[118] Die deutschen Gelehrten vertraten lediglich auf Grund der Erfahrungen aus Vergangenheit und Gegenwart ein anderes, in ihren Augen viel plausibleres, realistischeres Bild menschlicher Freiheit, das nämlich einerseits durch die Absage an den westlichen, atomistischen Individualismus und Rationalismus und andererseits durch die „Einbindung des Individuums in überindividuelle soziale Ordnungszusammenhänge“ bestimmt ist.[119] Denn je mehr sich das lange 19. Jahrhundert als Zeit sozialer Krisenerfahrungen[120] offenbart und ferner gezeigt hatte, dass die Revolution kein einmaliges Ereignis gewesen ist, sondern sich der revolutionäre Geist in ganz Europa in immer neuen Revolutionen und Revolutionsversuchen manifestierte, und je mehr die eigene Gegenwart als „Zeit krisenhafter Desintegration bzw. sozialer Anomie“ und des vermeintlich kulturellen Verfalls erfahren wurde, desto stärker wuchs insbesondere bei den deutschen Konservativen, aber auch bei den deutschen Liberalen nicht nur die „Furcht vor einer ungebundenen Freiheit und vor dem Umschlagen revolutionärer Emanzipationsprogramme in blanke Anarchie, sondern auch die Betonung solcher Bindungen und überindividueller Ordnungsstrukturen, in denen der Einzelne sich immer schon vorfinde. Die Gemeinschaft, Volk und Nation, sowie die „Gottgegebenheit“ der Institutionen „wurden dem Einzelnen und seinen individuellen Freiheitsansprüchen vorgeordnet.“[121] Im „Geist von 1914“ zeigen sich diese Vorstellungen schließlich besonders prägnant: „der Einzelne soll seine Freiheit und Persönlichkeit gerade darin verwirklichen, dass er zur Erfüllung wahrer Staatsbürgerpflicht, zum Opfer für die Nation, zur Hingabe des eigenen Lebens für die Gemeinschaft bereit ist.“[122]

2. Nationale Integration und Abwehr des äußeren Feindes – Unspezifische Merkmale des „Geistes von 1914“

Nachdem im vorangegangenen Abschnitt die mentalitätsgeschichtlichen Vorbedingungen, der ideologische Unterbau und die theoretische Herleitung, Ausformung und Abgrenzung des „Geistes von 1914“ dargestellt worden sind, sollen nun konkrete Merkmale dieses Phänomens aufgezeigt und untersucht werden. Dabei stehen zunächst nur solche Merkmale im Vordergrund, die nationenübergreifend sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland und in den Vereinigten Staaten von Amerika festgestellt werden können. Zu diesen national unspezifischen Merkmalen des „Geistes von 1914“ zählt zunächst die „Integration nach Innen“, d.h. der in allen Nationen zu beobachtende Schulterschluss innerstaatlicher Parteien und Gruppierungen.[123] Daneben tritt die „Selbstbehauptung nach Außen“, die sich vielfach in einem aggressiven Nationalismus und bisweilen in einem chauvinistischen Verhalten der Menschen manifestiert.[124] Aber auch das Aufkommen einer ausgeprägten Spionage- und Sabotagehysterie in weiten Teilen der einzelnen Nationalbevölkerungen und die Formierung von Menschenmassen auf den Straßen und öffentlichen Plätzen sind typische Phänomene, in denen sich der „Geist von 1914“ ausdrückte.

Darüber hinaus sollen nachfolgend aber auch Faktoren aufgezeigt werden, die die Entstehung und die Verbreitung des „Geistes von 1914“ entscheidend beeinflusst haben. Dazu gehört die Schaffung von Feindbildern und die vor allem in der Politik, in der Literatur und in den Kirchen massiv unternommene moralische Sinnstiftung des Krieges sowie die Verbreitung einer Defensivkriegs-Ideologie, mit deren Hilfe die Menschen von der „Notwendigkeit“ des Krieges überzeugt und damit einhergehend schließlich auch für den Kampfeinsatz an der Front mobilisiert werden konnten. In diesem Zusammenhang sind aber ohne Zweifel auch konkrete Kriegsereignisse bzw. der konkrete Kriegsverlauf von enormer Bedeutung, waren doch Ausmaß und Intensität der Kriegsunterstützung innerhalb der jeweiligen Bevölkerung nicht zuletzt auch von den eingehenden Nachrichten von der Front abhängig.

2.1. Innere Einheit

Zu den zentralen Phänomenen des Kriegsbeginns bzw. der Kriegsintervention gehört zweifelsohne der in nahezu allen kriegsbeteiligten Staaten zu beobachtende Schulterschluss innerstaatlicher Parteien und Gruppierungen. Denn sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien, Frankreich, Österreich-Ungarn oder den Vereinigten Staaten gingen Mobilmachung und Kriegserklärung mit einem politischen und gesellschaftlichen „Burgfrieden“ einher,[125] der nicht nur von einem Konsens der nationalen Eliten,[126] sondern auch von der nationalen Integration bisher außenstehender bzw. regierungskritischer Gruppierungen gekennzeichnet war. So kam es vielfach nicht nur zu einem „Burgfrieden“ zwischen den Gewerkschaften und der jeweiligen Regierung,[127] sondern auch dazu, dass „die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, sogar die Sozialisten, bereit [war] in den Krieg zu ziehen, die Lasten des Krieges zu tragen und ihren Teil zum Sieg beizutragen.“[128]

In Großbritannien etwa setzten die Gewerkschaften angesichts des ausbrechenden Krieges ihre Streiks aus und es vollzog sich zwischen dem 3. und 5. August 1914 ein nationaler Schulterschluss, ähnlich der französischen „union sacrée“ oder dem deutschen „Burgfrieden“, da „die Labour Party, Irische Nationalisten, Liberale, Unionisten und Vertreter aller Religionsgemeinschaften [bereit waren,] die gemeinsamen Anstrengungen [zu unterstützen].“[129] Dabei war es eine der großen Überraschungen, dass die innere Einheit selbst Irland umfasste und dass sogar nationalistische Führer wie John Redmond die britische Intervention begrüßten und sich Tausende von Freiwilligen in Nord- und Südirland zum Militärdienst meldeten.[130] Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht verwunderlich, dass viele Menschen in der allgemeinen Bereitschaft für den Krieg einen neuen, höheren Sinn erblickten. So äußerte sich etwa der spätere britische Premierminister Lloyd George in seiner ersten Rede über den Krieg, die er am 19. September in der Queen’s Hall hielt:

„There is something infinitely greater and more enduring which is emerging already out of this great conflict – a new patriotism , richer, nobler, and more exalted than the old. [...] I see amongst all classes, high and low, shedding themselves of selfishness [...]. It is a new outlook to all classes. […] a new Britain is appearing. We can see for the first time the fundamental things that matter in life […].“[131]

Sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland oder den USA demonstrierten keinesfalls nur junge Männer ihre Bereitschaft am Krieg teilzunehmen, sondern Männer und Frauen aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten: In den Vereinigten Staaten verübten beispielsweise viele Frauen freiwilligen Dienst als Krankenschwestern im U.S. Nurse Corps oder als Sekretärinnen bzw. Technikerinnen bei der U.S. Navy und im U.S. Army Signal Corps,[132] während die Frauen in Deutschland oder in Großbritannien auf den Kriegsausbruch mit der freiwilligen Hilfstätigkeit in Krankenhäusern und Lazaretten, vor allem aber mit dem Stricken von Soldatenbekleidung reagierten:[133]

„We knitted socks (some of them of unusual shape), waistcoats, helmets, comforters, mitts, body belts. We knitted at theatres, in trains and trams, in parks and parlours, in the intervals of eating in restaurants, of serving in canteens […].“[134]

Die Ursachen für die innere Geschlossenheit der einzelnen Nationalbevölkerungen bei Kriegsausbruch sind zweifelsohne vielfältig. Von übergeordneter Bedeutung erscheinen m.E. jedoch drei Aspekte, nämlich Emanzipationsbestrebungen auf der einen und Gefühle elementarer Existenzbedrohung sowie nationaler Vorsehung auf der anderen Seite. So erfolgte die Kriegsunterstützung gesellschaftlicher „Randgruppen“ zumeist in der Hoffnung auf soziale Anerkennung oder aber mit dem Ziel, Anspruch und Durchsetzbarkeit politisch-emanzipatorischer Ziele verbessern zu können: Millicent Fawcett, die Vorsitzende der „National Union of Women’s Suffrage Societies“ (NUWSS), rechnete beispielsweise damit, dass die Unterstützung des Krieges die Stimmrechtsbewegung auf längere Sicht begünstigen werde. In dieser Erwartung beschloss nicht nur die NUWSS, sondern auch der von Emmeline Pankhurst geführte militante Flügel der britischen Frauenrechtsbewegung, die „Women’s Social and Political Union“ (WSPU), ihre Kampagnen gegen die Regierung für die Dauer des Krieges auszusetzen.[135] In Deutschland hingegen wurde das hohe Engagement etwa der Juden oder der Mitglieder des „Wandervogel“-Vereins von der Hoffnung getragen, dass eine aktive Kriegsunterstützung endlich zu einem Versiegen gesellschaftlicher Vorurteile und Diskriminierungen führen werde.[136] In diese Richtung äußerte sich u.a. Ludwig Geiger am 21. August 1914 in seiner Funktion als Mitherausgeber von Deutschlands führender jüdischen Zeitung „Allgemeine Zeitung des Judentums“:

„Alle Juden, nicht nur die Angehörigen des stehenden Heeres, der Reserve und Landwehr, sind dem Rufe zu den Waffen freudig gefolgt, aber auch viele Tausende haben sich freiwillig gestellt. Ohne Murren, mit einem Gefühl heroischer Freude [...]. Die Begeisterung, die heldenmäßige Gesinnung hat, wie die Nationen überhaupt, so auch die Juden ergriffen. [...] Wir Juden verlangen keine Sonderrechte für uns, keine Belohnung für die großartigen Spenden von Gut und Geld, für die Bereitwilligkeit, mit der wir unser Blut opfern. Wir kämpfen fürs Vaterland, aber wir erwarten von ihm, wie wir es immer gefordert, Gerechtigkeit.“[137]

Auf der anderen Seite führte das Gefühl elementarer Existenzbedrohung bei einem Großteil der Menschen dazu, im Abwehrkampf gegen den äußeren Feind parteiübergreifend zu agieren und, wie im Falle Großbritanniens, den bereits eine Woche vor der Kriegsintervention herausgegebenen Zeitungsaufrufen zu folgen,[138] wonach das Land nach außen unbedingt eine „united front“ bilden müsse, wenn man den Untergang der Nation verhindern wolle.[139] Freilich gab es ähnlich massenwirksame Aufrufe auch in Deutschland oder in den USA. So betonte etwa der amerikanische Präsident Woodrow Wilson in einer öffentlichen Ansprache knapp einen Monat vor der amerikanischen Kriegseintrittserklärung die Notwendigkeit nationaler Einheit im Falle eines Krieges:

„[I]t is imperative that we should stand together. We are being forged into a new unity amidst the fires that now blaze throughout the world. In their ardent heat we shall, in God’s providence, let us hope, be purged of faction and division, purified of the errant humors of party and private interest, and shall stand forth in the days to come with a new dignity of national pride and spirit. Let each man see to it that the dedication is in his own heart, the high purpose of the Nation is in his own mind, ruler of his own will and desire. [...] The thing I shall count upon, the thing without which neither counsel nor action will avail, is the unity of America – an America united in feeling, in purpose, in its vision of duty, of opportunity, and of service [...].“[140]

Der Umstand, dass dieser zweifelsohne rein kriegstaktisch motivierte Appell an die innere Einheit u.a. mit den Grundsätzen und Wertmaßstäben der amerikanischen Nation begründet wird, verdeutlicht eine wichtige Problematik, mit der sich die politischen Protagonisten bei der Mobilisierung ihrer Bevölkerungen konfrontiert sahen, nämlich die Tatsache, dass sich ein nationaler Konsens nicht einfach von oben verordnen ließ. Aus diesem Grund war die angestrebte nationale Einheit auf Vorstellungen und Werte gestützt, mit denen sich weite Teile der Bevölkerung problemlos identifizieren konnten.[141] Neben spezifisch nationalen Wertvorstellungen waren dies in erster Linie religiöse Motive und positiv bzw. negativ besetzte Zukunftsvisionen. Die oftmals erst auf dieser Basis erzeugte Kriegsbereitschaft der Massen führte schließlich zu dem Eindruck, dass „social and labour disruptions and threats of civil strife gave way to national purpose.“[142] Schon bald dominierte in allen kriegsbeteiligten Staaten die Auffassung, dass es eine neue, in diesem Ausmaß noch nicht da gewesene Verbundenheit aller Klassen gäbe und die Menschen durch einen neuen Patriotismus vereint seien:

„England is already a different place that it has been for years past. […] I had not conceived it possible that a nation could be born again so quickly. This war even now has undone the evils of a generation.“[143]

Auf diese Weise wurde der Ausbruch des Ersten Weltkrieges insbesondere für die europäischen Staaten zu einem einigenden Schlüsselerlebnis,[144] das selbst in der Rückschau Bestand haben sollte.[145]

2.2. Die moralische Sinnstiftung des Krieges

Es gehört zu den unspezifischen Phänomenen des Kriegsausbruchs, dass sowohl die Kirchen als auch Intellektuelle, Schriftsteller, Publizisten, Politiker und Pädagogen versucht haben, den Krieg zu deuten und ihm einen höheren Sinn zu geben. Die Im Rahmen dieser Sinnstiftung entwickelten Deutungsmuster und Vorstellungen haben den Mythos des „Geistes von 1914“ entscheidend geprägt. Welche Inhalte jene Kriegsinterpretationen besaßen und welche Gemeinsamkeiten, aber auch welche nationalen Unterschiede sich hier ergeben, soll nachfolgend zunächst im Hinblick auf die kirchliche und anschließend im Hinblick auf die Gruppe der Intellektuellen und Publizisten aufgezeigt werden.

2.2.1. Die moralische Sinnstiftung des Krieges durch die Kirchen

„Sunday, 30. August.

My elder daughter, Mary Alice, attended the evening service at Fairstead. [...] The Rector, Thomas Sadgrove, preached a horrifying sermon, on the horrible scenes of the battlefield and exhorted all the young men to join the army. He had a big Union Jack hung in front of the pulpit, instead of the pulpit-hanging.“[146]

Es ist erstaunlich, „wie schnell insbesondere die anglikanische Staatskirche Großbritanniens, die sich bis kurz vor Kriegsausbruch dem christlichen Friedensideal verschrieben [hatte], [...] im August 1914 abrupt von diesen Leitlinien abging, um für König und Vaterland in den Krieg zu ziehen.“[147] Dennoch ist diese vor allem zu Kriegsbeginn feststellbare Kriegsunterstützung durch die Kirchen kein spezifisch britisches Phänomen, denn auch in Deutschland, Österreich-Ungarn oder in den Vereinigten Staaten erteilten die christlichen Kirchen dem Krieg nicht nur ihren Segen,[148] sondern unternahmen auch eine umfangreiche Deutung des Krieges, „deren glaubensspezifische Akzentuierung nicht im Sinne der Kirche verfasst, sondern in völligem Einklang mit den Motiven der Kriegsapologetik der herrschenden Eliten [...] konzipiert worden war.“[149] Das Aufkommen einer solchen Kriegstheologie resultierte dabei einerseits, wie im Falle Deutschlands, durch das sog. „Bündnis von Thron und Altar“, durch das zumindest die evangelische Landeskirche „sehr eng mit den politischen Funktionseliten verbündet gewesen [war].“[150] Darüber hinaus beförderte aber auch die Erfahrung, dass sich seit dem August 1914 wieder jene sozialen Gruppen zur Kirche wandten, die sich von ihr schon relativ weit entfernt hatten, die „enge Durchdringung von Theologie und Frömmigkeit mit Kriegsrhetorik.“[151] Gegenbeispiele wie die Predigt des Pfarrers von St. Mary’s aus der englischen Stadt Newmarket vom 4. August 1914, aus der hervorgeht, dass nicht alle Theologen den Krieg unterstützten und, im Gegenteil, sogar vor dessen verheerenden Auswirkungen warnten, finden sich dagegen kaum:

„The horrors of war in ancient times would be nothing compared with the horrors of war today.“

Vielmehr förderte neben dem „Zusammenspiel von gesellschaftlichem Erwartungsdruck und konkreter Erfolgserfahrung“[152] die Überzeugung von der eigenen, d.h. nationalen Unschuld die Bereitschaft zahlreicher Priester und Pastoren, Sonntag für Sonntag von der Kanzel propagandistische Kriegspredigten zu halten, die dann oftmals auch in Kirchenblättern abgedruckt wurden und weite Verbreitung fanden.[153] So sagte etwa der Vikar von St. Peters am 10. August 1914:

„In the whole history of England, she had never gone war with cleaner hands than she did now.“[154]

Auf dieser Grundlage fiel es vielen Theologen leicht, die Bevölkerung in ihren Predigten an ihre „heilige Pflicht“ zu erinnern: Während sie auf der einen Seite die jungen Männer ermahnten, dem Ruf der Waffen zu folgen, und Frauen dazu drängten, ihre Männer zum freiwilligen Eintritt in die Armee zu bewegen, belehrten sie auf der anderen Seite die Eltern, dass es für ihre Söhne besser sei, in der Schlacht zu fallen, als ein Leben in Schande zu führen.[155] Diese Aufwertung des Kriegstodes, die wie im Falle Großbritanniens so weit gehen konnte, dass militärische Opfer zu christlichen Märtyrern stilisiert wurden,[156] ging in allen Staaten mit der Idee der Selbstaufopferung für das Gemeinwesen einher.[157] Das von der Kirche verbreitete und mit der Bibel legitimierte[158] Bild des „ christian soldier “, der nach dem Vorbild Jesu Christi für die Gemeinde sein Leben lässt und dadurch nicht nur einen Lebenssinn, sondern auch wahre Selbsterfüllung in einer ansonsten sinnleeren und kalten Zivilisation finde,[159] sprach alle gesellschaftlichen Gruppen an, vornehmlich aber die Intellektuellen[160] und die junge Generation, deren christlicher Glaube, wie das Beispiel der „ british public school boys “ zeigt, in der Regel sehr ausgeprägt war.[161]

Die Auffassung, dass der Soldatentod, ja der Krieg selbst, einem höheren moralischen Ziel diene, wurde sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien und den Vereinigten Staaten vielfach mit der heftig propagierten Vorstellung ergänzt, dass der eigenen Nation im Rahmen des zum „edlen Kreuzzug“ stilisierten Krieges[162] eine besondere imperiale Mission zukam:[163]

„America is Imperial. The finger of God has touched her and she stands for the things of the greatest power. She is imperial in her love of liberty, in her stand for truth, in her triumphant republicanism, in her national righteousness. She has an imperial mission. It has been providentially decreed that she becomes the messenger of God’s fatherhood and man’s brotherhoos to the distant isles of the sea.“[164]

Die Annahme, dass die eigene Nation die Rolle eines „Zivilisationsinstrumentes“[165] Gottes eingenommen habe, ging in allen Staaten beinahe automatisch mit der Deutung einher, dass Gott auf der Seite des eigenen Volkes gegen das Böse, gegen die mörderische Barbarei der slawischen Welt, gegen die Dekadenz der lateinischen Völker, gegen den angelsächsischen Handelsgeist und gegen die nationale Auslöschung angetreten sei.[166] Vielfach wurde der Krieg aber auch als „eine göttliche Mahnung zur Buße“ verstanden, auf die eine große politische Zukunft des eigenen Landes folgen würde.[167] Darüber hinaus wurden insbesondere die Vertreter der Kirche nicht müde zu betonen, „dass das Leben nicht nach den Gesetzen der Logik, des Sicherheitskalküls und der Profitmoral berechenbar sei, sondern vielmehr von höheren Mächten, vom Schicksal und vom Willen Gottes gelenkt werde.“[168] So wurde der Krieg also auch zu einem von Gott gewollten Ereignis stilisiert, das es für die jeweilige Nation mit eben Gottes Hilfe zu meistern galt. Im deutschen Kaiserreich etwa, wo Theologen beider Konfessionen zahlreiche Kriegspredigten hielten, in denen sie die „deutsche Sache“ als gerecht vor Gott legitimierten,[169] war man davon überzeugt, dass die göttliche Vorsehung die deutsche „Kulturnation“ zum Sieger in diesem großen „Völkerringen“ auserkoren habe, während die zeitgenössische Kriegsapologetik immer wieder die „einigende religiöse Wirkung für die Kriegs- und Nachkriegszeit“ beschwor.[170] Gerade diese Interpretation des Krieges durch die Kirche erhöhte denn auch zunächst für weite Teile des deutschen Bürgertums, das in der Kirche die „zentrale Institution für Wertevermittlung und gesamtgesellschaftliche Sinnstiftung“ erblickte,[171] und erst recht für die dem politischen Konservativismus verpflichteten Gruppen – Adel, alter Mittelstand, bäuerliche Bevölkerung – dessen Attraktivität und Glaubwürdigkeit“,[172] zumal der Kriegsverlauf in den ersten Wochen ja auch tatsächlich die propagandistischen Erwartungen und Einschätzungen zu erfüllen schien: Vorübergehend stützten die eingetretenen Veränderungen, vor allem aber die eingehenden Siegesmeldungen, die seit Generationen tradierte und nunmehr weit verbreitete Auffassung, dass die „faule Zeit“ des Friedens immer mal wieder durch einen Krieg „anständig gemacht, von krämerischen Berechnungen befreit [und] unter Gottes Hand gestellt werden“ müsse.[173] Vor diesem Hintergrund wurde der Erste Weltkrieg vor allem in Deutschland von den Kirchen „mit wenigen Ausnahmen als ein Motor geschichtlicher Veränderung“ und folglich als „nichts sittlich Illegitimes“ begriffen.[174]

2.2.2. Die (Be-)Deutungen des Krieges in Politik, Literatur und Gesellschaft

Im August 1914 bemühten sich nicht nur die Kirchen, den Krieg zu deuten und ihm einen tieferen moralischen Sinn zu geben, sondern auch unter Schriftstellern, Publizisten, Pädagogen, Politikern, Philosophen und Gelehrten kam es in jenen Tagen sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien zu einer „poetischen Mobilmachung“,[175] die einerseits von dem Bedürfnis getragen wurde, zum Erfolg des Krieges beizutragen, andererseits aber auch dem ungemein großen Verlangen der Öffentlichkeit nach Deutungen des Krieges entsprach.[176] Dabei war das Engagement der deutschen Schriftsteller besonders ausgeprägt, die allein im Monat August etwa 1,5 Millionen (sic!) Kriegsgedichte publizierten[177] und dabei den Krieg als „Erlösung aus einer tiefen Kultur- und Gesellschaftskrise und gleichzeitig als Programm kultureller und gesellschaftlicher Regeneration“ interpretierten.[178] So grenzten die deutschen Gelehrten die Zeit seit dem Kriegsbeginn von der Zeit der Jahrhundertwende ab, die sie als „Epoche tiefgreifender sozialer und konfessioneller Konflikte“[179] und als Zeit der Zwietracht, des „Kosmopolitismus“,[180] des „Parteiengezänks“ oder aber, wie Julius Hart, als „Zeitalter der Perversitäten und Dekadenzen“ und der „wildgewordenen Erotiken“ brandmarkten.[181] Ähnlich äußerte sich Mitte September auch der Berliner Jurist Otto von Gierke in einer öffentlichen Rede mit dem Titel „Krieg und Kultur“:

„Manche Zeichen deuteten auf Überwucherung der gesunden Lebensfreude durch krankhafte Genusssucht hin. Es fehlte nicht an bedenklichen Erscheinungen von Frivolität und Sinnlichkeit, von zunehmender Lockerung der sittlichen Grundlagen im Verhältnis der Geschlechter zueinander. Der Glaube an seine sittliche Weltordnung kam vielfach ins Wanken. [...] “[182]

Daneben findet sich auch immer wieder die Klage über den Materialismus jener Zeit.[183] Dazu wieder Otto von Gierke:

„Unleugbar griff in weiten Kreisen eine materialistische Welt- und Lebensanschauung um sich. Eine Überschätzung der materiellen Güter breitete sich aus und vergiftete die Gemüter. Ihr entstammt die Selbstsucht und die Habgier aller Erwerbsstände, ihr der Hochmut der Besitzenden, ihr aber auch der Neid der Besitzlosen.“[184]

Dem negativ besetzten Bild der Vorkriegszeit, durch das zugleich die Friedenszeit drastisch entwertet wurde, stellten die Gelehrten sodann das positive Erlebnis des August 1914 gegenüber,[185] das als Auftakt zu einer „neuen, von Deutschland bestimmten Epoche der Weltgeschichte“ gefeiert wurde:[186]

„Eine neue geschichtliche Epoche begann für die Welt und voran für das deutsche Volk mit dem 1. August 1914.“[187]

[...]


[1] Zit. n. Kellermann, Hermann (Hrsg.): Der Krieg der Geister. Eine Auslese deutscher und ausländischer Stimmen zum Weltkriege 1914, Gesammelt und hrsg. von Dr. Hermann Kellermann, Dresden 1915, S. 450.

[2] Siehe auch: Verhey, Jeffrey: Der „Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg 2000, S. 200, S. 217: „Die wertvollste Erfahrung des Jahres 1914 war denn auch die der Gemeinschaft.“

[3] Kruse, Wolfgang: Die Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Entstehungszusammenhänge, Grenzen und ideologische Strukturen, in: Van der Linden, Marcel (Hrsg.) / Mergner, Gottfried (Hrsg.): Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung, interdisziplinäre Studien (Beiträge zur Politischen Wissenschaft, Bd. 61), Berlin 1991, S. 73-87; hier: S. 80; ebenso: Verhey, Jeffrey: Der „Geist von 1914“, S. 209.

[4] Geinitz, S. 17; auch Kruse weist darauf hin, „dass das „Propagandaklischee“ der vermeintlich ganzheitlich anzutreffenden begeisterten Opferbereitschaft der Bevölkerung das Bild und das öffentliche Bewusstsein über den Ersten Weltkrieg bis heute tiefgehend geprägt hat.“ Vgl. Kruse, Wolfgang: Die Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich, S. 73.

[5] Verhey, Jeffrey: Der „Geist von 1914“, S. 216.

[6] Nipperdey, Thomas: Der Erste Weltkrieg, in: Ders.: Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie, München 21993, S. 779.

[7] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914. Zerstörung des universalen Humanismus? in: Greive, Wolfgang (Hrsg.): Der Geist von 1914. Zerstörung des universalen Humanismus? Loccumer Protokolle 18/89, Loccum 1990, S. 31-58; hier S. 33.

[8] Van der Linden, Marcel / Mergner Gottfried: Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung, in: dies. (Hrsg): Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung, interdisziplinäre Studien (Beiträge zur Politischen Wissenschaft, Bd. 61), Berlin 1991, S. 9-26; hier: S. 11.

[9] Fest, Joachim: Hitler. Eine Biographie, Berlin 82006, S. 112.

[10] Geinitz, Christian: Kriegsfurcht und Kampfesbereitschaft. Das Augusterlebnis in Freiburg. Eine Studie zum Kriegsbeginn 1914 (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte – Neue Folge, Bd. 7), Essen 1998, S. 16.

[11] Fried, Alfred H.: Mein Kriegs-Tagebuch, Bd.1: Das Erste Kriegsjahr (7. August 1914 bis 28. Juli 1915), Zürich 1918, S. 1.

[12] Mansholt, Malte: Zwischen Kriegsbegeisterung, Kriegsfurcht und Massenhysterie. Julikrise und Kriegsausbruch in der Hansestadt Bremen [Schriftliche Hausarbeit zur Prüfung für das Lehramt an Gymnasien], Oldenburg 2004, S. 2.

[13] Geinitz, Christian: Kriegsfurcht und Kampfesbereitschaft, S. 16.

[14] Geinitz, Christian: Kriegsfurcht und Kampfesbereitschaft, S. 18.

[15] Vgl. Geinitz, Christian: Kriegsfurcht und Kampfesbereitschaft, S. 15ff.

[16] Geinitz, Christian: Kriegsfurcht und Kampfesbereitschaft, S. 15f.

[17] Geinitz, Christian: Kriegsfurcht und Kampfesbereitschaft, S. 16.

[18] Mansholt, Malte: Zwischen Kriegsbegeisterung, Kriegsfurcht und Massenhysterie, S. 2.

[19] Mansholt, Malte: Zwischen Kriegsbegeisterung, Kriegsfurcht und Massenhysterie, S. 2.

[20] Vgl. Mansholt, Malte: Zwischen Kriegsbegeisterung, Kriegsfurcht und Massenhysterie, S. 2.

[21] Inzwischen ist mit dem bemerkenswerten Aufsatz „Die Vereinigte Staaten von Amerika: Widerwillige Teilnahme am Ersten Weltkrieg“ von Katja Wüstenbecker ein aktueller Beitrag zu der Aufarbeitung dieses Themas im Bereich der deutschsprachigen historiographischen Forschungsliteratur geleistet worden. Vgl. Wüstenbecker, Katja: Die Vereinigten Staaten von Amerika: widerwillige Teilnahme am Ersten Weltkrieg, in: Bauerkämper, Arnd (Hrsg.)/Julien, Elise (Hrsg.): Durchhalten! Krieg und Gesellschaft im Vergleich 1914-1918, Göttingen 2010, S. 217-237.

[22] Schramm, Martin: Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912-1919, Berlin 2007, S. 35.

[23] Schramm, Martin: Das Deutschlandbild in der britischen Presse, S. 35. Wenn es auch nicht gelingt, die öffentliche Meinung aus den Zeitungen abzulesen, so ist ein guter „Indikator für die Meinung der Bevölkerung [..] das Stattfinden von Kriegs- und Antikriegsdemonstrationen, sowie die Anzahl der Beteiligten.“ Vgl. Schramm, Martin: Das Deutschlandbild in der britischen Presse, S. 294.

[24] Vgl. Roethe, Gustav: Wir Deutschen und der Krieg [Rede am 3.9.1914], in: Zentralstelle für Volkswohlfahrt/Verein für volkstümliche Kurse von Berliner Hochschullehrern (Hrsg.): Deutsche Reden in schwerer Zeit gehalten von den Professoren an der Universität Berlin, Bd. 1, Berlin 1914, S. 18ff., Delbrück, Hans: Über den kriegerischen Charakter des deutschen Volkes [Rede am 11.9.1914], in: Zentralstelle für Volkswohlfahrt/Verein für volkstümliche Kurse von Berliner Hochschullehrern (Hrsg.): Deutsche Reden in schwerer Zeit gehalten von den Professoren an der Universität Berlin, Bd. 1, Berlin 1914, S. 70f., Rolffs, Ernst: Der Geist von 1914, in: Preußische Jahrbücher (PrJbb) 158, Heft 3, 1914, S. 383 u. 387, Plenge, Johann: Der Krieg und die Volkswirtschaft (Kriegsvorträge der Universität Münster) Münster 21915, S. 189, Plenge, Johann: 1789 und 1914. Die symbolischen Jahre in der Geschichte des politischen Geistes, Berlin 1916, S. 19 und S. 63, Sombart, Werner: Händler und Helden. Patriotische Besinnungen, München u. Leipzig, 1915, S. 53 und S. 117.

[25] Verhey, Jeffrey: Der „Geist von 1914“, S. 200.

[26] Magdeburgische Zeitung, 09.08.1914, Nr. 584 (Morgenausgabe), S.1: „Die erste Kriegswoche“; Bamberger Neueste Nachrichten, 27.07.1914, Nr. 172, S. 2: „Bewegte Tage“.

[27] Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft oder Volksstaat. Die „Ideen von 1914“ und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg, Berlin 2003, S. 71.

[28] Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft, S. 71.

[29] Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft, S. 140.

[30] Verhey, Jeffrey: Der „Geist von 1914“, S. 223.

[31] Plenge, Johann: Der Krieg und die Volkswirtschaft, S. 187f.

[32] Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft, S. 71.

[33] Kruse, Wolfgang: Die Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich, S. 82.

[34] MWG I/15, S. 660, zit. n. Mommsen, Wolfgang J.: Der Geist von 1914. Das Programm eines politischen „Sonderweges“ der Deutschen, in: Greive, Wolfgang (Hrsg.): Der Geist von 1914. Zerstörung des universalen Humanismus? Loccumer Protokolle 18/89, Loccum 1990, S. 13-30; hier S. 26.

[35] Verhey, Jeffrey: Der „Geist von 1914“, S. 212.

[36] Mommsen, Wolfgang J.: Der Geist von 1914, S. 25.

[37] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 32. Darüber hinaus: „Jede Fixierung [bei der Darstellung und Betrachtung des „Geistes von 1914“] auf 1914 ist historisch falsch und politisch gefährlich.

[38] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation. Kriegsbedeutung und Nationsbestimmung in Europa und den Vereinigten Staaten 1750-1914 (Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Bd. 25), München 2008, S. 813f.

[39] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 782 sowie S. 814.

[40] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 814.

[41] Krumreich, Gerd: Einkreisung. Zur Entstehung und Bedeutung eines politischen Schlagwortes, in: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht 20 (1989), S. 99-104; hier S. 101; ebenso: Raithel, Thomas: Das „Wunder“ der inneren Einheit. Studien zur deutschen und französischen Öffentlichkeit bei Beginn des Ersten Weltkrieges, Bonn 1996, S. 134.

[42] Krumreich, Gerd: Einkreisung, S. 101.; vgl.: Bernhardi, Friedrich von: Deutschland und der nächste Krieg, Stuttgart 1912, S. 15 und S. 56.

Aus der Annahme des „völkischen Kampfes ums Dasein“ leitet Bernhardi für „kräftige, gesunde und aufblühende Völker“ ein weitgehendes „Recht“ und „unter Umständen die sittliche und politische Pflicht“ zum Krieg ab.

[43] Raithel, Thomas: Das „Wunder“ der inneren Einheit, S. 134.

[44] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 797: „Wenn sich in den britischen Kriegsdeutungen zwischen den 1870er Jahren und 1914 eine Strömung besonders markant entwickelte, dann das sozialdarwinistische Paradigma der Auslese und des Existenzkampfes, in dem nur die stärkste Nation überleben könne.“

[45] Silbey, David: The British Working Class and Enthusiasm for War, 1914-1916 (Military History and Policy, Bd. 21), Oxfordshire 2005, S. 16.

[46] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 796f.

[47] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 789.

[48] Vgl. Hynes, Samuel Lynn: The Edward Turn of Mind, Princeton 1971, S. 53.

[49] Osborne, John Morton: The vuluntary recruiting movement in Britain, 1914-1916 (Modern British History, Bd. 5) New York u.a. 1982, S. 13; Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 817.

[50] Steinberg, Jonathan: Der Kopenhagen-Komplex, in: Laqueur, Walter (Hrsg.) / Mosse, George L. (Hrsg.): Kriegsausbruch 1914, München 1967, S. 31-59; hier S. 51.

[51] Osborne, John Morton: The vuluntary recruiting movement in Britain, S. 13f.

[52] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 789.

[53] Ram: Philosophy, S. 75, zit. n. Leonard: Bellizismus, S. 789.

[54] Bourne, John M.: Britain and the Great War 1914-1918, London 1989, S. 179.

[55] Bourne, John M.: Britain and the Great War, S. 179; Strachan, Hew: The First World War. Volume I, To Arms, New York 2001, S. 147.

[56] Strachan, Hew: The First World War, S. 147.

[57] Strachan, Hew: The First World War, S. 146.

[58] De Groot, Gerad J.: British society in the era of the Great War, London 1996, S. 38, zit. n. Strachan, Hew: The First World War, S. 146.

[59] Strachan, Hew: The First World War, S. 148. Noch radikaler beschrieb der französische Kriegsminister, Alexandre Millerand, im Jahre 1912 die eigentlichen Aufgaben der Jugendorganisationen: „You prepare their minds as well as their bodies with the patriotic duty to love France, to place it above all else, to be ready to sacrifice even their lives.“ Vgl.: Farrar, Marjorie Millbank: Principled pragmatist. The political career of Alexandre Millerand, New York 1991, S. 147, zit. n. Strachan, Hew: The First World War, S. 147.

[60] Bendick, Rainer: Kriegserwartung und Kriegserfahrung. Der Erste Weltkrieg in deutschen und französischen Schulgeschichtsbüchern (1900-1939/45), Herbolzheim 22003, S. 132 sowie S. 46: „In der Schule [...] wurde [...] am monarchisch-obrigkeitsstaatlichen Charakter des Deutschen Reiches und an dem Ideal des treuen Untertanen festgehalten.“

[61] Schmoller, Gustav: Die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands und die Flottenvorlage [Vortrag gehalten in Berlin, 28. November 1899], in: Schmoller, Gustav: Zwanzig Jahre deutscher Politik (1897-1917), Aufsätze und Vorträge, München/Leipzig 1920, S. 1-20; hier: S. 15f.

[62] Steinberg, Jonathan: Der Kopenhagen-Komplex, S. 33.

[63] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 783.

[64] Steinberg, Jonathan: Der Kopenhagen-Komplex, S. 34.

[65] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 781.

[66] Steinberg, Jonathan: Der Kopenhagen-Komplex, S. 31.

[67] Steinberg, Jonathan: Der Kopenhagen-Komplex, S. 51.

[68] Krumreich, Gerd: Einkreisung, S. 102.

[69] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 781.

[70] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 818.

[71] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 814.

[72] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 818.

[73] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 791 u. S. 813. Als meinungsprägend erwies sich beispielsweise in Großbritannien Kenelm Digby Cotes’ Reflexion über die Rolle des Empire in seiner intensiv rezipierten Schrift „Social and Imperial Life of Britain“ von 1900. Darin vertritt Cotes u.a. die These, dass Die kriegerische Leistung in einem direkten Verhältnis zur Reputation einer Nation stehe und daher im Kriegsfall alle verfügbaren Ressourcen mobilisiert werden müssten.

[74] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 808.

[75] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 808f.

[76] Roosevelt, Theodore: Washington’s forgotten Maxim. Adress as Assistant Secretary of the Navy, in: Ders. Ideals, S. 253f., zit. n. Leonard: Bellizismus, S. 805.

[77] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 812.

[78] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 741.

[79] Strachan, Hew: The First World War, S. 149.

[80] Strachan, Hew: The First World War, S. 149.

[81] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 792.

[82] Bourne, John M.: Britain and the Great War, S. 229.

[83] Raithel, Thomas: Das „Wunder“ der inneren Einheit, S. 137; Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 813.

[84] Hamburger Echo, 5.6.1914, S. 1: „Reaktionäre Demagogie“.

[85] Nachrichten für Stadt und Land, 26.07.1914, Nr. 201, S. 1: „Zwischen Krieg und Frieden“. Ebenso auch in der Ausgabe vom 25.07.1914, Nr. 200, S. 1: „Gewitterwolken über Europa“.

[86] Bendick, Rainer: Kriegserwartung, S. 96f.

[87] Fries, Helmut: Die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter, Bd. 2: Euphorie – Entsetzen – Widerspruch: Die Schriftsteller 1914-1918, Konstanz 1995, S. 77.

[88] Fries, Helmut: Die große Katharsis, S. 77.

[89] Fries, Helmut: Die große Katharsis, S. 79.

[90] Fries, Helmut: Die große Katharsis, S. 77.

[91] Fries, Helmut: Die große Katharsis, S. 79.

[92] Stickelberger-Eder, Margit: Das „Augustwunder“ in Dichtung und Rede. Analyse des Geistes von 1914 als ein Stück Aufklärung für heute, in: Greive, Wolfgang (Hrsg.): Der Geist von 1914. Zerstörung des universalen Humanismus? Loccumer Protokolle 18/89, Loccum 1990, S. 59-76; hier S. 63.

[93] Felken, Detlef: Oswald Spengler. Konservativer Denker zwischen Kaiserreich und Diktatur, München 1988, S. 71.

[94] Vgl. Ernst, Otto: Die Revolution der deutschen Seele [geschrieben im Oktober 1914], in: Ders.: Gewittersegen. Ein Kriegsbuch, Leipzig 1915, S. 82f.

[95] Mann, Thomas: Gedanken im Kriege. Essays, Bd. 2, hrsg. v. Hermann Kurzke, Frankfurt a.M. 1977, S. 27.

[96] Vgl. Ernst, Otto: Die Revolution der deutschen Seele, S. 105f.

[97] Hierzu schreibt Verhey: „Lebensphilosophen wie Wilhelm Dilthey und Georg Simmel kritisierten den mit dem technischen Fortschritt einhergehenden Verfall des geistigen Lebens. Ferdinand Tönnies und andere Soziologen konstatierten, die moderne Gesellschaft entfremde die Menschen einander, Gruppen würden in der modernen Welt nicht von einem echten Band der Brüderlichkeit zusammengehalten, sondern von künstlichen Konventionen und Verträgen, ja die moderne Gesellschaft erzeuge atomisierte, zu wahrer Gemeinschaft unfähige Individuen.“ vgl. Verhey, Jeffrey: Der „Geist von 1914“, S. 213.

[98] Fries, Helmut: Die große Katharsis, S. 78.

[99] Verhey, Jeffrey: Der „Geist von 1914“, S. 212; Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 779.

[100] Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, Wien 1918.

[101] Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft, S. 66.

[102] Bourne, John M.: Britain and the Great War, S. 229f.

[103] Bourne, John M.: Britain and the Great War, S. 229f.

[104] Siehe u.a. Spurgeon, Caroline: The Privilege of Living in War-Time: An Inaugural Address to King’s College for Women, London 1914, S. 10f.; Marwick, Arthur: The Deluge. British Society and the First World War, London 1979, S. 27; Osborne, John Morton: The vuluntary recruiting movement in Britain, S. 81.

[105] Bendick, Rainer: Kriegserwartung, S. 95 u. S. 101. Ebenso: Kruse, Wolfgang: Die Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich, S. 84: „Die bislang kritisierten „Zersetzungserscheinungen“ der deutschen Gesellschaft wurden nun ausschließlich einer als minderwertig abqualifizierten westlichen Zivilisation zugesprochen.“

[106] Bendick, Rainer: Kriegserwartung, S. 94f.

[107] Kruse, Wolfgang: Die Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich, S. 84: „Dem westlichen, individualistisch-demokratischen Freiheitsbegriff wurde „ die Idee“ einer spezifisch deutschen, volksgemeinschaftlichen eingebundenen Freiheit, die Idee vom „deutschen Wesen“ entgegengestellt.“

[108] Plenge, Johann: Der Krieg und die Volkswirtschaft, S. 189f.

[109] Plenge, Johann: Der Krieg und die Volkswirtschaft, S. 173; Kruse, Wolfgang: Die Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich, S. 84.

[110] Mommsen, Wolfgang J.: Der Geist von 1914, S. 23f.

[111] Mommsen, Wolfgang J.: Der Geist von 1914, S. 19f.

[112] Vgl. Sombart, Werner: Händler und Helden, S. 92.

[113] Mommsen, Wolfgang J.: Der Geist von 1914, S. 23f.

[114] Plenge, Johann: Der Krieg und die Volkswirtschaft, S. 202.

[115] Mommsen, Wolfgang J.: Der Geist von 1914, S. 22.

[116] Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft, S. 140.

[117] Vgl. Plenge, Johann: Der Krieg und die Volkswirtschaft, S. 192f. sowie: Bendick, Rainer: Kriegserwartung, S. 94.

[118] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 40.

[119] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 39.

[120] In diesem Zusammenhang sind neben der Auflösung der überkommenen sozialen Bindungen, insbesondere der Stände, vor allem die Entstehung eines sozial ungebundenen Proletariats, die zunehmende Entkirchlichung, die soziale Frage und die wachsende Kluft zwischen sozialen Glücksverheißungen un dem sich realiter verschärfenden „Kampf ums Dasein“ zu nennen.

[121] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 39 u. S. 42.

[122] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 39f.

[123] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 762.

[124] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 762.

[125] Für Deutschland siehe: Ullrich, Volker: Vom Augusterlebnis zur Novemberrevolution, Beiträge zur Sozialgeschichte Hamburgs und Norddeutschlands im Ersten Weltkrieg 1914-1918, Bremen 1999, S. 18; für Großbritannien vgl. Stevenson, David: 1914-1918. Der Erste Weltkrieg, aus dem Engl. von Harald Ehrhardt und Ursula Vones-Liebenstein, Düsseldorf 2006, S. 325 u. Schramm, Martin: Das Deutschlandbild in der britischen Presse, S. 268; für Frankreich: Bernecker, Walther L.: Europa zwischen den Weltkriegen 1914-1945 (Handbuch der Geschichte Europas, Bd. 9), Stuttgart 2002, S. 145; für Österreich-Ungarn: Stevenson, David: 1914-1918. Der Erste Weltkrieg, S. 341; für die Vereinigten Staaten: Seymour, Charles: American neutrality 1914-1917. Essays on the causes of american intervention in the world war, Yale 1967, S. 165ff.

[126] Stevenson, David: 1914-1918. Der Erste Weltkrieg, S. 328.

[127] Bernecker, Walther L.: Europa zwischen den Weltkriegen, S. 165.

[128] Coetzee, Frans (Hrsg.) / Shevin-Coetzee, Marilyn (Hrsg.): World War I. A history in documents, New York 2002, S. 39.

[129] Schramm, Martin: Das Deutschlandbild in der britischen Presse, S. 268; Stevenson, David: 1914-1918. Der Erste Weltkrieg, S. 325.

[130] Stevenson, David: 1914-1918. Der Erste Weltkrieg, S. 331.

[131] Ansprache von Lloyd George vom 19.9.1914 in der Queen's Hall London, zit. n: Pugh, Martin: Lloyd George, London 1988, S. 79.

[132] Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, 3., überarb. u. erw. Aufl., Tübingen und Basel 2003, S. 265.

[133] Marwick, Arthur: The Deluge, S. 38.

[134] zit. n. Peel, C.S.: How We Lived Then. A Sketch of Social and Domestic Life in England During the War, London 1929, S. 27.

[135] Stevenson, David: 1914-1918. Der Erste Weltkrieg, S. 332.

[136] Fiedler, Gudrun: Jugendbewegung 1914. Die große Fahrt in den Krieg, in: Greive, Wolfgang (Hrsg.): Der Geist von 1914. Zerstörung des universalen Humanismus? Loccumer Protokolle 18/89, Loccum 1990, S. 143- 150, hier: S. 145.

[137] Geiger, Ludwig: „Der Krieg und die Juden“, in: Allgemeine Zeitung des Judentums, 21.08.1914: S. 1-2, hier: S. 2.

[138] Schramm, Martin: Das Deutschlandbild in der britischen Presse, S. 268.

[139] Vgl. South Wales Daily News, 3.8.1914, S. 4; Evening News, 25.7.1914, S. 4; Westminster Gazette, 31.7.1914, S. 1; Evening Press, 31.7.1914, S. 2; Irish Independent, 31..1914, S. 4; The Scotsman, 31.7.1914, S. 6; Daily Mail, 31.7.1914, S. 4; Telegraph, 1.8.1914, S. 8; The Mirror, 4.8.1914, S. 7. Siehe außderdem: The Observer, 26.7.1914, S. 10: „The government must be supported by the nation as one man.“

[140] Hart, Albert Bushnell (Hrsg.): Selected Addresses and Public Papers of Woodrow Wilson, New York 1918, S. 187.

[141] Vgl. Stickelberger-Eder, Margit: Das „Augustwunder“ in Dichtung und Rede, S. 66.

[142] Osborne, John Morton: The vuluntary recruiting movement in Britain, S. 14.

[143] The Anvil of War. Letters from F.S. Oliver to his brother, hrsg. v. S. Gwynn, London 1936, S. 30 (12. August).

[144] In den Vereinigten Staaten hatte man bereits im Rahmen des Krieges gegen Spanien ähnliche Erfahrungen gesammelt. Vgl. McKinley, William: Second Annual Message, 5. Dezember 1898, in: Israel (Hrsg.): State, Bd. 2, S. 1882: „Military service under a common flag and for a righteous cause has strengthened the national spirit and served to cement more closely than ever the fraternal bonds between every section of the country.“ Zit. n. Leonard: Bellizismus, S. 807.

[145] Im Rahmen der Kriegsrezeption wurden die ersten sechs Monate des Krieges in Großbritannien rückblickend vielfach beschrieben als „a time of peace in the labour world such as had never existed before and has not existed since.“ Vgl. Histroy of the Ministry of Munitions, 1920-4, vol. 1, pt. 2, S. 31, zit. n. Waites, Bernard: A Class Society at War. England 1914-1918, Leamington Spa u.a. 1987, S. 186.

[146] Echoes of the Great War. The Diary of the Reverend Andrew Clark 1914-1919, hrsg. u. eingel. v. James Munson, Oxford 1985, S. 10f.

[147] Gebele, Hubert: Die Probleme von Krieg und Frieden in Großbritannien während des Ersten Weltkriegs. Regierung, Parteien und Öffentliche Meinung in der Auseinandersetzung über Kriegs- und Friedensziele (Erlanger Historische Studien, Bd. 12), Frankfurt a.M. 1987, S. 46.

[148] Stevenson, David: 1914-1918. Der Erste Weltkrieg, S. 342; Caedel, Martin: Pacifism in Britain 1914-1945. The Defining of a Faith, Oxford 1980, S. 34.

[149] Mommsen, Wolfgang J.: Der Erste Weltkrieg. Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters, Frankfurt a.M. 2004, S. 40.

[150] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 45.

[151] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 45.

[152] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 48.

[153] Gebele, Hubert: Die Probleme von Krieg und Frieden in Großbritannien, S. 48.

[154] Wolverhampton Express and Star, 10. August 1914, zit. n. Bourne, John M.: Britain and the Great War, S. 229.

[155] Gebele, Hubert: Die Probleme von Krieg und Frieden in Großbritannien, S. 48.

[156] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 785.

[157] Coetzee, Frans (Hrsg.) / Shevin-Coetzee, Marilyn (Hrsg.): World War I. A history in documents, S. 39.

[158] Siehe . u.a. Joh., Kap. 15, Vers. 13: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“

[159] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 46; Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 785; Mommsen, Wolfgang J.: Der Erste Weltkrieg, S. 40.

[160] Vgl. Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 47: „Gerade protestantische Intellektuelle [haben] den Krieg als eine Erlösung aus Zivilisationskälte, Sinnleere, Entfremdung und Verinsamung des Einzelnen in der Massengesellschaft erfahren.“

[161] Bourne, John M.: Britain and the Great War, S. 231.

[162] Bourne, John M.: Britain and the Great War, S. 227.

[163] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 785.

[164] Jordan, David Star: Imperial Democracy. A Study in the Relation of Government by the People, New York 1899, zit. n. Leonard: Bellizismus, S. 807.

[165] Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 785.

[166] Gebele, Hubert: Die Probleme von Krieg und Frieden in Großbritannien, S. 48; Steinberg, Jonathan: Der Kopenhagen-Komplex, S. 35; Bourne, John M.: Britain and the Great War, S. 227 u. S. 230; Leonhard, Jörn: Bellizismus und Nation, S. 785.

[167] Fries, Helmut: Die große Katharsis, S. 74.

[168] Fries, Helmut: Die große Katharsis, S. 74.

[169] Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft, S. 32.

[170] Geinitz, Christian: Kriegsfurcht und Kampfesbereitschaft. Das Augusterlebnis in Freiburg. Eine Studie zum Kriegsbeginn 1914 (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte – Neue Folge, Bd. 7), Essen 1998, S. 412.

[171] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 45.

[172] Fries, Helmut: Die große Katharsis, S. 82.

[173] Blei, Franz: Aus dieser Zeit, in: Die Neue Rundschau 25, 1914, Bd. 2, S. 1421.

[174] Graf, Friedrich Wilhelm: Der Geist von 1914, S. 43.

[175] Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft, S. 32.

[176] Bourne, John M.: Britain and the Great War, S. 225.

[177] Stickelberger-Eder, Margit: Das „Augustwunder“ in Dichtung und Rede, S. 65. Der Vergleich mit Großbritannien ist bemerkenswert, denn hier entstanden während des gesamten Krieges „lediglich“ etwa 2.225 Kriegsgedichte. Vgl. Bourne, John M.: Britain and the Great War, S. 226.

[178] Bendick, Rainer: Kriegserwartung, S. 96.

[179] Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft, S. 65.

[180] Böhme, Klaus (Hrsg.): Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1975, S. 93.

[181] zit. n. Koester, Eckart: Literatur und Weltkriegsideologie. Positionen und Begründungszusammenhänge des publizistischen Engagements deutscher Schriftsteller im Ersten Weltkrieg (Theorie, Kritik, Geschichte 15), Kronberg/Taunus 1977, S. 198.

[182] Böhme, Klaus (Hrsg.): Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1975, S. 70.

[183] Stickelberger-Eder, Margit: Das „Augustwunder“ in Dichtung und Rede, S. 63.

[184] Böhme, Klaus (Hrsg.): Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg, S. 70.

[185] Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft, S. 67.

[186] Kruse, Wolfgang: Die Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich, S. 85.

[187] Meinecke, Friedrich: Geschichte und öffentliches Leben, in: Ernst Jäckh (Hrsg.): Der große Krieg als Erlebnis und Erfahrung, Bd. 1, Gotha 1916, S. 18-26, hier: S. 18.

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
"Das ganze Volk ist ein einziger Wille, ein einziges Herz" – Der „Geist von 1914“ im internationalen Vergleich
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Geschichte)
Note
sehr gut (1,0)
Autor
Jahr
2010
Seiten
127
Katalognummer
V159676
ISBN (eBook)
9783640735082
ISBN (Buch)
9783640735174
Dateigröße
992 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Geschichtstheorie
Schlagworte
Volk, Wille, Herz, Vergleich
Arbeit zitieren
Sascha Henkens (Autor), 2010, "Das ganze Volk ist ein einziger Wille, ein einziges Herz" – Der „Geist von 1914“ im internationalen Vergleich , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159676

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