Der Begriff der Macht in Hannah Arendts Theorie des politischen Handelns


Hausarbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die „Vita activa“ und der Begriff des Handelns
2.1. Phanomenologie der praktischen Tatigkeiten
2.2. Der Begriff des Handelns
2.2.1. Abgrenzung nach Grad der Erscheinung und Gemeinschaftlichkeit
2.2.2. Natalitat

3. Die Macht des Handelns
3.1. Unterscheidung von Macht, Starke, Kraft und Gewalt
3.2. Pluralitat - Das Wer im Wir
3.3. Der Erscheinungsraum als Ort der Macht
3.4. Macht und Freiheit

4. SchluB

5. Literaturverzeichni

1. Einleitung

„Der Sinn von Politik ist Freiheit‘a - diese Aussage durchzieht die politische Theorie der deutsch-judischen Philosophin Hannah Arendt wie ein roter Faden. Als Zeitzeugin und Opfer der Unmenschlichkeit und Gewalt des Zeitalters des Totalitarismus war es ihr ein groBes Anliegen, das Politische begrifflich neu zu fassen und damit eine Perspektive fur einen Neubeginn nach den traumatischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts aufzuzeigen. Die Moglichkeit eines Neuanfangs ist nach Arendt jedem Menschen durch seine Geburt gegeben. Diese Moglichkeit kann sich nun immer dort realisieren, wo eine Gruppe in gegenseitigem Einverstandnis miteinander politisch handelt. Ihre eigentumliche Theorie des politischen Handelns verfolgt damit den Anspruch, nach einer Periode der Unterdruckung und Gewalt der Politik wieder zu ihrem eigentlichen Sinn - der Freiheit - zu verhelfen. In ihrem Denken ist dabei der Begriff der Macht zentral fur ihr Verstandnis politischen Handelns. Sie wird als notwendige Bedingung mit eingeschlossen.

In der folgenden Arbeit soll die Bedeutung der Macht mit ihrer stiftenden und stabilisierenden Funktion fur den offentlichen Raum aus Arendts Theorie des politischen Handelns herausgearbeitet werden.

Da jedoch der Begriff der Macht in ihrem Werk nicht systematisch vorliegt, soll zunachst auf die Hauptthemen ihrer politischen Theorie eingegangen werden. Die sich daraus ergebende Darstellung wird dann die systematische Verflechtung der Macht mit den grundliegenden Elementen - Handeln, Pluralitat, Erscheinungsraum, Gewalt und Freiheit - ihrer Philosophie aufzeigen. Das kollektive Handeln der Menschen in der Welt bildet dabei den Ansatzpunkt ihrer politischen Philosophie und den Kontext, in dem der Machtbegriff eingebettet liegt. Durch definitorische Abgrenzung von verwandten Begriffen soll ein erstes Bild der Macht bei Arendt herausgearbeitet werden. Dadurch wird der Blick freigemacht auf die Bedeutung der Macht als Bedingung und Stabilitatsfaktor fur einen offentlichen Raum, in dem die Mitglieder eines Gemeinwesens ihre offentlichen Angelegenheiten in einem partizipativen und kommunikativen Prozess regeln konnen. Denn nur so kann in Hannah Arendts Verstandnis Freiheit in Bezug auf das Politische verstanden werden.1

2. Die „Vita activa“ und der Begriff des Handelns

In Hannah Arendts politischer Theorie besteht eine systematische Verbindung zwischen Macht und Handeln, so hangt die Bestimmung der Macht vom Handeln ab und umgekehrt. „Macht“ lasst sich nicht einfach dem Handeln unterordnen, vielmehr geht sie aus diesem hervor. Die Darstellung des Machtbegriffs muss deshalb aus der Klarung des Handelnsbegriffs erwachsen. Das Handeln stellt fur Hannah Arendt eine der drei Grundtatigkeiten des Menschen dar.

2.1. Phanomenologie der praktischen Tatigkeiten

Arendt unterscheidet in ihrer „Phanomenologie der praktischen Tatigkeiten”2 - der „Vita activa“ - zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln, als den drei fundamentalen Grundtatigkeiten des menschlichen Lebens auf der Erde. Mit ihrem Entwurf der „Vita activa“ folgt sie der Tradition eines Begriffs, die bis in die Anfange der griechischen Philosophie zuruckreicht.3 Ihr Neuentwurf stellt dabei den Versuch dar, dem Handeln eine Vorrangstellung unter den menschlichen Tatigkeiten einzuraumen. Sie wendet sich damit gegen eine seit der Neuzeit ansetzenden Glorifizierung der Arbeit.4 Bevor das Handeln als die eigentliche politische Tatigkeit bestimmt werden kann, sollen zunachst die beiden anderen Tatigkeiten uberblicksartig abgehandelt werden.

Das Herstellen zeichnet sich gegenuber den anderen menschlichen Tatigkeiten insbesondere dadurch aus, dass es „einen definitiven Anfang und ein definitives, voraussagbares Ende“5 hat. Das Ergebnis und den Abschluss des Herstellungsprozesses stellt das Werk dar; ein alltaglicher Gebrauchsgegenstand oder auch ein Kunstwerk. Die Grundbedingung, unter der die Tatigkeit des Herstellens steht, ist die Weltlichkeit, die Tatsache, dass der Mensch auf Objektivitat und Gegenstandlichkeit angewiesen ist.6 Das „von Natur aus in der Natur heimatlos[e]“7 Individuum schafft sich so durch das Herstellen eine kunstliche „Dingwelt“ 8 die dem fluchtigen Dasein bis zu einem gewissen Grad Bestand und Dauer entgegensetzt und ihm so Heimat bieten kann.9 Der herstellende Mensch - der homo faber - macht sich, indem er das von der Natur „vorgegebene Material bearbeitet“10, diese untertan und ist Herr seines eigenen Tuns und Lassens11. Es steht ihm frei, welches Werk er hervorbringen will, so wie es ihm auch freisteht, dieses wieder zu zerstoren. Herstellen ist im Unterschied zum Handeln nicht unwiderruflich.12 Der Prozess des Herstellens wird vollkommen vom Zweck-Mittel-Verhaltnis beherrscht, wodurch die Tatigkeit ihren Sinn nur bezogen auf das herzustellende Werk erhalt.13

Im Gegensatz zum Herstellen hinterlasst die Arbeit kein Werk in diesem Sinne. Das Arbeiten, die Tatigkeit, die an die Grundbedingung des Lebens selbst geknupft ist, dient lediglich der Aufrechterhaltung des naturlichen Lebensprozesses. Durch sie werden mit Hilfe der Korperkraft Dinge bereitgestellt, „um sie als die Lebensnotwendigkeiten dem lebendigen Organismus zuzufuhren“14. Die so erzeugten Produkte sind nicht von Dauer, vielmehr sind sie dem ewigen Kreislauf des Erzeugens und Konsumierens unterworfen. Da die Arbeitstatigkeit an die zyklischen Naturprozesse gebunden ist wiederholt sie sich ebenso permanent; sie „hat weder Anfang noch Ende“15. Arbeit erschopft sich jedoch noch nicht im Bereitstellen der zum Uberleben notwendigen Nahrungsmittel, sondern kann Arbeit - im Anschluss an Seyla Benhabib - als „eine Tatigkeit, die darauf ausgerichtet ist, die standige Sorge um den Korper und um die Umgebung, in der sich der Korper befindet“,16 definiert werden. Hannah Arendt betont die Verachtung der griechischen Autoren gegenuber korperlicher Arbeit, „weil sie durch die Notdurft des Korpers erzwungen ist“.17

2.2. Der Begriff des Handelns

Fur Hannah Arendt bedeutet „handeln primar miteinander kommunizieren und miteinander etwas unternehmen.“18 Zunachst fallt auf, dass Arendt den Begriff des Handelns synonym mit dem Begriffspaar „Sprechen und Handeln“19 verwendet. Das Sprechen gehort nicht nur beilaufig sondern wesentlich zum Begriff des Handelns. „[W]ortloses Handeln gibt es strenggenommen uberhaupt nicht, weil es ein Handeln ohne Handelnden ware.“20 Die sprachliche Artikulation ist eine notwendige Bedingung dafur, dass etwas als politisch uberhaupt erst in Erscheinung tritt. Damit „stellt die Minimalbedingung der Sprachlichkeit gleichzeitig die Grenze zwischen Handeln und Macht sowie Macht und Gewalt dar“.21 Auf den Unterschied zwischen Macht und Gewalt wird im Gliederungspunkt 3.1. noch naher eingegangen. Die Einzigartigkeit des Handelns innerhalb der „Vita activa“ zeigt sich insbesondere auch daran, dass „kein Mensch [...] des Sprechens und Handelns ganz und gar entraten“22 kann.

Zur naheren Bestimmung des Handelns soll dieses zunachst von den beiden anderen Grundtatigkeiten des menschlichen Lebens abgegrenzt werden. Diese Abgrenzung erfolgt mit Hilfe zweier Kriterien: dem Erscheinungsgrad und dem Gemeinschaftsgrad der Tatigkeit. Gemeint ist die Moglichkeit des Erscheinens und die dementsprechende Abhangigkeit moglicher Wahrnehmender. Dabei soll Gemeinschaftlichkeit die An- oder Abwesenheit anderer Menschen bei einer bestimmten Tatigkeit heiBen.23 Nach Hannah Arendt erhalt nur das Erscheinende wahrhafte Wirklichkeit. Denn „daB etwas erscheint und von anderen genau wie von uns selbst als solches wahrgenommen werden kann, bedeutet innerhalb der Menschenwelt, daB ihm Wirklichkeit zukommt.“24 Gesehen- und Gehortwerden bilden dabei den Rahmen des menschlichen Erscheinens.

2.2.1. Abgrenzung nach Grad der Erscheinung und Gemeinschaftlichkeit

Im Hinblick auf den Erscheinungsgrad erhalt das Handeln, aufgrund der Ubereinstimmung zwischen Tatigkeit und Erscheinung, eine Vorrangstellung. Mehr noch erhalt doch das Handeln seinen Sinn nur als Gehort- und Gesehenwerden durch andere Anwesende. Das „Arbeiten und Herstellen [findet] dagegen im verborgenen, menschenarmen Raum privater Haushalte bzw. in der grenzenlosen Verlassenheit moderner Massengesellschaften“25 statt. Das Arbeiten erscheint nur insofern als Tatigkeit, als dass es sich als reiner Prozess enthullt.

[...]


1 Arendt, Hannah, Denken ohne Gelander. Texte und Briefe, Bonn 2006, S. 79.

2 Arendt, H., Denken ohne Gelander 2006, S. 85.

3 Folgende Ausfuhrungen weitgehend nach: Arendt, Hannah, Vita activa oder vom tatigen Leben, Munchen 2008, S. 22 - 27.

4 Vgl. ebd. S. 103.

5 Ebd. S. 169.

6 Vgl. ebd. S. 16.

7 Ebd. S. 16.

8 Ebd. S. 16.

9 Vgl. Arendt, H., Vita activa, 2008, S. 161.

10 Ebd. S. 161.

11 Vgl. ebd. S. 170.

12 Vgl. ebd. S. 170.

13 Vgl. ebd. S. 168.

14 Ebd. S. 16.

15 Ebd. S. 170.

16 Benhabib, Seyla, Hannah Arendt. Die melancholische Denkerin der Moderne, Frankfurt am Main 2006, S. 177.

17 Ebd. S. 101.

18 Schonherr-Mann, Hans-Martin, Hannah Arendt. Wahrheit, Macht, Moral, Munchen 2006, S.119.

19 Ebd. S. 217.

20 Arendt, H., Vita activa, 2008, S. 218.

21 Penta, Leo Joseph, Macht und Kommunikation. Eine Studie zum Machtbegriff Hannah Arendts, Berlin 1985, S. 29.

22 Arendt, H., Vita active, 2008, S. 214.

23 Vgl.: Penta, L. J., Macht und Kommunikation, 1985, S. 23-24.

24 Arendt, H., Vita activa, 2008, S. 62.

25 Wild, Thomas, Hannah Arendt. Leben Werk Wirkung, Frankfurt am Main 2006, S. 85.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Macht in Hannah Arendts Theorie des politischen Handelns
Hochschule
Universität Regensburg  (Instituti für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Politische Philosophie
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V159770
ISBN (eBook)
9783640761593
ISBN (Buch)
9783640761715
Dateigröße
1003 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arendt, Politische Theorie, Macht, Hannah Arendt, Politische Philosophie, Handeln, Power, handlungstheorie, öffentlichkeit, erscheinung, vita activa
Arbeit zitieren
Dominik Christof (Autor), 2010, Der Begriff der Macht in Hannah Arendts Theorie des politischen Handelns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159770

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