Melancholiekonzepte der spanischen Renaissance

Die Liebeskrankheit in Fernando de Rojas "Celestina"


Hausarbeit, 2004

17 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Die Melancholie als medizinisch-naturwissenschaftliches Phänomen der Antike
2.1. Das System der Viersäftelehre
2.2.Die Sonderstellung des Melancholikers in dem Modell der Viersäftelehre
2.3. Schizophrenie der Medizin

3. amor hereos
3.1. Der Terminus amor hereos
3.2. Geschichte von amor hereos
3.3. amor hereos am Beispiel Celestina

4.Schlussteil

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Im heutigen Alltagsgebrauch benutzen wir die Wörter „Liebeskummer“ oder „Melancholie“ als gängige Begriffe, obwohl es in der Geschichte der Menschheit kaum jemand geschafft hat, diese Begriffe hinreichend zu definieren. Jeder kennt jemanden, den er als „Melancholiker“ bezeichnet oder der „liebeskrank“ ist, doch die Wenigsten sind sich der Gewichtigkeit der Worte im Klaren.

Wie definiert man diese Begriffe? Und was für eine Geschichte haben sie erfahren? „Über die Melancholie zu reden heißt, den Untersuchungsgegenstand fortwährend einzukreisen und zu umkreisen. Wollte man ihn dabei präzise erfassen, sieht man sich schnell und stets an einen Punkt gelangen, der an die Struktur bestimmter Rätsel erinnert: Melancholie.“[1] Um eine Definition wird es also nicht gehen, obwohl dies eine zentrale Fragestellung dieser Hausarbeit ist. Vielmehr zeige ich die Bedeutung dieses Begriffes in der Geschichte des Menschen und den ambivalenten Charakter, den er durch die Wissenschaft und den Menschen selbst erfahren hat.

Die Wissenschaft hat einen wesentlichen Teil zu dieser Ambivalenz beigetragen. Einst wurde die Melancholie im Griechischen nach „melas chole“, der schwarzen Galle benannt und war eine Komponente der antiken Viersäftelehre von Hippokrates. Die Melancholie galt zunächst als Krankheit, erfuhr dann eine Art Rehabilitation durch Aristoteles, der in seinem Werk Problem XXX die Melancholie mit dem Geniekult in Verbindung brachte, wohingegen die Melancholie im Mittelalter unter dem Namen „acedia“ in den Katalog der Todsünden aufgenommen wurde. Eventuell ist eine weitere Spielart der Melancholie die Liebeskrankheit, auch unter „amor hereos“ bekannt, die einen grossen Teil meiner Hausarbeit umfassen wird.

Schliessen werde ich diese Hausarbeit mit der Ausarbeitung eines Dialoges zwischen Melibea und Celestina, zweier Protagonisten des Werkes „La Celestina“.

2. Die Melancholie als medizinisch-naturwissenschaftliches Phänomen der Antike

2.1. Das System der Viersäftelehre

Um den Ursprung der Melancholie darzustellen, beginne ich mit Hippokrates und seinem System der Viersaftlehre. Fast alle wissenschaftlichen Modelle der griechischen Antike weisen Analogien mit den antiken Elementen, den Gestirnen oder den Jahreszeiten auf. Ebenso auch das Modell der Viersäftelehre von Hippokrates aus dem der Begriff der Melancholie entsprang. Auch er suchte wohl nach einem Modell, dass den folgenden Kriterien entsprach, nach dem die Griechen in der damaligen Zeit ihr Weltbild ausrichteten:

1.Die Suche nach einheitlichen Ur-Elementen oder Ur-Qualitäten auf die die komplexe und scheinbar irrationale Struktur des Makrokosmos wie des Mikrokosmos eindeutig zurückgeführt werden könnte.
2.Das Bedürfnis, für eben diese komplexe Struktur des körperlichen und seelischen Daseins einen zahlenmäßigen Ausdruck zu finden.
3.Die Lehre von der Harmonie, Symmetrie, Isonomie, oder wie immer man jene Wohlabgestimmtheit der Teile, Stoffe oder Kräfte ausgedrückt hat, in der das griechische Denken bis zu Plotin die Vorbedingung jedes ethischen, ästhetischen und hygienischen Wertes sah.[2]

Hippokrates hat ein Modell entworfen, was den theoretischen Überbau des Menschen erklärt und gleichzeitig eng mit der damals gültigen Weltanschauung der Griechen verbunden ist. Er hat jedem der 4 antiken Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft je einen der Körpersäfte schwarze Galle, gelbe Galle, Blut und Phlegma zugeordnet. Ihm zufolge bestimmten diese Säfte nicht nur das Wohlbefinden eines Menschen, sondern auch die Beschaffenheit seines Charakters. Den vier Körpersäften wurden die vier Eigenschaften sanguinisch, phlegmatisch, cholerisch und melancholisch beigeordnet. Neben den Parallelen zwischen den Körpersäften, den Elementen und der Beschaffenheit des Körpers gab es auch Verbindungen zwischen den Säften und den Jahreszeiten:

„Diese vier Säfte sind immer im menschlichen Körper vorhanden und machen seine Natur aus; aber je nach der Jahreszeit hat bald dieser, bald jener die Oberhand – die schwarze Galle zum Beispiel im Herbst, während ihr der Winter unlieb und der Frühling feindlich ist, so dass die vom Herbst gebrachten Leiden vom Frühling gelindert werden.“[3] Auf diese Art fand die Lehre in der chaotischen Struktur des Makro- und des Mikrokosmos ihren Platz.

Durch die Phytagoräer fand die Lehre in der Zahl Vier ihren Ausdruck. Sie verehrten diese Zahl wegen ihrer Vollkommenheit und fanden diese Zahl überall in ihrer Umwelt. „Selbst die Seele betrachteten sie später als Vierheit, die Geist, Verstand, Meinung und Wahrnehmung[…]umfasste.“[4] Durch ihre tetraedischen[5] Zuordnungen schafften sie ein Gerüst, in dem sich die Idee der Humoralpathologie ohne Probleme einfügen konnte. „Vor allem sind sie es gewesen, die die Gesundheit als Ausgewogenheit verschiedener Qualitäten, die Krankheit als die Vorherrschaft einer einzigen definiert haben[…]“.[6] Dies ist auch einer der wesentlichen Gedanken der Humoralpathologie.

Befinden sich diese Säfte in Harmonie und im gleichen Mischungsverhältnis zueinander (Eukrasie), so ist der Körper gesund und der Mensch im Wohlbefinden weil sich die schädigende Wirkung der Säfte gegenseitig neutralisierte. Wenn aber einer der Säfte vorherrscht, so befindet sich der Körper im Ungleichgewicht (Dyskrasie).[7] Und dieses Ungleichgewicht ruft Krankheiten hervor. Je nachdem welcher dieser >humores< vorherrscht, wird der Körper von verschiedenen Krankheiten heimgesucht. „Der theoriegeschichtlich Letztgeborene dieser >humores< ist nach dem Blut, der gelben Galle und dem Schleim die >melaina chole<, die trockene und schwarze Galle, deren Übermaß nach den Lehren der Humoralpathologie eine Fülle körperlicher und geistiger Störungen im Gefolge hat, die nach ihrem Auslöser unter dem Begriff der Melancholie zusammengefasst werden.“[8] Neben dem Melancholiker gab es noch weitere Temperamentstypen, die durch die Körpersäfte bedingt waren:

Der Sanguiniker, der durch das Vorherrschen des Blutes bestimmt war, ist ein lebensfroher, freundlicher Mensch, während der Phlegmatiker als eher schwerfällig und langsam galt. Der Choleriker war eine eher heftige und leidenschaftliche Natur. Der Melancholiker hingegen wurde als ein Mensch gesehen, der immer von chronischem Weltschmerz geplagt sein Leben bestreitet und oft sogar als todessehnsüchtig angesehen wurde.[9]

2.2.Die Sonderstellung des Melancholikers in dem Modell der Viersäftelehre

Die Definition und die Stellung des Melancholikers in diesem System der Temperamentenlehre werden in der Literatur heftig debattiert. Die Streitpunkte kann man im Wesentlichen in wenigen Punkten zusammenfassen:

Wie schon erwähnt, bezieht sich das Temperament des Cholerikers auf die gelbe Galle, das des Sanguinikers auf das Blut und das Temperament des Phlegmatikers auf das Phlegma. (s.o.) Diese Wesenstypen berufen sich auf konkrete Beispiele, dessen Nachweis keiner Interpretation bedarf „Während die ersten drei Säfte mit ihren Qualitäten erfahrbar waren, erscheint die schwarze Galle, die meláina cholé, als fiktive Substanz. Ihr Dasein beruht auf einer Interpretation der Beobachtung, dass Kranke bisweilen schwarze Ausscheidungen (Kot, Urin, Erbrochenes) haben.“[10] Würde man demnach auf der medizinischen Ebene argumentieren, könnte man sagen, dass der Temperamentstyp des Melancholikers keine legitime Daseinsberechtigung besitzt, weil dessen Existenz unzureichend durch Beweise gesichert ist.

[...]


[1] Friedrich, Volker: Melancholie als Haltung, Berlin 1991, S. 15f

[2] Klibansky, Raymond/ Panofsky, Erwin/ Saxl, Fritz : Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst, Frankfurt am Main 1990, S.40

[3] Ebd. S. 47

[4] Ebd. S. 41

[5] Anm..: Tetrade die ;-,-n: die Vierheit; das aus vier Einheiten bestehende Ganze (Philos.), aus: Wissenschaftlicher Rat der Dudenreaktion: Droskowski, Günther /Grebe , Paul/ Köster, Rudolf: Der große Duden. Fremdwörterbuch, Mannheim 1974, S. 723

[6] Klibansky, Panowsky, Saxl, a.a.O., S. 41

[7] Vgl. Horstmann, Ulrich: Der lange Schatten der Melancholie. Versuch über ein angeschwärztes Gefühl, Essen 1985, S.14

[8] Ebd. S. 14

[9] Vgl. Friedrich, Volker: Melancholie als Haltung, S. 14

[10] Stemmler, Theo ( hrsg): Liebe als Krankheit. Vorträge eines interdisziplinären Kolloquiums, Tübingen 1990, S. 42

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Details

Titel
Melancholiekonzepte der spanischen Renaissance
Untertitel
Die Liebeskrankheit in Fernando de Rojas "Celestina"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V159803
ISBN (eBook)
9783640728244
ISBN (Buch)
9783640728152
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romanisitk, Celestina, Fernando de Rojas, Melancholie
Arbeit zitieren
Bernhard Wiebicke (Autor), 2004, Melancholiekonzepte der spanischen Renaissance, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159803

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