Vielfalt und Hintergründe des Schulabsentismus

Schuldistanzierte Jugendliche im Fokus von Schule und Schulsozialarbeit


Hausarbeit, 2010
42 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Lebensphasen und Lebenslagen
1.1. Lebensphase Jugend:
1.1.1 Entstehung und Expansion der Jugendlebensphase
1.1.2 Psychologisch-soziologische Merkmale der Lebensphase Jugend

2. Schulpflicht und Schulpflichtverletzung
2.1 Zur Entstehung der Schulpflicht
2.2 Begriffsentstehung und Begriffsvielfalt des Schulabsentismus
2.3 Abweichendes Verhalten und Schulabsentismus
2.3.1 Klassifikationen abweichenden Verhaltens
2.3.2 Normverletzung und Gesetzeswidrigkeit

3. Mögliche Ursachen des Schulabsentismus
3.1 Schulinterne Ursachen
3.2 Schulexterne Ursachen
3.3 Ein soziologischer Blick auf Schulabsentismus: Die Anomietheorie

4. Handlungschancen im Rahmen von Schule und Schulsozialarbeit
4.1 Grundlage: Kooperation und Kooperationsbereitschaft – Jugendhilfe
4.2 Schulabsentismus: Präventive und intervenierende Orientierungen

5. Schlussbetrachtungen

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Rahmen der Vertiefungsrichtung „Lebenslagen/Lebensphasen“ des Bachelor-Studienganges Soziale Arbeit, am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund, beschäftigt sich diese Modulprüfungsarbeit mit schuldistanziertem Verhalten Jugendlicher. Vielfalt und Hintergründe sollen geklärt werden, indem die folgenden Kernpunkte erörtert werden:

1. Schulpflichtverletzung als abweichendes Verhalten.
2. Mögliche Ursachen des schuldistanzierten Verhaltens.
3. Handlungsorientierungen seitens Schule und Schulsozialarbeit bzw. Jugendhilfe.

Zudem widmet sich diese Ausarbeitung einem intensiven Blick der Lebensphase Jugend und der mit ihr verknüpften Lebenslage des Schülers und der Schülerin.

Kapitel Eins ordnet die Jugendlebensphase zunächst in sozialwissenschaftliche Kontexte ein, indem Entstehung und Expansion beschrieben werden. Charakteristische Merkmale aus Sicht der psychologischen und soziologischen Profession werden hinzugezogen. Anschließend erfolgt eine bildungs- und sozialisationstheoretische Perspektive auf die Lebenslage SchülerIn.

Der Schulpflicht und Schulpflichtverletzung widmet sich das zweite Kapitel. Erläuterungen zur historischen Entstehung der Schulpflicht ergänzen die Ausführungen zur Begriffsgenese und Begriffsvielfalt des Phänomens „Schulabsentismus“. Darüber hinaus wird zunächst „abweichendes Veralten“ definiert und klassifiziert, um anschließend Zusammenhänge zum Schulabsentismus in Form von Normverletzung und Gesetzeswidrigkeit ziehen zu können.

Im dritten Kapitel werden mögliche schulinterne und schulexterne Ursachen des Schulabsentismuses erörtert. Mit der soziologischen „Anomietheorie“ erfolgt eine sozialwissenschaftliche Theorieeinordnung des Schulabsentismus.

Kapitel Vier thematisiert Handlungschancen im Kontext von schuldistanzierendem Verhalten. Zunächst erfolgen Ausführungen zur Notwendigkeit der Kooperation zwischen Schule/Schulsozialarbeit und Jugendhilfe. Im Anschluss liefert der inhaltlich letzte Teil, ausgewählte Orientierungen zum professionellen Umgang mit Schuldistanzierten innerhalb von Schule und Schulsozialarbeit.

Das fünfte Kapitel dient resümierenden Schlussbetrachtungen.

1. Lebensphasen und Lebenslagen

„Wir werden geboren, wachsen auf und gehen durchs Leben.“ (Abels et al., 2008: 7)

Ein Satz, der eigentlich eine plausible und unkomplizierte Aussage beinhaltet. Doch die Sozialwissenschaften, wie beispielsweise Erziehungswissenschaft, Psychologie, Sozial- und/oder Kulturantrophologie, Soziologie, Politikwissenschaft (u.a.), wären wohl ziemlich uninteressant und mit ihren Forschungsinteressen sehr schnell am Ende, wenn alle sozialwissenschaftlichen Fokussierungen so eindimensional betrachtet würden. Die Autoren Heinz Abels, Michel-Sebastian Honig, Ansgar Weymann und die Autorin Irmhild Saake erörtern in ihrer soziologisch orientierten Publikation Lebensphase n die verschiedenen Phasen des menschlichen Lebens. Sie differenzieren insgesamt vier Lebensphasen: Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Alter.[1]

Jede Leserin/jeder Leser wird sich wahrscheinlich spontan einer dieser Phasen zuordnen können, wobei sich ein solcher Versuch für das ein oder andere Individuum auch als schwierig herausstellen kann. Mit der Benennung dieser vier Lebensphasen ist die oben zitierte Aussage also nicht mehr so einfach hinzunehmen. Wir werden wohl doch nicht einfach „nur“ geboren und „gehen durchs Leben“. Jede einzelne Lebensphase kennzeichnet sich durch die unterschiedlichsten Determinanten aus, sei es durch Zahlen (chronologisches Alter) oder Verhaltenserwartungen, um nur zwei Aspekte zu nennen. Oft stimmen gesellschaftliche Erwartungen an eine Lebensphase mit den eigenen Ansichten nicht miteinander überein (vgl.: ebd.). „So ungefähr wissen wir, wer wir nach einem bestimmten Alter sind und wie wir uns verhalten sollen, und etwas sicherer wissen wir, wer wir nicht mehr oder noch nicht sind.“ (Ebd.) Es lohnt sich also die Phasen des (eigenen) Lebens zu hinterfragen und ihnen besondere Beachtung zu schenken, denn Lebensphasen können nicht nur aus biologischer Sicht bestimmt werden (vgl. Hurrelmann, 2010: 13). Zudem sind sämtliche Lebensphasen stets durch unterschiedliche Lebenslagen geprägt.[2]

1.1. Lebensphase Jugend:

Einordnung in sozialwissenschaftliche Kontexte

Der erste Teil dieses Kapitels beschäftigt sich mit der Lebensphase „Jugend“ – ihrer Entwicklung, ihrer Ausdehnung und mit psychologischen sowie soziologischen Merkmalen in sozialwissenschaftlichen Kontexten. Des Weiteren wird speziell auf die jugendliche Lebenslage Schülerin bzw. Schüler eingegangen.

1.1.1 Entstehung und Expansion der Jugendlebensphase

Zu Beginn ein verkürzter Blick generell auf die Entwicklung der Lebensphasen und speziell auf die Entwicklung der Jugendphase. In heutigen wissenschaft-lichen sowie alltäglichen Diskursen hat sich die Lebensphase „Jugend“ als selbstverständlich etabliert. Dies ist jedoch erst seit circa Mitte des letzten Jahrhunderts der Fall. Theoretisch existierte die Jugendphase in gesellschaftlichen Zusammenhängen zuvor rein gar nicht (vgl. Hurrelmann, 2010: 19). Während heute, wie bereits erwähnt, vier Lebensphasen differenziert werden, unterschied man noch um 1900 lediglich zwei Lebensphasen: Kindheit und Erwachsenenalter (vgl. Hurrelmann, 2010: 17). Auch die Lebensphase des Seniorenalters existierte in der heute typischen Form noch nicht, da die Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Lebensalter von circa 65 Jahren erreichten. Erst im Zeitraum um 1950 können die Lebensphasen Jugend und Seniorenalter als „[…] historisch neu […]“ (ebd.) vermerkt werden (Abb. 1). Verfolgt man die Einordnung menschlicher Lebensphasen noch weiter zurück, dann ist selbst die Kindheit als Lebensphase nicht immer präsent gewesen: „Bis zum Ende des Mittelalters gab es keinen Begriff für »Kindheit« als eigenständiger [sic!] Lebensphase in der Biografie eines Menschen. Das Wort »Kind« bezeichnete in erster Linie ein Verwandtschaftsverhältnis.“ (Hurrelmann/Bründel, 2003: 58)

Abb. 1: „Strukturierung von Lebensphasen zu vier historischen Zeitpunkten“

(Hurrelmann, 2010: 17)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im historischen Verlauf haben sich bis heute weitere Veränderungen ergeben. So hat sich die Lebensphase Jugend erheblich ausgedehnt, wie es Hurrelmann (2010: 19ff.) beschreibt. Nachdem sich im Zuge der Industrialisierung um 1850 Kindheit als eigenständige Lebensphase entwickeln konnte (vgl. Hornstein, 1985. In: Hurrelmann, 2010: 20), hat sich ab 1900 bis circa 1950 eine „zweite Kindheit“ entwickeln können (vgl. Hurrelmann, 2010: 20). „Kindheit“ gliederte sich „[…] in eine frühe und eine späte Phase […], wobei die spätere Phase den Namen ‚Jugend‘ erhielt.“ (Hurrelmann, 2010: 20f.) Die soeben beschriebene „späte Kindheitsphase“ – Jugend – war eine noch sehr kurze Phase des Lebens (ebd.: 21). Sie umfasste einen Zeitraum von nur ungefähr fünf – wenn man so möchte – „Übergangsjahren“: Vom Eintritt der biologischen Geschlechtsreife (circa 15./16. Lebensjahr) bis hin zum Berufseinstieg und zur Familiengründung. Hurrelmann spricht nun deshalb von einer Ausdehnung der Jugendphase, da der „Übergang“ vom Kind zum Erwachsenen heute nicht mehr als kleiner Zeitraum definiert werden kann. Weder Berufseinstieg noch Familiengründung erfolgen heute nach dem 15./16. Lebensjahr in +/- fünf Jahren. Diese Zeitspanne hat sich auf zehn, 15 bis hin zu 20 Jahren erweitert (vgl. Hurrelmann, 2010: 21). Weshalb hat sich dieser Zeitraum in eine Ausdehnung von bis zu 20 Jahren entwickelt? „Die gesamte Jugendzeit ist in den heutigen westlichen Gesellschaften zur Ausbildungszeit geworden.“ (Hurrelmann, 2010: 93) Besonders die ansteigende Bewertung der akademischen Bildung (vgl. ebd.: 102) trägt zu dieser erweiterten Jugend- und Ausbildungsphase bei, in der weder eine Familiengründung noch ein Berufseinstieg, im Sinne der zuvor beschriebenen „Übergangsphase“ der damaligen „fünf Jahre“, erfolgt. Zudem erfolgt der Einstieg in die wissenschaftliche Ausbildung, aufgrund langer Schulzeit einschließlich der Absolvierung der gymnasialen Oberstufe, zur Erlangung der Hochschulreife, bei beiden Geschlechtern sowie zusätzlicher Wehr- oder Zivildienstverpflichtung beim männlichen Geschlecht, erst mit circa 23 Jahren (vgl. Hurrelmann, 2010: 105). Hurrelmann (2010: 89) hält fest, dass die Studierendenzahl im Vergleich zu 1950 gestiegen ist: von fünf Prozent auf 35 %. „Schon heute ist die Zahl der Studierenden mit zwei Millionen höher als die der Auszubildenden.“ (Ebd.) Trotz der, im Gegensatz zur Berufsausbildung im dualen System, weitaus zeitaufwendigeren wissenschaftlichen Ausbildung [an Universitäten circa sieben Jahre, an Fachhochschulen circa fünf Jahre (vgl. ebd.)],[3] entscheiden sich, wie es die o.g. Zahlen belegen, viele Jugendliche für den akademischen Ausbildungsweg.

Motive sind unter anderem in der sozialen Herkunft, in günstigeren Berufsperspektiven sowie höheren Verdienstmöglichkeiten, im höheren Sozial- und Berufsstatus und nicht zuletzt auch in einer autonomischen Lebensgestaltung zu finden (vgl. Friebertshäuser, 2002. In: Hurrelmann, 2010: 89; Hurrelmann, 2010: 105). Darüber hinaus qualifizieren sich die Studierenden oft mehrfach, indem sie beispielsweise zwei akademische Disziplinen studieren. Circa 15 % gehören zu dieser Gruppe (vgl. Hurrelmann, 2010: 105). Hier wird die große „[…] Chance der biografischen Entfaltung […]“ (ebd.) innerhalb der Hochschulbildung deutlich, während die betrieblichen Ausbildungsberufe in beruflichen und persönlichen Entfaltungsperspektiven, als einschränkend und somit eher als unattraktiv empfunden werden (vgl. Hurrelmann, 2010: 103).

„Die Hochschulen sind soziologisch gesehen die organisatorische Basis der sich immer weiter verlängernden Lebensphase Jugend. Sie symbolisieren die Eigenständigkeit und Selbstzweckhaftigkeit dieser Lebensphase […].“ (Hurrelmann, 2010: 105)

Nach diesem kleinen Exkurs zur akademischen Ausbildung als Begründungsmuster zur Ausdehnung der Jugendphase, wird abschließend auf einen zweiten Aspekt eingegangen.

Kinder bzw. Jugendliche kommen immer früher in die pubertierende Phase (vgl. Abels et al., 2008: 79). Für Heinz Abels (ebd.) kennzeichnet sich das wichtigste Ausdehnungsmerkmal der Jugendphase in der immer länger anhaltenden Phase des Heranwachsens junger Menschen aus – die Adoleszenz.

Gleichzeitig sind die bereits angesprochenen Lebensjahre „15“ und „16“ nicht mehr Teil aktueller Jugendentwicklungsdiskurse, wenn es um die Einordnung des Adoleszenzbeginns geht. Martine F. Delfos (2009) weist darauf hin, dass der Beginn der Adoleszenz mittlerweile mit dem 12. Lebensjahr eintritt (vgl. Wege, 2010: 7).

„Jugendsoziologen[4] sprechen […] auch von einer Postadoleszenz, die manche erst mit 28 oder gar 30 Jahren abgeschlossen sehen. Andere führen gute Gründe für die These an, dass wir es mit einer Generation zu tun haben, in der 15-,16jährige in vielen Bereichen sich wie Erwachsene verhalten und auch so angesehen werden und 30-, 35jährige in wichtigen Bereichen des Lebens noch immer nicht den sozialen Status eines Erwachsenen erreicht haben, ihn manchmal aber auch gar nicht vermissen.“ (Abels et al, 2008: 79)

Es stellt sich die Frage, ob es ein Ende der Adoleszenz überhaupt gibt bzw. geben kann; ob das Festhalten an einem Adoleszenzende überhaupt sinnvoll ist. Thorsten Wege (2010: 7) verweist hier auf Mario Erdheim, der dies kritisch anmerkt.

Wirft man an dieser Stelle ergänzend einen juristischen Blick auf die altersorientierte Kindheits- und Jugendphase, so ergeben sich folgende Zahlen:

Kinder = 0-13 Jahre
Jugendliche = 14-17 Jahre
Minderjährige = 0-17 Jahre
Heranwachsende = 18-21 Jahre
Junge Volljährige = 18-27 Jahre
(Specht, 1996: 23)

An dieser Stelle ein kleines Fazit: Jugend kann als eine sehr weitreichende und eine der wichtigsten Phasen des Lebens bezeichnet werden (vgl. Hurrelmann, 2010: 7). Neben den anderen Lebensphasen gerät die Jugendlebensphase ins Interesse der sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Im Folgenden werden psychologische sowie soziologische Merkmale dieser Lebensphase aufgezeigt.

1.1.2 Psychologisch-soziologische Merkmale der Lebensphase Jugend [5]

Auf die Adoleszenz wurde in den vorangegangenen Erläuterungen bereits etwas eingegangen. Aus der psychologischen Perspektive werden hier nun die „[…] psychischen Bewältigungsstrategien zur Auseinandersetzung mit den Anforderungen und Herausforderungen aus dem biologischen, sozialen und ökologischen Bereich […]“ (Hurrelmann, 2010: 26) angerissen. Diese unterscheiden sich, so Hurrelmann, von den Strategien in der Kindheit. Während im Kindesalter das Imitieren und Identifizieren mit den Eltern und anderen Bezugspersonen im Vordergrund stehen, ergibt sich in der Jugendphase die Kehrseite. Hier stehen Individualität und Ablösung im Fokus. Eigene Bewältigungsstrategien bilden die Basis für den persönlichen Entwicklungsprozess (vgl. Lerner/Spanier, 1980. In: Hurrelmann, 2010: 26). Innerhalb der Lebensphase Jugend können nach Hurrelmann (2010: 27f.) vier zentrale Entwicklungsaufgaben benannt werden.[6]

I. Entwicklung des Intellekts und der Sozialkompetenz:

Beide Aspekte dienen zur Bewältigung von schulischen sowie im späteren Lebensverlauf zur Bewältigung beruflicher Anforderungen. Ziel: Eigenverantwortliche Existenz als erwachsenes Individuum (vgl. Hurrelmann, 2010: 27).

II. Entwicklung der Geschlechtszugehörigkeit:

Hierzu gehören das Einlassen und Akzeptieren der physischen Veränderungen, Aufbau von gleichaltrigen Sozialbeziehungen zum männlichen und weiblichen Geschlecht und das Entdecken sowie Aufbauen von hetero- und/oder homo-sexuellen Partnerschaften. Diese bilden „[…] die Basis für eine Familiengründung und die Geburt und Erziehung eigener Kinder […]“ (Hurrelmann, 2010: 28).

III. Entwicklung souveräner Handlungsstrategien zur Konsumwarenmarktnutzung:

Hier stehen Entwicklungsprozesse zum Umgang mit Geld und Medien sowie zum „[…] Umgang mit den ‚Freizeit‘-Angeboten […]“ (Hurrelmann, 2010: 28) im Mittelpunkt. Zudem wird die Entwicklung eines eigenen Lebensstils fokussiert.

IV. Bewusstseinsentwicklung von Werten und Normen sowie ethischen und politischen Orientierungen:

Eigenes Handeln und Verhalten wird mit dem o.g. Bewusstsein reflektiert und Handlungen bzw. Verhaltensweisen werden ggf. angepasst, „[…] sodass die verantwortliche Übernahme von gesellschaftlichen Partizipationsrollen als Bürger im kulturellen und politischen Raum möglich wird.“ (Ebd.)

Innerhalb dieser Entwicklungsaufgaben wird der oder die Jugendliche erstmals mit der Entstehung des eigenen Selbstbildes und der Ich-Identität konfrontiert. Eine Phase also, welche sich von der ersten Lebensphase – der Kindheit – gravierend abgrenzt und zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung signifikante Beiträge leistet. Von einem Übergang in die Lebensphase des Erwachsenenalters kann dann gesprochen werden, wenn die soeben beschriebenen Entwicklungsaufgaben bewältigt wurden und sich die oder der Jugendliche somit zu einem selbstbestimmten Individuum entwickelt hat (vgl. ebd.).

Hurrelmann (ebd.: 29) hält jedoch gleichzeitig fest, dass eine Abgrenzung zwischen Jugend und Erwachsenenalter erschwerend ist, da die Grenzlinie zum einen fließend sei und zum anderen sei es nicht möglich, „[…] eine für alle Menschen verbindliche und fest erwartbare Reife- und Altersschwelle für das Passieren des Übergangspunktes zwischen den beiden Lebensphasen zu nennen.“

Um nochmals zurück auf den Aspekt der akademischen Bildung zurückzukommen, gibt Thorsten Wege (2010: 7) ein Beispiel an, welches optimal in den Kontext der schwierigen Abgrenzung zwischen Jugendphase und Erwachsenenphase passt: Bei Studierenden, die „[…] mit 25 aus finanziellen Gründen noch zu Hause wohnen, weil sie sonst nicht studieren könnten […]“, kann nicht zwangsläufig von misslungenen Entwicklungsaufgaben und somit von einer „Fehleinordnung“ als Erwachsener gesprochen werden! Darüber hinaus verweist Wege (2010: 8) auf Friedrich Specht, der für den Begriff der Entwicklungsaufgaben die Termini Entwicklungsgewinne und Entwicklungsschwerpunkte befürwortet. Diese Sichtweisen haben einen weniger orientierten Zwangscharakter, als es der Begriff „Aufgabe“ initiiert.

Die Schwelle von reinen Alterszahlen reicht ebenfalls nicht aus, um klare Abgrenzungen von Jugendalter und Erwachsenenalter zu ziehen, wie auch das Zitat von Heinz Abels (vgl. S. 5) besagt. Viele Jugendliche benötigen einfach mehr Zeit, sich mit den Herausforderungen der Entwicklung auseinanderzusetzen (vgl. Fend, 2000. In: Hurrelmann, 2010: 29).

Mit der psychologischen Perspektive – die Thematisierung der „Entwicklungsaufgaben“ – wurden gleichzeitig auch soziologische Merkmale der Lebensphase Jugend angesprochen, da diese miteinander verknüpft sind (vgl. Hurrelmann, 2010: 31). Die Soziologie verfolgt an dieser Stelle den Übergangsverlauf „[…] von der unselbstständigen Kindheit in die selbstständige Erwachsenenrolle […]“ (ebd.). Soziologisch gerät die sog. Statuspassage (auch Positionsübergang genannt) in den Blickfang; also der Übergang von der einen Lebensphase in die nächste Lebensphase (z.B. vom Kind zum Jugendlichen, vom Jugendlichen zum Erwachsenen). Dass heutige Übergänge, besonders der Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen, nicht eindeutig bestimmt werden können, wurde bereits in den vorangegangenen Ausführungen angesprochen.[7]

Im nächsten Teil dieses Kapitels wird eine spezielle Lebens lage innerhalb der Lebensphase Jugend beleuchtet: Schüler bzw. Schülerin.

1.1 Lebenslage SchülerIn: Ein Bildungs- und Sozialisationsprozess

Bevor auf die Lebenslage „Schüler bzw. Schülerin“ eingegangen wird, ist der Lebenslagenbegriff inhaltlich und entwicklungstheoretisch zu konkretisieren.

In den Sozialwissenschaften wurde der Terminus Lebenslage, durch Otto Neurath, erstmalig Anfang des 20. Jahrhunderts, etabliert. Nach Neurath (1931) umfasst der Begriff die Lebensumstände des Menschen und deren Wirkung auf die Individuen. Von großer Bedeutsamkeit erscheint es Neurath, Lebensumstände als mehrdimensional zu betrachten (vgl. Engels, 2008: 1). So definiert er den Begriff Lebenslage als den Prototyp jener Lebensumstände, welche sowohl Verhaltensweisen des Menschen als auch Schmerz und Freude bedürfen: „[…] Wohnung, Nahrung, Kleidung, Gesundheitspflege, Bücher, Theater, freundliche menschliche Umgebung, all das gehört zur Lebenslage […]“ (zit. n. Neurath, 1931. In: Engels, 2008: 1). Gerhard Weisser erweiterte Mitte des 20. Jahrhunderts den Fokus des Lebenslagenbegriffs „[…] auf die Handlungsmöglichkeiten zur Realisierung von Lebenschancen […]“ (Engels, 2008: 1). Weisser „[…] versteht den Begriff ‚Lebenslage‘ als den ‚Spielraum, den einem Menschen (einer Gruppe von Menschen) die äußeren Umstände nachhaltig für die Befriedigung der Interessen bieten, die den Sinn seines Lebens bestimmen […]‘“(zit. n. Weisser, 1956. In: Engels, 2008: 1). Nach Weissers Ansicht stehen beim Lebenslagenbegriff die Bedingungen, unter denen Individuen handeln, im Begriffszentrum (vgl. Engels, 2008: 2).

Mitte der 1970er Jahre widmete sich Ingeborg Nahnsen diesen „Spielräumen“ des Lebenslagenbegriffs und klassifizierte einzelne Handlungsbedingungen eines Menschen:

- Versorgungs- und Einkommensspielraum
- Kontakt- und Kooperationsspielraum
- Lern- und Erfahrungsspielraum

[...]


[1] Wobei m. E. besonders die gewählten Begriffe „Erwachsenenalter“ und „Alter“ kritisch zu betrachten sind. Denn auch alte Menschen sind selbstverständlich gleichzeitig in die Phase des „erwachsen sein“ einzuordnen. Es wird also deutlich, dass die einzelnen Lebensphasen fließend sind bzw. sein können. Einen präziseren Blick eröffnet evtl. die Perspektive, die Lebensphase „Alter“ als besondere Lebensphase des „Erwachsenenalters“ zu betrachten. Hurrelmann (2010: 16f.) spricht von der Lebensphase „Seniorenalter“.

[2] Was der Lebenslagenbegriff allgemein bedeutet, wird an entsprechender Stelle noch erläutert.

[3] Wobei darauf hinzuweisen ist, dass mit der Einführung des Drei-Stufensystems, „Bachelor – Master – Doktor“, bereits nach drei Jahren eine berufsqualifizierende Hochschulausbildung mit dem Bachelorgrad abgeschlossen werden kann. Einzelne Ausnahmen bilden die akademischen Bereiche Lehramt, Medizin und Rechtswissenschaft (Jura). Hier ist der Bachelorgrad noch nicht berufsqualifizierend.

[4] Der Verzicht auf die Nennung der weiblichen Form wurde der Originalquelle übernommen. Jugendsoziologinnen sind hiermit ebenfalls erwähnt.

[5] Hurrelmann stellt die psychologischen und soziologischen Merkmale voneinander getrennt dar. Für eine detailliertere Darstellung wird auf die Ausführungen von Hurrelmann (2010) Seite 26-36 verwiesen. In dieser Modulprüfungsarbeit erfolgt lediglich eine ausgewählte Erörterung.

[6] „Unter einer Entwicklungsaufgabe werden die psychisch und sozial vorgegebenen Erwartungen und Anforderungen verstanden, die an Personen in einem bestimmten Lebensabschnitt gestellt werden.“ (Hurrelmann, 2010: 27)

[7] Hurrelmann (2010: 32ff.) geht aus soziologischer Sicht detailliert auf diesen Aspekt ein. Die diesbezüglichen Erörterungen werden in dieser Modulprüfungsarbeit aufgrund von Rahmenbedingungen an dieser Stelle beendet.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Vielfalt und Hintergründe des Schulabsentismus
Untertitel
Schuldistanzierte Jugendliche im Fokus von Schule und Schulsozialarbeit
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Veranstaltung
Rahmenbedingungen für Hilfeangebote durch Schulsozialarbeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
42
Katalognummer
V159837
ISBN (eBook)
9783640727063
ISBN (Buch)
9783640727766
Dateigröße
810 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schulabsentismus, Schulsozialarbeit, Schulverweigerung, Jugend, Lebensphasen, Lebenslagen, Sozialisationsprozess, Anomietheorie
Arbeit zitieren
David M. X. Lehnerer (Autor), 2010, Vielfalt und Hintergründe des Schulabsentismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159837

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