Muskeldysmorphobie als männliche Bewältigungsstrategie


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2010

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Mannliche Sozialisation- Aneignung generativer Regeln durch die ernsten Spiele des Wettbewerbs
2.1. Mannliche Sozialisation im Industriezeitalter

3. Das Konzept hegemonialer Mannlichkeit

4. Sport als Bewaltigungsstrategie
4.1. Muskeldysmorphobie als externalisierte Bewaltigungsstrategie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den verschiedensten Kulturen und uber die Jahrhunderte hinweg gab es immer eine Vorstellung von gesunden Korpern und idealen Proportionen. Galten im 16.Jahrhundert weibliche runde Proportionen als schon und erstrebenswert, steuerte in den 60iger Jahren das Bild, mit Stilikone und Magermodel Twiggy, in die gegenteilige Richtung. „Das dunne Model Twiggy bescherte mit ihren 42 Kilo bei 1,70m KorpergroGe zahlreiche Frauen in eine neue Krankheit-die Magersucht."(http://www.scinexx.de)

Jedoch ist die intensive Beschaftigung mit dem eigenen Korper und dessen Erscheinungsbild nicht nur Ausdruck von optischem Leidensdruck, sondern oft ein Symptom von psychischen Leiden und Bewaltigungsstrategien uber Lebenskrisen.

Oftmals werden Erkrankungen, welche mit Korperschema und Psyche zusammenhangen und gesundheitsschadlich sind, mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung gebracht. Externalisiertes, also nach auGen gerichtetes Risikohandeln erfahrt eine positive Resonanz. Gemeint ist, die Ausbildung von Verhaltensmustern auf primar auGere Bereiche mit dem Selbstverbot sich nach Innen'zu konzentrieren. (vgl. Bohnisch/ Winter 1997,S.127) Externalisierte Verhalten wird als mithin 'mannliches'Risikohandeln gewertet.(vgl. Meuser 2006, S.167) "...die durch internalisiertes Risikohandeln bewirkten Beschadigungen des Korpers (wie z.B. Bulimie, Anorexie) gelten zumeist auch in der Gesellschaft der Peers als problematisch." (Meuser 2006, S.167) Dieses internalisierte Verhalten richtet sich gegen sich selbst und den eigenen Korper und „...schlieGt das Gewaltverhaltnis sich gegenuber ein, dass sich in der Selbstdefinition uber Leistung... (und) ... uber die Unterdruckung der eigenen Emotionalitat... ausdruckt." (Bohnisch/ Winter 1997, S. 128) Denn durch die mannliche Sozialisation lernen Jungen „...das verachten oder gar hassen, was aus ihrem Selbst kommt , da es sie hilflos macht, weil es Ihnen von auGen kulturell verwehrt wird." (Bohnisch/ Winter 1997, S. 64) Deshalb ist es naheliegend, dass internalisierte Verhaltensweisen im Bereich Korpergefuhl bei Frauen scheinbar haufiger auftritt.

Mangweth-Maztek beschreibt in ihren Studien, Ahnlichkeiten zwischen mannlichen und weiblichen Ausformungen der Essstorungen. Allerdings erwahnt sie auch eine weitere Form der Essstorung bei Mannern, die korperdysmorphe Storung bzw. Muskeldysmorphobie.(vgl. www.i-med.ac., Folie 6) Bei dieser Erkrankung handelt es sich um eine Korperschemastorung welche in externalisiertes Risikoverhalten einzuordnen ist.

In weiterfuhrender Literatur verweist sie auf Harrison Pope (Harvard University), welcher „...1993 bei 8% der untersuchten mannlichen Bodybuilder ein neues Phanomen gestorten Korperbildes bzw. Essverhaltens, dass er ursprunglich reverse anorexia nervosa und dann muscle dysmorphia nannte." (Herpertz/ de Zwaan/ Zipfel 2008,S.89 ff) benannte. Pope beschreibt, dass die untersuchten Manner uber sehr viel Muskelmasse verfugten, sich jedoch selbst als zu schmachtig empfanden. (vgl. ebd)

In der vorliegenden Arbeit mochte ich mich dem Thema Manner und Korperbewusstsein widmen. Unter den Gesichtspunkten der mannlichen Sozialisation nach Lothar Bohnisch, in Bezugnahme auf Robert Connells hegemonialer Mannlichkeit und anhand der Gedanken Pierre Bourdieus zum Thema Mannlichkeit mochte ich erlautern, inwiefern es bei Mannern zu Essstorungen kommen kann und warum gerade Muskelsucht eine phatologische Ausformung der Zielerreichung des idealen Mannes sein kann.

2. Mannliche Sozialisation- Aneignung generativer Regeln durch die ersten Spiele des Wettbewerbs

Essstorungen und Korperschemastorungen haben haben meist keine genetischen Ursachen, sondern sind Ergebnis verschiedener Einflussfaktoren. Vielmehr gelten Entwicklungsstorungen in der Kindheit und geschlechtliche Sozialisation als Disposition von Essstorungen. Sozialisation meint, den "...Prozess der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Personlichkeit in Abhangigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglich- materiellen Lebensbedingungen..., die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft existieren. Sozialisation bezeichnet den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehende menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfahigen Personlichkeit bildet, die sich uber den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt." (Hurrelmann 1993, S.14) )

Sozialisation beinhaltet somit auch das Erlernen einer gesellschaftlich gewollten Geschlechterrolle. Rollen und Rollenverstandnis werden in Gender-Studies benannt und erforscht und als Genderkonstruktion bezeichnet. „Die Konstruktion von Gender bedeutet die gesellschaftlich- kulturelle Herstellung bestimmter Rollen, Rollenbilder und Funktionen von Frauen und Mannern." (Czollek/ Perko/ Weinbach 2009, S.19) Sie unterscheiden biologisches und kulturelles Geschlecht sowie Macht- und Herrschaftsverhaltnisse und ordnen diese mannlich und weiblich zu.(vgl. Czollek/ Perko/ Weinbach 2009, S.15) „Jungen werden in eine Welt hineingeboren, in der das Mannliche immer noch die Norm verkorpert, in der mithin Konkurrenz, Macht und mannlich besetzte Positionen hoch bewertet und in einer unubersehbaren Selbstverstandlichkeit anerkannt sind." (Bohnisch/Funk 2002, S. 87) Jungen werden nicht als Jungen groG, sondern sie werden zu Jungen erzogen also zu Jungen sozialisiert. Dabei wird auf die Unterdruckung der Gefuhle und auf Selbststandigkeit sowie Durchsetzungsfahigkeit abgezielt.(vgl. ebd.) „In der Regel hinterfragen Menschen ihre Geschlechtsdazugehorigkeit nicht. Sie ordnen sich wie selbstverstandlich der weiblichen bzw. mannlichen Seite zu." (Goffman/ Garfinkel/ Kessler/ Mc Kenna/ Hirschauer/ Lindemann/ Hageman-White/ Gildemeister/ Butler 2006, S.103)

Mann werden ist also nichts, das biologisch vorgegeben ist. Auch wenn genetisch zwischen mannlichem und weiblichem Geschlecht unterschieden werden kann, ist die Rolle und die damit verbundenen Verhaltensmodi die ein erwachsener Mensch annimmt, gesellschaftlich gewollt und konstruiert. Sozialisation findet von Geburt bis ins hohe Alter statt und durchlauft verschiedene Instanzen wie Familie, Schule, Peer-Group und Beruf.

2.1. Mannliche Sozialisation im Industriezeitalter

„Die gegenwartigen Muster geschlechtsspezifischer Sozialisation sind an die Industriegesellschaft gebunden." (Bohnisch/ Funk 2002, S.71) Bohnisch spricht hier auch von geschlechthiererchischer Arbeitsteilung. Seit dem 19.Jahrhundert lost sich die Vorstellung von Rollenmustern und somit die vorindustrielle Sozialordnung auf.(vgl. Bohnisch/ Funk/ Lenz 2004, S.25) Immer noch obliegt die Aufgabe der Reproduktion der Frau, die der Produktion, also die des Ernahrermodelles dem Mann. Die industrielle Wirtschaftsweise verlangte „...eine strikte Trennung von industrieller Produktion und sozialer Reproduktion." (ebd.) Innerhalb dieser Aufgaben steht die Frau tiefer in der Hierarchie.(vgl.ebd.) Dieses Modell erleben Jungen bereits in ihrer fruhen Kindheit. Die Abwesenheit der Vater, und hier nicht nur im raumlichen, sondern auch im mentalen Sinne, da diese durch das Produktions-/ Reproduktionsmodell der westlichen Gesellschaft nicht unmittelbar mit der Erziehung des Kindes verwoben sind, bzw. „...sich...wenig um die Erziehungsarbeit kummern." (Bohnisch/Funk 2002, S.85 ) fuhrt zu einer Idealisierung des Mannbildes und einer Abwertung der weiblichen Rolle. Mit der fortschreitenden Industrialisierung und der damit verbundenen Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Geschlechterrollen der 1920ziger Jahre, „...ist das Verhaltnis von Produktion und Reproduktion zwar elastischer geworden, hatte seine geschlechthierarschische Wertigkeit verandert, blieb aber in der Struktur unangetastet." (Bohnisch/Funk 2002, S.31) Diese Rollendifferenzierung in die Reproduktionsarbeit bringt eine „Fruhkindliche Sozialisation... in einer frauendominierten Alltagswelt ...“(Bohnisch/Winter 1997, S.61) mit sich, welche bis zur Grundschulzeit von Erzieherinnen, Lehrerinnen, Nachbarinnen ect. gepragt ist. (vgl. ebd.)

[...]

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Details

Titel
Muskeldysmorphobie als männliche Bewältigungsstrategie
Hochschule
Fachhochschule Kiel
Veranstaltung
Gender
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V159923
ISBN (eBook)
9783640740000
ISBN (Buch)
9783640740475
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziologie, männliche, sozialisation, dysmorphobie, körperschemastörung, bewältigungsstrategie, muskelsucht, essstörung
Arbeit zitieren
Janine Koch (Autor), 2010, Muskeldysmorphobie als männliche Bewältigungsstrategie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159923

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