Kopftuch, Halbmond, Kreuz und Terror: Die Symbolik im "Web 2.0"

Eine qualitative Sequenzanalyse von YouTube-Videos über Diskriminierung und Hassverbreitung gegen den Islam


Bachelorarbeit, 2010

71 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Rinleitung

2. YouTube, der Islam, Diskriminierung und Symbole
2.1 YouTube
2.1.1 Warum gerade YouTube?
2.1.2 Was ist YouTube und wie funktioniert es?
2.1.3 Probleme und Lösungen
2.2 Islam
2.2.1 Was ist der „Islam“?
2.2.2 Themen und Probleme im Zusammenhang mit dem Islam
2.2.3 Warum Islam?
2.3 Der Fremde. Diskriminierung und Fremdenhass
2.3.1 Das Fremde und seine Charakteristiken
2.3.2niskriminierungundHass
2.4 Symbole
2.4.1 Was sind Symbole?
2.4.2 Charakteristiken der Symbole
2.4.3 Symbole in der qualitativen Analyse

3.. Methode
3.1 Sequenzanalyse
3.2 Untersuchungsgegenstand
3.3 Vorgehensweise

4... Analyse
4.1 Film 1: „Gegen den Islam in Deutschland und Europa“
4.1.1 Sequenz 1 „das Fremde“
4.1.2 Sequenz 2 „Verteidigung und Gemeinschaft“
4.1.3 Sequenz 3 „das Eigene“
4.1.4 Ergebnis
4.2 Film 2: „Islamisierung der Welt ist unaufhaltsam“
4.2.1 Sequenz 1 „das Eigene“
4.2.2 Sequenz 2 „das Fremde“
4.2.3 Sequenz 3 „die Verteidigung“
4.2.4 Ergebnis

5. Können die Ergebnisse auf weitere Videos angewandt werden?

6.. Endergebnisse und mögliche Entwicklungen

7 Literaturverzeichnis

8.. Video-Ouellenverzeichnis

9.. Anhang

1. Einleitung

,Also denkt daran zusammen sind -wir stark!!!!!!!Wehrt euch gegenjede Moschee, gegenjede verfremdung[sic!] eures Vaterlandes!!!! Und geht hin und wieder in die Kirche um eure dazugehörigkeit[sic!] zu zeigen!!!!“ (Zitat aus dem YouTube-Video „Gegen den Islam in Deutschland und Europa“1) Internet hat die Form und Weise in der wir kommunizieren, Schritt för Schritt aber konstant verändert. Die Möglichkeit zeitgleich aus verschiedenen Orten der Welt schriftlich, mündlich oder sogar visuell miteinander in Kontakt zu treten, war nur der Anfang dieser neuen Entwicklung. Spätestens seit dem Einführen des Prinzips „Web 2.0“ hat die Onlinekommunikation eine neue Qualität bekommen. Jeder Nutzer hat die Gelegenheit bekommen das Internet selbst zu gestalten und seine eigenen Inhalte ins Netz zu stellen. Es entstanden dadurch eine grosse Anzahl an benutzerbasierten Webseiten, also kreativ zugreifbare Plattformen, wie Wikipedia, MySpace, Flickr, Facebook, Twitter und YouTube. Internet Benutzer bekamen so die neuartige Chance aktiv im Prozess der Entwicklung des Internetinhaltes und Aussehens mitzuwirken. Nie zuvor konnte man so intensiv an der Gestaltung von Information, die an die ganze Welt verbreitet werden kann, teilnehmen. Doch mit solch neuen Kommunikationsformen und Mittel entstehen auch neue Probleme, Streit und Konflikte. Sobald Menschen mit unterschiedlichen Weltansichten, Meinungen oder Ideologien aufeinanderstossen, kann Auseinandersetzungen nicht ausgewichen werden. Konflikte bestimmten nämlich unseren Alltag und so auch der der Massenmedien (Messmer 2003: 1). Verbreitungsmedien wie Zeitungen und Fernsehen wissen von diesem Phänomen schon lange und nutzen auch gezielt diese Austragungsform, um Aufmerksamkeit und Anschlusskommunikation zu erlangen. Mit dem Internet und dem Web 2.0 ändert sich aber eine wichtige Charakteristik dieser Form der Konfliktführung in den Medien. Statt einer Konfliktpräsentation wird die Konfliktaustragung in den Vordergrund gestellt (Bräuchler 2005: 1). Es wird nicht mehr nur über Probleme und Konflikte gesprochen, auf die 1V1, siehe Video-Quellenverzeichnis gegebenenfalls und unter sehr schweren Voraussetzungen von den Zuschauern in einem späteren Zeitpunkt geantwortet werden kann, sondern es entsteht die Möglichkeit direkt in die Konfliktdiskussion einzutreten und diese mitzugestalten und mitzuwirken. Interessant werden solche Diskussionen, bei denen Menschen aufeinander treffen, die vielleicht im Alltagsleben nicht miteinander diskutieren würden, weil sie sich nicht kennen, nicht treffen oder der Zugang zur Kommunikation, aus welchen Gründen auch immer, unzugänglich wäre. Hier fand das Internet, mit Seiten wie YouTube eine Marktlücke, bei dem jeder Einzelne ohne körperliche Gewalt in die Austragung eines Problems involviert werden kann. Dadurch, dass die Nutzer ihre Identität in den meisten Fällen anonym halten können, werden sie auch freier in ihrem Ausdruck und Umgang, aber auch unberechenbarer in ihrem Benehmen gegenüber den anderen. Es werden Hüllen fallen gelassen und die Konsequenzen einer Überschreitung der Toleranzgrenzen, können nur durch virtuelle Verbannungen von der Webseite geschehen und haben keine nachhaltigen Folgen ausserhalb dieses Raumes.

Einer dieser Konflikte ist der Umgang mit dem Islam und die Angst, die in Europa und Amerika vor dieser Religion empfunden wird. Das Thema Islam und der Religion- und Kulturstreit der dadurch entsteht, wird über Webseiten, Foren, Blogs und Portale ununterbrochen geführt und ausgelebt und hat dabei eine ausschlaggebende Rolle im Internet bekommen (Bunt 2009: 4). Thematisch gesehen unterscheidet sich dies nicht gewaltig von dem was in den Verbreitungsmedien wie Zeitungen oder Radio geschieht, denn auch dort ist dieses Thema hoch aktuell. Die Form und Weise in der dies aber geschieht, ist wie oben gesehen, auf eine Austragung konzentriert und nicht auf die alleinige Darstellung. Auf Plattformen wie YouTube werden über kreative Videos, die von unterschiedlichen Internetnutzern hochgeladen werden, Themen wie die Islamisierung von Europa hoch bedenklich aufgegriffen und diskutiert. Dass diese Videos nicht ganz die Form und Inhalte der Verbreitungsmedien wie Fernseher beinhaltet, kann schon deswegen angenommen werden, weil hier nicht nur Inhalte gezeigt werden, die im Fernseher sehr viel schneller Protest bewirken würden, sondern auch Diskusionen durch Kommentare und Videodialoge gestartet werden. Aus diesen Grundgedanken über Islamkonflikte im Internet entsteht folgende Forschungsfrage, auf die im Verlauf des Textes eine Antwort gefunden werden sollte. Falls keine eindeutige Antworten entstehen, sollen wenigstens weitere Fragen in den Vordergrund gebracht werden, die uns einen Schritt näher an die Lösung und den Umgang mit problematischen Konfliktinhalten im Web 2.0 leiten könnte:

Mit welchen Symbolen und Symbolzusammenhängen werden in Videoclips des Internet­Portals YouTube diskriminierende Intensionen und Fremdenhass gegen Muslime verbreitet?

Diese Fragestellung soll dem Leser nicht nur einen Einblick in die virtuelle Welt der Onlineinteraktion und deren Probleme geben, sondern auch einen praktischen Wert erfüllen. Die qualitative Analyse der Symbole und Symbolzusammenhänge in den problematischen Videos soll dazu beitragen, dass diese besser verstanden, eingeordnet und kategorisiert werden können und so eine nutzergerechtere Bedienung dieser „Web 2.0“ Webseiten wie YouTube ermöglichen. Dies bedeutet es soll möglich werden, aus den erhofften Ergebnissen ein Grundmuster herzuleiten, welches dem Betreiber wiederum die Chance gibt, verbotene oder unangemessene Inhalte aus seiner Webseite herauszufiltern oder wenigstens besser entdecken zu können. Denn bei 85 oder mehr Millionen aktiven Videos ist das Entdecken der bedenklichen Inhalte alles andere als einfach oder eindeutig (Burgess, Green 2009: 2).

Um der oben genannten Fragestellung gerecht zu werden, werden die Beschreibungen und Definitionen des Videoportals YouTube, des Islams, der Diskriminierung und der Symbole, die Grundbausteine für die Analyse bilden. Aus ihnen entstehen auch Vorannahmen, die sich bei der Analyse der Videos wiederfinden könnten oder verworfen werden müssen. Das Ziel dieser Vorannahmen und Thesen ist es aber nicht, wie wir sehen werden, dass direkt am empirischen Stoff getestet werden kann, sondern als rückwirkender Vergleich mit den Informationen aus der kontextunabhängigen Analyse. Für die Analyse selbst wird die Sequenzanalyse angewandt, die genau beschreiben soll, was in den wichtigsten Abschnitten der Videos geschieht und die Vorgehensweise der Deutungen strukturieren soll. An diesem Vorgehen werden zwei verschiedene Videos überprüft und ihre Ergebnisse einzeln, so wie auch vergleichend beschrieben. Am Ende werden die Schlussgedanken vorgetragen und weitere mögliche Entwicklungen vorgestellt, die auf diese Arbeit folgen könnten.

2. YouTube, der Islam, Diskriminierung und Symbole

2.1 YouTube

Warum genau soll YouTube in dieser Arbeit verwendet werden, wenn es auch andere Plattformen gibt? Was ist YouTube und wie funktioniert es? Welche Probleme entstehen, wenn neue Technologien neue soziale Handlungsformen ermöglichen? In diesem Abschnitt soll auf diese und andere Fragen geantwortet werden. Es wird kurz erklärt was YouTube und das Modell des „Web.2.0“ eigentlich ist und warum dieses für die Analyse des oben genannten Themas geeignet ist. Zusätzlich dazu werden einige Funktionen, Gefahren und Lösungen des Videoportals kurz vorgestellt. Voraussichtlich sollte damit möglich werden, die Analyse der Videos auf YouTube strukturierter und präziser auszuführen und Verwirrungen was den Analysegegenstand angeht aus der Welt zu schaffen.

2.1.1 Warum gerade YouTube?

YouTube wird in dieser Arbeit deshalb benutzt, weil diese Plattform unter den Videoportalen in den englischsprechenden Gebieten, der unangefochtene Marktführer ist. 37% aller amerikanischen Internetbenutzer haben zum Beispiel im Juli 2007 die YouTube Webseite angeklickt und dort Videos angeschaut (Machill, Zenker 2007: 15). Allein für die USA liegt die Gesamtnutzungsdauer bei 51,3 Millionen Stunden pro Monat. Dies zeigt, dass YouTube nicht eine massenmediale Nebenerscheinung ist, sondern aktiv benutzt wird und so eine gesellschaftlich bedeutende Rolle einnimmt. Zusätzlich dazu beinhaltet YouTube eine enorme Anzahl an Themen, unter denen sich auch Videos befinden, die vom Inhalt nicht vertretbar sein sollten. Ausschlaggebend ist aber auch die Tatsache, dass es sich hier um das Konzept des „Web 2.0“ handelt und dass jeder Mensch der Zugang auf Internet hat, die Möglichkeit bekommt selber aktiv und kreativ mitzuwirken.

2.1.2 Was ist YouTube und wie funktioniert es?

Das YouTube-Portal wurde im Jahr 2005 auf dem World Wide Web mit einem zentralen Ziel veröffentlicht. Eine Videoplattform zur Verfügung zu stellen, welche darauf ausgeht, jedem Benutzer die Möglichkeit zu schenken, aktiv beim Gestalten des Internetinhaltes mitzuwirken. Videoportale werden als Webseiten bezeichnet, die eine dazugehörige Serverinfrastruktur besitzen, auf denen kürzere oder längere Videos per Stream gesendet werden können (Machill, Zenker 2007: 8). Unter Stream versteht man wiederum das Verfahren der Serverinfrastruktur, welches dem Nutzer erlaubt, die Videos nicht nach einem langwierigen Herunterladen der Datei anzuschauen, sondern direkt während dem Laden. Was daraus entsteht ist eine Webseite, welche Millionen von Videos auf systematischer Weise aufbewahrt. Die Plattform YouTube ist, wie auch ihre grossen Konkurrenten, kein einfacher Untersuchungsgegenstand. YouTube wird nämlich wie sein Vorreiter im Bereich der Verbreitung von bewegten Bildern, das Fernsehen, charakterisiert durch seine unstabile Form. Dies vor allem durch seine dynamischen Veränderungsmöglichkeiten, breiten Themenspektren und der Tatsache, dass es tagtäglich zu jeder Zeit und aus verschiedenen Orten benutzt werden kann (Burgess, Green 2009: 6). Es erscheint im Gegensatz zu Medien wie Fernseher noch eine weitere komplexe Verbreitungsebene. Es hat nicht nur die Möglichkeit populäre Inhalte der Massenmedien gezielter weiter zu verbreiten, so wie es das Fernsehen tut, sondern auch eine konkurrierende Verbreitung von kreativen Amateurinhalten. Dabei bedeutet Amateurinhalt nicht direkt, dass es sich bei der Erzeugung um eine billige oder einfache Produktion handelt, obwohl es dies auch sein kann, sondern um kreative Inhalte, die erst einmal keinen kommerziellen Wert besitzen. Diese Unterscheidung ist für die hier dargestellte Untersuchung insofern wichtig, weil sie zwei verschiedene Zugänge zum Gegenstand YouTube verursacht. In dieser Arbeit soll der sogenannte „bottom up“ Zugang benutzt werden (Burgess, Green 2009: 7). Es werden also solche Videos betrachtet, die kreative Inhalte und nicht kommerzielle Medieninhalte vom Fernsehen oder Unternehmen übernehmen und verbreiten. Das Ziel ist es nicht Fernsehinhalte auf YouTube zu finden und in dieser neuen Darstellungsform zu analysieren, sondern neue kreative Inhalte zu betrachten, die auch unabhängiger sind.

Um zu verstehen warum YouTube so erfolgreich funktioniert und die Marktführung unangefochten einnehmen konnte, muss weiterhin auf einige ihrer wichtigsten benutzerfreundlichen Charakteristiken und Funktionen eingegangen werden. YouTube Videos werden von ihren Benutzern selbst hochgeladen und in verschiedenen Kategorien eingeteilt. Diese sind zum Beispiel Comedy, Musik, Film und Unterhaltung. Des Weiteren kriegen alle Videos von ihren Erstellern sogenannte „Tags“, die die Videos bei der Suche zugänglicher machen sollen. Dies bedeutet wiederum, dass man ein bestimmtes Video dann findet, wenn eine gewisse Kombination an Wörtern in die Suchmaschine von YouTube eingetippt wird. So findet man zum Beispiel unter den Tags „Musik“ und „Live“ solche Videos, die mit diesen zwei Wörtern in Verbindung gebracht werden können, wie es zum Beispiel Konzertaufnahmen sein könnten oder einfach einzelne Lieder mit selbstgemachten Videos. Diese Tags werden aber oft auch missbraucht. So benutzen einige „User“ Wörter in ihren Videos, die gar keine direkte Verknüpfung mit dem Inhalt ihrer Videos haben, sondern nur deswegen, weil sie wissen, dass diese Wörter oft gesucht werden. Jedes Video auf YouTube hat neben den Kategorien und Tags eine Zahl, die angibt wie oft das Video abgerufen wurde und ein Bewertungssystem, welches es erlaubt das Video über die Vergabe von fünf Sternen zu benoten. Diese zwei Funktionen erlauben es die soziale Akzeptanz der Videos zu identifizieren. Sowohl die Anzahl der Abrufe, so wie die Beliebtheit anhand der Sterne werden über Kategorien automatisch geordnet. Mit 81.263.889 Abrufen ist zum Beispiel das Musikvideo von Timberland „Apologize“ das meist geschaute Video auf YouTube und mit 1433 Bewertungen schaffte es ein Musikvideo von Lady Gaga das beliebteste Video des Monats „Januar 2010“ zu werden. So wird die Suche nach besonders beliebten und sozial akzeptierten Videos einfacher. Dies wird, wie wir sehen werden, auch bei der Wahl der Videos für die Analyse in dieser Arbeit dienen. Eine weitere wichtige Funktion, die in YouTube zur Verfügung steht, ist das Kommentieren der Videos. Hier kann jeder angemeldete Benutzer, mit einem anonymen Nicknamen, seine Meinung über das Video veröffentlichen. Dies dient als Plattform zur Diskussion und Kritik und für eine einfachere Kommunikation zwischen den Benutzern. Nebenbei zeigt es uns auch, ob diese Videos überhaupt wahrgenommen werden. Durch das Öffnen eines Nutzerkontos, welches gebraucht wird, um Videos hochzuladen oder zu kommentieren, können ausserdem Lieblingsvideos auf eine Liste gespeichert oder in eigene Themenlisten eingeteilt werden.

2.1.3 Probleme und Lösungen

YouTube bringt trotz den vielen Erneuerungen im Bereich des Internets, des Fernsehens, der Netzwerkbildung und der Verbreitung von bewegten Bildern auch Probleme und Phänomene, die sowohl den Verwalter von YouTube wie auch ihren Benutzern, Handlungs- und Lösungsbedarfe aufzwingen. Diese Probleme entstehen vor allem in zwei Bereichen. Einerseits durch die Verletzung von Urheberrechten im Bereich der Filme und Musik und auf der anderen Seite sind solche Videos problematisch, die die Nutzungsbedingungen verletzen oder zum Beispiel pornografische, diskriminierende, wie auch politisch inkorrekte Inhalte besitzen.

Dazu wird zum heutigen Zeitpunkt vor allem auf technische Lösungen gehofft (Machill, Zenker 2007: 24). Die Anzahl an Videos, die zur Verfügung stehen, ist dermassen hoch, dass der grösste Teil davon nur über Filter- und Erkennungssoftware überschaubar gemacht werden kann. Andere Methoden der Kontrolle sind meistens mit sehr hohen Kosten verbunden. Machill und Zenker schlagen vor allem vier Möglichkeiten vor, die die uneingeschränkte Verbreitung von bedenklichem Inhalt eindämmen könnte. Diese vier Vorschläge, die zum Teil schon ansatzweise benutzt werden, sind die stärkere Sensibilisierung der Nutzer, technische Lösungen, „User Empowerment“ und „Damoklesschwert-Funktion“ der Medienpolitik ( Machill, Zenker 2007: 23-24).

Der erste Versuch wäre die stärkere Sensibilisierung der Nutzer. Hier soll vor allem von den Betreibern aus mehr Aufklärung im Bereich Urheberrecht und problematische Inhalte geschehen. So könnte YouTube an zugänglichen Stellen auf bestimmte Themen und Inhalte aufmerksam machen. Dabei sollte diese Aufklärung vor allem auf den Inhalt spezifiziert werden. Ein Beispiel dafür wäre, dass Aufmerksamkeit auf den Missbrauch von Videos mit persönlichen Inhalten geworfen wird. Viele Jugendliche wissen noch immer nicht, dass private Informationen für verschiedene bösartige Handlungen Dritter missbraucht werden können. Andere problematische Themen, die man ansprechen könnte, weil sie auf YouTube erscheinen, sind vor allem Gewalt, Rassismus, Pornografie und Hass.

Unter den technischen Lösungsversuchen werden von Machill und Zenker zwei Möglichkeiten aufgezählt. So kann als erstes der Zugang zu bestimmten Videos für bestimmte Benutzer blockiert werden. Dies wird anhand der Altersbegrenzung im Zusammenhang von pornografischen Inhalten schon teilweise angewendet. Problematisch ist dabei immer noch die Möglichkeit das echte Alter der anonymen Benutzer herauszufinden. Nichts desto trotz wird versucht bestimmte Bereich für Erwachsene zu schaffen, die Minderjährige vor ungeeignetem Inhalt schützt, indem sie gewarnt werden, wenn ein ungeeignetes Video angeklickt wird. Diese Idee könnte gegebenenfalls auch auf bestimmte politisch inkorrekte oder gewaltverbreitende Inhalte verwendet werden. Im momentanen Stadium ist diese Form von Kontrolle aber nur für sexuelle, erotische und pornografische Inhalte vorgesehen. Die zweite Möglichkeit wäre, dass ein Programm hergestellt wird, welches gelöschte Videos wieder erkennen kann, in dem es beim Löschen zum Beispiel ein Ausschnitt davon gespeichert hat und so das erneute Hochladen blockiert. So könnten Videos, die nie wieder veröffentlich werden sollten, endgültig blockiert werden (Machill, Zenker 2007: 24).

Unter dem dritten Punkt, nämlich dem „User Empowerment“, versteht man eine Stärkung der Selbstreinigungskraft im Netz. Machill und Zenker gehen davon aus, dass der grösste Teil der YouTube-Benutzer seriös sind und sich von unangebrachten Inhalten im Internet distanzieren möchten (2007: 25). Es liegt also auf der Hand, dass diese selbst regulieren und herausfiltern, welche Videos ungeeignet sind. Dies wird so umgesetzt, dassjeder angemeldete Benutzer die Möglichkeit bekommt Videos zu „flaggen“. Dies bedeutet, dass jeder ein Tauglichkeitsurteil fassen darf. So können Benutzer ein Video, welches unangemessen scheint, an die Betreiber melden. Diese Meldung wird überprüft und anschliessend darauf reagiert und im Idealfall wird das Video gelöscht. Dies bringt eigentlich nur zwei weitere Probleme mit sich. Das erste Problem ist, dass viele YouTube-Benutzer kein aktives Konto im Portal haben und deshalb nicht die Möglichkeit besitzen ein Video zu „flaggen“. Zweitens beanspruchen solche Meldungen einen relativ langen Zeitraum. Dadurch bleiben „verbotene“ Videos wochenlang aktiv, ohne dass jemand etwas dagegen tun kann. Hier müssen die Betreiber einen Weg finden, um diese Mitwirkung benutzerfreundlicher zu gestalten und den Kontakt mit dem „Kunden“, zum Beispiel über gratis Hotlines, zu simplifizieren.

Der letzte Versuch Ordnung ins YouTube Chaos zu bringen ist das stärkere Eingreifen der Betreiber selbst. Selbstregulierung, wie es die ersten drei Prinzipien vorschlagen, ist die korrekte Richtung, aber sie kann das richtige Verhalten auf YouTube nicht fehlerfrei garantieren. Das Unterbinden von bedenklichem Inhalt muss also eine „Damoklesschwert­Funktion“ beibehalten. Dies bedeutet, dass eine stärkere Kontrolle der Betreiber selbst auf die Nutzer gerichtet werden muss. Dies ist sicherlich mit hohen Kosten verbunden, da es viele Mitarbeiter bräuchte, aber wahrscheinlich auch die sicherste Vorgehensweise.

Welche weiteren Probleme und Lösungen entstehen können, wird sich im Zusammenhang mit der Analyse und den Weiterführungen herauskristallisieren. Dabei wird vor allem für diese Arbeit interessant sein, inwiefern der symbolische Inhalt der Videos eine ausschlaggebende Rolle für die Regulierung solcher Videos besitzen kann.

2.2 Islam

In diesem nächsten Abschnitt soll der Islam nähergebracht werden. Es würde zu viel Platz und Zeit in dieser Arbeit einnehmen, wenn man sich umfassend mit dieser Religion auseinandersetzen müsste. Dennoch scheint es, aus Verständigungsgründen, bedeutsam zu sein, einen kurzen Blick auf diese Religion zu werfen. Damit dies gelingt, werden erst einmal kurz die wichtigsten Charakteristiken dieser Religion aufgezählt, ohne dabei zu tief in der Thematik zu versinken. Dies ermöglicht die Videoaufnahmen und ihre Symbolik im späteren Verlauf besser verstehen zu können. Danach soll erklärt werden, welche Probleme mit dem Begriff Islam in Europa auftreten und warum der Islam überhaupt ein bedeutungsvolles Thema geworden ist und ihren Platz in dieser Arbeit gefunden hat.

2.2.1 Was ist der „Islam“?

Islam ist eine stark wachsende Religion, die regional vor allem mit dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika in Verbindung gebracht wird. Typischerweise denken Nicht-Islamisten an Moscheen- und Minarettenbauten, Kopftücher, Zwangsehen und Terrorismus wenn sie vom Islam hören (Königseder 2009: 21). Aus welchen Grundideen besteht der Islam aber genau? Der Islam ist im Grunde genommen, aus sunnitischer Sicht, eine einfache Religion, weil sie einigen wenigen Grundprinzipien zugrundeliegt (Paret 1958: 11). Wenn man Islam zusammenfassen müsste, so würde man nach Larry A. Samovar, Richard Porter und Edwin McDaniel vor allem auf vier Grundannahmen kommen (2009: 123).Die vier Themen können unter den Überschriften, „Ein Gott“, „Unterwerfung“, „Fatalismus“ und „Jüngstes Gericht“ aufgegriffen werden.

„Ein Gott“: Verschiedene Zitate aus dem Koran, also dem wichtigsten Schrifttext der Muslime, bestätigen die Alleinherrschaft des einzigen Gottes Allah. So ist die grösste Sünde im Islam, wenn ein Gläubiger die Souveränität von Allah in anderen Menschen oder Gegenständen findet. Das heisst wiederum, es darf lediglich an einen Gott geglaubt werden und nur Allah hat eine göttliche Identität.

„Unterwerfung“: Die Unterwerfung ist ein sehr komplexes und aufwendiges Unterfangen, welches vor allem durch fünf Vorgehensweisen und Regeln erreicht werden kann. Diese fünf Unterwerfungspraktiken sind (1) die Wiederholung und Bestätigung des Glaubens, (2) das Beten, (3) milde Gaben, (4) das Fasten und (5) eine Wallfahrt nach Mekka, die wichtigste Gedenkstätte der Muslime (Samovar et. al. 2009: 125). Werden diese fünf

Unterwerfungsregeln eingehalten, so ist die Wahrscheinlichkeit eines heilsamen Lebens nach dem Tod so gut wie gewährleistet.

„Jüngstes Gericht“: Die Idee des „Jüngste Gerichtes“ beinhaltet den wichtigsten Teil des muslimischen Glaubens. Dieses letzte Gericht ist der Zeitpunkt, in demjeder Muslim vor Gott stehen wird und von diesem beurteilt wird. An diesem Tag werden all die guten und schlechten Taten der Gläubigen, sowie seine Unterwerfung abgewogen und darüber entschieden, ob derjenige in den Himmel mit all seinen Vorteilen oder in die Hölle mit seinen Nachteilen verbannt wird. Was unter Gut und Schlecht verstanden werden kann, ist stark umstritten und ändert sich immer in Abhängigkeit von der Auslegung des Korans.

Wichtig für das Verständnis des Islams ist aber auch die Tatsache, dass es nicht nur einen Islam gibt. So unterscheidet sich zum Beispiel einiges zwischen den Glaubensrichtungen der Sunniten und der Schiiten oder die der Fundamentalisten, die aber auch gleichzeitig Sunniten oder Schiiten sein können. Die Sunniten machen etwa 85% aller Muslime aus, während 15% Schiiten sind (Esposito 2009:16). Ein wichtiger Konflikt dieser ersten zwei Gruppierungen, über das Verständnis des Islam, ist hier zum Beispiel die Frage nach dem Nachfolger von Mohammed, dem Propheten. Die Sunniten wollen den Nachfolger von Mohammed durch eine Wahl festlegen, während die Schiiten über Mohammeds Stammbaum, entscheiden wer als nächstes diese Rolle einnehmen sollte. Es unterscheiden noch weitere Merkmale diese zwei Konfessionen des Islams, welche Beispiele dafür sind, dass es verschiedene Formen und Auslegungen dieser Religion gibt. Es sollte also immer im Hinterkopf behalten werden, dass es mehrere Formen und Ausrichtungen dieses Glaubens gibt und dieser nicht unter ein Territorium oder politische Gruppe subsumiert werden kann. Diese fehlende Differenzierung und die Intensität des Glaubens verschiedener Richtungen und die Tatsache, dass ein grosser Teil der Nichtmuslime nur über Stereotypen und Symbole an den Islam denken können, führen zu verschiedenen Problemen und Phänomenen, die für die Analyse eine wichtige Rolle spielen werden.

2.2.2 Themen und Probleme im Zusammenhang mit dem Islam

Die Auseinandersetzung mit dem Islam bedeutet für Nicht-Muslime vor allem das Rekurrieren auf Wissensbestände über diese Religion, die oft falsch, unvollständig oder einfach irreführend sind. Der Islam hat somit in der westlichen Welt einen bitteren Nachgeschmack. Vor allem nach dem Terroristenattentat am 11. September 2001 schauen viele Menschen ängstlich in den Nahen und Mittleren Osten und in all die anderen Gebiete in denen Muslime eine Mehrheit sind. Man kann sogar behaupten, dass Terror und Hass für die „westliche Welt“ Synonyme für den Islam geworden sind (Dalal 2007: 77). Islam wird in Europa also über Stereotypen und Vorurteile konstruiert. Dabei sollen aber die Stereotypen nicht nur als eine negative Konstruktion des Fremden gesehen werden, sondern auch als nötige Reduktion von Komplexität und Realität (Trebbe 2009:56). Die Form und Weise wie diese aber benutzt wird, kann wiederum zu Problemen führen. Wie diese Konstruktion in den Videos auftritt, wird ein zentraler Teil der Analyse der Videos. Diese Stereotypen und Vorurteile werden auch im Zusammenhang mit der symbolischen Konstruktion von Kommunikation ihren Aufdruck bekommen.

Eine andere wichtige thematische Frage, welche uns in der Analyse beschäftigen wird, ist welche Probleme aus der zunehmenden Einwanderung von Menschen mit islamischem Hintergrund entstehen. Hier kollidieren nämlich zwei „Kulturen“, die ein Problem für die Integration in Europa darstellen. Auf der einen Seite haben wir eine christliche Tradition, die ihre Glaubwürdigkeit aufrechterhalten möchte, da sie sowohl Werte, Gesetze, so wie auch Denkweisen in Europa geprägt hat und auf der anderen Seite der Islam, der dieselben Ansprüche an die Gesellschaft stellt und versucht Probleme in dieser auf seine Art zu lösen (Böttigheimer 2009: 169). Aber auch Inhalte wie Menschenrechte, Frauenrechte und das freie, ungehinderte Ausleben einer Religion treffen konfliktreich aufeinander. Muslime haben in dem demokratischen Europa verschiedene Anpassungsprobleme. Die tägliche Religionsausübung wird zum Beispiel dadurch gestört, dass der Muslim nicht ohne weiteres von der Schule oder der Arbeit frei nehmen kann um das tägliche Pflichtgebet auszuführen (Esposito 2009: 216). Auch das Tragen des Kopftuches wird oft für Frauen verboten, die dies freiwillig machen wollen. Das europäische Schulwesen bereitet weitere Probleme wie die fehlende Geschlechtertrennung im Sportunterricht. Dies sind alles Problemfragen, die erstmals ungelöst bleiben müssen. Für eine Lösung dieser Abgrenzung und des schwierigen Zusammenlebens schlägt Alois Hahn eins vor. Es muss ein Verzicht auf den Anspruch einer gesamtgesellschaftlichen Respektierung und Befolgung von Regeln und Glauben geschehen, um so das friedliche koexistieren des Fremden Islams im neuen Territorium zu ermöglichen (Hahn 1997: 129).

Das dritte Problem, welches auch mit der Verständigung über den Islam zu tun hat, ist ob überhaupt klar ist, wo die Grenze vom Islam zu allem anderen gezogen werden kann. Vermag man die Grenze zwischen Christentum und Islam so genau definieren? Es scheint oft gar nicht klar zu sein, wer auf welcher Seite ist und auf welche Werte und Normen Anspruch genommen wird. Da es schon nicht ganz klar definierbar ist, was ein Muslim genau ist, ist es auch nicht einfach definierbar was ein Christ oder Europäer genau ist. Kann man denn Europäer und Muslim gleichzeitig sein? Spricht man bei diesen aufeinanderstossenden Mächten von Christen und Muslimen, von Europäern und Araber, von Weissen und Schwarzen oder von Deutschen und Türken? Im Laufe der Analyse der Videos wird es eindeutiger werden, was unter dem Islam in den Videos wirklich verstanden wird und was für ein Bild davon benutzt wird, um Hass und Ausgrenzung zu propagieren.

2.2.3 Warum Islam?

Warum wurde also genau das Thema Diskriminierung der Muslime als Gegenstand der Videos für die Analyse gewählt, wenn doch auch andere Konflikte auf YouTube geführt werden? Der Islam ist wie wir oben gesehen haben eine stark kritisierte Glaubensrichtung und wird deshalb zu einem sehr interessanten Untersuchungsgegenstand. Er lässt das Arbeiten mit dem Missbrauch von Fremdbildern zu und der Verbreitung von Stereotypen und Vorurteilen, die zum Teil als Normalität empfunden werden. Ausserdem beschäftigt in letzter Zeit das Thema „Islam als Bedrohung“ die Medien und die Nutzer besonders ausgeprägt. Die bejahte Volksinitiative über das Bauverbot der Minarette im November 2009 in der Schweiz zeigte, dass der Islam und seine Symbole wie auch Traditionen in der christlichen Welt noch nicht akzeptiert werden können. Es entstehen viele interessante und gesellschaftlich relevante Themenverbindungen zu dieser Initiative wie die Frage nach den Menschenrechten, Frauenrechten, Immigration, Schengen-Abkommen, EU-Beitritt und die stille Islamisierung.

Die Wichtigkeit der Konfrontation mit den Problematiken, die der Islam in Europa mit sich bringt, sieht man anhand einiger Zahlen. Der Islam ist nämlich keine Randerscheinung. Dies beobachtet man anhand des starken Wachstums der Mitglieder und daran, dass verteilt auf die ganze Welt ungefähr 1.5 Milliarden Gläubige gegenwärtig sind (Samovar et. al 2009: 121). Dies beschreibt ca. 20% der Bewohner der Welt. Europa scheint dabei immer näher an fremde Grenzen zu wachsen und so entstehen immer wieder Auseinandersetzungen mit diesen Andersdenkenden. Es soll also nicht nur betrachtet werden wie Kommunikation auf YouTube im Zusammenhang mit dem Islam geschieht, sondern auch dass Kommunikation über den Islam überhaupt geschieht. Die Tatsache, dass wir als Schweizer über ein Minarettverbot abstimmen mussten, zeigte schon, dass wir uns mit dem Islam thematisch auseinandersetzen wollen.

2,3 Der Fremde, Diskriminierung und Fremdenhass

Wie oben dargestellt wurde, ist YouTube eine wichtige neue Plattform des Mediums Internet. Dass sich darunter auch vieles befindet, was bedenkenswert ist und inhaltlich nicht vertretbar sein sollte, kann oft nur dann verstanden werden, wenn ein differenzierter Blick auf diesen Inhalt geworfen wird. Dadurch dass der Islam, oft über Stigmata und Stereotypen gehandhabt wird und die Angst vor dieser Religion in Europa weit verbreitet ist, ist es nicht verwunderlich, dass auch auf YouTube diese Angst auf verschiedene Arten manifestiert wird. Unter diesen Manifestationen, die hier später anhand der Videoanalysen betrachten werden, sind vor allem das Fremde, die Diskriminierung und der Hass zentrale Themen vieler dieser Videos. Was unter diesen Begriffen genau verstanden werden kann, soll in folgenden Abschnitten erläutert werden.

2.3.1 Das Fremde und seine Charakteristiken

Der Fremde hat im Laufe der Zeit verschiedene Definitionen bekommen, die immer wieder kleinere oder grössere Veränderungen beinhalteten. Simmel beschreibt einen Fremden, welcher in dieser Arbeit als besonders nützlich erscheint. Es ist der Fremde, der heute kommt und morgen bleibt, ein sogenannter potenzieller Wandernder, der die Zwanglosigkeit des Kommens und Gehens nicht überwunden hat (Simmel 2002: 47). Dies beschreibt wohl sehr genau den Status des fremden Muslims, der in die europäische Gesellschaft kommt oder ist, und sich in diesem Zwischenbereich zurechtfinden muss. Er ist weder zuhause noch gehört er der mehrheitlichen „Inngruppe“, in diesem Fall den Christen, an. Simmel beschreibt ausserdem den Fremden nicht als ein Individuum, sondern als eine Konstruktion, die auf bestimmte Merkmale aufgebaut ist, welche so verschieden wie möglich von den unseren sind. Das Wichtige daran ist, dass diese Konstruktion die Fremdheit und Ferne dieser Gruppe stärkt und fassbar macht und die Eigenheiten der „Inngruppe“ festigt.

Konstruktion scheint der Schlüsselbegriff vom Fremden und Eigenen zu sein. Im alltäglichen Umgang benutzen wir dafür Stereotypen als natürliche Vorgehensweisen, um so das Unbekannte zu Teilen fassbar zu machen. Im Fall des Islams entsteht die Konstruktion des Fremden hauptsächlich über die Religionszugehörigkeit und ihre religiösen Merkmalen. Die Religionsfremde werden aber auch Landesfremde (Hahn 1997:127). Sie bekommen neben den religiösen Stereotypen auch solche, die man Staaten oder gegebenenfalls auch „Rassen“ zuordnen kann. Die Religion wird aber trotzdem zur wichtigsten Identifikation dieses Unbekannten. Wie oben gesehen ist es relativ üblich bei Muslime die Religion als das wichtigste Identitätsmerkmal dieses Fremden zu erfassen, unabhängig davon ob diese Stereotypisierung als positiv, negativ oder völlig falsch und emotional empfunden wird. Das Fremde kriegt aber dadurch auch andere Typisierungen, die mit der Religion in Zusammenhang stehen. Solche können zum Beispiel die der nationalen Zugehörigkeit und „Rasse“ sein oder die Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen. So kommen weitere Zuschreibungen in die Konstruktion, wie die des Afrikaners, des Türken, des Terroristen oder des Immigranten und all die damit verbundenen Merkmale, die zu diesen weiteren Kategorien passen. Diese Beschreibungen sind wiederum mit weiteren Vorurteilen gekennzeichnet. Bei Fremden werden zum grössten Teil die schlechten und auffälligsten dieser Merkmale wiedererkannt und immer konsequent wiederholt. Das Fremde ist dabei keineswegs eine individuelle Konstruktion, sondern wird im Kollektiv zusammengestellt (Bergmann 2001:39). Die Gruppe die dem Fremden seine Merkmale zuschreibt, einigt sich also durch Kommunikation auf die Charakteristiken und Typen, die die stigmatisierte Gruppe bekommen wird. Diese Verständigung über die Konstruktion des Fremden ist ausschlaggebend für die Analyse, da wir dadurch auch die Gefahren der YouTube-Videos betrachten können.

Der Fremde ist also eine soziale Konstruktion, welche wir brauchen um mit denjenigen umgehen zu können, von denen wir uns unterscheiden wollen und von denen wir nur Oberflächliches und Stereotypisches wissen. Wenn wir also Videos betrachten werden, die anhand von Symbolen kommunizieren werden, so finden wir mit höchster Wahrscheinlichkeit auch das Fremde und seine Darstellung darin wieder. Diese Konstellation scheint besonders wichtig, weil sie helfen könnte, differenzierter auf die Informationen der Videos einzugehen. Es ermöglicht einen Abstand vom Inhalt zu nehmen und so wichtige Vorurteile und Stereotypen als solche zu identifizieren und einzuordnen, wie und wer diskriminierend handelt und wer benachteiligt wird.

2.3.2 Diskriminierung und Hass

Diskriminierung ist kein aussergewöhnliches Phänomen wenn es darum geht, mit Fremdem und Minderheiten umzugehen. In allen Fällen hat dieser Ausdruck, im Gegensatz zu Stereotypisierungen, eine negative Färbung (Lippert-Rasmussen 2006: 167). Um die Diskriminierung am besten zu definieren, werden auf rechtliche Bestimmungen zurück gegriffen. Diese können am genausten erklären, was es wirklich ist, was erlaubt oder nicht erlaubt ist und wo eine Grenze gezogen werden kann.

Da in dieser Arbeit von einer Diskriminierung gegen eine Minderheit in Europa gesprochen wird, kann die Definition des Begriffes auf die universellen Menschenrechte gestützt werden. Denn obwohl die universellen Menschenrechte auf ihren universellen Charakter verweisen, haben sie in vielen Ländern nicht den Wert, den sie in Europa bekommen. „Mit dem Begriff Diskriminierung bezeichnet das Völkerrecht qualifizierte Fälle von Ungleichbehandlung, welche eine Benachteiligung wegen der Rasse, des Geschlechts, der Geburt, der ethnischen Herkunft, der Religion, der politischen Überzeugung oder ähnlicher Gründe bezwecken oder bewirken, d.h. mit Merkmalen begründet werden, die einen nicht oder nur schwer verzichtbaren, wesentlichen Bestandteil der Identität der betreffenden Person ausmachen“ (Kälin, Künzli 2005: 345).

Damit eine Tat als diskriminierend geltend gemacht werden kann, müssen aber vier Voraussetzungen erfüllt sein. Die erste wäre die Ungleichbehandlung. Diese kann im Sinne einer Unterscheidung, Ausschliessung, Beschränkung oder Bevorzugung geschehen. Als Zweites müsste eine Benachteiligung entstehen. Dies bedeutet, dass die Personen oder Gruppen im Vergleich zu anderen Menschen, in derselben Situation, eine Benachteiligung erfahren. Die dritte Voraussetzung ist, dass die Benachteiligung anhand der Ungleichbehandlung an ein verpöntes Unterscheidungsmerkmal anknüpft. Das bedeutet, dass die Diskriminierung wegen einem persönlichen Merkmal stattfindet, der an sich nichts Negatives trägt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Kopftuch, Halbmond, Kreuz und Terror: Die Symbolik im "Web 2.0"
Untertitel
Eine qualitative Sequenzanalyse von YouTube-Videos über Diskriminierung und Hassverbreitung gegen den Islam
Hochschule
Universität Luzern
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
71
Katalognummer
V160281
ISBN (eBook)
9783640736966
ISBN (Buch)
9783640737062
Dateigröße
852 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
youtube, rassismus, hass, Islam, medien, symbole, video, analyse, sequenzanalyse, bachelor, religion, massenmedien, film, fremde, web 2.0, internet, diskriminierung, soziologie, kopftuch, halbmond, kreuz, terror
Arbeit zitieren
Basil Allemann (Autor), 2010, Kopftuch, Halbmond, Kreuz und Terror: Die Symbolik im "Web 2.0", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160281

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