Menschenbilder als soziale Konstrukte: Wahn und Wahnsinn - die Hexenverfolgungen


Seminararbeit, 2002

27 Seiten, Note: Sehr Gut

Anonym


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. DIE HEXENVERFOLGUNGEN IN EUROPA
1.1. Der Ursprung des Hexenwesens
1.2. Der teuflische Sündenbock
1.3. Das traditionelle Hexenbild
1.4. Der Hexenwahn und dessen Ende

2. MENSCHENBILDER IM WANDEL
2.1. Über das Entstehen und Wesen von Menschenbildern
2.2. Fallbeispiel: Die Hexen von Salem

ZUSAMMENFASSUNG

ANHANG

LITERATURVERZEICHNIS

BILDERNACHWEIS

EINLEITUNG

Wir kennen sie alle. Wer kennt sie wohl nicht? Sie begleiteten uns durch die Zeitalter hinweg, durch unsere Träume, Sehnsüchte, Überlieferungen, Traditionen, Geschichten und Märchen, letztendlich auch durch unsere innersten Ängste und eigene Imaginationskraft.

Sie reiten und fliegen auf Besen und rühren des nachts in einem riesigen Kessel eine dampfende giftige Brühe zum Unheil der Menschen. Sie bringen Hagel und Verderben über die fruchtbaren Felder und rauben neugeborene Kinder, um sie letztendlich einer dunklen Macht zu opfern. Wo sie sind, sind auch Hass und Zwietracht im Volke zu finden. Sie sind dem Teufel ergeben und verkehren mit ihm.

So manch unheilvolles schwarzes Getier ist ihr steter Begleiter. Sie sind sowohl hässliche von Warzen übersäte, bucklige alte Weiber, als auch verführerische - vielleicht zu verführerische? - junge Frauen, die schamlos die Festen der Heiligen Christenkirche zu schleifen versuchen. Sie verfügen über magische Kräfte, die ein gottesfürchtiger Mensch nicht kennen kann. Sie verkörpern das Dunkle, die allgegenwärtige Versuchung, das große Unbekannte auf dieser Welt. Sie waren und sind unter uns, und werden es in Zukunft wohl immer noch sein: die Hexen.

Urteile und Vorurteile, Wissen und Aberglauben, Bilder und Abbilder, Sein und Schein - ein wohl ewiges unbeherrschbares Netzwerk im Leben des Menschen, das im Menschenbildnis der satansbesessenen Hexe einen weiteren Ausdruck fand. Wie konnte es vor über 600 Jahren so weit kommen, dass tausende unschuldige Frauen, Männer, Kinder und selbst Tiere denunziert, gefoltert und letztendlich auf qualvolle Art verbrannt wurden? War in jenen Zeiten, bis herauf ins 18. Jahrhundert, die Vernunft noch nicht geboren, oder handelte es sich dabei lediglich um einen Entwicklungsprozess, der in seinem Prinzip bis heute noch seine Wirkung hat? Haben wir selbst noch in unserer scheinbar so freidenkerischen, aufgeklärten westlichen Welt eine von Vorurteilen geprägte Verhaltensweise? Diese Seminararbeit versucht anhand des Menschenbildes der Hexe eine Antwort darauf zu geben.

1. DIE HEXENVERFOLGUNGEN IN EUROPA

1.1. Der Ursprung des Hexenwesens

Schon seit jeher war es des Menschen Bestreben, das Unbenannte, das Unerkannte, die geheimnisvollen Kräfte und Mächte der Natur und des eigenen Wesens zu ergründen und zu beherrschen. Doch je mehr er glaubte, Einsicht über das wahre Wesen der Dinge zu erhalten, musste er erkennen, dass sich mit dem Anwachsen seines Wissens – frei im Sinne des französischen Philosophen Blaise Pascal – die Berührungspunkte mit dem Unbekannten gleichermaßen vermehrten. Es gab immer wieder etwas Neues, das außerhalb seines Wahrnehmungskreises beziehungsweise Wissenshorizontes stand. Dasjenige, das er nicht erkennen konnte, versuchte er durch wundersame Geschichten und Mythen in eine für ihn verständliche Sprache zu kleiden, so wie es bis heute noch, und vor allem in sämtlichen Religionen, Glaubenssystemen, Philosophien, Sekten und Ideologien der Fall ist.

Das Hexenbild hat es daher bereits schon immer gegeben. Es verbirgt sich in jedem einzelnen von uns, egal ob Mann oder Frau. Man findet und fand es immer wieder in solchen Menschen, die sich am Rande der Gesellschaft mit all ihren Werten und Normen bewegten und bewegen. Sie unterscheiden sich vom Bild der breiten Masse, denn ein Teil ihres Wesens erscheint ihr rätselhaft, fremd und unverständlich. Seit dem Altertum und noch viel früher, fand man sie zum Beispiel in den Hebammen, Tierheilern, Kräuterweiblein, Wahrsagern, Medizinfrauen und Schamanen, beziehungsweise in solchen Menschen, die ein wenig mehr Einblick in das Wesen der Natur hatten oder auch in solchen, die nur geglaubt hatten dieses Wissen zu besitzen. Jedenfalls verfügten sie über ein scheinbar oder vielleicht sogar tatsächliches Wissen, das sich die breite Masse an Menschen nicht so ohne weiteres erklären konnte, oder aufgrund strenger religiöser oder politischer Indoktrination nicht erklären durfte.

Zauberei und Hexenwesen hat es seit Bestehen des Menschen und namentlich bis hinauf zu Karl dem Großen (8./9. Jahrhundert) gegeben. Bis in jene Zeiten war Zauberei ein ganz natürliches Instrument, dessen man sich auch oft und gerne bediente. Damals wurde jedoch lediglich der Schadenszauber, die ehrenkränkende Beschimpfung als Hexe und der zauberische Kannibalismus als rechtswidrig bestraft.[1] Laut dem anonymen Canon Episcopi aus dem 10. Jahrhundert (also zur Zeit der christlichen Missionierung Europas) stand die katholische Kirche dem mit dem Gedankengut heidnischen Volksglaubens genährten Hexenwesen sogar äußerst gleichgültig gegenüber.[2] Laut seinen Worten waren Magie und Hexerei sogar schier unmöglich. Die sogenannten Hexen und Zauberer sollten daher für ihr verblendetes Selbstverständnis maximal im Sinne des wahren christlichen Glaubens zurechtgewiesen jedoch nicht bestraft werden.

Eine radikale Änderung in dieser Sichtweise trat im frühen 14. Jahrhundert ein. Die bisher relativ gut in sich selbst gefestigte mittelalterliche Gesellschaft wurde durch den Zusammenbruch des feudalen Systems, von Kriegen und Hungersnöten und von Spaltungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche in ihren Grundfesten schwer erschüttert. Alleine das Auftreten der Pest (in den Jahren 1348 bis 1352) raffte in Europa rund 25 Millionen Menschen, also ein Drittel der damaligen Bevölkerung, dahin. Als Folge all dieser eben genannten Umwälzungen entstanden Angst, Panik und Unruhe im sozialen Gefüge der mittelalterlichen Gesellschaft. Man schien sich auf ein alles verschlingendes apokalyptisches Chaos hinzubewegen, das natürlich auch die Autorität von Staat und Kirche ernsthaft bedrohte. Da man sich außer Standes sah, die zunehmenden Spannungen mit herkömmlichen Mitteln zu erklären, bedurfte es immer mehr eines bereinigenden Katalysators, eines befreienden Ventils – eines Sündenbockes.

Der gewünschte Sündenbock war schnell gefunden, wurde das Chaos doch mit dem Bösen schlechthin – mit Satan – personifiziert. Für die eigentliche Verfolgung kam daher beinahe jede nicht christliche Gruppe in Frage. Anfangs dienten noch in massiver Form die Juden (die Jesus angeblich verraten und gekreuzigt hatten) und andere ketzerische Sekten als Schuldige. Gegen die asketische Bewegung der Katharer, zum Beispiel, denen man unter anderem vorwarf sich mit dem Teufel persönlich gegen die von Gott gegebene katholische Ordnung verschworen zu haben, wurden regelrecht ganze Kreuzzüge geführt, bis man sie schließlich ausgerottet zu haben glaubte. Das gleiche Schicksal widerfuhr dem wohlhabenden (und somit vielleicht zu mächtigen) christlichen Kreuzfahrerorden der Templer, dessen Mitglieder auf Geheiß König Philipp IV. von Frankreich, der über die Unterstützung des Papstes (der den Orden im Jahre 1312 endgültig offiziell auflöste) verfügte, zu Beginn des 14. Jahrhunderts ihres Eigentums enthoben, verfolgt, gefoltert, getötet und ausgerottet wurden.

Als schließlich dann alle häretischen Sekten beseitigt zu sein schienen, verband man auf geschickte Art die bisherige traditionelle, allseits praktizierte oder auch nur tolerierte Zauberei mit dem Satanismus, der Verehrung des Teufels als höchste Gottheit. Von nun an war die von der Kirche verdammte sündhafte Hexerei – so wie wir sie heute kennen – geboren.

1.2. Der teuflische Sündenbock

Die eben genannten Epidemien, Veränderungen und Katastrophen waren in ihren bisher unbekannten Ausmaßen so erschreckend, dass in den Augen der damaligen Menschen selbst der Teufel alleine diese nicht bewirken hätte können. Er bedurfte dazu anscheinend noch – neben einem allen Mächten und fehlbaren Seelen überstehenden strafenden und zur Buße anhaltenden strengen Gott – einer Reihe von teuflischen Komplizen aus den eigenen menschlichen Reihen für die Verwirklichung der dunklen Pläne Satans, das Königreich der Finsternis hier auf Erden zu errichten.[3]

Diese These entwickelte unter anderem die Inquisition, jene Institution der römisch-katholischen Kirche, deren bisherige Aufgabe es war, Häresie in all ihren Formen aufzuspüren und zu vernichten. Und da die unumstößliche Basis des christlichen Glaubens nach wie vor die Bibel darstellte, wurden nun deren Schriften immer wieder durchkämmt, untersucht und uminterpretiert, um die Machenschaften des Teufels mit dem Menschen endgültig als Faktum zu beweisen. Man vergesse hierbei auch nicht, dass bis dahin, wie bereits erwähnt, die Möglichkeit der Hexerei in den Augen der Kirche schier unmöglich war und somit auch erst einmal stichhaltig widerlegt werden musste. Letztendlich wurde dann auf Basis der Bibel und diverser Schriften von anerkannten Kirchenvätern, wie zum Beispiel Augustinus, die Theorie entwickelt, dass eine neue Art von Zauberern entstanden sei, die den Teufel anbeteten und in Form einer weltweiten geheimen Verschwörung den Sturz der auf Gott persönlich beruhenden christlichen Kirche anstrebten. Es war somit nicht der angeblich durch Hexerei bewirkte Sachschaden, sondern vielmehr der Bund mit dem Teufel per se, der der bedingungslosen Verfolgung würdig war. Es war die alleinige Tatsache, dass jene Menschen mit Gott, Jesus und deren katholischen Kirche gebrochen hatten, die entscheidend war. Ein schwerwiegenderes Verbrechen gab es für die Menschen jener Zeit nicht. Unter diesem Aspekt waren ausnahmslos alle schuldig, die der Hexerei überführt wurden, selbst wenn es sich dabei um offensichtliche unzurechnungsfähige Menschen, die niemandem Schaden zugefügt hatten, handeln sollte. Sie waren durch ihren angeblichen eingegangenen satanischen Bund eben Teil jener weltweiten ketzerischen Verschwörung, und das alleine genügte, um sie dem Henker zu übergeben.

Im Jahre 1320 wurde schließlich diese Theorie unter großem Druck seiner Anhänger von Papst Johannes XXII. offiziell anerkannt. Ab nun war die bisher als unmöglich gehaltene Hexerei eine bewiesene Ketzerei, da sie auf einem Pakt mit dem Teufel gründete. Die Inquisition wurde wieder mit der Verfolgung und Ausrottung der besagten sündigen Elemente betraut, die spätestens im Jahre 1484 mit dem Erscheinen der von Papst Innozenz VIII. abgesegneten Schrift Summis desiderantes affectibus (dt.: Hexenbulle) und der im Jahre 1487 publizierten Abhandlung Malleus maleficarum (dt.: Hexenhammer) die letzte rechtliche Legitimation bekam.

1.3. Das traditionelle Hexenbild

Die klassische Hexe ist, auch wenn im Laufe der Hexenverfolgungen der Anteil der an Hexerei überführten Männer stetig anstieg, eine Frau. Dieses Bild schlug sich auch deutlich in Zahlen nieder. So wurden zwischen den Jahren 1300 und 1500 zum Beispiel doppelt so viele Frauen der Hexerei angeklagt als Männer.[4]

In einer Kirchentradition, in der im Jahre 585 auf der Kirchensynode von Macôn noch ernsthaft darüber debattiert wurde, ob eine Frau überhaupt als "menschliches Wesen" zu bezeichnen sei, scheint diese Frauenfeindlichkeit jedoch nicht besonders verwunderlich.[5] Auf dieser Versammlung wurde der Frau unter anderem die alleinige Schuld an der Erbsünde und somit selbst der dadurch notwendig gewordene Tod Christi, der ja angeblich für die Vergebung der Sünden aller Menschen gestorben ist, angelastet.

[...]


[1] vgl. Ennen, in: Segl (Hrsg.), 1988, 10.

[2] vgl. Pickering, 1999, 9.

[3] vgl. Segl, 1988, 168.

[4] vgl. Segl, 1988, 155.

[5] vgl. Harenberg, 1983, 117.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Menschenbilder als soziale Konstrukte: Wahn und Wahnsinn - die Hexenverfolgungen
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Pädagogik)
Veranstaltung
Seminar
Note
Sehr Gut
Jahr
2002
Seiten
27
Katalognummer
V16049
ISBN (eBook)
9783638210010
Dateigröße
911 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menschenbilder, Konstrukte, Wahn, Wahnsinn, Hexenverfolgungen, Seminar
Arbeit zitieren
Anonym, 2002, Menschenbilder als soziale Konstrukte: Wahn und Wahnsinn - die Hexenverfolgungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16049

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