Ein Mann zwischen zwei Frauen - Die Dreieckskonstellation in Judith Hermanns Kurzgeschichte "Sonja"


Seminararbeit, 2010
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1. Die Faszination Sonja

Judith Hermanns Sonja weckt, als eines der wenigen zeitgenössischen Werke auf der Literaturliste, mein Interesse. Besonders packend wirkt der schlichte, beinah ungelenk anmutende Schreibstil der Autorin. Zudem ist es die vorliegende Differenz zwischen Autor- und Erzählgeschlecht, die mich dazu bewegt, mich näher mit dem Werk auseinanderzusetzen.

Letztlich ausschlaggebend aber ist die junge Frau, die plötzlich in das Leben des IchErzählers tritt und sich den Raum nimmt, den sie möchte. Ihre äußerst eigenwillige Art sowie ihr ausgeprägtes Bedürfnis nach Individualität sind bewundernswert. Die Faszination, die den Ich-Erzähler über Sonja nachdenken lässt, hat auch mich gepackt.

Besonders das alte Motiv der Dreiecksbeziehung ± hier ein Mann zwischen zwei Frauen ± sticht heraus und die Frage, warum der Erzähler seine Entscheidung für die eine und gegen die andere Frau trifft, stellt sich. Um dieses näher zu beleuchten, werden im Folgenden zu- nächst die Beziehungen der einzelnen Frauen zum anonymen Ich-Erzähler textanalytisch ana- lysiert und interpretiert. Anschließend findet eine Einordnung der Rollen aller drei Beteiligten statt, bevor auf den Ausgang der Kurzgeschichte sowie die damit einhergehende Situation des Erzählers eingegangen wird. Das abschließende Fazit beschäftigt sich deutend mit dem Aus- gang der Erzählung.

2. Die Dreieckskonstellation

Yeah, she caught my eye,

As we walked on by.

She could see from my face that I was, Flying high,

And I don't think that I'll see her again, But we shared a moment that will last till the end.1

2.1 Sonja

,,Sie war uberhaupt nicht schon. Sie war in diesem ersten Moment alles andere als schon [...J."2 Es ist nicht ihr Äußeres, sondern ihre Art, ihn zu faszinieren, die den Ich-Erzähler ab der ersten Begegnung an die Protagonistin Sonja bindet. Sie treffend zu charakterisieren, gelingt ihm jedoch nicht. Bevor die erste Begegnung zwischen beiden geschildert wird, versucht der Ich-Erzähler retroperspektiv, seine Sicht auf Sonja zu artikulieren.

Sonja war biegsam. Ich meine nicht dieses ,biegsam wie eine Gerte', nicht korperlich. Sonja war biegsam - im Kopf. Es ist schwierig zu erklaren. Vielleicht - daB sie mir jede Projektion erlaubte. [...] jede mogliche Wunschvorstellung von ihrer Person [...]. Sie konnte herrlich sein und schon [...] ich glaube, sie war so biegsam, weil sie eigentlich nichts war.3

Dass diese Beschreibung in keiner Weise seine tatsächliche Beziehung zu der jungen Frau widerspiegelt, wird im weiteren Verlauf schnell deutlich. Im Fortgang der Geschichte wird jedes Zusammentreffen beider Protagonisten vom Ich-Erzähler genau geschildert. Nach der ersten Begegnung ist es der Ich-Erzähler selbst, der erneut Kontakt zu Sonja aufnimmt. Zwar ähnelt das folgende Treffen in einer Bar einem Rendezvous, jedoch scheint Sonja zunächst keinen bleibenden Eindruck beim Ich-Erzähler zu hinterlassen, denn er vergisst Sonja sofort.4 Auch die junge Frau nimmt erst nach einiger Zeit wieder Kontakt zu ihm auf.

Dann aber entwickelt sich eine enge Beziehung zwischen Sonja und dem Künstler, jedoch stellt sich heraus, dass diese auf einer asexuellen Basis ausgelebt wird: „[W]ir gingen nachts Arm in Arm durch die StraBen, und dabei blieb es."5 Zu keinem Zeitpunkt deutet sich zwischen ihnen eine körperliche Beziehung an. Als beide im selben Bett übernachten, beschreibt der Ich-Erzähler eine mögliche Annäherung als gar inzestuös.6 Was die beiden Protagonisten verbindet, ist anderer denn sexueller Natur.

Besonders bedeutsam für den Gang der Handlung scheint die Bedeutung von Sonjas Blicken und Augen. Erstmals findet sich dieses Motiv bereits bei der ersten Begegnung beider im Zug.

Ihre Augen waren nichts Besonderes, sie waren vielleicht grun, nicht sehr groB, und sie standen ziemlich eng beieinander. [...] sie schaute zuruck, ohne Erotik, ohne Flirt, ohne Schmelz, aber mit einem Ernst und einer Direktheit, daB ich sie hatte ins Gesicht schlagen konnen.7

Die junge Frau redet kaum,8 bis zum Schluss, so gibt der Ich-Erzähler zu, sind ihm keine Details über ihr Umfeld bekannt. Die genaue Beschreibung ihrer Augen deutet an, dass diese ihr wichtigstes Ausdrucksmittel sind. Sonjas Blicke scheinen das zu sein, was den Erzähler nicht mehr von ihr loskommen lässt. Das Auge fungiert als Symbol des Geistes und der Erkenntnis sowie des Göttlichen.9 Offensichtlich impliziert ihr Blick Kontrolle über den Erzähler,10 der zunehmend ± wenn auch unbewusst - abhängig von ihr wird.

[...]


1 Blunt, James: You're beautiful. Atlantic Records, Custard Records 2005.

2 Hermann, Judith: „Sonja" aus „Sommerhaus, spater". Erzahlungen. 15. Auflage. Frankfurt a.M.: Fischer Verlag September 1998, S. 56.

3 Ebd., S. 55

4 Vgl. Ebd., S. 61

5 Ebd., S 71

6 Vgl. Ebd., S. 72

7 Ebd., S. 57

8 Vgl. Ebd., S. 68

9 Vgl. Butzer, Günter; Jacob, Joachim (Hrsg.): Auge. in dies.: Metzler Lexikon literarischer Symbole. Stuttgart; Weimar: Verlag J. B. Metzler 2008, S. 27

10 Vgl. Ebd., S. 340

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Ein Mann zwischen zwei Frauen - Die Dreieckskonstellation in Judith Hermanns Kurzgeschichte "Sonja"
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Neuere Deutsche Literaturwissenschaft II
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
9
Katalognummer
V160843
ISBN (eBook)
9783640742608
ISBN (Buch)
9783640742905
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Arbeit zitieren
Katharina Calenborn (Autor), 2010, Ein Mann zwischen zwei Frauen - Die Dreieckskonstellation in Judith Hermanns Kurzgeschichte "Sonja" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160843

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