Zweisprachigkeit: Sprachförderung in der Erziehungspraxis


Seminararbeit, 2008

28 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Einführung

2 Theoretischer Einstieg
2.1 Erstsprache-Zweitsprache
2.2 Muttersprache-Fremdsprache
2.3 Familiensprache-Umgebungssprache
2.4 Doppelter Erstspracherwerb-Sukzessiver Zweitspracherwerb
2.5 Sprachdominanz

3 Methoden zweisprachiger Kindererziehung
3.1 One person, one language
3.2 Umgebungssprache/Nicht-Umgebungssprache
3.3 Gemischter Sprachgebrauch
3.4 Eine Sprache nach der anderen
3.5 Künstliche Zweisprachigkeit
3.6 Je nach Zeit, Ort, Thema, Situation, Gesprächspartner

4 Die Rahmenbedingungen

5 Konkrete Strategien zur Sprachförderung
5.1 Wie lernen Kinder am besten?
5.2 Lesen und Schreiben lernen
5.3 Sprachverweigerungen
5.4 Wie reagiert man am besten auf Sprachverweigerungen?
5.5 Produktive und rezeptive Zweisprachigkeit

6 Zweisprachige Erziehung kostet Mühe

7 Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit wurde im Rahmen des Seminars "Spracherwerb" am Institut für Allgemeine Sprach- und Kulturwissenschaft des Fachbereichs Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim unter Anleitung von Diplom-Übersetzerin Melanie Arnold verfasst.

Das Thema dieser Arbeit ist Zweisprachigkeit: Sprachförderung in der Erziehungspraxis. Es soll untersucht werden, wie Eltern die bilinguale Sprachentwicklung ihrer Kinder am besten fördern können.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Leser mit den vorhandenen Möglichkeiten, Kinder zweisprachig zu erziehen, vertraut zu machen und ihm die Bedeutung der Lebensumstände im Hinblick auf den Erfolg einer Zweisprachigkeitserziehung zu verdeutlichen.

Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf die so genannte individuelle Zweisprachigkeit, also auf die Möglichkeiten zweisprachiger Erziehung in monolingualen Gesellschaften und befasst sich nicht mit dem Phänomen der Mehrsprachigkeit von Gesellschaften oder Disglossie.

Zum Verfassen dieser Arbeit beziehe ich mich auf einschlägige Fachliteratur und Ratgeber. Darüber hinaus habe ich mich darum bemüht, sowohl mit zweisprachigen Menschen als auch mit Eltern zweisprachiger Kinder in Kontakt zu treten, um die Wirklichkeit der Zweisprachigkeit in der Praxis näher beobachten zu können.

Im Sinne einer leichteren Lesbarkeit verzichte ich auf die Unterscheidung in weibliche und männliche Schreibweise. So sind beispielsweise mit Leser sowohl Leserinnen als auch Leser gemeint.

1 Einführung

Zweisprachigkeit, Zweispracherwerb, Bilingualismus, bilingualer Spracherwerb, Mehrsprachigkeit und andere Termini werden in der Fachliteratur teilweise mit synonymer Bedeutung verwendet. Mancher Autor legt sich auf einen der Begriffe fest, während andere versuchen, zwischen den unterschiedlichen Termini eine Differenzierung vorzunehmen. Für den Zweck der vorliegenden Arbeit werden mehrere dieser Begriffe ohne irgendeinen Bedeutungsunterschied oder unterschiedliche Konnotationen verwendet. Hauptsächlich spreche ich von Zweisprachigkeit, aber auch von Bilingualismus und Zweispracherwerb, sowie von Zweisprachigkeitserziehung und bilinguale Spracherziehung.

Darüber hinaus verzichte ich bewusst darauf, den Versuch anzugehen, die verwendeten Termini zu definieren. Es handelt sich hierbei um vieldiskutierte Begriffe, für die es noch keine endgültige Definition in der Fachliteratur gibt, sondern nur Annäherungsversuche. Diese reichen vom bloßen "Verstehen" zweier Sprachen bis hin zur "Beherrschung auf muttersprachlichem Niveau". Was aber bedeutet "verstehen" und was bedeutet "muttersprachliches Niveau"? Diese Diskussion würde uns ins Unendliche führen.

Vielmehr erwarte ich, dass der Leser sich während der Lektüre dieser Arbeit selbst Antworten auf die Fragen: Was bedeutet Zweisprachigkeit? Zweisprachigsein? Zweisprachigkeitserziehung? gibt, die für ihn in seiner Lebenssituation gültig und brauchbar sind.

2 Theoretischer Einstieg

Einige grundlegende Konzepte müssen definiert werden, um dem Leser den Einstieg in die Thematik zu erleichtern und das weitere Verständnis der vorliegenden Arbeit sicher zu stellen.

Zunächst sollen die Begriffe Erstsprache und Zweitsprache definiert werden, dann soll der Unterschied zwischen Erstsprache und Muttersprache deutlich gemacht werden und der Begriff Fremdsprache kurz erläutert werden. Anschließend wird auf die Begriffe Familiensprache/Umgebungssprache, die nicht mit Muttersprache/Fremdsprache zu verwechseln sind, eingegangen.

Darüber hinaus soll an dieser Stelle beim Verlauf des bilingualen Spracherwerbs grob zwischen doppeltem Erstspracherwerb und sukzessivem Zweitspracherwerb differenziert werden. Im Anschluss daran wird erklärt was Sprachdominanz bedeutet und die Differenzierung zwischen additivem und subtrahierendem Zweispracherwerb sowie zwischen natürlichem und gesteuertem Zweispracherwerb gemacht.

2.1 Erstsprache-Zweitsprache

Unter Erstsprache wird die Sprache verstanden, die man zuerst gelernt hat bzw. die, die man am besten kann. Zweitsprache ist die zweite Sprache in der Reihenfolge nach der Erstsprache, also diejenige, welche man nach der Erstsprache gelernt hat oder die, welche man nach der ersten Sprache am Besten beherrscht. (vgl. Dietrich 1987: 354) "Die Ausdrücke Erstsprache, Zweitsprache, mitunter auch Drittsprache werden verwendet, um die beteiligten Sprachen nach der relativen Position in der Reihenfolge ihres Auftretens im jeweiligen Zusammenhang zu benennen." (ebd. 1987: 354) Aber auch "zur Bezeichnung des über- bzw. untergeordneten Status einer Sprache gegenüber der/den anderen" (ebd. 1987: 354). Dietrich benennt die erste "Reihenfolgedimension" und die zweite "Status-Dimension", spricht aber auch von einer dritten Dimension, die der "Kulturfunktion". D.h., dass Erst- und Zweitsprache auch nach der kulturellen Rolle, welche die Sprachen für den Einzelnen haben, geordnet werden können. (vgl. ebd. 1987: 354) Auf diese Differenzierung wird in der vorliegenden Arbeit nicht näher eingegangen werden, die Begriffe Erst- und Zweitsprache werden für die Zwecke dieser Arbeit hauptsächlich unter dem Aspekt der Reihenfolgedimension und Status­Dimension verstanden. Erstsprache ist kein Synonym für Muttersprache (vgl. ebd. 1987: 354).

2.2 Muttersprache-Fremdsprache

Der Begriff Muttersprache hängt eng mit einer "Mutterkultur" und der Zugehörigkeit zu einer kulturellen Gemeinschaft zusammen. "Mit [Muttersprache, CF] wird im Bezug auf eine soziale Gruppe die Sprache bezeichnet, die von den Mitgliedern dieser Gruppe als gemeinsamer Bestandteil ihrer Kultur angesehen, von den Kindern als erste erworben (...) wird." (Dietrich 1987: 355) Fremdsprache ist im Gegensatz zur Muttersprache die Sprache einer anderen Kultur, "deren Kenntnisse und Gebrauchsfertigkeiten ein Mensch durch gezielte Unterweisung im Unterricht gelernt hat" (Dietrich 1987: 357). Zweitsprachenbeherrschung steht ihrerseits auch im Gegensatz zur Fremdsprachenbeherrschung und zwar, weil Zweitsprachenbeherrschung "als Ergebnis von Erwerbsprozessen in außerunterrichtlichen, natürlichen Sprachverwendungs- situationen [entsteht, CF]" (ebd. 1987: 357).

Die Termini Mutter- und Fremdsprache werden in der Literatur zu Zweisprachigkeit kaum benutzt, denn sie tragen Konnotationen, die mit einer zweisprachigen Erziehung nicht zu vereinbaren sind. "Sie sind stark ideologisch belastet und bedingen eine eingeschränkte Definition von Zweisprachigkeit, die durch die Realität zweisprachiger Menschen keine Bestätigung findet." (Mahlstedt 1996: 21) Manche Autoren unterscheiden dagegen gerne zwischen einer Mutter- und einer Vatersprache im Sinne von Sprache der Mutter bzw. des Vaters des Kindes.

2.3 Familiensprache-Umgebungssprache

Die Begriffe Familiensprache und Umgebungssprache könnten vom Laien mit den Begriffen Mutter- und Fremdsprache falsch gedeutet werden. Deswegen werden sie an dieser Stelle kurz erläutert. Unter Familiensprache, auch Nicht-Umgebungssprache genannt, wird in der Fachliteratur diejenige Sprache verstanden, die in der Familie gesprochen wird, im englischen Sprachraum als minority language bezeichnet.[1] Im Gegensatz dazu steht die Umgebungssprache, also die Sprache, die von der Gesellschaft allgemein gesprochen wird, die Landessprache, majority language auf Englisch.

2.4 Doppelter Erstspracherwerb-Sukzessiver Zweitspracherwerb

Wie bereits erwähnt ist die Erstsprache die, die zuerst erworben wird, "normalerweise im Alter von 2 bis 5 Jahren" (Dietrich 1987: 356). Werden in der Phase des Erstspracherwerbs zwei Sprachen gelernt, dann spricht man von doppeltem oder bilingualem Erstspracherwerb. Dagegen spricht man von sukzessivem

Zweitspracherwerb oder simultanem Bilingualismus, wenn der Erwerb einer (Zweit)Sprache, "nachdem der Prozeß des Erstspracherwerbs begonnen hat oder abgeschlossen ist" (ebd. 1987: 356) stattfindet. Darüber hinaus unterscheidet Dietrich zwischen frühem, mittlerem und späten Zweitspracherwerb, je nachdem, ob die Zweitsprache bis zum sechsten Lebensjahr, zwölften Lebensjahr oder erst in der Adoleszenz/ im Erwachsenalter erworben wurde (vgl. ebd. 1987: 356).

2.5 Sprachdominanz

"Bilingualer Erstspracherwerb fährt nicht notwendig zu gleichmäßiger Doppelkompetenz" erklärt Dietrich (1987: 356). In der Regel ist eine Sprache dominant gegenüber der anderen. "Die intensiver benutzte Sprache wird zur dominanten starken Sprache, die weniger gepflegte Sprache zur schwachen Sprache", behauptet Gräfe- Bentzien (2001: 48) Grosjean versucht der Sprachdominanz auf den Grund zu gehen und zeigt zwei mögliche Begründungen auf. Zum einen kann die Dominanz in einer Sprache daran liegen, dass "certain linguistic constructs are harder to internalize and produce in one of the languages" (Grosjean 1982: 188). Zum anderen kann es sein, dass "the child may be exposed to and may need one language more than the other" (ebd. 1982: 188). Dieser letzte Grund scheint am Ehesten für die Sprachdominanz verantwortlich zu sein. Grosjean fasst das so zusammen: "The main reason for dominance in one language is that the child has had greater exposure to it and needs it more to communicate with people in the immediate environment" (ebd. 1982: 189).

Trotzdem ist die Dichotomie schwache Sprache - dominante/starke Sprache dynamisch, d. h., dass sich "das Verhältnis von starker und schwacher Kompetenz in verschiedenen Lebensphasen und Situationen immer wieder verändern und hinsichtlich verschiedener Sprachfertigkeiten und -fähigkeiten anders ausdrücken kann" (Gräfe-Bentzien 2001: 48).

3 Methoden zweisprachiger Kindererziehung

Zweisprachige Kindererziehung kann geplant und ungeplant geschehen. Viele im Ausland oder in gemischten Ehen lebenden Eltern erkennen die Möglichkeit und die Vorteile, die Zweisprachigkeit ihren Kindern bringen kann. In der Regel überlegen diese Familien im Voraus, wie sie aus ihren Kindern zweisprachige Menschen machen können; die zweisprachige Erziehung wird geplant, gesteuert. Andere Familien sind mit dem Thema Zweisprachigkeit zwanghaft konfrontiert, weil sie ins Ausland fliehen mussten oder aus anderen Gründen in ein anderes Land ausgewandert sind und dort Kinder bekamen oder diese gar mitwanderten, obwohl die Familie die Sprache der neuen Umgebung nicht beherrschte. In solchen Fällen handelt es sich meist um natürliche, nicht geplante Zweisprachigkeit. Aber wie der Leser wahrscheinlich bereits ahnt, ist die Grenze zwischen geplant und ungeplant nicht so deutlich. Deshalb verzichte ich in diesem Kapitel auf eine Kategorisierung der Strategien zweisprachiger Kindererziehung in geplant und ungeplant. Ich beschränke mich darauf, die meist benutzten Methoden, Prinzipen und Vorgehensweisen vorzustellen, und kommentiere diese kurz, wenn ich das für angebracht halte.

Die anzuführenden Strategien sind:

1. one person, one language,
2. Umgebungssprache/Nicht-Umgebungssprache,
3. gemischter Sprachgebrauch,
4. eine Sprache nach der anderen,
5. künstliche Zweisprachigkeit,
6. je nach Zeit, Ort, Thema, Situation, Gesprächspartner.

3.1 One person, one language

Die Methode "one person, one language", auch "one parent, one language" oder einfach nur OPOL genannt, ist wahrscheinlich die bekannteste Methode der Zweisprachigkeitserziehung und besteht grundsätzlich darin, dass zwei Elternteile, die aus unterschiedlichen Kulturen, Nationen, Ländern etc. stammen, mit dem gemeinsamen Nachwuchs in der jeweils eigenen Muttersprache bzw. Erstsprache sprechen.

Diese Methode wurde im deutschen Sprachraum als "Partnerprinzip" durch das Werk von Kielhöfer und Jonekeit Zweisprachige Kindererziehung (1983) bekannt. Der erste aber, der das Prinzip beschrieb, war der französische Linguist Jules Ronjat, der 1913 in seinem Buch Le développement du langage observé chez un enfant bilingue über seine eigene Erfahrung mit der Methode berichtete. Ronjat wandte zusammen mit seiner deutschen Frau erfolgreich das Prinzip "une personne, une langue" bei seinem Sohn Louis an. Der Linguist Maurice Grammont hatte die Methode theoretisch erarbeitet und seinem Kollegen Ronjat empfohlen. Deshalb wird sie von manchen Autoren "Prinzip von Grammont-Ronjat" bezeichnet.

"Il n’y a rien à lui apprendre ou à lui enseigner.“ - conseilla Grammont - „Il suffit que losqu’on a quelque chose à lui dire, on le lui diese dans l’une des langues qu’on veut qu’il sache. Mais voici le point important: que chaque langue soit représentée par une personne différente. Que vous, par exemple, vous lui parliez toujours français, sa mère allemand. N’invertissez jamais les rôles." (Ronjat 1913 zitiert nach Hammer 1999: 52)

Bei OPOL ist jede Sprache an eine bestimmte Person gebunden, somit assoziiert das Kind jede Sprache mit einer bestimmten Person und kann die Sprachen dadurch besser auseinanderhalten. Das bedeutet für das Kind, dass es weniger Gefahr läuft, die Sprachen später zu vermischen. Es muss sich aber nicht unbedingt um beide Elternteile handeln, eine der beiden Personen kann auch ein Au-pair-Mädchen sein, das über eine längere Zeit das Kind begleitet, ein Verwandter oder guter Freund der Familie, mit dem das Kind regelmäßig und oft Kontakt hat.

[...]


[1] D.h., mit anderen Familienmitgliedern, ob zu Hause oder außerhalb der Wohnung, mit anderen Sprechern der minority languange, in der Nachbarschaft etc.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Zweisprachigkeit: Sprachförderung in der Erziehungspraxis
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Autor
Jahr
2008
Seiten
28
Katalognummer
V160944
ISBN (eBook)
9783640743261
ISBN (Buch)
9783640998487
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zweisprachigkeit, Zweisprachige Erziehung, Biinguale Erziehung, Bilingualismus, Mehrsprachigkeit
Arbeit zitieren
Clara Fenocchio (Autor), 2008, Zweisprachigkeit: Sprachförderung in der Erziehungspraxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160944

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