Angstgefühle im Horrorfilm "Blair Witch Project"


Seminararbeit, 2010

9 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Blair Witch Project – Was kostet die Angst?

60.000 Dollar.

Und die Schlauheit, sich alte, aber wohl kaum als überholt zu bezeichnende Kenntnisse über das Unheimliche, wie sie die Literatur schon seit Jahrhunderten zur Angsterzeugung heranzieht, doppelt zu Nutze zu machen, indem sie mit neuen Methoden bzw. Medien kombiniert, in ihrer Wirksamkeit vervielfacht werden.

Auch eine gewisse Portion Mut gehört dazu, unbekannte Jungschauspieler ohne konkretes Drehbuch, mit Handkameras bepackt, für acht Tage in die Wälder zu schicken, wo sie unter knapper werdenden Essensrationen und dem Schabernack des Regieteams leidend, einen Film drehen sollen.

Schlussendlich sehen wir nichts, hören wenig und spüren trotzdem all das im Übermaß, was von einem Horrorfilm im Normalfall erwartet wird: Angstgefühle der unheimlichen Sorte. Mit welchen alten und neuen Mitteln ein Low Budget Filmprojekt dieses hochgesteckte Ziel erreichen konnte, versuche ich in nachfolgender Arbeit zu erläutern, wie es mir ebenso ein Anliegen ist, einen gesellschaftspolitischen Konnex zur im Film behandelten Gegenwart herzustellen.

Die unheimliche Ungewissheit

Im Oktober 1994 verschwanden drei Studenten in den Wäldern von Burkittsville, Maryland, beim Dreh eines Dokumentarfilms. Ein Jahr später wurden ihre Filmaufnahmen gefunden.[1]

Bereits die Einblendung am Anfang des Films zeigt die Hauptmasche desselben auf, den alten Trick, die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit verschwimmen zu lassen, auf welchen schon Sigmund Freud in seinem Essay Das Unheimliche von 1919 einging.[2] Mit Hilfe der neuen Medien, insbesondere des Internets, hatten die Regisseure es noch um einiges leichter, ihrer Story Echtheitscharakter zu verleihen. Schon zehn Monate vor der Kinopremiere von Blair Witch Project wurde die eigens kreierte Legende der Blair-Hexe und das ebenso erfundene Drama um die drei Studenten verbreitet, welche beim Dreh einer Dokumentation über jene umgekommen sein sollen. Mit vermeintlichen Beweisen für die Realität des Geschehens wurde nicht gespart, es gibt eine Art Zeitstreifen auf der Blair Witch Website[3], der wichtige Geschehnisse im Ort Blair, dem späteren Burkittsville, von 1785 bis 1997 aufzählt: von einem alten Holzschnitt der Blair-Hexe, Elly Kedward, angefangen, über ein Bild des angeblich berühmten Werkes The Blair Witch Cult, das im Historical Society Museum in Baltimore gelegen haben soll etc. bis zu Fotos des aufgefundenen leeren Autos von Josh und den Filmrollen der Studenten. Somit wurde ganz klar schon vor Erscheinen des Films durch die Webpräsenz eine Art Kultmaschinerie in Gang gesetzt, die zumindest die erste Generation der Blair Witch -KinogängerInnen stark in Richtung Beurteilung des Films als echte Doku voreingenommen haben muss.

Doch selbst, wenn Blair Witch Project bewusst als fiktiver Spielfilm angesehen wird, büßt er wenig von eben schon erwähnter Unheimlichkeit ein. Von Beginn an wirkt alles, was gezeigt wird, sehr ‚normal‘, alltäglich. Die Kamera wird ständig und oft viel zu lange auf Kleinigkeiten gehalten und was die ZuseherInnen vorgesetzt bekommen, ist, zumindest anfangs, fast ausnahmslos unspektakulär zu nennen: die Wohngegend der drei Protagonisten, Josh’s Auto, ein Friedhof bei Tag und Sonnenschein, DorfbewohnerInnen, Wald, ein Zelt etc. Die Studenten sehen selbst auch völlig durchschnittlich, ein wenig 90er Jahre Grunge-Style -mäßig aus und agieren authentisch, was nicht zuletzt auf den größtenteils improvisierten Text der SchauspielerInnen und die ungewöhnlichen Umstände des Drehs zurückzuführen ist.[4] Der Realitätseindruck, selbst wenn wir wissen, dass es ‚nur‘ ein Film ist, bleibt permanent vorhanden, wozu sicherlich die amateurhaften Filmaufnahmen mit Hand-Videokamera beitragen, die sich jede/r ZuschauerIn selbst zutrauen würde. Folglich ist die Reaktion auf die Pseudo-Doku mit jener auf potentielle eigene Erlebnisse zu vergleichen, und wenn wir uns schließlich begreifen lassen, dass alles erfunden und nicht echt war, ist der Film schon zu Ende und der Betrug der Regisseure an uns, der eigentlich mehr als eine vom Publikum gewollte Selbsttäuschung verstanden werden kann, vollbracht. Gewollt, da man/frau sich Horrorfilme doch zumeist mit der Hoffnung auf einen Gänsehauteffekt ansieht. Menschen sehnen sich scheinbar, ab und zu danach solch eine unheimliche Angst zu verspüren. Um ihnen diese zu bescheren, muss laut Freud eben gerade nicht mit Innovativem gearbeitet werden:

[...]


[1] Myrick, Daniel und Eduardo Sánchez. Blair Witch Project. DVD 78 min. Deutschland: Kinowelt GmbH 2000 (USA: 1999). 00:30 – 00:41 min.

[2] Vgl. Sigmund Freud: Das Unheimliche (1919). Aufsätze zur Literatur. Frankfurt/M.: Fischer 1963. S. 74.

[3] The Blair Witch Project. Official Movie Site. Mythology. http://www.blairwitch.com/. Zugriff: 15.08.2010.

[4] Vgl. Anthony Kaufman: Season of the Witch. The 'Blair Witch' Directors On the Method to Their Madness. http://www.villagevoice.com/1999-07-13/news/season-of-the-witch. 13. Juli 1999. Zugriff: 14.08.2010.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Angstgefühle im Horrorfilm "Blair Witch Project"
Hochschule
Universität Wien  (Theater-, Film- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Filmtheorie
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
9
Katalognummer
V161493
ISBN (eBook)
9783640755134
ISBN (Buch)
9783640755158
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Blair Witch, Filmtheorie, Horror, Horrorkino, Horrorfilm, Unheimlichkeit, Sigmund Freud, Das Unheimliche, Blair Witch Project, Angst, Angstgefühle
Arbeit zitieren
Sandra Folie (Autor), 2010, Angstgefühle im Horrorfilm "Blair Witch Project", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161493

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