Birnen - Geld - Freiheit: Paradigmen von Macht und Ohnmacht in F.C. Delius‘ "Die Birnen von Ribbeck"


Seminararbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Gedicht
2.1. Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
2.2. Erläuterung und Deutung

3. Die Erzählung
3.1. Aufbau
3.1.1. Freie Marktwirtschaft, Kapitalismus: West überfällt Ost
3.1.2. DDR – Sozialismus
3.1.3. Nazi-Diktatur
3.1.4. Die Feudalherrschaft unter den Ribbecks
3.2. Erzähltechnik

4. Das Birnbaummotiv
4.1. Birnbaum # 1 oder die Feudalbirne
4.2. Birnbaum # 2 – der Nichterwähnenswerte
4.3. Birnbaum # 3 – Aufschrei der Unterdrückten
4.4. Birnbaum # 4 – Die Gräfin von Paris
4.5. Die Birnbaumkopulation oder der Wiedervereinigungstraum

5. Conclusio

6. Bibliographie
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur
6.3. Internetquellen
6.4. Bildquellen

1. Einleitung

Delius‘ Die Birnen von Ribbeck war, aus einer breiteren Palette an ‚Wendeliteratur‘, eines der ersten Werke, auf das ich während meines bisherigen Studiums gestoßen bin und gleichsam auch eines der ersten Werke, das sich nach dem Mauerfall zur neuen Einheit Deutschlands geäußert hatte. Was diese Erzählung besonders interessant macht und von anderen Werken zur deutschen Einheit abhebt, ist, neben der Tatsache, dass sie aus einem einzigen langen Satz besteht, die Schilderung einer Innenperspektive von Außen. Delius selbst, obgleich familiengeschichtlich mit dem Osten verbunden, lebte nicht in der DDR, sondern in Westberlin, somit relativ nah und nicht ganz vom Schuss, aber er fällt doch zweifelsfrei unter die Kategorie ‚westdeutsch‘. Mit diesem Projekt jedenfalls lief er Gefahr, als ‚Besserwessi‘ abgestempelt zu werden, als einer, der über etwas schreibt und Bescheid zu wissen meint, das er nicht selbst erfahren hat.[1] Wie Delius sich in den Birnen von Ribbeck solch einem schwierigen Unterfangen angenähert hat, bildet die Ausgangsfrage meiner Arbeit.

Zuerst war es mir wichtig, die Ballade Fontanes Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, die ja den Grundstock von Delius‘ Erzählung bildet, ohne Vorlektüre etwaiger Interpretationen unter die Lupe zu nehmen. Im nachherigen Vergleich hat sich herausgestellt, dass meine unvoreingenommene Deutung einen neuen Standpunkt in der Delius-Forschung einnimmt. Sie erweitert diese insofern, als die Perspektive des Bauern-Protagonisten bei Delius ansatzweise schon als im Gedicht selbst verwurzelt betrachtet wird.

Die Erzählung selbst, aus eingeflochtenen Nebengeschichtssträngen verschiedener Gesellschaftsformen (Kapitalismus, DDR-Sozialismus, Nazi-Diktatur, Feudalherrschaft) bestehend, die ständig, völlig ungeordnet auftauchen, galt es erst einmal zu entwirren. Dieses Ordnen erleichterte es mir einen Vergleich zwischen den beschriebenen Gesellschaftssystemen anzustellen und dadurch Abweichungen wie Gemeinsamkeiten erkennen zu können. Es stellte sich heraus, dass der ungewohnte Aufbau eng mit der Erzähltechnik und weiters der epischen Position des Erzählers zusammenhängt.

Eine sehr starke Position nimmt das Birnbaummotiv ein, dessen in der Erzählung allgegenwärtige Symbolik aufzuschlüsseln ich einen Versuch unternommen habe. Vom Feudalsystem bis zur neugewonnenen Einheit Deutschlands taucht passend zu jeder Gesellschaftsform ein Birnbaum auf, der in seiner Beschaffenheit einiges über Land und Leute auszusagen weiß.

2. Das Gedicht

2.1. Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand,

und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,

Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,

Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,

Und kam in Pantinen ein Junge daher,

So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«

Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam

Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,

Wieder lachten die Birnen weit und breit;

Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.

Legt mir eine Birne mit ins Grab.«

Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,

Trugen von Ribbeck sie hinaus,

Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht

Sangen »Jesus meine Zuversicht«,

Und die Kinder klagten, das Herze schwer:

»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht –

Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;

Der neue freilich, der knausert und spart,

Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.

Aber der alte, vorahnend schon

Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,

Der wußte genau, was damals er tat,

Als um eine Birn' ins Grab er bat,

Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus

Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,

Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,

Und in der goldenen Herbsteszeit

Leuchtet's wieder weit und breit.

Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,

So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«

Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand

Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.[2]

Theodor Fontane (1889)

2.2. Erläuterung und Deutung

Das Gedicht Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland Theodor Fontanes, welches an Hans Georg von Ribbeck (1689–1759) erinnert[3], hat das gleichnamige Dorf, vierzig Kilometer von Berlin gelegen, berühmt gemacht.[4] Doch schon bevor Fontane diese seine berühmten Zeilen niederschrieb, erzählte man sich die Legende des alten Herrn von Ribbeck. Hertha von Witzleben verfasste 1875 das erste bekannte Gedicht dazu, worauf auch Friedrich Christian Delius in seiner Erzählung anspielt.[5] Die Erzählung, Die Birnen von Ribbeck, wird durch Fontanes Ballade nicht nur eingeleitet, sondern sie bildet den Grundstock schlechthin, taucht auch immer wieder als Subtext in leicht variierter Form auf. Zudem nährt das Gedicht den ältesten der drei Nebengeschichtsstränge, welche die eigentliche Erzählsituation, das ‚Fest’ zur Wiedervereinigung, durchziehen: die Zeit der Feudalherrschaft.

Fontane zeichnet das Bild eines freigebigen adligen Gutsbesitzers, dem einer alten Sage zufolge aus dem Sarg unter der Erde ein Birnbaum aufgeschossen sein soll. Somit überwindet die Großherzigkeit an sich den großherzigen Alten, sie wird immer in der Welt sein, auch wenn gerade ein geiziger Nachfolger am Werk ist. Symbolisch, könnte man sagen, lässt sich selbst in finsteren Zeiten immer ein Funke Hoffnung finden, etwas bleibt, wofür es sich weiterzumachen lohnt. Nach milder Herrschaft folgt oft eine strengere, doch auch die wird nicht ewig anhalten, wie es der Lauf der Geschichte lehrt. Das Gedicht vermittelt somit eine simple Moral und ein Gefühl à la ‚Das Gute überlebt.’ Grundsätzlich ist das sicher die Botschaft der Ballade und doch kann, es handelt sich schließlich um die Sprache der Poesie und nicht um einen wissenschaftlichen Fachtext, eine diffizilere Deutung angestrebt werden. Nach mehrmaligem Lesen stechen plötzlich die zuvor im Gesamten untergegangenen ersten zwei Verszeilen der dritten Strophe hervor:

So klagten die Kinder. Das war nicht recht – Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;[6]

Die Kinder mochten den alten Ribbeck, er benahm sich ihnen gegenüber großherzig, warum war das nicht recht? Und sollte sich das ‚nicht recht’ auf Ribbecks Tod beziehen, warum dann die Anmerkung, dass die Kinder ihn schlecht kannten? Das wäre doch für die kurze Geschichte, die das Gedicht erzählt, völlig irrelevant. Im Kommentar zur Erzählung wird angemerkt, dass Fontane den märkischen Adel verehrt hatte.[7] Nur, ein Bedauern wie ‚Hätten sie ihn doch besser gekannt’ würde die bisherige Lobrede auf den Grundherrn schon mehr in eine Parodie überschwappen lassen, als ihr zuträglich sein. Vielleicht bezieht sich ‚Das war nicht recht’ aber auch einfach nur auf das Klagen der Kinder, weil es nicht sonderlich schwer ist, mit etwas, das man in Hülle und Fülle hat, freigebig zu sein. Die Eltern der Kinder bewirtschafteten schließlich Ribbecks Gehöft und sorgten sich um seinen Birnenstand, inwiefern sie dafür entlohnt wurden, wie es ihnen unter dem alten Ribbeck erging, erfährt der Leser, die Leserin im Gedicht nicht mit einem Wort. Doch gerade die Verszeile ‚Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht’ macht hellhörig. Nach Außen hin in geringfügiger Art und Weise nett zu sein, mag Kinder erfreuen, doch wäre es sehr naiv deswegen auf einen makellos vorbildlichen Herrscher zu schließen. Herrscher bleibt Herrscher. So viel Macht über andere Menschen zu haben, wie ein Großgrundbesitzer dazumal sie hatte, verleitet und wird auch dem alten Ribbeck nicht gänzlich zuträglich gewesen sein. Das Klagen der Kinder über Ribbecks Tod wäre dieser Deutung zu Folge nicht recht, weil es ein vorschnell wie unwissend hervorgebrachtes war, das aus kleinen Wohltaten auf einen Wohltäter schlechthin schließen lässt. Diese Fährte der Fontane’schen Ballade nimmt auch Delius in seiner Erzählung bzw. sein Protagonist, der Bauer, immer wieder auf. Sehr markant die Stelle, als der Bauer davon spricht, dass sich die Herrschaften nur an der Schärfe ihrer Zähne unterscheiden:

[…] die Bisse der Herrn von Ribbeck ins Fleisch der Bräute, die Bisse des Herrn in die Nacken der Söhne, von denen einige seine Söhne waren […][8]

Stellt sich die Frage, wie freigebig, mildtätig, warmherzig etc. es ist, seinen eigenen, unehelichen, nicht anerkannten ‚Bastarden’, um ein grausames, nichtsdestotrotz gebräuchliches Vokabular der damaligen Zeit zu verwenden, die, wie deren Mütter, mit hoher Wahrscheinlichkeit keinerlei Unterstützung erhielten, Obst zu schenken?

[...]


[1] Vgl. Manfred Durzak: Die Früchte der Wende? Zu Delius‘ Erzähl-Poem Die Birnen von Ribbeck. In: F. C. Delius. Studien über sein literarisches Werk. Hrsg. von Manfred Durzak und Hartmut Steinecke. Tübingen: Stauffenberg-Verlag 1997 (Stauffenburg Colloquium Bd. 43) S. 182.

[2] Friedrich Christian Delius: Die Birnen von Ribbeck. Hrsg. von Karl Hotz. Reinbek: Rowohlt 2005 (Buchners Schulbibliothek der Moderne) S. 5-6.

[3] Vgl. http://www.vonribbeck.de/html/chronik.html, Zugriff: 25.02.2010.

[4] Vgl. http://www.fcdelius.de/buecher/birnen_ribbeck.html, Zugriff: 23.02.2010.

[5] Vgl. Delius: Die Birnen von Ribbeck. S. 37.

[6] Delius: Die Birnen von Ribbeck. S. 5.

[7] Vgl. Ebd. S. 74. (Kommentiert von Friedbert Stühler unter Mitarbeit von Lisa Stühler)

[8] Ebd. S. 13.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Birnen - Geld - Freiheit: Paradigmen von Macht und Ohnmacht in F.C. Delius‘ "Die Birnen von Ribbeck"
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar Die Wende und die deutsche Einheit in der Literatur 1989-2009
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V161530
ISBN (eBook)
9783640764440
ISBN (Buch)
9783640764532
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Birnen, F. C. Delius, Fontane, DDR, Wende, Birnbaum, Die Birnen von Ribbeck, Ribbeck
Arbeit zitieren
Sandra Folie (Autor), 2010, Birnen - Geld - Freiheit: Paradigmen von Macht und Ohnmacht in F.C. Delius‘ "Die Birnen von Ribbeck", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161530

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