Das Diktat der Textilindustrie - Müssen Mode und Moral sich ausschließen?

Besondere Lernleistung


Facharbeit (Schule), 2009
26 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wie wird unsere Kleidung hergestellt?
2.1 Der Baumwollanbau
2.1.1 Kinderarbeit
2.1.3 Schädlingsbekämpfung
2.1.2 Wasserbedarf
2.1.4 US-Amerikanischer Baumwollanbau
2.2 Die Verarbeitung der Baumwolle
2.2.1 Die Textilveredelung
2.2.2 Die Stoffverarbeitung
2.3 Der Konzern H&M zwischen Vergangenheit und Zukunft

3 Alternative Herstellung
3.1 Kontrolliert Biologischer Baumwollanbau
3.2 Vorreiter C&A
3.3 Faire Herstellung
3.4 Der Naturtextilmarkt
3.5 Verantwortungsvolle Mode zum kleinen Preis
3.6 Selbstexperiment - mein Kleidertausch

4 Fazit

5 Anhang

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Konsumenten des westlichen Kulturkreises wurden sicher schon mindestens einmal in ih- rem Leben mit den Herstellungsbedingungen ihrer Kleidung konfrontiert. „Kinderarbeit“ und „Hungerlöhne“ sind oft genutzte Schlagwörter, mit denen die Medien Aufmerksamkeit auf diese Begebenheiten lenken wollen. Einigen ist das egal, andere regt es auf, doch egal, zu welcher Gruppe man gehört: Am Ende ändert sich nichts an der Situation. Im Laufe der letzten zwei Jahre eignete ich mir das Schneidern an. Nach und nach ver- schaffte ich mir einen Überblick über die Materialkosten, den Verarbeitungsaufwand und die Qualität von Kleidung. Hauptsächlich dadurch bekam ich immer öfter ein schlechtes Gewissen beim Kauf eines T-Shirts zum kleinen Preis von 4,99 €. Die Schlagwörter schwirrten mir im Hinterkopf, doch Alternativen waren mir nicht bekannt.

Im Jahre 2004 ging ich zum ersten Mal in meinem Leben durch die Türen des neu eröff- neten „American Apparel“ - Stores in der Berliner Münzstraße. Plötzlich war ich umgeben von T-Shirts, Kleidern, Hosen und Pullovern, die weder ein Aufdruck noch Logos zierten. Die Kollektion war so ungewohnt sportlich-schlicht, dass ich es ein halbes Jahr später kaum fassen konnte, dass „American Apparel“ es geschafft hatte, zum Markenzeichen vieler Jugendlicher zu werden. Nahezu jede Person in meinem Freundeskreis trug plötz- lich die typischen Sweatshirts mit weißem Reisverschluss, oder die einfarbigen Pullover mit weißen Schnüren. Ich fragte mich, wie ein einziger Laden sich in kürzester Zeit einer solchen Beliebtheit erfreuen konnte.

Auf der firmeneigenen Internetseite http://americanapparel.net/ wurde ich fündig. Laut den dort angegebenen Informationen lässt Dov Charney, der Gründer „American Apparels“, seine T-Shirts nicht von Kinderarbeitern in Bangladesh nähen, sondern mitten in Los Angeles. Das Label nennt sich „Sweatshop-free“ und „Fair Trade“ - fair produzierend. Hungerlöhne und extreme Arbeitsbedingungen seien Tabu. Die in der Kleidung enthaltene Baumwolle stamme zudem aus kontrolliert biologischem Anbau, bei welchem die Stoffe niemals mit Pestiziden und Chemikalien in Berührung kommen dürfen.

Die Idee gefiel mir, und der Erfolg war nun kein Wunder mehr für mich. Zeitgleich zu den vielen ökologischen Spuren, die die Menschheit durch die Globalisierung der Wirtschaft hinterlässt, kann man in den letzten Jahren eine zunehmende Strömung in Richtung „Be- wussten Konsum“ erkennen: Nachhaltige Produkte erlebten ein neues Revival. Werte wie Ethik-, Moral- und Umweltschutz werden gerade jetzt von verantwortungsbewussten Kon- sumenten entdeckt. Bis zu diesem Zeitpunkt beschränkte sich dieses Konsumverhalten für mich nur auf Nahrung und Fortbewegung. Doch „American Apparel“ hatte es geschafft, meinen persönlichen Horizont auf Alternativen beim Kleidungskauf zu lenken. Hier beginnt die Geschichte meiner Suche nach Kleidung, die diesen Ansprüchen gerecht werden sollte.

Rasend schnell geriet die nachhaltige Einstellung des Labels an die Öffentlichkeit und bekam eine überaus positive Resonanz. Unter dem Titel „Moral kommt groß in Mode“ schrieb die Frankfurter Allgemeine im August 2005:

American Apparel ist nur eine von vielen Marken, die in der immer wieder kritisierten Mo- debranche, deren Unternehmen ihre Kosten durch Billiglöhne und Kinderarbeit in der Drit- ten Welt niedrig halten, andere Wege gehen. ( … ) Tatsächlich ist die T-Shirt-Fabrik aus L.

A. ein Beweis dafür, dass man mit politisch korrekter Mode Geld verdienen kann. 1

Auch der Spiegel widmete American Apparel 2005 einen Artikel.

„ Hemden (...) seien garantiert "sweatshop-free" hergestellt, das heißt, nicht - wie in der Textilindustrieüblich - unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern wie Honduras oder Bangladesch produziert, sondern ausnahmslos in (...) der American-Appa- rel-Zentrale in Los Angeles. 2

Ebenfalls lobte die „Financial Times Deutschland3 “ und „Die Welt4 “ Charney's Unterneh- mensstrategie in hohen Tönen. Innerhalb von zwei Jahren hatte Das Unternehmen einen Umsatz von unglaublichen 160 Millionen Dollar. Wie lange sollte die Glückssträhne noch halten?

Schon im Februar 2008 ließ Brand eins American Apparel im gleichnamigen Artikel die „Hosen runter5 “. Das unter anderem vom Spiegel gepriesene „Vertically Integrated Manu- facturing“ („Produktion unter einem Dach“), bei der Zulieferer überflüssig werden sollen, scheint nicht allzu ernst genommen zu werden. Schließlich finden zwei entscheidende Prozesse der Herstellung - das Weben und Färben der Baumwolle - gar nicht in Amerika statt. Denn in Los Angeles fängt die Arbeit erst beim letzten Teil der Produktion an: Dem Zusammennähen der Stoffe. Laut Geschäftsunterlagen kauft der Konzern ca. 70% der ge- webten Stoffe von Drittanbietern, ebenso werden über die Hälfte der Ware außerhalb Amerikas gefärbt. Woher die Zulieferungen kommen, wird nicht mitgeteilt.

Die Kleidung aus kontrolliert biologischem Anbau, die von genannten Magazinen gelobt wurde, kann man in den American Apparel Stores ebenfalls nur schwer finden. Kleidung mit dem Etikett „Organic Cotton“ bilden gerade einmal 3% der Gesamtproduktion.

Diese Informationen schockierten mich. Glücklicherweise impliziert der Artikel nicht, Ame- rican Apparel sei genauso korrupt wie andere Textilkonzerne. Ganz im Gegenteil, die An- sätze Dov Charneys haben eine potenzielle Vorbildfunktion. Ebenfalls hat American Appa- rel vielen die Augen geöffnet und sensibler für die Auswirkungen unseres Konsums auf die ganze Welt gemacht. Doch, traurig, aber wahr: American Apparel hat es besser als andere Firmen verstanden, auf das „Öko“-Konsumentenbewusstsein des 21. Jahrhun- derts zu reagieren und es für eine Geschäftsstrategie zu nutzen, die nur von halber Wahr- heit lebt. Das auf den Etiketten prangernde „Made in Downtown L.A.“ ist ein Lügenmär- chen.

Selbst Dov Charney scheint, trotz des riesigen Umsatzes von American Apparel, seine Versprechungen nicht halten zu können oder zu wollen. Enttäuschend für die, die daran glaubten. Wie kann es sein, dass Marketingstrategien so genial sein können, dass seriöse Zeitungen wie der Spiegel und die Welt sich in einer Art und Weise blenden lassen (oder so beeinflusst wurden), dass sie nichts in Frage gestellt haben, und dass Konsumenten eine Meinung ohne jegliche Nachweise vorgelegt wurde? Ist es so schwer, hinter die Ku- lissen zu blicken?

Wie schlimm steht es eigentlich um die Textilindustrie - und wie kann ich, als junger Kon- sument ohne festes Einkommen, etwas tun, um mich mit guten Gewissen einkleiden zu können?

Genau auf diese Frage werde ich in meiner Arbeit eine Antwort suchen. Ich habe ent- schieden, eine Übersicht der konventionellen und alternativen Produktion von Textilien zu schaffen. Vor allem werde ich jedoch darauf eingehen, ob junge Menschen wie ich über- haupt die Möglichkeit haben,ihr politisches Bewusstsein beim Kleidungskauf durchsetzen zu können.

2 Wie wird unsere Kleidung hergestellt?

2.1 Der Baumwollanbau

Baumwolle ist die begehrteste Faser überhaupt - Auf ihr Konto gehen über 60% des ge- samten Textilverbrauchs der Welt. Die Pflanze gehört zur Gattung Gossypium aus der Fa- milie der Malvengewächse und wächst in tropischen bis subtropischen Teilen der Erde, zum Beispiel Afrika, Pakistan, China, Indien und in Teilen der USA. Für den industriellen Anbau werden einjährige Kulturbaumwollarten genutzt, bevorzugt die Art Gossypium hir- sutum. Die Verlängerung der Epidermis ihrer Samen sind kleine, weiße Haare, welche zur Reifezeit aus der Kapsel hervorquellen und das uns allen bekannte Bild einer Baumwoll- blüte zeigen.

Es fällt schwer zu glauben, dass wir überhaupt modische und funktionelle Kleidung her- stellen und tragen können, wenn eine solch zerbrechliche und anfällige Pflanze mehr als die Hälfte des gesamten Ausgangsstoffes für die Textilproduktion ausmacht. Baumwolle ist eine der wasserhungrigsten Pflanzen der Welt. Allein ein Kilo ist so durstig, dass es - je nach Bewässerung - zwischen 7 000 und 20 000 Liter Wasser benötigt, um zu wachsen. Die Faser ist extrem saugfähig und kann bis zu 20% ihres Eigengewichts an Wasser aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Dabei ist sie im nassen Zustand viel reiß- fester ist als im trockenen. Zudem ist die Pflanze extrem hitze- und kälteempfindlich, braucht viel Sonne und bricht bei starkem Regen oder Hagel. Sie wird schnell von Un- kraut befallen und zieht durch den monokulturellen Anbau Schädlinge magisch an.

In vielen afrikanischen Staaten sowie in Usbekistan und Kirgistan in Zentralasien ist der Baumwollanbau noch heute körperlich zermürbende und anstrengende Schwerstarbeit. In diesen Ländern mangelt es an funktionierender Wirtschaft, Infrastruktur und Forschung. Oft gibt es weder öffentliche Schulen noch eine ausreichende Berufsausbildung. Staatli- che Finanzierungsmöglichkeiten für die Förderung des Baumwollanbaus, welcher oftmals die einzige Einnahmequelle und Existenzgrundlage für Millionen von Menschen darstellt, gibt es ebenfalls nicht. Angebaut wird deshalb meist auf traditionellem Wege: Im Familien- betrieb per Handarbeit. Von Februar bis Juni erfolgt, je nach Standort, die Aussaat, geern- tet wird von Oktober bis Februar. Im Frühjahr wird der Boden von Hand für die folgende Aussaat vorbereitet.

2.1.1 Kinderarbeit

Zum Ernten muss die Baumwolle sehr trocken sein und vor dem nächsten Regenschauer geerntet werden. Verpasst man diesen Zeitpunkt, muss sie zunächst eine Woche trock- nen und danach unbedingt geerntet werden, damit die leichten Fasern nicht vom Winde verweht werden und ihre Qualität sinkt. Vor allem in Usbekistan stellt die Kinderarbeit auf dem Feld ein großes Problem dar. Da der Baumwollanbau stark von saisonalen Schwan- kungen geprägt und ständig dem Diktat des Wetters unterworfen ist, wird zu bestimmten, nicht vorhersehbaren Zeiten eine verschieden hohe Anzahl an schnell verfügbaren, flexiblen Arbeitskräften gebraucht.

In Zentralasien werden deshalb in der Erntesaison bis zu 450 000 Kinder zwischen 10 und 15 Jahren für die Ernte auf die Felder geholt)8. Über 50% der usbekischen Baumwol- lerträge wird dort jedes Jahr von Kindern geerntet. Unter unmenschlichen Bedingungen müssen sie im September und Oktober jeden Tag innerhalb von 12 Stunden mindestens 30 Kilogramm Baumwolle pro Tag pflücken, diese um die Hüften hinter sich herziehen und erhalten pro geerntetem Kilo umgerechnet gerade einmal drei Eurocent.

2.1.3 Schädlingsbekämpfung

Im darauf folgenden Frühling müssen die Bauern neue Samen aussähen. Hier beginnt für sie der endlose Kampf gegen Schädlinge und Unkraut. Wer glaubt, dass in einem T-Shirt mit dem Etikett „100% Baumwolle“ auch wirklich nur die Gesamtmenge Baumwolle ent- halten ist, irrt sich gewaltig. Nicht genannt werden hier die im Kleidungsstück enthaltenen chemischen Zusatzstoffe, denn tatsächlich ist die geerntete Baumwollfaser allein schon eine wahre Chemiekeule. Rund ein Viertel aller Pestizide weltweit landen auf den Baum- wollfeldern, die gerade 3% der Weltanbaufläche einnehmen. Diese Giftdichte ist enorm hoch.

Werden die gleichen Pestizide regelmäßig großflächig eingesetzt, können die Schädlinge resistent gegen die eingesetzten Wirkstoffe werden. Bauern stehen diesem Problem machtlos gegenüber. Über 500 Insekten- und Milbenarten und mehr als 150 Erreger von Pflanzenkrankheiten sind mittlerweile gegen mindestens ein Pestizid resistent. Dieses In- sekten-Resistenzdilemma auf den Feldern stellt ein weitgehend globales Problem dar. Folgen sind regelrechte Schädlingskatastrophen, zum Beispiel in der Türkei, Ägypten, Te- xas oder Pakistan, welche durch den Intensiveinsatz der Spritzmittel schon seit den 70er Jahren Schwierigkeiten haben. Die weiße Fliege (Mottenschildlaus), die sich vom Pflan- zensaft ernährt und deren Eiern gegenüber Insektiziden unempfindlich sind, oder der Baumwollkapselwurm, eine Raupe, die die Pflanze nicht nur an den Blättern, sondern auch an Knospen und Blüten frisst und sich rasend vermehrt, sind die meist gefürchteten Schädlinge.

Noch viel schlimmer ist, dass sich der Spieß auch umdrehen kann. Nach Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich über 20 000 Bauern an den Folgen von Vergiftungen durch Pestizide.

[...]


1 Schipp, Anke: „Moral kommt groß in Mode“, 2005 (S. 25)

2 Hillenbrand, Thomas: „Kaliforniens Trigema-Mann“, 2004 (S. 25)

3 Hillenbrand, Thomas: „Die Antimarke aus Downtown L.A.“, 2006 (S. 25)

4 Dowideit, Martin: „Legalize Los Angeles“, 2006 (S. 25)

5 Brand Eins: „Hosen runter“, 2008 (S. 25)

6 Reportage von Laif (S. 26)

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Diktat der Textilindustrie - Müssen Mode und Moral sich ausschließen?
Untertitel
Besondere Lernleistung
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V161636
ISBN (eBook)
9783640759484
ISBN (Buch)
9783640759477
Dateigröße
2364 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biobaumwolle, kBa, American Apparel, Fair Trade, Nachhaltigkeit, Kleidung, H&M, Kinderarbeit, Baumwollanbau, Textilveredelung, Naturtextilmarkt, Textilindustrie, Sweatshop, Globalisierung, Agrarsubvention, Schädlingsbekämpfung
Arbeit zitieren
Carmen Weiß (Autor), 2009, Das Diktat der Textilindustrie - Müssen Mode und Moral sich ausschließen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161636

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