Migration nach der fünften EU-Erweiterung

Auswirkungen auf den polnischen Arbeitsmarkt


Referat (Ausarbeitung), 2010
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Migrationstheorien

3 EU-Erweiterung

4 Auswirkungen auf den polnischen Arbeitsmarkt

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Fallbeispiel zur Humankapitaltheorie

Abbildung 2: Fallbeispiel zur neuen Ökonomie der Arbeitsmigration

1 Einleitung

Gemeinhin wird die fünfte EU-Erweiterung als „Osterweiterung“ bezeichnet da sie am 1. Mai 2004 dazu führte, dass die EU um weitere zehn Staaten anwuchs. Unter diesen zehn Staaten war neben Estland, Lettland, Litauen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und Zypern auch Polen, welchem in dieser Arbeit besonderes Augenmerk geschenkt werden soll.

Die große Herausforderung diese nun mehreren Hundert Millionen neuen EU-Bürger in ein bereits bestehend Geflecht einzubinden war zu Beginn häufig mit Debatten um „Einwanderungsflut“[1] überfrachtet. Vielfach wurden daher gewaltige Wanderungsbewegungen aus den neuen EU-Ländern befürchtet, welche die bereits bestehenden EU-Länder mit „Biligarbeitskräften“ überschütten oder gar die vergleichsweise gute Wettbewerbsfähigkeit von Europe am Weltmarkt insgesamt gefährden könnten.

Allen voran wurden diese Ängste gegenüber Polen angenommen, da es mit ca. 38 Millionen Einwohnern nicht nur der bevölkerungsreichste, sondern auch der ökonomisch bedeutsamste Beitrittskandidat war.

Dabei wurde von den bereits bestehenden EU-Mitgliedsstaaten oft vergessen, dass die vielen neuen Arbeitskräfte nicht nur in die „alten“ EU-Staaten einziehen, sondern diese gleichermaßen auch die „neuen“ EU-Staaten verlassen. Diese Arbeit will daher die Auswirkungen von Migration auf den polnischen Arbeitsmarkt aufzeigen vor dem Hintergrund der EU-Erweiterung und zweier exemplarisch gewählter Migrationstheorien aufzeigen.

Zu Beginn sollen daher die gängigen Theorien zu Migration angeführt werden. Danach werden die EU-Erweiterung an sich und die daraus resultierenden, neuen Regeln und Normen vor allem in Bezug auf den Arbeitsmarkt aufgezeigt. Im Anschluss werden diese auf den polnischen Arbeitsmarkt übertragen und kritisch gewürdigt. Die Arbeit schließt mit einem Fazit.

2 Migrationstheorien

Migration ist nicht wie derzeit durch die allmediale Verwendung von Begriffen wie „Migrationshintergrund“ eine Erfindung der Neuzeit. Die Wurzeln der Forschung im Bereich der Migration dürften viel eher im 17. Jahrhundert vermutet werden, da bereits Adam Smith in seinem Werk „Wealth of Nations“ anführte, dass Überbevölkerung, Landknappheit sowie Arbeitskräfteknappheit als Auslöser für die damalige Land-Stadtmigration zu sehen seien.[2]

Die Vielzahl der seitdem entstandenen Theorien zur Migration hat dazu geführt, dass sich bis heute keine einheitlich und allgemein gültige Theorie herausgebildet hat und sie sollten daher als sich gegenseitig ergänzend angesehen werden. Die folgenden Theorien sind demnach nur ein Auszug aus einer großen Liste an Theorien zur Migration.

Für diese Arbeit sollen daher die Mikro-ökonomische Migrationstheorie sowie die neue Ökonomie der Arbeitsmigration angeführt werden, die sie der Themenstellung aus Sicht des Autors am ehesten entsprechen.

Die Mikroökonomische Migrationstheorie bzw. der Humankapitelansatz der Migrationstheorie geht auf Sjaastad zurück und wurde in den 1960er Jahren bekannt. Im Fokus dieser Theorie steht der Nutzen für das Individuum selbst und nicht die Bedingungen um das migrierende Individuum. Sjaastad geht davon aus, dass der Hauptgrund für Migration zwar in den ökonomischen Bedingungen zu sehen ist, welche auch als Frage nach „Wo verdiene ich am meisten?“ interpretiert werden können, diese Bedingungen allerdings in Abhängigkeit von sog. „Skills“ (Fähigkeiten) zu betrachten sind.[3] Als Skills werden hierbei unter anderem Ausbildung, Berufserfahrung, Sprache, kulturelle Kompetenz und Anpassungsfähigkeit verstanden. Diese Skills werden von Sjaastad im ökonomischen Sinne als Investitionen angesehen. Als Kosten werden tatsächlich anfallende Reisekosten aber auch psychische und soziale Kosten wie Beispielsweise der Verlust des sozialen Umfelds, oder die unterschiedliche Kultur angeführt. Auch eine zeitliche Komponente wie etwa die Lebensplanung oder die Lebenserwartung des Individuums wird hierbei berücksichtigt.[4] Neben einer Nutzenbetrachtung unter Berücksichtigung von zeitlichen Aspekten wird ebenfalls die Risikobereitschaft des Individuums als Faktor für Migration aufgeführt.

Joseph, 26 Jahre alt, war 10 Jahre lang zur Schule gegangen, er hatte drei Sprachen gelernt. Außerdem hatte er Kurse besucht, die sehr teuer gewesen waren, und hatte sich weitere Fachkenntnisse angeeignet. Dennoch konnte er keinen seinen Investitionen angemessenen Job finden, sondern musste sich als Handlanger verdingen. Sollte das Geld, das seine Ausbildung gekostet hatte, vergeblich ausgegeben worden sein? Von einem Onkel erfuhr er, das er in Frankreich in seinem Beruf würde arbeiten können. Zwar würde er dort gutes Geld verdienen, aber er hatte auch von den langen kalten Wintern gehört und davon, das ‚Schwarze’, wie er, dort diskriminiert werden. Er war alleinstehend, flexibel, konnte Französisch und war überaus kontaktfreudig. Er kam zu dem Schluss, dass er in Frankreich mehr aus sich würde machen können, dass er dort einen Arbeitsplatz finden würde, der seiner Ausbildung angemessen war und das die Vorteile die Nachteile aufwiegen würden. So wanderte er also nach Frankreich aus.

Abbildung 1: Fallbeispiel zur Humankapitaltheorie[5]

Zusammenfassend ergibt sich daher, dass ein Individuum dorthin migrieren wird, wo die Investitionen (Skills) nach Abzug aller Kosten und unter Berücksichtigung der persönlichen Risikobereitschaft und der persönlichen zeitlichen Perspektive ihre größtmögliche Produktivität entfallen können.[6]

Einen neueren Ansatz stellt die neue Ökonomie der Arbeitsmigration dar. Er wurde bekannt durch Starks Werk „The new economics of migration“ und geht davon aus, dass Wanderungsentscheidungen nicht von einzelnen Individuen getroffen werden, sondern dass hinter diesen Entscheidungen immer Netzwerke, vor allem aber Familien stehen. Grenzüberschreitende Arbeitsmigration stellt nach Starks Ansicht eine Risikoverteilung für das Haushaltseinkommen dar. So wird beispielsweise für eine Familie, welche gleichermaßen durch Remissen (Rücküberweisungen) und Einkünfte aus der Landwirtschaft bezieht, das Risiko minimiert schlagartig kein Einkommen mehr zu haben. Hierbei kommt es der Familie zugute, dass das Risikoniveau in Herkunftsland und Zielland unterschiedlich sind. Es ist daher unwahrscheinlich, dass beide Einkommen verloren gehen.[7] Als psychologischer Faktor, der Menschen dazu veranlassen kann zu migrieren, wird das Gefühl der Benachteiligung angeführt. Dieses stelle sich durch ein im Verhältnis zu im Heimatland gleichgestellten Freunden schlechteres Einkommen oder gar drohender bzw. bereits eingetretener Arbeitslosigkeit. Wird ein Arbeitsplatz im Ausland angenommen steigen sowohl das Einkommen als auch der soziale Status im Heimatland. Die Theorie der neuen Ökonomie der Arbeitsmigration unterstellt auch das Vorhandensein von Wissen über Arbeitsproduktivität. So wird von Pries angeführt, dass es sich durchaus lohnen kann als unqualifizierter Arbeiter im neuen Heimatland nicht nach seiner Qualifikation angestellt zu werden, da Arbeitnehmer sich an durchschnittlichen Erfahrungswerten, die sie mit Migranten gesammelt haben, orientieren würden, was sich durchaus positiv auf den Lohn auswirken könne.[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Fallbeispiel zur neuen Ökonomie der Arbeitsmigration[9]

Auch im Ansatz der neuen Ökonomie der Arbeitsmigration migriert das Individuum. Hierbei allerdings nicht um nur seinen eigenen Nutzen zu optimieren sondern, um die ihn umgebende Familie abzusichern. Sie erscheint daher weiter zu greifen als die Mikroökonomische Sicht.

3 EU-Erweiterung

In diesem Kapitel soll vor allem auf die rechtlichen Grundlagen die im EU-Raum für Arbeitskräfte gelten eingegangen werden. Die fünfte EU-Erweiterung ist auch als Osterweiterung bekannt, da in der fünften Erweiterungsrunde vor allem die „MOEL“ (mittel- und osteuropäischen Länder) aufgenommen wurden. Sie wurde vor allem wegen ihrer schieren Größe oft kritisiert. Wie bereits einleitend erwähnt wurden daher bereits vorab häufig Einwanderungswellen nach Westeuropa befürchtet.

Die fünfte EU-Erweiterung war ein weiterer Schritt für die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Raumes, dessen Wurzeln sich in den römischen Verträgen zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft finden lassen.[10] Für diese Arbeit scheint im Hinblick auf Migration und ihre Auswirkung auf Arbeitsmärkte vor allem das Freizügigkeitsgesetz eine tragende Rolle zu spielen.

Die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der Gemeinschaftsstaaten ist neben Dienstleistungsfreiheit, Niederlassungsfreiheit und Freiheit des Kapitals eine der vier Grundfreiheiten des EU Binnenmarkts.[11] Verankert ist die Arbeitnehmerfreizügigkeit in Artikel 39 des Vertrags zur Gründung der Europäischen Union:[12]

Artikel 39 Absatz 1 EGV:

„Innerhalb der Gemeinschaft ist die Freizügigkeit der Arbeitnehmer gewährleistet.“

Artikel 39 Absatz 2 EGV

„Sie umfasst die Abschaffung jeder auf der Staatsangehörigkeit beruhenden unterschiedlichen Behandlung der Arbeitnehmer der Mitgliedstaaten in Bezug auf Beschäftigung, Entlohnung und sonstige Arbeitsbedingungen.“

In diesen kurzen Artikeln wurde damit für Bewohner der EU die Möglichkeit geschaffen sich über Landesgrenzen hinweg auf ausgeschriebene Stellen zu bewerben, sich in einem anderen Mitgliedsland aufzuhalten, um einer Beschäftigung nachzugehen und nach Beendigung dieser Beschäftigung im jeweiligen Land zu verbleiben.[13] Somit sind faktisch keine Unterschiede mehr zwischen inländischen und ausländischen Arbeitnehmern mehr gegeben. Um der bereits erwähnten Angst vor übermäßiger Zuwanderung zu begegnen wurde daher im sog. Göteborg-Kompromiss die „2+3+2“ Regelung geschaffen.

Diese Regelung besagte, dass für die ersten beiden Jahre nach der EU-Erweiterung ohne Angabe von Gründen der Personenverkehr zwischen alten EU-Mitgliedern und den MOE-Staaten eingeschränkt werden. Bei konkreten Problemen z.B. auf dem Arbeitsmarkt ist eine weitere Aussetzung der Freizügigkeit für weitere drei Jahre möglich. Sind in den alten EU-Mitgliedsstaaten erhebliche Probleme auf dem Arbeitsmarkt anzutreffen, so ist gegen Rechenschaft vor der EU-Kommission eine weitere „Frist-verlängerung“ von zwei Jahren möglich gewesen.[14]

Von dieser Übergangsfrist machten Deutschland und Österreich Gebrauch. Diese werden die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit erst ab Mai 2011 für die MOE Länder einführen. Die Begründung liegt hierbei vor allem bei der zentralen Lage beider Länder und der bereits relativ hohen Anteile von Arbeitskräften aus den MOE Ländern, welche im Rahmen der bereits umgesetzten Dienstleistungsfreiheit entsandt werden. Einige Länder nutzen die „2+3+2“ Klausel teilweise und öffneten ihre Arbeitsmärkte zwischen 2006 und 2009, hierunter fallen etwa Länder wie Frankreich oder die Niederlande. Einige andere Länder wie beispielsweise Großbritannien oder Irland nutzten die Restriktionsmöglichkeit überhaupt nicht und hatten ihre Arbeitsmärkte von Anfang der EU-Erweiterung für die neuen MOE Länder geöffnet. Hierbei sind unter anderem Großbritannien oder Irland zu nennen.

4 Auswirkungen auf den polnischen Arbeitsmarkt

Polen stellt wie bereits beschrieben allein durch seine Größe eines der im Sinne der Migration interessantesten Länder dar, die es zu beobachten gilt.

Über das Migrationspotential Polens gibt es unterschiedliche Schätzungen. Einige gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2030 jährlich etwa eine Millionen Polen ihr Heimatland, zumindest zeitweise, verlassen. In anderen Schätzungen hingegen werden Zahlen von 390.000 – 1,5 Millionen in den ersten 12 Jahren nach der EU-Erweiterung genannt.[15]

Für den polnischen Arbeitsmarkt wurde durch die EU-Mitgliedschaft vor allem der Effekt des „Brain Drain“ befürchtet. Also das Abwandern einzelner hochgebildeter polnischer Arbeitskräfte ins EU-Ausland.[16] Allerdings lässt sich eine solche Wanderungsbewegung für Polen kaum feststellen. Zwar werden hier bezugnehmend auf die Mikroökonomische Migrationstheorie Personen mit vielen oder hohen „Skills“ angesprochen, da sich Polen aber steigender Gehälter und besserer Bildungschancen erfreut, treten diese in Relation mit den Kosten für Migration und führen daher zu einer Migrationshemmung. Angesichts der migrationshemmenden Aspekte, wie steigende Gehälter, und die sich daher ständig verbessernden Perspektiven für berufliche Entwicklung einzelner (nicht nur) hochqualifizierter Personen, ist in Polen kaum mit einer Veränderung dieser Situation in Zukunft zu rechnen.

[...]


[1] Vgl. Becker & Heller, 2002, S. 71-87

[2] Vgl. Düvell, 2006, S. 79

[3] Vgl. Düvell, 2006, S. 83

[4] Vgl. Sinn, 2000, S. 25 f

[5] Abbildung aus Düvell, 2006, S. 85

[6] Vgl. Düvell, 2006, S. 83

[7] Vgl. Stark, 1984, S. 207

[8] Vgl. Pries, 2001, S. 14 ff

[9] Abbildung aus Düvell, 2006, S. 86

[10] Vgl. Hellriegel, 2007, S. 1

[11] Vgl. Baas et al

[12] Vgl. EURO-LEX, 2006, S. 57

[13] Vgl. Pflugbeil, 2005

[14] Vgl. Honekopp, 2004, S. 34 ff

[15] Vgl. Märker, 2001, S. 6

[16] Vgl. Straubhaar & Wolburg, 1999, 574 ff

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Migration nach der fünften EU-Erweiterung
Untertitel
Auswirkungen auf den polnischen Arbeitsmarkt
Hochschule
AKAD University, ehem. AKAD Fachhochschule Stuttgart  (AKAD Hochschule Stuttgart)
Veranstaltung
VWL04 / Außenwirtschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
12
Katalognummer
V162841
ISBN (eBook)
9783640780006
ISBN (Buch)
9783640780570
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
migration, eu-erweiterung, osterweiterung, polen, arbeitsmarkt, arbeitsmigration
Arbeit zitieren
Nico Schuster (Autor), 2010, Migration nach der fünften EU-Erweiterung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162841

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