Selbstüberschätzung und Management: Welche Implikationen hat Selbstüberschätzung für das Management von Organisationen?


Bachelorarbeit, 2008
52 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Review Selbstuberschatzung
2.1 Determinanten von Selbstuberschatzung
2.2 Moderatoren von Selbstuberschatzung
2.2.1 Moderator Informationen/Expertise
2.2.2 Moderator Aufgabenschwierigkeit
2.2.3 Moderator Geschlecht
2.2.4 Moderator Alter/Erfahrung
2.2.5 Moderator Aufgabenfeld
2.2.6 Moderator Erfolg/Misserfolg
2.2.7 Moderator Kultur
2.2.8 Moderator Feedback
2.3 Bewertung von Selbstuberschatzung
2.4 Fazit Selbstuberschatzung

3. Selbstuberschatzung in Management und Organisation
3.1 Einfluss von Selbstuberschatzung in Management und Organisation
3.2 Umgang mit Selbstuberschatzung in Management und Organisation

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Kalibrierung bei unterschiedlichen Aufgabenschwierigkeiten .

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Auflistung der Moderatoren von Selbstuberschatzung

Tabelle 2: Ubersicht der Nutzen von Selbstuberschatzung

Tabelle 3: Ubersicht der Kosten von Selbstuberschatzung

Tabelle 4: Auswirkung von Selbstuberschatzung unter verschiedenen Risiko- und Verlustbedingungen (vier Dimensionen)

Tabelle 5: Einflussfaktoren von Selbstuberschatzung und deren Auswirkung auf Organisationen

Tabelle 6: Instrumente zur Handhabung und Nutzbarmachung von Selbstuberschatzung

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Gefahren der Selbstuberschatzung sind Menschen schon seit langer Zeit bewusst, und schon oft haben Menschen versucht, sich vor diesen Gefahren zu schutzen. Romischen Casaren stand bei ihren triumphalen Ruckkehren von Feldzugen beispielsweise ein Sklave zur Seite, der sie auf ihre Sterblich- keit hinwies (Fischer-Fabian, 1994). Hierdurch sollte bei den Casaren die Hybris (Selbstuberschatzung) abgewendet werden, die nach altem Glauben den Zorn der Gotter heraufbeschwort. Wissenschaftliche Studien aus den letzten Jahrzehnten belegen aber, dass Menschen auch heute immer noch dazu neigen, ihre Erfolgsaussichten und ihre Leistungsfahigkeit in vielen Situationen deutlich zu uberschatzen und sich als leistungsfahiger einzu- schatzen als andere (Griffin & Tversky, 1992; Healey & Moore, 2008). So zeigen Studien, dass 90 % aller Autofahrer sich hinter dem Steuer uber- durchschnittliche Fahigkeiten zuschreiben (Svenson, 1981). Ebenso glauben 90 % aller Mitarbeiter, besser zu sein als der durchschnittliche Kollege (Meyer, 1975). Fast alle Autofahrer und Mitarbeiter glauben somit, auf ihrem Feld besser zu sein als der gewohnliche Durchschnitt. Mathematisch konnen dies jedoch maximal 50 % sein. Diese Art des ubermaGigen Vertrauens in die eigene Person (Selbstuberschatzung) schatzen Forscher als einen der robustesten Befunde in der Psychologie von Urteilen ein (DeBondt & Thaler, 1995).

In der Management- und Organisationsforschung ist dieses ubermaGige Ver- trauen in die eigenen Erfolgsaussichten und die eigene Leistungsfahigkeit bisher eher in Bezug auf die Selbstuberschatzung der Spitze von Unter- nehmensfuhrungen untersucht worden (Goel & Thakor, 2006; Malmendier & Tate, 2005). Arbeiten, die systematisch die Bedeutung von Selbstuber-schatzung im Hinblick auf Managemententscheidungen analysieren, sind bisher nur vereinzelt vorhanden (Russo & Schoemaker, 1992; Malmendier & Camerer, 2007). Meine Arbeit soll anfangen, diese Lucke zu schlieGen, in- dem sie die Auswirkungen von Selbstuberschatzung auf allen Hierarchie- ebenen betrachtet. Hierzu werden zwei Forschungsziele verfolgt. Das erste Forschungsziel ist eine Untersuchung, in wie weit die Vermutung als ge- rechtfertigt gesehen werden kann, dass Selbstuberschatzung Einfluss auf Management und Organisation nimmt. Das zweite Forschungsziel ist die Entwicklung von Eingriffsmoglichkeiten zum Umgang Selbstuberschatzung im Rahmen einer Organisation. Grundlage der Arbeit ist dabei eine umfang- reiche Durchsicht der Literatur zur Selbstuberschatzungsforschung. Aufbauend auf dieser Durchsicht werden die beiden Forschungsziele be- arbeitet.

2. Review Selbstuberschatzung

Selbstuberschatzung beinhaltet eine Vielzahl von Aspekten, welche in den letzten Jahrzehnten der Forschung nach und nach aufgedeckt wurden. Die fruhere Selbstuberschatzungsforschung hatte einen Schwerpunkt auf den Grunden, Ursachen und Manifestationsformen von Selbstuberschatzung (Fischoff, Slovic & Lichtenstein 1977; Oskamp, 1965; Lichtenstein, Fischoff & Philipps, 1982). Hierbei wurden die haufig vorkommenden Abweichungen zwischen erwarteter Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses und wirk- lichem Eintritt eines Ereignisses beschrieben (Fischoff, Slovic & Lichtenstein 1977; Oskamp, 1965 Lichtenstein, Fischoff & Philipps, 1982). Die neuere Selbstuberschatzungsforschung legt starkere Beachtung auf spezifische Moderatoren von Selbstuberschatzung (Barber & Odean, 2001; Bengtsson, Persson & Willenhag, 2005; Benoit & Dubra, 2007; Gervais & Odean, 2001; Griffin & Tversky, 1992; Moore & Cain, 2007). Barber und Odean unter- suchen dabei in einer viel beachteten Studie die unterschiedliche Aus- pragung von Selbstuberschatzung von Mannern und Frauen am Finanz- markt. Die beiden Autoren verfolgten die Hypothesen, dass Manner mehr mit Wertpapieren handeln als Frauen und dabei im Durchschnitt schlechtere Er- gebnisse als diese erzielen. Als Methode fand eine Untersuchung des Handelsverhaltens von 78.000 Haushalten statt, die Kunden bei einer Wert- papierhandelsgesellschaft waren. Die Ergebnisse der Studie bestatigten die Hypothesen, dass Manner mehr handeln und eine schlechtere Performance erzielen. Als Ursache fur das erhohte Handelsverhalten wurde Selbstuber- schatzung herangezogen.

Eine einheitliche Definition des Begriffs Selbstuberschatzung ist schwierig, weil es ein Sammelbegriff fur viele Unterphanomene darstellt. In der Psycho- logie wird der Begriff sehr haufig als Fehleinschatzung des Verhaltnisses von erwarteter Eintrittswahrscheinlichkeit (z. B. 70 % erwartete Wahr- scheinlichkeit, ein Tennisspiel zu gewinnen) und tatsachlicher Eintrittswahr- scheinlichkeit (z. B. 50 % wirkliche Wahrscheinlichkeit, ein Tennisspiel zu ge-winnen) benutzt (Skata, 2008). Wenn eine Differenz zwischen erwarteter und tatsachlicher Eintrittswahrscheinlichkeit vorliegt, spricht man von Fehl- kalibrierung. Ebenfalls wird der Begriff Selbstuberschatzung in der Definition benutzt, dass Menschen ihre Einflussmoglichkeiten auf Ereignisse uber- schatzen (Gervais & Odean, 2001). Eine dritte gangige Definition von Selbst-uberschatzung ist die relative Uberschatzung im Vergleich zu anderen Menschen (Glaser, Langer & Weber, 2005).

Die angefuhrten Beispiele von Definitionen des Begriffs Selbstuberschatzung zeigen, dass viele Studien uber Selbstuberschatzung mit unterschiedlichen Definitionen des Begriffs arbeiten. Seltener werden Anmerkungen von Autoren gemacht, dass neben ihrer Definition auch andere Definitionen existieren. Es wird verallgemeinernd von Selbstuberschatzung gesprochen. In der neusten Literatur zu Selbstuberschatzung ist dieses Problem mehr in den Vordergrund getreten und es findet eine Unterscheidung in unterschied- liche Kategorien statt (Moore & Healey, 2008). Folgend wird eine Unter- gliederung in absolute und relative Selbstuberschatzung durchgefuhrt. Absolute Selbstuberschatzung kann als allgemeine Umschreibung fur Fehl- kalibrierung verstanden werden. Diese Art von Selbstuberschatzung entsteht unbeeinflusst durch andere Menschen. In der Selbstuberschatzungs- forschung ist Fehlkalibrierung die am haufigsten behandelte Klasse von Selbstuberschatzung (Moore & Healey, 2008). Eigene Fahigkeiten und Kenntnisse werden zu positiv eingestuft oder man schatzt einen moglichen Erfolg als zu wahrscheinlich ein. Menschen schatzen ihre eigenen Fahig- keiten in unterschiedlichen Situationen deutlich zu hoch ein (Fischoff et al., 1977; Griffin & Tversky, 1992; Oskamp 1965), jedoch kann es unter Um- standen auch zu Selbstunterschatzung[1] kommen (Griffin & Tversky, 1992). Fischoff et al. untersuchten die Selbsteinschatzung von Studierenden an der Universitat von Oregon in der Weise, dass sie diese Studierenen in ver- schiedene Gruppen aufteilten und funf Experimente mit ihnen durchfuhrten. Eins der funf Experimente fragte ab, wie selbstsicher die Probanden bezug- lich der Beantwortung von Fragen waren. Hierbei wiesen die Studierenden eine wesentlich hohere Selbstsicherheit bezuglich der Antworten auf, als ihre Ergebnisse richtig waren. Die anderen vier Experimente zeigten vergleich- bare Resultate.

Relative Selbstuberschatzung wird in der Literatur wiederholt als anschau- liches Beispiel fur Selbstuberschatzung verwendet. Es schatzen 90 % der Mitarbeiter eines Unternehmens ihre Leistungen besser als die des Durch- schnitts ein (Meyer, 1975). Es gibt beim Menschen die Tendenz, sich als besser befahigt als der Durchschnitt einzustufen (Moore & Healey, 2008). Vergleichbar zu absoluter Selbstuberschatzung tritt auch relative Selbstuber-schatzung systematisch und standig auf (Burson, Larrick & Soll, 2007), wobei Menschen die Leistung von Mitmenschen bei einfachen Aufgaben unter- schatzen und die Leistung von Mitmenschen bei schwierigen Aufgaben uber- schatzen (Moore & Cain, 2007). Deshalb erhoht sich der Druck bei ein- facheren Aufgaben uberproportional, weil sich viele Menschen den Wett- bewerb zutrauen. Bei schwierigen Aufgaben ist der Wettbewerb dagegen schwach, weil viele Menschen sich den Einstieg in den Wettbewerb nicht zutrauen. Ein weiterer wichtiger Einflussgrund fur die Entstehung von relativer Selbstuberschatzung liegt darin, dass Menschen in ihren Strategien dazu tendieren, andere Menschen als inaktive und passive Mitspieler zu sehen (Moore, 2005). Es ist umstritten, ob relative und absolute Selbstuber-schatzung positiv oder negativ miteinander korrelieren. In bisherigen Forschungen gibt es einige Hinweise, dass dies der Fall ist (Bolger, Bulford & Colman, 2008; Burson et al., 2007), jedoch auch Hinweise auf eine mogliche negative Korrelation (Moore & Healey, 2008).

Neben der Einteilung in absolute und relative Selbstuberschatzung gibt es auch eine Anzahl von Phanomen, welche groGe Ahnlichkeiten zu Selbst-uberschatzung aufweisen. Zu den bekanntesten dieser Phanomene zahlen die Theorien uber unrealistischen Optimismus[2] (Weinstein, 1980) und Illusion von Kontrolle[3] (Langer, 1975).

So tendieren Menschen zu dem Glauben, dass sie unverwundbar sind und zukunftiges Ungluck immer nur andere und nicht sie selbst treffen konnte, wobei auch die Zukunft grundsatzlich positiver gesehen wird als die Ver- gangenheit und die Gegenwart (Weinstein, 1980). Weinstein nennt dieses der Selbstuberschatzung ahnliche Phanomen unrealistischen Optimismus. In seiner Studie fuhrte Weinstein an Gruppen von Studierenden zwei Tests durch. Im ersten Test gab er der Testgruppe 18 positive und 24 negative Lebensereignisse und befragte die Testpersonen, ob diese Ereignisse fur sie wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher als fur andere Menschen zutreffen konnten. Der grofete Teil der Testgruppe sprach sich selbst eine hohere Ein- trittswahrscheinlichkeit fur positive Lebensereignisse und eine niedrigere Wahrscheinlichkeit fur negative Lebensereignisse zu. Im zweiten Test lies Weinstein 120 weibliche Studierenden eines Einfuhrungskurses in Psycho- logie ihre Chance auf das Eintreten gewisser Ereignisse bewerten und zu- satzlich noch Argumente aufschreiben, warum diese Ereignisse gerade sie treffen bzw. nicht treffen sollten. Die Liste mit den Argumenten wurde in der zweiten Testphase an andere Teilnehmerinnen weitergegeben. Das Ergebnis war ein zum Teil abgesenkter Optimismus, weil die Teilnehmerinnen intuitiv verstanden, dass sie andere Menschen bei ihren Erwartungen nicht genug berucksichtigt hatten.

Es gibt auch einige Hinweise auf Analogien zwischen Selbstuberschatzung und unrealistischem Optimismus (Heine & Lehman, 1995; Shepperd, 1996; Weinstein, 1980). Unfalle oder anderen ernsten Lebensereignissen wird ab- senkender Einfluss auf das Niveau von unrealistischem Optimismus zu- gerechnet (Shepperd, 1996). Bei Erfolg und Misserfolg wird ein ahnlicher Effekt auf das Niveau von Selbstuberschatzung gesehen (Gervais & Odean, 2001). Ebenso konnten sich Analogien von unrealistischem Optimismus zu Selbstuberschatzung durch kulturspezifische Unterschiede von Japanern und Kanadiern ergeben, weil Kanadier sowohl eine hohere Selbstuberschatzung als auch eine hohere Neigung zu unrealistischem Optimismus aufweisen als Japaner (Heine & Lehmann, 1995). Die Literatur lasst auf Ahnlichkeiten von Selbstuberschatzung und unrealistischem Optimismus schliefeen. Vereinfachend konnte man unrealistischen Optimismus vielleicht als Selbst-uberschatzung mit ausschliefelicher Zukunftsorientierung bezeichnen.

Die Eintrittswahrscheinlichkeit von moglichen Gegebenheiten, welche auGer- halb der eigenen Einflussmoglichkeiten liegen, wird von der jeweiligen Person als ubermaGig positiv eingestuft, was man deswegen als Illusion von Kontrolle bezeichnen kann. Menschen haben den Wunsch, ihr Umfeld und die auGeren Umstande im Griff zu haben, und selbst ein temporarer Verlust der Kontrolle uber ein Event ruft sofort Beunruhigung und Besorgnis hervor. Darum geschieht bei Illusion von Kontrolle eine Ubernahme der Bewertung der eigenen Fahigkeiten aus Situationen, indem die Person aktivere Ein-flussmoglichkeiten auf den Ausgang der Situation hat (Langer, 1975). Illusion von Kontrolle zeigt auch eine Analogie zur Selbstuberschatzung, weil es genauso universal auftritt (Presson & Benassi, 1996). Auch soll das Vor- handensein von Illusion von Kontrolle hilfreich sein, um die Wahrscheinlich- keit von Depressionen abzusenken und negative Lebensereignisse besser verkraften zu konnen (Alloy & Clements, 1992). Dies wurde eine Analogie zu der Vermutung erlauben, dass die Ursache von Selbstuberschatzung eine Schutzschildfunktion fur mentale Gesundheit ist (Taylor & Brown, 1988). Illusion von Kontrolle zeigt Ahnlichkeiten zu Selbstuberschatzung, jedoch gibt es einen besonderen Bezug auf Situationen, welche ein Mensch wenig aktiv beeinflussen kann.

Aufgrund der Vielzahl von unterschiedlichen Ansatzen lasst sich Selbstuber-schatzung an dieser Stelle am besten allgemein definieren. Selbstuber-schatzung und unrealistischer Optimismus sowie Illusion von Kontrolle werden nicht gleichgesetzt, sondern falls es sich um unrealistischen Optimismus oder Illusion von Kontrolle handelt, wird dies explizit an- gesprochen. Wird ein Zusammenhang mit dieser allgemeinen Definition von Selbstuberschatzung nicht prazise genug abgedeckt, erfolgt eine weitere Ausdifferenzierung in absolute oder relative Selbstuberschatzung, um die notwendige Genauigkeit zu erzielen.

2.1 Determinanten von Selbstuberschatzung

Der Ursprung von Selbstuberschatzung und die dafur verantwortlichen Ursachen sind schwierig eindeutig zu identifizieren, was in der bisherigen Forschung auch noch nicht abschlieGend getan wurde. Eine verstarkende Wirkung auf die Auspragung der Selbstuberschatzung kann unterschied- lichen Faktoren unterstellt werden (Gervais & Odean, 2001; Griffin & Tversky, 1992; Rabin, 1998). Wie Selbstuberschatzung jedoch ursachlich entsteht, ist weniger geklart. Aufgaben als mentale Schutzfunktion und als Motivationsfaktor werden als wahrscheinlicher Ursprungsgrund von Selbst-uberschatzung gesehen (Taylor & Brown, 1988). Andere Studien nennen neben dem motivationalen Aspekt auch kognitive und physiologische Ur- sprunge (Russo & Schoemaker, 1992).

Selbstuberschatzung hilft als Schutzmechanismus dem seelischen Wohl- empfinden, was sich in einer besseren Sicht der Welt und einer erhohten Arbeitsfahigkeit ausdruckt (Taylor & Brown, 1988). Das Konzept der Selbst- wirksamkeit[4], welches zwar nur Aspekte der hier erorterten Selbstuber-schatzung enthalt, jedoch diesem noch sehr nahe kommt, unterstreicht diese Idee. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit handeln trotz schwieriger Um- stande mit hoher Selbstuberzeugung und glauben an ihre Fahigkeit, das Um- feld beeinflussen zu konnen (Bandura, 1977). Die Wirkung von Selbst-wirksamkeit wurde im Zusammenhang mit Patienten bestatigt, welche einen Herzinfarkt erlitten; Es konnte festgestellt werden, dass Patienten mit hoher Selbstwirksamkeit sich sowohl korperlich als auch psychologisch schneller von den Wirkungen des Herzinfarktes erholen (Bandura, 1986). Durch den Erhalt des seelischen Gleichgewichts und durch den Glauben an die eigene Starke und Uberlegenheit werden Motivation fur Tatigkeiten und kreativeres Arbeiten geschaffen (Taylor & Brown, 1988). Diese Annahme wird durch die Ergebnisse aktueller Meta-Analysen bestatigt (Judge & Bones, 2001; Judge & Illies, 2002). Selbst Menschen, welche Herzinfarkte erleiden oder an Krebs oder Aids erkrankt sind, zeigen im Umgang mit ihrer Krankheit haufig eine zu optimistische Haltung bezuglich des Standes ihrer Erkrankung oder ihrer Heilungschancen und verhalten sich weiterhin aktiv (Taylor, Kemeny, Reed, Bower & Gruenewald, 2000). Ohne den Glauben an moglichen Erfolg wird dieser schon generell ausgeschlossen, weil kein Versuch dafur unter- nommen wird (Bandura, 1977; Russo & Schoemaker, 1992).

In der Ursachenforschung von Selbstuberschatzung wird auch immer wieder die Kognitionsforschung herangezogen (Fischoff, Koriat & Lichtenstein, 1980; Kahneman & Tversky, 1974; Krueger & Mueller, 2002; Russo & Schoemaker, 1992; Weinstein, 1980). Die Reprasentationsheuristik[5], die Erinnerungs- heuristik[6] und die Ankerheuristik[7] werden als beeinflussende kognitive Aspekte fur die Entwicklung von Selbstuberschatzung gesehen. Die Reprasentationsheuristik veranlasst Menschen, in der Wahrnehmung richtige Relationen zu unterschlagen oder auch Wahrscheinlichkeiten falsch einzu- schatzen. Die Erinnerungsheuristik fuhrt zu einer Uberschatzung der Wahr- scheinlichkeit des Eintritts von drastischen Erlebnissen, weil diese aufgrund ihrer emotionalen Wirkung im Gedachtnis starker prasent sind. Die Anker-heuristik beschreibt den Prozess, dass man nach Prufung einer Situation eine Entscheidung festgelegt und in Zukunft Entscheidungen auf ahnlichem Feld auf Basis der ursprunglichen Entscheidung immer wieder nur anpasst (Kahneman & Tversky, 1974).

Der Hang zur spaten Einsicht[8] fuhrt uns zur Annahme, dass wir die Welt besser vorhersagen konnen als dies eigentlich moglich ist (Russo & Schomaker, 1992). Beim Hang zur spaten Einsicht werden verfugbare Informationen uber die Welt und Erinnerungen zur Prognose von zukunftigen Zustanden benutzt. Jedoch stammen dieses Wissen und diese Erinnerungen aus der Vergangenheit und konnen fur die Vorhersage bereits veraltet sein (Hoffrage, Hertwig & Gigerenzer, 2000).

Als weiteres kognitives Phanomen, welches der Selbstuberschatzung zu- traglich ist, wird der Hang zur Selbstbestatigung[9] gesehen (Fischoff, Koriat & Lichtenstein, 1980, Rabin & Schrag, 1999). Beim Hang zur Selbstbestatigung werden nur noch Informationen wahrgenommen, welche die eigene Ansicht bestatigen, wahrend gegenteilige Informationen ignoriert werden (Fischoff, Koriat & Lichtenstein, 1980). Fischoff, Koriat und Lichtenstein testeten 268 Probanden hinsichtlich der Suche nach Selbstbestatigung, indem sie zwei Versuche durchfuhrten. Als Erstes wurden die Probanden aufgefordert, fur eine gegebene Antwort Fur- und Gegenargumente aufzuschreiben. Dies ver- besserte die Kalibrierung der Probanden. Beim zweiten Versuch sollten die Probanden entweder ein Fur- und Gegenargument oder ein Fur- oder Gegenargument aufschreiben. Nur die erste Form verbesserte die Kalibrierung der Probanden, weil bei der anderen Testform die Testpersonen meist ihrem Standpunkt unterstutzende Argumente aufschrieben. Zudem wird in Verbindung mit dem Hang zur Selbstbestatigung auf die Schwierigkeit hingewiesen, dass dieser in besonders unsicheren Situationen am starksten wirkt und somit Selbstuberschatzung dann noch grower sein kann (Russo & Schoemaker, 1992).

Insgesamt fuhrt eine Vielzahl von kognitiven Vereinfachungsprozessen in komplexen Situationen zu einer haufig dem Anlass nicht adaquaten Prognose der Erfolgswahrscheinlichkeit (Schwenk, 1984). Somit fallen schwierige Entscheidungen intuitiver aus als viele Menschen denken und Intuition tauscht in vielen Situationen erheblich (Kahneman & Lovallo, 1993). Grundsatzlich fuhren viele vereinfachende kognitive Prozesse zu einem nicht prazisen Umgang mit Informationen, weil verfugbare Informationen entweder verzerrt oder zu gut dargestellt werden (Griffin & Tversky, 1992). Die Grenze zwischen uberlegten und intuitiven Entscheidungen erscheint wegen kognitiver Prozesse flieGender als vielfach angenommen.

Als dritte Ursprungskomponente von Selbstuberschatzung werden physio- logische Ursachen gesehen. Bei diesen biochemischen Prozessen kommt es im Falle eines Erfolges zur Produktion von Adrenalin und Endorphinen im Korper. Dies ist forderlich fur die Entstehung von Selbstuberschatzung. Ende der 1970er stand Ford vor den Herausforderungen eines abnehmenden Marktanteils und einer uberlegenen Qualitat japanischer Autos. Als Gegen- maGnahme wurden Treffen von Fabrikleitern und anderen Managern ein- gerichtet, wobei bei diesen Treffen haufig eine Vielzahl von Ideen aus- getauscht wurde, was zu einer groGen Euphorie fuhrte. Um voreiligen Ent-scheidungen aufgrund groGer Euphorie vorzubeugen, entschied man bei Ford, dass Ideen aus den Treffen erst einige Wochen spater entschieden werden durfen, damit in der Zwischenzeit die Euphorie abkuhlen konnte (Russo & Schoemaker, 1992).

2.2 Moderatoren von Selbstuberschatzung

Selbstuberschatzung wird als standig beim Menschen prasentes Phanomen beschrieben (Debondt & Thaler, 1995), dessen Niveau durch eine Anzahl von Moderatoren erheblich erhoht oder abgesenkt werden kann. Als Moderatoren von Selbstuberschatzung werden in der Literatur Informationen/Expertise (Griffin & Tversky, 1992; Kyle & Wang, 1997; Rabin, 1998), Aufgabenschwierigkeit (Griffin & Tversky, 1992; Moore & Cain, 2007), Geschlecht (Barber & Odean, 2001; Bengtsson et al., 2005) Alter (Benoit & Dubra, 2007; Dittrich, Guth & Maciejovsky., 2005), Aufgabengebiet (Barber & Odean 2001), Erfolg (Gervais & Odean, 2001; Vancouver, Thompson, Tischner & Putka, 2002) und Kultur (Yates, Lee & Bush, 1997) erwahnt. Zudem werden in einigen Studien Interdependenzen zwischen unterschied- lichen Moderatoren aufgezeigt (Barber & Odean, 2001). Auch deshalb variiert die Auswirkung der jeweiligen Moderatoren zum Teil sehr stark. In Tabelle 1 findet sich eine Auflistung aller Moderatoren von Selbstuber-schatzung.

Tabelle 1: Auflistung der Moderatoren von Selbstuberschatzung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.1 Moderator Informationen/Expertise

Der Moderator Informationsstand/Expertise ist in der Literatur ein sehr haufig erwahnter Moderator von Selbstuberschatzung. Verschiedene Forschungen deuten an, dass ein steigender Informationsstand uber ein spezifisches Thema zu einer uberproportionalen Steigerung der Selbstsicherheit fuhren kann (Griffin & Tversky, 1992; Oskamp, 1965). Die Folge ist eine Fehl- kalibrierung und Selbstuberschatzung bei der jeweiligen Person. Selbstuber-schatzung durch groGere Expertise wird haufig in Verbindung zu Phanomenen am Finanzmarkt gesetzt (Center for European Economic Research, 2005; Daniel, Hirshleifer & Subrahmanyam, 1998; Scheinkman & Xiong, 2003). Durch den Glauben an die personliche Expertise werden spekulative Blasen erklart, weil, auch getrieben durch die Erfolge steigender Kurse, der Glauben an die Prazision verfugbarer Information wachst (Scheinkman & Xiong, 2003). Zudem konnen neu aufgenommene Informationen von verschiedenen Personen unterschiedlich interpretiert werden. So kann es zu unterschiedlich starken Einflussen auf das Niveau der Selbstsicherheit kommen (Daniel, Hirshleifer & Subrahmanyam, 1998). Einige Studien greifen inzwischen den Unterschied zwischen Laien und Experten auf (Glaser et al., 2005; Griffin & Tversky, 1992). Experten werden wiederholt in einigen Studien als zu selbstsicher und schlecht kalibriert ein- gestuft (Kyle & Wang, 1997; Rabin, 1998), wohingegen Studien darauf hin- weisen, dass Experten bei guter Vorhersagbarkeit eines Ereignisses besser kalibriert sind, wahrend diese bei schlechter Vorhersagbarkeit eines Ereig-nisses schlechter kalibriert sind als Laien (Griffin & Tversky, 1992). Experten der Finanzmarkte weisen eine erheblich hohere Selbstuberschatzung auf als Laien (Glaser et al., 2005), was aufgrund der hohen Komplexitat der Finanz-markte als Hinweis auf die Validitat des Moderators Informationen/Expertise gesehen werden kann. Die Auswirkungen der hoheren Selbstuberschatzung bei Finanzmarktexperten sind eine hohere Risikobereitschaft und verstarkte Aggressivitat, welche die Bereitschaft zum Handel erhoht (Kyle & Wang, 1997). Auch anderen Berufsgruppen mich hoch spezifischer Ausbildung wie Wertpapierhandlern wurde in vielen Fallen Selbstuberschatzung unterstellt (Camerer & Lovallo, 1999; Russo & Schoemaker, 1992; Stael von Holzstein, 1972). Berufsgruppen, die haufig prazises Feedback uber ihre Leistungen erhalten, zeigen weniger Selbstuberschatzung (Koehler, Brenner & Griffin, 2002). Dass hohere Expertise einer Person Einfluss auf dessen Niveau an Selbstsicherheit hat, scheint nach der bisherigen Forschung relativ eindeutig (Griffin & Tversky, 1992; Rabin, 1998). Die unterschiedlichen Ergebnisse der Studien lassen jedoch nicht die Schlussfolgerung zu, dass mehr Informationen immer zu Selbstüberschätzung führt (Griffin & Tversky, 1992).

[...]


[1] In der englischsprachigen Fachliteratur wird Selbstunterschatzung meist als „underconfidence“ bezeichnet

[2] In der englischsprachigen Fachliteratur wird unrealistischer Optimismus meist als „unrealistic optimism“ bezeichnet

[3] In der englischsprachigen Fachliteratur wird Illusion von Kontrolle als „illusion of control“ bezeichnet

[4] In der englischsprachigen Fachliteratur wird Selbstwirksamkeit meist als „self-efficacy“ bezeichnet

[5] In der englischsprachigen Fachliteratur wird die Reprasentationsheuristik meist als ..representative heuristic“ bezeichnet

[6] In der englischsprachigen Fachliteratur wird die Erinnerungsheuristik meist als .availability heuristic“ bezeichnet

[7] In der englischsprachigen Fachliteratur wird die Ankerheuristik meist als .adjustment and anchoring heuristic“ bezeichnet

[8] In der englischsprachigen Fachliteratur wird der Hang zur spaten Einsicht meist als .hindsight bias“ bezeichnet

[9] In der englischsprachigen Fachliteratur wird der Hang zur Selbstbestatigung meist als .confirmation bias“ bezeichnet

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Selbstüberschätzung und Management: Welche Implikationen hat Selbstüberschätzung für das Management von Organisationen?
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
52
Katalognummer
V163317
ISBN (eBook)
9783640782888
ISBN (Buch)
9783640783151
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstüberschätzung, Management, Welche, Implikationen, Organisationen
Arbeit zitieren
Ralph Eichler (Autor), 2008, Selbstüberschätzung und Management: Welche Implikationen hat Selbstüberschätzung für das Management von Organisationen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163317

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