Altruismus in der Unternehmensführung: Kann Altruismus standardisiert als Führungselement angewendet werden?


Hausarbeit, 2007

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einfuhrung

2. Altruismus Allgemein
2.1 Definition von Altruismus
2.2 Menschliches Empfinden von Altruismus
2.3 Zweck von Altruismus im Unternehmenskontext

3. Altruismus in Unternehmen
3.1 Bedingungsrahmen fur das Funktionieren von Altruismus in Unternehmen
3.2 Altruismus und Unternehmenskultur
3.2.1 Altruismus und Fuhrungsstil
3.2.2 Altruismus und Branche des Unternehmens
3.2.3 Altruismus und Unternehmensgrofte
3.2.4 Zusammenspiel der drei Faktoren

4. Standardisierung von Altruismus in Unternehmen
4.1 Ausgestaltung der Standardisierung von Altruismus in Unternehmen
4.1.1 Materielle altruistische Fuhrungselemente
4.1.2 Nicht-materielle altruistische Fuhrungselemente
4.2 Standardisierung von altruistischen Fuhrungselementen in KMUs
4.2.1 Betrachtung der Standardisierung in KMUs am ausgewahlten Beispiel
4.2.2 Moglichkeiten fur Standardisierung von Altruismus in KMUs
4.3 Standardisierung von Altruismus in Groftunternehmen
4.3.1 Ausgestaltung der Standardisierung von Altruismus in Groftunternehmen an ausgewahlten Beispielen
4.3.1.1 Google
4.3.1.2 SAP
4.3.1.3 LIDL
4.3.2 Moglichkeiten fur die Standardisierung von Altruismus in Groftunternehmen
4.4 Ansatzpunkte und Chancen bei der Standardisierung von Altruismus
4.5 Limitationen und Risiken bei der Standardisierung von Altruismus
4.6 Schlussfolgerung zur Standardisierung von Altruismus

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einfuhrung

Altruismus spielt als Begriff in der modernen Unternehmensfuhrung noch keine spurbare Rolle, obwohl der Begriff in der Wissenschaft seit circa 1970 durch die Einfuhrung des Begriffes der Reziprozitat intensiv diskutiert wird. Unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen standen bis dahin beim Begriff Altruismus vor einem Paradoxon. Es konnte weder aus evolutionsbiologischer noch aus okonomischer Sicht eine vernunftige Erklarung fur altruistisches Verhalten gefunden werden. Den Durchbruch schafften Robert L. Trivers mit seiner Arbeit „The Evolution of Reciprocal Altruism“ und Gary S. Becker mit seinen Arbeiten „A Theory of Social Interaction[1] ' und „Altruism, Egoism, and Genetic Fitness: Economics and Sociobiology“. Sowohl Trivers als auch Becker erklarten altruistisches Verhalten damit, dass der Gebende eine Gegenreaktion vom Empfanger erhalt, die ihm mindestens seinen Aufwand kompensiert. In den meisten Fallen wird der Aufwand sogar uberkompensiert. Man spricht von reziprokem Altruismus. In den 80ern veroffentliche Robert Axelrod „The Evolution of Cooperation1', welches nicht direkt auf reziproken Altruismus abzielte, aber mit seine Ideen uber menschliche Kooperation viele Analogien zulasst.

Die folgende Arbeit geht der Frage nach, ob heutige Unternehmen Altruismus als Fuhrungsinstrument standardisieren konnen. Hierbei wird es Ziel sein, die positiven und negativen Aspekt einer Standardisierung herauszufinden und die Frage zu klaren, ob man dann uberhaupt noch von Altruismus sprechen kann. Zunachst ist hierzu der Begriff Altruismus nach dem Stand der Literatur zu definieren. Insgesamt ist dies kein einfacher Prozess, weil Altruismus als Begriff in vielen Disziplinen auftaucht und dementsprechend unterschiedliche Ansichten dazu existieren. Nachfolgend wird Altruismus in den Kontext der Unternehmenskultur gesetzt und die Anwendung von Altruismus in KMUs und GroGunternehmen' gepruft. Als letzter Schritt wird die Standardisierung von Altruismus im Unternehmenskontext angeschaut und die Erkenntnisse, Folgerungen und Empfehlungen daraus gezogen.

2. Altruismus Allgemein

Altruismus selbst ist ein hoch abstrakter Begriff, der, wie bereits oben angedeutet, unterschiedlich definiert wird. Darum folgt im nachsten Punkt eine genaue Definition, wie Altruismus in diesem Kontext zu verstehen ist.

2.1 Definition von Altruismus

Die Soziabiologie definiert altruistisches Verhalten z.B. als „ein Verhalten, das die darwinsche Eignung des Handlungsurhebers mindert, wahrend sich die Eignung des Handlungsempfangers erhoht[2]. Altruismus ist eine intrinsische Motivation, welche die Uberlebenschance des Gebers mindert, dagegen die des Empfangers erhoht.[3]

Wie bereits erwahnt, erweist sich diese Definition jedoch als fast unvereinbarer Widerspruch mit den Annahmen der Evolutionsbiologie und der okonomischen Theorie. Beide unterstellen dem Menschen grundsatzlich Handlungsmuster, welche die Uberlebenschance erhohen bzw. den Nutzen maximieren. Robert L. Trivers gelang 1971 hierzu ein wichtiger Fortschritt. Er trennte Altruismus in „reinen Altruismus“ und „sanften Altruismus“[4], auch als reziproken Altruismus bezeichnet, auf[5]. Der „reine Altruismus“ bleibt weiterhin schwer erklarbar und spielt fur diese Arbeit keine weitere Rolle. Der „sanfte Altruismus“, folgend als reziproker Altruismus bezeichnet, dagegen zeigt ein Bild auf, dass auch scheinbar altruistisches Verhalten streng egoistischen Motiven folgt. Reziproker Altruismus sieht kein einseitiges Geben und Nehmen vor, sondern sieht ein gegenseitiges Austauschverhaltnis. Beide Seiten gewinnen durch diesen Austausch, jedoch hat insbesondere die ursprunglich gebende Seite einen grofteren Vorteil.[6]

Gary S. Becker zeigte 1974 und 1976 mit seinem okonomischen Ansatz ebenso auf, dass altruistisches Verhalten durch nutzenmaximierende Motive erklart werden kann. Folgendes Zitat von Becker konkretisiert dies:

„The own consumption of egoists would be greater if the wealth of egoists and altruists were equal because altruists give away some of their wealth to be consumed by others. Moreover, the wealt of egoists apparently also would tend to be greater because egoists are willing to undertake all acts that raised their wealth, regardless of the effects on others, whereas altruists voluntarily forego some acts that raise their wealth because of adverse effects on others. These forces are potent, but they are not the whole story, and a fuller analysis shows that the consumption and wealth of altruistic persons could exceed that of egoistic persons, even without bringing in social controls on the behaviour of egoistic persons.”[7]

Becker kam ebenso zu der Schlussfolgerung, dass altruistisches Verhalten im Gegensatz zu egoistischem Verhalten zu einem hoheren Einkommen fuhren kann. Hier sei u.a. auch das von Becker formulierte „Rotten Kid“ Theorem genannt, dass einer vollstandig egoistischen Person altruistisches Verhalten unterstellt, weil diese auf diesen Wege besser gestellt ist.[8] Die reziproke Komponente von Altruismus fuhrt somit zu einem Gewinn des Gebenden.

Die folgende Abhandlung setzt als Pramisse, dass es sich bei Altruismus immer um reziproken Altruismus handelt. Demnach wird Altruismus immer mit dem Ziel einer gleichwertigen bzw. hoheren Gegenleistung verfolgt. Man kann also davon ausgehen, dass es sich bei Altruismus um Egoismus handelt[9], denn die Maximierung des eigenen Nutzens findet statt. Insbesondere der Empfanger der altruistischen Handlung spielt eine kritische Rolle, wie weiter unten gezeigt wird, weil ohne Ihn das reziproke System zusammenbricht.

2.2 Menschliches Empfinden von Altruismus

Der altruistisch Gebende, in diesem Fall die Unternehmensfuhrung, verfolgt das Ziel einer hoheren Gegenleistung. Die entscheidende Frage, ob die Empfangenden, die Mitarbeiter, diese geben. Fruhere Versuche zeigten, dass Personen, die eine ubermaftige Gegenleistung fur Ihr altruistisches Verhalten erwarten, als egoistisch angesehen und behandelt wurden.[10] Aufterdem wurde herausgefunden, dass eine wesentlich ausgepragtere reziproke Reaktion entsteht, wenn durch die altruistische Tat beim Gebenden merkbare Kosten entstanden sind.[11] Nach Trivers konnen Gegenleistungen aufterdem ausbleiben, wenn der Rezipient unterbinden will, dass der Gebende nur seinen eigenen egoistischen Motiven folgend, standig Belohnungen fur scheinbar altruistisches Verhalten erhalten mochte.[12]

Die oben aufgefuhrten Einschrankungen von Reziprozitat deuten bereits die beschrankte Einsetzbarkeit von altruistischen Fuhrungselementen an. Scheinbar weist das reziproke System des Altruismus eine Komplexitat auf, welche insbesondere bei den Besonderheiten im Unternehmenskontext eine noch groftere Rolle spielen konnten.

2.3 Zweck von Altruismus im Unternehmenskontext

Altruismus als Fuhrungselement kommen Aufgaben zu wie jedem anderen Werkzeug in der Unternehmensfuhrung auch. Das Ziel ist die Erhohung der Produktivitat der Mitarbeiter.[13] Dies wiederum soll durch eine Steigerung der Motivation der Mitarbeiter erreicht werden. Mit diesem Ziel geht auch einher, die Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen zu steigern und damit fur eine geringere Personalfluktuation zu sorgen.

Eine wichtige Rolle spielt die Ausgestaltung des Altruismus. Allgemein werden als altruistische Handlungen Hilfeleistungen in Zeiten von Gefahr, Hilfe fur Kranke, Junge und Alte sowie das Teilen von Wissen gesehen.[14] Altruistische Handlungen von Unternehmen definiere ich hier so, dass alle Leistungen des Unternehmens, abgesehen vom eigentlichen Grundentgelt und der Bereitstellung des notwendigen Arbeitsumfelds, als altruistische Handlung zu sehen sind. Eine genauere Definition erfolgt an spaterer Stelle. Diese Leistungen konnen materieller oder nicht materieller Natur[15] sein. Auf dieser Basis wird spater die Standardisierung von Altruismus als Fuhrungselement untersucht.

3. Altruismus in Unternehmen

Die meisten Arbeiten zum Thema Altruismus haben einen Fokus auf den Gebrauch von Altruismus in der rein zwischenmenschlichen Ebene. Der Gebende und der Rezipient sind beides Menschen, die der standigen Instabilitat dieser Beziehung ausgesetzt sind[16]. In diesem okonomischen Kontext ist der Gebende das Unternehmen, was vollkommen neutral sein kann. Dies liegt vor in Groftunternehmen, wo der Altruismus von einem haufig anonymen Management beschlossen wird. KMUs haben dagegen haufig einen aktiven Unternehmer, welcher Geschaftsfuhrer und Inhaber gleichzeitig ist. Dies weist auf einen Unterschied zwischen KMUs und Groftunternehmen hin. Grundsatzlich kann man der rein rational handelnden Wirtschaftseinheit Unternehmen ein gropes Interesse am Altruismus unterstellen, wenn man Beckers Annahme zugrunde legt, dass sich der Altruist besser stellt, als der Egoist[17].

3.1 Bedingungsrahmen fur das Funktionieren von Altruismus in Unternehmen

Wie schon im vorherigen Abschnitt dargestellt, muss der unbedachte Einsatz von Altruismus zu keiner reziproken Reaktion fuhren. Dies gilt aufgrund der vergleichbaren Situation analog fur Unternehmen. Es sei angemerkt, dass es sich beim reziproken Altruismus um ein Gefangenendilemma[18] handelt und damit auch eine spieltheoretische Komponente enthalt[19], was auch andere, hier nicht weiter beachtete, Sichtweisen zulasst. Das von Axelrod als vorteilhaft bewertete „Tit for Tat“ Prinzip[20] spielt hier eine untergeordnete Rolle.

In vielen Unternehmen wird diese Problematik dadurch noch verscharft, dass es keinen manifestierten Eigentumer mehr im betrieblichen Alltag gibt, sondern nur noch das weiter oben erwahnte anonyme Management. Auch Beckers „Rotten Kid“ Theorem kann im Unternehmenskontext von groftem Belang sein, wenn man das Unternehmen analog zur Familie sieht, also die Unternehmensfuhrung stellt die Eltern und die Mitarbeiter die Kinder dar. Altruistisch handelnde Unternehmen konnten egoistische Mitarbeiter zu altruistischem Verhalten bewegen, weil sie auf diese Weise das Einkommen des Unternehmens und damit letztendlich auch die Zuwendungen fur sich erhohen konnten.[21]

Damit altruistisches Verhalten fur den potentiell Gebenden, in diesem Fall das Unternehmen, uberhaupt von Interesse ist, mussen die Kosten hierfur moglichst gering und der Nutzen fur den Rezipienten, die Mitarbeiter, moglichst hoch sein.[22] Beispiele fur kostengunstige altruistische Handlungen eines Unternehmens waren z.B. die Nutzung interner IT-Netzwerke auch fur private Zwecke durch die Mitarbeiter oder wenn das Unternehmen seine Groftenvorteile gegenuber Versicherungen ausnutzt, um den Mitarbeitern kostengunstige bzw. kostenlose Versicherungen anzubieten.

Zusammenfassend bedeutet die Anwendung von Altruismus in Unternehmen, dass die Mitarbeiter an die Ehrlichkeit vom Altruismus glauben sollten um zur Gegenleistung bereit zu sein. Aufterdem sollte das Unternehmen wertvoll erscheinende altruistische Handlungen moglichst fur sich kostengunstig anbieten konnen.

3.2 Altruismus und Unternehmenskultur

Wenn man die Konsequenzen von Altruismus auf die Unternehmenskultur untersucht, sind die Faktoren, die ansonsten die Unternehmenskultur beeinflussen, naher zu betrachten. Folgend werden die Faktoren Fuhrungsstil, Branche und Unternehmensgrofte angeschaut.[23] Der Punkt Unternehmensgrofte ist besonders wichtig, weil dieser zur Unterscheidung von KMUs und Groftunternehmen fuhrt. Eine der immer wieder fur KMUs aufgefuhrten Erfolgsgrunde ist die Unternehmenskultur.[24]

[...]


[1] Die Definition der Begriffe KMU und GroGunternehmen folgen den EU Richtlinien (http://ec.europa.eu/enterprise/enterprise_policy/sme_definition/index_de.htm vom 14.7.2007) aber werden an spaterer Stelle noch genauer erlautert

[2] Vgl. Barash (1980), S. 311

[3] Vgl. Harbach (1992), S. 131

[4] Vgl. ebd., S.161

[5] Vgl. Trivers (1971), S. 35 ff

[6] Vgl. ebd., S. 56

[7] Becker (1976), S. 818 f

[8] Vgl. Becker (1974), S. 1080

[9] Vgl. Lea (1994), S. 67

[10] Vgl. Lerner/Lichtman (1968), S. 226 ff

[11] Vgl. Pruitt (1968), S. 143 ff

[12] Vgl. Trivers (1971), S. 49

[13] Vgl. Lazar (1982), S. 36

[14] Vgl. Trivers (1971), S. 45

[15] Unter Leistungen „nicht materieller Natur“ kann in diesem Fall z.B. ein ausgebautes Feedback System zu verstehen sein

[16] Vgl. Trivers (1971), S. 54

[17] Vgl. Becker (1976), S. 824

[18] Vgl. Axelrod (2000), S. 99

[19] Vgl. Milinski/Wedekind (1996), S. 2686

[20] Vgl. Axelrod (2000), S. 25 ff

[21] Vgl. Becker (1974), S. 1080

[22] Vgl. Trivers (1971), S. 45

[23] Vgl. Baker (2004), S. 22; Recklies (2000); Sommerlatte (2005)

[24] Vgl. Kahle (1989), S. 91

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Altruismus in der Unternehmensführung: Kann Altruismus standardisiert als Führungselement angewendet werden?
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
31
Katalognummer
V163341
ISBN (eBook)
9783640778102
ISBN (Buch)
9783640777747
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Altruismus, Unternehmensführung, Kann, Führungselement
Arbeit zitieren
Ralph Eichler (Autor), 2007, Altruismus in der Unternehmensführung: Kann Altruismus standardisiert als Führungselement angewendet werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163341

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