Brennpunkt Kaschmir

Vom territorialen Konflikt zum Religionskrieg?


Hausarbeit, 2009
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geografie und Demografie

3. Geschichtlicher Verlauf des Konflikts
3.1 Die Unabhängigkeit Indiens und Pakistans
3.2 Der erste Krieg um Kaschmir
3.3 Der zweite Krieg um Kaschmir
3.4 Die 70er und 80er Jahre
3.5 Die Situation seit Ende des Kalten Krieges

4. Religiöse Dimension des Konflikts
4.1 Der religiöse Charakter Pakistans
4.2 Die Welle der muslimischen Glaubenskrieger
4.3 Der erstarkte Hindu-Nationalismus Indiens

5. Fazit - Entwicklung des Kaschmirkonflikts zum religiösen Kampf?

6. Literaturverzeichnis

7. Internetquellen

1. Einleitung

Im Laufe der Jahrzehnte sind die indisch-pakistanischen Streitigkeiten, die vor allem in und um die Region Kaschmir ausgetragen wurden und werden, immer weiter ins Licht der internationalen Öffentlichkeit gerückt. Nicht nur für Südasien, sondern auch für den Rest der Welt ist die Streitfrage Kaschmir nach wie vor von entscheidender Bedeutung, da es hierbei nicht nur um die regionale Vormachtstellung geht. Es stehen sich auch zwei Atommächte gegenüber, was eine brisante Situation für die internationale Friedenssicherung darstellt.

Wenn vom Kaschmirkonflikt die Rede ist, bezieht man sich in der Regel lediglich auf das Tal von Kaschmir, heute Teil des indischen Bundesstaates Jammu und Kaschmir und im Norden begrenzt von der Waffenstilstandslinie zu Pakistan. Der frühere Fürstenstaat im Norden des heutigen Indien galt vielen für lange Zeit als schönster Ort der Welt, ein Paradies auf Erden. Seit der Teilung Britisch-Indiens im Jahr 1947 ist es mit dieser Idylle vorbei.

Seit sich die britischen Kolonialherren aus der Region zurück gezogen haben und die beiden Staaten Indien und Pakistan entstanden, entbrannte ein Konflikt mit unabsehbarem Ende, der nunmehr als älteste ungelöste Streitfrage vor den Vereinten Nationen gilt. Beide Länder beanspruchen bis heute das gesamte Gebiet Kaschmir, was bisher zu zwei Kriegen und unzähligen bewaffneten Auseinandersetzungen mit tausenden Toten führte.

Zunächst kam es 1947 - direkt nach den Unabhängigkeitserklärungen Indiens und Pakistans - zu Kampfhandlungen, welche die Festlegung der bis heute gültigen Waffenstillstandslinie nach sich zogen, die mitten durch Kaschmir verläuft. Ein zweiter Krieg folgte 1965 und endete mit Verhandlungen im sowjetischen Taschkent. Dennoch kann seither nicht von nachhaltigen Entspannungen die Rede sein. So rüsteten beide Nationen seit den 1970er Jahren atomar auf und zeigten mit den nuklearen Tests von 1998 ihre Schlagkräftigkeit, was für große internationale Besorgnis sorgte.

In den 1980er und 90er Jahren verschärfte sich auch die religiöse Spannung zwischen Hindus und Moslems immer weiter. Beide Konfliktparteien wurden zunehmend von religiösen Fundamentalisten unterwandert. Nach dem Zusammenbruch des Sowjet-Imperiums strömten die muslimischen Glaubenskrieger in Massen aus Afghanistan in das Tal von Kaschmir und auch der Nationalismus auf indischer Seite, begleitet von wachsenden anti-muslimischen Tendenzen, nimmt eine immer wichtigere Rolle ein. Daher stellt sich die Frage, inwieweit sich der bewaffnete Konflikt um Kaschmir mittlerweile zu einem religiös motivierten Kampf entwickelt hat.

2. Geografie und Demografie

Der Bundesstaat Jammu und Kaschmir befindet sich im äußersten Norden Indiens, nördlich der beiden Bundesstaaten Himachel Pradesh und des ebenfalls zwischen Indien und Pakistan geteilten Punjab. Er umfasst den gesamten Südteil Kaschmirs und wird je nach Jahreszeit von Srinagar als Sommerhauptstadt beziehungsweise Jammu als Winterhauptstadt regiert.

Der Nordwestteil des Kaschmirgebietes wird von Pakistan verwaltet. Er besteht größtenteils aus den sogenannten Northern Areas und dem sehr viel kleineren AzadKaschmir.

Die im Nordosten gelegenen Gebiete stehen seit den frühen 1960er Jahren unter chinesischer Verwaltung, werden aber ebenso wie der von Pakistan besetzte Teil Kaschmirs weiterhin von Indien beansprucht. Sie gliedern sich in die Region Aksai Chin, welche China in den 1950er Jahren und im Grenzkrieg mit Indien 1962 annektierte, sowie ein nördliches Areal, das von Pakistan an China abgetreten wurde.[1]

Seit jeher ist das Tal von Kaschmir im Südwesten das wichtigste Gebiet der ganzen Region, nicht nur in Bezug auf den seit über 60 Jahren bestehenden Konflikt. Schon immer lebte der Großteil der Kaschmiris in diesem Tal, das geradezu malerisch von den Gipfeln des Himalaya umschlossen wird. Grund dafür ist vor allem das gemäßigte Klima, was schon vor langer Zeit das Anlegen großer blühender Gärten ermöglichte, für die Kaschmir bis heute berühmt ist.

Die Bewohner des Tals blicken auf eine friedliche Tradition zurück. Die überwiegende Mehrzahl der Muslime, nahezu alle Sunniten, lebte stets in Einklang mit der Minderheit der Pandits, der einzigen Hindukaste in der gesamten Umgebung. Jarwahal Nehru selbst, der erste Regierungschef Indiens, stammte aus Kaschmir. Seit Ende der 1940er Jahre ist auch diese friedliche Tradition gebrochen und in das Gegenteil umgeschlagen.

Die übrigen Gebiete Kaschmirs sind meist schwer zugänglich und nur sehr dünn besiedelt. Außerdem leben dort in der Regel andere Religionsgruppen wie Buddhisten oder schiitische Muslime, die nichts mit dem ausgebrochenen Konflikt zu tun haben. Der Kaschmirkonflikt bezieht sich also fast ausschließlich auf das Tal von Kaschmir mit seiner überwiegenden muslimischen Mehrheit.[2]

3. Geschichtlicher Verlauf des Konflikts

3.1 Die Unabhängigkeit Indiens und Pakistans

Als die Briten im 18. Jahrhundert ihre Herrschaft auf dem indischen Subkontinent ausweiteten, galten sie zunächst als willkommene Erlösung von den islamischen Besetzern, die bereits seit dem 13. Jahrhundert herrschten. Diese konnten bestenfalls 25% der Inder zum Islam bekehren, was aber den Beginn einer Teilung der indischen Bevölkerung darstellte. Es gab keinen organisierten Widerstand gegen die britische Kolonialmacht, nicht zuletzt weil die Europäer vorwiegend mit indischen Söldnern kämpften.[32]

Im Zuge einer Reform im Jahre 1909 wurden separate Wählerschaften für die muslimische Minderheit eingeführt, um einer Bevormundung durch die Hindu-Mehrheit entgegen zu wirken. Allerdings galt die Sonderregelung auch in Provinzen mit muslimischer Mehrheit, was dem eigentlichen Ziel widersprach. Diese Änderung im Wahlrecht kann im Nachhinein als Auftakt zur Spaltung Britisch-Indiens bezeichnet werden.

Ein Indiz für den aufkommenden Separatismus bildete schließlich die Verkündung der sogenannten Zwei-Nationen-Theorie im März 1940 durch Muhammed Ali Jinnah, den Führer der Muslimliga. Darin forderte er die Bildung zweier Nationen - je eine für Moslems und Hindus - ohne jedoch schon konkrete Grenzen zu nennen.

Als sich die britischen Kolonialherren 1947 zurückzogen, konnte Jinnah sie von der Notwendigkeit zur Umsetzung seiner Theorie überzeugen und erreichte somit die Teilung Britisch-Indiens. Als Pakistan und Indien ihre Unabhängigkeit am 14. beziehungsweise 15. August 1947 ausriefen, waren die genauen Staatsgrenzen noch nicht bekannt, da ein entsprechender Richterspruch noch nicht veröffentlicht war. Anstelle der gesamten Provinzen Punjab und Bengalen, die Jinnah für Pakistan einforderte, wurden ihm nur die Distrikte mit muslimischer Mehrheit zugesprochen.

Der Name Pakistan war eine Wortschöpfung aus dem Jahr 1933. Er besteht aus den Anfangsbuchstaben der Provinzen Punjab, Afghan Province (auch Northwest Frontier Province genannt), Kaschmir und Sindh, sowie der Endsilbe der Provinz Belutschistan. All diese Provinzen gingen nun zusätzlich zur Region Ostbengalen ganz oder teilweise in den neugegründeten Staat ein - mit Ausnahme von Kaschmir.[4]

Unter der britischen Krone mussten die über 500 Fürstenstaaten auf dem Gebiet Britisch­indiens ihre Macht meist abgeben. Nun sollte ihnen die Unabhängigkeit wieder zurück gegeben werden, was sich im Falle von Kaschmir ausgesprochen schwierig gestaltete, da sowohl Indien als auch Pakistan wie selbstverständlich davon ausgingen, dass ihnen dieses Territorium zustehe. Für Indien wäre Kaschmir die einzige Provinz mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, was als Nachweis für den gelungenen Säkularismus des Staates dienen könnte. Doch genau aus diesem Grund forderte auch Pakistan den Anschluss Kaschmirs ein.[5]

3.2 Der erste Krieg um Kaschmir

Nicht alle Moslems folgten dem Aufruf Jinnahs, in die neu gegründete Nation Pakistan abzuwandern. Etwa 65 Millionen blieben in der indischen Union. Die umgesetzte Zwei- Nationen-Lösung entwurzelte dennoch mindestens 17 Millionen Menschen. Es kam im Zuge der Umsiedlungen zu extremen Gewaltexzessen, bei denen ungefähr eine Million Menschen ihr Leben ließen.[6]

Sehr bald weiteten sich die Unruhen im Oktober 1947 auch auf Kaschmir aus. Da dessen Status nach wie vor nicht geklärt war, sendete Pakistan Paschtunen-Freischärler in die Region, um das Fürstentum gewaltsam zu erobern, an dessen Spitze ein Hindu-Maharadja über eine Bevölkerungsmehrheit von Moslems herrschte. Sie plünderten und hinterließen eine Spur der Verwüstung.

Zunächst war es Pakistan nicht möglich, eigene Soldaten zu entsenden, da diese immer noch unter britischer Militärhoheit standen, genau wie ihre indischen Kameraden, gegen die sie demzufolge nicht kämpfen durften. Somit war der neu gegründete Staat zur schnellen Bildung eines eigenen Offizierscorps gezwungen. Die Soldaten ließen sich vom Militärdienst beurlauben, um kämpfen zu können und wurden erst verspätet in die Unruhegebiete entsendet. Unterdessen bat der Maharadja von Jammu und Kaschmir die Inder um Militärhilfe und die gesendeten Sikh-Elitetruppen konnten ein weiteres Vordringen der von Pakistan angeheuerten Söldner verhindern. Noch während der Militäraktion zwang Indien den Fürstenstaat Jammu und Kaschmir zum Beitritt in die Indische Union als Bedingung für die militärische Unterstützung. Eine Volksabstimmung über die Eingliederung sollte laut Premier Nehru zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden - sie wurde bis heute nicht abgehalten.[7]

Direkt nach Erklärung des Anschlusses Kaschmirs an Indien begannen die Kampfhandlungen zwischen Indien und Pakistan am 27. Oktober 1947. Sheikh Abdullah, seit vielen Jahren Anführer der Demokratiebewegung in Kaschmir, wurde zum Premierminister des Bundesstaates Jammu und Kaschmir ernannt.

Pakistan konnte die nördlichen Gebiete sehr schnell einnehmen, während indische Truppen unter Mithilfe Sheikh Abdullahs das Tal von Kaschmir eroberten. Im November 1947 trafen sich die beiden Generalgouverneure Lord Mountbatten und Jinnah in Lahore, die Verhandlungen blieben allerdings ergebnislos. Am 1. Januar 1948 rief Nehru die Vereinten Nationen an, in dem Konflikt zu intervenieren, woraufhin diese mit der Gründung der UNCIP (United Nations Commission for India and Pakistan) einschritten. Die UN strebten eine Volksabstimmung zur Lösung und dauerhaften Beilegung der Auseinandersetzung an. Beide Staaten stellten sich gegenseitige Bedingungen. So forderten sie sich gegenseitig zum vollkommenen Truppenrückzug auf, Pakistan verlangte eine Absetzung Sheikh Abdullahs und Indien wollte ein Referendum auf dem gesamten Gebiet von Jammu und Kaschmir durchsetzen, also nicht nur im umkämpften Hochtal. Einmal mehr wurde keine Lösung gefunden und der Krieg setzte sich bis zum Sommer 1949 fort.

Es kam zum Waffenstillstand und das vorläufige Ende des Krieges wurde am 27. Juli 1949 im Abkommen von Karachi besiegelt, worin auch die gültige Waffenstillstandslinie festgelegt wurde. Diese sogenannte Line of Control gilt bis heute faktisch als Staatsgrenze zwischen Indien und Pakistan. Der Indischen Union wurden die Gebiete Jammu, Ladakh und das Tal von Kaschmir zugesprochen, auf pakistanischer Seite verblieben Azad Kaschmir und die weitläufigen Northern Territories.[8]

In den kommenden 15 Jahren wurde immer wieder verhandelt, ohne jedoch konkrete Ergebnisse zu erzielen. Beide Staaten beanspruchten weiter das gesamte Territorium Jammu und Kaschmirs für sich.

Das Jahr 1951 war von erneuten Spannungen gekennzeichnet. So kam es im Sommer aus indischer Sicht zu einer Verletzung der Line of Control durch Pakistan, worauf sich die Situation verschärfte und im Juli auf beiden Seiten der Grenze Truppen aufmarschierten. 1953 wurden erneut bilaterale Verhandlungen aufgenommen, die man zwei Jahre später wieder abbrach. Ein Resolutionsentwurf der vereinten Nationen zur Demilitarisierung und Volksabstimmung in Kaschmir scheiterte 1957 am Veto der Sowjetunion, die mittlerweile Indien unterstützte. Pakistan hingegen hatte sich den prowestlichen Bündnissen CENTO und SEATO angeschlossen. Die Fronten verhärteten sich 1960 aufs neue, weil Pakistan nicht zur Unterstützung Indiens im Konflikt mit China bereit war, welcher 1962 in den indischchinesischen Grenzkrieg mündete. Dabei verlor Indien einen Teil Kaschmirs (Aksai Chin) an die chinesische Großmacht. Die Situation wurde im folgenden Jahr noch verschärft, als Pakistan ein Bündnis mit China einging und in einem Grenzvertrag Gebiete abtrat, die teilweise zu Kaschmir gehörten. Außerdem sorgte das Verschwinden einer muslimischen Reliquie für die weiter steigende Anspannung zwischen Indien und Pakistan.[9]

[...]


[1] Vgl. Karte des Kaschmir-Gebietes <http://www.asinah.net/india/img/mapof-kashmir.ipg> am 21.02.2009.

[2] Vgl. Rothermund, Dietmar, Krisenherd Kaschmir. Der Konflikt der Atommächte Indien und Pakistan,

[3] Vgl. Rothermund, Dietmar, Krisenherd Kaschmir. Der Konflikt der Atommächte Indien und Pakistan, München 2002, S. 11 – 13. München 2002, S. 27 - 29.

[4] Vgl. ebd., S. 15 – 19.

[5] Vgl. Gottschlich, Pierre/Rösel, Jakob, Indien im neuen Jahrhundert. Demokratischer Wandel, ökonomischer Aufstieg und außenpolitische Chancen, Baden-Baden 2008, S. 133f.

[6] Vgl. Ihlau, Olaf, Weltmacht Indien. Die neue Herausforderung des Westens, Bonn 2006, S. 111 f.

[7] Vgl. Gottschlich, Pierre/Rösel, Jakob, Indien im neuen Jahrhundert. Demokratischer Wandel, ökonomischer Aufstieg und außenpolitische Chancen, Baden-Baden 2008, S. 134 f.

[8] Vgl. Rothermund, Dietmar, Krisenherd Kaschmir. Der Konflikt der Atommächte Indien und Pakistan, München 2002, S. 29 – 33.

[9] Vgl. Billing, Peter, Der Kaschmir Konflikt, in: Pfetsch, Frank (Hg.), Konflikte seit 1945. Asien, Australien und Ozeanien, Würzburg 1991, S. 80 f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Brennpunkt Kaschmir
Untertitel
Vom territorialen Konflikt zum Religionskrieg?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Interkulturelle Wirtschaftskommunikation)
Veranstaltung
PS Zielkultur Indien
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V163402
ISBN (eBook)
9783640776498
ISBN (Buch)
9783640776153
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Indien, Pakistan, Kaschmir, Konflikt, Krieg, Atomwaffen, Religion, Islam, Hinduismus
Arbeit zitieren
David Kordon (Autor), 2009, Brennpunkt Kaschmir, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163402

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Titel: Brennpunkt Kaschmir


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