Sind in der Inaugurationsrede des US.-Präsidenten Barack Obamas zivilreligiöse Tendenzen erkennbar?


Hausarbeit, 2010

17 Seiten

Sarah H. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einleitung des theoretischen Teil
2.1. Zivilreligion in Amerika und seine identitätsstiftende Funktion
2.1.1. Gründungsmythen und Exzeptionalismus
2.1.2. Die christliche Bibel
2.1.3. Der christliche Gott
2.1.4. Die Gründergeneration

3. Allgemeine Bedeutung von Inaugurationsreden für die Zivilreligion

4. Zivilreligiöse Tendenzen der Inaugurationsrede Barack Obamas

5. Fazit

1. Einleitung

„Barack Obamas Reden atmen einen sehr spirituellen Geist, der sich auf den Glauben an den Menschen, an Amerika und an Gott beruft.“ (Dienberg, 2010:122)

Religion und Politik? Das passt nicht zusammen und gehört es laut der amerikanischen Verfassung auch nicht. Doch trotzdem verwenden Präsidenten in ihren Antrittsreden immer wieder religiöse Metaphern, nehmen Bezug auf heilige Dinge wie Gründungsväter, Tradition und Gott und fallen in den Predigtstil (Kehrer, 1990: 178). Eine Antwort darauf, warum sie das tun, findet sich in der Theorie der Zivilreligion, eine über-konfessionelle zivile Einigkeit (Bellah 1967: 19), die Angehörige verschiedenster Glaubensrichtungen vereint, ohne diese verändern zu wollen, signifikant zu beeinflussen oder zu diskriminieren (Bellah 1967: 38). Die Zivilreligion beruht auf von den Bürgern gemeinsamen Überzeugungen, Symbolen und Ritualen, die sich auf politischer Ebene vor allem in Meinungsäußerungen, insbesondere politische Ansprachen, wiederfinden (Bellah 1967: 21/22). Die amerikanische Zivilreligion ist damit ein Wertekonsens, der als gemeinsamer Nenner fungiert und somit den Zusammenhalt und die Stabilität der stark fragmentierten US-Gesellschaft sichert (Brocker/ Stein: 2006a: S. 215f.). Der Knackpunkt: Die zivilreligiösen Symbole schlagen ihre Wurzeln zumeist im Christentum, so dass die Politik einen religiösen Charakter bekommt. Ich möchte im Folgendem die Inaugurationsrede Barack Obamas hinsichtlich zivilreligiösen Potenzials als zentrales Thema meiner Hausarbeit untersuchen. Um die Analyse vornehmen zu können, soll zunächst eine Begriffsklärung Aufschluss über die Theorie der Zivilreligion und ihre Funktion sowie ihre Tragweite geben.

2. Einleitung in den theoretischen Teil

Die amerikanische Gesellschaft bildet keine Einheit: Einwanderung, Binnenwanderung, geografische und soziale Mobilität, ethnische und kulturelle Vielfalt. All diese Faktoren erschweren die Entfaltung einer nationalen Identität. (Vorländer, 2008: 204) Vorländer spricht in diesem Zusammenhang von einer „nation of nationalities“, einem Mix aus vielen ethnischen, rassischen und religiösen Gruppen. Des Weiteren sei eine Identitätsbildung erschwert worden, weil die USA nicht wie Europa historisch über gemeinsame Traditions-und Kulturbestände verfügen. (Vorländer, 2008: 202) Die Herausbildung einer eigenen amerikanischen Kultur spielte bis zur Besiedlung Nordamerikas daher eine eher untergeordnete Rolle. Bis dato war Kultur vergleichbar mit einem Importgut, das vorwiegend aus England „geliefert“ wurde. Es gab zwar eine kulturtragende Schicht, gentry, der landbesitzenden und gebildeten Stände, doch auch diese orientierte sich an England, weil sie mit den in England kulturell anerkannten Formen ihrem eigenen Stand einen höheren Status verschaffen konnten. (Fluck, 2008: 729) In diesem Zusammenhang wird Amerika oft „Kulturlosigkeit“ vorgeworfen. (Fluck, 2008: 712-715) Wie wird also eine doch anscheinend „kulturlose“ Gesellschaft zusammengehalten? Und – kann die so „zerrissene“ amerikanische Gesellschaft überhaupt eine US-amerikanische Identität bilden?

2.1. Zivilreligion in Amerika und seine identitätsstiftende Funktion

Das Konzept der Zivilreligion ist ein Resultat der religionssoziologischen Überlegungen Robert N. Bellahs aus den 50er und 60er Jahren (Hase, 2001: 53). Nach Bellah ist Zivilreligion „a set of beliefs, symbols, and rituals“ (Bellah, 1967: 4). Dass Zivilreligion kompatibel zu anderen Glaubensrichtungen, insbesondere zum Christentum, zu sein scheint, sei mit der religiösen Herkunft ihrer Symbole zu begründen. (Percic, 2004: 141). Kleger spricht bei Zivilreligion von einer Reduktion christlicher Religion auf „der Mehrheit der Amerikaner gemeinsamen Elemente religiöser Orientierung“ (2001:62). Genauer haben die zivilreligiösen Symbole ihren Ursprung in den Gründungsmythen und damit im Christentum, sind aus bestimmten Glaubensüberzeugungen im Laufe der Ideengeschichte heraus entstanden und haben das amerikanische Selbstverständnis entscheidend geprägt (Schneider-Sliwa, 2007: 8). Doch trotz ihres christlichen Bezugs sind sie dezidiert nicht christlich (Bellah, 1967: 7), sondern werden in „säkularisierter Form im amerikanischen Denken bewahrt“ (Fluck, 2008: 721). Schneider-Sliwa spricht von „säkularen Gegenstücken“ zu den biblischen Arrchetypen (2007: 7). Vorländer bezeichnet Zivilreligion daher genauer als Bellah als säkulare Zivilreligion (Vorländer, 2007: 27). Ein Beispiel wären US-Präsidenten als säkulare Ausführung von biblischen Propheten oder eigene Märtyrer wie Abrahm Lincoln, der im Kampf für die Farbigen und Sklaven ermordet wurde (Bellah, 1967: 18). So auch John F. Kennedy, Martin Luther King Jr. und Robert Kennedy, die die Amerikaner erinnern „because they died working to keep America strong and trying to perfect the union“ (Dixon, 2009: 106). Weil die Symbole als Bilder und Themen aus Mythen die kollektiven Wünsche und Hoffnungen der US-Gesellschaft widerspiegeln (Fluck, 2008: 719), würden sie gesellschaftsumfassend akzeptiert (Fluck, 2008: 717) und nähmen die Rolle von allgemeingültigen Grundwerten ein, auf die die US-Amerikaner sich eingeschworen haben (Schneider-Sliwa, 2007: 8), egal welcher Konfession sie angehören (Dixon, 2009: 106). Hase spricht von einem gesellschaftsumfassenden Wertekonsens jenseits der traditionell verfassten Religionen (2001: 53). Sie bilden das erforderliche Mindestmaß normativer Überzeugungen, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten (Bellah, 1992: 16), so dass Zivilreligion eine identitätsstiftende Funktion übernimmt (Vorländer, 2008: 203). Bellah spricht Zivilreligion damit eine soziale Funktion zu (Hase, 2001: 53). Die stark emotionale Bindung der US-Amerikaner an die zivilreligiösen Symbole rufe zudem ein Zugehörigkeitsgefühl der Amerikaner zum eigenen Land wach. So schwinge in Zivilreligion immer auch Patriotismus mit. (Ostendorf, 2005: 21) Allerdings dürfe man Zivilreligion nicht mit einer Art institutionalisierten Staatsreligion verwechseln „The civil religion is not established by law. It does not exist in any of our founding documents“ (Dixon, 2009: 107). Laut der Verfassung ist das rein rechtlich auch gar nicht möglich, schließlich schreibt diese eine strikte Trennung von Staat und Kirche sowie freie Religionsausübung vor. (Bellah, 1978: 46ff.) Eine religiöse Dimension in die Politik zu bringen, solange persönliche religiöse Überzeugung und Angehörigkeit zu einer Konfession ausgeschlossen bleiben, sei jedoch nicht verboten (Bellah, 1967: 3). So halte insbesondere der US-Präsident als „Hohepriester der amerikanischen Zivilreligion“ (Vorländer, 2008: 201), „Chef-Symbolmacher (…) und Verwalter des zivilreligiösen Wissensbestandes“ (Kehrer, 1990: 194) die Zivilreligion am Leben. Er sei dafür verantwortlich, dass mittels dieser Symbole (…) die kommunale Identität bewahrt wird“ (1990: 194). Kehrer vertritt weiterhin die These, dass das Präsidentenamt durch die Zivilreligion sanktioniert werde. Ein Kandidat müsse nicht nur 35 Jahre alt sein und mindestens 14 Jahre in den USA gelebt haben – es gehe auch darum, ob er das Bild eines idealen Amerikas mit seinen Einstellungen und Verhaltensweisen repräsentieren kann. (1990: 194) Doch die Präsidenten wüssten die Zivilreligion auch für sich zu nutzen, indem sie über die gesellschaftsumfassend akzeptierten Symbole die eigene Politik zu legitimieren versuchen (Fluck, 2008: 721). Nach Dienberg wird die Verwendung zivilreligiöser Symbole in der US-Politik deswegen so gut angenommen, weil die Bevölkerung in den heutigen fragilen und bedrohlichen Zeiten Sehnsucht habe nach Frieden und vielversprechenden Zukunftsperspektiven. Zivilreligion konstruiere so einen Sinnhorizont für das US-Gemeinwesens: Das Land Amerika, für das so viele vor Ort und weltweit geblutet haben, vermittelt die Werte, die zum Leben notwendig sind. Es gilt, diesem Land zu vertrauen und an es zu glauben. (2010: 124-131) Im Folgendem werde ich ausgehend von den Quellen einige zivilreligiöse Symbole sowie ihre im politischen Sinne legitimierende Funktion erläutern. Besonderes Augenmerk soll auf dem exzeptionellen Selbstverständnis der US-Bürger liegen.

2.1.1. Gründungsmythen und Exzeptionalismus

Fluck argumentiert, dass bestimmte Gründungsmyhten der Ideengeschichte Amerikas eine Kultur geschaffen haben, durch die die von Multiethnizität und -kulturalität durchzogene heterogene amerikanische Gesellschaft in erstaunlichem Maße zusammengehalten werde. Wegen des ständigen politischen und sozialen Wandels sei die politische und soziale Autorität extrem instabil. Bestimmte Gründungsmythen aber seien in der Lage fortdauernd als sinnstiftende Quellen herzuhalten, um der US-amerikanischen Gesellschaft Orientierung zu ermöglichen. (Fluck, 2008: 717) Mythen artikulieren nach Fluck kollektive Wünsche und Hoffnungen. Sie enthalten Bilder, Themen und Motive, auf die immer wieder zurückgegriffen werden kann, weil sie zeitlos seien. Der Mythos sei ein „Versuch (…) Erfahrungen und Wertvorstellungen einer Gemeinschaft zu veranschaulichen und auf diese Weise zu ihrer Identitätsbildung beizutragen“ (Fluck, 2008: 719). Ein zentraler Mythos, der auch nach Vorländer (2008: 202f.) eine zentrale Rolle spiele, sei der Mythos der Exzeptionalität Amerikas. Dieser sei auf die Besiedlung Amerikas, genauer New Englands, durch die Puritaner, einer Absplitterung von der protestantischen Glaubensgemeinschaft, zurückzuführen. Nach Ansicht der Puritaner stand der Heilssuche die Institutionalisierung der Religion durch die Kirche und die Abhängigkeit der Gemeinden im Weg. Diese Kritik war mit einzelnen protestantischen Reformen in England eingeleitet worden, mit denen an die Stelle der „vermittelnden Kirchen (…) die Bibel als einzig verlässliche Quelle des Wortes Gottes“ (Fluck, 2008: 730) trat.

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Details

Titel
Sind in der Inaugurationsrede des US.-Präsidenten Barack Obamas zivilreligiöse Tendenzen erkennbar?
Hochschule
Universität Hamburg
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V163404
ISBN (eBook)
9783640776504
ISBN (Buch)
9783640776177
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Barack Obama, Inaugurationsrede, Zivilireligion, Obama, Religion, Messias
Arbeit zitieren
Sarah H. (Autor), 2010, Sind in der Inaugurationsrede des US.-Präsidenten Barack Obamas zivilreligiöse Tendenzen erkennbar?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163404

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