Risiko – Die soziologische Bedeutung und pädagogische Verwertbarkeit am Beispiel des Handlungsfeldes Sport


Examensarbeit, 2011
117 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Risiko – Grundlagen und Terminologie
2.1 Der Risikobegriff – eine historische Betrachtung
2.2 Risikowahrnehmung
2.3 Risiko – ein multidisziplinärer Forschungsgegenstand
2.4 Betrachtungsweisen des Phänomens Risiko
2.5 Inhaltliche Abgrenzung des Risikobegriffs
2.5.1 Risiko vs. Sicherheit
2.5.2 Risiko vs. Gefahr
2.5.3 Risiko vs. Wagnis
2.5.4 Das Abenteuer
2.6 Inhaltsorientierte Analyse am Beispiel des Handlungsfeldes Sport
2.6.1 Risikosituation
2.6.2 Risikoarten
2.6.3 Risikoverhalten vs. Risikohandeln
2.7 Zusammenfassung und Einordnung

3 Risiko als soziologisches Phänomen
3.1 Die Lust am Risiko – Risiko um jeden Preis?
3.1.1 Das Flow-Erleben
3.1.2 Die Risikofaktoren beim Flow nach VON CUBE
3.2 Risiko- oder Gefahrengesellschaft?
3.3 Versicherungsgesellschaft und Risikobereitschaft
3.4 Zum gesellschaftlichen Umgang mit Unsicherheit und Risiko
3.4.1 Risikomanagement
3.4.2 Die drei Verhaltensoptionen nach BONß
3.4.3 Die Risikoverteilungsstrategie nach LUHMANN
3.5 Zusammenfassung und Einordnung

4 Das Risiko im Sport am Beispiel des Risikosports
4.1 Überblick über den Forschungsstand und Eingrenzung
4.2 Ursprung und Entwicklung
4.3 Risikosport als soziologisches Phänomen
4.4 Risikosport – Rüstzeug für die Risikogesellschaft?
4.4.1 Das Risikomanagement-Konzept nach GÖRING
4.4.2 Die 3x3-Formel nach MUNTER
4.5 Zusammenfassung und Einordnung

5 Der Mensch und das Risiko – eine anthropologische Betrachtung
5.1 Unsicherheit und Sicherheit – Gegensatz oder Interdependenz?
5.2 Der Mensch als riskiertes Wesen
5.3 Die Anthropologie des menschlichen Handelns
5.4 Neugierverhalten als Sicherheitstrieb
5.5 Die pädagogisch-anthropologische Sichtweise
5.5.1 Die Lernbedürftigkeit des Menschen
5.5.2 Die Erziehungsbedürftigkeit des Menschen
5.5.3 Unsicherheitserfahrungen als entscheidender Lernaspekt
5.6 Zusammenfassung und Einordnung

6 Risiko und Pädagogik – Risikopädagogik?
6.1 Zur pädagogischen Ambivalenz von Gelingen und Misslingen
6.2 Jugendliches Risikoverhalten
6.2.1 Risikoverhalten – ein typisch männliches Phänomen?
6.2.2 Jugend = Risiko? Ein Klärungsversuch
6.3 Jugendliche Risikosuche für die Gesundheit?
6.4 Zum pädagogischen Umgang mit Risiko
6.4.1 Risflecting – ein risikopädagogisches Handlungsmodell
6.4.2 Risk ’n’ fun – ein Projekt zur Risikooptimierung für Freerider
6.5 Zusammenfassung und Einordnung

Fazit

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Versicherung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bereiche des Risikoerlebens

Abbildung 2: Klassifizierung des Risikosports

Abbildung 3: Kompetenz-Modell bei Risiko-Sportlern

Abbildung 4: Zoomeffekt der 3x3-Formel

Abbildung 5: Sicherheitsbilanz

Abbildung 6: Ambivalenz des Gelingens und Misslingens

Abbildung 7: Prototypisch polarisierte innen- und außengerichtete Risikoverhaltensweisen

Abbildung 8: Synopsis idealtypisch polarisierter risikoqualitativ differenter Verhaltensweisen

Abbildung 9: Verbindung von Rausch und Risiko

Abbildung 10: Das Lernzonenmodell

Abbildung 11: Die drei Erfahrungsbereiche des menschlichen Lebens

Abbildung 12: Das Drei-Säulenmodell nach Risk ’n’ fun

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Das größte Risiko auf Erden laufen die Menschen,

die nie das geringste Risiko eingehen wollen.“

Bertrand Russell (1872-1970), brit. Philosoph

Die Menschheit sieht sich seit jeher mit der Aporie konfrontiert, dass sie ihr permanentes intentionales Streben nach einer als Verbesserung angesehenen Veränderung ihrer Lebensbedingungen und Sinnbezüge dazu zwingt, in bis dato unbekanntes Terrain vorzudringen. Insbesondere in den westlichen Gesellschaften hat dieses Bedürfnis nach Neuem die Qualität eines übergeordneten Kriteriums für die Beurteilung eines erfüllten Lebens gewonnen.

Allerdings können weder die Konsequenzen derartiger Schritte in Gänze überblickt werden noch besteht die Möglichkeit, sich durch eine bewusste Änderung der Verhaltensweisen umfassend auf neue Situationen einzustellen. Es müssen also notwendigerweise aus Unsicherheiten resultierende Risiken im Sinne von – vorwiegend – als negativ beurteilten Folgewirkungen menschlichen Handelns in Kauf genommen werden. Dabei ist die Wahrnehmung eines Risikos jedoch nicht als ein objektiver und zeitinvarianter Sachverhalt anzusehen, sondern sie wird vielmehr von mehreren Faktoren beeinflusst. Dies können einerseits gesellschaftliche Kontexte und individuelle Präferenzen sein. Andererseits spielt aber auch die Art eines Risikos sowie die Aufmerksamkeit, die ihm in der medialen Öffentlichkeit und im wissenschaftlichen Diskurs gewidmet wird, eine wichtige Rolle bei der Risikoperzeption.

Diese verschiedenen Beeinflussungsvariablen haben zur Folge, dass es bislang weder gelungen ist, einen allgemein akzeptierten Risikobegriff noch eine kohärente Risikotypologie und schon gar nicht eine generelle Risikotheorie zu formulieren. Dies hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, dass der Terminus in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen in Abhängigkeit vom jeweiligen spezifischen Erkenntnisinteresse unterschiedlich konnotiert wird. Alle Disziplinen teilen indes die Auffassung, dass Risiken nach systematischen Handlungsstrategien zu ihrer Begegnung verlangen.

In der vorliegenden Arbeit soll es darum gehen, die Risikothematik gezielt hinsichtlich ihrer Relevanz für pädagogische Konzepte zu untersuchen, wobei diese Analyse aus einer dezidiert soziologischen Perspektive erfolgen soll. Dies bedeutet, dass die Thematik allgemein im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gesellschaftsbildung und für Vergesellschaftungsprozesse betrachtet wird und dabei im Ergebnis für ein reflektiertes erzieherisches Handeln im Sinne einer Anleitung zu einem bewussten Umgang mit Risiken nutzbar gemacht werden soll.

Um den Analyseprozess möglichst zielgerichtet durchführen zu können, wurde mit der Sportpädagogik ein konkretes Untersuchungsfeld gewählt, in dem diese Problematik besonders konzentriert zutage tritt. Dies lässt sich damit begründen, dass sich manche sportlichen Aktivitäten durch das Eingehen überproportional hoher Risiken kennzeichnen. Allerdings sind bislang kaum Versuche unternommen worden, eine Risikoforschung aus einer sportwissenschaftlichen Perspektive zu etablieren. Um diesem Desiderat zu begegnen, soll im Rahmen dieser Arbeit ein interdisziplinärer Risikobegriff Verwendung finden.

Insgesamt wird bei der Ausarbeitung davon ausgegangen, dass Risiken einen ambivalenten Charakter besitzen, insofern sie sowohl Gewinne als auch Verluste zur Folge haben können. So gesehen eröffnen Risiken durchaus auch Chancen. Gleichwohl beinhalten Risikosituationen immer auch ein bestimmtes Maß an Unsicherheit. Folglich muss bei einem rationalen Umgang mit Risiken grundsätzlich die Kalkulierbarkeit einer Gefahrensituation im Vordergrund stehen – und zwar für die Entscheider wie für die Betroffenen.

Um diesen ambivalenten Charakter erfassen zu können, soll in der Arbeit nach einem historischen Überblick (Kap. 2.1) und einer Darstellung der verschiedenen Zugänge zum Phänomen Risiko (Kap. 2.2 bis 2.4) eine exakte Definition des Risikobegriffs – in Kontrast zu seinem Antonym: der Sicherheit – sowie eine semantische Abgrenzung von synonym verwendeten Begriffen wie Gefahr oder Wagnis erfolgen (Kap. 2.5). Darüber hinaus soll in Bezug auf das Handlungsfeld Sport eine Differenzierung des Phänomens Risiko in verschiedene Teilaspekte erfolgen (Kap. 2.6). Dem schließt sich eine eingehende Reflexion über die Relevanz des Risikophänomens für die Gesellschaft an, wobei es insbesondere um die Fragen gehen soll, unter welchen Umständen sich Menschen in riskante Situationen begeben, welchen Wert Risiken und Gefahren für eine moderne Gesellschaft besitzen können und wie sich die auftretenden Ambivalenzen durch ein Risikomanagement abschwächen lassen (Kap. 3).

In einem nächsten Schritt sollen die Ergebnisse dann auf den Bereich des Risikosports übertragen werden (Kap. 4). Nach einer Übersicht zum bisherigen Forschungsstand geht es darum, zu ergründen, mit welchen Motiven und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sich Menschen im Rahmen von Risikosportarten bewusst Risiken und Gefahren aussetzen. Mit der Identifikation von Kriterien für ein kompetentes Risikoverhalten leitet die Arbeit dann in den pädagogischen Teil über, in dem es primär um die Frage geht, inwiefern die absichtsvolle Integration von risikobezogenen Aktivitäten in einen erzieherischen Kontext überhaupt als möglich und angebracht angesehen werden kann.

Um diese zentrale Forschungsfrage der Arbeit beantworten zu können, erfolgt vorderhand aus einem anthropologischen Blickwinkel eine Klärung, ob Unsicherheitserfahrungen ein signifikanter Wert bei der Entwicklung des Menschen zugesprochen werden kann (Kap. 5). Dabei wird angenommen, dass eine reflektierte Pädagogik notwendigerweise die Erkenntnisse der Anthropologie als interdisziplinär angelegte Disziplin berücksichtigen muss. Im Speziellen soll an dieser Stelle eruiert werden, inwieweit aktive unsicherheitsbezogene Erfahrungen und Lernprozesse für die Selbsterhaltung und -entfaltung des Menschen unerlässlich sind.

Auf dieser Grundlage ist es schließlich möglich, eine Diskussion über die Notwendigkeit, Potenziale und Grenzen einer (Risiko-)Sportpädagogik zu führen (Kap. 6). In einem abschließenden Fazit (Kap. 7) werden die einzelnen Ergebnisse der Arbeit zu einem Gesamtbild zusammengefügt.

2 Risiko – Grundlagen und Terminologie

„Nichts geschieht ohne Risiko, aber ohne

Risiko geschieht auch nichts.“

Walter Scheel (*1919), dt. Politiker

Wenn im Rahmen dieser Arbeit die soziologische Bedeutung und pädagogische Relevanz der Risikothematik untersucht werden soll, so muss vorerst eine möglichst konkrete Beschreibung und Abgrenzung der in diesem Kontext relevanten Begrifflichkeiten erfolgen.

Nach einer kurzen historischen Betrachtung soll daher im Folgenden das Wortfeld Risiko von anderen wissenschaftlichen Forschungsbereichen in Verwendung und Bedeutung unterschieden und damit phänomenologisch abgegrenzt werden. Darüber hinaus ist eine genauere Trennung der Begriffe Risiko, Gefahr, Wagnis und Abenteuer erforderlich, da diese im alltäglichen Sprachgebrauch kaum mehr semantisch unterschieden werden (vgl. NEUMANN 1999, 9).

Zudem soll eine inhaltliche Differenzierung des Risikobegriffs (in: Risikoarten, Risikoverhalten, Risikohandeln und Risikosituation) am Beispiel des Sports als Erlebnis- und Handlungsfeld erfolgen.

2.1 Der Risikobegriff – eine historische Betrachtung

Risiko ist ein Begriff, der nicht erst seit der Moderne eine gesellschaftliche Rolle spielt. Vielmehr war und ist er in vielen verschiedenen Gesellschaftsformen allgegenwärtig präsent, wenngleich auch der Umgang mit dem Risiko durchaus gesellschaftsspezifisch unterschieden werden muss. An dieser Stelle bietet sich daher ein historischer Rückblick auf die Entstehung des Risikobegriffes an.

Risiken hat es zu allen Zeiten gegeben, auch wenn sie nicht seit jeher als solche bezeichnet worden sind. Die bereits in der frühen Geschichte der Menschheit vorangetriebenen Entwicklungen in Landwirtschaft, Tierzucht, Töpferei usw. haben zu einer Modernisierung und nachhaltigen Veränderung der damaligen Gesellschaftsformen geführt, die ohne vorherige Phasen des Experimentierens, in denen Risiken eingegangen, minimiert oder akzeptiert werden mussten, wohl ausgeblieben wäre. Auch ein Blick auf die zahlreichen Hochkulturen, die bereits weit vor unserer Zeit beeindruckende Hafen- und Straßenanlagen errichteten, weiträumige Handelsverbindungen unterhielten und die Tuchfabrikation und den Schiffbau beherrschten, zeigt, dass der Mensch seit jeher die Welt verändert hat und dabei stets mit Risiken konfrontiert gewesen sein muss (vgl. NEHRLICH 1999, 78).

Im Römischen Reich war es die Göttin des glücklichen, aber unberechenbaren Zufalls, ‚Fortuna‘, die in der Bemühung um Risikominimierung – also die Vermeidung von „Unvorhergesehen-gefährlich-Zufälligem“ (ebd., 81f.) – durch Rituale und Opfergaben besänftigt werden sollte. Dieser Kult bestand auch zur Zeit der Christianisierung fort, da das Christentum trotz aktiver Bemühungen durch gute irdische Taten keine Garantie für den Eintritt ins Himmelreich bot (vgl. ebd.).

Im 11. und 12. Jahrhundert wurde Fortuna durch den Begriff aventure – abgeleitet vom Lateinischen ad-venire (‚das, was kommen wird‘) – abgelöst. Stand dieser Begriff im alten Rom noch für ein unsicheres Einkommen, wurde er fortan von der französischen Ritterschaft als Synonym für das Erbeutete benutzt, wovon sie lebte. Diese Ideologie erlangte allerdings erst im 12. Jahrhundert durch die in den Romanen Chrestiens de Troyes geschilderten Abenteuer von König Artus und den Rittern seiner Tafelrunde weitere Verbreitung (vgl. ebd., 83ff.).

Die hier betonte Suche nach Abenteuer als dem Kriterium des wahren Menschseins ist

„die erste und bis heute gültige Definition des modernen Menschen, der – um sich zu verwirklichen – ununterbrochen intentional des (besseren) Neuen wegen in unbekannte Dimensionen des materiellen und geistigen Seins aufbrechen und dabei entsprechende Risiken eingehen muß“ (ebd., 85).

Im 12. und 13. Jahrhundert entwickelte sich in Westeuropa unter jüdisch-arabischem Einfluss eine experimental-wissenschaftliche Denkweise, die schnell Einzug in sämtliche Bereiche der gesellschaftlichen Praxis fand (vgl. ebd., 83). Seit dieser Zeit

„ist dem (west)europäischen Menschen alles Verharren im Repetitiv-Bekannten unerträglich, wird das Bedürfnis nach Neuem zu einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit bzw. zur unverzichtbaren Seinsqualität“ (NEHRLICH 1999, 86).

Im sich parallel dazu ausdehnenden Handel des Mittelmeerraumes wurde der Begriff aventure zur Bezeichnung der unter Risiko transportierten Waren und des gleichermaßen unsicheren Einkommens benutzt. Zwar blieb die Verwendung des Wortes bis ins 15. Jahrhundert auch im deutschen Sprachraum erhalten, dennoch zeichnete sich gerade im Handel schon bald ein rascher Übergang zum Gebrauch des italienischen rischio ab, aus dem sich der heutige Begriff Risiko ableitet (vgl. ebd., 86ff.).

2.2 Risikowahrnehmung

Bevor aber nun eine explizite Betrachtung, Bestimmung und Abgrenzung des Wortfeldes Risiko erfolgen kann, muss zunächst Klarheit darüber geschaffen werden, was überhaupt als solches zu bezeichnen ist – warum also eine Situation, Folge oder Erwartung als Risiko wahrgenommen bzw. identifiziert wird.

Zunächst wird die Risikowahrnehmung allgemein als Annahme über

„[zumeist negativ bewertete] Auswirkungen menschlichen Handelns und Verhaltens und der Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens durch Individuen, Gruppen oder Institutionen verstanden“ (BANSE 1996, 47).

Diese Wahrnehmung bzw. das Erleben von Risiken findet in vielfältigen Bereichen des Lebens statt, wie die folgende Abbildung (Abb. 1) verdeutlicht.

Dabei wird im wissenschaftlichen Diskurs in der Erfassung, Beschreibung oder Erforschung von Risiken meist das Verständnis dessen vorausgesetzt, was denn Risiko überhaupt ist und was als solches angesehen wird. Eine einheitliche bzw. objektive Klärung fällt angesichts des komplexen Zusammenspiels der vielen verschiedenen Faktoren jedoch schwer (BANSE & BECHMANN 1998, 9f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

So hängt die Wahrnehmung von Gefahren und Risiken

„einerseits mit gesellschaftlichen Kontexten, individuellen Betrachtungsperspektiven, rational und emotional geprägten Befindlichkeiten sowie [...] konzeptionellen Vorverständnissen zusammen [...]; andererseits hängt die Risikowahrnehmung auch von der Identifizierung unterschiedlicher Risikotypen ab, von der Aufmerksamkeit, die ihnen (z.B. in der Öffentlichkeit oder in den Medien) gewidmet wird, von der Bedeutung, die ihnen im wissenschaftlichen Risikodiskurs zukommt oder zugeschrieben wird, sowie von ihrer internen wissenschaftsdisziplinären Relevanz“ (BANSE & BECHMANN 1998, 9f.).

Aufgrund der Abhängigkeitsvielfalt existiert derzeit noch keine adäquate Risikotypologie, die generelle Akzeptanz gefunden hätte.[1] Daher soll an dieser Stelle eine genauere Betrachtung des Risikoverständnisses in den verschiedenen Forschungsdisziplinen näheren Aufschluss geben.

2.3 Risiko – ein multidisziplinärer Forschungsgegenstand

„Sucht man nach Bestimmungen des Risikobegriffs,

gerät man sofort in dichten Nebel“

Niklas Luhmann (1927-1998), dt. Soziologe

Der Versuch einer eindeutigen und allgemein akzeptierten Definition des Begriffs Risiko gestaltet sich schwierig, da der Terminus in den verschiedensten wissenschaftlichen Forschungsgebieten, ausgehend vom jeweiligen fachspezifischen Kontext, definiert und verwendet wird (vgl. GÖRING 2006, 9). So fordert bspw. DODERLEIN in diesem Zusammenhang eine striktere Unterscheidung innerhalb des Forschungsfeldes Risiko in Abhängigkeit von der jeweiligen Disziplin (vgl. DODERLEIN 1987, 1ff.).

Im Folgenden soll daher eine genauere Betrachtung der semantischen Differenzierungen Aufschluss über die Vielzahl unterschiedlicher Definitionen des Risikobegriffs geben. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Risikothematik zeigt sich vornehmlich in den unterschiedlichen Sichtweisen der Bereiche Versicherungswesen, Wirtschafts-, Rechts- und Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie und Psychologie. Darüber hinaus kommt es in gewissen Bereichen zu disziplinären Überlagerungen der Perspektiven (vgl. BANSE & BECHMANN 1998, 29).

So steht Risiko in der Versicherungsbranche für

„die Unbestimmtheit künftiger Situationen und Ereignisse, die beim handelnden Subjekt sowohl zu Gewinnen als auch zu Verlusten führen können“ (ebd.).

Gegen einen Beitrag bieten Versicherungsunternehmen eine Absicherung gegen bestimmte Risiken bzw. Risikohandlungen an, durch die das Handlungsrisiko vom Versicherten auf den Versicherer übertragen wird. Im Falle eines Verlustes verteilt dieser mögliche finanzielle Schäden wiederum auf das Kollektiv aller Versicherungsnehmer. In diesem Zusammenhang steht die Kalkulation des Risikos mithilfe systematischer Berechnungssysteme im Vordergrund. Das versicherungstechnische Risiko besteht darin, dass die geplanten Einnahmen aus Versicherungsbeiträgen am Ende der nächsten Versicherungsperiode die voraussichtliche Gesamtschadenserwartung übersteigen müssen, um überhaupt einen Gewinn zu erbringen (vgl. BANSE & BECHMANN 1998, 29f.).

In den Wirtschaftswissenschaften wird Risiko im Kontext unternehmerischer Ziele und Zielerreichungsmöglichkeiten betrachtet. Die Risiken bestehen im komplexen Zusammenspiel aktueller Gegebenheiten und künftiger Entwicklungen, die eine präzise Vorhersage möglicher Schäden erschweren und ein planvolles Verhalten des Managements gegenüber unternehmerischen Risiken erfordern. Hier stehen vor allem Themen, wie Gewinn- und Umsatzstreben des Unternehmens oder die Sicherung der Marktanteile, im Fokus wissenschaftlicher Diskurse (vgl. ebd. 41f.).

In den Rechtwissenschaften

„gibt es keine eigenständige Risikoforschung oder Risikodebatte. Das heutige technische Sicherheitsrecht ist noch immer am traditionellen ordnungsrechtlichen Ziel der Gefahrenabwehr orientiert“ (ebd., 43f.).

Dennoch gelangen wissenschaftliche Diskussionen zunehmend zu der Erkenntnis, dass die klassische Gefahrenabwehr angesichts neuer Technologien, wie der Atom- oder Gentechnik, und der damit einhergehenden Probleme bezüglich der Risikoverwaltung und Risikoabschätzung keine sichere Grundlage mehr für rechtliche Entscheidungen bietet (vgl. ebd., 44ff.).

Der Schwerpunkt politikwissenschaftlicher Analysen liegt auf der Untersuchung institutioneller „Verarbeitungs- und Regulierungsformen von auf Risiko bezogenen politisch-administrativen Entscheidungen“ (ebd., 50). In diesem Rahmen werden vornehmlich politische Strategien und das allgemeine Risikomanagement analysiert. Die daraus resultierenden Maßnahmen einer Risikopolitik können grob in vermeidende, kompensierende und antizipierende Instrumentarien unterschieden werden (vgl. BANSE & BECHMANN 1998, 50f.).

Die Soziologie widmete sich dem Risikobegriff als gesellschaftlich relevanter Thematik vergleichsweise spät, da erst

„aufgrund der Erfahrung und des Umgangs mit ökologischen Gefahren auch die sozialen- und gesellschaftsstrukturellen Voraussetzungen des Risikohandelns sichtbar wurden“ (ebd., 46).

Schwerpunkt der soziologischen Risikoforschung ist die Bedeutung von Sicherheit und Risiko für die Gesellschaftsbildung und für Vergesellschaftungsprozesse (vgl. ebd., 46f.).

Der philosophische Ansatz zur Risikoforschung greift

„vor allem kognitive, methodologische und normative Aspekte der Risikoproblematik auf, versteht sich als Welterklärung, [...] Lebens- und Entscheidungshilfe [und] zielt auf Orientierungswissen für zukünftiges Handeln und Verhalten [ab]“ (BANSE & BECHMANN 1998, 59f.).

In der Psychologie existieren gegenwärtig unterschiedliche empirische sowie theoretische Ansätze und Forschungsarbeiten, die sich in der Vielfältigkeit ihrer Definitionsvorschläge und Ergebnisse zum Teil widersprechen. Dennoch lassen sich Risikoverhalten und Risikobereitschaft als die zwei entscheidenden Forschungsfelder identifizieren. Bei beiden steht das Individuum im Mittelpunkt der Analysen, in denen kognitive und emotionale Prozesse auf kausale Zusammenhänge mit individuellen Risikoentscheidungen hin untersucht werden (vgl. ebd., 37f.).

In der Pädagogik wird das erzieherische Handeln von Pädagogen[2] als geschichtlicher Vorgang definiert, der stets das Risiko des Scheiterns oder des Gelingens mit einschließt. „ Würde der Erziehung (z.B. durch perfekte Technisierung) ihr Risikomoment genommen, ginge sie zugleich ihres humanen Charakters verlustig“ (BÖHM 2005, 538). Darüber hinaus kommt der pädagogischen Relevanz von Risiko in den Themenbereichen Risikogesellschaft, Risikomanagement und Risikoverhalten eine entscheidende Rolle im aktuellen pädagogischen Diskurs zu. Dabei geht es um den

„reflektierten und strategisch durchdachten Umgang mit Risiken, basierend auf einer Identifikation und Bewertung von Risiken auf individueller, organisationaler oder gesellschaftlicher Ebene“ (TENORTH & TIPPELT 2007, 606).

In der Sportwissenschaft findet Risiko als Forschungsgegenstand trotz der stetig zunehmenden Zahl wissenschaftlicher Beiträge gegenwärtig kaum Erwähnung (vgl. GÖRING 2006, 10). Da

„die Grenzlinie zum überproportionierten, nicht mehr verantwortbaren Risiko [...] äußerst schwankend, schwer zu ermitteln, an einer Sportart nicht festzumachen und daher bis heute nicht definiert [ist]“ (WARWITZ 2001, 16),

steht eine explizite Risikoforschung und Begriffsdefinition aus sportwissenschaftlicher Perspektive noch aus. Zwar lassen sich Sportarten nach ihrem jeweiligen Gefahrenpotenzial einstufen, die dafür notwendigen Daten über die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Unfalls, die Art des Schadens und die Folgenschwere entstammen allerdings statistischen Erhebungen aus versicherungsrechtlichen Quellen (vgl. WARWITZ 2001, 16).

Das Phänomen Risiko ist in nahezu allen wissenschaftlichen Disziplinen präsent und wird je nach forschungswissenschaftlicher Perspektive auf unterschiedliche Weise betrachtet und definiert. Da gegenwärtig noch keine explizite sportwissenschaftliche Risikoforschung existiert, soll der Risikobegriff im Rahmen dieser Arbeit vornehmlich in Anlehnung an die Konzeptionen aus Soziologie, Psychologie und Philosophie verwendet werden, wobei ein interdisziplinärer Ansatz aus sportwissenschaftlicher Perspektive angestrebt werden soll.

2.4 Betrachtungsweisen des Phänomens Risiko

In der Risikoforschung existieren unterschiedliche Ansichten zur Risikothematik, weshalb es bisher nicht gelungen ist, „einen einheitlichen Risikobegriff, geschweige denn eine zusammenhängende Risikotheorie zu entwickeln“ (BECHMANN 1993, IX) . In diesem Zusammenhang schlägt BECHMANN eine Klassifikation in drei grundlegende Betrachtungsweisen vor: einen formal-normativen Ansatz, einen psychologisch-kognitiven Ansatz und einen kulturell-soziologischen Ansatz (vgl. ebd., IX).

Der formal-normative Ansatz dominierte in der Frühzeit der Risikoforschung und verfolgte das Ziel, ein „universell gültiges Risikomaß zu entwickeln“ (BECHMANN 1993, IX), um verschiedene Risikoarten vergleichbar darstellen zu können. Mithilfe mathematischer Risikoformeln und Überlegungen aus der wirtschaftswissenschaftlichen Entscheidungstheorie versuchte man, eine generelle Aussage über die Akzeptanz von Risiken in Abhängigkeit von Eintrittswahrscheinlichkeit und Folgen zu entwickeln.

Mit diesem Ansatz glaubte man eine Verfahrensweise gefunden zu haben, um in rationaler und objektiver Weise die Risiken moderner Technologien einschätzen zu können. Bei der Bestimmung der Wahrscheinlichkeiten geriet man jedoch schnell an die „Grenzen des objektiv Wißbaren“ (ebd., XI), da der Mangel an empirischen Fällen (z.B. bei der Kernschmelze) nur subjektive Wahrscheinlichkeiten zuließ (vgl. BECHMANN 1993, IXff.).

Der psychologisch-kognitive Ansatz fragt nach dem wirklichen Entscheidungsverhalten der Menschen in Risikosituationen und verfolgt das Ziel der Erhebung empirischer Daten über situationsabhängige Entscheidungen. Die psychologische Risikoforschung hat in diesem Rahmen eine Vielzahl von Faktoren analysiert, die die Risikowahrnehmung und Risikobewertung beeinflussen. Die Ergebnisse zeigten allerdings bei der Bewertung und Akzeptanz von Risiken eine

„generelle Tendenz, im wesentlichen das Schadensausmaß zu berücksichtigen und die Eintrittswahrscheinlichkeit zunehmend zu vernachlässigen“ (ebd., XII).

Letztlich entfernte man sich zugunsten einer Betrachtung vieler Risikofaktoren zunehmend von einem einheitlichen Risikomaß (vgl. ebd., XIIff.).

Im Gegensatz zu den beiden genannten Ansätzen interessiert sich die soziologische Forschung weniger für die Risikoakzeptanz als Ergebnis subjektiver Entscheidungen, sie beschäftigt sich vielmehr mit der Frage,

„aufgrund welcher Faktoren bestimmte Meinungen zu technischen Risiken innerhalb bestimmter sozialer Einheiten dominant werden und wodurch Polarisierungen und Kontroversen entstehen“ (ebd., XV).

Hier stehen gesellschaftliche Faktoren im Vordergrund, wie z.B. die normative und kognitive Funktion der öffentlichen Meinung. Doch auch dieser Ansatz gerät angesichts der Kontextgebundenheit von Risikowahrnehmung und Risikoentscheidung an seine Grenzen (vgl. BECHMANN 1993, XVff.).

BONß dagegen betrachtet das Risiko im Rahmen eines dualen Risikokonzepts ebenfalls als soziales Phänomen, verknüpft jedoch unter der Handlungs- und der Systemperspektive je zeitliche, sachliche und soziale Aspekte (vgl. BONß 1995, 30f.).

Unter Handlungsgesichtspunkten werden Risiken zeitlich ex ante, also antizipierend, betrachtet. In sachlicher und sozialer Hinsicht „reduzieren sich Risiken dementsprechend auf Risikoentscheidungen, die es in ihrer Entstehung und Bewältigung zu beschreiben gilt“ (ebd., 31) .

In diesem Fall sind Risiken generell ambivalent, können also sowohl Verluste als auch Gewinne zur Folge haben und sind daher positiv und negativ besetzt (vgl. BONß 1995, 31).

Aus der Systemperspektive heraus werden Risiken ex post, also nach bereits vollzogenen Risikoentscheidungen, betrachtet. Zu beschreiben sind daher nicht mehr die Entscheidungen, sondern vielmehr deren sachliche und gesellschaftliche Folgen. Da sich die Unsicherheit durch die bereits getroffene Risikoentscheidung nur noch auf die drohende Verlustgefahr bezieht, erhält der Risikobegriff – ex post betrachtet – hier eine rein negative Konnotation, was nur allzu oft zur Verkennung von Risiko in seiner Eigenschaft als Chance führt (vgl. ebd., 32).

2.5 Inhaltliche Abgrenzung des Risikobegriffs

Die Problematik einer genaueren Bestimmung des Risikobegriffs besteht also einerseits in der bereits erwähnten Verwendungs- und Definitionsvielfalt der verschiedenen fachwissenschaftlichen Disziplinen und den unterschiedlichen Betrachtungsweisen der Risikothematik, andererseits aber auch in der mangelhaften Trennschärfe zu synonym verwendeten Begriffen.

Risiko ist zwar ein seit Jahrhunderten geläufiger Begriff, dennoch wird er nach wie vor zumeist unzureichend definiert.

Zur weiteren Klärung wird deshalb im Folgenden sowohl eine genauere Definition des Risikobegriffs als auch eine semantische Abgrenzung zum Begriff Sicherheit und zu den meist synonym verwendeten Begriffen Gefahr, Wagnis und Abenteuer vorgenommen.

2.5.1 Risiko vs. Sicherheit

Das Wort Risiko leitet sich vom lateinischen risicare ab und bedeutet ursprünglich Gefahr laufen oder Klippen umschiffen. Es stammt vermutlich aus der arabischen Seefahrersprache (vgl. WARWITZ 2001, 15) und tauchte auch dort zunächst nur selten im Wortgebrauch des Seehandels auf. Infolge des Buchdrucks dehnte sich sein Verbreitungsgebiet dann weiter aus (vgl. LUHMANN 1991, 18).

Im 16. Jahrhundert fand das italienische Lehnwort Risiko, zusätzlich zu den bereits vorhandenen Ausdrücken Wagnis, Gefahr und Abenteuer, Einzug in die deutsche Sprache. Obwohl im Deutschen also Wörter mit ähnlichem Bedeutungsgehalt vorhanden waren, schien die Integration eines weiteren Begriffs notwendig gewesen zu sein, um bestimmte Sachverhalte hinreichend erfassen zu können (vgl. WARWITZ 2001, 15).

Der Blick in verschiedene Lexika offenbart eine Vielzahl an Definitionsvorschlägen des Risikobegriffs. Der Eintrag von BECKER-CERUS & DORSCH et al. beschreibt jedoch treffend jene Charakteristika, die vielen von ihnen gemein sind. Demnach ist Risiko

„das besondere Kennzeichen einer Situation, die durch mangelhafte Voraussehbarkeit des Kommenden mögliche Schäden, Verluste u. dgl. in Aussicht stellt“ (BECKER-CERUS & DORSCH et al. 2004, 668).

Auffällig ist hierbei der Eindruck einer offensichtlich durchweg negativen Konnotation des Begriffs Risiko, der in modernen Gesellschaften eine Angst vor dem Verlust von vorhandener Sicherheit impliziert.

Sicherheit dagegen wird definiert als

„Zustand ohne Schädigung oder Wahrnehmung eines Zustands ohne Schädigung oder potenzieller Schädigung [und] betrifft den Zustand von Individuen in natürlicher, sozialer oder technischer Umgebung“ (ebd., 790).

Beim Vergleich der beiden Definitionen entsteht hier der Eindruck eines oppositionellen Verhältnisses von Risiko und Sicherheit. Diese Ansicht erweist sich bei politischen Entscheidungen durchaus als vorteilhaft, da man sich bei der Ablehnung riskanter Unternehmungen als sicherheitsliebend präsentieren kann. Sicherheitsexperten weisen jedoch darauf hin, dass absolute Sicherheit nicht zu erreichen sei, und bezeichnen den Sicherheitsbegriff als „soziale Fiktion“ (LUHMANN 1991, 28).

2.5.2 Risiko vs. Gefahr

In Bezug auf die Abgrenzung der Begriffe Risiko und Gefahr kann nach LUHMANN jedes relativ wahrscheinliche negative Ereignis im Leben, wie beispielsweise der Verlust des Wohnhauses nach einem Blitzschlag, als Gefahr bezeichnet werden. Von Risiko dagegen ist nur dann die Rede, wenn es zu Nachteilen infolge einer eigenen Entscheidung kommt (vgl. LUHMANN 1993, 327). Hierbei steht die Berechenbarkeit einer Gefahrensituation im Vordergrund; sie wird als kalkulierbares bzw. erfasstes Risiko bewusst in Kauf genommen. Darüber hinaus spricht man von einem Restrisiko bei unkalkulierbaren bzw. nicht erfassten Risiken, die zwar durch eigene Entscheidungen hervorgerufen, aber eben unwissentlich eingegangen werden (vgl. WARWITZ 2001, 15).

Betrachtet man diese begriffliche Unterscheidung nun aus soziologischer Sicht, so wird deutlich, dass die moderne Gesellschaft sicherlich nicht gefährlicher lebt, als ältere Gesellschaften es taten. Vielmehr scheint das Risiko ein „normales Begleitphänomen alltäglichen Handelns“ (LUHMANN 1993, 327) geworden zu sein. Durch die Schaffung zuvor unbekannter Entscheidungsmöglichkeiten verwandelt die gesellschaftliche Entwicklung moderner Industrienationen Gefahren in Risiken (vgl. LUHMANN 1991, 21).

Die Folgen dieser gesellschaftlichen Veränderungen illustriert LUHMANN anschaulich mit dem folgenden Beispiel:

„Wenn es Regenschirme gibt, kann man nicht mehr risikofrei leben: Die Gefahr, daß man durch Regen naß wird, wird zum Risiko, das man eingeht, wenn man den Regenschirm nicht mitnimmt. Aber wenn man ihn mitnimmt, läuft man das Risiko, ihn irgendwo liegen zu lassen“ (LUHMANN 1993, 328).

2.5.3 Risiko vs. Wagnis

Die Begriffe Risiko und Wagnis sind nach SCHLESKE in der Alltagssprache mehr oder weniger bedeutungsgleich verwendbar. WARWITZ und NEUMANN dagegen halten eine Unterscheidung für zwingend notwendig, da Risiken zwar prinzipiell an jedem Wagnis beteiligt sind, aber eben nur einen Teilaspekt einer Gesamtsituation beschreiben (vgl. WARWITZ 2001, 16).

Beide Begriffe beschreiben Situationen, die durch ein bestimmtes Maß an Unsicherheit geprägt sind, das sich wiederum aus der Wahrscheinlichkeit des Gelingens oder Misslingens und der ungewissen Folgenschwere definiert. Der Wagnisbegriff bezeichnet jedoch keine gesellschaftlichen Risiken, sondern persönliche Unsicherheiten. Er bezieht sich unter anderem auf die Entscheidungsgründe einer Person, die sich daraufhin freiwillig und bewusst einer Bedrohung aussetzt. Der ungewisse Ausgang und ein möglicher Schaden können sich dabei neben materiellen oder körperlichen Folgen auch auf psychischer Ebene äußern (vgl. WARWITZ 2001, 16).

Darüber hinaus zeichnet sich der Wagnisbegriff neben dem Personenbezug durch eine aktive Teilnahme an der Situationsbewältigung aus (vgl. HEBBEL-SEEGER & LIEDTKE 2003, 110ff.).

„Im Wagnis ist somit nicht nur Unsicherheit und möglicher Schaden enthalten, sondern immer auch die Perspektive, die Unsicherheit im aktiven Handeln zu überwinden und den möglichen Schaden abzuwenden.“ (Ebd., 112)

Als weiteres Unterscheidungskriterium führt WARWITZ den inhaltlichen Verwendungsrahmen an. Wird der Risikobegriff eher in Situationen eines möglichen Verlustes von Wertgegenständen oder der Gesundheit verwendet, bezieht sich das Wagnis vornehmlich auf die Wertevorstellungen einer Person, etwa in Form von sinn- oder wertegeleiteten Lebensentscheidungen. Das Riskieren betrifft also eher die materielle Komponente und damit nur einen Teilaspekt einer Problemstellung; das Wagen dagegen hebt die Persönlichkeit als existentielles Ganzes und damit die ideelle Seite hervor (vgl. WARWITZ 2001, 17): „Ich riskiere [daher] immer etwas, aber ich wage im letzten mich“ (BOLLNOW 1959, 137) .

2.5.4 Das Abenteuer

Der Begriff Abenteuer – abgeleitet aus dem vulgärlateinischen adventure – bedeutet Ereignis oder Geschehnis (vgl. NEUMANN 1999, 9). SIMMEL erweitert dieses semantische Feld um die Bedeutung besondere Begebenheit, da für ihn das Abenteuer eine bestimmte Erlebnisform darstellt, durch welche die Art des Erlebens bestimmt wird (vgl. SIMMEL 1923, 26).

GRIMM & GRIMM sehen mit einem Abenteuer

„stets die vorstellung eines ungewöhnlichen seltsamen, unsicheren ereignisses oder wagnisses, nicht nur eines schweren, ungeheuerlichen, sondern auch eines artigen und erwünschten“ (GRIMM & GRIMM 1922, 21)

verknüpft. Demnach kann der Abenteuerbegriff inhaltlich sowohl positiv als auch negativ besetzt sein und unterscheidet sich in dieser Eigenschaft von Risiko und Gefahr.

BULITTA & BULITTA dagegen wählen die Herangehensweise, das Abenteuer als Opposition zur Langeweile zu beschreiben, da abenteuerliche Situationen und Unternehmungen weder alltäglich und eintönig noch geruhsam oder gar normal seien (vgl. BULITTA & BULITTA 1999, 15).

KÖCK wiederum führt kulturgeschichtliche Bedeutungsverschiebungen an, nach denen Abenteuer im Rittertum des Mittelalters für Aufbruch, Wagnis und Ausfahren stand, mit Beginn der Neuzeit jedoch eine semantische Verschiebung hin zu Austreten aus einer kulturellen Ordnung erfuhr (vgl. KÖCK 1990, 13ff.).

„Heute wird das Abenteuer als Schritt aus der kulturellen Ordnung von Menschen in modernen westeuropäischen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg eindeutig akzeptiert“ (ebd., 15).

Der Begriff Abenteuer bezeichnet demnach ein episodenhaftes und aus dem alltäglichen Leben hervortretendes Erlebnis, das als unsicher oder gefährlich, aber auch erregend empfunden und freiwillig aufgesucht wird.

2.6 Inhaltsorientierte Analyse am Beispiel des Handlungsfeldes Sport

Zur genaueren Beschreibung und Abgrenzung des Risikos bedarf es weiterhin einer detaillierteren Betrachtung der in diesem Zusammenhang relevanten Teilaspekte Risikosituation, Risikoarten, Risikoverhalten und Risikohandeln. Diese soll im Folgenden am Beispiel des Handlungsfeldes Sport vorgenommen werden.

2.6.1 Risikosituation

Aus den bisherigen Überlegungen lässt sich ableiten, dass sich Risikosituationen durch ein bestimmtes Maß an Unsicherheit charakterisieren lassen, jedoch als Folge vorheriger Entscheidungsprozesse überhaupt erst geschaffen worden sind.

Bezogen auf das Handlungsfeld Sport, sind sämtliche sportliche Situationen durch Merkmale des Ungewissen gekennzeichnet und bergen folglich immer das Risiko des Misslingens. Darüber hinaus zeichnen sich sportliche Risikosituationen durch ein besonders intensives Spannungserlebnis aus (vgl. GÖRING 2006, 17).

So zeigen sich Risikosituationen im Sport nach NEUMANN

„überall dort, wo selbsterzeugte Spannung zum Inhalt des sportlichen Handelns wird, wo die Ungewissheit des Ausgangs zentrale Bedeutung erhält und eine missglückte Handlung bedrohliche Folgen nach sich ziehen kann“ (NEUMANN 1999, 120).

Laut SCHLESKE wird in Risikosituationen

„bewußt und meist freiwillig [...] eine Position der Sicherheit preisgegeben, man setzt sich einer Situation der Bedrohung, der Ungewißheit und der Gefahr aus“ (SCHLESKE 1977, 34).

Darüber hinaus sind sportliche Risikosituationen weitestgehend zweckfrei, da das Bewältigen dieser Situationen keine materiellen Gewinnmöglichkeiten verfolgt. In diesem Punkt liegt ein wesentlicher Unterschied zu alltäglichen Risiken, die in der Regel auf ökonomischen Profit ausgerichtet sind (vgl. GÖRING 2006, 18).

RENN fügt dem – neben Freiwilligkeit und temporärer Begrenzung – weiterhin die persönliche Kontrollierbarkeit und Beeinflussbarkeit der Risikokomponente durch den Akteur als weitere Charakteristika einer Risikosituation hinzu (vgl. RENN 1989, 182).

Vor allem aber scheint die Individualität der Risikosituation eine entscheidende Rolle zu spielen, da das Risiko erst durch die subjektive Einschätzung des Gefahrenrisikos einer sportlichen Aktivität als solches wahrgenommen wird (vgl. GÖRING 2006, 18).

2.6.2 Risikoarten

Zur Unterscheidung von Risikoarten existieren in der Literatur verschiedene Modelle, die je nach Forschungsinteresse divergieren. Im sportlichen Handlungsrahmen differenziert bspw. BÄNI zwischen freiwilligen und unfreiwilligen Risiken, gerät damit aber in definitorischen Widerspruch zu dem Gefahrenbegriff. In ähnlicher Weise kontrastiert MÄGDEFRAU bewusste und unbewusste Risiken, die wiederum aufgrund mangelnder Trennschärfe zu den Begriffen Wagnis und Gefahr wenig hilfreich erscheinen (vgl. GÖRING 2006, 15).

Eine für den sportlichen Risikobereich adäquate Differenzierung nehmen SCHÜTZ & WIEDEMANN et al. vor. Sie unterteilen Risiken in lifestyle risks und environmental risks. Erstere bezeichnen Risiken, die durch individuelle oder kollektive Handlungsentscheidungen beeinflussbar sind; Letztere beziehen sich auf technische Errungenschaften, deren Wirkungen zwar subjektiv eingeschätzt werden können, die jedoch wenig aktive Einflussmöglichkeiten zulassen (vgl. SCHÜTZ & WIEDEMANN et al. 2000, 1).

Risikosportliche Aktivitäten sind demnach ausschließlich als lifestyle-risks einzustufen, die jedoch in ihrer Ausübung durchaus von den environmental risks, wie etwa Luftverschmutzung oder radioaktiver Belastung, beeinträchtigt sein können (vgl. GÖRING 2006, 15).

2.6.3 Risikoverhalten vs. Risikohandeln

Nach BAHRDT ist Handeln

„ein tätiges Verhalten von Menschen, das einen beabsichtigten Zustand herbeiführen oder erhalten soll. Zum Handeln gehört [dabei], daß das Tun [...] vom Subjekt in eine sinnvolle Beziehung zu einem späteren Zustand gesetzt wird“ (BAHRDT 2003, 31f.).

Bei der charakteristischen Unterscheidung menschlichen Verhaltens und Handelns stellt FUNKE die Intentionalität als fundamentales Merkmal heraus. Während bloßes Verhalten, wie z.B. Stolpern oder ein Reflex, einfach geschieht, sind Handlungen bewusst, zielgerichtet und absichtsvoll vollzogene Tätigkeiten (bzw. Unterlassungen). Da folglich auch der Verlauf einer Handlung teilweise kontrollierbar sein muss, lässt sich die Kontrolle als weiteres kontrastierendes Merkmal ableiten. Für das handelnde Subjekt erwächst hieraus ein gewisses Maß an Verantwortung für sein Tun, was emotionale (Stolz bzw. Schamgefühl) und juristische (Schuld) Konsequenzen zur Folge haben kann.

Weiterhin zeichnen sich Handlungen im Gegensatz zu Verhalten durch eine Verknüpfung mit Regeln, Normen und Konventionen aus, die für bestimmte Tätigkeiten (Heiraten, Freistoß im Sport) notwendig sind, damit diese auch als solche erkannt werden und als sinnhaft erscheinen (vgl. FUNKE 2003, 95f.).

Schlägt man den Begriff Risikoverhalten im Lexikon nach, wird er dort als Verhalten in Risikosituationen definiert, die sich durch gegenwärtige Ungewissheit bezüglich der Erreichung eines erstrebenswerten Ziels charakterisieren lassen (vgl. DORSCH 1998, 744).

Auch VON KLEBELSBERG betont, dass es sich bei Risikoverhalten nicht um riskantes Verhalten, sondern um Verhalten in Risikosituationen handelt. Folglich lässt sich eine Vielzahl unterschiedlicher Handlungsbereiche bezüglich des Risikoverhaltens bestimmen (vgl. VON KLEBELSBERG 1982, 43f.).

Dabei stellt

„Sport als Handlungsfeld […] eine Form des Risikoverhaltens dar, wobei es in besonderem Maße zielorientierte Handlungen repräsentiert, die eine Folge freiwilliger Entscheidungen sind“ (GÖRING 2006, 16).

Nach VON KLEBELSBERG handelt es sich im Sport um Risikoverhalten, wenn

„im Hinblick auf das Erreichen eines übergeordneten Ziels eine Leistungs- und Sicherheitstendenz einen Konflikt herbeiführen, der innerhalb eines begrenzten Zeitraumes durch eine Entscheidung gelöst werden muss“ (VON KLEBELSBERG 1982, 147).

Ebenso beschreibt BRENGELMANN Risikoverhalten als „[...] ein Verhalten, mit dessen Hilfe etwas von Wert in Verlustgefahr gebracht wird“ (BRENGELMANN 1988, 1), und benennt damit das entscheidende Merkmal des Risikoverhaltens in risikosportlichen Aktivitäten. Hierbei scheint der Akteur bei Nichterreichung seines Handlungsziels eine Verschlechterung der Ausgangslage in Kauf zu nehmen (vgl. GÖRING 2006, 16).

2.7 Zusammenfassung und Einordnung

Risiko ist ein Begriff, der nicht erst seit der Moderne eine gesellschaftliche Rolle spielt, sondern vielmehr in vielen Gesellschaften immer schon präsent war. Risiken hat es zu allen Zeiten gegeben, auch wenn sie nicht seit jeher als solche bezeichnet worden sind.

Dabei ging fast jeder Entwicklung in der Geschichte der Menschheit, die zu einer nachhaltigen Veränderung führte, eine Experimentierphase voraus, die in irgendeiner Weise mit Gefahren und Risiken verbunden war. Dies zeigt, dass der Mensch schon immer versuchte die Welt in seinem Sinne zu verändern und dabei stets mit Unsicherheiten konfrontiert gewesen sein muss.

Die Wahrnehmung solcher Risiken ist unter anderem abhängig von der individuellen und gesellschaftlichen Betrachtungsweise, der emotionalen Befindlichkeit und der subjektiven Aufmerksamkeit. Auch in der Wissenschaft stellt sich der Risikobegriff als multidisziplinärer Forschungsgegenstand dar, der im jeweiligen fachspezifischen Kontext unterschiedlich definiert und verwendet wird.

Vor diesem Hintergrund haben BECHMANN, der eine Klassifikation in drei Betrachtungsweisen (formal-normativ, psychologisch-kognitiv, kulturell-soziolo-gisch) vorschlägt, und BONß, der Risiken aus der Systemperspektive heraus ex post bzw. ex ante betrachtet, ihren Beitrag zu einem allgemeingültigen Klassifizierungsversuch geleistet. Dennoch existiert derzeit noch keine adäquate Risikotypologie, die generelle Akzeptanz gefunden hätte.

Zum besseren Verständnis und zum Zweck einer präziseren Verwendung dessen, was unter dem Phänomen Risiko zu verstehen ist, muss es darüber hinaus vom Sicherheitsbegriff und anderen, meist synonym verwendeten Begriffen (Gefahr, Wagnis, Abenteuer) semantisch abgegrenzt werden. Dabei ist deutlich geworden, dass beim Risiko die Berechenbarkeit einer Gefahrensituation im Vordergrund steht und mögliche negative Konsequenzen als Folge der eigenen Entscheidung auftreten. Daher können solche Risikosituationen als durch ein bestimmtes Maß an Unsicherheit charakterisiert definiert werden.

Darüber hinaus wird Risiko in unterschiedliche Risikoarten (freiwillige/unfreiwillige, bewusste/unbewusste, lifestyle/environmental) klassifiziert, während die Aspekte Intentionalität und Kontrollierbarkeit die fundamentalen kontrastierenden Merkmale zur Unterscheidung von Risikoverhalten und -handeln darstellen.

Um nun diese theoretisch-terminologischen Grundlagen auch im praktischen Rahmen – also in der Realität – genauer zu betrachten, soll das Risikophänomen im Folgenden auf seine gesellschaftliche Bedeutung hin untersucht werden.

3 Risiko als soziologisches Phänomen

„Das größte Risiko unserer Zeit liegt in der Angst vor dem Risiko.“

Helmut Schoek (*1922), österreichischer Soziologe

Die vorangegangenen Kapitel suggerieren eine mitunter negative Konnotation des Risikobegriffs, weshalb eine allgemein risikomeidende Haltung der Menschen zu erwarten wäre. Dennoch tendieren einige dazu, freiwillig sichere Situationen aufzugeben, um sich bewusst Unsicherheiten auszusetzten. Wäre die Menschheit in ihrer Entwicklungsgeschichte jedoch so erfolgreich gewesen, wenn dieses Verhalten als evolutionär kontraproduktiv einzuordnen wäre? Das Eingehen von Risiken scheint also neben den negativen auch positive Eigenschaften zu besitzen.

Vor diesem Hintergrund soll der Risikobegriff im Folgenden aus der soziologischen Perspektive betrachtet werden.

3.1 Die Lust am Risiko – Risiko um jeden Preis?

Im Rahmen einer soziologischen Betrachtung des Risikophänomens sollen die Forschungen und Ergebnisse CSIKSZENTMIHALYIs mit Sporttreibenden zunächst einen praktischen Einstieg bieten. Der Psychologe untersuchte das emotionale Empfinden und das Motivationsgefüge leidenschaftlicher Bergsteiger, um ihren subjektiven Umgang mit Unsicherheitssituationen näher bestimmen zu können. Dabei kam er im Rahmen einer persönlichen Befragung der Sportler zu dem Ergebnis, dass die meisten von ihnen das Klettern als lustvoll beschrieben (vgl. VON CUBE 2000, 13).

Warum aber widmen sich Menschen trotz höchster Anstrengung und Risiko solchen offensichtlich gefährlichen Aktivitäten mit so intensivem Lustempfinden? Die meisten von ihnen beschreiben ihre emotionale Befindlichkeit als etwas Unvergleichliches, da es sich dabei

„um ein ganzheitliches Gefühl handelt, ja, um das höchste der Gefühle überhaupt, [...] weil man bei jedem Schritt Unsicherheit in Sicherheit verwandelt“ (VON CUBE 2000, 13).

3.1.1 Das Flow-Erleben

Bei diesem völligen Aufgehen der befragten Bergsteiger in ihrer Aktivität spricht CSIKSZENTMIHALYI vom sogenannten Flow-Erlebnis, das in der lustvollen Befriedigung des Sicherheitstriebes bestehe. Die Aktivität selbst oder das damit verbundene Prestige scheine dabei nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Das Entscheidende sei vielmehr,

„dass sich diese Personen dem Flow-Erlebnis um des Zustandes selbst willen hingeben und nicht wegen damit verbundener äußerer Belohnungen. […] Das Erreichen eines Zieles ist wichtig, um eigene Leistung zu belegen, aber es ist nicht in sich selber befriedigend. Was uns in Gang hält, ist das Erlebnis, jenseits der Parameter von Angst und von Langeweile zu agieren: das Flow-Erlebnis“ (CSIKSZENTMIHALYI, 45).

Dabei trete dieses Empfinden nur dann auf, wenn die ausgeführte Aktivität im Bereich der Leistungsfähigkeit des Akteurs liege, dort allerdings als Grenzerfahrung erlebt werde und dementsprechend volle Konzentration erfordere. Darüber hinaus sei die empfundene Kontrollierbarkeit der Situation ein weiterer entscheidender Faktor, damit Flow entstehen könne.

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Befragungen von Schachspielern, Tennisspielern und Chirurgen ganz ähnliche Ergebnisse ergaben und damit auf das tätigkeitsunabhängige Bestehen der Möglichkeiten eines Flow-Erlebens hindeuten (vgl. ebd., 45f.).

Die Gründe für die Lust am Flow nennt uns die Verhaltensbiologie. Wie an späterer Stelle noch genauer betrachtet werden soll (vgl. Kap. 5.4.) dient die menschliche Neugier hier gewissermaßen als Triebfeder von Explorationsverhalten dazu, unsichere bzw. unbekannte Situationen aufzusuchen, um laufend Unsicherheiten in Sicherheiten zu verwandeln.

Die von CSIKSZENTMIHALYI befragten Bergsteiger handeln nach dem gleichen Prinzip: Sie suchen bspw. nach den richtigen Griffen, um sich aus einer unsicheren Lage in eine Position der Sicherheit zu bringen. Folglich kann das Flow-Erlebnis als „die mit Lust erlebte Endhandlung des Sicherheitstriebes“ bezeichnet werden (vgl. ebd., 47) .

3.1.2 Die Risikofaktoren beim Flow nach VON CUBE

Aus diesem Flow-Erlebnis als Sicherheitstrieb leitet VON CUBE das Sicherheits-Risiko-Gesetz ab: „Jemand, der sich sicherer fühlt als ein anderer, muß, um Unsicherheit aufzuspüren, ein größeres Risiko aufsuchen“ (VON CUBE 2000, 13) . Je größer also das Sicherheitsgefühl ist, desto größer wird auch das Risiko sein, das ein Mensch einzugehen bereit ist. Solche Risiken nehmen Menschen jedoch normalerweise nur dann auf sich, wenn sie sich ihnen gewachsen fühlen. Denn wird eine Unsicherheit als zu groß empfunden, kommt es meist zu Angstgefühlen, und die Situation wird zugunsten des Sicherheitstriebes gemieden. Demnach sucht

„der Mensch […] nur dann Unsicherheit auf, wenn er sich sicher fühlt. Er baut die Unsicherheit ab und gewinnt so neue Sicherheit. Das ist ein erhebendes Gefühl. Bergsteiger, Drachenflieger, Forscher und Politiker, Brückenspringer und viele andere können ein Lied davon singen“ (ebd., 5).

[...]


[1] BANSE & BECHMANN schlagen in diesem Zusammenhang eine Unterscheidung in traditionelle, industriell-wohlfahrtsstaatliche und technisch-wissenschaftliche Risiken vor, die jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht näher betrachtet werden sollen. Für weitere Informationen vgl. BANSE & BECHMANN (1998), S. 10.

[2] Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen, wird in dieser Arbeit bei Personen- und Funktionsbezeichnungen lediglich die männliche Form verwendet. Diese Begriffe beziehen die weibliche Form der jeweiligen Gruppen selbstverständlich mit ein. Abweichungen kommen lediglich in Originalzitaten vor. Wenn ausschließlich die weibliche Form gemeint ist, wird dies deutlich gemacht.

Ende der Leseprobe aus 117 Seiten

Details

Titel
Risiko – Die soziologische Bedeutung und pädagogische Verwertbarkeit am Beispiel des Handlungsfeldes Sport
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Sportwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
117
Katalognummer
V164793
ISBN (eBook)
9783640801749
ISBN (Buch)
9783640802432
Dateigröße
2053 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Pädagogik, Soziologie, Risiko, Handlungsfeld, Bedeutung, Verwertbarkeit
Arbeit zitieren
Daniel Scheibelhut (Autor), 2011, Risiko – Die soziologische Bedeutung und pädagogische Verwertbarkeit am Beispiel des Handlungsfeldes Sport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164793

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