Die verkannte Bedeutung des Geruchsinnes - neu entdeckt und definiert in Patrick Süskinds "Das Parfum"


Hausarbeit, 2010
14 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die ästhetische Empfindung

III. Die Aisthetische Verfasstheit des Romans
1. Historische Geruchsgeschichte
2. Geruchsrealismus bis hin zum -surrealismus
3. Geruchsdichte
4. Synästhesie Grenouilles
5. Geruchsmasken

IV. Schluß

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der Ästhetik widerfährt in der heutigen Zeit einer zwiespältigen Betrachtung: es wird nicht mehr nur nach einer einzig richtigen ästhetischen Wahrheit oder einer politisch ergriffenen Kunst gesucht, sondern eine Verbindung von „Kunst und Markt, die Theorie und Praxis der neuen Medien und der Siegeszug einer globalen Popularkultur“, rückt in das vordergründige Interesse. Mit der Abwendung des klassischen Kunstbegriffs ist die Ausdehnung des Kunstanspruchs und der weite Begriff der Ästhetik in den Mittelpunkt getreten.[1] Jedoch möchte ich von der Begriffsbedeutung der Ästhetik des 18. Jahrhunderts ausgehen. Der Begriff Ästhetik stammt von dem griechischen Wort „aisthesis“ ab und bedeutet „sinnliche Wahrnehmung“. Diese ursprüngliche Bedeutung des Ästhetikbegriffs, die Lehre von sinnlichen Wahrnehmungen in Kunst, Philosophie und Wissenschaft wurde jedoch bis heute vielfach in den Hintergrund gerückt. Kaum Aufmerksamkeit wird der Kategorie der Empfindung geschenkt, auch wenn sie seit der höchstbedeutenden ästhetischen Theorie Adornos 1970 eine Reihe von Umdeutungen und vor allem Ausweitungen erfahren hat.[2] Ich werde nach einer Einführung der ästhetischen Empfindungen nach Konrad Paul Liessmann anhand des Romans Das Parfum“ (1985) von Patrick Süskind das verloren gegangene Bewusstsein der sinnlichen Wahrnehmung für Gerüche und Düfte wieder neu entfachen. Es ist die Geschichte eines Mörders in der Süskind die Nase und das Parfum erstmals in der literarischen Ästhetikgeschichte den absoluten Vorrang über Auge und Bild sowie Ohr und Musik gewinnnen. Diese Einbeziehung von Empfindung und Wahrnehmung in die Künste reaktiviert Patrick Süskind mit seinem „Parfum“.[3] Diese „olfaktorische Codierung der Weltdarstellung“ repräsentiert Süskind anhand seiner Hauptfigur Jean Baptiste Grenouilles, der seine Umwelt nur durch seinen göttlichen Riechsinn trotz fehlenden Eigengeruchs wahrnimmt.[4] Das Hauptaugenmerk dieser Analyse ist die Umsetzung der Reduktion der Wahrnehmung auf den Geruch als Medium der Wahrnehmung, der Erkenntnis und der Konstruktion von Welt und Kommunikation.[5] Inwieweit findet sich der Leser in dem Geruchsleben Grenouilles wieder, wann gerät die Vorstellung, die dargestellte Geruchsrealität ins Schwanken. Darauf gehe ich auf die Geruchsdichte ein, die das Geschehen des Romans bestimmt. Die letzten beiden Punkte stellen zwei Besonderheiten Grenouilles Wesen dar: seine Synästhesie und die Verwendung des Duftes als Maske, als einer Persönlichkeitsdarstellung, die die echte Persönlichkeit versteckt.

II. Die ästhetische Empfindung

Adornons Ästhetik des 18. Jahrhunderts war im Großen und Ganzen „noch eine Werkästhetik gewesen, eine Theorie des Kunstwerks.“ Abgewandt von dem Fokus auf das Werk beginnt mit Martin Heidegger, die Phase der „Kunst als das Sich-ins-Werk-Setzen der Wahrheit des Seienden“ zu sehen. Eine weitere Begriffsausdehnung erfolgt durch Alexander Gottlieb Baumgarten, der „die Ästhetik als Wissenschaft, als Lehre der sinnlichen Erkenntnis“ beschreibt. Dies ist die Basis für die ästhetische Erfahrung, die in der Antike als „aisthesis“, als „sinnliche Wahrnehmung“ seinen Bedeutungsursprung hat. „Ästhetik als Wahrnehmung“ versucht „die Sinn- und Bedeutungsstrukturen des Wahrgenommenen“ als wichtiges Kriterium zu behandeln.[6] Durch die Ausweitung des Ästhetischen ist es schwierig zwischen Kunst und Alltag zu differenzieren. Bei der Erschaffung des Menschen wurden ihm fünf Sinne gegeben: Riechen, hören, schmecken, sehen und fühlen. Diesen Wahrnehmungen (aisthesis) kann der Mensch nicht entkommen. Jeden Augenblick nehmen wir mit größerer oder geringerer Intensität wahr, bewusst oder unbewusst und jeder dieser Reize erzeugt Empfindungen. Somit kann, laut Liessmann, ein engerer Begriff des Ästhetischen gezogen werden: Empfindungen, die durch Reizauslösungen hervorgerufen werden, die Bezug auf „ihre Beschaffenheit“, „ihre Form“ nehmen nennt man „ästhetische Empfindung“. Sie können „Formen als Formen in uns auslösen“.[7] Im Kontrast zu Baumgarten, der Ästhetik als „Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis“, als eine „Vernunfterkenntnis“ versteht, greift Liessmann die Empfindungstheorie nach der Definition Johann Georg Sulzers auf:

„Bey der Erkenntnis sind wir mit dem Gegenstand, als einer ganz ausser uns liegenden Sache beschäftiget; bey der Empfindung aber geben wir mehr auf uns selbst, auf den angenehmen oder unangenehmen Eindruk, den der Gegenstand auf uns macht […] Die Erkenntnis ist hell oder dunkel, deutlich und ausführlich, oder confus und eng eingeschränkt; die Empfindung aber ist lebhaft oder schwach, angenehm oder unangenehm.“[8]

Empfindungen konzentrieren sich auf das Subjektive, auf das in uns Ausgelöste durch das wahrgenommene Objekt. Wir fühlen, dass die reine Gestalt des Objekts eine positive oder negative Empfindung in uns auslöst. „Wir spüren, dass wir etwas spüren.“ Nach diesem Muster beugen sich alle ästhetischen Ereignisse, so auch im „Parfum“ von Patrick Süskind.[9] Jean Baptistes Grenouilles Riechorgan ist „so gebannt“ durch den Duft des Mirabellenmädchens, dass er innehält um sich dem Reiz, der ihn getroffen hat ganz zu widmen, der eine große Empfindung in ihm auslöst, eine große „Affektion des Gemüts, einen Anflug von Faszination“.[10] Die ästhetische Erscheinung überschreitet das Alltägliche durch ihre Besonderheit und somit haben wir es mit Kunst zu tun. „Die Stellung der Kunst in der menschlichen Welt ist eine Stellung inmitten einer Pluralität ästhetischer Gelegenheiten, die selbst keiner künstlerischen Choreographie unterliegen.“[11] Diese künstlerische Erscheinung lässt ihn innehalten, weil sie ihn durch ihre Besonderheit verunsichert, wir nehmen sie mit einem stark ausgeprägten Sinn wahr. Das Erschienene ist nicht das, was es vortäuscht zu sein, sie können „in einem durchschauten Widerspruch zum tatsächlichen Sosein von Gegenständen wahrgenommen“[12] werden. Die Repräsentation als Kunst drückt sich in ihrer Widersprüchlichkeit durch ihre Art und Weise des Erscheinens aus, indem sie sich selbst in Widerspruch setzt. Diese Forderung des Verstehens unterscheidet die normale ästhetische Erfahrung von der Kunst, da wir durch sie Erkenntnis gewinnen.[13] Nehmen wir aber diese künstlerische Erfahrung öfters wahr, wird sie für uns flüchtig, die Kunst wird zum „Moment unseres Alltags“.[14]

Nach diesem Kapitel der Einführung in die wunderbare Welt der Ästhetik, möchte ich übergehen zu der literarischen schönen Verfasstheit des Romans „Das Parfum“, der einerseits positive und angenehme Empfindungen, andererseits auch negative und unangenehme Empfindungen im Leser auslöst.

[...]


[1] Liessmann: Ästhetische Empfindungen, S. 11

[2] Liessmann: Ästhetische Empfindungen, S. 12

[3] Frizen: Patrick Süskind, Das Parfum, S. 46

[4] Degler: Aisthetische Reduktionen, S. 99

[5] Degler: Aisthetische Reduktionen, S. 173

[6] Liessmann: Ästhetische Empfindungen, S. 13

[7] Liessmann URL S. 1/2

[8] Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, S. 312

[9] Liessmann URL S. 3

[10] Liessmann URL S. 3

[11] Seel: Ästhetik des Erscheinens, S. 11

[12] Seel: Ästhetik des Erscheinens S. 106

[13] Liessmann URL S. 7

[14] Liessmann URL S. 8

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die verkannte Bedeutung des Geruchsinnes - neu entdeckt und definiert in Patrick Süskinds "Das Parfum"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Medien- und Literaturtheorien
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V165269
ISBN (eBook)
9783640808632
ISBN (Buch)
9783640809059
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, geruchsinnes, patrick, süskinds, parfum, Thema Das Parfum
Arbeit zitieren
Bettina Baumer (Autor), 2010, Die verkannte Bedeutung des Geruchsinnes - neu entdeckt und definiert in Patrick Süskinds "Das Parfum", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165269

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