Troubadour- und Trouvèrelyrik

Liebeskonzepte und Darstellungsformen bei Bernard de Ventadour und Guillaume de Lorris


Studienarbeit, 2010
27 Seiten, Note: 1,3
Mandy Mittelbach (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Ausgewählte Gedichte von Bernard de Ventadour im Vergleich zum „Roman de la rose“ von Guillaume de Lorris
2.1. Fin’amour vs. amour courtois - Die Liebeskonzepte in der Troubadour-und Trouvèrelyrik
2.2. Minnesang vs. höfischer Roman - Die unterschiedlichen Darstellungsformen und Stilmittel der Dichter

3. Schlussbetrachtung

4. Anhang

5. Obligatorische Erklärung

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur
6.3. Internetquellen

1. Hinführung

Schlägt man den Zusammenhang zwischen der Trouvère- und Troubadourlyrik in zahlreicher älterer Fachliteratur nach, lassen sich oft Aussagen finden wie die von Bertau und Glauch. So definieren sie die Trouvères als „,die Franzosen‘, die die Troubadors [sic] nachahmen.“[1]

Um den Einfluss der Troubadours auf die Trouvères zu rekonstruieren, haben in der Vergangenheit nicht wenige Romanisten versucht, verschiedene Theorien, zum Beispiel das Modell einer interkulturellen Vernetzung der Troubadourlyrik, zu entwickeln, auf das an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden soll.[2] Erwähnenswert für die folgenden Ausführungen ist jedoch, dass die Troubadourlyrik, die Ende des 11. Jahrhunderts in Südfrankreich entstand, von Schriftstellern der langue d’oc verfasst wurde und gleichzeitig den Anfang der europäischen Liebeslyrik markierte. Erst im 12. Jahrhundert verbreitete sich durch Schriftsteller der langue d’oïl die Trouvèrelyrik in Nordfrankreich von Süd nach Nord, das heißt ausgehend von der Troubadourlyrik.[3]

Doch ob sich dieses Klischee von Bertau und Glauch tatsächlich belegen lässt, soll in dieser Seminararbeit anhand zweier Autoren, Bernard de Ventadour, einem Anhänger der Troubadourlyrik, und Guillaume de Lorris, einem Vertreter der Trouvèredichtung, untersucht werden. Ferner stellt sich die Frage, inwiefern sich der Roman de la Rose[4] von Lorris auf Konzepte von Ventadour bezieht, das heißt, ob Lorris tatsächlich nur die Ideen von dem Trouvère Ventadour übernommen hat. Um dies genauer analysieren zu können, wird der von Guillaume de Lorris verfasste Roman mit vier Gedichten von Bernard de Ventadour verglichen. Es handelt sich hierbei um Ce n ’est merveille si je chante, J’ai le cœur plein de joie sowie um Le temps s’en va und Quand je vois l’alouette mourir.[5] Dabei stehen zum einen die Liebeskonzepte, zum anderen die Stil- und Gestaltungsmittel im Fokus des Vergleichs.[6]

Sollte sich die These von Bertau und Glauch im Laufe der Analyse als unwahr oder als unzureichend erweisen, stellt sich die Frage, ob und was Guillaume de Lorris abgewandelt hat und was bei ihm völlig neu ist.

Nach der detaillierten Untersuchung der Konzepte beider Autoren wird schließlich versucht, eine Antwort darauf zu finden, ob man der Aussage von Bertau und Glauch beipflichten kann oder dieser aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse widersprechen sollte.

2. Ausgewählte Gedichte von Bernard de Ventadour im
Vergleich zum „Roman de la rose“ von Guillaume de Lorris

2.1. Fin ’amour vs. amour courtois - Die Liebeskonzepte in der
Troubadour-und Trouvèrelyrik

Im ersten Schritt der Untersuchung soll zunächst analysiert werden, inwiefern sich das Liebeskonzept von Guillaume de Lorris auf das von Bernard de Ventadour bezieht.

Bei der genaueren Betrachtung wird dabei deutlich, dass sich diese Konzepte in ihren Grundgedanken generell voneinander unterscheiden. So besingt Bernard die Liebe zu einer höhergestellten, höfischen Dame. Er selbst ist ihr sozial untergeordnet, seine Liebe zu ihr ist unerfüllt und unerfüllbar. Sie ist für ihn nicht nur aus räumlicher, sondern auch aus gesellschaftlicher Sicht weit entfernt. Bei dieser fin ’amour geht es neben der Ehrung einer Dame auch um den Aufschub der Liebe, die den amant am Ende seiner Lieder zum Leiden veranlasst. In Bernards Gesängen gilt der Dienst der Minne allein der Frau und nicht den ritterlichen Bewährungskämpfen.[7]

In Guillaumes Rosenroman thematisiert dieser dagegen die amour courtois. Hierbei steht die Perfektion des eigenen Verhaltens (des amant) im höfischen Kontext in Verbindung mit dem Begehren für eine gleichgestellte, höfische Dame.[8] Der Liebende möchte seine höfischen Verhaltensweisen verbessern, um der distanzierten Angebeteten zu imponieren und um sie für sich zu gewinnen.

Neben den unterschiedlichen Liebesabsichten singt Bernard von einem Boten, der der weit entfernten Dame das Leid des amant schildern soll: „Bote, geh, lauf, und sage mir der Schönsten die Not und den Schmerz und die Qual, die ich um sie erdulde“ (J’ai le cœur plein de joie, V. 39f). Das Vorhandensein eines solchen Boten übernimmt Guillaume de Lorris für seinen Rosenroman allerdings nicht.

Ein weiterer Aspekt, der bei Bernard vorhanden ist, ist das Vorwürfemachen an die angebetete Frau und das gleichzeitige Schlechtreden dieser. So wirft Bernard ihr vor, unbarmherzig und undankbar zu sein. Die, die ihm alles genommen hat, hält ihn hin und gibt ihm keinen Lohn für seine Liebe.

I. sie will mein Wesen ganz verrücken

IV. Ich habe von ihr das schönste Hoffen! Doch wenig nützt es mir,

denn ebenso hält sie mich in Schwanken wie das Schiff auf den Wogen (schwankt).

V. großes Übel lasst Ihr mich erdulden (J’ai le cœur plein de joie)

***

II. denn ich kann nicht anders als die lieben, von

der ich nicht etwas verlangen werde. Mein herz hat sie mir genommen, und mich, und sich selbst und die ganze Welt, und da sie sich mir nahm, ließ sie mir nichts als Sehnsucht und begieriges Herz.

V. Darin läßt meine Fraue sich wohl als Weib erkennen (weshalb ich es ihr vorhalte), weil sie nicht will was man wollen soll, und das tut sie, was man ihr verbietet. Der Unbarmherzigkeit bin ich verfallen

VII. und es ihr nicht gefällt, daß ich sie liebe [...]

Getötet hat sie mich, und mit Tod antworte ich ihr (Quand je vois l’alouette mourir)

Aufgrund seiner Enttäuschung über die dame sans merci verallgemeinert Bernard seine Aussagen. Er weitet seine Liebesklage auf alle Frauen aus, „denn keine sei bereit, sich für ihn und seine Rechte bei der widerspenstigen Angebeteten einzusetzen und sie an ihre Pflicht, dem unglücklichen Sänger ihre Gunst zu erweisen, zu erinnern.“[9] Beispielsweise singt er in Quand je vois l’alouette mourir: „An den Frauen verzweifle ich; nie werde ich ihnen mehr vertrauen.[.] Da ich sehe, daß auch nicht eine bei Der mir helfen will, die mich vernichtet, fürchte ich sie alle und mißtraue ihnen, denn ich weiß wohl, daß sie gleicher Art sind“ (V. 16-20). Auch diese Form der Verallgemeinerung kopiert Guillaume de Lorris nicht von Bernard de Ventadour.

Neben den generellen Unterschieden bei beiden Autoren gibt es auch Aspekte, die Guillaume nur teilweise von Bernard übernommen und verändert hat. Dazu gehört zum Beispiel der Gesang. Bei Bernard geht der Liebesgesang von ihm selbst aus. So sagt er in Ce n ’est merveille si je chante, dass er „besser singe als irgendein anderer Sänger“ (V. 1f.). In J’ai le cœur plein de joie spricht er zudem davon, dass sein „Sang gewinnt“ (V. 4). Dass er aus Enttäuschung das Singen aufgeben möchte, wird dagegen in Le temps s’en va („nimmer werde ich mehr Sänger sein“, V. 14) und in Quand je vois l’alouette mourir („vom Singen lasse ich ab“, V. 38) deutlich. Guillaume de Lorris thematisiert ebenfalls den Gesang, wobei dieser im Rosenroman von den Vögeln - und nicht vom Liebenden selbst - ausgeht: „Liebeslieder und höfische Weisen sangen sie in ihren Gesängen“ (V. 703f.). Dass auch der amant singen soll, empfiehlt ihm Gott Amor:

Hast du eine helle und klare Stimme, dann darfst du keine Entschuldigung suchen, wenn man dich zu singen auffordert, denn schöner Gesang gefällt gar sehr.

(Roman de la rose, V. 2203-2206)

Eine zweite Idee, die Guillaume zum Teil von Bernard übernommen und anschließend modifiziert hat, ist die Darstellung des höfischen Wertesystems. Bei Bernard ist der liebende, dienende Sänger der höfischen Dame untergeordnet. Bei Guillaume dagegen wird das höfische Wertesystem mittels Allegorien dargestellt. Außerhalb des Gartens befinden sich die schlechten Eigenschaften beziehungsweise Laster, mit denen man nicht in den Garten - die höfische Gesellschaft - gelangen kann. Hat man sich die höfischen Tugenden angeeignet, so hat man Zutritt zum Hofstaat und ist der angebeteten Dame näher. Dass es sich bei dem Garten tatsächlich um die höfische Gesellschaft handelt, wird explizit erwähnt. Denn so spricht der Dichter an einer Stelle von „ihrem Hof“ (V. 1034), an einer anderen sagt Gott Amor: „Hoffnung ist höfisch“ (S. 117, Krüger)

Ebenso nachgeahmt und modifiziert hat Guillaume das Prinzip des Körperkontaktes, der Unerreichbarkeit und der räumlichen Distanz. So singt Bernard von einer nie erfüllten Liebe und einer unerreichbaren Dame, die stets abweisend zu ihm ist. Im Lied Ce n ’est merveille si je chante sendet er „den Vers dahin wo sie ist, und es möge sie nicht verdrießen, daß ich so lange fern von ihr geblieben bin“ (V. 38f.). Auch in J’ai le cœur plein de joie spricht er von der lokalen Entfernung zu seiner angebeteten Dame: „denn meine Seele läuft dort hin, aber der Leib ist an anderem Orte, hier, fern von ihr (der Geliebten, oder: von ihm, dem Herzen), in Frankreich“ (V. 17ff.). Guillaume behält die Idee der Unerreichbarkeit zunächst bei, hebt diese jedoch für einen kurzen Augenblick auf. Er will die Rose küssen und nähert sich ihr an. „Spitze und stechende Rosen jedoch“ (V. 1675) halten ihn von diesem Verlangen ab.

aber da waren so viele Stacheln,

Disteln und Dornen, daß es mir nicht gelang, durch das Dornengestrüpp zu kommen, so daß ich die Knospe hätte erreichen können. So mußte ich am Rand der Hecke bleiben, die bis an die Rosenbüsche heranreichte und aus sehr scharfen Dornen bestand. (Roman de la rose, V. 1798-1804)

Schließlich kommt es in Form eines Kusses zum Körperkontakt zwischen dem Liebenden und der Rose, der jedoch nur von kurzer Dauer ist. Denn schnell mischen sich die allegorisierten Tugenden und Gefühlszustände ein, die den weiteren Kontakt verhindern und die räumliche Distanz zwischen den Beiden vergrößern.

Zudem modifiziert Guillaume auch die Idee des Dienens. Bernard, der als unterwürfiger amant seiner angebeteten Dame dienen möchte, erwartet dafür einen Lohn:

VII. [...] um nichts bitte ich Euch, als daß Ihr mich zum

Diener nehmt, denn als einen guten Herrn will ich euch dienen, wie es

mir auch mit dem Lohn ergehe.

[.] Sehet mich hier zu Eurem Befehl [] wenn ich mich euch ergebe!

(Ce n’est merveille si je chante)

***

von der ich so viele Ehre erwarte (J’ai le cœur plein de joie)

***

der so vergeblich gedient hätte [.]

möge mir die Freude geben, welche ich von euch erwarte

(Le temps s’en va)

***

bei meiner Herrin

(Quand je vois l’alouette mourir)

Im Rosenroman möchte der Liebende jedoch nicht der Frau, sondern Amor - und somit der Liebe direkt - dienen. (V. 1919-1925). Auch er denkt, er wird einen Lohn erhalten und ergibt sich dem Liebesgott Amor. Sein Verlangen, die Rose zu küssen, will er als Geschenk erbitten.

Deutlich bei der Analyse der Werke beider Dichter wird auch, dass die amants bei beiden Autoren ihren Gefühlen völlig ausgeliefert sind, sie agieren somit als Marionetten der Liebe. Wie Bernard an den Fäden dieser hängt, wird vor allem im Lied Ce n ’est merveille si je chante ersichtlich: „So zieht mich der Zügel zur Liebe hin. [.] und das Gefängnis, in das sie mich geworfen hat, kein Schlüssel öffnen kann als Gnade und ich von Gnade da nichts finde?“ (V. 4f., 15ff). Ähnlich heißt es in Quand je vois l’alouette mourir: „Nimmer hatte ich Gewalt über mich“ (V. 11). Diese Machtlosigkeit gegen die Liebe stellt Guillaume in Form von fünf guten und fünf schlechten Pfeilen

dar. Der Liebende will die Pfeile, die Amor auf ihn geschossen hat, herausziehen, was ihm aber nicht gelingt.

Da faßte ich den Pfeil mit beiden Händen und begann, fest an ihm zu ziehen und beim Ziehen zu seufzen; und ich zog so sehr, daß ich den gefiederten Schaft an mich brachte.

Aber die mit Widerhaken versehene Spitze, die SCHÖNHEIT genannt war, war so tief in mein Herz getrieben, daß sie nicht herausgezogen werden konnte, sondern darin blieb, ich spüre sie noch dort, und doch kam gar kein Blut heraus.

(Roman de la rose, V. 1710-1720)

Eine letzte Idee, die Guillaume von Bernard übernimmt und nachahmt, ist die Einsicht des Liebenden. Diese kommt in Bernards Liedern vom amant selbst, wenn er in Quand je vois l’alouette mourir singt: „[...] und es ihr nicht gefällt, daß ich sie liebe, werde ich es ihr nie mehr sagen. So scheide ich und lasse von ihr“ (V. 32f.). In Le temps s’en va wird diese Einsicht sogar noch intensiviert:

III. Wohl sollte ich mit gutem Grunde mich selber schelten

IV. Nimmer werde ich ferner Sänger sein,

[.] denn mein Singen hilft mir nicht, noch meine Volten noch meine Weisen; und kein Ding das ich tue, und keinen Tag weiß ich, die mir von Nutzen seien, und keine Besserung sehe ich (Le temps s’en va)

Bei Guillaume de Lorris kommt die Einsicht über die unerfüllte Liebe dagegen nicht vom Liebenden selbst, sondern von außen von der Vernunft, die als Allegorie dargestellt wird.

Besonders auffällig ist die Anzahl der vielen Gemeinsamkeiten beider Dichter. So beschreiben beide die Natur (Bernard in J’ai le cœur plein de joie V. 2-8 und in Ce n ’est merveille si je chante V. 27f.; Guillaume ab V. 1326) und erwähnen verschiedene Vogelarten, zum Beispiel die Lerche (Bernard in Quand je vois l’alouette mourir V. 1; Guillaume V. 651, 901).

Ebenso preisen beide die Vorzüge der Dame an. Ventadour besingt beispielsweise in Ce n’est merveille si je chante ihr „edles, mildes, fröhliches und artiges Wesen“ (V. 35f.). In J’ai le cœur plein de joie singt er von ihrem „schöne[n] Leib mit frischer Farbe“ (V. 30). Und in Le temps s’en va spricht er von ihrem „wohlgestaltete[n], schlanke[n] und gerade[n] Leib“, von ihrem frische[n], farbige[n] Antlitz“ (V. 30f.) und bezeichnet seine Dame als „anmutvolles Wesen“ (V. 34). Auch Guillaume beschreibt seine Dame und preist ihre Vorzüge an (V. 1655-1661).

Zudem thematisieren sowohl Bernard als auch Guillaume das Begehren und Verlangen nach der Frau. Sie beschreiben ihre joie, die sie beim Anblick der Dame empfinden. In Le temps s’en va singt Bernard beispielsweise „denn eine begehre ich und habe begehrt, deren ich nimmer genoss“ (V. 4f.) und „allzeit habe ich Euch begehrt, denn keine andere gefällt mir. [...] andere Liebe will ich nicht“ (V. 32f.). Wenn er sie erblickt, „ist es wohl sichtbar an [s]einen Augen, am Gesicht, an der Farbe, denn so zitter[t er] vor Furcht wie das Blatt vor dem Winde“ (Ce n ’est merveille sie je chante, V. 28f.) Weiterhin singt er in J’ai le cœur plein de joie, dass es ihm so wohl ergeht, „dass ich am Tage, da ich sie sehe, kein Leid haben werde“ (V.16). Auch bei Guillaume nimmt das Begehren der Frau eine zentrale Rolle ein:

Wenn ich schon vorher

voller Verlangen nach der Knospe gewesen war,

so war das Begehren jetzt noch größer;

und als der Schmerz mich noch stärker bedrückte,

wuchs auch der Wunsch immer mehr,

zu dem Röslein zu gehen,

das lieblicher als Veilchen duftete

(Roman de la rose, V. 1750-1756)

Obwohl die sexuellen Anspielungen nur in einer geringen Anzahl vorkommen, sind sie doch bei beiden Dichtern vorhanden. Bernard singt in J’ai le cœur plein de joie davon, wie es wohl ist, wenn er „in tiefer Nacht in ihre Kammer käme“ (V. 27). Bei Guillaume heißt es dagegen: „doch war ihr Samenkorn noch nicht entblößt, das fand ich schön.“ (S. 141, Krüger)

Ein weiterer Aspekt, den Guillaume eins zu eins von Bernard übernommen hat, ist das Vorhandensein von Schmeichlern, die die echte Liebe des amant hervorheben oder verdecken. So beklagt Bernard, dass man die echten amants unter den falschen nur schwer erkennen kann. In Ce n’est merveille si je chante singt er: „wären doch die echten Liebenden unter den falschen kenntlich, und trügen doch die Lügner und Täuscher Hörner vorne auf der Stirn“ (V. 32ff.) und „wenn meine Fraue erkennen ließe wie echt ich sie liebe“ (V. 35f.). Genauso singt er in J’ai le cœur plein de joie: „denn echte Liebe schützt mich vor dem kalten Nord, [.] so lieb ich sie aus echter Liebe“ (V. 7f.). Im Rosenroman wird das Vorhandensein solcher Schmeichler ebenfalls vom amant beklagt:

An ihrem Hof gab es viele Schmeichler, viele Verräter und Neider: das sind jene, die begierig sind, all die zu verachten und zu tadeln, die es eher verdienen, geliebt zu werden.

Um den Leuten zu schmeicheln,

loben die Schmeichler sie von vorn

und seifen die ganze Welt mit ihren Worten ein;

aber ihre Schmeicheleien stechen die Leute

von hinten bis auf den Knochen,

denn das Lob der Guten setzen sie herab

und entehren die Geehrten.

(Roman de la rose, V. 1034-1045)

Es gibt nämlich keinen so klugen,

der in diesem Augenblick nicht vieles vergäße,

es sei denn jemand, der nur aus Falschheit diente;

die falschen Liebhaber, ja die reden voller Schwung,

ganz wie sie wollen, ohne jede Angst;

aber das sind große Schmeichler:

sie sagen das eine und denken das andere,

diese treulosen und mörderischen Verräter.

(Ebd., V.2403-2410)

Außerdem geht es bei beiden Dichtern darum, Schaden zuzufügen. Bei Bernard geht diese Schadensabsicht von der angebeteten Dame aus (Le temps s’en va, V. 6-9), bei Guillaume dagegen von „reiche[n] Leute[n]“ (V. 1021-1026) und von Gott Amor (V. 1876).

Dieser Schaden ist bei Lorris und Ventdadour eng mit dem Leid, dem Schmerz, der Klage und der Hoffnung des amant verbunden. In einer ständigen Spannung zwischen Euphorie und Disphorie reden sie vom Leben und vom Tod. Ihre Stimmungsschwankungen reichen von „himmelhoch jauchzend“ bis „zu Tode betrübt“.[10] Für sie ist die Liebe die absolute Bedingung zum Leben. Ohne diese wären sie lieber tot. Aufgrund der so umfangreichen detaillierten Beschreibungen der Stimmungsschwankungen kann an dieser Stelle nicht auf alle Ausführungen eingegangen werden. Dennoch sollen ein paar Beispiele angeführt werden:

III. [...] Aus dem Herzen seufze ich und aus den Augen weine ich, denn

so sehr lieb ich sie, dass mir Leid daraus erwächst.

IV.diese Minne trifft mich so schön ins Herz mit süßer Lust: hundertmal am Tag sterbe ich vor Schmerz und hundertmal lebe ich vor Freude wieder auf. wohl ist mein leid von schöner Art, denn mehr gilt mein Leid als eines andern Freude;

(Ce n’est merveille si je chante)

***

VII. [... Getötet hat sie mich, und mit Tod antworte ich ihr; und da sie mich nicht hält, gehe ich davon, elend, in die Verbannung, ich weiß nicht wohin

(Quand je vois l’alouette mourir)

***

Es ist so, daß Liebende

bald Freude und bald Qual haben ;

die Liebenden empfinden das Liebesleid

als süß in der einen Stunde, in der anderen als bitter;

Liebesleid ist sehr unbeständig:

Einmal ist der Liebende vergnügt, dann beunruhigt, dann wieder klagt er, bald weint er und bald singt er.

(Roman de la rose., V. 2180-2187)

Ein letzter Aspekt, den Guillaume von Bernard exakt übernommen hat, ist die Tatsache, dass der amant immer der Schwache ist, den man bemitleiden sollte und der sich Gnade von seiner dame erhofft. So singt Bernard in Ce n’est merveille si je chante: „und an einem Manne, der so besiegt ist, mag eine Frau wohl große Barmherzigkeit üben“ (V. 31f.). In J’ai le cœur plein de joie heißt es: „euer Liebender stirbt dahin, [.] nach Eurer Liebe falte ich die Hände und bete“ (V. 28ff.). Dass „sie Mitleid darob haben“ (V. 23f.) wird, besingt Bernard in Le temps s’en va. Und in Quand je vois l’alouette mourir fragt er, ob „sie mich armen sehnsuchtsvollen, der nimmer ohne sie Gutes haben wird, sterben lassen mag, indem sie mir nicht hilft?“ (V. 26ff.). Auch Guillaume ist als Liebender der Schwache, denn er fühlt sich „schwach und kraftlos wie ein Verwundeter“ (V. 1794). Er fällt sogar in Ohnmacht (V.1830) und meint nach seiner Genesung, dass Frauen Mitleid mit den Liebenden haben müssen (V. 1532ff.).

Schließlich gibt es noch einen einzigen Aspekt, der in Guillaumes Rosenroman neu ist. Bernard thematisiert in seinen Liedern ausschließlich die räumliche Entfernung zwischen Mann und Frau. Doch Guillaume fügt noch eine Zwischenebene ein, die durch Amor, die Pfeile sowie durch die allegorisierten Gefühle und Tugenden dargestellt wird. Somit wird die Frau von mehreren Seiten beschützt (weil sie einem anderen Mann gehört?).

[...]


[1] Bertau, Karl und Glauch, Sonja: Schrift - Macht - Heiligkeit in den Literaturen des jüdisch-christlich­muslimischen Mittelalters, Berlin 2005, S. 320.

[2] Vgl. Bec, Pierre: „Les troubadours et la genèse de la lyrique européenne“ , in: Les troubadours et l’État toulousain avant la Croisade, Toulouse 1994, S.15-27 in Verbindung mit Rieger, Angelica: „Ringvorlesung: ,Liebesdichtung von der Antike bis zum Barock. Trobador- und Trouvèrelyrik“, Internetquelle [Stand 12.11.2010]. Anmerkung : Die genauen Angaben der Internetquellen befinden sich im Literaturverzeichnis.

[3] Rieger, Angelica (2007): „Vorlesung: ‘Introduction à l’histoire de la littérature française’“, Internetquelle [Stand 12.11.2010].

[4] Guillaume de Lorris: Der Rosenroman. Übersetzt und eingeleitet von Karl A. Ott, München 1976.

[5] Bernart von Ventadorn: Seine Lieder. Mit Einleitung und Glossar, hg. von Carl Appel, Halle a.d. Saale 1915.

[6] Die in dieser Seminararbeit verwendeten Zitate aus dem Rosenroman sind folgender Quelle entnommen: Guillaume de Lorris: Der Rosenroman. Übersetzt und eingeleitet von Karl A. Ott, München 1976. Einige wenige sind auch aus der Fassung von Krüger, diese Zitate sind mit „Krüger“ markiert (Guillaume de Lorris: Der Rosenroman. Ins Deutsche übertragen mit einer Einleitung von Manfred Krüger, Stuttgart 1985). Die vier Gedichte von Bernard de Ventadour sind aus: Bernart von Ventadorn: Seine Lieder. Mit Einleitung und Glossar, hg. von Carl Appel, Halle a.d. Saale 1915. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden hinter den Textbelegen ausschließlich die Verszeilen oder Strophenanzahlen angegeben. Auf die Nennung der Quelle wird, da sie an dieser Stelle erwähnt wurde, verzichtet.

[7] Vgl. Rothmund, Steffi (2003): „Der Frauendienst in Hartmanns von Aue Minneliedern“, Internetquelle [Stand: 1.12.2010].

[8] Vgl. Köhler, Erich: Vorlesungen zur Geschichte der Französischen Literatur, Freiburg 2006, S. 10.

[9] Rieger, Angelica (2007): „Vorlesung ‘Introduction à l’histoire de la littérature française’“, Internetquelle [Stand 12.11.2010].

[10] Rieger, Angelica (2007): „Vorlesung ‘Introduction à l’histoire de la littérature française’“, Internetquelle [Stand 12.11.2010].

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Troubadour- und Trouvèrelyrik
Untertitel
Liebeskonzepte und Darstellungsformen bei Bernard de Ventadour und Guillaume de Lorris
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
"‚Amour‘ und ‚jouissance‘. Liebeskonzepte im 12. und 13. Jahrhundert“
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V165676
ISBN (eBook)
9783640816279
ISBN (Buch)
9783640822300
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Troubadour, Troubador, Trouvère, Lyrik, Guillaume de Lorris, Bernard de Ventadour, Roman de la rose, Rosenroman, Ce n'est merveille si je chante, Le temps s'en va, Quand je vous l'alouette mourir, J'ai le coeur plein de joie, Liebeskonzepte, Darstellungsformen, fin'amour, amour courtois, Minnesang, höfischer Roman, langue d'oc, langue d'oil, nachahmen, kopieren, Nachahmer, nachmachen, Gestaltungsmittel, Vergleich, Gesang, Liebe, Ovid, Narziss, Naziß, höfische Gesellschaft, Bote, Analyse, Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Vorwürfe an Frau, Schlechtreden, Körperkontakt, amant, dienen, Verlangen, Begehren, Schmeichler, Leben, Tod, Allegorie, Symbol, Intertextualität, Bibel, Cicero, Prudentius, Personifizierung psychischer Zustände, Metasprache, Vergil, Chrétien de Troyes, Ritterbezug, historischer Bezug, Antike, Alanus, Origenes, profan, Erzählperspektive, Gott
Arbeit zitieren
Mandy Mittelbach (Autor), 2010, Troubadour- und Trouvèrelyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165676

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