Erving Goffman - Theatermodell und totale Institutionen

Im Vergleich zu Michel Foucault - Macht und Gefängnisse


Hausarbeit, 2009

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theoretische Grundannahmen Erving Goffmans
1.1 Soziologie der Interaktionsordnung
1.2 Die soziale Welt als Theatermodell

2. Totale Institutionen nach Goffman
2.1 Definition
2.2 Merkmale

3. Auszuge aus dem Werk Michel Foucaults
3.1 Produktive Macht
3.2 Bentham'sches Panoptikum

4. Foucaults Gefangnisse im Vergleich zu totalen Institutionen nach Goffman

Schluss

Einleitung

„Einerflog uber das Kuckucksnest" (engl.: One Flew Over The Cuckoo's Nest), frei ubersetzt: „Einerwurde verruckt", ist ein US-amerikanisches Filmdrama aus dem Jahr 1975 und wurde vielfach auf Theaterbuhnen in ganz Deutschland aufgefuhrt.

In dem Stuck geht um den Kleinkriminellen McMurphy, der sich verruckt stellt und in eine psychiatrische Anstalt einliefern lasst, um einer Gefangnisstrafe zu entgehen.

Das, was er dort unter der Herrschaft der machtbesessenen Oberschwester vorfindet, ist schockierend. Die Insassen werden mit Medikamenten und Elektroschocks ruhig gestellt, jederfreie Gedanke ist strengstens untersagt. McMurphy, der sich der Anstaltsroutine nicht anpassen will, rebelliert gegen das System. Durch sein Verhalten findet er schnell Freunde und plant einen Fluchtversuch. Dieser geht schief und McMurphy wird als Strafe einer Gehirnoperation unterzogen, nach der er nicht mehr im Stande ist, klarzu denken. Nun ist er tatsachlich verruckt. Am Ende wird er von einem anderen Insassen umgebracht.

Dieser kurze Ausflug in die Welt des Theaters und des Films soll auf einen soziologischen Theoretiker hinfuhren, der bekannt ist fur seine Theatermetapher. Erving Goffman, der die Annahme vertrat, dassjeder Einzelne versucht, das Bild, das andere von ihm haben, zu beeinflussen. Wie auch McMurphy in dem Schauspiel versucht, andere glauben zu lassen, er sei verruckt. Goffman beschaftigte sich jedoch nicht nur mit dem Theater als Modell fur die soziale Welt. Ebenso analysierte er Institutionen, wie die, in die auch McMurphy geraten war. Psychiatrische Anstalten und auch Gefangnisse zahlen bei ihm zu den sogenannten totalen Institutionen.

Zu Beginn meiner Arbeit stelle ich Goffmans Grundannahmen vor. Dann komme ich zu den totalen Institutionen, definiere sich und zeige einige Merkmale auf. Zum Schluss werde ich einen Theoretikervergleichend hinzuziehen, dersich mit totalen Institutionen in ihrer extremsten Form beschaftigt hat. Michel Foucault, Philosoph und Historiker, interessierte sich besonders fur Machtverhaltnisse in der modernen Gesellschaft. Diese Macht hat ihre hochste Konzentration in einem architektonischen Konzept von Jeremy Bentham erreicht, das hier auch vorgestellt wird. Ein perfektes Gefangnis, das bereits den Gedanken an eine Flucht unmoglich werden lasst: das Panoptikum.

1. Theoretische Grundannahmen Erving Goffmans

Erving Goffman wurde am11. Juni 1922 in Manville, Kanada, geboren. Er begann zunachst ein Studium der Chemie, kam dann aber uber einen Job in der Filmbranche zur Gesellschaftswissenschaft. In Toronto und Chicago studierte er Soziologie und wahrend eines Aufenthalts in Edinburgh, Groftbritannien, fuhrte er Feldforschungen aufden Shetland-Inseln durch. „Ihm ging es (...) darum, in der Fremde das deutlicherzu sehen, was es auch zuhause und uberhaupt unter Menschen gibt: Einzelne, die sich nach bestimmten Mustern, an bestimmten Orten, im gegenwartigen oder angenommenen Ensemble darstellen" (Goffman 2008, S.VII). Die Ergebnisse dieser Studie bildeten die Grundlage fur seine Dissertation und flossen spater in sein wohl bekanntestes Werk ,,The Presentation of Self in Every-day Life" (1956; deutsch: ,,Wir alle spielen Theater") ein. Schlieftlich verbrachte er einige Jahre in Maryland, Washington und spater in Berkeley, Kalifornien, wo er eine Stelle als Professor annahm. 1968 siedelte er ein letztes Mal an die Ostkuste, nach Philadelphia, Pennsylvania, uber. Erwurdezum Prasidenten der American Sociological Association gewahlt, verstarb aber noch bevor er seine Antrittsrede halten konnte am 19. November 1982 (vgl. Brock u.a. 2009, S.109).

Zu Lebzeiten schrieb Goffman noch viele weitere Werke, die alle zahlreich in die verschiedensten Sprachen ubersetztwurden. Die bekanntesten Schriften sind, neben der oben bereits genannten ,,Asylums. Essays on the social situation of mental patients and other inmates" (1961; deutsch: ,,Asyle. Uber die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen") und ,,Stigma. Notes on the management ofspoiled identity" (1963; deutsch: ,,Stigma. Uber Techniken der Bewaltigung beschadigter Identitat").

Goffman gehorte der theoretischen Ausrichtung des Interpretativen Paradigmas an, dem es hauptsachlich um die Frage nach der ,,aktive(n) Herstellung sozialer Ordnung" (Brock u.a., 2009, S.15) ging. Das soziologische Forschungsinteresse Goffmans reichte von Interaktionen in Alltagssituationen bis hin zurStigmatisierung, derAbwertung und Ausgrenzung von Menschen, die auffallige Merkmale besitzen. Ein weiteres Themengebiet, dem er sich gewidmet hat, sind totale Institutionen.

Beginnen werde ich meinen Aufsatz mit der Soziologie der Interaktionsordnung, die die Grundlage fur das Theatermodell bildet.

1.1 Soziologie der Interaktionsordnung

In dem Buch „Wir alle spielen Theater" definiert Goffman schon zu Beginn Interaktion als „wechselseitige(n) Einfluft von Individuen untereinander auf ihre Handlungen wahrend ihrer unmittelbaren physischen Anwesenheit" (Goffman 2008, S.18). Gemeint ist demzufolge die Face-to-face-Situation, eine soziale Situation, in der sich Menschen begegnen, wahrnehmen und aufeinander reagieren.

Es werden zwei Arten von Interaktionen unterschieden. Bei einer nicht-zentrierten Interaktion kommen Akteure zusammen und nehmen einanderwahr, dabei modifizieren sie ihr eigenes Verhalten, weil sie um die Wahrnehmung durch die jeweils anderen wissen (vgl. Brock u.a. 2008, S.112). Dieser Fall tritt beispielsweise auf, wenn vier Personen gemeinsam an einer Haltestelle aufden Bus warten. Hingegen handeln bei derzentrierten Interaktion die Akteure nicht nur aufeinander bezogen, sondern miteinander (ebd.). Sie kooperieren, indem sie zum Beispiel ein Gesprach miteinander fuhren oder gemeinsam ein Spiel spielen.

In Interaktionen, unabhangig davon, ob sie zentriert oder nicht-zentriert sind, versucht man nach Goffman, ein bestimmtes Bild von sich zu vermitteln, da man weift, dass man beobachtetwird. Also spielen Menschen immer Theater und schaffen sich damit eine Fassade, ein Katalog mit den verschiedensten Ausdrucksmoglichkeiten, Buhnenbildern und Requisiten (vgl. Brock u.a. 2009, S.108). Der Kellner in einem Restaurantwird genau wie ein Kellner behandelt, es gibt eine vorgefertigte Fassade fur diese bestimmte Rolle. Den Rollenbegriffversteht Goffman als ,,vorherbestimmte(s) Handlungsmuster, das sich wahrend einer Darstellung entfaltet und auch bei anderen Gelegenheiten vorgefuhrt (...) werden kann" (Goffman 2008, S.18).

Grundlage der Interaktionsordnung sind Personen, die sich innerhalb dieser Ordnung bewegen und sich begegnen konnen. Damit treten sie auch als Ensemble auf. Neben diesen Elementen gibt es noch Rituale, die Ablaufe innerhalb der Interaktionen strukturieren und Buhnenformate, die die unterschiedlichen Situationsarten darstellen (vgl. Brock u.a. 2008, S.108).

Als Modell fur die soziale Welt benutzt Erving Goffman das Theater. Er vergleicht Interaktion mit einem Rollenspiel aufder Buhne, daher ist auch von dem ,,dramaturgischen Ansatz" die Rede.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Erving Goffman - Theatermodell und totale Institutionen
Untertitel
Im Vergleich zu Michel Foucault - Macht und Gefängnisse
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Soziologie)
Veranstaltung
Neuere Theorien
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V165764
ISBN (eBook)
9783640815623
ISBN (Buch)
9783640815289
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goffman, Institutionen, Foucault, Panoptikum, Gefängnisse
Arbeit zitieren
Franziska Timmler (Autor), 2009, Erving Goffman - Theatermodell und totale Institutionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165764

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