Lessing und Diderot

Theatertheorien und ihre praktische Umsetzung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

32 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Lessing im kulturellen Kontext

1. Neue Gattungen bei Lessing und Diderot
1.1. Das bürgerliche Trauerspiel
1.2. Das genre sérieux
1.3. Das Bürgerliche

2. Neue Prämissen
2.1. Psychologische Kausalität
2.2. Wahrscheinlichkeit - das Werk als Ganzes
2.3. Erregung der Leidenschaften: das Mitleid
2.4. Das Erhabene
2.5. Lessings Geniebegriff
2.6. Theater als moralische Erziehung

3. Kritik an Gottsched und dem französischen Klassizismus
3.1. Der 17. Literaturbrief
3.2. Das englische Gegenbeispiel
3.3. Kritikpunkte am Klassizismus

4. Dichter und Dramaturg: die Umsetzung der Theorie in die Praxis
4.1. Prosa anstatt Verse
4.2. Natürlichkeit durch motivierte Zeichen
4.3. Gestik und Mimik
4.4. Interpunktion
4.5. Emotionale Selbstinduktion
4.6. Diderots tableau
4.7. Mouvement, Akzent, Ton
4.8. Die Rückkehr zum Vers im Nathan

Schluss

Bibliographie

Einleitung: Lessing im kulturellen Kontext

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ist einer der ersten freien Schriftsteller der deutschen Geschichte und verkörpert als „poeta doctus“ ein Ideal des 18. Jahrhunderts.[1] Sein Wirken als Kritiker und Schriftsteller hat die Entwicklung des deutschen Theaters weit über seine Zeit hinaus mitbestimmt.

Aus katholischem Elternhause stammend, wird sein frühes Interesse für das Theater von den Eltern kritisiert, da die Theaterwelt als „unseriös“ gilt.[2] Das Theater hat in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts kein Prestige, es besteht aus Wanderbühnen, die improvisierte Stücke aufführen.

Lessings Ziel wird es, dem Theater zum Aufschwung zu verhelfen. Dieses Ziel verfolgt er sowohl als Kritiker als auch als Schriftsteller.

Lessing wird mit dem Theaterstreit zwischen Leipzig und Zürich konfrontiert, der an den 1748 erschienenen Messias-Gesängen von Klopstock entbrannt war. Auf der Leipziger Seite vertritt Gottsched die Ansicht, die Poesie entstehe durch die Einbildungskraft, sei aber der Vernunft untergeordnet.[3] Die Schweizer um Bodmer meinen, die Poesie sei von der Vernunft unabhängig, denn Vernunft und Philosophie sein abstrakt, während die Poesie bildlich und sinnlich sei wie die Malerei.[4] Lessing versucht in dieser Auseinandersetzung neutral zu bleiben, aber auch er ist in dieser Fragestellung gefangen: Steht die Poesie der Vernunft gegenüber oder schließt sie sie mit ein?[5]

Lessing formuliert schon in jungen Jahren die Forderung nach einem Theater, welches deutsche Stücke aufführt und lebensnäher ist, mit bürgerlichen Themen, für alle Stände.[6]

Seine berufliche Tätigkeit beginnt mit einzelnen Publikationen von Kritiken in Zeitungen, später bringt er eigene gesammelte Schriften heraus. In Berlin veröffentlicht er die Briefe die neueste Literatur betreffend, sie enthalten Theaterkritiken und stellen ein Gemeinschaftsprojekt mit Nicolai und Mendelssohn dar.

Dann geht Lessing nach Hamburg, wo er am 1765 entstandenen ersten Nationaltheater Deutschlands als Hauskritiker agiert. Er veröffentlicht wöchentlich Besprechungen der aufgeführten Stücke, die er 1769, als das Nationaltheater schon wieder gescheitert ist, gesammelt unter dem Titel Hamburgische Dramaturgie herausgibt.[7]

1760 widmet sich Lessing der Übersetzung mehrerer Schriften Diderots (Le fils naturel erscheint in Frankreich 1757, Le père de famille 1758, beide anonym). Bei der Übersetzung der Stücke und der theoretischen Schrift Entretiens sur Le fils naturel zeigen sich viele Parallelen zwischen beiden Autoren, die gleichermaßen vom französischen Klassizismus mit Autoren wie Racine oder Corneille Abstand nehmen.

1. Neue Gattungen bei Lessing und Diderot

Der Umstand, einen Franzosen gefunden zu haben, der gegen die eigenen Landsleute kritisch vorgeht, bestärkt Lessings eigene Vorhaben. Er beschäftigt sich intensiv mit Diderot und schätzt dessen philosophischen Hintergrund. Lessing nimmt auch politisch für seinen französischen Kollegen Stellung, als dieser inhaftiert wird.[8]

1.1. Das bürgerliche Trauerspiel

Die Herausbildung neuer Gattungen ist bereits angestoßen, als Lessing zur Etablierung des bürgerlichen Trauerspiels beiträgt. Er definiert es als Gattung zwischen antiker Tragödie und Komödie.

Schon 1755 gibt es eine erste Abhandlung zum Trauerspiel von Johann Gottlob Benjamin Pfeil. Das Neue dieser Gattung sind ihre bürgerlichen Figuren und die neuen Themen aus dem privaten Bereich. Zudem fordert Pfeil die Prosa als Sprache des neuen Theaters.[9] Ziel des bürgerlichen Trauerspiels ist die „Affektive Wirkung durch Identifikation“.[10] Liebe zur Tugend und Abscheu vor dem Laster sollen entwickelt werden: „‘Wir sehen, daß uns oft nur noch einige wenige Schritt fehlen, um ebender Bösewicht zu sein, der uns auf dem Theater vorgestellt wird. Wir können nicht anders, wir müssen anfangen, wegen unserer eigenen Person zu zittern.‘“[11] Zur Bedeutung von Furcht und Mitleid entwickelt Lessing abweichende eigene Thesen.

Die Konzentration auf private Konflikte hat auch das Ziel, die Identifikation des Zuschauers mit den Figuren zu fördern, da der Zuschauer das Los konkreter Personen leichter nachzuempfinden in der Lage ist als große Verwicklungen: „unsere Sympathie erfordert einen einzeln Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff für unsere Empfindungen.“[12]

Menschen aller Stände werden im bürgerlichen Trauerspiel gezeigt und allen sollen die gleichen Leidenschaften zuerkannt werden. Das Leid einer Bäuerin sei genauso stark wie das einer Fürstin, so Diderot in der zweiten Unterredung über den Natürlichen Sohn: „Glauben Sie, daß sich eine Frau von anderm Stande würde pathetischer ausgedrückt haben? Nein. Einerlei Umstände würden ihr einerlei Rede einflößen.“[13]

1755 schreibt Lessing Miss Sara Sampson innerhalb weniger Wochen, um es als Beispiel dafür anzuführen, dass das bürgerliche Trauerspiel nicht ins Weinerliche abgleiten muss.[14]

Neben dem bürgerlichen Trauerspiel entwickelt sich auch das rührende Lustspiel, welches zuerst in England und vor allem in Frankreich von Autoren wie Detouches, de Graffiny und Marivaux vertreten wird.[15] Sein Ziel ist die Rührung. Anders als in der antiken Komödie soll das Laster nicht mehr lächerlich gemacht werden. Laut Lessing sollen sich das Ernste und das Lächerliche in der Komödie, im Lustspiel verbinden.[16]

1.2. Das genre sérieux

Auf französischer Seite nennt Diderot seine neue Dramenform das genre sérieux. Er siedelt es, wie Lessing das Trauerspiel, zwischen Komödie und Tragödie an . [17] Die allgemeinen Forderungen an die neue Gattung formuliert Diderot in seinen Entretiens sur le Fils naturel, die Lessing 1760 übersetzt:

„Machen Sie Lustspiele in der ernsthaften Gattung. Machen Sie bürgerliche Tragödien, und sein Sie versichert, daß es einen Beifall und eine Ewigkeit gibt, die Ihnen vorbehalten sind. Vor allen Dingen geben Sie sich mit den Theaterstreichen nicht ab. Suchen Sie Gemälde. Nähern Sie sich dem wirklichen Leben, und wählen Sie gleich anfangs ein Feld, wo sich die Pantomime in ihrem ganzen Umfange zeigen kann.“[18]

Diderot sieht Genre-Grenzen generell nicht streng. „Drame“ bezeichnet bei ihm zudem keine Gattung, sondern die Handlung des Stücks und eine „comédie“ kann sowohl ernst als auch lustig sein.[19] Das genre sérieux soll weder lächerlich noch tragisch sein. Es kann alle Inhalte aufnehmen, da es das allgemein Menschliche darzustellen bestrebt ist.[20]

Diderot bezeichnet das genre sérieux als das einfachste Genre für einen Dichter, da es ihm viele Freiheiten gibt; es lässt Einflüsse verschiedener anderer Gattungen zu und ist zeitlos.[21]

Eine Regel der neuen Gattung ist die Illusion: Der Zuschauer muss gefesselt werden durch die Darstellung einer Welt, die der seinen ähnlich ist.[22] Aus der Kohärenz dieser Welt folgt die Wahrscheinlichkeit, die Naturwahrheit dient als Grundprinzip.[23] Die Einheit der Handlung soll gewahrt werden. Damit spricht sich Diderot gegen die Häufung und Aneinanderreihung von Einfällen aus und geht darin mit Lessing konform, der genau diese Überfülle bei den klassizistischen französischen Autoren kritisiert.

Die Inhalte des genre sérieux sind häuslich, der Alltagswelt entnommen. Alle Stände werden dargestellt, ihre privaten Konflikte und ihre Stellung in der Gesellschaft.

Lessings Definition ist diesen Maßgaben sehr ähnlich, sie hat die gleichen Kennzeichen: „Das aufstrebende Bürgertum schaffe sich eine Gattung, die die eigenen Interessen spiegele, die vornehmsten Kennzeichen seien Realismus und die Vermeidung des wahrhaft Tragischen; Versöhnung, milde Rührung, Empfindsamkeit seien angesagt.“[24]

Besonders wichtig für Diderot ist es, die Figuren in ihrem sozialen Kontext zu zeigen, sei es Familie, Kollegen oder Stand. Diderot geht vom Prinzip der „disconvenance“ aus, nach dem Charakter und sozialer Stand einander oft nicht entsprechen, worin sich die Konflikte begründen.[25] Für ihn macht nur dieses „théâtre de relations“ Sinn.[26] Er fordert die Darstellung von Ständen anstatt von Charakteren, denn der Mensch definiere sich durch sein Verhältnis zur Umwelt, „die Pflichten, die Vorteile, die Unbequemlichkeiten.“[27] Lessing folgt Diderot in dieser Forderung nicht. Vielleicht liegt die Divergenz aber auch in der Übersetzung begründet, da Lessing mit ‚Stand‘ übersetzt, was bei Diderot ‚condition‘ ist. Der französische Begriff weckt weniger gesellschaftlich hierarchische Vorstellungen, sondern lässt sich eher im Sinne von ‚Funktion‘ verstehen.

Die bekanntesten Beispiele des genre sérieux bei Diderot sind Le fils naturel und Le père de famille, von Lessing 1760 als Der natürliche Sohn und Der Hausvater übersetzt. Es liegen jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits Übersetzungen ins Deutsche vor.[28] Auf der deutschen Bühne werden Diderots Stücke oft gemeinsam mit denen Lessings aufgeführt, was zeigt, in welche enger Verbindung beide Autoren gesehen wurden.

1.3. Das Bürgerliche

Das Gemeinsame des bürgerlichen Trauerspiels und des genre sérieux ist die Darstellung der bürgerlichen Welt. Dabei ist ‚bürgerlich’ nicht als Stand zu verstehen, sonders als allgemeines menschliches Prinzip. Wieland versteht unter dem Bürgerlichen das Unpolitische, Unheroische.[29] Während die antike Tragödie nur einen Stand darstellte, erfasst das bürgerliche Trauerspiel das gesamte Menschengeschlecht und beansprucht eine große Allgemeingültigkeit.[30]

Wenn in Lessings Dramen adelige Personen auftreten, sind sie dennoch vom neuen bürgerlichen „Ethos“ bestimmt.[31]

An Diderot schätzt Lessing eben dieses Allgemeingültige. Den Erfolg von Diderots Stücken auf deutschen Bühnen begründet er so: „Denn der „Hausvater“ war weder französisch noch deutsch: er war bloß menschlich.“[32]

Das neue Theater muss wegen der neuen Themen mit einem großen Vorwurf umgehen. Man befürchtet, dass es ins Banale, Langweilige abgleiten werde, da es sich so stark an der Alltagswelt orientiere.[33] Aber Diderot will das Erschütternde gerade in den Brüchen im Alltag finden.

2. Neue Prämissen

Sowohl Lessing als auch Diderot geht es darum, das Theater auf Basis der antiken Vorbilder zu erneuern. Die alten Formen sollen den neuen bürgerlichen Inhalten angepasst werden.[34]

2.1. Psychologische Kausalität

Das Prinzip der psychologischen Kausalität ist eng mit dem der Wahrscheinlichkeit verbunden. Leidenschaften werden wahrscheinlich, wenn sie fühlbar werden, und fühlbar werden sie, wenn sie aus psychologischer Motivation erschließbar sind. „Die Handlung muss als Funktion der Affekte erscheinen.“[35], d.h. die Leidenschaften sollen die Handlungen bestimmen und dazu braucht es psychologisch wahrscheinliche Charaktere. Leidenschaften gehen mit Bedürfnissen einher, sie sind somit unvermeidlich. Die Unausweichlichkeit der Konflikte fördert die Identifikation des Zuschauers.

[...]


[1] Fick, M.: Lessing-Handbuch, Leben – Wirkung – Werk, J.B. Metzler, Stuttgart, 2000, S.9.

[2] Eibl, K.: Gotthold Ephraim Lessing, Miss Sara Sampson, Ein bürgerliches Trauerspiel, Athenäum Verlag, Frankfurt/Main, 1971, S.135.

[3] Vgl. Fick, S.90.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd. S.91.

[6] Vgl. ebd, S.12.

[7] Vgl ebd., S.279.

[8] Vgl. ebd., S.201.

[9] Vgl ebd., S.136.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Bohnen, K. (Hg.): Lessing, Werke 1767-1769, Band 6, in: Barner, W. et al. (Hg.): Gotthold Ephraim Lessing. Werke und Briefe, Deutsche Klassiker Verlag, Frankfurt/Main, 1997, S.251.

[13] Stellmacher, W. (Hg.): Das Theater des Herrn Diderot, herausgegeben und übersetzt von Gotthold Ephraim Lessing, Reclam, Leipzig, 1981, S.114.

[14] Vgl. Eibl, S.137.

[15] Vgl. Fick, S.98.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd., S.203.

[18] Stellmacher, S.154.

[19] Versini, L. (Hg.): Diderot, oeuvres, Tome IV, Esthétique, Théâtre, Éditions Robert Laffont, Paris, 1996, S.1066.

[20] Vgl. Stellmacher, S.143.

[21] Vgl. Ebd, S.145.

[22] Vgl. Fick, S.203f.

[23] Vgl. ebd, S.204.

[24] Ebd.

[25] Vgl. Versini, S.1069.

[26] Ebd., S.1070.

[27] Stellmacher, S.158.

[28] Vgl. Fick, S.209.

[29] Vgl. ebd., S.137.

[30] Vgl. ebd., S.136.

[31] Eibl, S.139.

[32] Stellmacher, S.31.

[33] Vgl. Fick, S.204.

[34] Vgl. ebd., S.98.

[35] Ebd., S.287.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Lessing und Diderot
Untertitel
Theatertheorien und ihre praktische Umsetzung
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Metrik: Theorie. Geschichte. Anwendung
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
32
Katalognummer
V166209
ISBN (eBook)
9783640818686
ISBN (Buch)
9783640821884
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lessing, diderot, theatertheorien, umsetzung
Arbeit zitieren
Sophie Forkel (Autor), 2008, Lessing und Diderot , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166209

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